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Story: Der Ewige Rat

Zwischenspiel VII – Die Ruine eines Menschen

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:12

Zwischenspiel VII – Die Ruine eines Menschen

Späte Nacht, 44. Herbsttag 76 A.Z.
Schlachtengrund, Graues Gebirge

Das Licht des untergehenden Vollmondes beleuchtete die hellgrauen Steine der alten Zwergenstraße, bis sie aus purem Silber zu sein schienen. Ein dunkler Fleck prangte gut sichtbar auf der offenen Fläche. Es war ein großes Tier mit pechschwarzem Fell. Nur die Zähne schimmerten strahlend weiß hinter den zurückgezogenen Lefzen hervor. Die Augen waren grün wie frisches Frühlingsgras und blickten klug umher. Sie suchten etwas. Den Jäger! Der Wolf schnupperte unruhig, dann jaulte er leise. Er schlich nach Norden, fort von dem Geruch nach Bosheit und dem Gefühl von Verderbnis.
Varkur sah das Wesen. Der stolze Königswolf, eingeschüchtert wie ein kleiner Welpe! Das dunkle Fell gesträubt, Furcht in den grünen Augen. Er spürte den Zorn des majestätischen Wesens, und auch die Angst. Und Angst musste es haben, oh ja. Denn jetzt, endlich, nach über einem halben Mond, hatte der Dunkle Magier ihn gefunden. Hatte ihn aufgespürt wie einen verborgenen Schatz. Dabei war dieser Wolf so wertlos für ihn!
Der Schwarze Herold hatte ihm aufgetragen, nach ihm zu suchen, ihn zu fangen oder zumindest ein Haar zu finden. Varkur hasste es, Befehle ausführen zu müssen. So lange war er sein eigener Herr gewesen, hatte seine eigenen Pläne verfolgt, und nun musste er sich diesem Geist unterordnen. Er, der mächtigste Dunkle Magier aller Zeiten! In ihm war die Dunkle Magie so stark wie in niemandem zuvor. Doch er fürchtete sie auch. Ja, er genoss die Macht, doch es war ihm nicht länger gleich, dass sie immer mehr von seiner Menschlichkeit verschlang. Er fürchtete, dass nicht er über die Dunkle Magie gebot, sondern sie über ihn. So wenig war geblieben von dem jungen Novizen, der sich geweigert hatte, seine letzte Prüfung abzulegen. Nur der Zorn von damals war noch immer da. Immer in ihm. Niemals fort. Zorn und Hass, das war seine ganze Existenz. Keine Freude. Keine Liebe. Die Dunkle Magie hatte alles verschlungen. Was würde sie ihm als nächstes nehmen?
Der Königswolf hatte Angst vor dem Dunklen Magier, doch Varkur auch. Nicht Varkur, der Magier, sondern Varkur, der Mensch. Varkur, der Bruder, der seine Schwester Nika geliebt und sich um seine Familie gesorgt hatte. Der voller Ehrgeiz, Neugier und Entschlossenheit die Ausbildung zum Zauberer absolviert hatte. Der den Geschichten seines Mentors aufmerksam zugehört hatte. Der die Magie des Landes beherrschen wollte, um Hadria Gutes zu tun. Was war aus dem Menschen Varkur geworden? Nichts als eine Ruine, erfüllt von Dunkler Magie, verlassen von allem, was ihm einst etwas bedeutet hatte. Eine Ruine, die mit jedem Einsatz von Dunkler Magie weiter einstürzte. Wann war er das letzte mal ein wirklicher Mensch gewesen?
Er war eingehüllt in schwarzen Nebel, verbarg sein eigenes entstelltes Angesicht vor den Augen der Welt. Seinen Körper kannte er selbst nicht mehr, nur noch über seinen Willen steuerte er all seine Taten. Hatte er Finger? Klauen? Krallen? Hatte er Haut oder Schuppen? Er wusste es nicht. Nur sein Wille war geblieben, doch auch der verändert. Korrumpiert.
Sein Tod kam ihm in den Sinn. In seinem letzten Kampf gegen die Helden von Andor war er unterlegen, doch es war keine wirkliche Niederlage gewesen, sondern eine Befreiung. Er hatte zum ersten Mal seit Jahren gespürt, was es hieß, kein Dunkler Magier zu sein. Er hatte sich an Dinge erinnert, die ihm für immer verschlossen waren. Sonnenschein, vom frischen Schnee reflektiert. Kalter Wind im Haar. Eis unter den Füßen. Er hatte verloren, aber zugleich auch etwas gewonnen, was all seine Macht ihm nicht geben konnte. Doch jetzt, nach seiner Wiederauferstehung, war er wieder nur der Dunkle Magier. Nur blasse Erinnerungen blieben zurück. Erinnerungen, die er am liebsten wieder vergessen hätte, denn sie hielten ihm einen Verlust vor Augen. Einen Verlust, den er zum ersten Mal spürte.
Er wollte wieder ein Mensch sein! Er wollte keine Macht mehr, sondern Erlösung! Doch er war gefangen in einem finsteren Kerker, den er selbst gebaut hatte und nicht einzureißen vermochte. Er hatte die Dunkle Magie verwünscht, sie fortgeschickt, doch sie hatte sich geweigert, seinen Befehlen getrotzt. So, wie sie es in letzter Zeit immer öfter tat. Sie blieb bei ihm, in ihm, und die Ruine des Menschen stürzte immer weiter ein.
Varkur flog den Hang hinab, auf den Königswolf zu. Er konnte nicht ändern, was er war. Die Dunkle Magie hatte sich zu tief in ihm eingenistet, um sie vertreiben zu können. Also verzichtete Varkur darauf, sie weiter zu nähren. Er versuchte, ihren Gebrauch einzuschränken. Doch er war unbeherrscht, der Zorn loderte heiß in ihm und ließ sich nicht löschen. Zorn und Hass. Er würde seine Gefühle verwenden müssen. Sie gegen seine Feinde richten anstatt auf sich selbst. Er heftete seinen bohrenden Blick auf den Königswolf und spürte, wie der Hass übermächtig wurde. Der dunkle Nebel breitete sich aus, überflutete die Straße und verschluckte das Silber. Der Wolf sah die Dunkelheit kommen, versuchte auszubrechen, doch es war ihm nicht möglich. Varkur hetzte das Tier vor sich her und es rannte immer weiter, auf der Suche nach einem Entkommen. Doch der Dunkle Magier wusste, dass es kein Entkommen geben würde.
Plötzlich blieb der Königswolf stehen. Er hatte die breite Schlucht gesehen, die wie von einer riesigen Axt geschlagen in der Straße klaffte. Er drehte sich um und knurrte. Kaum etwas war gefährlicher als ein in die Enge getriebenes Tier. Aber gegen Varkur würde der Königswolf nichts ausrichten können.
Gib auf, Königswolf!“, rief der Dunkle Magier. Seine Stimme war kalt, schnarrend und unmenschlich und ließ ihn selbst erschaudern. „Diese Schlucht kannst du nicht überspringen. Sie ist viel zu breit für einen kleinen Wolf wie dich.
Die grünen Augen funkelten, der Wolf legte seine Ohren an und knurrte, tief und grollend wie ferner Donner. „Gib auf!“, forderte Varkur erneut. Die Dunkelheit spuckte eine silberne Kette aus, fremdartige Runen ins Metall geätzt. Die Fesseln der Krahder passten sich der Größe ihrer Opfer an, und je mehr man zerrte, desto enger wurden sie.
Der Wolf fletschte die Zähne und schlich lauernd auf den Dunklen Magier zu. Mit jedem Schritt wuchs er dabei weiter. Er wurde groß wie ein Pferd. Wie ein Fuhrwerk. Wie ein Haus.
Nein!“, rief Varkur. „Widersetze dich nicht! Du kannst mich niemals besiegen. Wir beide wollen nicht, dass ich gezwungen bin, gegen dich zu kämpfen. Wir beide wollen nicht, dass ich meine Dunkle Magie beschwören muss.
Der Königswolf hatte aufgehört zu wachsen. Seine Krallen waren groß wie Schwerter, sein Gebiss glich dem Fallgitter vor einem Burgtor. Die Kraft des gigantischen Körpers war größer als jeder Rammbock sie aufbringen könnte. Erneut knurrte der Wolf und die Erde schien zu beben.
Und Varkur ließ seinem Zorn freien Lauf. Er bahnte sich seinen Weg durch die mühsam errichteten Barrieren der Selbstbeherrschung, sprengte die Ketten, die Varkur sich selbst auferlegt hatte. Die Dunkle Magie wogte, der Nebel wuchs. Der Königswolf knurrte nochmals, dann lief er los. Er floh erneut! Er rannte, seine gewaltigen Tatzen trommelten auf den Boden, seine Krallen schlugen Funken auf dem Gestein. Varkur lachte bestialisch. Das Vieh würde ihm nicht entkommen können, hatte es das noch immer nicht begriffen?
Doch der Wolf hielt unbeirrt auf die Schlucht zu, seine Geschwindigkeit nahm immer weiter zu. Er raste über die ebene Straße und dann, direkt vor dem Abgrund, sprang er nach vorne. Und Varkur blieb das Gelächter im Halse stecken. Viel zu breit für einen kleinen Wolf wie dich. Aber schmal genug für die monströse Bestie, in die der Königswolf sich verwandelt hatte. Der erreichte mühelos die andere Seite und begann augenblicklich zu schrumpfen. Er lief fort, wurde mit jedem Schritt kleiner und verschwand in einer Spalte.
Nein!“, schrie Varkur. „Neeiin!“ Der befreite Zorn richtete sich auf das einzige Ziel, das noch in der Nähe verblieben war. Die Dunkle Magie verbrannte den Magier, da das Opfer verschwunden war. Der Hass verwandelte sich in Schmerz, grausame Pein, unendliche Qual. Ein schriller Schrei erscholl aus der dunklen Wolke, hallte weit über die nächtlichen Berge, während ein weiterer Teil von Varkur für immer verbrannte und die Ruine des Menschen zerbröckelte.

Und an der tiefsten Stelle in Hadrias Unterwelt überzogen immer neue Risse den Boden, krochen die Wände hinauf und vereinigten sich zu einem fragilen Geflecht aus Zerbrechlichkeit.
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v – Trauer

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:12

v – Trauer

Später Vormittag, 43. Herbsttag 76 A.Z.
Südlich der Rietburg, Andor

„Seid gegrüßt, Rekruten! Ich bin Kommandantin Daroscha und meine Aufgabe ist es, euch Laien die hohe Kunst des Kampfes näherzubringen, damit ihr die Kreaturen zumindest ein bisschen ärgern könnt, ehe sie euch alle auffressen.“
Mit diesen wenig aufmunternden Worten begrüßte die stämmige Zwergin die etwa zweihundert Rekruten, die sich vor ihr versammelt hatten, eine Gruppe, die zu gleichen Teilen aus Befreiten und Andori bestand. Zusätzlich zu ihnen beherbergte die Rietburg noch etwa vierhundert Schutzsuchende, auch von ihnen etwa jeder zweite in Krahd geboren. Die meisten Andori verblieben in ihren Heimatorten, denn das Wintergetreide musste ausgesät werden und die Ernte war in vollem Gange. Gewiss arbeiteten jetzt auch die großen Mühlräder am Ufer der Narne unermüdlich. Das Volk glaubte nicht an die Warnungen, die neue Katastrophe werde gefährlicher als alle bisherigen. Wer die Krahder überstanden hatte, konnte sich keine größere Invasion mehr vorstellen. Die Kreaturen verhielten sich so ruhig wie seit Jahren nicht mehr und nur wenige erkannten, dass sie sich lediglich sammelten, um zu einem vernichtenden Schlag auszuholen.
Die Kommandantin stand auf einem flachen Stein am Fuße der Rietburg und trug ein dickes Kettenhemd, in dem sie unter der unbarmherzigen Herbstsonne in ihrem Rücken gewiss entsetzlich schwitzte. Janis erkannte nur einen undeutlichen Umriss, doch da er sie in den letzten Tagen schon gesehen hatte, wusste er von ihrem raspelkurzen hellbraunen Haar, der flachen Nase und dem mürrischen Zug um ihren Mund.
„Ist hier irgendjemand, der es sich nicht zutraut, gegen die Dunklen Kreaturen zu kämpfen?“, fragte sie jetzt. „Besser, er sagt es jetzt gleich.“
Janis musterte seine beiden Freunde links und rechts neben sich. Rodur starrte die Zwergin entschlossen an, doch aus seiner Haltung sprach eine leichte Nervosität. Sara dagegen wirkte vollkommen ungerührt, weder beklommen wie die eine Hälfte der angehenden Krieger noch eifrig und ungeduldig wie die anderen. Als sie Janis´ Blick bemerkte, gebärdete sie allerdings Unsicherheit und lächelte schwach, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Zwergin zuwandte.
„Ihr haltet euch also alle für bereit? Tja, ich denke, dass ihr euch irrt. Keiner von euch könnte einen Gor auch nur aufhalten, geschweige denn bekämpfen. Sie sind tückische Biester und ihre Hornklauen sind scharf. Doch sie sind harmlos im Vergleich zu gerüsteten Skralen, pfeilschnellen Wardraks und Trollen, die baumhohe Keulen schwingen. Die wenigen unter euch, die beim Anblick dieser Wesen nicht heulend zu Mami laufen würden, wären die ersten, die anschließend ihre Bäuche füllen. Ihr alle habt ein Schwert oder eine Axt bekommen, aber ihr könnt nichts damit anfangen. Eure Fähigkeiten sind bestenfalls katastrophal.“
Janis begutachtete das Kurzschwert, das an seiner Seite hing. Er hatte es sich umgegürtet, aber irgendwie sah das bei den erfahrenen Kriegern eleganter aus.
Plötzlich räusperte sich der hochgewachsene und breitschultrige Mann in grüner Tracht, der neben dem Felsen stand und der Zwergin dennoch bis zur Brust reichte. „Aus diesem Grunde ist es ratsam, die Kreaturen gar nicht erst an sich herankommen zu lassen. Schaltet man sie auf die Entfernung aus, muss man selbst kein Risiko eingehen.“
Es war Kunar, der Anführer der Bogenschützen, die die Bewahrer vom Baum der Lieder ihnen als Unterstützung gesandt hatten. Früher war es der König von Andor gewesen, der den Bewahrern mit seinen Truppen beistand, doch diese Zeiten waren vergangen. Andor hatte keinen König und auch fast keine Krieger mehr.
Kunars Aufgabe war es, die talentierten Menschen im Bogenschießen auszubilden, so wie Daroscha für den Nahkampf zuständig war. Beide waren mit einem Dutzend zusätzlichen Verteidigern und einer Wagenladung Waffen angereist, Äxte und Schwerter von den Schildzwergen, Bögen und Pfeile von den Bewahrern, und beide hatten die Burg vor zwei Tagen erreicht, als die Sonne im Zenit stand. Beinahe hätte es einen Zusammenstoß vor den Toren der Rietburg gegeben, weil weder Daroscha noch Kunar die anderen zuerst hatte durchlassen wollen. Die Krieger und Baumeister der Schildzwerge verstanden sich, soweit Janis beurteilen konnte, prächtig mit den Schützen und der jungen Priesterin von Mutter Natur, die der Oberste Priester der Bewahrer zur Rietburg gesandt hatte. Nur Kommandantin Daroscha und Meister Kunar selbst begannen seither jedes Mal einen Streit, wenn sie – trotz ihrer Bemühungen, dem jeweils anderen aus dem Weg zu gehen – aufeinandertrafen.
Daroscha blickte verächtlich auf den Bewahrer herunter. „Die Haut von Trollen ist widerstandsfähiger als jede Lederrüstung! Und die Schuppen von Wardraks gleichen einem eisernen Harnisch. Ein paar Pfeile halten solche Kreaturen nicht auf, da hilft nur harter Stahl.“
„Ein guter Bogenschütze hält sich nicht mit dem Panzer der Kreaturen auf, wenn er auch auf die Augen zielen kann.“, erwiderte Kunar hochmütig.
Die Rekruten beobachteten unwohl den Streit ihrer Lehrmeister. Heute hatte ihre Ausbildung beginnen sollen, also hatten die einhundertdreiundzwanzig Männer und achtundsiebzig Frauen sich vor der Rietburg versammelt.
„Viel Erfolg dabei, den Rekruten in wenigen Tagen beizubringen, auf hundert Schritt Entfernung das Auge eines Wardraks zu treffen!“, wünschte Daroscha bissig, dann wandte sie sich wieder an ihre Schüler. „Wenn ihr jetzt mit einem Schwert oder einer Axt kämpfen würdet, dann würdet ihr euch höchstens selbst verletzen. Daher sucht ihr jetzt alle einen Stock und kommt dann wieder her!“
Die Menge murrte enttäuscht. Auch Janis spürte Widerstand in sich aufkeimen. Er hatte zwar noch nie ein Schwert in der Hand gehabt, aber seine Mutter hatte ihn im Kampf ohne Waffen und mit Stab ausgebildet. In beidem war er, insbesondere in Anbetracht seines Alters, ziemlich gut. Jetzt sollte er schon wieder mit einem Stock kämpfen müssen?
„Können wir es nicht wenigstens versuchen?“, rief Janis über die Köpfe der Menge.
Daroscha hatte soeben laut überlegt, ob man die nutzlosen Bögen nicht wenigstens als Übungsschwerter gebrauchen könnte, doch jetzt wandte sie sich Janis zu. „Ah, der erste Störenfried!“, rief sie belustigt. „Dann komm her, Junge, und versuche es!“
Janis spürte, wie sein Mut sank. Daroscha musste ihre Autorität verdeutlichen, und dazu wollte sie ein Exempel statuieren. An ihm. Was ihm bei Orfen gelungen war, würde ihm hier nicht glücken, sie war vorbereitet. Ihm blieb nichts anderes übrig, als hoch erhobenen Hauptes unterzugehen.
Während Janis nach vorne trat kehrte seine Selbstsicherheit zurück. Daroscha hielt ihn für einen Bauerntölpel ohne jegliche Kampferfahrung. Außerdem war er der Jüngste auf dem ganzen Platz. Rodur und Sara waren auch nur etwa ein Jahr älter, aber in einem solchen Alter machte ein Jahr viel aus. Sie würde ihn unterschätzen. Sicher, in einem richtigen Kampf hätte er nicht die geringste Chance, aber Daroscha erwartete keinen richtigen Kampf, sondern nur ein Kind, das mit seinem Schwert vor ihrer Nase herumfuchtelte.
Er stellte sich vor den Felsen und Daroscha winkte ihn zu sich herauf. Während Janis hochkletterte, trat sie zurück an die gegenüberliegende Kante. Schon das verdeutlichte, wie wenig sie von ihm erwartete. Die Möglichkeit, in alle Richtungen ausweichen zu können, war sehr wertvoll.
„Los, greif mich an!“, forderte sie, nachdem er sich oben aufgerichtet hatte.
Janis zerrte ein wenig an seinem einfachen Kurzschwert, bis er es endlich aus seinem Gürtel bekam. Das Schwert war etwas länger als sein Arm und wog mehr als fünf Stöcke zusammen. Da das Kurzschwert eine zwergische Waffe war, war es auch an Zwergenhände angepasst, dementsprechend eingezwängt lag seine Hand zwischen dem schmucklosen Knauf und der flachen Parierstange.
Janis stellte sich in die Kampfstellung, die Kheela ihn gelehrt hatte.
Die Füße schulterbreit auseinander. Schulterbreit, Janis! Wo sind deine Schultern? Gut, jetzt einen Fuß etwas nach vorne, in Schrittstellung. Dein Gewicht lastet gleichmäßig auf beiden Füßen. Und leicht in die Knie gehen. Bleib trotzdem locker. Rücken gerade!
Er erkannte eine milde Überraschung in Daroschas Augen, doch noch hielt sie die Stellung für Zufall. „Greif an, sagte ich! Wenn ich ein Gor wäre, ich hätte dich in dieser Zeit schon fünfmal getötet!“
Janis betrachtete skeptisch die Zwergin. Sie hatte ihre Waffe, eine gewaltige Doppelaxt, noch immer auf ihrem Rücken hängen und wartete gelassen seinen Angriff ab. Also schlug Janis mit aller Kraft zu.
Der Streich war langsam und unkontrolliert, das erkannte er schon auf den ersten Blick. Daroscha machte einen Schritt zur Seite und wich mühelos aus, währenddessen sagte sie laut: „Er hat viele Fehler gemacht, aber die wichtigsten sind: Erstens, er holt zu weit aus, so erkennt jeder Trottel, wohin der Schlag geht. Zweitens, er umklammert seine Waffe viel zu fest. Daher kann er sie nicht gut kontrollieren.“
Janis presste seine Zähne zusammen und schlug erneut zu, dieses mal holte er weniger weit aus. Daroscha wich diesmal nicht aus, sondern griff mit ihrer rechten Hand unter dem Schlag hindurch, packte sein Handgelenk und hielt es fest. Mit der anderen Hand schlug sie leicht gegen die flache Seite der Klinge, woraufhin das Schwert aus seiner Hand fiel und klirrend auf dem Felsen aufprallte. Das ganze geschah mit Kraft und Präzision in einer einzigen fließenden, makellosen Bewegung.
Von den Rekruten erklangen vereinzelt verhaltene Lacher. „Noch immer zu starr umklammert!“, urteilte die Zwergin. „Ein Griff ist wie ein Stück Stahl, ist er zu fest, wird er spröde und zerbricht schnell. Er muss sich auch verbiegen können.“
In Janis stieg Zorn auf. Unzweifelhaft verstand diese Kommandantin ihr Handwerk, aber das gab ihr nicht das Recht, sich über ihn lustig zu machen. Sein Stolz war verletzt, und darauf reagierte er schon seit jeher äußerst allergisch. Sie hatte ihn entwaffnet und hielt ihn für besiegt, aber in Wahrheit hatte sie ihm einen Gefallen getan. Mit einem Schwert konnte er noch nicht umgehen, doch den waffenlosen Kampf beherrschte er.
„Wäre ich jetzt ein Gor gewesen, die Hand dieses Jungen wäre von einer Hornklaue zerquetscht. Zu seinem Glück bin ich kein Gor und halte sie deswegen nur fest. Der Griff heißt Bazurôm, Donnernder Stein, weil man sich aus ihm so schlecht befreien kann, als wäre ein Steinbrocken auf die eigene Hand gedonnert.“
Janis kannte diesen Griff unter dem Namen Regenwolke, weil eine solche gerade aufgetaucht war, als Kheela ihn gelehrt hatte. Kommandantin Daroscha hatte recht, man konnte sich wirklich nur schwer aus ihm befreien. Sie konnte unmöglich ahnen, dass Janis die einzige Schwachstelle kannte.
So wird das nichts, Schatz. Überlege, bevor du zuschlägst. Wenn du mit der festgehaltenen Hand dagegen arbeitest, wird sie nur noch weiter verdreht. Aber du hast zwei Hände. Also, wie kannst du dich befreien? Nein, die Stelle ist zu stabil. Und wenn du das machst, drücke ich einfach mit meinem Daumen zu und verstärke den Druck, bis du aufhörst. Mein beweglicher Daumen ist die Stärke dieses Griffs. Aber er kann auch zu einer Schwäche werden.
Janis packte mit seiner anderen Hand zu und unterbrach Daroschas Vortrag. Er legte Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand um den Daumen der Zwergin und drückte zu. Er sah Schmerz und Überraschung in ihrem Blick, doch noch immer hielt sie seine plötzliche Befreiung für Glück.
Genau! Und jetzt sieh zu, was ich danach machen muss. Du benutzt die Daumenklammer, also muss ich loslassen. Nein, hör jetzt nicht auf! Ich muss einen Schritt nach vorne machen, auf dich zu. So, und jetzt schau, ob du meinen Schwachpunkt entdecken kannst. Ja, richtig. Während des Schrittes stehe ich nur auf einem Bein, mit genug Kraft kannst du mich jetzt umwerfen. Nein, drück da unten! Perfekt, Schatz. Aber ein guter Krieger bemerkt diesen Konterangriff und macht anstatt eines Schrittes nach vorne jetzt schnell einen Schritt zurück. Und dann sind beide frei und warten, was der andere als nächstes macht.
Daroscha begann wie erwartet einen Schritt nach vorne, um die Daumenklammer gegen ihn verwenden zu können. Er senkte seine jetzt freie Hand auf ihre Hüfthöhe. Es war eigentlich eine überflüssige Bewegung, denn für diesen Angriff benötigte man mehr Kraft, als er hatte, und Daroscha stand selbst auf einem Bein noch wie ein Fels. Doch die Kommandantin kannte das Manöver, und Janis sah, dass ihr jetzt endlich dämmerte, dass ihr Opfer nicht so wehrlos war wie erwartet. Diese Erkenntnis kam allerdings zu spät. Ihre jahrelange Übung ließ sie als Ausweichen gegen seinen Angriff einen Schritt zurücktreten. Genau ins Leere.
Fassungslosigkeit mischte sich in ihrem Gesicht mit Zorn, dann fiel Daroscha hintenüber und schlug hart auf dem Boden auf. Ihr schweres Kettenhemd rasselte laut. Glücklicherweise war der Stein nur knapp einen Schritt hoch, von der Schmach abgesehen war ihr also nichts geschehen.
Die Rekruten tuschelten leise und zeigten erstaunt auf ihn. Immer wieder konnte Janis seinen neuen Namen hören: Sajin. Er hatte den Statthalter mit einer Hand zu Boden geschickt. Bisher hatten die Andori das als Zufall gewertet, doch jetzt waren sie eines Besseren belehrt worden.
Kunar lachte schallend, während Daroscha sich aufrappelte. Ihr Gesicht leuchtete rot wie die untergehende Sonne, doch es war nicht Scham, sondern Zorn, der es färbte. „Sei still, du Hund!“, schnauzte sie den Bewahrer an.
„Selbst ein Hund hätte gegen ein Kind gewonnen.“, entgegnete der noch immer lachend.
„Und jedes kleine Kind würde dich besiegen!“, rief die Zwergin erbost.
„Es bekäme keine Gelegenheit, es auszuprobieren. Mein Bogen …“
„Ach so, du erschießt also kleine Kinder?“, fragte Daroscha voll Genugtuung.
Kunars Lächeln erlosch. „Natürlich nicht. Aber ich könnte es.“
„Pah, du würdest doch nicht einmal einen Berg treffen, wenn er wenige Schritte vor dir wäre.“
„Ich könnte selbst im Dunkeln von hier aus der Schwalbe dort hinten beide Augen ausschießen.“
So wie alle anderen folgte auch Janis mit seinem Blick Kunars ausgestrecktem Arm zu dem schwarzen Punkt, der zwischen den Türmen der Rietburg flatterte.
„Ach ja? Beweise es!“, rief Daroscha.
„Warum sollte ich einer harmlosen Schwalbe die Augen ausschießen? Ich könnte aber stattdessen auf eine gewisse Zwergin zielen. Dich zu treffen wäre zwar nicht allzu schwer, aber dafür wären ein paar Pfeile in deinem Gesicht eine deutliche Verschönerung.“
„Pass nur auf, dass ich dein Gesicht nicht mit meiner Axt verschönere!“
„Haha, du würdest ja nicht mal meinen Bauchnabel erreichen, so klein wie du bist!“
„Je größer man ist, desto tiefer fällt man. Soll ich dir diese Lektion verdeutlichen?“
Ehe die beiden aufeinander losgehen konnten, rannte Statthalter Orfen herbei. Er musterte kurz Janis, der noch immer auf dem Stein stand, dann rief er den beiden Lehrmeistern zu: „Hört sofort auf! Das ist ja nicht auszuhalten, bis auf die Rietburg hört man euer Gekeife! In Zukunft unterrichtet ihr getrennt, ist das klar?“
Daroscha und Kunar funkelten sich an, bis Orfen zwischen sie trat, jeden an einem Arm packte und zur Burg führte. Damit war der Unterricht für diesen Tag beendet, noch ehe er wirklich begonnen hatte.

