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Story: Der Ewige Rat

Re: Story: Der Ewige Rat

Beitragvon Boggart » 11. September 2019, 03:59

Hallo!

Ohne die Geschichte bisher gelesen zu haben, möchte ich mich doch ein wenig einbringen, denn, ich philosophiere auch recht gern, ohne mich da auf besonderes Wissen berufen zu können.

Butterbrotbär hat geschrieben:Der Grundsatz der utilitaristischen Position klingt sehr intuitiv. Wenn man das Ganze bis ins Extreme zieht, hätte das dann zur Folge, dass es als „gut“ betitelt würde, einen gesunden Patienten in einem Krankenhaus schmerzlos ins Jenseits zu befördern, um seine Organe auf eine Anzahl n>1 Patienten zu verteilen, die dringend Organtransplantationen bedürfen, um weiterzuleben? Das Glück der vielen bedingt und begründet das Leid des einzelnen?

Eine Formulierung, die ich nicht besser hätte machen können! Und genau dieses Beispiel wird gerne verwendet, um gegen den Utilitarismus zu argumentieren, wenn ich mich recht entsinne.
Ein anderes Beispiel, wo es um diese Thematik geht, ist Ferdinand von Schirachs "Terror". Viel kann ich auf Details nicht eingehen, da ich es weder gelesen noch in seiner Gesamtheit gesehen habe, und doch habe ich viel über die darin aufkommende Grundfrage nachgedacht. Das Stück handelt von einer fiktiven Gerichtsverhandlung, in der zuletzt die Zuschauer das Urteil fällen (schuldig oder nicht schuldig). Der Angeklagte, ein Pilot der Luftwaffe, hat eigenmächtig ein Flugzeug mit Zivilisten und Terroristen abgeschossen, wobei letztere das Flugzeug in die vollbesetzte Allianzarena stürzen lassen wollten. Bemerkenswert ist, dass der Angeklagte zB. in Japan nahezu geschlossen angeklagt wird, er jedoch in Deutschland meistens frei kommt, und das, wo die rechtslage doch eigentlich eindeutig ist: Er widersetzt sich einem direkten Befehl und verletzt bewusst das Grundgesetzt.
Denn dort steht, ziemlich weit oben (Artikel 1) steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Die Frage ist nun, ob sich der Pilot nicht einer viel größeren Schuld schuldig gemacht hätte, wenn er den Terroristen frei hand gelassen hätte. In diesem Fall als Anklagepunkt: Unterlassung.

Nun, wie stehe ich dazu? Aus der moralischen Sichtweiße hat der Pilot richtig gehandelt. Der Fehler liegt mMn eher bei den Verantwortlichen, die das Stadion nicht schnellstmöglich haben räumen lassen. Und trotzdem hätte ich den Piloten schuldig gesprochen.
Warum?
Weil die Unantastbarkeit der Menschenwürde in meinen Augen das höchste Gut ist, das wir besitzen, und wenn diese Unantastbarkeit auch nur in einem noch so kleinen und richtig erscheinenden Maße verletzt wird, öffnet das die Türen für die Antastbarkeit der Würde des Menschen.
Und dann kommen wir schnell zu BBBs Beispiel ;)

Meine Meinung dazu!

Viele Grüße
Boggart
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Re: Story: Der Ewige Rat

Beitragvon Troll » 11. September 2019, 13:48

@Alle: Ich nutze diesen Beitrag, um das nächste Zwischenspiel anzukündigen. (Was ich soeben getan habe. Ihr könnt es jetzt lesen. Der Rest des Beitrags ist nur für Menschen mit einem übermäßigen Interesse an Moralphilosophie.)


@BBB und Boggart:
Soo, zurück zum eigentlichen Thema! ;) :roll:

Ich bin auch kein Experte, höchstens Hobby-Philosoph.
Zu deinen (BBB) Grenzfällen würde ich persönlich sagen:
2. (Empfindungsfähigkeit von Pflanzen): Ich bin kein Biologe, von daher kann ich hier höchstens mit Halbwissen arbeiten... Pflanzen haben durchaus ein Reaktionsvermögen und können sich auf Reize ihrer Umwelt (z.B. Sonnenstand) einstellen. Andererseits besitzen sie kein Gehirn oder ZNS, also keine allgemeine Verarbeitungsstelle und keinen Ort, wo Emotionen, die unseren auch nur ansatzweise ähneln, erzeugt werden könnten. Nach aktuellem Stand der Wissenschaft (soweit ich ihn zu kennen glaube) würde ich also nicht davon ausgehen, dass Pflanzen Gefühle haben. :? Allerdings ist hier noch viel zu erforschen, also bin ich mit dieser Aussage eher vorsichtig. Es ist gefährlich, anderen Wesen einfach mal die Empfindungsfähigkeit anzusprechen.
(Einmal habe ich einen Text der Anglerlobby gelesen, in dem behauptet wurde, es sei vollkommen in Ordnung, einem Fisch einen Angelhaken in den Gaumen zu rammen, weil Fische zwar Reize wahrnehmen, aber kein aktives Bewusstsein und somit keine Gefühle hätten. :evil: Ich will nicht wissen, was der Autor von geisitg behinderten Menschen denkt, aber leider unterscheidet sich die Argumentation von meiner gar nicht so sehr :? , daher bin ich auf jeden Fall vorsichtig.)
3. (Berücksichtigung von Insekten): Prinzipiell wird (zumindest im quantitativen Utilitarismus) jedes Glücksgefühl gleich stark berücksichtigt, unabhängig davon, wer es fühlt. Entscheidend ist alo nicht, ob das Wesen Mensch oder Insekt ist, sondern ob die Intensität des Gefühls sich unterscheidet. Und das ist in höchstem Maße spekulativ. Je ähnlicher Gehirnstruktur und Nervenapparat dem unsrigen ist, desto besser können wir einschätzen, wie gewisse Dinge empfunden werden. Ich kenne mich nicht mit dem Aufbau von Insekten aus, aber ich gehe schon davon aus, dass zumindest elementare Empfindungen vorhanden sind. Höchstwahrscheinlich weniger komplex als bei einem Wirbeltier, aber das macht sie nicht per se mehr oder weniger wertvoll. Dennoch würde ich im Zweifelsfall eher einem Insekt ein Bein ausreißen als einem Wirbeltier (Fische, Schlangen und andere Tiere ohne Beine ausgenommen :roll: ). Bei letzteren wissen wir, dass sie Schmerz so empfinden wie wir, bei ersteren haben wir nur die starke Vermutung und es ist offen, ob sie den Schmerz ebenso stark wahrnehmen.
Was außerdem berücksichtigt werden sollte: Wenn man etwa einen Menschen einsperrt, (um ein etwas angenehmeres Beispiel zu wählen :roll: ), dann fühlt er neben der akuten Enge und diffuser Furcht auch Verwirrung und wahrscheinlich direkte Todesangst. Je komplexer ein Wesen, desto mehr Gefühle können unter Umständen dazukommen.
1. (Emotionen von Maschinen): Die wahrscheinlich interessanteste Frage habe ich mir aufgehoben. Ich habe keine Ahnung, wie man feststellen will, ob und wie sehr eine AI, die es in Zukunft vielleicht einmal geben wird, fühlen kann. Es kommt einem merkwürdig vor, dass eine Kombination aus Kabeln und Elektroden Gefühle hervorrufen soll, aber es kommt einem bei genauerer Betrachtung ebenfalls merkwürdig vor, dass ein Klumpen grauer Hirnzellen aus biochemischen Reaktionen, elektrischen Impulsen und Hormonausschüttungen Gefühle machen kann. Wir wissen nicht, wann ein Computer anfangen kann zu fühlen, aber wenn wir eine annähernd perfekte Simulation eines Gehirns haben, dann müsste es ihm eigentlich möglich sein... Oder? :?:
(Und wenn man zu dem Schluss kommt, dass maschinelle Emotionen möglich sind, sollte man dann irgendwann Hallen voller Prozessoren bauen, die als einizges Ziel haben, bei so vielen künstlichen "Wesen" so viel "Glück" wie möglich hervorzurufen? Das wäre wahrscheinlich eine der energieeffizientesten Methoden, etwas "Gutes" zu tun. :o )
Deine Grenzfälle gehen alle auf das berechtigte Problem ein, dass Glück/Leid nur schwer objektiv messbar und intersubjektiv vergleichbar sind. Im Allgemeinen denke ich, man sollte sich informieren und nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft entscheiden, der sich zwar zweifelsohne noch oft ändern wird, aber trotzdem die wohl akkuratesten Antworten zulässt.


