Die Winterburg

Prolog:

Unsere Helden waren in das verwüstete Andor zurückgekehrt und beschlossen die Verfolgung der Krahder aufzunehmen. Sie wollten die verschleppten Andori nicht der Folter der Sklaverei überlassen. Ihr Weg führte durch das graue Gebirge. Früher ein Ort, an dem Zwergenfürsten, Riesen und Drachen lebten und in späterer Zeit Kriege gegeneinander führten. Ein geschichtsträchtiges Niemandsland, über das wenig bekannt und über das selbst im Baum der Lieder kaum etwas zu finden ist. Die Geschichte der Winterburg allerdings wird dort aufbewahrt, und auch wenn keiner unserer Helden sie je las, so sollt ihr sie nun hören…

Einst, als es noch große Zwergenreiche im Grauen Gebirge gab, bauten diese nicht nur unterirdische Tunnel und Hallen. Hier und da schlugen sie überirdische Türme und Festungen aus dem Fels. Dabei waren sie stets bemüht im Einklang mit den natürlichen Felsformationen zu sein, wie zu Stein gewordene Echos der Natur. Mächtige Statuen von Drachen und Zwergen erschufen sie, die noch immer wie stumme Wächter aus dem Nebel ragen.

Die schönste und größte Festung war die Burg Karulzar. Erbaut auf einem so hohen Grat, dass sie häufig noch lange in den Sommer hinein Schneehauben auf ihren Türmchen trug. So wurde sie allen bald als die Winterburg bekannt.

In ihrer langen Geschichte hatte sie viele Besitzer. Zuerst waren da natürlich die Zwerge. Doch in den Kriegen gegen die Drachen und Riesen verließen sie ihre überirdischen Festungen und zogen sich in die unterirdischen Hallen zurück.

Drachen ließen sich bald darauf in den geräumigen Türmen und Sälen nieder. Jedoch nur für kurze Zeit, denn die Riesen hatten ein Auge auf die Festung geworfen. Sie war schön und stark. Die Riesen wussten um die Kunstfertigkeit der Zwerge und die Qualität ihrer Erzeugnisse zu schätzen, obgleich sie die Zwerge selbst verbascheuten.

Aber der eigentliche Grund für ihr Interesse an der Winterburg war, dass sie zu nah an den Grenzen ihres eigenen Landes war, als das man sie einem Feind wie den Drachen überlassen wollte. Die Drachen jener Zeit waren weise und mächtig und den Riesen weit überlegen. Ein gefährlicher Nachbar.

Doch gab es einen unter den Riesen, den selbst die Drachen fürchteten, denn er war ein Hexer. Nomion nannte er sich. Er war der erste Riese, der die Hexerei erforschte und ihre Macht über andere entdeckte. Seine Fähigkeiten nahmen rasch zu und bald schon konnte er Tränke für die Riesenkrieger brauen, die ihren Willen stärkten. Er entwickelte die Gabe, anderen Wesen seinen Willen aufzuzwingen und sie zu beherrschen. Und als es ihm gelang die toten Gebeine gefallener Riesen wieder auferstehen zu lassen, hatte seine Hexerei das Leben seines Volkes völlig verändert. Sie nannten sich fortan die Krahder, die Unsterblichen. Dies war natürlich Unsinn, denn sie starben wie alle anderen Wesen auch, wenn ihre Zeit gekommen war. Und das was die Toten wiederauferstehen ließ war die Macht Nomions. Und doch war es die Hexerei, die sie von anderen Riesen unterschied und sie zu Krahdern machte.

Und Nomion gab sein Wissen weiter und seine Schüler errichteten Tempel und pflanzten den Schwarzen Baum um die böse Hexerei zu nähren und allgegenwärtig zu machen, wie die Luft zum Atmen.

Nomion aber strebte nach mehr. Er suchte sich im Gauen Gebirge einen verlassenen Turm der Zwerge und hielt lange Ausschau nach dem wohl mächtigsten Wesen der ganzen südlichen Welt. Und als er es fand versklavte er dessen Geist und machte es sich zum Untertan.

Bald schon ließ er es die Winterburg angreifen. Viele junge Drachen fanden den Tod bei dieser schrecklichen Attacke und die stolze Feste von einst barst unter den Schlägen des unglaublichen Wesens.

Doch fand an diesem Tag auch Nomion sein Ende. Der stärkste und gerissenste aller Drachen, Tarok, fand den Hexer, der unweit des Geschehens im Verborgenen seine Kreatur befehligte. Nomion war kein großer Kämpfer und sein mächtiger Diener war im Kampf gegen die Drachen auf der Winterburg verstrickt. Tarok hatte keine Mühe Nomion zu vernichten und es blieb nur ein Haufen Asche von dem Hexer zurück.

Das Wesen, das man später den Urtroll nannte, ließ bald darauf von der Winterburg ab und zog sich zurück in seinen steinernen Schlaf. Kaum ein Drache hatte den Angriff überlebt und die Feste war zerstört.

Die wenigen überlebenden Drachen verließen die Winterburg, die nun nicht mehr Schutz bot als irgendein Fels. Doch sollte die Ruine nicht lange unbewohnt bleiben. In der grauen Asche, die einst Nomion gewesen war, regte sich etwas. Ein bläuliches Glühen flammte auf, als sich eine blasse Gestalt erhob. Lange noch sollte diese die verlassenen Festen und Türme des Graue Gebirges heimsuchen. Es war Nomions Geist.

Wird sein Geist noch immer dort sein, wenn ihr euch im Herbst auf den Weg ins Graue Gebirge macht …?      

Autor: Stefanie Schmitt und Michael Menzel
Zeichnung: Johannes Schmitt