„Das war echt beeindruckend!“, lachte Rodur, als die drei Freunde sich auf dem Rückweg zur Rietburg befanden. „Als sie dich zu sich rief, da habe ich dich wirklich bemitleidet, aber dann … Sie erklärt uns, was du alles falsch machst, und im nächsten Moment fliegt sie plötzlich durch die Luft.“
„Du hast ihr Gesicht nicht gesehen!“, sagte Janis und imitierte ihre Fassungslosigkeit.
Zwerg-Frau. Voll. Wut. - Brauchen. Kontrolle. - Kind-Von-Fluss. Lachen werden. Nein. Lange. warnte Sara und ihre Augen waren zu gleichen Teilen blau und grau. Janis stimmte ihr zu. Daroscha würde die Demütigung nicht auf sich sitzen lassen, er hatte ihren Zorn gesehen. Aber das kümmerte ihn nicht, er hatte deutlich größere Sorgen.
Noch immer hatte er bei der Bewältigung seiner Aufgaben keine Fortschritte gemacht. Die Rietgraskrone trug Orfen nicht, aber da er nur Statthalter war, wäre das auch unangemessen. Ob sie sich in seinem Besitz befand, wusste Janis dadurch noch lange nicht. Auch ein Haar von ihm zu beschaffen stellte sich als schwieriger heraus, als Janis erwartet hätte. Chada hatte in ihrem Brief davor gewarnt, dass Orfens Gegner keine Teile von ihm bekommen dürften, daher wusch sich der Wolfskrieger jetzt jeden Morgen, schrubbte sich gründlich ab und kämmte sich stark, damit er keine Schuppen oder Haare verlor. Seitdem wirkte Orfen gepflegt und sauber, fast wie ein echter Würdenträger. Sara, die ihm trotz ihrer Rekrutierung noch immer als persönliche Dienerin beistand, entsorgte gewissenhaft alle Spuren der morgendlichen Wäsche und Janis wollte es nicht riskieren, sie darauf anzusprechen. Sie war zu klug, als dass er ihren Verdacht auf sich hätte lenken dürfen.
Von. Wann. Und. Wo. Ausbildung. Von. Kind-Von-Fluss. Als-Frage-Gemeint. gebärdete sie jetzt.
„Welche Ausbildung?“, fragte Rodur verwirrt.
Ausbildung. Für. Sieg. Über. Zwerg-Frau. Sara sah Janis interessiert an und er wusste, dass es Zeit war, zumindest seinen Freunden zu erzählen, wer er wirklich war. Natürlich würde er ihnen seine aktuellen Pläne verschweigen müssen, aber seine Vergangenheit konnte er ihnen nicht mehr vorenthalten. Nicht, nachdem sie ihm auch alles über sich enthüllt hatten.
„Kommt heute Abend auf den Kronenturm.“, vertröstete er die beiden. „Dann werde ich euch meine Vergangenheit zeigen.“
„Warum noch so lange?“ Rodur hatte ihn niemals gedrängt, etwas preiszugeben, doch jetzt war auch er neugierig.
„Ich muss noch etwas vorbereiten. Und ich weiß nicht, wie lange das dauert.“ Rodur wirkte verdutzt, doch nahm diese Ankündigung gelassen hin. Sara dagegen verengte ihre Augen und musterte ihn scharf. Janis kannte diesen Blick. Sie begann nachzudenken.


Später Nachmittag, 43. Herbsttag 76 A.Z.
Dachgeschoss im Kronenturm der Rietburg, Andor

Den ganzen Nachmittag verbrachte Janis unter dem Dach des Kronenturms. Anfangs stand er an der Brüstung und starrte in die Ferne. Von hier aus konnte er fast das gesamte westliche Rietland überblicken: Den Südlichen Wald, die Küste Sidra, die nebelverhangenen Flusslande. Der Blick reichte weiter als vom eigentlichen Aussichtsturm aus. Doch von Brandurs Turm aus waren nur einige Ausläufer des Fahlen Gebirges nicht zu sehen, dafür jedoch auch das Land direkt vor der Mauer. Mochte man vom Kronenturm aus auch bis aufs Hadrische Meer blicken können, Feinde vor dem Tor waren unsichtbar.
Schließlich setzte sich Janis an die runde Mauer und schloss die Augen. Wo war sie? Wie konnte man sie kontrollieren? Bei Mutter hatte es immer so leicht ausgesehen! Komm schon, Vara! Bis Kheela wieder zurück ist, bin ich der rechtmäßige Hüter der Fusslande, du hast dich meinem Willen unterzuordnen. Doch der Wassergeist blieb verschwunden.
Er versuchte es weiter. In Gedanken flehte er, sie möge kommen. Er forderte ihre Ankunft. Er bettelte um ihre Aufmerksamkeit. Er befahl ihr, auf der Stelle zu erscheinen. Aber all seine gedachten Worte waren vergebens.
Elementargeister sind fremdartige Wesen, Janis. Versuche nicht, sie mit menschlichen Maßstäben zu messen. Ihre Gedanken sind anders als die unseren. Eine Verbindung, wie du sie suchst, kann nicht über Worte erfolgen.
Wie dann, Mutter? Wie ist es möglich, sie herbeizurufen?
Denke an das, was ich dir einst über sie erzählt habe. Erinnere dich zurück an die friedlichen Zeiten. Du hast meine Worte von damals nicht vergessen, das weiß ich.
Wirklich? Selbst nach deinem Tod noch stellst du mir Rätsel? Selbst jetzt noch versuchst du, mich zu erziehen?
Vergiss nicht den Unterschied zwischen meinen Gedanken und deinen eigenen. Du selbst stellst dir dieses Rätsel. Du denkst dir, was ich gesagt hätte. Ich bin nur die Erinnerung in dir, die Worte sind deine eigenen. Sie sind nur, was du denkst, welches meine Worte gewesen wären.
Ich kenne dich so gut, Mutter. Ich weiß genau, was du worauf antworten würdest.
Du kennst mich nicht so gut, wie du denkst. Es gibt vieles, was du nicht über mich weißt.
Ich weiß vor allem, dass die Worte, die ich jetzt denke und die du gesagt hättest, einzig dem Ziel dienen, mich von meinen Plänen abzubringen. Werde ich schon wahnsinnig, wenn ich versuche, mich selbst zu belügen?
Die Menschen belügen sich so oft selbst, Janis. Das ist ein Teil von ihnen. Aber dich belüge ich nicht. Bitte, halte ein! Du weißt, dass ich mir etwas anderes gewünscht hätte. Du weißt, dass ich niemals wollte, dass Andor für mich geopfert wird.
Ich kann dich nicht aufgeben, das weißt du. Wie hättest du an meiner Stelle gehandelt, wenn es darum ginge, mich zurückzuholen? Dein eigenes Leben hättest du bedenkenlos für Andor geopfert, doch was wäre mit meinem? Wäre dir ein ganzes Land wertvoller als dein eigener Sohn?

Janis stockte. Sein Selbstgespräch brach ab. Was hätte Kheela darauf geantwortet? Wofür hätte sie sich entschieden? Hätte sie ihn geopfert? Oder hätte sie die gleichen Entscheidungen getroffen wie er? Zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass er es nicht wusste. Wie konnte es sein, dass er eine so elementare Eigenschaft seiner Mutter nicht kannte?
Eine tiefe Trauer erfüllte Janis. In diesem Moment fühlte er all seinen Verlust und seinen Schmerz so stark wie selten zuvor. Diese Frage würde er seiner Mutter nicht stellen können. Nicht, bis er den Auftrag Nomions erfüllt hatte. Er hatte sie verloren, doch tatsächlich war stets ein Teil von ihr in ihm. Doch jetzt erst erkannte er, wie unvollständig dieser Teil wirklich war. All seine stummen Gespräche waren nichts als ein billiger Abklatsch der echten Kheela. Nur ein Spiegelbild in flachem Wasser. Mutter war tot und nur er konnte sie retten. Zum Preis eines ganzen Landes. Er schluchzte auf.
Und in diesem Moment spürte er etwas, eine Regung tief in seinem Inneren. Seine Mutter hatte ihm einst von Varas Liebe zum Bauern Etore erzählt, und von dem Kummer, in den sie sich verwandelt hatte. Gefühle! Mochte der Verstand der alten Geister des Landes von denen der Menschen auch vollkommen verschieden sein, ihre Gefühle waren dieselben.
Deine Seele ist wie ein See, Janis. Eine Verbindung wie diese, ein solches unsichtbares Seil zu Vara, wiegt zu schwer, um an der Oberfläche zu bleiben, wo deine Gedanken als ein leichter Wind das Wasser kräuseln. Du musst am Grund suchen. Dort, wo das Wasser dunkel und undurchschaubar ist, wo deine Gefühle und dein Unterbewusstsein schlummern, dorthin ist es gesunken. Es ist zu tief unten, als dass der Wind es beeinflussen könnte. Nur die Strömungen deiner Gefühle können daran ziehen.
Und Janis ließ seinen Tränen freien Lauf. Er weinte über den Tod seiner Mutter. Er weinte über seine Heimat, die er den Flammen überlassen hatte. Er weinte über das Vermächtnis Kheelas, das er zerstören würde. Er weinte über die Freunde, die er verraten musste.
Die Trauer ist wie ein gewaltiger Strom. Du kannst sie nicht aufhalten. Sie wird sich nur aufstauen hinter den Dämmen, die du baust. Dämme, die früher oder später doch zerschlagen werden. Und dann wird sie übermächtig sein und alles überschwemmen. Du kannst sie nicht auf Dauer zurückhalten, sonst sammelt sie sich in dir und wird faulig vom langen Stillstand. Frischer Kummer wäscht dich rein, aber alte Trauer vergiftet dich. Lass sie fließen, wenn sie kommt. Du kannst sie nicht aufhalten. Doch du kannst sie lenken, Janis. Du kannst dem Fluss ein neues Bett graben. Und du kannst Mühlen daran bauen, um den Kummer zu nutzen. Jeder Hüter der Flusslande seit Etore hatte den Tod des letzten Hüters, eines eigenen Elternteils, zu betrauern. Von dieser Trauer zehren wir ein ganzes leben lang, mit ihrer Hilfe können wir mit Vara kommunizieren, denn sie weiß, was wahre Trauer ist. Kummer und Leid ist ihre Existenz, doch sie verwandelt ihre Trauer in das Wohl anderer. Lenke den Strom, Janis, und baue die Mühlen.
Seine Trauer war übermächtig. Sie suchte ein Ziel, und Janis lenkte sie. Er weinte noch immer, doch plötzlich vergoss er Tränen über die Worte, die er zu Vara gesagt hatte. Er beweinte, dass der Wassergeist fort war und nicht bei ihm. Und da spürte er, wie das unsichtbare Seil, das am Grunde seiner Seele lag, sich spannte.


Abenddämmerung, 43. Herbsttag 76 A.Z.
Dachgeschoss im Kronenturm der Rietburg, Andor

Als die Sonne zwischen den Gipfeln des Fahlen Gebirges verschwand, öffnete sich die Klappe und Rodur stieg hindurch. „Also, alles vorbereitet?“
Hinter ihm folgte Sara, und Janis zweifelte keinen Augenblick daran, dass zumindest ihr seine verquollenen Augen auffielen. Doch sie fragte nicht nach.
„Ja!“, antwortete Janis schließlich. „Alles ist bereit. Ich werde euch von mir erzählen.“
„Gut, dann fang an, Sajin!“
Du. Wollen. Erzählen. Alles. Als-Frage-Gemeint. Janis nickte und wünschte, er könnte ihnen tatsächlich alles erzählen und nicht nur die Ereignisse bis zu seinem Aufbruch. Dann. Sagen. Richtig. Name. Von. Kind-Von-Fluss.
Janis starrte Sara fast so überrascht an wie Rodur. „Was meinst du mit dem richtigen Namen?“, fragte sein Freund.
„Sie meint den Namen, den meine Mutter mir gab.“, erwiderte Janis an ihrer statt. „Sie nannte mich nicht Sajin. Aber woher weißt du das, Sara?“
Du. Reagieren. Zu. Langsam. Bei. Nennen. Von. Name. - Du. Leicht. Zögern. Bevor. Sprechen. Aus. - Und. Viele. Kleinigkeiten. Mehr. - Was. Also. Name. Von. Kind-Von-Fluss. Als-Frage-Gemeint.
Janis nahm sich vor, Sara nie wieder zu unterschätzen, und wusste zugleich, dass er es doch wieder tun würde. „Janis. So nannte sie mich.“ Er lächelte schief. „Aber ich habe diesen Namen zurückgelassen, denn er ist ein Teil meiner Vergangenheit. Für die Menschen hier werde ich weiterhin Sajin sein, und auch du kannst mich so nennen, Rodur.“ Während er den letzten Satz sagte, gestikulierte er gleichzeitig in Saras Richtung: Ich. Weiter. Kind-Von-Fluss. Für. Mädchen-Ohne-Worte. Es gelang ihm, beide Sätze fehlerlos zu Ende zu bringen, aber er spürte den Knoten in seinem Kopf.
„Aber warum hast du einen neuen Namen angenommen?“, hakte Rodur nach.
„Weil der alte mit zu vielen schmerzhaften Erinnerungen verbunden ist. Mein Vater war ein Krieger Andors. Er starb noch vor meiner Geburt. Aber meine Mutter … Ihr Name war Kheela.“
Rodur konnte damit nichts anfangen, schließlich kam er aus Krahd. Doch Sara gebärdete erstaunt: Hirte. Von. Fluss-Land. - Mit. Wasser-Seele. Janis war regelrecht erleichtert, dass sie das nicht auch längst schon wusste.
„Ja.“, bestätigte er. „Die Kheela. Die ehrwürdige Hüterin der Flusslande. Die Freundin der Helden von Andor. Die gemeinsam mit einem Wassergeist über die Menschen am Fluss wachte. Sie war gütig wie der Sonnenschein, ihre Liebe war unermesslich wie der Ozean, und sie war fast so klug wie Sara hier. Sie brachte mir Lesen und Schreiben bei, lehrte mich, Wunden zu schlagen und zu heilen, erzählte mir von der Geschichte Andors. Kurz: Sie bildete mich umfassend aus, um mich darauf vorzubereiten, nach ihrem Tod der neue Hüter der Flusslande zu werden.“
Saras Augen färbten sich nachtblau und sie gestikulierte: Ich. Glücklich. Wenn. Jemand. Mich. So. Anschauen. Wie. Kind-Von-Fluss. Blicken. Wenn. Sprechen. Über. Mutter.
Janis Mund trocknete aus. Ihm wollte keine passende Erwiderung einfallen. Ehe er etwas sagen konnte, fragte Rodur: „Was kam dazwischen? Warum wurdest du nicht zu dem Hüter, zu dem du werden solltest?“
„Sie starb zu früh.“, entgegnete Janis bitter. „Sie stellte sich den Armeen der Toten in den Weg, um den Andori mehr Zeit zu verschaffen. Die Krahder haben sie verschleppt und ermordet. Ich habe fast zwei Jahre gewartet, doch als die Helden von Andor aus dem Grauen Gebirge zurückkehrten, war sie schon lange in der Winterburg ermordet worden. Sie ist tot, doch ihr Erbe besteht. Ich wollte vor meiner Vergangenheit davonlaufen, aber es ist mir nicht gelungen. Sie hat mich eingeholt. Und ich werde euch mit ihr bekannt machen.“
Janis fokussierte seine Trauer. Er hätte nicht beschreiben können, wie genau er es tat, doch intuitiv wünschte er Varas Erscheinen herbei. Sein Schmerz richtete sich auf den Turm und er wusste, dass der Wassergeist die Aufforderung verstanden hatte.
Plötzlich kühlte sich die Luft merklich ab. Zugleich wurde sie schwül wie kurz vor einem Gewitter. Doch es war kein unangenehmes Gefühl. Es wurde nicht kalt, nur kühl. Die Luft war nicht unangenehm feucht geworden, sondern nur weniger trocken. Neben der Holzklappe bildete sich eine Pfütze. Das Wasser wuchs nach oben und schien in den letzten Sonnenstrahlen blau zu glühen. Es formte die Umrisse einer großen Gestalt, dann bildeten sich Einzelheiten. Eine durchscheinende Hand. Lange wogende Haare. Ein verschwommenes Gesicht, schön, aber auch unheimlich. Vara war gekommen. Und um sie herum bildete sich eine tiefe Melancholie, die den eigenen Schmerz jedoch nicht vergrößerte, sondern darüber hinwegtröstete, als hätte man sich soeben an der Schulter eines guten Freundes ausgeweint.
„Das ist Vara. Sie ist der Wassergeist, mit dessen Hilfe Mutter den Menschen beistand. Vara, das sind Sara und Rodur. Meine … Freunde.“
„Sie ist wunderschön.“, staunte Rodur.
Ein wehmütiges Lächeln zeichnete sich auf Varas körperlosen Lippen und sie hob ihre grazile Hand. Sara trat einen Schritt vor und griff vorsichtig danach. Ihre Finger glitten durch das Wasser einfach hindurch und sie starrte die Hand fasziniert an. Und dann … lachte sie. Es war ein Laut, zart wie der Flügelschlag einer Libelle und rein wie frisches Quellwasser. Er dauerte nur einen Moment, aber in diesem Moment war in ihren Augen nicht das kleinste Quäntchen Blau zu sehen. Sie erstrahlten in schillerndem, satten Purpur. Es war dieser eine Moment, der Janis verzauberte. Dieses Lachen war etwas Kostbares, etwas Heiliges!
„Du … hast gelacht.“, sagte Rodur lahm, Janis dagegen blickte sie nur mit offenem Mund an.
Natürlich war es eigentlich logisch, dass Sara auch lachen konnte. Sie hatte ihre Zunge verloren, nicht aber ihre Stimmbänder. Doch irgendwie war das Janis nie in den Sinn gekommen. Für ihn war sie immer stumm wie ein Fisch gewesen, ein Wesen, das seine Stimme eingebüßt hatte und sich nur über Gesten und Gebärden verständigte. Doch natürlich hatte sie ihre Stimme nicht eingebüßt, sie verwendete sie lediglich nicht. Und ein Lachen … wie hätte sie jemals lachen können nach dem Tod ihrer Eltern, nach den Schrecken der Winterburg? Der Kummer war ihr stummer Begleiter, das traurige Blau ihrer Augen wich niemals vollständig. Niemals, bis auf in diesem einen Moment. Ein Moment, in dem Janis sich schwor, sie erneut zum Lachen zu bringen.

Vor den Toren der Rietburg flackerte das Ewige Feuer unruhig. Die violetten Flammen tanzten im Wind, umzingelten das letzte gelbe Flämmchen. Plötzlich färbten sie sich ein, bis sie zu gleichen Teilen gelb und violett waren. Die so gegensätzlichen Farben umspielten einander, flackerten hin und her, und beinahe wirkte es, als kämpften sie miteinander.


Früher Nachmittag, 47. Herbsttag 76 A.Z.
Südlich der Rietburg, Andor

„Willkommen, meine neuen Schüler! Mein Name sollte euch allen bereits bekannt sein, aber die Höflichkeit gebietet es, dass ich mich dennoch vorstelle: Ich bin Kunar, Bewahrer vom Baum der Lieder, Meister der Pfeile, Oberster Ausbilder im Bogenschießen, Aufseher der Bögen, stellvertretender Oberster Wächter und achtmaliger Gewinner der Großen Jagd.“
Und. Ziemlich. Arrogant. gestikulierte Sara, was Janis ein unterdrücktes Prusten entlockte.
Kunar hatte sich neben dem Stein aufgestellt, auf dem Kommandantin Daroscha vor vier Tagen ihre neuen Rekruten begrüßt hatte. Seine schulterlange, dunkelblonde Haarpracht wellte sich leicht im Wind und seine grünen Augen blitzten. Sein grünes Wams wies keinen einzigen Fleck auf und sein Kinn war glatt rasiert. Über seiner Schulter hing ein Köcher, aus dem die typischen grünlichen Pfeile der Bewahrer ragten. In seiner rechten Hand hielt er einen Bogen, fast so groß wie er selbst.
„Ihr seid klug, denn ihr habt euch entschlossen, das Bogenschießen zumindest zu versuchen. Damit könnt ihr das geringste persönliche Risiko eingehen und außerdem“, er lächelte verschwörerisch und offenbarte eine ebenmäßige Reihe strahlend weißer Zähne, „weitgehend der Fuchtel einer gewissen Zwergin entkommen, deren Namen ich jetzt nicht nennen werde, da ich versprochen habe, Streit künftig aus dem Weg zu gehen.“
Tatsächlich war Letzteres wohl der Hauptgrund, weshalb drei von vier Rekruten sich hier eingefunden hatten. Natürlich würden nicht alle von ihnen letztendlich mit einem Bogen in der Hand auf der Mauer stehen, aber sie waren diejenigen, die es versuchen wollten, um sich anschließend zu entscheiden, ob sie der Nahkampfausbildung von Kommandantin Daroscha folgen oder die meiste Zeit damit verbringen wollten, mit einem Bogen zu üben.
In den vergangen Tagen hatte Daroscha sich als wahre Leuteschinderin entpuppt. Sie trieb die Menschen erbarmungslos bis an ihre Grenzen und noch darüber hinaus. Am ersten Tag hatte sie den Rekruten bei stechender Sonne fünf Stunden Dauerlauf aufgedrückt. Wenn jemand umfiel, dann lief sie zu ihm und zerrte ihn mit den Worten „Willst du die Schlacht später auch verschlafen?“ wieder auf die Beine. Sie demoralisierte ihre Schüler noch zusätzlich, in dem sie am Dauerlauf teilnahm und trotz ihrer kurzen Beine und des schweren Kettenhemdes schneller lief als irgendjemand sonst.
Am nächsten Tag mussten sich alle Rekruten in einer Reihe aufstellen und ihre Waffe mit ausgestrecktem Arm vor sich halten. „Es braucht ja nicht mal einen Feind, um dich zu entwaffnen!“, bellte sie jeden an, der seine Waffe schließlich senkte oder fallenließ. Zum Schluss behauptete sie noch, dass selbst Zwergenkinder mehr heben könnten als ihre Schüler.
Am dritten Tag ließ sie die Rekruten die seltsamsten Übungen machen, um alle Muskeln zu trainieren, abgesehen von den Gliedmaßen und natürlich den Lachmuskeln. Am Tag darauf, nachdem die Beine sich von der Anstrengung des vergangenen Dauerlaufs erholt hatten, mussten die Schüler diesen erneut absolvieren, allerdings noch eine Stunde länger. So wiederholte sie all ihre kräftezehrenden Übungen nach einer zweitägigen Pause, und dabei hob sie die Anstrengung stets etwas weiter.
Janis hatte unter Daroscha am meisten zu leiden, denn sie erschwerte seine Aufgaben noch zusätzlich ein wenig. Die Runden musste er am weitesten außen laufen. Anstatt seines leichten Kurzschwertes war es eine Axt, die er heben musste. Die Körperübungen musste er besonders bedächtig ausführen, was sie allerdings keineswegs vereinfachte. Im Gegenteil, je langsamer man sie durchführte, desto schwieriger wurden sie.
Rodur und Janis waren schon lange zu dem Schluss gekommen, dass die Kommandantin eine Sadistin war, die ihren Rekruten unnötige Qualen aufdrückte. Doch Sara war anderer Meinung, und tief in seinem Inneren wusste Janis, dass sie wie üblich recht hatte.
„Ich erwarte nicht, dass ihr meine Perfektion auch nur annähernd erreicht, aber jeder Pfeil, der durch die Luft fliegt, könnte sich in eine Kreatur bohren.“ Kunar klatschte aufmunternd in die Hände. „Da wir nicht wissen, wie viel Zeit euch noch bleibt, schlage ich vor, dass wir direkt anfangen. Jeder sucht sich dahinten aus dem Haufen einen Bogen, den er für angemessen erachtet. Es sei denn natürlich, er möchte lieber“, der Bewahrer grinste abfällig, „erst mit Stöcken üben.“
Sara und Janis gingen zu den Bögen, die nach Größe sortiert bereitlagen. Rodur war nicht mit dabei, er gehörte zu den wenigen, die sich entschlossen hatten, weiterhin Daroschas Training mitzumachen, ohne das Bogenschießen auch nur zu probieren. Eine Ankündigung, die nach seinen andauernden Beschwerden nur umso überraschender gekommen war.
Sara entschied sich für einen der kleinsten Bögen, die hier lagen, ein Kurzbogen kaum größer als ihre Beine. Janis wählte einen, der ihm bis an den Hals reichte, da er allerdings nicht der Größte war, gehörte der Bogen trotzdem zu den kleineren Langbögen. Die Schüler stellten sich in einer Reihe auf. Kunar lief an ihnen vorbei, schlug einigen vor, einen anderen Bogen zu wählen und reichte jedem vier Pfeile.
Als er zu Janis kam runzelte er die Stirn. „Ah, das Wunderkind. Nach deinem Sieg über Daroscha möchte ich deine Fähigkeiten nicht anzweifeln, aber hattest du schon einmal einen Bogen in der Hand?“
Janis schüttelte eingeschüchtert den Kopf. Er hatte schon mit einer einfachen Schleuder geübt, aber niemals mit einem Bogen.
„Tja, dann würde ich dir für den Anfang einen kleineren Bogen empfehlen. Eher einen Kurzbogen, vielleicht etwa so wie bei deiner Nachbarin.“
Janis nickte enttäuscht und wollte schon gehen, da hielt ihn Kunar zurück und fragte: „Du bist Rechtshänder, oder? Dann solltest du den Bogen in die linke Hand nehmen.“