Zu Eara: Ja, die Argumentation ist primär empirisch. Auf der rein moralischen Ebene fällt mir gerade nur noch die bereits erwähnte Ungewissheit ein, ob die eigenen Ziele wirklich richtig sind und ob man sie mit seinen Taten wirklich wahrscheinlicher macht. Gerade wenn man zu extremen Maßnahmen greift sollte man dafür schon sehr starke Gründe anführen können.

Das Ewige Feuer entscheidet ja, soweit ich es verstanden habe, nicht, ob etwas "richtig" oder "falsch" ist, sondern ob der Rietburg (bzw. im Norden Hadria) Gefahr droht, also ob etwas "Schlechtes" eintreffen soll. Ob dieses "Schlechte" jetzt rein hedonistisch beurteilt wird oder nicht, macht für die Farbe der Flammen wahrscheinlich keinen großen Unterschied.



Ok, und jetzt noch zu Flugzeugen und Organen:
Terror habe ich ebfalls nicht vollständig gesehen/gelesen und ich komme zum gleichen Schluss wie du (Boggart): Ja, es war richtig vom Piloten, das Flugzeug abzuschießen. Und ja, er muss anschließend trotzdem schuldig gesprochen werden. (Ich finde es übrigens extrem interessant, dass das Publikum ind Japan sich so anders verhält als das deutsche.)
Die Begründung fällt allerdings ein bisschen anders aus. Der Punkt Menschenwürde überzeugt mich nur begrenzt, denn immerhin verletzt der Pilot, wenn er nicht eingreift, stattdessen die Menschenwürde aller Menschen im Stadion. (Zugegeben, juristisch besteht ein Unterschied zwischen dem aktiven Tun und dem passiven Unterlassen und der Ankagepunkt, falls es eine Anklage gäbe, sähe anders aus. Moralisch gesehen sehe ich diesen Unterschied aber nicht.) Aber da ich das Stück, wie gesagt, nicht vollumfänglich kenne, ist es möglich, dass mir hier ein Aspekt der "Menschenwürde"-Begründung entgeht.
Dass ich den Pilot trotzdem schuldig sprechen würde, liegt am enormen Wert eines funktionierenden Rechtsstaates. Wer gegen ein geltendes Gesetz verstößt, der hat die Verantwortung dafür zu tragen. Ein wenig Ermessensspielraum für Richter ist sinnvoll, aber er kann nicht einfach jemanden freisprechen, egal wie er persönlich die Tat moralisch beurteilt. (Das sieht natürlich anders aus, wenn z.B. ein Richter im "Dritten Reich" unauffällig ein paar politische Gegner freispricht und so dafür sorgt, dass einige weniger ermordet werden. Aber der Hauptunterschied besteht darin, dass Deutschland damals ohnehin so weit wie nur möglich von einem funktionierenden Rechtsstaat entfernt war.)
Wenn das Abschießen von Flugzeugen erlaubt wäre, dann wäre es falsch, den Piloten schuldig zu sprechen. Der Richter hat nicht die Aufgabe, über falsch und richtig zu urteilen, sondern über schuldig und unschuldig. Die Frage, ob so ein Flugzeug abgeschossen werden soll bzw. ob das legal sein soll, unterliegt dem Gesetzgeber. Und ich hätte kein Problem damit, wenn sich die Rechtsgrundlage dahingehend ändern würde, dass das Abschießen von Flugzeugen in solchen Extremsituationen erlaubt wäre. (Mir ist bewusst, dass das Verfassungsgericht es als gurndgesetzwidrig ansieht, das Abschießen von Flugzeugen zu legalisieren. Ich kann das zwar nicht zu 100% nachvollziehen - warum das Verbot aus der Menschenwürde folgt erschließt sich mir nicht - aber das Urteil muss natürlich trotzdem respektiert werden, schon allein der unabhängigen Gerichte wegen. Solange das Urteil sich nicht ändert, kann und darf selbstverständlich auch das Gesetz nicht verändert werden.)

Und zu den Organen? Nun, ich denke, dass es ziemlich kurzfristig gedacht ist, wenn man im Krankenhaus einen Menschen ausschlachtet, um mehrere zu retten. Die Menschenrechte sind eine große Errungenschaft, die man nicht rechtlich antasten sollte. In diesem Fall wird zwar das Recht auf Leben des einen angetastet, um das Recht auf Leben eines (bzw. eher mehreren) anderen respektieren zu können, aber langfristig schafft man nur eine Gesetzeslücke, die Missbrauch ermöglicht. Was ist z.B. wenn "zufälligerweise" nur politisch unbequeme Zeitgenossen diejenigen sind, deren Organe gerade gebraucht werden. Und nebenbei: Wie viele Leute trauen sich bei einem solchen Gesetz noch ins Krankenhaus? (Außerdem bezweifle ich, dass man überhaupt oft in die Verlegenheit kommt, dass man Patienten abmurksen könnte, um Menschen zu retten, die an akutem Organmangel sterben. Regelungen und Aufklärungskampagnen, die zur verstärkter Organspende beitragen, sowie Forschung, um irgendwann Organe im Reagenzglas herstellen zu können usw. usw. erscheinen mir ein sinnvollerer Weg zu sein. Aber natürlich ändert das nichts an der Fragestellung des Gedankenexperiments.)
Jetzt könntet ihr einwenden: Was unterscheidet denn das Organ-Beispiel vom Flugzeug-Beispiel?