Nachdem alle seine Schüler einen zufriedenstellenden Bogen ausgewählt hatten, wies Kunar sie paarweise je einer der sechs Dutzend Strohpuppen zu. Dann stellte sich Kunar auf den Felsen und demonstrierte, wie sie vorzugehen hatten. „Stellt euch seitlich zu eurer Puppe, mit geradem Rücken. Ihr müsst stabil stehen und entspannt. Fokussiert euch auf euer Ziel und entfernt alles Überflüssige.“
Kunar führte seine Aufforderungen durch, während die Schüler andächtig zuschauten und versuchten, seine Bewegungen zu imitieren. Sein ganzer Körper wirkte absolut entspannt, seine Bewegungen waren routiniert und gleichmäßig. Zielsicher nahm er einen Pfeil aus seinem Köcher und legte ihn auf die Bogensehne.
„Der Zeigefinger greift oberhalb des Pfeils in die Sehne, Mittel- und Ringfinger darunter. Hebt jetzt den Bogen und zieht die Sehne etwas, aber vergesst nicht, beide Hände entspannt zu lassen. Jetzt atmet tief ein und zieht währenddessen die Sehne nach hinten.“
Janis folgte den Anweisungen Kunars, so gut er konnte, aber er fühlte sich dabei weder sonderlich stabil noch entspannt. Die Gedanken rasten durch seinen Kopf und es gelang ihm nicht, sich wirklich auf das Ziel zu konzentrieren. Die Sehne ließ sich deutlich schwergängiger nach hinten ziehen, als er erwartet hatte.
„Legt eure Hand an euer Kinn. Der Unterarm ist die Verlängerung des Pfeils. Konzentriert euch ein letztes Mal auf die Puppe, die ihr anvisiert. Dann atmet langsam aus und führt die Spannung eures Armes in den Rücken. Die Belastung sollte nun auf beiden Armen etwa gleich groß sein.“
Janis musste etwas nachkorrigieren, um die gleichmäßige Spannung auf beiden Armen zu erreichen. Dabei verdrehte er jedoch die Hand am Kinn und der Pfeil wäre beinahe herabgefallen.
„Verspannt euch nicht, bleibt locker! Versucht nicht, euch an eurem Ziel festzubeißen, das Zielen muss intuitiv erfolgen, geradezu beiläufig! Und jetzt … löst eure Finger von der Sehne.“
Kunars Pfeil zischte zielstrebig auf den Kopf der Puppe zu und traf genau ins Zentrum. Auch Janis versuchte es, er riss seine Finger von der Sehne. Der Pfeil rutschte schmerzhaft über seine Wange, überschlug sich in der Luft und fiel auf halbem Weg zu Boden. Sein einziger Trost war, dass es den meisten anderen nicht besser erging.
Kunar sprang vom Felsen und sagte lächelnd: „Das macht überhaupt nichts. Man benötigt etwa zwei Jahre, um den groben Bewegungsablauf zu verstehen, um ein wirklich guter Bogenschütze zu werden noch mindestens acht weitere. Und noch einmal die gleiche Zeit, um ein wahrer Meister zu werden, wie ich einer bin.“ Die angehenden Bogenschützen wurden von diesen Worten noch deutlich stärker enttäuscht als von allen Schmähungen Daroschas, da sie wussten, dass sie eigentlich als Aufmunterung gedacht waren. Doch Kunar bemerkte die niedergeschlagene Stimmung seiner Schüler nicht und rief: „So, jetzt nehmt den zweiten Pfeil und versucht es erneut. Wenn ihr alle Pfeile verschossen habt, dann wartet, bis auch die anderen fertig sind. Niemand holt seine Pfeile, während ein anderer schießt, und niemand schießt, während ein anderer seine Pfeile holt!“
Janis versuchte es weiter, er bemühte sich, die von Kunar geforderte Ruhe zu erreichen, doch je mehr er sich konzentrierte, desto verspannter wurde er. Der Lehrer ging herum und verbesserte bei jedem einige Dinge. Als er zu Janis kam schürzte er enttäuscht die Lippen und zeigte ihm die wichtigsten Dinge, die er falsch machte. Doch selbst nachdem Janis seine Fehler behoben hatte, verbesserten sich seine Schüsse kaum.
Kunars begeisterter Aufschrei unterbrach seine kläglichen Versuche. „Wo hast du Bogenschießen gelernt?“, fragte er euphorisch. Janis wusste bereits, mit wem der Bewahrer sprach, noch ehe er sich zu Sara umgedreht hatte. Er kannte ihre perfekte Beobachtungsgabe und ihre Angewohnheit, keinen Fehler zweifach zu begehen.
Sara schüttelte den Kopf, doch Kunar blickte sie streng an. „Willst du mir etwa nicht antworten?“ Sara schüttelte ein weiteres Mal den Kopf und ihre Hand formte das Wort Nie.
„Sie hat es von Euch gelernt!“, rief Janis. „Gerade eben.“
„Das ist unmöglich!“, gab der Lehrmeister eingeschnappt zurück. „Wiederhole das, Mädchen!“
Sara hob ihren Bogen und führte die Bewegungen, die Kunar erklärt hatte, aus. Aber es war kein sachliches Befolgen von Anweisungen. Sie strahlte eine Ruhe und Harmonie aus, die Janis die Tränen in die Augen trieb. Sie glich einem jungen Baum, dem man beim Wachsen zusehen konnte. Ihre Bewegungen wuchsen aus ihr heraus und flossen ineinander, doch zugleich war sie mit dem Boden verwurzelt. Alles bildete eine große Einheit, alles war in Balance. Es war wunderschön!
Ihre Finger lösten sich anmutig von der Sehne und der grün glänzende Pfeil … verfehlte die Puppe um mehr als zwanzig Schritt. Das Bild zerbarst zu einem Scherbenhaufen.
Kunar starrte dem Pfeil fassungslos hinterher, als habe er noch nie etwas so entsetzliches gesehen. „Warum … ?“, hauchte er. Anschließend ließ er sich Saras Bewegungen erneut zeigen, diesmal flog der Pfeil von der Sehne und traf eine der Strohpuppen in die Brust, leider nicht die, auf die Sara hatte zielen sollen. Beim nächsten Schuss bohrte er sich auf halbem Weg in den Boden. Kunar brachte ihr einen anderen Bogen und neue Pfeile, doch das Ergebnis änderte sich nicht. Besser gesagt, es änderte sich mit jedem Mal, doch der Pfeil fand nie sein Ziel. Janis konnte sich das nicht erklären, ihre Bewegungen waren stets absolut identisch, doch der Pfeil verhielt sich immer unterschiedlich.
„Wie fühlen sich deine Beine an?“, fragte Meister Kunar sie und wies Janis an, ihre Antworten zu übersetzen.
Wie. Wurzel. Von. Berg.
„Und dein Körper?“
Wie. Weide. In. Wind.
„An was denkst du, wenn du schießt?“
An. Was. Denken. Sonne. Wenn. Leuchten.
„Warum möchtest du die Puppe treffen?“
Warum. Möchten. Fluss. In. Meer. Fließen.
„Was hast du zwischen den Schüssen verändert?“
Gleichen. Einander. Wie. Sterne.
Sara antwortete wie in Trance. Ihre Augen blickten verträumt, doch zu seiner Freude konnte Janis fast keine Spur von Blau darin entdecken. Die Antworten ergaben für ihn nicht den geringsten Sinn, Kunar jedoch schien zufrieden. Doch als Sara es erneut versuchen sollte, funktionierte es noch immer nicht. Schließlich gab Kunar verwirrt auf und half den anderen Bogenschützen. Sara übte selbstständig weiter und es schien sie nicht im geringsten zu stören, dass keiner ihrer Pfeile ihr Ziel traf.
Mit der Zeit verbesserten sich die Fähigkeiten der Bogenschützen, bis sie zumindest gelegentlich die Puppen trafen. Sogar Janis erzielte einige wenige Treffer, doch das schrieb er weitestgehend dem Zufall zu. Wenn man es nur oft genug versuchte, dann musste man schließlich irgendwann treffen. Den Gegenbeweis lieferte Sara, welche die Puppe bis zum Abend jedes Mal verfehlte.

Die folgenden Tage vergingen wie im Flug. Sie waren vollkommen ausgefüllt von den Übungsstunden mit Daroscha und Kunar. Die Zwergin begann jetzt auch mit den Grundlagen des Kämpfens, zeigte einen stabilen Stand und die einfachsten Angriffs- und Verteidigungstechniken mit Schwert und Axt. Am Nachmittag folgte ihr ein Teil der Rekruten – schließlich etwa die Hälfte – auf einen Platz nördlich der Rietburg, um das Training zu vertiefen, der Rest übte Bogenschießen mit Kunar. Janis gehörte zu seiner maßlosen Enttäuschung zu den schlechtesten. Er traf ab und an, aber auch das wurde seltener, als sich der Abstand zu den Puppen vergrößerte. Er fand nie die innere Ruhe, die Kunar verlangte, und es gelang ihm auch nicht, einen stets identischen Bewegungsablauf einzuhalten, wie der Bewahrer von seinen Schülern ab der zweiten Stunde forderte. Er kam eigentlich nur noch zum Unterricht, um Saras Antworten für Kunar übersetzen zu können und sie beim Schießen zu betrachten. Ihre Trefferquote änderte sich zwar nicht, aber dennoch bot sie in ihrer Gelassenheit und absoluten Balance einen fantastischen Anblick.
Abends lehrte Sara ihre Freunde in der Zeichensprache. Während Rodur noch immer angestrengt versuchte, die grundlegenden Zeichen zu bilden und zu verstehen, erfuhr Janis von immer neuen Gebärden. Neben Schlank lernte er auch Rank, neben Überzeugen auch Überreden, neben Stein auch Kiesel, neben Warum auch Wieso. Er erfuhr die Zeichen für Eiche, Buche, Esche, Ulme und Linde, für Weizen, Gerste, Roggen und Dinkel, für die unterschiedlichsten Blumen und Tiere, Geräte und Gebäude.
Als Sara herausfand, dass er viele Rätsel kannte, forderte sie ihn auf, sie ihr in Gebärdensprache zu stellen, als Übung für seine Fähigkeiten. Janis hatte den Verdacht, dass es ihr vor allem um die Rätsel ging, doch um das traurige Blau ihrer Augen zu bekämpfen, war ihm jedes Mittel recht.
Orfen hatte Janis aufgetragen, die Bodenreform genauer zu organisieren. Da er wusste, dass es dazu nie kommen würde, erledigte er seine Aufgabe nur mit mäßiger Begeisterung. Das änderte sich erst, als Sara ihm anbot, zu helfen. In ihrer Anwesenheit gelang es ihm immer besser, seinen bevorstehenden Verrat kurz zu vergessen und so stürzte er sich mit Feuereifer auf die noch offenen Fragen. Wie wollte man vermeiden, dass so viele Menschen nach Andor kamen, dass das Land der Belastung nicht mehr gewachsen war? Wie viel brauchte ein Bauer, um ein angenehmes Leben führen zu können? Und wenn er eine Frau, drei Kinder und zwei alte Eltern zu versorgen hatte? Wie konnte man vermeiden, dass die Reichsten sich das aufgeteilte Land mit der Macht ihres Geldes direkt wieder unter den Nagel rissen?
Während all seiner Aktivitäten lernte Janis auch, mit Vara zu kommunizieren. Er lenkte seine Trauer und konnte ihr schon bald befehlen, an verschiedensten Orten zu erscheinen. Immer übte er heimlich, von Sara und Rodur abgesehen wusste niemand hier von seiner Herkunft und er hatte nicht vor, das zu ändern. Bald schon konnte er seine Gefühle genau so leiten, wie er es wollte. Er konnte Vara lenken, während er lachte und weinte, während er Daroschas Dauerlauf absolvierte, während er in Kunars Unterricht den Pfeil auf die Sehne legte und manchmal sogar im Traum, während er dem Hexer Nomion Bericht erstattete. Die Selbstversenkung, die ihm beim Bogenschießen verwehrt blieb, erreichte er, wenn es um Vara ging, mühelos. Er konnte die Verbindung über einen immer längeren Zeitraum und eine immer größere Entfernung aufrechterhalten. Auch die Gefühle des Wassergeists blieben ihm nicht verborgen. Er bemerkte, was ihr gefiel und was sie unterließ. Er konnte zwar nicht durch ihre Augen sehen, aber er spürte, wie sich ihre Umgebung für sie anfühlte. Sie war am liebsten in der Nähe des Hadrischen Meeres und hielt wenn möglich Abstand zur Narne.
Eines Tages versuchte Janis, sie in den Fluss zu lenken und stieß zum ersten Mal auf echten Widerstand. Er bemühte sich so sehr, dass er den Bogen, den er gerade hielt, einfach fallenließ. Vara weigerte sich, in den Fluss zu springen, doch Janis trieb sie unermüdlich näher. Sie machte einen Schritt nach dem anderen, und jeder brachte Janis näher an seine Grenzen. Als sie genau am Ufer stand konnte Janis über ihre Empfindungen die Anwesenheit ihrer Artgenossen im Wasser feststellen. Er sammelte all seine mentalen Kräfte, doch ehe es zu einer Machtprobe kommen konnte, wurde er von Kunar abgelenkt, der ihn besorgt fragte, ob alles in Ordnung sei. Vara nutzte die Gelegenheit zur Flucht und Janis sollte nie erfahren, ob er es geschafft hätte. Noch die folgenden drei Tage war sie eingeschnappt, aber als Janis keine weiteren Versuche unternahm, sie gegen ihren Willen zu steuern, beruhigte sie sich wieder.


Frühe Nacht, 59. Herbsttag 76 A.Z.
Dachgeschoss im Kronenturm der Rietburg, Andor

Eines Nachts saßen Rodur, Janis und Sara wieder im höchsten Stockwerk des Kronenturms zusammen und lernten Saras Sprache. Dieser Ort hatte sich in den vergangenen Tagen als ihr Treffpunkt herausgebildet. Heute hatte Kunar geübt, im Dunkeln zu schießen, deshalb waren sie später als sonst. Sara verbesserte Rodurs Versöhnung, dann wandte sie sich Janis zu und gebärdete gierig: Rätsel.
Janis musste eine Weile überlegen, denn die meisten von Kheelas alten Rätseln hatte er ihr bereits gestellt und sie vergaß niemals eines. Als er gerade fürchtete, sich selbst eines ausdenken zu müssen, fiel ihm noch ein Rätsel ein und er gebärdete: Ding. Haben. Zwei. Flügel. Aber. Können. Nein. Fliegen. - Haben. Rücken. Aber. Können. Nein. Liegen. - Können. Laufen. Aber. Nein. Gehen.
Sara verengte ihre violetten Augen. Dann lächelte sie und tippte sich an ihre Nase. In diesem Moment sagte Rodur: „Ist das Orfen, der da unten über den Platz schleicht?“
Janis und Sara gesellten sich zu ihm an die Brüstung und spähten zwischen den Zinnen hindurch. Tatsächlich war es der Statthalter, seine hünenhafte Gestalt und der Fellumhang waren auch im Mondschein unverwechselbar. Er blickte sich mehrfach misstrauisch um, doch er sah nicht nach oben. Dann schlich er in den Thronsaal. Rodur und Janis starrten sich an, ihnen beiden kam der gleiche Gedanke. Ihre Blicke fielen auf die Bodenklappe im Turm, doch ehe sie nach unten schleichen konnten, stellte sich Sara in den Weg. Nein. - Wolf-Krieger. Nein. Wollen. Störung.
„Eben das macht es ja so interessant!“, bestätigte Rodur, doch Sara schüttelte energisch den Kopf.
„Du weißt etwas darüber, was er da unten macht, oder?“, vermutete Janis. Sie nickte schüchtern und gebärdete dann: Versteck. Hinter. König-Stuhl. - Ich. Nein. Kennen. Inhalt. - Aber. Wolf-Krieger. Vertrauen. Mädchen-Ohne-Worte. - Inhalt. Gewiss. Wichtig. - Wolf-Krieger. Schauen. In. Jedes. Nacht. Ob. Noch. Da.
„Und du willst nicht wissen, was in diesem Versteck ist?“, fragte Rodur verblüfft.
Ich. Halten. Neugierde. Zurück.
Janis überzeugte Rodur schließlich, nicht nachzusehen. Doch das Wissen um das Geheimnis im Thronsaal merkte er sich. Zum ersten Mal hatte es sich als Vorteil für seine Aufgabe erwiesen, mit Sara befreundet zu sein und mit ihr sprechen zu können. Dem Statthalter war es vermutlich einerlei, ob das stumme Mädchen von seinen Geheimnissen erfuhr, da er nicht davon ausging, dass sie jemandem davon erzählen könnte. Wie sehr er sich doch täuschte! Beinahe wünschte Janis, dass Orfen vorsichtiger gewesen wäre. Wenn Janis nicht von dem Versteck erfahren hätte, dann hätten die Andori vielleicht länger überleben können. Doch es hatte nicht sein sollen und er hatte sich schon längst entschlossen, Andor für seine Mutter zu opfern. Er beschloss, die Stelle hinter dem Thron bei nächster Gelegenheit heimlich zu untersuchen.


Später Nachmittag, 65. Herbsttag 76 A.Z.
Burghof der Rietburg, Andor

Die Gelegenheit kam sechs Tage später. Immer wieder war es vorgekommen, dass einer von Kunars Schülern trotz der Warnungen zu früh seine Pfeile holen gehen wollte. Dem Adlerblick des Lehrmeisters war das nie entgangen und jedes Mal hatte er dem erschrockenen Regelbrecher einen Pfeil zielsicher genau vor die Füße geschossen. Heute jedoch hatte er ein weiteres Mal vergeblich versucht, Saras Pfeile endlich ins Ziel zu lenken. Er hatte den übereifrigen Mann deshalb übersehen, bis es zu spät war und ein missglückter Pfeil ihn in den Bauch traf. Der Bewahrer war sofort zur Rietburg gerannt, um den Heilkundigen Readem zu holen, den Janis bestenfalls für einen unfähigen Quacksalber hielt. Als Kunar zurückkam, hatte er daher den Pfeil unter den verblüfften Blicken seiner Mitschüler bereits selbst entfernt und dem erleichterten Verwundeten gesagt, dass keine unmittelbare Gefahr bestehe. Der Unterricht war dennoch vorzeitig beendet worden.
Rodur war noch immer im Training von Kommandantin Daroscha und Sara hatte sich in ihre Kammer in der Kaserne zurückgezogen. Janis lehnte sich an eine der Mauern, die die Zwerge neu errichtet hatten. Es war wirklich beeindruckend, was die kleinen Baumeister in den letzten Tagen vollbracht hatten. Doch jetzt hatte Janis andere Gedanken im Kopf. Er musterte prüfend seine Umgebung und ging dann zielstrebig auf die großen Türen des Thronsaals zu. Verstohlenheit würde ihn nicht unauffälliger machen, eher im Gegenteil. Leise öffnete Janis die Türen und schloss sie hinter sich wieder. Dann ging er zum Thron hinüber. Er hatte eine Vermutung, was dort im Versteck sein würde. Die Rietgraskrone konnte Orfen nicht tragen, aber wenn sie auf der Rietburg war, musste sie irgendwo versteckt werden, wo sie geschützt war. Vielleicht genau am Fuße des Kronenturms?
Er huschte um die gespaltene Lehne herum und erstarrte, als er bemerkte, dass jemand dort saß. Ein Dieb? Doch dann erkannte er den Fellumhang und das schwarzgrau melierte Haar. Er wollte schon zurückweichen, als Orfen den Kopf hob und ihn überrascht ansah.
„Sajin? Was machst du hier?“
„Ich wollte Euch nur berichten, dass ein Mann im Schießunterricht in den Bauch getroffen wurde, seine Wunde wurde allerdings bereits versorgt.“, improvisierte Janis. „Als ich hier nach Euch suchen wollte, bemerkte ich eine Gestalt hinter dem Thron und bin Nachsehen gegangen.“
Orfen blickte unbehaglich zu der unscheinbaren Klappe, vor der er kauerte. Geschlossen würde man sie für einen Teil des hölzernen Bodens halten. Jetzt jedoch war sie offen und nur der breite Statthalter versperrte Janis´ Blick ins Innere.
„Was du hier gesehen hast, muss unter uns bleiben.“, warnte Orfen eindringlich.
„Ich habe noch gar nichts gesehen.“, wandte Janis ein. „Selbstverständlich werde ich schweigen. Doch um diese Geheimhaltung wirklich nachvollziehen zu können, wäre es gut, wenn ich erfahren dürfte, was Ihr hier versteckt.“
Er bewegte sich mit dieser Äußerung nahe an einer Respektlosigkeit, doch Orfen wirkte in keiner Weise verärgert. „Es sind die Schätze des Landes.“, erklärte er vorsichtig.
„Insignien von kulturellem Wert?“
„Nein. Andor ist jung und König Brandur kümmerte sich mehr um das Wohl seines Volkes als um vergoldeten Firlefanz. Er gestand sich einzig die Rietgraskrone zu, doch die trägt die rechtmäßige Königin bei sich.“ Janis hätte am liebsten erleichtert aufgeatmet. Er hatte den Beweis, dass sie nicht hier war.
„Es ist einfach Gold.“, erklärte Orfen weiter. „Ich weiß, dass ich dir und den anderen Rekruten erzählte, dass wir so etwas nicht besitzen, und das entsprach auch der Wahrheit. Aber kaum hatten sich all die Freiwilligen gemeldet, stolperte ich über das hier. Die Steuereinnahmen des raffgierigen Ken Dorr. Die Krahder hatten an Gold kein Interesse und ließen sie unangetastet. Und ich fand das Gold und musste mich entscheiden, was ich damit tun sollte. Ich hätte es den tapferen Verteidigern zahlen können.“
Er seufzte schwer und blickte wieder in die Vertiefung. „Doch unsere Lage ist schon schlimm genug und euch auszuzahlen hätte nicht viel verbessert. Ich entschied mich dafür, Söldner zu kontaktieren. Kampferprobte, erfahrene Männer. Für genug Gold können sie uns helfen, die Burg zu verteidigen. Vielleicht kann ich nur mit ihrer Hilfe das Leben aller Andori retten. Doch dafür musste ich sie belügen.“
Orfen vergrub sein Gesicht in seinen Händen. „Ich hasse es, ein Anführer zu sein!“, murmelte er leidenschaftlich.
Janis versuchte, sich die momentane Verteidigung der Rietburg vor Augen zu halten. Baufällige Mauern, von den Zwergen notdürftig restauriert. Etwa zweihundertfünfzig Verteidiger, doch Janis gab sich keinen Illusionen hin. Die erfahrenen Wachen, die Zwerge und die Bogenschützen, sie würden den entscheidenden Anteil ausmachen. Die Rekruten waren nur Soldaten in Ausbildung, unerfahren, jung und schlecht ausgerüstet. Ein Heer aus Söldnern würde ihre Chancen um ein Vielfaches verbessern.
„Ihr habt richtig entschieden, Statthalter. Ich hätte Euch eine solch harte Entscheidung nicht zugetraut, aber sie war notwendig. Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.“
Seine Mutter hatte diesen Spruch oft gesagt, um ihm zu verdeutlichen, dass Kriege zwischen verschiedenen Völkern nur möglich waren, indem man sie gegeneinander aufhetzte. Es tat ihm weh, dieser Aussage nun eine solch gegensätzliche Bedeutung zuzuweisen, aber seine Worte entsprachen dennoch der Wahrheit.
Orfen schüttelte sich angeekelt und sagte heftig irgendetwas, aber Janis hörte nicht hin. Sein Blick ruhte fasziniert auf dem einzelnen grauen Haar, das sich soeben vom Kopf des Statthalters gelöst hatte und nun auf seinem Umhang ruhte. Er fasste Orfen in einer tröstenden Geste an der Schulter und nahm das Haar dabei behutsam auf. Aus einem Gefühl heraus riss er dabei noch ein Haar aus dem Wolfsfellumhang. Während Orfen noch berichtete, entschwebten seine Gedanken in eine ferne Zukunft. Eine Zukunft, in der Kheela wieder leben würde. Und in der die Rietburg nur noch eine ausgebrannte Ruine wäre.


Morgendämmerung, 66. Herbsttag 76 A.Z.
Alter Wehrturm, Andor

Früh am nächsten Morgen stand Janis vor einem kleinen Spalt außen an der Mauer des zerfallenen Wehrturms, etwa zwei Stunden von der Rietburg entfernt. Hier, so hatte Nomion ihm schon vor vielen Nächten befohlen, sollte er ein Teil des Statthalters gut geschützt verbergen. Er nahm Orfens Haar in seine Hand und das Wolfshaar in die andere. Sie sahen fast gleich aus. Sein Blick huschte zwischen den beiden hin und her. War es vielleicht möglich, seine Mutter zurückzuholen, ohne den Wolfskrieger zu hintergehen? Er müsste nur das falsche Haar hier verstecken. Bis der Ewige Rat den Unterschied bemerkte, war es vielleicht schon zu spät.
Vor seinem Inneren Auge stieg das Bild des Statthalters auf, der mit all seiner Macht für das Wohl Andors stand. Rodur, der sich abmühte, die komplexe Versöhnung mit der Hand zu bilden. Sara, wie sie in einer fließenden Bewegung einen missglückten Pfeil abschoss. Wie sie lachend Varas Hand berührte, ihre Augen purpurn strahlend. Er hatte geschworen, sie erneut zum Lachen zu bringen…
Seine Gedanken wanderten zu Kheela, die lachend am Flussufer stand, die ihm mit ihrer Hand durch das Haar fuhr, die ihm zeigte, wie man einen Text lesen konnte. Das Risiko war zu groß! Traurig öffnete er die Hand mit dem Wolfshaar und sah zu, wie der Wind es davonwehte. Dann legte er das andere in die Spalte und wandte sich ab. Und wenn er in jenem Moment seine letzten Tränen vergoss, so wäre das dem Opfer, das er brachte, nur angemessen gewesen.

Vor den Toren der Rietburg loderte das Ewige Feuer so hell wie selten zuvor. Die zweifarbigen Flammen schossen in die Höhe und brausten laut. Gelbes und violettes Feuer flammte auf und erlosch, wurde größer und kleiner. Doch dann wurden all die gelben Flammen verschluckt, bis nur noch violettes Feuer übrig war. Ein letztes, winziges orangenes Flämmchen flackerte unruhig … und erlosch dann ganz.
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TroII
 
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w – Die silberne Raute

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:13

w – Die silberne Raute

Morgendämmerung, 48. Herbsttag 76 A.Z.
Alter Bron, Graues Gebirge

Leander genoss die Stille. Er lehnte an der kalten Steinwand, und es existierte nichts außer der Wand und ihm selbst. Nicht das Flüstern des Windes, die Rufe der Vögel, das Knarzen der alten Bäume. Der Turm hielt alles ab.
Plötzlich polterten schwere Schritte die uralte Steintreppe hinab, dann hörte Leander, wie Thorn enttäuscht sagte: „Nichts! Keine Spur! Von da oben ist nichts zu sehen, was auch nur entfernt wie ein großer, toter, schwarzer Baum aussieht.“ Drukil, der mit Ken Dorr und Leander unten im alten Zwergenturm auf Chada und Thorn gewartet hatte, schnaubte verärgert.
„Nur ruhig.“, beschwichtigte Leander. „Wir finden ihn schon. So riesig ist dieser Wald nun auch nicht.“
„Das kannst du nur sagen, weil du ihn nicht von oben gesehen hast.“, meldete sich nun auch Chada zu Wort. „Wenn wir den systematisch durchsuchen wollen, sind wir in einem Mond noch beschäftigt.“
„Ich könnte Nomion oder den Schwarzen Herold nach genaueren Hinweisen fragen.“, schlug Ken Dorr vor. „Natürlich erst, wenn der Ewige Rat erneut zusammengerufen wird, so lange müsstet Ihr Euch dann gedulden.“
„Bist du sicher, dass dies der richtige Wald ist?“, fragte Thorn skeptisch. „Oder könnte es sein, dass du uns etwas Falsches erzählt hast?“ Ob der Krieger damit nur unabsichtliche oder auch bewusste Falschinformationen in Betracht zog, ließ er offen.
Wir können dir einfach nicht vertrauen, nicht bei dem, was du getan hast, hatte Leander gesagt. Die anderen hatten diese Worte vermutlich längst wieder vergessen, aber in ihm klangen sie noch immer nach. So scheinheilig, Leander! Als ob du auch nur ein Stück besser wärst! Haben deine Taten nicht mindestens ebenso viel Leid verursacht wie die des Diebes? Dein Glück ist nur, dass die anderen nichts davon wissen.
Ken Dorr hatte ihm in der Höhle des Giganten das Leben gerettet. Wie hatte er nur so etwas sagen können? Bei dem, was du getan hast. Leander erinnerte sich an all seine Missetaten. Sein gutes Gedächtnis war nicht immer nur ein Segen. Wie konnte er Ken Dorr verurteilen, sich selbst aber vergeben?
Seine einzige Rechtfertigung war, dass er von sich selbst wusste, dass er die Helden von Andor unterstützte. Aber wie sicher wusste er das wirklich? Eines nicht allzu fernen Tages würde es unweigerlich zu der Konfrontation zwischen den Helden von Andor und seinem Bruder Callem kommen. Noch immer wusste Leander nicht, auf wessen Seite er sich dann stellen würde.
„Wir könnten es herausfinden.“, sagte Chada und riss ihn damit wieder in Gegenwart zurück. „Schon einmal hat ein Mensch mit dem zweiten Gesicht das Orakel der Geister gefunden. Und der wusste vermutlich nicht so genau, wonach er zu suchen hatte.“
Leander stöhnte. Seit ihrem Aufbruch lag Chada ihm jetzt mit seiner Gabe in den Ohren. Sie vermutete, dass er ihnen etwas verschwieg. Sie hatte ja keine Ahnung. Sie hatte diese Dunkelheit nicht gesehen! Noch immer suchte die Finsternis ihn regelmäßig heim, die Abstände wurden immer kürzer. Seine Visionen hatten sich nicht verändert.
„Komm schon, Leander.“, bat Chada. „Wenn es tatsächlich nichts ist, wie du behauptest, dann spricht nichts dagegen, dass du deine Gabe anwendest.“
„Diese Gabe ist selten und wertvoll. Man sollte sie nicht leichtfertig benutzen. Du hast keine Ahnung, was sie diese Welt gekostet hat.“
Erinnerst du dich noch an dieses Röcheln, Leander? An all das Blut? Es war dir so lange egal, aber jetzt plötzlich holt es dich wieder ein.
„Wir wissen, dass du deine Augen geopfert hast.“, entgegnete die Bogenschützin. „Aber wenn du deine Gabe nicht benutzt, wozu hast du es dann überhaupt getan?“ Leander schüttelte abwehrend den Kopf und sie sagte: „Es ist deine Entscheidung. Aber ich würde nicht darauf hoffen, dass wir noch mal einen Hinweis bekommen wie in der Höhle des Giganten.“
Leander schüttelte sich unmerklich. Hoffen? Nein, er hoffte nicht darauf. Er fürchtete es.
Er hatte keine Erinnerungen an den Vorfall, und das war schon beunruhigend genug. Doch dazu kam noch ein dunkles Gefühl, ein Gefühl der Machtlosigkeit. Irgendetwas hatte sich seiner bedient. War es nur seine Gabe? Hatte er sie zu lange zurückgehalten? Oder war es etwas Größeres gewesen? Er spürte noch immer die Finsternis auf sich lasten.
„Also gut!“, gab er nach. Es waren nicht Chadas Argumente, die ihn zum Einlenken bewegten, sondern die Erinnerung an die mysteriöse Botschaft. Er hatte seit Monden keine Visionen mehr herbeigerufen, so lange wie nie zuvor. War das zweite Gesicht deshalb aus ihm herausgebrochen? Wenn ja, dann konnte er das in Zukunft vermeiden.
Leander setzte sich. Er spürte die Kälte der Steine in seinem Rücken, doch sie betäubte immerhin den letzten Schmerz in seinem gebrochenen Bein. Der Weg hierher war eine Tortur gewesen, bei jedem Ruck hatte das Bein erneut zu schmerzen begonnen. Zwar wurde es von Tag zu Tag besser, aber ganz verheilt war es noch lange nicht.
Leander atmete langsam ein und aus, bis er sich schließlich beruhigte. Dann griff er den Stab fester und versuchte, sein Inneres Auge zu öffnen. Er brauchte die Bilder der nahen Zukunft. Ein sanftes Licht schien in die ewige Dunkelheit seines Geistes. Ein Bild, noch unscharf. Langsam bildeten sich Konturen heraus.