In diesem Zusammenhang erlaube ich mir mal, das Konzept des Regel-Utilitarismus vorzustellen (falls ihr es nicht bereits kennt):
Der besagt im Wesentlichen: Anstatt in jedem Einzelfall zu tun, was das meiste Glück bewirkt, soll man das tun, was das meiste Glück bewirken würde, wenn alle nach dieser Regel leben würden.
Z.B.: Anstatt am Sonntag-Nachmittag am örtlichen Tierheim weiterzubauen, soll man besser zur Wahl gehen und eine "gute" Partei wählen, obwohl eine einzelne Stimme nur einen sehr geringen Nutzen hat. Eben weil man davon ausgehen soll, dass auch alle anderen dann zur Wahl gehen und die Summe dieser Stimmen mehr Gutes bewirkt als der zusätzliche Nachmittag am Tierheim-Aufbau. (Etwa, weil die dann gewählte Regierung auf Staatskosten noch ganz viele Tierheime baut... :mrgreen: )

Ich behaupte, dass der normale (oder Handlungs-)Utilitarismus, bei richtiger Anwendung, in den allermeisten Fällen dieselben Entscheidungen verlangt wie der Regelutilitarismus. Morden, Lügen, Foltern oder nicht zur Wahl gehen ( ;) ) hat langfristig in den meisten Fällen gesamtgesellschaftlich so viele negative Auswirkungen, dass die kurzfristigen Vorteile überwogen werden. In den wenigen Situationen, wo man nach handlungsutilitaristischem und regelutilitaristischen Kriterien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt, bevorzuge ich aber den Handlungsutilitarismus. Es handeln eben nicht alle nach dieser Regel und von irrtümlichen Annahmen auszugehen hat wahrscheinlich tendenziell eher negative Konsequenzen. Besser, man geht davon aus, dass die Menschen handeln, wie sie handeln, anstatt unter der Annahme einer perfekten Welt zu entscheiden. Ich halte den Regelutilitarismus dennoch für ein sehr nützliches Werkzeug, er bietet eine gute Orientierungshilfe und erspart es, über jede kleine Entscheidung ewig nachdenken zu müssen. (Nicht, dass das jemand tun würde oder dass das utilitaristisch sinnvoll wäre, wenn der Zeitverlust mitberücksichtigt wird, aber trotzdem...)
Also sollte man z.B. lieber nicht lügen als lügen, unter anderem weil jede Lüge zu Misstrauen dem Lügner gegenüber und in der Gesellschaft allgemein beiträgt. In einigen Notsituationen jedoch kann es trotzdem richtig sein, zu lügen. (Wobei das Beispiel kritisch ist, da Regelutilitarismus Notlügen auch nicht ausschließt.)

Warum habe ich den Regelutilitarismus erwähnt? Weil es bei den Organen und Flugzeugen nicht um die konkrete Anwendung geht, sondern um den rechtlichen Rahmen. Gesetze können niemals jeden Einzelfall berücksichtigen und haben die Aufgabe, allgemeingültig und doch präzise zu sein. Und sie sollen für jeden gelten, d.h. sie müssen davon ausgehen, dass sich jeder daran hält. Mit anderen Worten: Ein Gestz lässt sich nicht nach handlungsutilitaristischen maßsstäben beurteilen (denn der besagt ja eben, dass an sich keine Regel wirklich allgemeingültig ist), sondern nur nach regelutilitaristischen Maßstäben. (Oder nach sehr vielen anderen gar nicht utilitaristischen Maßstäben, aber die lasse ich mal außen vor. ;) )
Und da sehe ich einen Unterschied zwichen Flugzeugen und Organen. Wird das Ausschlachten von Patienten legalisiert, dann gibt das Raum für Missbrauch und reduziert das Vertrauen in den Staat und die Gesundheitsversorgung. (s.o.) Dem gegenüber stehen nur einige sehr seltene Einzelfälle, in denen so tatsächlich etwas Gutes bewirkt werden kann. Das Abschießen von entführten Flugzeugen dagegen sehe ich deutlich weniger problematisch. Mir fällt kein Beispiel ein, wo irgendjemand dieses Gesetz tatsächlich für seine Zwecke missbrauchen könnte. Es gibt dem Staat nur mehr Rechte in seinem sehr speziellen Sonderfall, und falls dieser Fall eines Tages eintreffen sollte, dann können wahrscheinlich viele hundert Menschen gerettet werden.
So weit meine Meinung... :)

Gruß, Troll
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Re: Story: Der Ewige Rat

Beitragvon Boggart » 13. September 2019, 05:23

Hallo Troll!

Sehr interessante Ansichten und, wie immer bei dir, gut nachvollziehbar ;)
Trotzdem kann ich dir bei den Flugzeugen nicht zustimmen. Ich denke, auch das ist ein erster Schritt, der langfristig zu Missbrauch führen kann. Es führt mMn zu einer Desensibilisierung; man wagt einmal den Schritt, ganz ausnahmsweise, dann kommt die zweite Ausnahme und so weiter. Außerdem könnte der Befehl des Abschusses vorschnell gegeben werden, eventuell auch aus politischen Gründen. Man stelle sich nur mal vor, jemand wüsste, das hochrangige Politiker im Flugzeug säßen!
Und wäre es allgemein bekannt, dass sich ein Politiker an Bord befindet, würde man doch alles versuchen, diesen zu retten, ohne dabei den Entführern nachzugeben. Ich ich hoffe, dass das Leben jedes einzelnen von uns nicht weniger wert ist als das von Politikern!
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das bedeutet für mich, dass man jedes einzelne Menschenleben zu erhalten versucht, solange dies (mit sinnvollen Mitteln) möglich und von den betroffenen gewünscht ist. Mit letzterem beziehe ich mich auf das Abschalten von lebenserhaltenden Geräten und die Sterbehilfe. Sollte jetzt also von allen Passagieren der Wunsch nach außen gelangen, mal solle das Flugzeug doch bitte abschießen, sieht dieser Fall in meinen Augen wieder anders aus!