… ein alter Zwergenturm am Rande eines kranken Waldes…

Ja! Und jetzt der Weg zu den Drei Schwestern!

… ein kleiner Bach, kaum mehr als ein Rinnsal, zwischen den grauen Bäumen hindurchfließend…

… ein umgestürzter Baumriese, von Moosen und Farnen überwuchert…

… ein ausgetretener Wildwechsel, zwischen Kräutern und Farnen hindurchführend…

… zwei Bäume, ineinander wachsend und miteinander verschmelzend, die Rinde nahtlos ineinander übergehend, eine einzige gemeinsame Krone bildend…

… ein gewaltiger Baumstumpf, fast so hoch wie die Kronen der Bäume umher, schwarz und verkohlt…


Ja! Ja, da war er! Leander kannte den Weg! Jetzt nur noch die Vision beenden, ehe es zu spät war! Doch da erschien ein weiteres Bild in Leanders Geist.

… ein graues Ungetüm, der gepanzerte Körper seltsam formlos und verschwommen, die acht Beine riesige Löcher in den Waldboden stanzend, acht graue Augen wachsam umherblickend…

… ein blonder Mann, ein großes Loch in der rechten Brust, der blaue Umhang mit Blut getränkt…

… eine silbern glühende Raute…


Nein! Nein! Wach auf! Leander spürte, wie die Vision immer unklarere Formen annahm, wie der Nebel immer diffuser wurde und die Ereignisse in immer weitere Ferne rückten. Dann entglitt der Stab seinen blauen Fingern und sein Körper sackte zu Seite.

… Dunkelheit…

… ein gewaltiger, in Flammen stehender Baum…

… ein Mann in weißer Robe, das unscheinbare Gesicht melancholisch in lodernde Flammen schauend…

… ein Junge mit einem grünen Wams, die Arme voller Schriftrollen, von flackerndem roten Licht beschienen, lächelnd eine Frage stellend…

… eine Prozession grün gekleideter Menschen, sich von einem brennenden Baum entfernend…

… Dunkelheit…


… ein Mann mit blauer Haut, mit seinem Schwert einen Taren ohne Hörner durchbohrend…

… ein blonder Mann mit blauem Umhang, mit seinem Schwert wild auf einen Mann mit blauer Haut und Augenbinde einschlagend, welcher sich nur mit Mühe verteidigen kann, beide von unzähligen Wunden übersät…

… ein Mann mit wildem Bart und einem silbernen Reif um den Arm, die Brust von grün glänzenden Pfeilen durchbohrt…

… eine hellblonde Frau in dunklen Gewändern, der schwarze Stab mit drei Spitzen von purer Dunkelheit umwoben, schwarzer Nebel eine schwarzhaarige Bogenschützin in grünen Gewändern umschlingend…

… Dunkelheit…

… ein schlanker Mann mit Spitzbart und Halbglatze, einen kunstvollen Dolch durch groben Stoff bohrend, bis Blut hervorquillt…

… derselbe Mann, die grauen Augen überrascht aufgerissen…

… die Pranke eines Bären, mit gewaltiger Kraft nach unten schlagend…

… der schlanke Mann mit Spitzbart, sein hellbraunes Wams von Strömen aus Blut rot getränkt…

… Dunkelheit…



Früher Vormittag, 48. Herbsttag 76 A.Z.
Alter Bron, Graues Gebirge

„Er wacht schon auf, seht ihr? Kein Grund zur Besorgnis.“ Ken Dorrs hohe, kalte Stimme riss Leander fast so unsanft in die Wirklichkeit zurück wie die rauen Hände, die ihm abwechselnd auf beide Wangen schlugen.
„Bist du wach, Leander?“, fragte Thorn direkt vor seinem Gesicht, offenbar war es der Krieger gewesen, der ihn geschlagen hatte.
„Wenn du mich nicht gleich wieder ohnmächtig schlägst!“, erwiderte der Seher gereizt. Die rauen Hände ließen von ihm ab. „Was ist geschehen?“
„Du bist einfach umgekippt.“, berichtete Chada. „Du hast wohl das Bewusstsein verloren. Es tut mir leid, dass ich dich gedrängt habe.“
Leander machte eine abwinkende Geste in ihre Richtung und tastete derweil nach seinem Stab. Als er die Finger um das kühle Holz schloss, verschafft ihm das gleich mehr Sicherheit. „Immerhin hat es sich gelohnt. Ich kenne den Weg. Und ich habe noch mehr gesehen.“
„Was denn?“, fragte Ken Dorr neugierig.
Leander lächelte traurig. „Verzeih mir, aber ich würde das lieber unter sechs Augen besprechen – acht, wenn man meine auch mitzählt.“
Ken Dorr grummelte etwas und sagte dann beleidigt: „Ich gehe nach den Pferden schauen.“ Seine Schritte entfernten sich, und in Leanders Kopf schrie eine Stimme: Er hat dein Leben gerettet. Er ist nicht schlechter als du! Willst du den Helden von Andor etwa von der Dunkelheit berichten? Von deinem eigenen Bruder, wie er ihren alten Gefährten ermordet?
„Zuerst habe ich nur unseren Weg gesehen, doch dann kam noch mehr.“, begann er, nachdem Kens Schritte verschwunden waren. „Eine seltsame Sporne, irgendwie grau und diffus. Thorn, mit einer grässlichen Verletzung.“
„Wie grässlich?“, fragte der Krieger besorgt.
„Tödlich. Mindestens.“, sagte Leander mutlos, und jemand, vermutlich Chada, schnappte erschrocken nach Luft.
„Dann eine Raute, die silbern erglühte. Ich weiß nicht, was sie darstellt, aber ein Glühen ist häufig ein Sinnbild für das Magische.“ Er überlegte. Eine magische silberne Raute. Woher kannte er das? Er war sich sicher, etwas dazu in der Hütte seiner Erinnerungen abgelegt zu haben, doch er wusste nicht, wo.
„Anschließend der brennende Baum der Lieder. Doch etwas war anders als bisher. Die Bewahrer und die Schriften haben den Brand überlebt. Sie zogen sich zurück. Es war keine Katastrophe, sie haben nicht einmal versucht, das Feuer zu löschen.“
„Wir werden Ken Dorrs Vorschlag niemals folgen!“, beharrte Chada. „Der Baum der Lieder bleibt unangetastet. Wir werden ihn nicht vernichten, selbst wenn wir das neue Herz der Geburt in unserem Besitz haben sollten.“
„Ich sage nur, was ich gesehen habe.“, erwiderte Leander ruhig. „Das nächste Bild war wieder beunruhigender. Es zeigte uns, die Helden von Andor. Wir kämpften gegeneinander. Ich musste mich gegen Thorn verteidigen, Drukils Brust war von Chadas Pfeilen durchbohrt, Earas Dunkle Magie richtete sich gegen Chada.“
„Was? Warum sollten wir gegeneinander kämpfen?“, fragte Thorn aufgebracht.
„Was weiß ich? Möglicherweise ist es nur ein Sinnbild von Zwist und Streit.“ Streit, wie er entsteht, wenn du ihnen die Hälfte deiner Visionen verheimlichst? So scheinheilig, Leander!
„Und zuletzt noch … ich glaube, es war ein Kampf zwischen Drukil und Ken Dorr. Er sticht mit seinem Dolch nach dem Hautwandler. Dann trifft ihn eine Bärenpranke und Blut spritzt über seine Brust.“
„Dann sollten wir den Dieb töten.“, schlug Drukil vor. „Wenn er gegen mich kämpft ist er kein guter Gefährte, selbst wenn ich gewinne. Ich glaube, er wird uns hintergehen.“ Der Blutdurst in der Stimme des Hautwandlers jagte Leander einen Schrecken ein.
„Drukil!“, mahnte er. „Ich habe uns alle gegeneinander kämpfen sehen. Sollen wir dann also auch sterben?“ Drukil grummelte, aber forderte nicht mehr, Ken Dorr zu ermorden.
„Das war alles.“ Abgesehen von der üblichen Dunkelheit, die du ihnen wieder mal verschweigst. Weshalb eigentlich? Wegen eines schlechten Gefühls? Du weißt, was Eara dazu sagen würde. Und was ist mit deinem Bruder? Willst du ihnen nicht davon erzählen? Ach nein, stimmt, sie wissen ja gar nicht, dass du einen Bruder hast. So scheinheilig, Leander!


Später Vormittag, 48. Herbsttag 76 A.Z.
Bronwald, Graues Gebirge

„Kopf runter, da hängt ein Ast!“, rief Chada. „Und gleich unten lassen, da ist noch einer.“ Leander saß auf seiner Stute und ließ sich durch den Wald führen.
„Wie lange müssen wir diesem Bach noch folgen?“, grummelte Drukil.
„Bis wir einen umgestürzten Baum erreichen.“, erwiderte Leander entnervt.
„Der hier vorne vielleicht?“, erscholl Ken Dorrs hohe Stimme von weiter vorne. Noch ehe Leander ihn auffordern konnte, den Baum zu beschreiben, fing der Dieb bereits an: „Der Stamm ist sehr groß, etwa zwei Schritt breit und zwanzig lang. Er ist schon eine Weile hier unten, es wachsen Farne drauf. Für mehr Informationen musst du jemanden fragen, der in einem Wald aufgewachsen ist.“
Chada eilte schon nach vorne, doch Leander sagte: „Das genügt, er ist es. Jetzt sucht nach dem Wildwechsel.“
„Hier!“, rief Drukil.
Chada führte Leanders Pferd vom Bach weg und der Seher duckte sich weiterhin nach ihren Anweisungen. „Ich wollte dich zu dem Vorfall in Nar´Al´Pans Höhle befragen.“, murmelte sie plötzlich leise.
Leander versuchte, das unangenehme Gefühl zu verdrängen. „Ja?“
„Es klingt vielleicht dumm, aber ich habe überlegt, dass es möglicherweise gar nicht deine Gabe war. Diese Botschaft war so anders. Sie hat uns so weitergeholfen.“
„Was soll das denn heißen?“, erwiderte Leander leicht beleidigt. „Meine übrigen Visionen helfen auch weiter! Oder wie würdet ihr ohne mich das Orakel finden wollen?“
„Das meinte ich nicht. Ich dachte nur … es könnte uns vielleicht jemand geholfen haben … jemand, der … ach, vergiss es!“ Fast beschämt brach sie ab.
„Wer sollte uns den helfen wollen? Und wer wäre zu so etwas …“
„Ich sagte, vergiss es. Es war nur eine dumme Idee.“
Plötzlich begriff Leander, worauf sie hinauswollte. „Du meinst … deine Göttin? Chada, ich weiß, dass es sehr tröstlich sein kann, auf die Hilfe von Göttern zu hoffen, aber du solltest immer erst nach einer vernünftigen Antwort suchen und selbst dann noch einen weltlichen Grund vermuten, wenn du keinen findest. Falls irgendwelche Götter existieren, dann mischen sie sich jedenfalls selten genug in den Lauf der Dinge ein und ihre Gründe wären für uns einfache Menschen vollkommen unverständlich. Wenn wir weder ihre Gründe verstehen noch die weltlichen Hintergründe für bestimmte Geschehnisse und scheinbare Wunder, dann verlieren wir nichts, wenn wir nach nicht-göttlichen Begründungen suchen, selbst wenn es keine gibt. Und sicher bin ich mir über die Existenz irgendeiner Gottheit ohnehin nicht.“
„Aber haben wir nicht den Beweis für Mutter Natur gefunden? Die Herzen der Mutter …“
„Heißen so, weil einer ihrer Hohepriester sie so nannte. Themauras war ein Seher, aber mindestens so sehr wie alle anderen Menschen sehen auch wir immer das, was wir zu sehen erwarten. Auch wir treffen vorschnelle Schlüsse. Er hat vielleicht gesehen, dass diese Herzen existieren und hielt sie sofort und ohne Zweifel für Schöpfungen von Mutter Natur. Vielleicht sah er sogar uns, wie wir den Drei Schwestern begegnen und nannte sie spontan die Drei Wächter des Chaos. Ein Beweis ist das noch lange nicht.“
„Aber welche – Kopf runter – vernünftige Erklärung hast du dann für die Macht der Herzen?“
„Keine. Aber nur weil ich etwas nicht weiß, muss ich mir nicht gleich mit Göttern behelfen. Religion bietet einfache Antworten, aber nicht unbedingt richtige. Außerdem: Selbst wenn ich etwas Göttliches hinter den Herzen vermute, dann muss es noch lange nicht Mutter Natur sein. Die Anhänger von Zha´bia und Kaoma´quul würden Luftsprünge machen. Sie glaubten an die Dualität in allen Dingen, sahen das Gegensätzliche überall. Leben und Tod, Gut und Böse, Liebe und Hass, Licht und Dunkelheit. Gegensätze, die sich stets im Gleichgewicht halten müssen, um nicht dem Chaos anheimzufallen. Zwei Herzen passen in ihre Theorie doch hervorragend hinein.“ Chada holte Luft, um zu widersprechen, doch Leander ließ sie nicht zu Wort kommen. „Ich muss zugeben, die Priester von Mutter Natur sind mir lieber. Sie versuchen wenigstens, etwas Gutes zu tun, anstatt nur um jeden Preis das Gleichgewicht zu wahren. Aber ob es sie wirklich gibt, ist deswegen noch lange nicht erwiesen.“
„Das Gegenteil aber auch nicht.“, protestierte Chada.
„Logikfehler, Chada! Nichtexistenz ist nicht beweisbar. Du kannst noch so oft Igel von Bäumen werfen, du wirst niemals beweisen können, dass sie nicht eigentlich doch fliegen können. Auch wenn jeder unten aufprallt, einen Gegenbeweis hast du dadurch noch lange nicht. Du kannst nur Indizien sammeln. Igel haben keine Flügel und nach allem was wir wissen keine magischen Fähigkeiten, und die Empirik zeigt, dass sie niemals fliegen. Aber das ist kein Beweis.“
„Du hältst die Existenz von Göttern für so wahrscheinlich wie fliegende Igel?“
„Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Meine Eltern haben mich nicht religiös erzogen, und kaum etwas prägt den eigenen Glauben so stark wie die Erziehung. Aber von allen Glaubenssätzen sind diejenigen der Heiligen Mutter noch diejenigen, die mir am besten gefallen. Achtet alles Lebende, seid neugierig und geht unvoreingenommen an die Dinge heran… Und natürlich das Haus mit vielen Wänden.“
Chada kicherte. „Du magst Doran Meschot, oder? Du hast vierundzwanzig Propheten zur Auswahl und entscheidest dich ausgerechnet für den Umstrittenen, für den Dreizehnten Propheten?“
„Das ist eine Lüge.“, erwiderte Leander gereizt. „Doran Meschot lebte vor der Zeit des Zwölften Propheten, nur an einem anderen Ort. Ich habe viele Schriften gelesen, und die erste, in der er als der Dreizehnte Prophet erwähnt wird stammt aus der Zeit des Propheten Mkarass, also etwa drei Jahrhunderte nach seinem Tod. Davor wurde er nie so bezeichnet. Ich bin fest davon überzeugt, dass Mkarass diese Behauptung aufgestellt hat, um Dorans Schriften in den Schmutz zu ziehen. Er war ohnehin der verbohrteste der Propheten.“
Leander rief sich das Abbild seiner alten Hütte vor Augen und eine Maserung in einem der Balken, die von ihrer Form her entfernt an einen Baum erinnerte. Seine blauen Finger strichen über das Holz und lang begrabene Erinnerungen fluteten für einen Herzschlag sein Bewusstsein. In Gedanken übersetzte Leander den alten Text, dann zitierte er seinen Lieblingspropheten: „Alle Religionen gleichen zusammengenommen einem Haus mit vielen Wänden. Oben, auf dem Dach, thront das Göttliche, das wir als Mutter Natur sehen. Doch die Welt ist groß und in anderen Ländern mag sich ihr Wirken anders äußern. Darum gleicht jede Religion einer der Wände. Sie alle sehen unterschiedlich aus, doch zeigen zum selben Dach hin. Wir beten zu Mutter Natur, andere beten zu ihren Göttern, doch es meinen alle dasselbe. Und daher sollten wir auch den anderen Wänden gegenüber Verständnis zeigen. Die Zeit soll zeigen, welche von ihnen am kürzesten ist und am schnellsten zum Dach führt. Und was ergänzte Mkarass? Dass einige Religionen nur finstere Götzenkulte seien, eher wie eine Kellertreppe zu betrachten, die direkt zum Chaos führt und dementsprechend zerschlagen werden sollte. Ich hasse diesen Propheten!“
„Ich fürchte, ich bin dir keine gute Gesprächspartnerin.“, erwiderte Chada beeindruckt. „Ich kenne nur die Namen von fünf der Propheten und ganz sicher könnte ich sie nicht zitieren.“
„Bist du nicht in einem Tempel aufgewachsen?“, fragte Leander spöttisch.
„So habe ich den Baum der Lieder nie gesehen. Ein Hort der Erinnerung, sicher, und auch viele religiöse Schriften werden dort gelagert, und die Hälfte der Propheten kam von hier, aber ein Tempel?“
„Nicht nur irgendeiner. Ob das Herz der Geburt jetzt von der Heiligen Mutter erschaffen wurde oder nicht, es ist in jedem Fall von gewaltiger Macht.“
„Aber glaubst du jetzt an Mutter Natur oder nicht?“, bohrte Chada weiter. Leander überlegte, was er darauf antworten sollte. Er wusste wirklich nicht, woran er glaubte. Die religiösen Texte hatte er stets möglichst objektiv gelesen, aber auf ihnen hatte sein Hauptaugenmerk ohnehin nicht gelegen. Du hast stattdessen die dunkelsten Geheimnisse erforscht, die die Welt zu bieten hatte. Das ist natürlich viel besser! Seine lästigen Gedanken plagten Leander wie Stechmücken und er konnte sich nur mit Mühe beherrschen, sie nicht mit einem Wedeln seiner Hände zu vertreiben.
„Ich gestehe mir ein, es nicht zu wissen. Ich habe noch keinen wirklichen Beweis für die Existenz von Göttern gesehen – vorausgesetzt man zählt die Mächte des Meeres nicht dazu – und Nichtexistenz ist ohnehin nicht beweisbar. Daher gestehe ich meine eigene Unwissenheit und behaupte, die Antwort liegt außerhalb unseres Ermessens. Aber von mir aus soll jeder glauben, was er möchte, an Mutter Natur, irgendwelche Trollgötzen oder an gar nichts, solange sich niemand deswegen an die Gurgel geht.“ Als ob es dich je gekümmert hätte, wenn andere sich an die Gurgel gingen.
Chada schwieg hernach und warnte ihn nur immer wieder vor herabhängenden Ästen oder anderen Unwegsamkeiten. Sie dachte jetzt vermutlich über seine Worte nach, und Leander hielt es ebenso. War es tatsächlich so abwegig, dass Mutter Natur ihnen geholfen haben könnte? Wenn sie existierte, und sie sich für das Gute in der Welt einsetzte, dann musste es gewiss in ihrem Interesse liegen, die Helden von Andor zu beschützen. War es nicht eigentlich unwahrscheinlich genug, dass die Gruppe so lange überlebt hatte? Er wusste ganz genau, wie man mit kleinsten Einflussnahmen große Veränderungen bewirken konnte. Ein winziger Kiesel konnte eine Lawine auslösen. Wenn es Mutter Natur gewesen war, die in jenem Moment einen Kiesel geworfen hatte? Erklärte das sein Gefühl der Machtlosigkeit?
Nein! Wissen ist Macht. Das hatte schon immer gewusst. Die Machtlosigkeit rührte von seinem Unwissen her. Vielleicht war es ein Gott gewesen, vielleicht einfach nur seine Gabe und vielleicht auch etwas völlig anderes, das Problem war, dass er es nicht wusste. Und er hasste es, Dinge nicht wissen zu können.
„Da vorne verwachsen zwei Bäume miteinander.“, rief Thorn.
Im nächsten Moment hörte Leander sich entfernende Schritte, dann traf ihn etwas am Kopf. „Chada! Wenn du das nächste Mal wegrennst, dann vergewissere dich, dass ich vorbereitet bin.“
„Aber da vorne ist es! Da vorne ist der Schwarze Baum, das erste Herz des Endes, das Versteck der Drei Schwestern. Wir haben es gefunden!“

Thorn band die Pferde an. Leander hatte eigentlich nicht das Gefühl, dass Ambra jemals fortlaufen würde, es sei denn, um zu einem besseren Zeitpunkt wiederzukommen. Doch der Hengst beschwerte sich nicht und ließ sich wie immer widerstandslos festbinden.
Leander humpelte über den Waldboden und wünschte, sein Bein würde endlich verheilen. Er stütze sich auf seinen Stab und hielt inne. Er dachte an das Bild, das seine Vision ihm gezeigt hatte.
Ein Baumstumpf, der bis zu den Blättern der angrenzenden Bäume aufragt. Schwarz und leblos, verkohlt und tot. Die Blätter der anderen Bäume trügerische Schatten auf den Stumpf werfend. Selbst der Boden darum tot, als würden andere Pflanzen die direkte Nähe meiden. Nur von dunklen Wurzeln bedeckt, die aus dem Erdreich wuchern und darin verschwinden. Die verfaulten Adern eines toten Herzens.
Er hörte die Schritte der anderen, als sie sich neben ihm aufstellten. Dann erhob Chada die Stimme und rief laut: „Orakel der Geister! Wir haben Fragen, deren Antworten wir bedürfen. Wir bitten euch, zeigt euch, ihr Drei Schwestern, damit wir sie stellen können.“
Plötzlich bewegte sich die Luft, ein Wind kam auf, der keine natürliche Ursache hatte. Er zerrte an Leanders Mantel und riss ihm die Kapuze vom Kopf. Abgestorbene Blätter und Rindenstückchen trafen ihn aus allen Richtungen wie ein toter Regen. In das Brausen des Windes mischte sich eine Stimme. Sie war nur ein tonloses Flüstern, ein Echo lang vergangener Zeiten, rau und scharrend. Die Worte kratzten in den Ohren wie trockener Sand. „Willkommen, Suchende. Ihr habt das Orakel der Geister gefunden, die Antwort auf all Eure Fragen.
Eine zweite Stimme erscholl, alt und brüchig wie ein morscher Ast. „Wollt Ihr zu den Drei Schwestern vorgelassen werden, so müsst Ihr erst die drei Prüfungen des Orakels bestehen. Sie werden zeigen, ob Ihr der Antworten würdig seid. Sie prüfen Eure Opferbereitschaft, Eure Zielstrebigkeit und Eure Weisheit.
Jetzt erklang auch eine dritte Stimme, kalt und zischelnd. „Kehrt um, wenn Ihr ein sicheres Leben führen wollt. Zu viel Wissen um die Zukunft kann gefährlich sein, und die Prüfungen werden Euch an die grenzen Eures Körpers und Verstandes bringen. Stellt Euch ihnen, wenn die Antworten Euch wichtiger sind als Euer Leben.
Schlagartig erlosch der Wind. Noch einen Moment hörte Leander wie die Teilchen in der Luft zu Boden prasselten, dann war es still. „Tja, wir wollen uns den Prüfungen stellen, oder?“, fragte Ken Dorr.
Leander nickte und trat einen Schritt vor. Im nächsten Moment spürte er, wie sich etwas veränderte, ein seltsames Ziehen in seiner Wahrnehmung. „Eine Sporne!“, rief Chada. „Aber … sie ist durchsichtig.“
„Sie ist auch ein Gespenst.“, vermutete Leander. „So wie die Drei Schwestern.“
Da hörte er erneut die krächzende Stimme: „Willkommen, Suchender, zur ersten Prüfung: Der Prüfung des Willens. Sie prüft Eure Entschlossenheit, Euer Bedürfnis nach Antworten und Eure Bereitschaft, Opfer zu bringen. Tretet vor, Suchender, und betrachtet meine Schätze.
Ein lautes Knarzen erklang vom Schwarzen Baum. Leander bewegte sich vorsichtig darauf zu, die linke Hand ausgestreckt. Schnell berührte seine Handfläche zerfurchte Rinde, nach all den Jahrhunderten noch immer nicht zersetzt.
„Über deiner Hand ist eine Höhle im Holz.“, berichtete Drukil.
Leander hob seine Hand, bis seine Fingerspitzen ein ausgefranstes Loch ertasteten. Wachsam streckte er seinen Arm hinein, bis er die Rückwand berühren konnte. Waren da Runen, oder doch nur Kratzer? Er fuhr die Linien nach, die ins tote Holz geritzt waren. Vor seinem Inneren Auge erschien die Oberfläche der Wand, die Linien und die Schrift, wie mit Feuer in die Dunkelheit gemalt. Nehmt 2 – 5 und tretet ein
„Hier steht, wir sollen zwei bis fünf nehmen und eintreten. Aber zwei bis fünf von was?“ Er tastete weiter umher. Die Sporne hatte gesagt, sie sollten ihre Schätze begutachten. Waren hier Beutestücke versteckt, die dem spinnenartigen Wesen vor all den Jahren ins Netz gegangen waren?
Auf dem Boden fuhren seine Finger über einige merkwürdige Kugeln, hölzerne Murmeln, glatt und löchrig. Apfelnüsse! Nicht die Beute der Sporne war hier versteckt, sondern ihre Köder. Sie legten die nahrhaften Früchte ins Zentrum ihrer Netze und warteten auf leichtgläubige Opfer. Es überraschte Leander immer wieder, wie genügsam die gewaltigen Tiere waren. Da sie die meiste Zeit ihres Lebens bewegungslos an einer Stelle hockten, brauchten sie nicht viel. Diese hier hatte offensichtlich dennoch zu wenig bekommen.
„Was sollen wir nehmen?“, hakte Drukil nach.
„Hier liegen Apfelnüsse. Ich gehe fest davon aus, dass sie gemeint sind.“
„Oh gut, unsere Vorräte gehen ohnehin zur Neige.“, meinte Thorn. „Wir haben nur noch etwa zwei Handvoll.“
Die Agren hatten sie vor ihrem Aufbruch noch mit dem Nötigsten ausgestattet. Neben einigen Vorräten hatten sie ein paar Felldecken mitbekommen, etwas Schnur und drei seltsame Lampen, deren Lichtquelle ein grünes Leuchtmoos war.
„Warte!“, rief Chada argwöhnisch. „Hieß es nicht, es werde unsere Bereitschaft geprüft, Opfer zu bringen? Das kann nicht so einfach sein.“
Leander überlegte kurz. „Ich denke, das Problem ist, die richtige Menge zu nehmen, also zwei, drei, vier oder fünf Apfelnüsse. Man könnte fünf nehmen, nimmt man weniger, dann bringt man gewissermaßen ein Opfer. Allerdings kein großes, die Dinger sind eh schon seit Jahrzehnten verfault.“
„Nein!“, widersprach Chada. „Das kann unmöglich alles sein!“
„Es ist die Prüfung des Willens. Wir müssen unseren Willen verdeutlichen, Risiken einzugehen. Ich bin mir natürlich keineswegs sicher, aber eine bessere Möglichkeit weiß ich nicht.“ Er atmete tief ein und aus. „Aufgrund der offensichtlichen Affinität der Drei Schwestern zu der Zahl Drei würde ich so viele Apfelnüsse nehmen. Hat jemand einen besseren Vorschlag?“
Keiner hatte einen – auch wenn er vermutete, dass es zumindest in Drukils Fall schon am Wort Affinität scheiterte. Also streckte Leander seine Finger weiter aus und schob sie unter drei der Apfelnüsse. Er schloss seine Hand darum und wartete. Doch nichts geschah. Kein verstecktes Wesen fiel ihn an und kein Weg zum Orakel öffnete sich. Also zog er die Hand aus dem Loch. Als die Apfelnüsse die Öffnung passierten, schien es ihm, als stoße seine Hand kurz auf Widerstand. Vor seinen Augen stieg das Bild eines Spornennetzes auf, unsichtbar und tückisch. Doch das war natürlich Unsinn, er hätte es schon lange gespürt. Also zog er die Apfelnüsse mit einem Ruck aus dem Loch.
Ein schriller Schrei hallte durch den Wald. „Leander, renn weg!“, rief Thorn panisch. „Die Sporne kommt auf dich zu!“
Leander, der schon eilig begonnen hatte fortzuhumpeln, hielt erleichtert inne. Sie war nur ein Gespenst! Sie hatte keine feste Gestalt und konnte ihm so wenig schaden wie ein Windhauch. Aber er verstand jetzt die Prüfung des Willens. Man musste sich dem Abbild des Monsters stellen. Praktischerweise war dies für einen Blinden keine Herausforderung.
Wie um seine Gedanken zu widerlegen kreischte die scharrende Stimme plötzlich: „Dieb! Gib es zurück!
Leander stöhnte. Es wäre ja auch zu einfach gewesen. Er versuchte, eine innere Ruhe aufzubauen, doch schon fiel ihm seine Vision ein. Diese Sporne war ein Monstrum, gewiss drei Schritt hoch und rundum grau gepanzert. Die acht schwarzen Beine waren jedes eine Waffe, ein tödliches Schwert. Die Mandibeln waren kräftig genug, um problemlos seinen Kopf zu zermalmen. Sein Mut sank und die immer lauteren Rufe der anderen trugen wenig dazu bei, seine Standhaftigkeit zu verbessern.
Meine Schätze! Meine!“ Die Stimme war lauter geworden, das Untier war schon näher. Leander konnte erneut dieses Ziehen spüren, dessen Ursache er sich nicht genau erklären konnte. Es waren keine Schritte hören, ein eindeutiges Zeichen dafür, dass das Wesen tatsächlich ein Geist war. Dennoch wurde er von einem namenlosen Entsetzen gepackt, sein Herz trommelte wild und seine Knie zitterten. Die Prüfung des Willens.
„Leander, was machst du denn? Sie schlägt zu!“ Chadas Ausruf brach Leander Widerstand. Er wich zur Seite. Im nächsten Moment bewegte sich das Ziehen blitzartig und brennender Schmerz durchzuckte seinen rechten Arm. Blut lief warm über seine Haut und Leander schrie entsetzt auf, weniger vor Schmerz als vor Erschrecken. Sie war ein Geist! Sie konnte ihm nicht schaden!
Das Ziehen nahm zu. Leander Kopf schmerzte plötzlich und schien platzen zu wollen. Das Atmen fiel ihm schwer und er musste hecheln. Seine ungewohnte Wahrnehmung warnte ihn vor einem Schlag von oben und er sprang zur Seite. Sein verletztes Bein protestierte, im nächsten Moment schlitzte etwas den Unterschenkel auf. Es war nur ein flacher Schnitt, er war rechtzeitig ausgewichen, aber das änderte nichts daran, dass es einem Geist nicht möglich sein konnte, Lebende direkt zu verletzen. Er konnte andere mental verstärken und Einfluss auf leichte Objekte seiner Umgebung nehmen, aber keine Wunden schlagen!
Gib die Schätze!“ Leander hechtete zu den anderen, und die übrigen Helden liefen nun auch in seine Richtung. Plötzlich nahm er wieder das Ziehen war, diesmal von der Seite. Es war eine leichte Bewegung der Luft, erkannte Leander. Wie ein Windstoß und doch anders. Fokussierter.
Dieses Mal wich er nicht aus, sondern hielt dem Angriff seinen Stab in den Weg. Doch das Holz konnte den Angriff nicht bremsen, etwas schnitt wie ein Messer in Leanders Schulter. Diesmal ging die Wunde deutlich tiefer, nur eine rasche Drehung verhinderte, dass die Sporne ihn lebensbedrohlich verletzte. Über den Schmerz hinweg registrierte Leander, dass er keine Erschütterung wie von einem Schlag gespürt hatte. Es schien fast, als wäre die Wunde einfach entstanden, ohne den restlichen Körper zu beeinflussen.
„Was ist das für ein Dämon?“, schrie Chada entsetzt. „Stirb! Ich habe dich getroffen!“ Anscheinend hatte ihr Pfeil das Gespenst einfach passiert, ohne Schaden anzurichten, so wie es von einem Geist auch nicht anders zu erwarten war.
Plötzlich stolperte Leander über etwas, eine Wurzel. Das nächste Ziehen. Er lag auf dem Boden und rollte sich zur Seite. Dicht neben seinem Kopf explodierte der Waldboden, doch auch hier spürte er keine Erschütterung. Er haschte nach dem mutmaßlichen Bein der Sporne und berührte nur einen formlosen Widerstand, der sich einfach in Luft auflöste. Ein weiteres Ziehen, direkt über seinem Kopf, und er bekam plötzlich keine Luft mehr. Er versuchte einzuatmen, bäumte sich auf, doch es kam nichts. Seine Lunge drohte zu zerbersten. Irgendwie gelang es ihm, auch diesem Schlag auszuweichen, und plötzlich konnte er wieder normal atmen. Zumindest bis zum nächsten Ziehen, jetzt über seinem eingeklemmten Fuß.
Luft! erkannte er. Sie kann leichte Dinge in ihrer Umgebung manipulieren. Und was wäre leichter als Luft? Sie formt sie, komprimiert sie. Sie schlägt mit Klingen aus Luft, durchscheinend wie ihre Fäden und härter als jeder Stahl! Und sie wird mein Bein mühelos durchtrennen.
Er schleuderte die drei Apfelnüsse, die er noch immer in der Hand hielt, von sich fort, und rief: „Da sind deine Schätze! Da hinten!“ Doch die Sporne ließ sich nicht irritieren. „Gib die Schätze zurück, Dieb!“, kreischte sie nur, dann stieß das Ziehen herab.
In diesem Moment donnerten Schritte auf dem Waldboden neben Leanders Kopf. „Du willst einen Dieb haben, Monster?“, schrie Ken Dorr provozierend. „Dann hol ihn dir!“
Die Luft bohrte sich in Leanders Bein, direkt oberhalb des Knöchels, doch sie stoppte, ehe sie tiefer eindringen könnte. Das nächste Ziehen erfolgte weiter vorne und in eine andere Richtung. Es sauste herab und Ken Dorr fluchte: „Verdammt, ist das Biest schnell!“ Dann erreichten auch die anderen das Gespenst und lenkten es von Leander ab.
Er hat dir schon wieder das Leben gerettet. Oder zumindest einen Fuß. Aber du lässt zu, dass die anderen ihn noch immer verachten. Wo wärst du jetzt ohne ihn?
Leander rappelte sich auf, während er überlegte, was er falsch gemacht hatte. Es war die Prüfung des Willens. Hätte er einfach ausharren müssen und es wäre ihm nichts geschehen? Aber er hatte das Ziehen schon vorher gespürt. Hatte er also die falsche Anzahl Apfelnüsse genommen? Hätte er ein größeres Opfer bringen müssen? Vielleicht wären zwei besser gewesen, immerhin hätte er dann auf drei Apfelnüsse verzichtet?
Gebt die gestohlenen Schätze zurück!“, kreischte die Sporne erneut, dann stieß Drukil einen unterdrückten Schmerzensschrei aus. Anscheinend war er verletzt worden.
Der Kampf klang seltsam in Leanders Ohren. Die Helden schlugen auf Luft ein, er hörte nur das Zischen ihrer Waffen, ihren schweren Atem und Thorns aufgebrachten Ruf: „Irgendeine Schwachstelle muss sie doch haben!“ Der Angreifer dagegen war absolut lautlos.
„Sie ist ein Gespenst, wie der Schwarze Herold!“, rief Leander in Richtung des Kriegers und fügte noch hinzu: „Wir können sie nicht verletzen. Irgendjemand von euch muss die Apfelnüsse aufsammeln und zurücklegen, vielleicht lässt sie dann von uns ab!“
Er zeigte mit seinem Stab in die Richtung, in die er das Diebesgut geworfen hatte und unterdrückte den Schmerz, der in seiner verletzten Schulter pochte. Sein ganzer Arm war feucht vom Blut, das aus der Wunde floss.
Er lief zur Sporne. Seine Blindheit schärfte seine anderen Sinne, nur so konnte er das Ziehen wahrnehmen. Er könnte dem Monster besser ausweichen, da er sich auf den wahren Angriff konzentrieren konnte, anstatt von den acht Beinen und den zuckenden Klauen abgelenkt zu werden.
„Lenkt es ab!“, forderte Ken Dorr, dann entfernten sich seine Schritte in die Richtung, die Leander angezeigt hatte. Der Seher schlug blindlings in Richtung des neuerlichen Ziehens. Er erwartete keine Erfolge, aber den Geist ablenken, das würde er.
Er wich einem der gespürten Schläge aus, ein zweiter hinterließ einen brennenden Striemen auf seiner Brust. „Bringt das Opfer! Stehlt nicht! Gebt die Schätze zurück!“ Das Opfer bringen. Hätte er, Leander, sich dem Gespenst opfern müssen? Hätte sein Tod den Zugang zur nächsten Prüfung geöffnet? Die Prüfung des Willens. Sie prüft Eure Entschlossenheit, Euer Bedürfnis nach Antworten und Eure Bereitschaft, Opfer zu bringen. Was für Opfer? Etwa Menschenopfer? Stellt Euch ihnen, wenn die Antworten Euch wichtiger sind als Euer Leben.
Nein! So blutdurstig konnte das Orakel der Geister nicht sein. Die Drei Schwestern waren einst Agrenfrauen gewesen, und ein friedlicheres Volk war Leander noch nicht untergekommen. Es musste etwas anderes sein.
„Wo ist denn die dritte Apfelnuss?“, rief Ken Dorr von hinten, und Leander spürte, wie das Ziehen die Richtung wechselte. Die Sporne war auf den Dieb aufmerksam geworden und glitt in seine Richtung. Leander stolperte hinterher, doch sein verletztes Bein schränkte ihn ein. Drukil war anscheinend stärker verletzt, als Leander befürchtet hatte, der Hautwandler taumelte nur schwach hintendrein. Chada schrie laute Schmähungen, doch das Monster ließ sich nicht ablenken. Nur Thorn rannte vorneweg.
Gebt es zurück! Sie sind mein! Mein Opfer!“ Mein Opfer? Tretet vor, Suchende, und betrachtet meine Schätze. Nehmt 2 – 5 und tretet ein. Eure Bereitschaft, Opfer zu bringen. Natürlich! Was war er doch für ein Narr gewesen! Da stolperte Leander wieder über eine Wurzel, sein Kopf schlug hart auf den Boden auf und seine Ohren dröhnten.
„Ich habe sie!“, schrie Ken Dorr, dann rief er panisch: „Ich sagte doch, ihr sollt sie ablenken!“
Leander war noch immer benommen, er war sich nicht ganz sicher, was danach geschah. Es erklangen nur verwirrende Geräusche, die er nicht genau zuordnen konnte. Ein Schaben, hastige Schritte, ein Zischen, Thorns wütender Schrei. Und über allem immer das lautlose Ziehen, die geformte Luft.
„Geschafft!“, drang Ken Dorrs Stimme aus Richtung des Baumlochs an Leanders Ohren. Das Ziehen wich zurück.
Er schüttelte sich ein letztes Mal und stand dann vorsichtig auf. „Und ich weiß jetzt auch, was wir falsch gemacht haben!“, rief er. „Wir müssen …“
Er brach ab, als er merkte, dass niemand ihm zuhörte. Was war denn los? Da hörte er ein entsetzliches Stöhnen. Ein Röcheln und Husten, das nichts Gutes ahnen ließ. Und dann Chadas schriller Schrei. Ein markerschütternder Schrei, so ausgefüllt mit Grauen und Fassungslosigkeit, dass Worte darin keinen Platz mehr fanden. Ein Bild stieg vor seinem Inneren Auge auf, ein Bild von Thorn, der auf totem Boden lag, in einer Lache von Blut, mit einem faustgroßen Loch in der rechten Brust. Der blaue Umhang von Blut getränkt, die Augen flatternd. Tödlich. Mindestens.
Er stolperte nach vorne, folgte Chadas verstörtem Schluchzen. Er war ein Heiler! Er konnte auch schlimmste Verletzungen behandeln. Und es war keineswegs sicher, dass seine Vision schon jetzt eingetreten war. Vielleicht war der Krieger nicht so schwer verwundet, wie er es gesehen hatte.
Das Schluchzen wurde lauter. Leander kniete sich hin, direkt neben die Bogenschützin. Seine Hand kroch zitternd zu Thorns rechter Brust. Er ertastete das zerfetzte Hemd, blutgetränkt, und dann ein faustgroßes Loch, kreisrund und viel zu tief. Er versuchte es mit dem Ende seiner Kutte abzudecken, doch dem vernünftigen Teil in ihm war klar, dass der Tod nicht mehr aufzuhalten war. Er könnte drücken, um den Blutstrom aufzuhalten, doch den zerstörten Lungenflügel konnte er nicht retten, und das Blut darin nicht entfernen. Rippen, Lunge, Fleisch, alles war von einer Klinge aus Luft glatt durchtrennt worden, und das Blut pulsierte immer schwächer aus der Wunde. Einer Wunde, die niemand hätte heilen können. Doch Leander versuchte, alles Vernünftige zu ignorieren. Wissen war Macht, doch manches Wissen konnte auch eine Qual sein.
Wenn du ihnen alles erzählt hättest, dann wäre es vielleicht anders gekommen. Vielleicht hättest du das Rätsel dann sofort gelöst. Höchstwahrscheinlich wäre all das nicht geschehen. Doch du lügst die an, die sich deine Freunde nennen, belügst sie immer weiter, bis zu ihrem …
Chadas Leib an seiner Seite wurde von Schluchzern geschüttelt und ein wehmütiges Wiehern hallte über die Lichtung. „Weine nicht!“, keuchte Thorn plötzlich. Leander war überrascht, dass er dazu noch in der Lage war. Er spürte, dass die Worte nicht für seine Ohren bestimmt waren, doch er hatte fremde Geheimnisse noch nie ruhen lassen können. „Weine nicht, meine Prinzessin. Schon so lange sehne ich mich nach nichts als Frieden. Wir werden uns im nächsten Leben sehen.“
Auch Leander spürte jetzt Tränen in seinen blinden Augen. Er hielt nichts davon, für völlig Fremde Mitgefühl zu heucheln, doch Thorn war kein Fremder. Der Krieger hatte zusammen mit ihm den Bleichen König bekämpft, hatte die Sklaven befreit, hatte sich mit ihm gefreut, als die Krahder endlich besiegt waren, mit ihm gelacht und mit ihm gespeist. Kaum jemand hatte ihn, den Blinden mit blauer Haut, damals so schnell akzeptiert.
Warum freust du dich nicht, Leander? Der erste Schritt der Rache deines Bruders ist vollendet. Callem wird zufrieden mit dir sein. Wenn du nicht gewesen wärst, dann wäre Thorn jetzt nicht todgeweiht. Du hast ihn zu diesem Ort geführt. Du hast die Apfelnüsse aus dem Loch genommen. Du hast das Gespenst verärgert. Sein Tod ist ganz allein deine Schuld! Deine Schuld! Nur deine!
Am Rande nahm er war, dass auch Drukil sich neben ihn gehockt hatte. Dann sagte Ken Dorr leise: „Lasst ihn! Er ist in wenigen Augenblicken tot.“ Leander war überrascht, wie viel Mitleid in seiner Stimme lag.
„Er ist nicht tot.“, schrie Chada plötzlich. „Er wird nicht sterben! Das lasse ich nicht zu!“
„Beruhige dich!“, sagte Ken Dorr leidend. „Wenn wir etwas gelernt haben in den letzten Tagen, dann dass der Tod nicht endgültig sein muss. Wenn wir es geschickt anstellen, dann können wir ihn vielleicht zurückholen!“ Er schien sich selbst Mut einreden zu wollen. Anscheinend nahm sogar ihn der plötzliche Tod mit.
„Er ist noch nicht tot, Dieb!“, fauchte Chada wild, dann schluchzte sie wieder und rief: „Du wirst nicht sterben, Thorn. Ich verbiete es dir!“
Sie bebte und zitterte vor Verzweiflung und es schien Leander, als wiche jegliche Wärme aus ihrem Körper. Thorn röchelte ein letztes Mal und auch Leander wurde es kalt. Er erinnerte sich des grauenhaften Gefühls, als seine Freunde ihm davon berichtet hatten, dass der Schwarze Herold seinen Bruder Callem ermordet hatte. Vor den anderen hatte er seine Selbstbeherrschung aufrechterhalten, zumal die mysteriösen Worte des Schwarzen Herolds in ihm Hoffnung geweckt hatten, und nur wenig später hatte Ken Dorr ihnen berichtet, dass Callem wieder am Leben war, dennoch waren diese beiden Tage die schlimmsten seines Lebens gewesen. Er bekam einen grobe Vorstellung des unermesslichen Leids, das Chada in diesem Moment empfinden musste. Er war nur froh, dass er sein Augenlicht verloren hatte, so musste er wenigstens nicht sehen, wie der Glanz in Thorns Augen brach.
Die Schuld, die er empfand, schmerzte mehr als all die Wunden, die er im letzten Kampf erlitten hatte. Die Hand über Thorns Wunde schien zu brennen. Es fühlte sich an, als hätte er sie in ein Lagerfeuer gelegt. Er zwang sich, die Hitze auszuhalten, als Strafe für sein Versagen, doch schließlich zuckte seine Hand reflexhaft zurück. Beinahe hätte er gelacht. Wie dumm, dass seine Reflexe ihn vor einer Hitze warnten, die nur in seinem Kopf existierte. Er legte die Hand erneut auf die Wunde und zuckte wieder zurück. Das war keine Einbildung! Diese Hitze war real! Fassungslos tippte er mit seiner Fingerspitze erneut auf die Wunde und spürte, wie sich etwas bewegte.
„Was geschieht hier?“, hauchte Ken Dorr entgeistert und neben ihm schnappte Drukil nach Luft. Leander tippte ein weiteres Mal auf die Brust und war sich jetzt sicher, dass sie sich bewegte. Die Wunde wurde kleiner, die Haut wuchs wieder zu, die Rippen bildeten sich erneut. Ein Wunder! Wie hatte er Ahnungsloser jemals die Existenz irgendwelcher Götter bezweifeln können?
Neben ihm zitterte Chada immer stärker und als Leander nach ihrer Schulter griff, um sie auf die mysteriöse Genesung aufmerksam zu machen, war sie eiskalt.
Plötzlich bäumte Thorn sich auf und keuchte heftig. Dann atmete er kräftig und unter der Haut konnte Leander das Herz schlagen spüren. Chada brach zusammen.


Sonnenhoch, 48. Herbsttag 76 A.Z.
Herz des Bronwaldes, Graues Gebirge

Erst viele Umarmungen, Glückwünsche und verbundene Wunden später gelang es ihnen, über die plötzliche Rettung angemessen zu staunen. Chada war noch immer erschöpft und unterkühlt und Leander berichtete von seinen Erlebnissen, von der brennenden Wunde und der eiskalten Chada. Die Bogenschützin murmelte etwas vom Wunder ihrer Göttin und Ken Dorr lachte nur immer wieder euphorisch. Drukil war noch viel zu verblüfft, um etwas zu sagen und Thorn scherzte, dass Chada einfach in Rekas Fußstapfen getreten sei, die ihn früher schon vor dem scheinbaren Tod gerettet hatte. Er staunte über all das Blut auf dem Boden. „Das soll alles von mir sein? Und seht euch nur meinen Umhang an, den kann man fast schon wegschmeißen. Wobei eure auch nicht wirklich besser aussehen.“ Leander konnte sein fast Grinsen hören. „Also Chada, achte doch das nächste Mal besser auf deine Kleidung. Du wurdest im Kampf als einzige nicht verletzt, aber danach hast du dich einfach mit meinem Blut eingesaut.“
Alle lachten. Zu wunderbar war das Erlebte. „Was hast du denn da, Chada?“, fragte Drukil. „Sieht aus wie ein Brandfleck auf deiner Brust. Sieh mal, er bildet eine Raute.“ Leander dachte an das Bild der silbern leuchtenden Raute in seiner Vision. Sollte sie hiermit etwas zu tun haben? Wenn ja, dann war es vielleicht doch kein göttliches Wunder? Das Zeichen von Mutter Natur jedenfalls war ein goldener Baum, keine brennende Raute.
„Seltsam!“, murmelte Chada. „Der Brandfleck ist genau unter Mhares Amulett. Aber wenn es so heiß gewesen wäre, dann hätte ich das doch spüren müssen. Und meine Haut ist unverletzt.“ Leander erstarrte. Sie besaß ein rautenförmiges Amulett von Mhare?
„Was ist das für ein Amulett?“, fragte Ken Dorr.
„Es gehörte meiner Mutter Mhare. Sie starb im Winter meiner Geburt und hinterließ mir dieses Amulett. Es ist nichts als ein Erinnerungsstück.“
„Kannst du es mir geben?“, fragte Leander und hoffte, dass das Zittern in seiner Stimme niemandem auffallen würde. Chada reichte es ihm und er fuhr mit seinem Finger über die kunstvolle Oberfläche. Oh, wie hatte er nur so abscheulich dumm sein können? Und er hatte allen ernstes Götter für das scheinbare Wunder verantwortlich gemacht? Welch Ironie! Er hatte Chada doch heute erst erklärt, dass man zunächst immer nach einer natürlichen Ursache suchen sollte. Es war nur naheliegend, dass die Schmuckstücke Mhares nach ihrem Tod in den Besitz ihres einzigen Kindes übergehen würden. Aber Chada hatte das Amulett nie erwähnt und Leander hatte keine Augen, mit denen er es hätte bemerken können. Er war davon ausgegangen, dass es schon seit vielen Jahren irgendwo im Wachsamen Wald vermoderte oder längst im Hadrischen Meer versunken war. Er hatte angenommen, die Welt werde es vergessen, und so war es auch aus seiner Erinnerung entschwunden. Ein Kiesel unter vielen, mehr nicht.
„Das besteht aus Silber, oder?“, krächzte er mühsam. Als ob du das nicht genau wüsstest, Leander! Du willst auf den großen Berg der Lügen doch nicht etwa noch eine häufen?
Chada bestätigte das und Leander strich gedankenverloren über das Metall. „Die Blätter darauf sind nicht zufällig angeordnet. Wenn mich nicht alles täuscht, bilden sie zwergische Runen, umgeben von einem geometrischen Muster.“ Er tat, als müsse er nachdenken. „Das scheint … eine Kombination aus zwergischer Runenmagie und der Zeitzauberei Hadrias zu sein. Ein wirklich ungewöhnliches Schmuckstück.“
„Das ist magisch?“, fragte Chada. „Woher hatte meine Mutter es? Weshalb hat mir das bisher niemand gesagt? Und welche Funktion hat es?“
„Die Runen und Muster sind als Blätter und Ranken getarnt.“, murmelte er. „Und was die Funktion betrifft: Ich denke, es lässt die Lebenskraft seines Trägers in ein anderes Wesen übergehen. In ein Wesen, das er liebt und das in Lebensgefahr schwebt. Überraschend, dass es so wirkkräftig ist.“
Wenn mich nicht alles täuscht? Das scheint? Ich denke? Warum gibst du dein Wissen nicht einfach zu? So scheinheilig, Leander!
Die anderen mussten diese Neuigkeit verdauen. Sie schwiegen überrascht, während Leander noch immer sein Gewissen hörte, wie es ihn immer weiter quälte.
Weißt du, was du bist, Leander? Du bist ein verlogener, gemeiner, …
„Du sagtest, du wüsstest, was wir falsch gemacht haben?“, fragte Ken Dorr schließlich. „Hast du also eine Idee? Du bist dir sicher, dass sie dieses Mal funktionieren wird?“
… niederträchtiger, verabscheuungswürdiger, …
„Ich habe die Aufforderung falsch verstanden, die an der Wand geschrieben stand.“, erklärte der Seher. „Es heißt nicht Nehmt zwei bis fünf, sondern Nehmt zwei MINUS fünf!“
„Also drei?“, fragte Drukil verwirrt. „Aber das haben wir doch.“
„Minus drei!“, korrigierte Leander. „Wir sollen minus drei nehmen, das bedeutet, wir sollen drei geben. Wir müssen dem Orakel drei Apfelnüsse opfern. Das ist die Opferbereitschaft, die geprüft wird.“
… arglistiger, heimtückischer, …

Leander schlich vorsichtig auf das Loch zu, drei Apfelnüsse in der Hand. Zeit, seine neue Idee auszuprobieren. Aber er war zuversichtlich, dass er recht hatte. Er war überzeugt davon, das Rätsel gelöst zu haben. Er tastete nach dem Loch und streckte seinen Arm hindurch, während er die Stimme seines Gewissens zu überhören versuchte.
… ehrloser, durchtriebener, …
Er zögerte kurz, dann öffnete er seine Faust. Die Apfelnüsse trafen klackend auf den anderen auf. Auf dem Haufen, den die vorherigen Suchenden hinterlassen hatten.
… heuchlerischer, perfider, …
Er zog seine Hand zurück und erwartete fast, dass das Ziehen am Rande seiner Wahrnehmung wieder zunehmen würde. Doch es erklang nur ein dumpfes Knarzen. Der tote Baum schien zu erbeben und Thorn rief: „Da vorne! Ein Eingang!“
… verschlagener, schändlicher, …
Sie stellten sich vor dem Eingang auf. Die anderen beschrieben ihn als dunkel und unheimlich still. Leander roch verfaultes Holz, doch er griff nur kurz seinen Stab fester, sodass seine Wunde in der Schulter sich unter dem frischen Verband straffte. Dann trat er einen Schritt nach vorne. Die Dunkelheit konnte einen Blinden nicht schrecken. Und die Stille hatte er schon immer geliebt.
Er ließ den Bronwald hinter sich, trat ein ins tote Herz des kranken Waldes. Trat in die Dunkelheit, nur vertrieben von dem Bild einer Hütte am Waldrand, einer Schatulle aus Ebenholz und einer rötlich schimmernden Perle. Trat in die Stille, die nur von den Worten seines Gewissens durchbrochen wurde.
… intriganter, hinterhältiger Mörder.