Meine Meinung dazu, Gegenargumente willkommen :D

Gruß
Boggart
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Re: Story: Der Ewige Rat

Beitragvon Dromdrun » 13. September 2019, 14:41

Hallo Andori,

hört sich nach einer tollen Geschichte an. Gibt es evtl. einen Download als PDF oder so, da ich den Text nicht unbedingt am Rechner lesen will

Gruß

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Re: Story: Der Ewige Rat

Beitragvon Troll » 15. September 2019, 16:20

@Alle: C ist da. Nach dem letzten Zwischenspiel ist wohl klar, bei welchem Charakter. ;)


@Dromdrun: Es ist an sich keine schlechte Idee, das ganze auch als komplette PDF-Datei zur Verfügung zu stellen. Ich denke, ich werde genau das tun (vielleicht sogar mit Bildern, wenn ich welche finde, Dank an Boggart für die Idee) - aber erst, wenn die Story abgeschlossen ist, da man die Datei sonst jede Woche aktualisieren müsste. :roll:
Es spricht aber nichts dagegen, dass du dir die Geschichte einfach in eine Word-Datei (o.ä.) kopierst, formatierst wie du es für am schönsten hältst und ausdruckst. Ich habe das gerade ausprobiert, Absätze, Schriftfarben und kursiv/fett blieben bei mir erhalten, nur verschiedene Schriftgrößen gehen verloren. (Und jeden Beitrag einzeln kopieren, ansonsten bekommst du auch Namen, Wohnort, Registrierungsdatum und Beitragszahl von mir mitkopiert.) Dann kannst du beim Ausdrucken auch gleich die Schriftgröße wählen, dir dir am besten passt und zugleich den Papierverbrauch minimiert. :)
Ich habe außerdem alle Buchstaben und Zwischenspiele als .odt-Datei auf meinem Computer, wenn du mich per Mjölnir-Post kontaktierst, kann ich dir per Mail schicken, was ich veröffentlicht habe. Möglicherweise wurde da aber nicht überall die Letzte-Minute-Korrekturen eingearbeitet...


@Boggart: Eine konkrete Missbrauchsgefahr sehe ich nicht. Das Abschießen von Flugzeugen ist ja (der Idee nach) nur legal, wenn das Flugzeug nicht nur entführt wurde, sondern auch kurz davor ist, in Hochhäuser/Stadien/... zu treffen. (Um den genauen Gesetzestext kann sich jemand anders kümmern.) Wenn also jemand das Gesetz benutzen wollte, um hochrangige Politiker loszuwerden, müsste er zunächst dafür sorgen, dass tatsächlich irgendwelche Terroristen das Flugzeug kapern und als Waffe benutzen wollen. Das ist zwar vielleicht nicht vollkommen ausgeschlossen, allerdings kann es demjenigen, der das vorbereitet hat, egal sein, ob das Flugzeug anschließend abgeschossen wird oder nicht - die Insassen werden so oder so sterben, sein Ziel erreicht er also mit oder ohne Gesetz.
(Und auf die Aussage, dass jedes Leben gleich viel wert ist, gehe ich unten ausführlich ein.)

Interessanter ist die Frage erstens nach einer allgemeinen Desensibilisierung und zweitens nach dem Verständnis von Menschenwürde und der Folgerung daraus.
Zu erstens kann ich nur sagen, dass ich keine Desensibilisierung befürchte, da ein solches Gesetz mMn. keine Ausnahme in dem Sinne darstellt, dass damit gegen die Verfassung oder grundsätzliche Überlegungen zum Wert der Menschenwürde (zumindest nach meinem Verständnis :mrgreen: ) verstoßen würde. Mir ist aber bewusst, dass viele Menschen (wahrscheinlich auch du) das anders sehen. Wenn das Gesetz in diesem Sinne tatsächlich eine Ausnahme wäre, wäre es wahrscheinlich anders zu bewerten.

Zum zweiten Punkt habe ich die, bestimmt stark gekürzte, Begründung zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts auf Wikipedia gefunden:
"1. Unter der Geltung des Art. 1 Abs. 1 GG (Menschenwürdegarantie) ist es unvorstellbar, auf der Grundlage einer gesetzlichen Ermächtigung unschuldige Menschen vorsätzlich zu töten.
2. Menschliches Leben und menschliche Würde genießen ohne Rücksicht auf die Dauer der physischen Existenz des einzelnen Menschen gleichen verfassungsrechtlichen Schutz.
3. Zur Erfüllung staatlicher Schutzpflichten dürfen nur solche Mittel verwendet werden, die mit der Verfassung in Einklang stehen.

Ein Verstoß gegen die Menschenwürde ist daher jede quantifizierende Betrachtungsweise menschlichen Lebens, also z. B. die Abwägung vieler Menschenleben gegen ein einzelnes. Jedes Menschenleben ist gleich wertvoll, jeder Mensch besitzt die gleiche Würde. Jeder einzelne hat daher einen Anspruch, dass sich der Staat schützend vor sein Leben stellt. Es ist unzulässig, menschliches Leben zum Schutz anderer Leben zu opfern, und zwar auch dann, wenn die Betreffenden nach aller Wahrscheinlichkeit nur noch wenige Minuten zu leben haben. Ein solches Vorgehen würde Menschen zum Objekt staatlichen Handelns machen und ihnen damit die Achtung versagen, auf die jeder Mensch Anspruch hat; es würde damit gerade denjenigen Menschen, deren Leben in höchster Gefahr ist, der Schutz, den der Staat ihnen schuldet (vgl. oben), versagt werden.
"

3. stimme ich insofern uneingeschränkt zu, dass ein Staat selbstverständlich nicht seine eigene Verfassung brechen darf, und auch 2. kann ich gut nachvollziehen, da ich andernfalls den Gleichbehandlungsansatz gefährdet sehe.
1. jedoch hat, wenn auch zweifelsohne gut gemeint, eine Schwäche: Es gestattet, (um es mit den Worten des BVG - bzw. des Wikipedia-Schreiberlings - zu sagen) auf der Grundlage einer gesetzlichen Ermächtigung unschuldige Menschen vorsätzlich sterben zu lassen.
Das BVG unterscheidet zwischen Menschen, die durch die Entscheidungen der Staatsorgane "aktiv" und "passiv" ums Leben kommen, und ich sehe keinen Grund für diese Unterscheidung.
"Jeder einzelne hat daher einen Anspruch, dass sich der Staat schützend vor sein Leben stellt." Das gilt doch erst einmal genauso für die Menschen im Flugzeug wie für die Menschen im Stadion.

Der Pilot, der den Daumen über dem roten Knopf hat, muss sich entscheiden. Entweder er schießt das Flugzeug ab und die 100 (?) Menschen darin sterben, oder er schießt es nicht ab und die zweitausend (?) Menschen im Stadion sterben. In beiden Fällen hat der Staat seine Schutzpflichten verletzt, in beiden Fällen wurde zugelassen, dass unschuldige Menschen sterben. Egal, welche Entscheidung der Pilot trifft, er hat in jedem Fall die Menschen der einen Seite gerettet und die Menschen auf der anderen Seite geopfert (wenn man aufgrund von 2. die Lebensdauer der Menschen im Flugzeug außer Acht lässt). In jedem Fall wurde ein Teil der Menschen "zum Objekt staatlichen Handelns" gemacht.

1. ist mMn. eine sehr sinnvolle Aussage, wenn man sie folgendermaßen ergänzt:
"1. Unter der Geltung des Art. 1 Abs. 1 GG (Menschenwürdegarantie) ist es unvorstellbar, auf der Grundlage einer gesetzlichen Ermächtigung unschuldige Menschen vorsätzlich zu töten oder sterben zu lassen." Es gibt jedoch leider denkbare Situationen, in denen eines von beidem unvermeidbar ist.
Und in einer solchen Situaton gilt für mich immer noch: "Jedes Menschenleben ist gleich wertvoll, jeder Mensch besitzt die gleiche Würde."
Aber daraus folgt für mich nicht wie für das BVG: "Ein Verstoß gegen die Menschenwürde ist daher jede quantifizierende Betrachtungsweise menschlichen Lebens, also z. B. die Abwägung vieler Menschenleben gegen ein einzelnes." Sondern das genaue Gegenteil!
Ein Staat kann nicht allgemein urteilen, wessen Leben mehr wert ist, ohne massiven Missbrauch und Privilegierung zuzulassen. Es gibt also keinen zulässigen Entscheidungsmaßstab, ob der Pilot das Flugzeug abschießen sollte oder nicht - mit einer Ausnahme: Die Anzahl der Menschen, die seiner Entscheidung jeweils zum Opfer fällt. Gerade wenn man davon ausgeht, dass jedes Leben gleich viel wert ist, dann sollte man doch genau das tun, was insgesamt die wenigsten Leben kostet! Man sollte lieber die zweitausend Menschen retten als die hundert, unabhängig davon, ob man den Knopf dafür drücken muss oder nicht. Ich sehe keinen Unterschied zwischen dem Drücken eines Knopfes und dem Abwarten, zwischen dem Tun und dem Unterlassen. Sobald man in der Situation ist, sich entscheiden zu müssen, gibt es nur gleichberechtigte Alternativen, von denen man so oder so eine auswählt.

Also ja, Boggart, auch ich hoffe, dass aus verfassungsrechtlicher Sicht "das Leben jedes einzelnen von uns nicht weniger wert ist als das von Politikern!" Und gerade deshalb sollte es mMn. erlaubt (und sogar geboten) sein, das Flugzeug abzuschießen. Denn ansonsten sagt man damit indirekt, dass das Leben von Menschen, die ohne staatliche Einmischung sterben werden, weniger wert ist... :?

Ich freue mich aber schon auf die Gegenargumente! :D
Gruß, Troll
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Re: Story: Der Ewige Rat

Beitragvon Boggart » 16. September 2019, 06:56

Hallo Troll,

ich fürchte, wir nähern uns jetzt dem Punkt, an dem sich einfach die Geister scheiden. Der entscheidende Punkt für das Für und Wider, zu dem es aber einfach zwei verschiedene Meinungen gibt.
Ich versuch mal trotzdem, Gegenargumente zu liefern ;)

Die Gefahr, die ich sehe, ist, dass garnicht alle Versuche unternommen werden, die Leute im Stadion zu retten, da man ja auch einfach das Flugzeug abschießen kann. Man muss das Spiel FCBvsBVB nicht abbrechen und die Leute alle in möglichst kurzer Zeit rausschleußen und außerdem bleibt das Bauwerk erhalten. Ist doch viel bequemer so.
Und da sind wir wieder bei dem Punkt, dass ich finde, dass der Falsche auf der Anklagebank sitzt. Hier müsste ich mich mal wirklich nochmal mit dem gesamten Text auseinander setzen, aber für mich hat es den Anschein, als hätten die Oberen fest damit gerechnet, dass unser Pilot schon feuern wird, auch gegen einen direkten Befehl.

Das zu dem Fallbeispiel von Schirachs.

Aber der grundlegende Streitpunkt ist wohl, ob es einen Unterschied macht, ob ich selbst jemanden töte oder jemand stirbt, weil ich eben nichts gemacht habe. Das ist wirklich eine harte Nuss; Unterlassene Hilfeleistung ist nicht ohne Grund strafbar! Und doch finde ich das Urteil richtig.

Der springende Punkt ist dabei dieser:
Ein Verstoß gegen die Menschenwürde ist daher jede quantifizierende Betrachtungsweise menschlichen Lebens, also z. B. die Abwägung vieler Menschenleben gegen ein einzelnes.

Man darf die Menschenleben nicht zählen. Macht man das einmal, macht man es öfter und mal sehen, wie schnell wir dann doch wieder bei der unfreiwilligen Organspende sind ;)
Jetzt zu sagen "Wir töten x um y zu retten", ist einfach nur pervers, finde ich. Und nur weil neben y noch ein z steht, dies dann doch zu erlauben, ist kalt. Wenn x aus natürlichen Gründen stirbt, ohne unser Eingreifen, wäre es blödsinnig, y und z nicht zu retten, keine Frage.

Und dann sehe ich für mich doch einen Unterschied zwischen töten und sterben lassen: Ich kann versuchen, Menschen zu retten, aber es klappt einfach nicht. Frag mal Ärzte, die kennen alle solche Fälle, vielleicht sogar unsere Schlafende Katze...
Ich geh mal eine Stufe tiefer und stehe dann davor, Leute zu töten, die höchstwahrscheinlich eh sterben werden um Leute nicht sterben lassen zu müssen.
Und hier ist es das Wörtchen "höchstwahrscheinlich", dass für mich den Ausschlag gibt: es ist nie 100%ig sicher, so lange es nicht passiert ist. Keine Ahnung, was noch passieren soll, nenne es Schicksal, Glück oder Gott, aber irgendetwas kann immer noch passieren, das sowohl das Sterbenlassen als auch das Höchstwahrscheinlich aus dem Weg räumt, so unwahrscheinlich es auch sein mag.

Es muss jeder Versuch unternommen werden, beide Seiten zu retten, es geht für mich aber nicht in Ordnung, dazu aktiv Menschenleben zu beenden.