Späte Nacht, 65. Sommertag 42. A.Z.
Östlich des Freien Marktes, Andor

„Ja, ich besitze ihn!“ Ein leises Klicken übertönte die zischende Glut in der Esse, welche die Kälte der Nacht vertrieb. „Von meinem Lehrmeister, einem mürrischen Zwerg namens Duron.“, ergänzte die dröhnende Stimme der Schmiedin.
Leander lächelte unter seiner Kapuze und wartete, bis etwas vor ihm auf den Tisch gelegt wurde. Dann streckte er die Hand aus und strich über den glatten Stahl. Die Kälte drang selbst durch seine Handschuhe. „Wie viel?“, fragte er zögernd.
„Zwanzig Goldstücke!“
Leander erstarrte. „Das ist mehr, als Eure ganze Schmiede wert ist!“, stieß er fassungslos hervor.
„Die ganze Schmiede bis auf diesen Helm.“, entgegnete die Schmiedin ungerührt. „Wer es sich leisten kann, mir drei Silberlinge zu geben, nur um einen Blick hierauf zu werfen, der wird bestimmt nicht knauserig sein. Dieser Helm ist Jahrhunderte alt und einzigartig.“
„Zwanzig Goldstücke!“, knurrte Leander widerstrebend. „Ich bin einverstanden. Aber kein Wort! Zu niemandem!“
„Natürlich nicht. Von mir und meinem Lehrling abgesehen weiß niemand, dass dieses Ding überhaupt existiert. Daher wundert es mich übrigens auch, wie Ihr davon erfahren habt.“
„Ihr würdet mir vermutlich nicht glauben, wenn ich behaupte, er sei mir im Traum erschienen?“ Leander kicherte verhalten. „Bevor ich ihn erwerbe muss ich noch etwas überprüfen. Habt Ihr einen Dolch?“
Die Schmiedin trampelte davon und erschien kurz darauf wieder. Leander streckte fordernd die Hand aus und nahm die Klinge vorsichtig entgegen. Dann zog er seinen Ärmel zurück.
Die Frau atmete zischend ein. „Eure Haut sieht ungesund aus. Seid Ihr krank?“
„Nicht ansteckend.“, murmelte Leander geistesabwesend, während er sich die Spitze ins Fleisch trieb und die Wunde über den Tisch hielt.
„Asche und Schlacke!“, dröhnte die Schmiedin erschrocken. „Was geschieht hier?“ Sie umrundete den Tisch, um einen besseren Blick auf das scheinbare Wunder werfen zu können. „Was für ein Metall ist das?“
„Blutstahl!“, flüsterte Leander und zog die Hand zurück. „Sagt Euch der Name Morn etwas?“
„Fürst Morn, der Durstige. Unter seiner Regentschaft gelang es den Schildzwergen, Bier aus unterirdisch wachsenden Pilzen zu brauen.“
Beeindruckend! Für einen Menschen war sie durchaus bewandert in zwergischer Historie. „Das ist nur ein amüsantes Detail.“, erklärte Leander leise. „Seinen Beinamen erhielt er nicht des Bieres wegen, sondern wegen seiner Krone. Dieser Krone.“
Er hörte, wie die Schmiedin sich zum Tisch herabbeugte. „Fürst Morn regierte vor knapp acht Jahrhunderten.“, fuhr Leander fort. „Der unterirdische Krieg gegen die Drachen hatte die Schildzwerge fast ausgelöscht und die dunklen Kreaturen waren zahlreich. Eines Tages fielen sie in Cavern ein und entführten Fürst Morns heißgeliebte Tochter Raan. Um sie zu retten, vertraute der Fürst sich der jüngsten und wohl aufsehenerregendsten Entdeckung der zwergischen Schmiedekunst an: Blutstahl, geschmiedet aus Dunkeleisen und Drachenbeinstaub. Eine Legierung, die jeden Tropfen Blut aufsaugt, der sie benetzt. Der hart und schwarz wie Drachenschuppen wird, bis der Lebenssaft verronnen ist. Und wer auch immer ein Objekt aus benetztem Blutstahl mit sich führt, den wird keine der Kreaturen der Drachen angreifen, denn sie riechen die Essenz ihrer alten Meister im Metall. So wagte Fürst Morn ein Experiment: Er ließ sich eine Krone aus Blutstahl fertigen. Eine Krone, größer und schwerer als jeder Helm. So viel Blutstahl auf einem Fleck, so die Idee, sollte den Träger nicht nur vor den Kreaturen schützen, er sollte es ihm ermöglichen, über sie zu befehlen.“
Die Schmiedin keuchte ehrfürchtig auf und Leander atmete tief ein. „Die Meisterschmiede stellten die Krone für ihren Fürsten her. Morn setzte sie auf und als die nächste Schlacht tobte, da benetzte er sie mit dem Blut der Gefallenen. Er befahl den Kreaturen die Flucht, und sie flüchteten. Lachend stand Fürst Morn zwischen seinen toten Kriegern, bis das Blut in der Krone verschwunden war und die Kreaturen zurückkehrten. Denn so viel Blutstahl erforderte auch eine gewaltige Menge Blut.“
Leander hielt seine Wunde erneut über den Tisch und wurde mit einem staunenden Lachen der Schmiedin belohnt. „Fürst Morn setzte seine Krone nicht mehr ab und in der nächsten Schlacht versuchte er es erneut. Weil das Blut schnell verschwand, befahl er bald seinen eigenen Kriegern, sich der Krone zu opfern. Sie rissen sich selbst ihre Adern auf und das Blut tränkte den Fürsten. Die Kreaturen flohen, wann immer Morn in ihre Nähe kam, doch als er ihnen befehlen wollte, seine Tochter Raan zurückzubringen, versagte die Macht des Blutstahls. Und so kam der Fürst zu dem Schluss, dass ein Helm allein nicht genügt. Er ließ allen übrigen Blutstahl Caverns zu einer Rüstung einschmelzen, die er fortan nicht mehr auszog. Dornen ragten ins Innere, tranken das Blut des Fürsten, wenn nicht genug Nachschub von außen kam. Und Morn veränderte sich. Aus seiner Liebe zur Tochter wurde Obsession, aus seinen Wünschen Wahnsinn. Jeden Tag mussten zehn gesunde Zwerge all ihr Blut geben, um die Rüstung zu versorgen und damit ihren Fürsten am Leben zu halten. Daher erhielt der Fürst den Beinamen: Der Durstige.“
Leander seufzte schwer. „Eines Tages trat ein junger Schmied zum Fürsten, der Blutstahl näher erforscht hatte. Er hatte an gefangenen Feinden experimentiert und etwas herausgefunden: Die Kreaturen verschonten einen Träger von Blutstahl nicht aus Gehorsam gegenüber ihren verstorbenen Meistern, sondern aus Furcht vor denjenigen, die sie getötet haben mussten. Ganz egal, wie viel Blutstahl Fürst Morn noch zu seiner Rüstung hinzufügen würde, er würde den Kreaturen niemals befehlen können, Raan zurückzubringen. Er würde nur dafür sorgen können, dass sie noch schneller vor ihm flohen. Der Fürst hörte sich den jungen Schmied geduldig an, dann ließ er ihn hinrichten. Und weiterhin verloren jeden Tag zehn Zwerge ihr Leben, um Rüstung und Krone zu nähren. Und weiterhin gelang es dem Durstigen nicht, den Kreaturen die Herausgabe seiner Tochter zu befehlen. Es vergingen sechs Monde, bis der wahnsinnige Fürst gestürzt werden konnte. Sechs Monde, in denen das Volk der Schildzwerge sich fast halbierte, ohne dass eine einzige Schlacht gegen die Kreaturen geschlagen wurde. Seine Rüstung wurde zerstört und in die heißesten Magmagruben der Tiefminen geworfen. Seine Krone jedoch, so heißt es, blieb verschont, um die Zwerge an dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte zu erinnern. Unter den wenigen, die heute noch von ihr wissen, gilt sie als verschollen.“
Die Schmiedin atmete schwer. „Es scheint, als habe ich ein schlechtes Geschäft gemacht. Ich wette, woanders hätte sich für Morns Krone noch mehr herausschlagen lassen. Aber verkauft ist verkauft. Gebt mir das Gold und zieht Eurer Wege.“
„Wisst Ihr, was Fürst Morns Verhängnis war?“, fragte Leander nachdenklich und trat direkt neben die Schmiedin. „Es war die Gier. Die Gier nach immer mehr Blut. Es scheint, dass es stets die Gier ist, die den Besitzer dieser Krone zugrunde richtet.“
Leander stieß zu. Der Dolch durchtrennte ihre Kehle mühelos und nur ein gequältes Röcheln drang noch über ihre Lippen. Ihr Blut lief warm über seine Hände und benetzte zweifelsohne auch den Helm auf dem Tisch. Sie sank tot zu Boden und Leander ließ mit zitternden Händen die Waffe fallen. Zum ersten Mal hatte er gemordet, zum ersten Mal hatte er selbst den tödlichen Streich geführt. Er wusste, dass er das Gefühl des Blutes auf seiner Haut nicht mehr würde vergessen können, aber anders hätte er den Fluch nicht brechen können.
„Ihr hättet nicht zwanzig Goldstücke verlangen sollen.“, flüsterte er. „Zehn, und ich hätte Euch vielleicht leben lassen. Aber zwanzig habe ich nicht mehr. Die Gier war auch Euer Verderben.“
Leander bückte sich und tastete auf dem schlüpfrigen Untergrund nach dem Dolch. Seine Handschuhe würde er wohl ersetzen müssen. Schließlich fand er die Waffe und atmete tief durch. Die Schmiedin hatte doch von einem Lehrling berichtet, der ebenfalls von der Blutkrone wusste. Vermutlich schlief er hinten. „Einer oder zwei, was macht das schon?“, fragte sich Leander leise.
Der Seher stopfte die Krone in einen groben Sack, dann schlich er um die Esse herum. „Mit der Macht des Blutes gekrönt …“, wisperte Leander, während er seine Gabe nutzte, um sich in der Schmiede zurechtzufinden und keine Geräusche zu verursachen.
„Nicht mehr lange, Auserwählter.“
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x – Drei Rätsel und drei Fragen

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:13

x – Drei Rätsel und drei Fragen

Sonnenhoch, 48. Herbsttag 76 A.Z.
Herz des Bronwaldes, Graues Gebirge

Der hölzerne Eingang schloss sich mit einem dumpfen Knarzen hinter ihnen, doch überraschenderweise wurde die fünfköpfige Gruppe nicht in tiefste Dunkelheit getaucht. Aus dem finsteren Gang vor ihnen glühte ein gedämpftes grünliches Licht. Dennoch dauerte es einige Zeit, bis sich Chadas Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten.
Auch vollkommen still war es nicht, neben ihren überraschten Atemgeräuschen hörte sie ein durchgehendes Ächzen. Der Baum, in dem sie waren, mochte tot sein, aber auch er beugte sich dem Wind. Aus Tod erwächst neues Leben, lautete einer der Leitsätze von Reschael, dem ersten Propheten von Mutter Natur, und ein Schaudern durchfuhr Chada, als sie überlegte, was außer den Drei Schwestern noch alles hier hausen mochte.
Thorn nahm seinen Arm von ihren Schultern und untersuchte die ehemalige Öffnung hinter ihnen. Die Stelle, an welcher der Arm gelegen hatte, fühlte sich noch kälter an als der Rest ihres Körpers. Nur mit Mühe konnte sie ein Zittern unterdrücken. Die Eiseskälte, die sie erfasst hatte, als sie sich über den verwundeten Thorn gebeugt hatte, hielt sie noch immer gefangen, außerdem war sie entsetzlich müde und fühlte sich, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Von Thorn abgesehen hatte niemand bemerkt, wie elend ihr zumute war. Doch selbstverständlich war das Leben des Kriegers ihr all die Strapazen wert.
Mit ihrer Hand umklammerte sie das rautenförmige Amulett ihrer Mutter Mhare, dessen Ränder tief in ihr Fleisch schnitten. Nie wieder wollte sie das Kleinod loslassen, das Thorn gerettet hatte.
Hinter ihr murmelte der Krieger etwas, anhand des Tonfalls erkannte sie, dass er nicht eben erfreut war. Mühsam drehte Chada sich um und betrachtete die Wand, wo sich soeben noch eine Öffnung befunden hatte. Allzu viel konnte sie im Dunkeln nicht ausmachen, doch wenn sie es nicht besser wüsste, sie hätte hier niemals einen Ausgang vermutet. Drukil neben ihr hob sein Schwert und wollte auf das Holz einhacken, doch Chada hielt ihn schweigend zurück. Gewiss wäre das Orakel nicht erfreut, wenn die Suchenden seine Heimstatt beschädigten.
„Öffne dich, du dumme Wand!“, rief Thorn erbost. „Ich weiß, dass du eigentlich gar keine bist.“
„Ich bezweifle, dass ein paar Worte …“, setzte Ken Dorr an, brach jedoch ab, als die Wand sich zu regen begann. Plötzlich fiel Sonnenlicht hindurch und brannte in Chadas grünen Augen; der Ausgang öffnete sich knarzend. Die Helden und der Dieb betrachteten staunend die Öffnung, doch als niemand Anstalten machte, den Baum zu verlassen, verschloss sie sich wieder.
„Immerhin beruhigend, dass der Rückweg nicht versperrt ist.“, meinte Ken schließlich.
„Wir werden erst dann den Rückweg antreten, wenn wir haben, weshalb wir hier sind!“, fauchte Chada ihn an, doch schon im nächsten Moment schämte sie sich ihres Tonfalls. Der Dieb hatte keinen Zorn verdient. Sie dachte an den Schmerz, der angesichts von Thorns bevorstehendem Tod auch in seiner Stimme gelegen hatte. Daran, wie er erst in der Höhle des Giganten und vor einer Stunde erneut dem blinden Leander zu Hilfe geeilt war, ohne einen Moment zu zögern. Und sie wusste, dass jede ihrer Unternehmungen, den Ewigen Rat zu besiegen, auf seinem Plan fußte. Widerstrebend musste sie anerkennen, dass er sich in der letzten Zeit als hilfreicher Gefährte erwiesen hatte.
Doch selbstverständlich durften sie ihm nicht vertrauen. Ken Dorr war ein begnadeter Täuscher und sie wollte nicht ausschließen, dass auch sein Mitgefühl nur gespielt gewesen war. Vielleicht hatte er nur vorgeblich um den sterbenden Thorn getrauert, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Aber ihr Gefühl sagte etwas anderes, und bisher hatte Chada sich immer auf ihr Gefühl verlassen können.
„Nun denn!“, sagte Leander schließlich und deutete mit seinem Stab zielsicher auf den Gang, der tiefer ins Innere des Baumes führte. „Wollen wir?“

Der Gang bestand zu allen Seiten aus einem Geflecht aus trockenen schwarzen Wurzeln, die ab und an zuckten, pulsierten und sich regten. Chada fühlte sich wie in einem großen Schlangennest. Dafür, dass dieser Baum angeblich tot war, war er für ihren Geschmack deutlich zu aktiv.
Der Boden war uneben und Leander kam deshalb und wegen seines verletzten Beines nur langsam voran. Chada lief an der Spitze, nicht aus Neugierde, sondern weil es von ihr erwartet wurde.
Sie spähte hinter einer besonders dicken Ranke hervor und zog ihren Kopf schnell zurück. Auf der anderen Seite, in einer kugelrunden Kammer, deren Wände zu allen Seiten grün glühten, stand ein dunkler Bergskral! Mit einer Geste ließ sie die anderen innehalten. Ein einzelner Skral war zwar zu besiegen, doch sie alle waren verwundet und erschöpft. Sie legte einen Pfeil auf ihren Bogen, während die anderen verunsichert ihre Waffen bereithielten. Mit knappen Bewegungen verständigten sie sich, dann sprangen sie im selben Moment hinter der Ecke hervor. Nur Leander, der von den Gesten nichts mitbekommen hatte, blieb zurück.
Chada zielte mit ihrem Pfeil auf die Brust des Skrals, doch bemerkte ihren Irrtum, als ihr auffiel, dass sie dahinter leicht verschwommen die grüne Wand ausmachen konnte. Das Wesen bestand nur aus blassen, durchscheinenden Schatten, die Augen, mit denen es sie ruhig anblickte, glühten weiß.
„Das ist ein Gespenst.“, murmelte Thorn, senkte sein Schwert jedoch nicht. Die Sporne hatte ihnen allen verdeutlicht, wozu auch Geister in der Lage waren.
Willkommen, Suchende, zur zweiten Prüfung: Der Prüfung der Weitsicht.“, sprach der Skral plötzlich mit einer weiblichen Stimme, gebrechlich und tonlos. Chada erinnerte sich, sie schon bei der Begrüßung des Orakels vernommen zu haben. „Sie prüft Eure Besonnenheit, Eure Zielstrebigkeit und Eure Fähigkeit, zwischen den vielen Wegen in die Zukunft den richtigen zu finden. Die Zukunft mag wandelbar erscheinen, doch weder Sterbliche noch Verstorbene können sie ungeschehen machen. Sie ist ein Weg ohne Umkehr, ein dunkler Schleier des Träumers. Dies ist Eure letzte Möglichkeit, den Prüfungen und Antworten zu entkommen.
Chada ließ ihren Bogen sinken und trat vorsichtig näher, bereit, den Pfeil jederzeit wieder auf die Sehne zu legen, auch wenn das gegen die gespenstische Sporne nur wenig Erfolg gezeigt hatte. „Wir wollen uns auch der zweiten Prüfung stellen!“, verkündete sie mit mehr Gewissheit, als sie empfand.
So kommt näher, Suchende, und tretet ein. Findet den Weg zum Orakel der Geister.“ Mit diesen Worten deutete der Skral auf die Wand hinter sich, die sich daraufhin mit dem bereits bekannten Knarzen öffnete. Dahinter lag ein Gang, auch er aus grün glühenden Wurzeln geformt. Die schwarzen Schlangen haben sich in grüne verwandelt, dachte sie missmutig. Dann verwirbelte der Skral, die Schatten bildeten einen dunklen Strudel und entschwanden im Boden.
Chada ging zielstrebig auf die Öffnung zu. Währenddessen erkannte sie, dass das grüne Leuchten von trockenen Moosen ausging, die auf den toten Wurzeln wuchsen, von denselben Moosen, die auch in der Agrenkolonie alles überwuchert hatten. Doch dort hatten sie ein sanftes, beruhigendes Glühen abgegeben, hier dagegen tauchten sie alles in ein unangenehm fahles Licht. Flüchtig fragte sich Chada, welch seltsame Pflanze dieses Moos war, da es augenscheinlich sowohl auf hartem Fels als auch auf totem Holz gedieh, doch sie entschied, dass die Prüfung der Weitsicht ihrer ganzen Aufmerksamkeit bedurfte.
Um die entstandene Öffnung glühte das Moos weniger hell und wirkte im Vergleich geradezu dunkelgrün, nur langsam verschwand der Abdruck. Ohne zu zögern trat Chada über die dunkle Schwelle und wartete, bis die anderen zu ihr aufgeschlossen hatten. Kaum hatte auch Leander den dunkleren Streifen überquert, schloss sich die Öffnung hinter ihnen mit einem lauten Ächzen wieder.
Noch immer wortlos folgten sie dem Gang, bis sie an die erste Weggabelung kamen.


Früher Nachmittag, 48. Herbsttag 76 A.Z.
Herz des Bronwaldes, Graues Gebirge

„Offensichtlich besteht die Prüfung der Weitsicht daraus, einen Weg durch das Labyrinth zu den Drei Schwestern zu finden.“, erklärte Leander.
„Wir könnten eine Fackel entzünden und uns vom Rauch leiten lassen.“, schlug Thorn vor. „Das hat uns durch unser letztes Labyrinth geführt.“
Der blinde Seher schüttelte seinen Kopf und im fahlen Licht der Moose glänzte seine blaue Haut türkis. „Rauch strebt stets dem Ausgang entgegen, aber nach dem, was ich gehört habe, hat sich der hinter uns geschlossen. Und selbst wenn er wieder offen ist, zu unserem Ziel gelangen wir so nicht, sondern höchstens zurück.“
„Außerdem ist dies ein besonders schlechter Ort, um die Rote Katze zu entfesseln. Sie würde alles verschlingen.“, murmelte Drukil schaudernd. Er strich vielsagend über das trockene Moos, dessen Leuchten unter seiner Berührung verblasste. „Ich bin dafür, dass wir unseren Weg kennzeichnen. Einen Pfeil in jeden Durchgang schlagen, in den wir gehen.“
„Das ist kein schlechter Vorschlag.“, meinte Ken Dorr anerkennend. „Alternativ könnten wir unser Seil mit Schnüren verlängern, hinter uns auslegen und so unseren Weg immer zurückverfolgen. So riesig ist dieser Baum jetzt auch nicht, dass die Schnüre uns ausgehen könnten.“
Chada musste anerkennen, dass auch Kens Vorschlag nicht schlecht war, doch Leander sah das anders. „Die Seile sind umständlich, kosten Zeit und könnten uns sehr wohl ausgehen. Auch in einem scheinbar kleinen Irrgarten können sich lange Wege verbergen, außerdem garantiert uns diese Taktik zwar einen sicheren Rückweg, ob wir zum Ziel gelangen bleibt allerdings dem Zufall überlassen.“
„Also Drukils Idee?“, fragte Ken Dorr resigniert und Chada konnte ihm anhören, dass er vermutete, sein Vorschlag sei nur abgelehnt worden, weil er von ihm stammte.
„Drukils Vorschlag ist sogar noch schlechter.“, erwiderte Leander abfällig. „Auch hier verläuft die Suche willkürlich anstatt systematisch, doch dazu kommt noch, dass wir die Pfeile nicht auseinanderhalten können. Kommen wir auf einem neuen Weg zu einer bereits besuchten Kreuzung, so können wir unseren Weg nicht eindeutig zurückverfolgen und wir werden uns verirren.“
Drukil schnaubte empört, doch Leander fuhr unbeirrt fort: „Ich bevorzuge eine andere Taktik, ebenso simpel wie genial. Kennt ihr nicht den Vers?
Folge mit deiner Hand
nur immer einer Wand
so kommst du ohne Arbeit viel
zu deinem heiß ersehnten Ziel.

Chada hatte schon von einer solchen Lösung gehört und sie immer als Unsinn abgetan. Wieso sollte es helfen, immer in eine Richtung zu gehen? Der Erbauer des Labyrinths müsste schon außergewöhnlich berechenbar sein, damit das funktionierte. Doch dass Leander jetzt diesen Rat gab, zwang sie dazu, ihre Meinung zu überdenken. Sie wusste um die Klugheit des Sehers, erahnte allerdings noch immer nicht, weshalb sein Vorschlag hilfreich sein könnte. Auch Drukil blinzelte verständnislos und Thorn lachte unsicher. Einzig Ken Dorr wiegte nachdenklich den Kopf und nickte dann lächelnd.
Leander, der sich das Unverständnis seiner Gefährten anscheinend denken konnte, kratze mit seinem Stab ein Rechteck auf den Boden, etwa einen halben Quadratschritt groß. Anschließend malte er ein verwirrendes Muster aus Strichen hinein. Wo der Stab die Moose berührte, färbten sie sich dunkel.
„Wir sind hier.“, legte er fest und zeichnete ein Kreuz an den Rand des Labyrinths. „Und hier wollen wir hin.“ In der Mitte des Rechtecks entstand ein dunkelgrüner Kreis. „Jetzt folgt mit euren Blicken vom Kreuz aus immer einer Wand, und ihr werdet sehen, dass ihr früher oder später automatisch zum Ziel gelangt.“
„Aber die Wand endet da vorne.“, bemerkte Drukil.
„Dann gehst du auf der anderen Seite wieder zurück!“, erklärte Leander geduldig.
Chada fixierte das Kreuz und betrachtete dann die Wand links davon. Sie entdeckte einige Sackgassen, doch folgte konsequent bis an ihr Ende und auf der anderen Seite zurück. Währenddessen bestaunte sie die Präzision, mit der Leander das Labyrinth aufgemalt hatte. Obwohl er seine Striche nicht sehen konnte, waren sie alle parallel oder rechtwinklig, der Abstand von einer Wand zur anderen war überall annähernd identisch und es gab keine Lücken zwischen den Strichen abgesehen von den Orten, die klar als Durchgang zu erkennen waren. Das alles hatte er in wenigen Herzschlägen erdacht und aufgezeichnet.
Schließlich gelangte Chadas gedachter Weg zu dem Kreis im Zentrum. „Ich bin da. Aber dass es in diesem einen Fall funktioniert, bedeutet noch lange nicht, dass das immer …“
„Denk doch logisch darüber nach.“, unterbrach Leander sie. „Wohin soll dein Weg denn führen? Angenommen du würdest auch jetzt, nachdem du am Ziel angelangt bis, weiterhin deiner Wand folgen, so kämst du irgendwann zum Ausgang zurück, nachdem du jeden Ort und jede Kreuzung besucht hast. Mein Vorschlag führt in fast allen Fällen zum Ziel.“
„Warum nur in fast allen Fäll?“, wollte Thorn wissen.
„Es gibt nur drei mögliche Ausnahmen.“, versicherte Leander. „Erstens könnte es einen zweiten Ausgang geben. In diesem Fall kann man das Labyrinth verlassen, ohne zum Ziel gelangt zu sein. Aber einen Ausgang werden wir schon als solchen erkennen, wenn es so weit ist. In diesem Fall ignorieren wir ihn und tun so, als sei dort eine Wand, dann hat sich diese Möglichkeit erübrigt.“ Während er das sagte tippte er mit dem Stab auf eine Stelle am Rand der Rechtecks.
„Zweitens kommt man nicht zum Ziel, wenn das Labyrinth unlösbar ist. In diesem Fall funktioniert allerdings auch nichts anderes.“ Er malte einen Strich vor den Kreis und mauerte ihn damit gewissermaßen ein.
„Drittens könnte das Ziel in einer geschlossenen Schleife liegen. Das ist der einzige Fall, in dem die Taktik wirklich versagt.“ Er legte das Ende seines Stabes zielsicher auf eine der Wände in der Mitte des Rechtecks und sagte: „Stellt euch vor, hier wäre ein Durchgang. Und dann folgt noch mal vom Kreuz aus einer Wand.“
Chada folgte seiner Anweisung. Schließlich kam sie wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück, gelangte erneut zum Kreuz. Sie erkannte, dass sie jetzt ewig den immer gleichen Wänden folgen könnte, ohne zum Ziel zu gelangen, denn der Kreis befand sich gewissermaßen in einer Insel, rundum von einem schmalen Gang umschlossen. Es erfüllte sie mit unangebrachter Genugtuung, dass auch Leanders Plan nicht fehlerfrei war, doch zugleich wuchs auch ihr Respekt vor ihm noch weiter. Er hatte das Labyrinth nicht nur makellos gezeichnet, sondern anscheinend auch exakt im Gedächtnis behalten, wo welche Striche waren und direkt gewusst, welche Wand er entfernen müsste, um seinen eigenen Plan zu entkräften.
„Dann sollten wir vielleicht doch lieber mit Seilen arbeiten?“, überlegte Drukil.
„Das ist unnötig.“, widersprach Leander. „Falls die Drei Schwestern sich tatsächlich in einer solchen Schleife aufhalten sollten, so werden wir zumindest mit absoluter Gewissheit wieder hierher zurückkehren. Wenn ihr euch merkt, wie dieser Ort hier aussieht, erkennen wir ihn wieder, wenn es so weit ist. Dann können wir immer noch überlegen, was wir stattdessen tun.“
Chada spähte nachdenklich in die beiden Gänge, die von hier abzweigten. Jeder der beiden Eingänge war von einem Band aus weniger stark leuchtenden Moosen umgeben, wie schon der Eingang ins Labyrinth, der sich hinter ihnen geschlossen hatte. Zusammengenommen wirkte die dunkelgrüne Acht wie ein paar großer Augen, das sie durch das Zwielicht anstarrte.
Sie warf einen letzten Blick auf das Labyrinth, das Leander auf den Boden gemalt hatte. „Wir folgen deinem Rat, Leander.“, entschied sie entschlossen. Niemand widersprach.
Sie trat vor die beiden Gänge und betrachtete versonnen die dunkelgrünen Spuren, die ihre Füße durch die Berührung mit dem Moos hinterließen. Froh, nicht ganz ohne Markierung loszugehen, fragte sie: „Also? Wollen wir der linken oder der rechten Wand folgen?“


Später Nachmittag, 48. Herbsttag 76 A.Z.
Herz des Bronwaldes, Graues Gebirge

Stumm stapften sie durch die Gänge. Leander humpelte voran und streifte dabei die linke Hand stets über die grün glühenden Wurzelstränge, einen dunkelgrünen Strich hinter sich herziehend. Die anderen folgten ihm und und blickten sich vorsichtig um. Chadas Beine waren schon längst müde, Thorns Heilung hatte sie zu stark entkräftet. Sie konnte ein Zittern nicht ganz unterdrücken und spürte sofort Thorns besorgten Blick auf sich ruhen. Sie schüttelte kurz den Kopf und der Krieger bedrängte sie nicht.
Sie setzte weiter einen Fuß vor den anderen. Ihr Atem ging schwer, übertönt von ihren dumpfen Schritten und dem andauernden Knarzen des toten Baumes. Die Gesichter der anderen waren bleich im grünen Licht und das getrocknete Blut auf ihrer Kleidung wirkte schwarz.
Sie hatten erst wenige Schritte hinter sich, vielleicht der fünfte oder zehnte Teil einer Stunde war vergangen, doch schon jetzt war sie erschöpft. Ihr einziger Trost war, dass das Labyrinth allzu groß nicht sein konnte. Das verbrannte Herz des Todes war gigantisch für einen Baum, doch letztendlich war der Stamm auch nicht mehr als fünfzig Schritt breit. Das machte eine Fläche von … Chada gab es auf. Zu viele Zahlen hatte sie noch nie sonderlich gemocht und selbst bei exakten Kreisen waren Rechnungen ohnehin ungenau, wie Melkart ihr einst erklärt hatte.
Chadas dunkles Haar hing ihr ins Gesicht, doch sie besaß nicht mehr die Kraft, es beiseite zu schieben. Eine seltsame Strähne fiel ihr auf. Sie schimmerte grün im Licht der Moose, doch als Chada sie genauer betrachtete, wurde ihr klar, dass sie silbern sein musste. Ich zähle noch keine 35 Sommer und habe schon graues Haar, dachte sie verbittert. Ein Ergebnis ihres beschwerlichen Lebens. Oder vielleicht eher eine Folge der magischen Heilung Thorns? Es lässt die Lebenskraft seines Trägers in ein anderes Wesen übergehen. Hatte das Amulett ihrer Mutter ihr nicht nur Kraft gestohlen, sondern auch Lebensjahre?
Sie wischte die graue Strähne nun doch beiseite, gerade rechtzeitig, um die dunkelgrüne Fläche an der rechten Wand zu sehen. Erstaunt blieb sie stehen und betrachtete den Streifen. Er reichte quer über die Wurzeln, vom Boden bis zur Decke des Ganges und war in der Mitte etwa den vierten Teil eines Schrittes breit, nach oben und unten hin etwas schmaler. Chada legte ihre Hand daneben und hinterließ einen Handabdruck in der selben Farbe. Die Moose glommen hier nur schwach, etwas hatte die Wand berührt! Verzweifelt überlegte sie, welches Wesen einen derartigen Abdruck hinterlassen könnte. Es gab keine Spuren in der Nähe, nur diesen ovalen Streifen.
Die anderen stockten und betrachteten sie. Leander drehte sich mit fragendem Gesichtsausdruck um, anscheinend war ihm selbst über das laute Ächzen und Knarren des Baumes hinweg aufgefallen, dass die gedämpften Schritte der anderen verstummt waren.
Chada wandte sich kopfschüttelnd ab. „Lasst uns weitergehen!“, sagte sie schwach.

Bald schon kamen die Abzweigungen öfter, die Kreuzungen lagen dichter beisammen. Sie liefen in einige Sackgassen, doch Leander verlor nicht seine Zuversicht und beteuerte nur weiterhin, dass seine Taktik zielführend sei.
An den Wänden prangten immer wieder die merkwürdigen dunklen Streifen, mal nur an einer Wand, dann wieder als Ring einmal rundum. Nach einer Weile vermutete Chada einfach eine Anomalie der trockenen Pflanzen dahinter. Oder vielleicht war das Holz unter den Stellen auch etwas feuchter oder trockener? Sie gewöhnte sich an den Anblick und dachte nicht mehr allzu oft darüber nach.
Der Leichnam kam für sie alle überraschend. Er war nur noch ein Skelett, Ranken wuchsen auch durch die Rippen und er war so dicht von den glühenden Moosen überwuchert, dass sie ihn zuerst gar nicht bemerkt hatten. Erst das trockene Knacken, als Leander auf das morsche Schienbein trat und es in der Mitte zerbrach, machte sie auf die Gebeine aufmerksam. Thorn beugte sich nach unten und blickte traurig auf den an der Wand sitzenden Toten. Vorsichtig hob er den abgebrochenen Fuß empor und riss einige Moose vom Bein, die augenblicklich erloschen. Der Knochen, der darunter zum Vorschein kam, war dunkelgelb, was auf ein hohes Alter schließen ließ.
Chada beugte sich vor den Schädel. Die von Leuchtmoos bedeckten Augenhöhlen starrten blind auf einen der dunkelgrünen Streifen an der Wand gegenüber. Anhand des gedrungenen, doch menschengroßen Skelettes schloss Chada, dass die Gebeine zu einem Agren gehörten. Ein Suchender des Bergvolkes, der die Prüfung der Weitsicht nicht lebend überstanden hatte.
Thorn legte den abgebrochenen Fuß neben den Körper und forderte, den Agren zu bestatten, doch Ken Dorr winkte verächtlich ab. „Er ist tot, vermutlich schon seit Jahrhunderten. Sein Name ist ausgelöscht, niemand erinnert sich auch nur an seine Existenz. Wir helfen weder ihm noch sonst jemandem, wenn wir uns diese zusätzliche Mühe machen. Die bisherigen Suchenden, die ihn gefunden haben, ließen ihn auch liegen. Und wo sollen wir ihn hier bitte begraben?“
Chada fand es respektlos, doch nachdem auch Leander forderte, Kraft und Zeit nicht an einer Leiche zu verschwenden, willigte Chada schließlich widerstrebend ein, ihn liegenzulassen. Um ihn zu begraben hätten sie ohnehin erst ein Loch in die Wurzeln hacken müssen, und es war ungewiss, ob die Drei Schwestern diese Ausrede gelten lassen würden. Also ließen sie den Toten unangetastet.

Sie liefen länger durch das Labyrinth, als Chada für möglich gehalten hätte. Leanders Suche verlief systematisch, was zwar dazu führte, dass sie ihr Ziel früher oder später in jedem Fall erreichen würden, doch den kürzesten Weg nahmen sie nicht. Nach fast einer Stunde stießen sie plötzlich auf die dunkelgrünen Fußspuren auf dem Moosteppich. Sie führten von rechts an ihrem Gang vorbei und verschwanden nach links im Halbdunkel.
„Das ist unsere eigene Fährte!“, meinte Drukil nach einem kurzen Blick. „Wir sind im Kreis gegangen, Leander!“
„Das macht überhaupt nichts!“, antwortete der Seher gereizt. „Es ist wie, wenn man auf der einen Seite in eine Sackgasse hineinläuft und auf der anderen Seite wieder hinauskommt. Dann läuft man auch an an seinen eigenen Spuren vorbei. Diese ganzen Gänge hinter uns waren gewissermaßen eine einzige Sackgasse.“
„Wir laufen aber nicht an den Spuren vorbei, wir müssen ihnen – wenn wir an deiner Taktik festhalten – folgen.“, erwiderte Chada skeptisch.
„Es spricht nichts dagegen, der gleichen Spur in die entgegengesetzte Richtung zu folgen.“
„Aber es wäre nicht die entgegengesetzte Richtung, sondern dieselbe. Wir sind tatsächlich im Kreis gelaufen!“
„Dann waren wir bereits wieder bei unserem Ausgangsort?“
Chada runzelte verwirrt die Stirn. Dort waren sie ganz gewiss nicht gewesen, das wäre ihnen allen aufgefallen. Sie spähte nach links, ihr Blick huschte über die von ihnen wegführenden Spuren auf den grünen Wurzeln. Leanders Vorschlag folgend müssten sie die gleiche Richtung erneut einschlagen. Ein dumpfer Zorn stieg in ihrer Brust auf. Sie war Leanders Ratschlag gefolgt, hatte auf seine Klugheit und Überzeugung vertraut, und er hatte sie enttäuscht! Ehe sie jedoch etwas sagen konnte, sagte Ken Dorr vorsichtig: „Ich fürchte, wir müssen den Fehler nicht bei Leander, sondern bei uns allen suchen. Seht doch, die Fährte kommt von rechts. Eigentlich hätten wir, der linken Wand folgend, in den Gang einbiegen müssen, aus dem wir gerade kamen. Die Spuren führen jedoch einfach daran vorbei.“
Die Helden erstarrten und musterten ihre alten Spuren, die den Gang zur linken Seite einfach ignorierten. Ihr Schweigen wurde nur vom unaufhörlichen Knarzen des Baumes durchbrochen.
„Wie konnten wir einfach eine Abzweigung übersehen?“, fragte Thorn fassungslos. „Wir können doch unmöglich alle komplett blind gewesen sein!“
Chada trat an die Wand neben dem Ausgang und betrachtete verwirrt die Linie, die Leander an der Wand hinterlassen hatte, als er mit seiner Hand über die Wurzeln strich. Von rechts kommend brach sie am Eingang in den Seitengang plötzlich ab, um auf der anderen Seite fortgesetzt zu werden.
„Ich kann es mir nicht ansatzweise erklären.“, antwortete sie schließlich.
Letztendlich entschieden sie auf Leanders Anraten, vom Ort ihres unverständlichen Fehlers aus dem Weg zu folgen, den sie eigentlich hätten einschlagen müssen, also an der linken Wand entlang wieder zurückzugehen. Sie nahmen sich vor, in Zukunft noch aufmerksamer zu sein und hofften, dass ein solcher Vorfall sich nicht wiederholen werde.
Vergeblich, wie sich herausstellen sollte. Nur wenige Kreuzungen später trafen sie erneut ihre eigenen Fußspuren, wieder in einer Position, die eigentlich nicht möglich wäre, es sei denn sie hätten einen Seitengang übersehen.
„Wir können nicht ausschließen, dass jemand uns bewusst täuscht.“, überlegte Leander verzweifelt. „Etwas hinterlässt Spuren, um uns in die Irre zu leiten.“
Drukil schnaubte verächtlich. „Du willst einfach nicht einsehen, dass deine Taktik versagt hat.“ Er malte einen Pfeil an die Wand. „Hier gehen wir lang, und in Zukunft markieren wir all unsere Wege so. Fertig!“
„So verirren wir uns nur!“, warnte Ken Dorr skeptisch.
Chada schüttelte traurig den Kopf und blickte in die gleichförmigen Gänge, die sich in alle Richtungen erstreckten. Sie waren schon viel zu lange unterwegs, länger als in einem Irrgarten dieser Größe möglich sein sollte. „Haben wir das nicht längst?“
Sie alle folgten Drukil, wenn auch im Falle von Ken Dorr und Leander nur widerstrebend. Der Blinde war noch immer der Meinung, die Fährte sei nur eine Täuschung, die von anderen hinterlassen wurde, doch er konnte die Spuren ja auch nicht sehen. Wenn sie nicht echt waren, dann hatte sich irgendjemand wirklich große Mühe gegeben.

„Seht mal, wen wir da haben!“, rief Thorn müde. „Unser toter Freund ist wieder da.“
Tatsächlich lehnte ein Skelett an der Wand, in der gleichen Haltung wie vorhin. Chada schenkte ihm nur einen kurzen Blick, dann stapfte sie weiter. Doch plötzlich erstarrte sie. Der letzte Tote hatte auf einen der dunkelgrünen Streifen gestarrt, der hier blickte jedoch in den Eingang auf der gegenüberliegenden Seite. Es war ein anderer, ein zweites Opfer der Prüfung! Sie wollte ihre Erkenntnis gerade mitteilen, als ihr Blick auf das abgebrochene Schienbein fiel und auf den von Moosen befreiten Knochenfuß, der daneben lag.
„Er hat sich bewegt!“, flüsterte sie entsetzt und wich einen Schritt zurück. “Nur durch die Macht des Schwarzen Baumes konnten die Krahder ihre untoten Diener kontrollieren. Was wenn hier, im ersten Herz des Todes, ein Teil der Macht zurückgeblieben ist?“
„Beruhige dich, Chada!“, entgegnete Thorn. „Deine Augen spielen dir einen Streich.“
„Aber achtet doch darauf, wohin er blickt! Bei unserem letzten Besuch hat er die Wand angeschaut, jetzt schaut er den Gang dort hinunter!“
„Das stimmt nicht, Chada.“, behauptete Ken Dorr. „Er hat seinen Kopf nicht gedreht, ansonsten müsste das Moos an seinem Hals entweder zerrissen sein oder zumindest durch den Druck darauf weniger stark leuchten. Er …“ Ken Dorr riss die Augen auf und erbleichte. „Du hast recht, vorhin blickte er auf die Wand, jetzt in den Gang.“, sagte er dann. „Aber nicht das Skelett hat sich verändert. Sondern die Wand.“
Verblüfft starrte Chada in den Eingang. Tatsächlich, vorhin hatte das Skelett noch nicht an einer Kreuzung gesessen. Wo zuvor noch ein dichter Wurzelteppich gehangen hatte, öffnete sich nun einer der grün glühenden Wände.
„Verdammt!“, fluchte Leander. „Wir hätten es wissen müssen! Deshalb hat es nicht funktioniert, immer einer Wand zu folgen. Deshalb haben wir Gänge scheinbar übersehen. Ein sich veränderndes Labyrinth!“
„Und daher kommt das unablässige Knarzen.“, ergänzte Ken Dorr. „Wir haben gewusst, dass sich die Wände verändern können, dass die Eingänge sich öffnen und schließen können. Und wir wussten sogar, dass dies mit lauten Geräuschen vonstattengeht. Dennoch hätte der Geist uns ruhig warnen können.“
„Das hat er.“, meinte Leander und lachte bitter. „Die Zukunft mag wandelbar erscheinen. Er hat es uns gesagt, aber wir haben nicht zugehört. Dabei wussten wir schon von der ersten Prüfung, dass nichts hier so offensichtlich ist, wie es scheint.“
„Und jetzt?“, fragte Drukil ungeduldig. „Wir haben das Rätsel gelöst, also können wir durch?“
Eure Fähigkeit, zwischen den vielen Wegen in die Zukunft den richtigen zu finden.“, widersprach Chada. „Wir müssen den richtigen Weg finden. Nur mit dem Unterschied, dass dieses Finden anspruchsvoller wird als erwartet.“
Sie betrachtete den Eingang, in den das Skelett starrte. Wie an so vielen Stellen war auch hier ein dunkelgrüner Ring einmal rundherum. „Seht ihr diesen Abdruck? Er ist genau dort, wo früher nur eine Wand war.“
„Wenn die Wurzeln auseinandergleiten, dann haben sie sich zuvor irgendwo berührt. Denkbar, dass dabei ein solcher Abdruck auf den Moosen zurückgelassen wird.“, überlegte Thorn mit leuchtenden Augen. „Und wenn der Eingang sich wieder schließt, dann bleibt ein ovaler Abdruck an der sonst so unauffälligen Wand zurück.“
Chada stellte sich vor, wie der Eingang sich gleich einem gigantischen Maul schloss. Wie die Stränge sich zwei Lippen gleich zusammenschoben. War der Mund offen, formten sie einen Ring, war er geschlossen, nur einen Streifen. „Dein Vorschlag funktioniert auch in einem sich verändernden Labyrinth.“, sagte sie zu Leander. „Wir müssen lediglich alle Wege gehen und nicht nur die momentan geöffneten.“ Sie trat zu einem der dunkelgrünen Streifen an einer anderen Wand und sprach: „Öffne dich!“
Die Ranken begannen ich zu regen, strichen übereinander. Die mächtigen Stränge ächzten protestierend, dann schüttelten sie sich und glitten auseinander. Wo sie einander berührt hatten, war das Leuchten der Moose verblasst und ein dunkler Abdruck blieb zurück. Die Wurzeln ringelten sich knarzend beiseite, die so stabile Wand öffnete sich zu einem großen, unscheinbaren Gang.
„Also?“, fragte Chada auffordernd. „Wollen wir der rechten oder der linken Wand folgen?“


Später Nachmittag, 48. Herbsttag 76 A.Z.
Herz des Bronwaldes, Graues Gebirge

Jetzt, wo sie das Prinzip des wandelhaften Labyrinths durchschaut hatten, stellte es dank Leanders Trick keine wirkliche Herausforderung mehr dar. Sie folgten stets der linken Wand, befahlen den verborgenen Eingängen, sich zu öffnen und waren noch knapp den dritten Teil einer Stunden unterwegs. Je länger sie gingen, desto mehr fror Chada und sie brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass die Kälte nicht aus ihrem Inneren kam, sondern dass es um sie herum tatsächlich kälter wurde. Ihr Atem dampfte vor ihr in der Luft, die Moose zogen sich größtenteils zurück und hinterließen schwarze, kahle Wurzeln und eine tiefe Dunkelheit. Die wenigen glühenden Punkte genügten nicht mehr, um zu zeigen, wo Eingänge nur von Wurzeln verdeckt und wo echte Wände waren, doch dafür wies ihnen der Raureif den Weg, der in dem Maße zunahm, in dem die Moose verschwanden. Die Wurzeln zu ihren Füßen waren gefroren und glatt, und jeder von ihnen konnte problemlos erspüren, aus welcher Richtung die Kälte zu ihnen drang. Auch das unaufhörliche Knarzen des Baumes verstummte, anscheinend regten sich die Wurzeln in ihrer unmittelbaren Umgebung nicht.
Die letzten Überreste der Leuchtmoose glühten schließlich vor einem großen Eingang, der von zwei besonders dicken Ranken umrahmt wurde. Seltsame Schriftzeichen waren eingeschnitzt und aus dem Inneren drang ein unbewegtes weißes Licht, in dem die herunterhängenden Eiszapfen eisig funkelten.
Hinter dem Eingang bedeckten keine Wurzeln mehr die Wände, stattdessen verlief der Tunnel durch glattes schwarzes Holz. Chada fühlte sich mehr denn je an die Gänge des Baumes der Lieder erinnert, doch dort herrschte weder diese übernatürliche Kälte, noch wurde sie von der Beklemmung ergriffen, die sie jetzt zu überfluten drohte. Sie wusste nicht, wie viele der rätselhaften Dinge im Baum sich wegen der Drei Schwestern ereigneten und wie viel auf die Macht des vergangenen Herzens zurückzuführen war, und es kümmerte sie auch herzlich wenig. Hauptsache, sie bekamen die Antworten, deretwegen sie hergekommen waren.
Drukil, dem die Kälte am wenigsten auszumachen schien und der schon während des Marsches durch das Labyrinth seine Ungeduld nur mühsam bezähmt hatte, eilte voran. Chada ging dicht hinter ihm und war so die zweite, die einen Blick auf das Zentrum des toten Baumes werfen konnte.
Es war eine große Höhle, die Wände aus glattem, verkohltem Holz, der Boden aus schwarzem Fels, der sich nach innen trichterförmig absenkte. Im Zentrum, am Grunde des Trichters, befand sich eine kreisrunde Fläche, aus der ein mannshoher dunkelblauer Kristall nach oben wuchs. Er strahlte von innen heraus, erschien ihr wie eine abstrakte Skulptur aus eingefrorenem Licht. Doch die einstmals symmetrische Form war zerstört, Risse durchzogen das gläserne Leuchten und nur ein Panzer aus Eis hinderte den Kristall endgültig am Auseinanderbrechen.
Einfache Stufen, grob in de Fels gehauen, führten hinab zum leuchtenden Stein. Drukil kletterte unerschrocken hinab, seine zusammengekniffenen Augen blickten mürrisch. „Einfach nur falsch!“, hörte Chada ihn murmeln.
Kaum hatte der Hautwandler sich vor dem Eis aufgestellt, brach aus der zertrümmerten Spitze des blauen Kristalls ein durchscheinender Schatten hervor und schlängelte sich elegant daran hinab. Unten angelangt verdichtete sich die Dunkelheit und formte eine tintenschwarze Schlange, annähernd vier Schritt lang. Ihr Kopf glitt in die Höhe, bis die weiß glühenden Augen sich auf gleicher Höhe mit Drukils befanden.
Willkommen, Suchender, zur dritten Prüfung: Der Prüfung der Weisheit.“, zischte die Schlange mit tonloser Stimme, kalt wie das Eis, auf dem sie ihren monströsen Leib eingerollt hatte. „Sie prüft Eure Schläue, Eure Kombinationsgabe und Eure Fähigkeit, auch die rätselhaftesten Aussagen zu verstehen. Beweist, dass Ihr unserer Antworten würdig seid, indem Ihr selbst Antworten gebt. Löst Ihr die drei Rätsel des Orakels, so dürft Ihr Eure Fragen stellen. Doch antwortet Ihr falsch, so bleibt Euch dieses Recht verwehrt.
Bis die schemenhafte Schlange die letzten Worte gesprochen hatte, waren auch Chada, Thorn, Ken Dorr und Leander vor dem leuchtenden Teich angelangt. Im nächsten Moment erschienen zwei weitere Schatten über dem Kristall. Sie formten eine große Sporne mit acht rund um den Kopf verteilten, weiß glimmenden Augen und einen durchscheinenden Skral.
Dies ist das erste Rätsel der Drei Schwestern.“, krächzte die Sporne und stakste auf ihren acht langen Beinen ein Stück nach vorne.
Was ist so zerbrechlich, dass es schon zerbricht,
wenn man nur seinen Namen spricht?

Stille breitete sich aus wie eine große Welle, jedes Geräusch ertränkend, während sie alle über das Rätsel nachgrübelten. Chada dachte an feine Konstruktionen aus Draht und dünnem Glas, doch nichts davon erschien ihr passend. Doch etwas anderes fiel ihr ein, ein Gefühl, als würde etwas tief in ihr für immer zerschellen. Ein Gefühl, das sie vor kurzer Zeit erst ergriffen hatte. Sie schauderte nicht nur wegen der Kälte, als sie sich des tödlich verwundeten Thorns erinnerte, des vielen Blutes und des Entsetzens. Er hatte überlebt, aber wenn er gestorben wäre? Hätte die Nennung seines Namens nicht für immer etwas in ihr zerbrechen lassen? War das die Antwort? Die Liebe? Ein verwundetes Herz? Sie kam nicht dazu, ihre Vermutungen auszusprechen.
„Das ist einfach.“, meinte Leander. „Es ist die Stille, die ich soeben mit meinen Worten zerbrach.“
Ist dies Eure Antwort?
„Ja, das ist sie.“, sagte der Seher zuversichtlich. Die Sporne knickte ihre vorderen Beine ein und neigte ihren gepanzerten Rumpf zu etwas, das fast schon einem Nicken gleichkam. „Ich mag die Stille. Habe sie schon immer gemocht.“, fügte Leander fast schon entschuldigend hinzu.
Der schemenhafte Skral trat vor und sprach mit seiner – oder ihrer? – gebrechlichen Stimme:
Ich mache hart, ich mache weich,
kommst du mir nahe, so weine,
ich mache arm, ich mache reich,
ich tanze ohne Beine,
ich brülle ohne Zunge,
ich töte ohne Streben,
ich atme ohne Lunge,
ich sterbe ohne Leben.

Chada presste nachdenklich ihren Mund zusammen. Verschiedene Möglichkeiten schossen ihr durch den Kopf, von denen keine wirklich zu passen schien. Zeit? Kraft? Eine Waffe? Es gab Pfeile mit einer Röhre im Inneren, die laut heulten, wenn sie abgeschossen wurden. Sie konnten als Signal dienen oder Pferde erschrecken, die hindurchfließende Luft könnte man wohl als Atmen bezeichnen. Aber tanzten sie? Und machten sie hart oder weich?
Ein Fisch vielleicht, der ohne Lunge atmete? Ich sterbe ohne Leben. Nein, kein Fisch. Und auch sonst keine Lebewesen, kein Tier und keine Pflanze. Aber etwas, das sterben und atmen, brüllen, töten und tanzen konnte. Noch eine ganze Weile stellte Chada eine abstruse Theorie nach der anderen auf. Ein Blasebalg? Oder eine Welle? Trauer oder Glück? Vielleicht auch Liebe? Sie verwarf sie alle.
Auch die anderen hatten mühsam überlegt, bisher offensichtlich ohne zu einem Ergebnis zu gelangen. Ken Dorr neigte ehrerbietig den Kopf und fragte: „Dürfen wir uns zur Lösung des Rätsels beraten?“
Es sei gewährt, dass Ihr Euch zusammentut, wie Ihr auch in den ersten Prüfungen nur gemeinsam zum Ziel gelangtet.“, zischte die dunkle Schlange, wobei sie ihren Kopf hypnotisch kreiste.
„Haben wir das wirklich nötig?“, fragte Leander und verzog das Gesicht.
„Wozu es uns unnötig schwer machen?“, entgegnete Ken. „Gemeinsam können viele Ziele deutlich schneller und leichter erreicht werden. Wenn wir zusammenarbeiten, dann hilft das allen weiter.“
Chada starrte den Dieb perplex an. „Es erstaunt mich, solche Einsichten ausgerechnet von dir zu hören.“, merkte sie vorsichtig an.
Ken Dorr lachte nur besänftigend. „Dass ich zuerst an mich selbst denke, bedeutet nicht, dass ich meine Augen vor offensichtlichen Tatsachen verschließe. Zusammenarbeit ist nichts Negatives, und ich habe keine Probleme damit, wenn auch andere ihre Ziele erreichen. Vorausgesetzt natürlich, dass ich dadurch in keiner Weise eingeschränkt werde.“ Er lächelte aufrichtig und seine in blaues Licht getauchten Augen erstrahlten eher silbern anstatt grau.
Chada wechselte einen schnellen Blick mit Thorn und merkte, dass der Krieger ähnliche Gedanken hegte wie sie selbst. Es schien, als habe der Dieb sich in den letzten Tagen verändert. Zugegeben, seine Lebensphilosophie war zutiefst unsympathisch, aber dennoch war Ken Dorr alles in allem kein herzloses Ungeheuer, sondern auch nur ein Mensch. Intrigant, unmoralisch und von Egoismus zerfressen, aber ein Mensch. Und Chada hätte schwören können, dass er die Gesellschaft ihrer Gruppe zumindest in Teilen genoss, trotz der vielen bösen Blicke und Drukils kaum verhohlener Feindseligkeit. Hatte der Dieb jemals wirklich Freunde gehabt? Hatte er überhaupt erfahren, was Gemeinschaft bedeutete? Vermutlich würde er behaupten, Freundschaft sei nur das Verhältnis zweier Menschen, die einander in Notsituationen beistanden, um letztendlich beide zu profitieren. Aber vielleicht erkannte er langsam auch, dass noch deutlich mehr dahintersteckte. Und vielleicht wünschte er sich sogar, etwas Ähnliches zu verspüren? Natürlich durften sie niemals ausschließen, dass all seine zaghaften Annäherungsversuche auch einfach aus dem Wunsch heraus geboren sein konnten, sich in ihr Vertrauen einschleichen zu können. Aber Chada konnte nicht verhindern, dass in diesem Moment sogar so etwas wie Mitleid mit dem Dieb in ihr aufstieg. Doch dann gedachte sie der Worte der Agrenältesten Rhona, und sie zweifelte. In Wahrheit ist das nur eine Maske! Eine Fassade! Doch ich habe ihn gesehen, als er gezwungen war, jede Maske abzulegen. Konnte sie ihren eigenen Gefühlen mehr vertrauen als dem Wort einer klugen und erfahrenen Frau?
„Nun ja, zurück zum Rätsel. Vielleicht ein Sturm?“, schlug Ken Dorr vor. „Er kann ersterben, wenn der Wind nachlässt, in gewisser Weise atmet er auch, er kann töten und brüllen und tanzen. Er kann arm machen, aber den Baumeister macht er reich.“
Ist dies Eure Antwort?
„Nein!“, rief der Dieb sofort. „Nur eine Hypothese.“ Chada musste sich eingestehen, dass Kens Vorschlag deutlich besser war als all ihre Ideen. Sie ging das Rätsel Vers für Vers durch. Einzig die ersten beiden beinhalteten gewisse Schwierigkeiten. Doch gewiss gab es eine entsprechende Begründung, die nicht vollkommen unglaubwürdig war. Sie war geneigt, den Sturm als Antwort vorzuschlagen.
In diesem Moment zuckte Drukil erschrocken zusammen. Aus seinen dunklen Augen glühte eine tief empfundene Abneigung. „Die Rote Katze!“, wisperte er.
Chada wusste von Drukils exzentrischem Namen für das Feuer. In Momenten wie diesen wurde deutlich, dass er eigentlich ein Bär war, der sich an die Errungenschaften der Zivilisation nur schwer anpasste. Er hatte kein Verständnis für Geld und Gold, für Sitten und Religion, für monumentale Gebäude und Eingriffe in die Natur. Und er hatte sich immer geweigert, Feuer als etwas anderes denn ein Lebewesen anzusehen. Selten waren Chada die Gründe dafür so klar gewesen wie in diesem Moment. Es konnte sterben und töten, atmen, brüllen und tanzen. Außerdem schmolz und härtete es, der Rauch ließ die Augen tränen und von den wärmenden Flammen konnte man ebenso profitieren, wie ein verheerender Brand einen in den Ruin stürzen konnte. „Feuer!“, sagte sie und blickte den schattenhaften Skral fest an.
Ist dies Eure Antwort?“, fragte er brüchig.
Chada nickte nur und der Skral trat anerkennend zurück. Daraufhin glitt dunkle Schlange vor den glühenden Kristall und zischelte:
Des Rätsels erster Anfang
ist aller Anfang Anfang.
Des Rätsels zweiter Teil
ist selbst zweierlei Teil,
erstens des Teils erster Teil
zweitens der Zwei zweiter Teil.
Das Ende ist, wo jetzt Ihr seid
und jederzeit, mal fern, mal weit,
bis dass der Tod Euch einst beehrt.
Das Ganze ist, was Ihr begehrt.