Und während ich so wild um den Brei herumschreibe, fällt mir ein alter Punkt wieder ein, warum wir das nicht tun dürfen:
Dieser, in der Verfassung und mit diesem Urteil festgehaltene Punkt ist es, der uns von Terroristen unterscheidet: Der Wert eines Menschen!
Wieviel mag einem Selbstmordattentäter ein Menschenleben wert sein?
Aber uns sollte jedes einzelne Leben soviel Wert sein, dass wir es nicht selbst aktiv beenden, es sei denn, dieser Mensch wünscht dies ausdrücklich, und auch dann gilt es die Alternativen gründlich abzuwägen. Das ist zumindest meine Meinung und der Grund, warum es bei uns keine Todesstrafe gibt.

Ich geb zu, nach obigem Satz sollte man auch einen Amokläufer nicht erschießen. Ganz so weit würde ich dann doch nicht gehen, ich wusste aber nicht, wie ich das noch in den Satz mit einbauen sollte. Denn das komplizierte daran ist, dass auch da nach Möglichkeit versucht werden sollte, sein Leben zu retten, in dem man ihn zB. gefächtsunfähig macht (anschießen statt erschießen). Erst, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt, sein eigenes oder das Leben anderer zu sichern, ohne ihn zu töten, ist dies erlaubt, denn dann greift die Notwehr.

Ach, vielleicht bring ich es doch noch unter:
Uns sollte jedes einzelne Leben soviel Wert sein, dass wir es nicht selbst aktiv beenden, es sei denn aus Notwehr oder dass dieser Mensch dies ausdrücklich wünscht, und auch dann gilt es die Alternativen gründlich abzuwägen.

Wie gesagt, meine persönliche Meinung!

Viele Grüße
Boggart

PS: Sorry, Troll, ich schaffe es nicht, meine Gedanken so schön geordnet und strukturiert darzulegen, wie du das machst. Die fahren bei mir eher Karusell und ich sehe immer wieder neue Aspekte ;)
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Re: Story: Der Ewige Rat

Beitragvon Troll » 20. September 2019, 09:06

@Alle: Und noch ein Zwischenspiel.





@Boggart:
Ich habe auch mit ein bisschen Karussellfahren kein Problem. Es wird dadurch nur etwas schwerer, eine strukturierte Antwort zu geben. ;)
Also versuche ich mal, der Reihe nach vorzugehen:
Kurz zum Fallbeispiel: Ja, selbstverständlich müssen alle Versuche unternommen werden, jeden Menschen zu retten. Und ja, bei Schirachs Beispiel sollte man sich auch erst einmal fragen, wie es überhaupt so weit kommen konnte und den Schuldigen dafür finden. So weit stimme ich zu.

Und ja, ich denke du hast auch mit deiner Analyse recht, was hier der zentrale Streitpunkt ist: Der Unterschied zwischen Tun und Unterlassen. Ist es etwas grundsätzlich anderes, einen Menschen zu töten oder ihn sterben zu lassen? Ich sage nein, du sagst ja.
Du sagst: "zu sagen "Wir töten x um y zu retten", ist einfach nur pervers".
Ich sage: es ist per se weder gut noch schlecht. Ein Mensch lebt, ein Mensch stirbt. So oder so. Und sobald neben y noch ein z steht, hat man die Wahl zwischen: Entweder zwei leben, einer sirbt, oder einer lebt, zwei sterben. Die Entscheidung sollte normalerweise so schwer nicht sein. Je mehr, desto besser. Jedes Leben ist gleich viel wert, also sind zwei Leben doppelt so viel wert wie eines. :)

Wieso denke ich, dass kein prinzipieller Unterschied zwischen Tun und Unterlassen besteht?
Erstens, weil ich nicht sehe, dass Tun und Unterlassen überhaupt klar voneinander abgegrenzt sind. Immer, wenn ich etwas tue, habe ich automatisch etwas anderes unterlassen. Beispiel gefällig: Was, wenn ich jemanden überfahre? War es dann ein Handlung, schließlich hatte ich das Gaspedal getreten? Oder war es eine Unterlassung, weil ich NICHT rechtzeitig bremste? (Zugegeben, schlechtes Beisiel, sowas geschieht schließlich nicht absichtlich. Aber auf das Prinzip kommt es an.)
Zweitens, weil es für den Geschädigten auf die Konsequenzen ankommt. Wenn die Folgen deiner (Nicht-)Handlung gleich sind, ist sie prinzipiell auch gleich zu bewerten. Person x kann es egal sein, ob ich ihren Tod durch eine Tat oder durch Abwarten verursacht habe. Für den Geschädigten macht es keinen Unterschied. Einen Unterschied macht es höchstens für mich selbst. Wahrscheinlich fühle ich mich schuldiger, wenn ich x töte, um y und z zu retten, weil die Schuld, dass ich jemanden "eigenhändig" getötet habe schwerer wiegt als die Freude, zwei Menschen gerettet zu haben. Das persönliche Schuldgefühl ist aber in meinen Augen definitiv kein Maßstab dafür, ob eine Tat richtig oder falsch war, sondern das Ergebnis für alle Betroffenen, von denen ich nur einer bin.
Drittens (das führt jetzt aber ein bisschen vom Thema weg :roll: ) müssen wir uns klarmachen, was überhaupt bei der Frage nach richtig und falsch bewertet wird. Im Allgemeinen sagen wir, dass eine Handlung diese Kriterien erfüllen muss. (Dabei ist offengehalten, ob Unterlassen auch eine Handlung ist.) Ich denke jedoch, dass eigentlich bei genauerer Betrachtung nicht unsere Handlungen bewertet werden, sondern die Entscheidungen, die diesen vorausgehen. Das ist nur schwer zu unterscheiden, weil unsere Entscheidungen ausschließlich über unsere Handlungen offengelegt werden, aber immerhin bewerten wir ein Unglück, was versehentlich geschieht, anders als ein absichtlich Angestrebtes, auch wenn die dazu führende Handlung vielleicht identisch ist - weil der Handelnde sich im einen Fall dafür entschieden hat, das Unglück herbeizuführen, während die Möglichkeit in der Entscheidung des anderen einfach nicht bedacht wurde.
Wenn es aber nicht um Handlung oder Nicht-Handlung geht, sondern um die Entscheidung, dann gibt es spätestens auf dieser Ebene endgültig keinen Unterschied mehr zwischen Tun und Unterlassen. Es gibt nur mehrere Möglichkeiten mich zu entscheiden, und die Wahl, nichts zu tun, ist lediglich eine davon, die sich prinzipiell in keiner Weise unterscheidet. Ich kann mich nicht weigern, eine Entscheidung zu treffen. In dem Moment, wo ich mehrere Möglichkeiten vor mir sehe, habe ich in jedem Fall diejenige "verursacht", die ich auswähle. Nicht zu entscheiden ist auch eine Entscheidung.
In dem Moment, wo ich auswähle, welche Menschen ich rettet, habe ich automatisch die Leben auf der anderen Seite beendet.

So viel zu den Grundlagen von mir. Ich denke mal, zweitens ist der stärkste und naheliegendste Punkt, aber ich wollte alle Gedanken, die mir gerade im Kopf herumflogen, ansprechen. Ich muss aber noch anmerken, dass diese Überlegungen natürlich nicht bedeuten, dass Unterlassene Hilfeleistung in jedem Fall genau so schlimm ist wie Mord. Men stelle sich vor: Passant A läuft an einem Menschen vorbei und entscheidet sich spontan, ihn tödlich zu verletzen. Anschließend geht er. Dann kommt Passant B. B hätte die Möglichkeit, den Menschen zu retten, aber das würde ja Zeit kosten, außerdem wären dann alle Kleider voller Blut... Also geht auch er. Sind die Entscheidungen von A und B jetzt gleich schlimm?
Offensichtlich nicht! B hat entschieden, dass ihm das Leben eines unbekannten Menschen nicht so viel wert ist, Zeit und Kleidung dafür zu opfern. Das ist zutiefst unmoralisch, und, wie du bereits geschrieben hast, zurecht strafbar. A dagegen hat entschieden, dass ihm das Leben eines unbekannten Menschen sogar so wenig wert ist, dass er sogar bereit ist, seine Zeit dafür zu OPFERN, um diesen Menschen zu töten. Wir können über B nur sagen, dass der Mensch ihm relativ egal ist, zumindest weniger wichtig als seine Zeit. Über A aber können wir sagen, dass er Freude dabei empfindet, wenn andere Menschen leiden oder sterben und/oder, dass er eine schwere psychische Störung hat. Wir können also Rückschlüsse ziehen, und die sind nicht gerade positiv.
Ich denke, daher kommt es, dass viele Menschen intuitiv geneigt sind, eine Tat schwerer zu gewichten als eine Unterlassung: Weil es in sehr vielen Fällen auch sinnvoll ist! Weil eine Hilfeleistung außerdem meistens viel mehr Arbeit macht als der Verzicht auf eine Schädigung, und weil in den meisten Fällen von unterlassener Hilfeleistung auch unklar ist, ob die Tat des Passanten wirklich zum Tod der Person geführt hat oder ob der Sterbende ohnehin nicht mehr zu retten war. Unklar übrigens auch für den Unterlassenden selbst.
Das alles muss berücksichtigt werden, wenn wir eine Entscheidung bewerten. Aber es heißt nicht, dass ein Unterlassen per se irgendwelche Unterschiede zum Tun aufweist. Ob tatsächlich ein Unterschied besteht, ist von der Situation abhängig.



Zusätzlich habe ich hier noch einen ganzen Haufen Anmerkungen, nicht strukturiert, sondern in der Reihenfolge, in der sie zu dem passen, was du schreibst:

Du schreibst: "Ich kann versuchen, Menschen zu retten, aber es klappt einfach nicht. Frag mal Ärzte, die kennen alle solche Fälle"
Selbstverständlich sollte man versuchen, einen Menschen zu retten wenn möglich. Wenn du aber schon Ärzte ansprichst, kann ich es mir nicht verkneifen, dazu noch etwas zu schreiben. Und zwar gibt es gerade im Bereich Gesundheit soweit ich weiß vieles, was meine Thesen stützt. (Unsere Katze könnte da sicher noch mehr zu sagen, ich weiß aber nicht, ob sie mir zustimmen oder widersprechen würde. 8-) ) Z.B.: Lebensbedrohliche Heilungsmaßnahmen. Angenommen, ein bewusstloser Patient wird eingeliefert, der wahrscheinlich in den nächsten Stunden sterben wird. Ein Arzt könnte eine OP durchführen, in deren Verlauf der Patient vielleicht sterben könnte, die er jedoch wahrscheinlich überstehen wird. Wenn man deine These streng auslegt, sollte der Arzt diese OP nicht dürchführen, denn es könnte ja sein, dass er den Patienten im Verlauf umbringt - was schlimmer wäre, als ihn bloß sterben zu lassen. Vermutlich wirst du mir zustimmen, dass der Arzt das tun sollte, was die Überlebenschance des Patienten größtmöglich steigert, unabhängig davon, ob er dabei Gefahr läuft, ihn versehentlich zu töten.
Anderes Beispiel: Großkatastrophen, in denen Ärzte/Ersthelfer hoffnungslos überlastet sind. Meines Wissens wird in solchen Situationen so entschieden, dass möglichst viele Opfer überleben. Wenn man also einen Sterbenden retten könnte, in der gleichen Zeit aber auch zwei andere, dann soll Letzteres gewählt werden. Das bezieht sich jetzt nicht unmittelbar auf Tun und Unterlassen, aber es ist ein Beispiel für das quantifizieren von Menschenleben.


Zum Thema "Höchstwahrscheinlich": Ja, du hast recht, man weiß nie, was passieren wird. Nichtsdestotrotz heißt das (auf der individuellen Ebene) nicht, dass ich Wahrscheinlichkeiten ignorieren sollte. Sie sind immer noch das einzige Entscheidungskriterium, das mir bleibt. Ich kann nur von dem ausgehen, was ich weiß oder erahnen kann. Und falls durch Schicksal, Glück oder Gott eine Möglichkeit existiert, die einen Ausgang ganz ohne Tote beinhaltet, dann kann ich immer noch unmöglich sagen, ob diese Möglichkeit durch meinen Knopfdruck wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher wird. Es ist uns unmöglich, die tatsächlichen Konsequenzen vorauszusehen. Aber eine andere Wahl, als die zu erwartenden Konsequenzen abzuwägen, haben wir nicht.
Nichtsdestotrotz halte ich es für gefährlich, wenn der Staat entscheidet, diejenigen sterben zu lassen, die "wahrscheinlich" eher sterben werden. In unserer komplexen Welt sind Wahrscheinlichkeiten fast nie mathematisch exakt. Sie ergeben sich aus unserem lückenhaften Wissen, wenn ich noch x oder y miteinbeziehe, dann habe ich plötzlich andere Wahrscheinlichkeiten vor mir. Jeder Mensch hat einen individuellen Kenntnisstand, und damit sind auch Wahrscheinlichkeiten immer subjektiv. Wenn von oben die Behauptung kommt, ein Mensch werde "wahrscheinlich" bald sterben, dann heißt das nur, dass eine gewisse Anzahl Entscheidungsträger das für wahrscheinlich hält.
Und abgesehen davon ist es auch in Hinsicht auf Missbrauch und Ungleichbehandlung gefährlich, wenn der Staat urteilt, wessen Leben im Zweifelsfall schützenswerter ist. Z.B. haben in Deutschland Menschen mit höherem Einkommen eine höhere Lebenserwartung, was an sich schon bedenklich genug ist. :( Aber jetzt stelle man sich vor, der Staat würde sagen, dass man deshalb im Zweifelsfall lieber den mit dem höheren Einkommen retten soll!! Offensichtlich geht das nicht, deshalb denke ich, auf Gesetzesebene sollte nach wie vor jedes Leben gleich viel wert sein, unabhängig von "Wahrscheinlichkeiten".


Du schreibst vom Wert eines Menschen. Und selbstverständlich sollte uns jedes einzelne Menschenleben schützenswert sein. (Sofern die Person es nicht anders wünscht bzw. wir vernünftigerweise von diesem Wunsch ausgehen können.) Wenn es eine Möglichkeit gibt, bei der kein Mensch stirbt, dann sollte immer diese ergriffen werden. Auch ich bin also froh, dass wir keine Todesstrafe haben.
Doch in manchen Situationen ist es eben leider unvermeidlich, dass Menschen sterben. Und in diesem Fall sollte man mMn. immer die Alternative wählen, in der am wenigsten Menschen sterben, eben weil einem Leben viel wert sind. Wenn jedes einzelne Leben zählt, dann entscheide ich so, dass möglichst viele davon gerettet werden - wie sonst?


Zum letzten Punkt: Amokläufer zu erschießen (wenn alle anderen Möglichkeiten ausscheiden) ist auch mit den verbreiteteren Meinungen vereinbar. Beim Flugzeugbeispiel habe ich irgendwo gelesen, dass lediglich keine unschuldigen Menschen getötet werden dürfen. Jemand, der sich selbst in die Situation gebracht hat und seinen Tod jederzeit abwenden könnte, indem er von seinen Plänen absieht, darf von staatlicher Seite notfalls getötet werden. Wenn also nur Terroristen im Flugzeug sitzen, wäre das Abschießen auch momentan erlaubt. Die Geister scheiden sich erst, wenn außerdem eine Geisel dabei ist.




So, ich habe jetzt begründet, weshalb ich KEINEN prinzipiellen Unterschied zwischen Tun und Unterlassen sehe. Ich erwarte nicht, dich damit überzeugen zu können, aber darum geht es mir auch gar nicht. :D Das hier macht mir einfach Spaß und wir kommen beide ins Nachdenken.
Jetzt bist du am Zug: Weshalb denkst du, dass es DOCH einen Unterschied zwischen Tun und Unterlassen gibt? ;)


Gruß, Troll


PS: Was mir gerade noch auffällt: Vor langer Zeit hast du geschrieben: "Aus der moralischen Sichtweiße hat der Pilot richtig gehandelt." Widerspricht das nicht deiner Aussage: "Jetzt zu sagen "Wir töten x um y zu retten", ist einfach nur pervers, finde ich."
Oder ist der zentrale Unterschied hier das "wir"? Denkst du also, dass das Abwägen von Menschenleben auf individueller Ebene moralisch richtig ist, auf staatlicher dagegen nicht? In diesem Fall kannst du de facto den ganzen Bitrag bis hier ignorieren und stattdessen begründen, weshalb staatliche Organe Entscheidungen in diesem Zusammenhang prinzipiell anders fällen sollen als Privatpersonen.
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Re: Story: Der Ewige Rat

Beitragvon Troll » 22. September 2019, 18:34

Hallo zusammen,

D ist da. Aus chronologischen Gründen konnte ich es nicht vermeiden, die selbe Perpektive wie beim letzten Buchstaben zu wählen. :roll:

So, und jetzt stehe ich vor einer unangenehmen Mitteilung: Meine Vorräte neigen sich dem Ende zu. Ich hatte meine Buchstaben bisher immer schon fertig, eine ganze Weile bevor ich sie veröffentlicht habe. Ich habe also veröffentlicht und währenddessen ein Stück später weitergeschrieben. Dadurch hatte ich immer noch ein bisschen Distanz, einen besseren Plan, was uns erwartet, und konnte auch den 1-Wochen-Rhythmus ohne Fluktuationen durchziehen. Mit der Zeit habe ich aber schneller veröffentlicht, als ich nachschreiben konnte, und mein Vorsprung wurde nach und nach aufgezehrt. Es ist nicht so, dass er jetzt weg wäre. Ich habe noch ein bisschen de facto fertig, für die nächsten drei Sonntage reicht es bestimmt noch. Es ist aber absehbar, dass ich nicht bis zum Schluss hinkommen werde, zumal jetzt auch noch mein Studium beginnt und ich noch weniger Zeit haben werde... 8-)
Und daher ist jetzt die Frage, was ich tun soll: So viel veröffentlichen, wie ich noch kann, und dann eine Pause einlegen, wie lange sie nötig ist - oder die Pause vorziehen. Ich denke nämlich, dass jetzt eine sehr gute Stelle für diese Pause wäre. Zwei Handlungsstränge haben einen (Zwischen-)Abschluss erreicht, auch beim dritten ist jetzt mMn. (in der Ahnung dessen, wie es weitergeht) ein guter Zeitpunkt. Wann auch immer ich sonst eine Pause einlege, sie wird nicht so schön liegen wie jetzt und der Widereinstieg wird schwerer fallen. Ich könnte aber auch verstehen, wenn ihr lieber schon lesen wollt, was ich noch habe...
Also, was meint ihr? Lieber alles raushauen, was geht, oder lieber jetzt schon pausieren, weil es thematisch schöner ist?
(Hinweis: In letzterem Fall käme noch ein Zwischenspiel, und dann würde ich mich irgendwann wieder melden, wenn ich denke, genug vorbereitet zu haben, um ohne weitere Pause bis zum Schluss zu kommen. Aber selbstverständlich stehe ich in der Zwischenzeit für Kritik, Anmerkungen, Fragen und natürlich philosophische Diskussionen zur Verfügung. ;) )

Gruß, Troll
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Re: Story: Der Ewige Rat

Beitragvon Bennie » 22. September 2019, 19:30

Hallo Troll,

bis jetzt bin ich nur dazu gekommen, deine Geschichte anzulesen, es ist mir einfach zu viel Text auf einmal. :oops:

Ich würde es sehr begrüßen, wenn du jetzt eine Pause machst und ich dann vielleicht sogar dazu komme, die Geschichte - nach und nach - weiterzulesen.
Und wenns obendrein noch vom Erzählerischen passt - besser geht's doch gar nicht. :P

Falls die Frage erlaubt ist:
Was wird du denn studieren?
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