„Warum muss jedes Rätsel länger werden als das Vorherige?“, knurrte Thorn leise.
„Ist doch egal. Hauptsache ihr löst es!“, drängelte Drukil.
„Nein!“, widersprach Leander zuversichtlich. „Wir werden es lösen. Vergiss nicht, dass die Lösung des zweiten Rätsels von dir kam, Drukil.“
Der Hautwandler stöhnte, und Leander sagte amüsiert: „Wir haben es mit einem Rätsel zu tun, dessen Antwort sich aus mehreren Teilen zusammensetzt: Des Anfangs Anfang, der erste Teil des Teils, der zweite Teil der Zwei und etwas, wo wir immer sind. Ich behaupte, dass zumindest der zweite Teil des Rätsels offensichtlich ist: Des Rätsels zweiter Teil ist selbst zweierlei Teil, erstens des Teils erster Teil, zweitens der Zwei zweiter Teil.
Drukil schüttelte verärgert den blonden Kopf. „Also ich verstehe es nicht.“
„Da du nicht lesen kannst.“, erklärte der Seher. „Die Wörter Teil und Zwei setzen sich aus je vier Buchstaben zusammen. Der erste Teil des Teils wäre ein T und der zweite Teil der Zwei ein W.“
Drukil gaffte nur verständnislos, und da Leander bisher schon mehrfach vergeblich versucht hatte, ihm die Schrift näherzubringen, ging er jetzt nicht weiter darauf ein.
„Ich habe eine Idee für den ersten Teil des Rätsels.“, meinte Chada. „Aller Anfang Anfang könnte ein Ende meinen. Denn vor jedem Anfang muss erst ein Ende kommen, nur das Vergehen ermöglicht einen unbefleckten Neubeginn.“
Aus Tod erwächst neues Leben.“, rezitierte Leander schmunzelnd. „Aber ich stimme dir zu, der Vorschlag ergibt Sinn. Bleibt noch der Schluss: Das Ende ist, wo jetzt Ihr seid, und jederzeit, mal fern mal weit, bis dass der Tod Euch einst beehrt. Wo sind wir bis zu unserem Tod?“
„Am Leben?“, schlug Thorn vor, doch Leander schüttelte nachdenklich den Kopf. „Nein, Thorn. Die Frage lautet wo wir sind, und nicht was.“
„Vielleicht auf der Welt?“, überlegte Ken Dorr „Oder auf dem Boden? Zwischen der Luft?“
Das Ende ist …“, warf Chada zaghaft ein. „Vielleicht bezieht es sich gar nicht auf das Ende des Rätsels, sondern auf den ersten Teil. Aller Anfang Anfang ist das Ende, und dieses Ende wird zum Schluss noch umdefiniert.“
„Das“, rief Leander, „ist eine sehr kreative Idee. Sie hat allerdings, wie die meisten anderen auch, das Problem: Alles zusammengenommen muss etwas ergeben, was wir uns wünschen. Das Ganze ist, was Ihr begehrt. EndeTWAufDerWelt? ZwischenDerLuftTW?“
„Bist du dir sicher, dass dein Ansatz mit den Buchstaben stimmt?“, fragte Chada. „Mir fällt beim besten Willen keine Lösung ein, in der ein TW vorkommt.“
„Ob ich mir sicher bin? Nein. Aber ich wüsste nicht, was es sonst sein könnte. Von allen Teilen des Rätsels erscheint mir der Zweite noch am eindeutigsten. Aller Anfang Anfang muss keineswegs das Ende sein, und vom dritten Teil vermuten wir nur, dass es nicht einfach nur irgendein Ort ist, sondern dass mehr dahintersteckt.“
Irgendein Ort würde auch funktionieren.“, merkte Thorn an. „Bis zu unserem Tod werden wir an irgendeinem Ort sein.“
„Auch wieder wahr …“, murmelte Leander versonnen, dann schwiegen die Gefährten gemeinschaftlich, während jeder seinen eigenen Überlegungen nachhing. Chada versuchte, eine Lösung mit der Zeichenkombination TW zu finden, doch nur wenige und unpassende Worte kamen ihr in den Sinn. Blutwurz. Entwicklung. Notwendig. Flutwasser.
„Etwas“, überlegte sie laut. „Jeder begehrt etwas.“
„Aber warum sollte es As sein, wo wir immer sind?“, merkte Ken Dorr an und rieb sich skeptisch seinen Spitzbart. „Und das E am Anfang ergibt auch keinen wirklichen Sinn. Wenn es des Endes Ende oder des Endes Anfang wäre, dann vielleicht. Nein, etwas kann definitiv nicht die Antwort sein.“
Leanders hatte, wie stets wenn er sich konzentrierte, sein Haupt gesenkt. Nun ruckte sein Kopf plötzlich so rasch nach oben, dass die Augenbinde des Sehers beinahe davongeflogen wäre. „Das … ja!“, stammelte er. „Natürlich! Ich weiß es! Die Antwort!“
„Und was ist sie?“, fragte Drukil ungeduldig.
„Nein, Drukil! Die Antwort ist die Antwort! An ist aller Anfang Anfang, und wie Thorn schon richtig bemerkte ist es ein Ort, wo wir bis zu unserem Tode verweilen. An-T-W-Ort!“
„Und wir begehren eine Antwort auf das Rätsel und auf die Fragen, die wir dem Orakel stellen wollen!“, rief Chada euphorisch.
Die schattenhafte Schlange zischelte und eine schmale gespaltene Zunge aus purer Dunkelheit schnellte hervor. „Ist dies Eure Antwort?
„Ja, das ist sie!“, sagte Chada fest und es gelang ihr, ein Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken, der Kälte in ihrem Inneren, der eisigen Luft um sie herum und der angespannten Erwartung zum Trotz.
Die Riesenschlange neigte ihren Kopf, dann ballten die Schemen von Sporne, Skral und Schlange sich zu je einer dunklen Wolke zusammen und die drei Geister verwandelten sich. Aus Beinen und Schwänzen wurden graue Fetzen von ausgefransten Kutten, um die weiß glühenden Augen herum bildeten sich unter grauen Kapuzen hervorstarrende, bleiche Gesichter mit schwarzen Mündern. Die Drei Schwestern schwebten über dem strahlenden Kristall, ihre verwaschenen und zerrissenen grauen Umhänge wogten in nicht spürbarem Wind hin und her, blasse durchscheinende Schatten. Hagere, blassgraue Hände lugten zwischen dem schemenhaften Stoff hervor. Die schmalen Antlitze hätten ebenso gut zu Menschen oder Zwergen wie zu Agrenfrauen gehören können, denn sie hatten alles Lebendige verloren. Leblose Masken, wie aus Marmor gemeißelt. Beweglich, aber glatt und kalt.
Ihr habt auch die dritte Prüfung des Orakels gemeistert. Somit habt Ihr Euch des Orakels der Geister als würdig erwiesen.“, flüsterten die Gespenster synchron, die tonlosen Geräusche füllten die Kaverne lauter aus als ein tosender Sturmwind. Noch immer konnte Chada die Unterschiede zwischen den einzelnen Schwestern vernehmen, aber die kratzende, zischelnde und gebrechliche Stimme verschmolzen miteinander zu einer einzigen, verflochten sich zu einem brausenden Klangteppich aus vergangenem Tod, gegenwärtiger Weisheit und nahendem Unheil. „Tretet vor, Suchende, und stellt uns Drei Schwestern die erste Eurer drei Fragen, deren Antworten Ihr bedürft.
„Moment!“, rief Drukil zornig. „All die Mühe, diese nervigen Prüfungen, die großen Versprechungen, die uns gemacht wurden, und jetzt bekommen wir nur drei Fragen zugestanden? Weshalb?“ Chada runzelte verärgert die Stirn. Sie hatte eben das gleiche gedacht.
Zu viel Wissen um die Zukunft kann gefährlich sein.“, antwortete das Orakel dreistimmig. „Einst, vor eineinhalb Jahrtausenden, trat ein Suchender zu uns, ein Mensch. Er fragte nach den Visionen, die er falsch gedeutet hatte, nach den finsteren Kreaturen, die ihn verfolgten und die er für Sendboten des Chaos hielt, nach seinem Wirken in der Zukunft und dem Ende, das er hatte kommen sehen. Wir beantworteten jede seiner Fragen, doch unsere Antworten trieben den bereits angeschlagenen Geist des von Skrupeln, Selbstzweifeln und Ängsten geplagten Suchenden weiter in den Wahnsinn. Wir berichteten von seiner Rolle als wichtiger Spielstein in einem lange vorbereiteten Plan, wir antworteten ihm, dass jede seiner vergangenen Taten auslösen würde, was er zu verhindern gesucht hatte, dass er schon in wenigen Tagen sein Leben als Opfer eines Gottes aushauchen würde und dass seine Bestrebungen, das Übel jetzt noch zu vermeiden, in Diebstahl und Tod resultieren würden. Schließlich hielt der Blinde es nicht länger aus. Er stahl den Stab unseres Lehrmeisters Grone, ein Artefakt von geringem Wert, das uns jedoch alles bedeutete, und verließ den damals noch lebenden Schwarzen Baum. Daraus lernten wir, dass unsere Antworten, wenn wir sie zu freimütig gaben, nichts Gutes hervorriefen. Wir stellten den kommenden Suchenden drei Prüfungen, um ihre Eignung zu testen, und wir beschränkten uns auf drei Fragen alle dreiunddreißig Jahre. Dies ist der Grund für die Mühsal, die Ihr auf Euch nehmen musstet und für die wenigen Fragen, die Euch zu stellen gewährt ist. Nun stellt Eure zweite Frage, Suchender.
„Das ist nicht euer Ernst!“, empörte sich Drukil. „Wollt ihr allen Ernstes behaupten, das eben war die erste unserer drei Fragen?“
Was wir wollen, spielt keine Rolle. Mit unserem Tod wandelte sich unser Selbst. Wir wurden mit der Gabe gestraft, die Antwort auf jede uns gestellte Frage zu kennen und die Wahrheit preisgeben zu müssen, sei sie für uns oder den Suchenden auch noch so schädlich. Wir sind der Wahrheit verpflichtet, der reinen Wahrheit, und es ist uns nicht möglich, zu lügen oder auch nur den Wunsch danach zu verspüren. Nun stellt Eure dritte Frage, Suchender.
Chada spürte, wie die letzte Wärme aus ihrem Körper wich. Nur noch eine Antwort von dreien! Wie hatte das geschehen können?
„Weshalb die dritt …“, begann Drukil begriffsstutzig, doch glücklicherweise kam er nicht mehr dazu, seine Frage zu vollenden. Chada stürzte sich auf ihn, um ihm den Mund zuzuhalten, aber schon vorher wurde er von Leanders Stab in die Seite geschlagen. Drukil stöhnte auf, Leander jedoch zische unbeirrt: „Noch ein Wort, Hautwandler, und dieser Stab wird dein Maul verstopfen, damit nicht länger unbedachte Fragen daraus hervorströmen!“
Drukil blinzelte verwirrt und verzog dann schuldbewusst das Gesicht. „Es wird …“, begann er, doch Leanders Stab traf ihn erneut. Der Seher schüttelte warnend den Kopf und der Hautwandler verstummte.
„Wir haben ein Problem.“, meinte Chada bibbernd, und ihre Gedanken suchten nach einer einzigen Frage, mit der sie alles erfahren könnten, was sie brauchten. „Wir wollten das Orakel zur Schwäche des Schwarzen Heroldes befragen. Und wir wollten mehr über den Samen des Baumes der Lieder in Erfahrung bringen, über das neue Herz der Geburt, um zu verhindern, dass es dem Ewigen Rat in die Hände fällt. Ich würde aber sagen, das die erste Frage wichtiger ist, oder was meint …“
„Chada!“, mahnte Leander scharf. „Niemand spricht, bis er sich nicht fünffach versichert hat, dass seine Worte keine Frage enthalten. Die Drei Schwestern mögen die Antwort auf jede an sie gerichtete Frage kennen, aber ich bin nicht sicher, ob sie unterscheiden können, welche Frage an sie gerichtet war und welche nicht.“
Chada warf den drei Geistern einen besorgten Blick zu, aber soweit sie beurteilen konnte, hatten Leanders sie Worte nicht beleidigt. „Orakel der Geister!“, begann sie. „Bitte, könnt Ihr uns nicht …“ Sie biss sich erschrocken auf die Lippe. „Bitte, gewährt uns das Recht auf eine zusätzliche Frage.“
Nur drei Fragen alle dreiunddreißig Jahre.“, antwortete die dreifache Stimme kalt. Chada hatte zwar nichts anderes erwartet, war aber dennoch enttäuscht.
„Lasst mich die Frage stellen.“, bat Leander. „Ich habe eine Idee.“
Nur mit Mühe konnte Chada sich zurückhalten, nachzuhaken. „Stell deine Frage.“, erlaubte sie Leander. Sie vertraute auf die Schläue des Sehers, und es war vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis einem von ihnen versehentlich eine Frage entrutschte.
Leander hob den Kopf in Richtung der Drei Schwestern und fragte: „Welches ist der einfachste Weg, ein Gespenst zu besiegen oder zu vernichten?“
Jedes Gespenst ist die Seele eines Ermordeten, der in dieser Welt noch eine Aufgabe zu erfüllen hatte. Ein Geist, in der Zwischenwelt gefangen, lässt sich mit keiner Waffe und keiner Magie in irgendeiner Form verletzen. Doch ist jede Seele in ihrer Existenz an etwas Physisches gekoppelt. Die eines Lebenden hängt an ihrem Körper, doch nach dessen Tode wird ein neuer Körper benötigt. Einen Gegenstand üblicherweise, denn würde sie sich an ein lebendiges Wesen hängen, wäre mit dessen Tod auch das Ende des Geistes besiegelt. Ein solcher Gegenstand wird Quelle genannt. Die Quelle eines Gespenstes ist ein Objekt, das ihm zu Lebzeiten sehr viel bedeutete und mit dessen Zerstörung der Geist unwiderruflich vernichtet wird. Die Quelle zu vernichten ist der einfachste Weg, auch das Gespenst zu besiegen.
Die Drei Schwestern blickten Leander unbewegt an, dann sprachen sie gemeinschaftlich: „Ihr habt Eure drei Fragen gestellt. Ihr habt Eure drei Antworten erhalten. Nun werden wir schweigen für die nächsten dreiunddreißig Jahre, und Ihr werdet von hier ziehen. Das Orakel hat gesprochen. Der Weg in die Zukunft steht Euch offen.
Das gleißende blaue Licht des gefrorenen Kristalls erlosch schlagartig. Nur die sechs weiß glühenden Augen des Orakel glommen noch einen Moment in der Dunkelheit, dann erloschen auch sie. „Wartet!“, schrie Chada verzweifelt. „Welches ist die Quelle des Schwarzen Heroldes?“
Sie war sich nicht sicher, ob noch ein letztes „Nur drei Fragen alle dreiunddreißig Jahre.“ an ihre Ohren drang oder ob sie sich das nur einbildete. In jedem Fall begann der tote Baum sich plötzlich zu regen, ein ohrenbetäubendes Knarzen erscholl und goldenes Sonnenlicht schien durch den Eingang, beleuchtete einen vereisten Kristall und eine leere Höhle. Die Wurzeln waren auseinandergeglitten und hatten einen großen Gang gebildet, der geradewegs ins Freie führte. Eine eindeutige Botschaft.
„Nein!“, hauchte Thorn. „Wir können noch nicht gehen. Wir müssen mehr erfahren!“
Leander schüttelte bedauernd den Kopf. „Es gibt hier nichts mehr für uns zu tun. Das Orakel wird uns keine weiteren Fragen beantworten.“ Überraschend erschien ein dünnes Lächeln auf seinen blauen Lippen, und Chada wurde bewusst, dass der Seher noch lange nicht aufgegeben hatte. „Vorerst zumindest …“
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y – Nur ein Gefühl

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:14

y – Nur ein Gefühl

Früher Nachmittag, 49. Herbsttag 76 A.Z.
Fingertürme in der Feste von Yra, Hadria

„Die Resultate sind gemischt.“, keuchte Gundeyn. Sein hochrotes rundes Gesicht glänzte im Schein des nachtblauen Lichtes von Earas Stab. Sie verzichtete auf Feuer in ihren Gemächern; es wäre eine Verschwendung an Brennstoff, da sie selbst sich mühelos Licht machen konnte und die Kälte Hadrias nicht so schneidend spürte wie andere. Angesichts ihrer normalen Körpertemperatur hätte jeder Medikus sie für tot halten können.
„Koraph war beliebt unter Zauberern beider Orden, und sein Tod sorgt für Hass gegenüber seinen Mördern. Die Verschwörung, oder Allianz der Entscheidung, wie sie sich anscheinend nennt, war nie zuvor unbeliebter, und damit steigt die Sympathie gegenüber der Vereinigung. Zugleich sinkt die Zustimmung zu Euch, denn Ihr habt Koraph geopfert. Das ist natürlich nicht meine Meinung, sondern ich gebe nur wieder, was …“
„Ich habe ihn geopfert, und das weißt du, Gundeyn.“, unterbrach Eara. „Es war bedauerlich, aber notwendig.“
„Gewiss, Souveränin! Jedenfalls konnte auch ich nicht verhindern, dass Eure Beliebtheit noch weiter sinkt.“
„Warum erkennen sie nicht, dass ich Koraphs Tod nicht verhindern konnte?“, murmelte Eara versonnen. „Sie mochten Koraph, aber sie müssen doch verstehen, dass ihre eigenen Sympathien weniger schwer wiegen als das Wohl Hadrias. Warum sind die Menschen so irrational, Gundeyn?“
„Sie haben nun mal ihre Gefühle.“, meinte Gundeyn. „Zum Glück! Was, glaubt Ihr, sind meine Fähigkeiten? Vernünftige Diskussionen führen und die Zauberer so überzeugen? Nein, ich benutze ihre Gefühle, besonders Angst und Hass. Kaum eine andere Emotion ist so leicht zu manipulieren. Es ist bedeutend leichter, sie gegen jemanden aufzubringen anstatt dafür. Das gleiche gilt übrigens nicht nur für Menschen, sondern auch für die Politik der Einigung. Zur gegensätzlichen Seite könnte ich sie viel leichter bringen.“
Eara musterte den dicken Novizen nachdenklich. „Du hast natürlich recht, Gefühle machen die Menschen leichter beeinflussbar. Aber wenn sie nur mehr ihrem Verstand folgen würden, hätten wir solche Manipulationen gar nicht nötig.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Erkläre mir, weshalb sie leichter gegen die Vereinigung zu beeinflussen wären.“, bat sie Gundeyn dann.
„Hass und Angst sind immer auf andere gerichtet.“, meinte dieser achselzuckend. „Wenn ich gegen die Vereinigung ankämpfen würde, dann könnte ich die Zaubererschaft leicht manipulieren. Ich könnte ihren Hass schüren, auf den jeweils anderen Orden natürlich, auf die da oben, die ausschließlich im Interesse ihrer eigenen Macht die Orden vereinigen wollen und auf die ahnungslosen Novizen und die noch ahnungslosere Bevölkerung, die so schrecklich naiv für eine Vereinigung sind und deren Unwissen sich schon allein in der Tatsache zeigt, dass sie unablässig auf unsere Hilfe und Arbeit angewiesen sind. Solche Sachen eben. Aber in meiner jetzigen Aufgabe muss ich die Zauberer davon überzeugen, dass die anderen eigentlich gar nicht so schlimm sind, und das ist entschieden aufwändiger und schwieriger. Ich kann ich sie höchstens gegen die Allianz und die Obersten aufhetzen.“
„Ich stelle immer wieder fest, wie froh ich bin, dich auf meiner Seite zu haben. Gegen die Obersten, sagtest du?“, fragte Eara nach.
„Ja! Torven und Variah sind klare Gegner der Vereinigung und sie sind deutlich einflussreicher als jeder andere Kritiker. Selbstverständlich mache ich Stimmung gegen sie.“
„Ich wünsche, dass du damit aufhörst.“
Gundeyn starrte Eara verblüfft an. „Ich erfülle meine sonstigen Aufgaben natürlich auch. Es ist nun mal einfacher, etwas gegen die jetzigen Obersten zu sagen als für ihre Stellvertreter, aber ich gebe mein bestes.“
„Ich sagte: Ich wünsche, dass du damit aufhörst.“
Gundeyn zögerte kurz, dann senkte er ehrerbietig den Kopf. „Selbstverständlich, Souveränin.“
„Ich nehme deine guten Absichten zur Kenntnis, Gundeyn, und ich verlange nicht, jetzt plötzlich für sie zu propagieren. Unternimm einfach nichts weiter gegen sie.“
„Aber …“ Gundeyn warf Eara einen unsicheren Blick zu.
„Ich schätze begründete Kritik, Gundeyn. Fahre fort!“
„Ist es nicht unser langfristiges Ziel, die jetzigen Obersten durch die Hitars zu ersetzen? Wenn wir Stimmung gegen sie aufbauen, fühlen sie sich vielleicht eines Tages gedrängt, ihr Amt niederzulegen.“
„Dafür sind sie viel zu stur.“, erwiderte Eara entschieden. „Und außerdem haben sie zu vielen Menschen geholfen, um jetzt die Mehrheit der Zauberer wirklich gegen sich aufzubringen. Beschränke dich darauf, die Vereinigung anzupreisen, um die jetzige Stimmung aufrechtzuerhalten. Die Hitars sind jünger als Torven oder Variah, sie werden erwartungsgemäß länger leben. Irgendwann sind die jetzigen Obersten verstorben, und dann wird die Vereinigung vollzogen. Unser langfristiges Ziel ist es, die Hitars und die Sympathien für die Politik der Einigung so lange am Leben zu erhalten.“
Gundeyn war seine Skepsis anzusehen, doch er nickte. „Wie Ihr wünscht.“
„Hast du dich übrigens um die Umfrage gekümmert, Gundeyn?“, wollte Eara noch wissen.
„Ja, richtig! Die Bevölkerung befürwortet eine Vereinigung der beiden Orden; sowohl die Bürger Nordgards als auch die Arati sind mehrheitlich dafür. Erwartungsgemäß war es nicht notwendig, die Werte nach oben zu korrigieren.“
„Dann sorge dafür, dass die Zauberer von diesen Daten erfahren.“ Sie entließ ihren Diener mit einer Geste.

Gundeyn war kaum verschwunden, als eine Gruppe Zauberer auftauchte. Neben Torven und Variah war noch ein halbes Dutzend Kampfmagier anwesend und die einäugige Zauberin Sialla, Hüterin des Protokolls und höchste Richterin Hadrias.
„Verehrte Souveränin Hadrias!“, krächzte die Alte in dem neutralen Tonfall, den sie bei der Durchführung ihrer offiziellen Aufgaben stets aufsetzte. „Ihr wurdet angeklagt, gegen das kürzlich beschlossene Gesetz verstoßen zu haben, wonach es unter Strafe verboten ist, Dunkle Magie auf die Mauern Yras anzuwenden.“
„Von welcher Tat sprechen wir?“, fragte sie mit verärgerter Stimme, während sie in Gedanken bereits eine Verteidigung aufbaute. Sie hatte keine Ahnung, wie die Obersten davon erfahren hatten, dass sie selbst vor so langer Zeit die Wand magisch verändert hatte, in welcher die Allianz der Entscheidung ihre Agitation hinterlassen hatte. Damals war es ihr wie eine gute Idee erschienen, der Verschwörung zusätzliche Schuld in die Schuhe zu schieben, und sie hatte nicht damit gerechnet, dass jemals jemand ihre Täuschung würde aufdecken können. Hatte Mechanicus Hedal versehentlich ausgeplaudert, dass damals herkömmliche Werkzeuge gestohlen worden waren, und einer der beiden Obersten hatte seine Schlüsse daraus gezogen?
Eine Lüge kann niemals etwas Gutes hervorrufen, behauptete die Stimme der Schwäche. Was sie verbindet, wird sich wieder teilen. Was sie Neues schafft, schon bald veralten. Dunkelheit lässt sich nicht mit Dunkelheit bekämpfen. Eara hörte nicht auf die falschen Sprüche, an die sie solange geglaubt hatte. Ein Feuer, das kein Wasser mehr zu löschen vermochte, konnte nur durch ein Gegenfeuer aufgehalten werden. Die Gnadenlosen ließen sich nicht mit Gnade bekämpfen. Gegen die Macht anderer half keine Schwäche, sondern nur eigene Macht.
„Es geht um den Vorfall vom vierzehnten Tag des Frostmondes. Als Zeugen wurden alle Hohen Zauberer sowie siebzehn weitere Helfer genannt.“, riss Sialla sie aus ihren Gedanken.
Der Vierzehnte? Das war vier Tage her. Es dauerte eine Weile, bis Eara verstand, worauf Sialla hinauswollte. „Ist das Euer Ernst? Ich werde dafür angeklagt, die Versammlung vor einem Anschlag der Verschwörung bewahrt zu haben?“
„Ihr habt Dunkle Magie auf die Mauern Yras angewandt. Ein Vergehen, das seit einiger Zeit unter Strafe steht. Die Umstände der Tat werden im Falle einer Verhandlung selbstverständlich berücksichtigt. Stimmt Ihr einer weitergehenden Untersuchung zu, Souveränin?“
Eara wusste, sie hätte ablehnen können. Als Souveränin hatte sie das Recht, Gesetze per Dekret durchzusetzen, sie hätte sich mühelos selbst begnadigen können. Aber erstens wäre das ihrer Glaubwürdigkeit nicht gerade zuträglich gewesen und zweitens würde so etwas über kurz oder lang nur in eine Willkürherrschaft münden. Außerdem bemerkte sie das erwartungsvolle Funkeln in Variahs Augen und die grimmige Genugtuung in Torvens Gesicht.
„Ich stimme einer weitergehenden Untersuchung zu, bitte jedoch darum, dass die Verhandlung so früh wie möglich durchgeführt wird, damit ich meinen Pflichten als Souveränin baldmöglichst wieder nachkommen kann.“
„Wir werden uns um eine rasche Abwicklung des Falls kümmern.“, versicherte Sialla. „Wenn Ihr bitte mitkommen würdet? Bis zur Verhandlung werdet Ihr wie in solchen Fällen üblich im Karzer untergebracht.“
Eara erhob sich, strich ihre dunkle Robe glatt und nickte huldvoll.


Später Nachmittag, 49. Herbsttag 76 A.Z.
Karzer in der Feste von Yra, Hadria

Als die Wächter die schwere Metalltür hinter ihr schlossen, saß Eara bereits in der Ecke. Die Obersten wollten sie in ihrer Arbeit sabotieren, aber sie hatten sich einen schlechten Zeitpunkt für ihre Intrigen ausgesucht. Gundeyn hatte seine Befehle erhalten, es gab keine drängenden Probleme und sie konnte eine Frist der Ruhe ohnehin gebrauchen.
Auch ein Wächter kann gefährlich sein. Der rätselhafteste Satz in der versteckten Botschaft des ermordeten Koraph ging ihr nicht aus dem Kopf. Noch immer wusste Eara nicht, was der Alte damit gemeint hatte, auch wenn sie einige Theorien aufgestellt hatte.
Sie bezweifelte, dass Koraph sich schon damals auf ihre jetzigen Wächter hätte beziehen können, doch sie war lieber übervorsichtig als tot. Wie sie es sich seit dem ersten Attentat angewöhnt hatte, legte sie Bannzauber über die Tür und alle Wände. Wenn ein Verschwörer sie hier im Schlaf angreifen wollte, würde er auf Probleme stoßen. Besucher wären wohl ziemlich verwirrt, wenn sie feststellten, dass Eara den Raum, welcher sie eigentlich gefangenhalten sollte, noch zusätzlich versiegelt hatte. Als ob diese Tür oder die beiden Wächter sie aufhalten könnten! Der Raum war auch gegen Dunkle Magier konzipiert worden, aber eine dünne Eisenverkleidung auf allen Wänden stellte für sie kein großen Hindernis dar.
Nachdem sie sich geschützt genug fühlte, lehnte Eara sich zurück. Ihren Stab hatte sie abgeben müssen, aber wenn sie gewollt hätte, hätte sie mühelos ein Licht entfachen können. Doch sie bevorzugte die Dunkelheit, um ihre nächsten Schritte zu planen. Sie benötigte weniger Schlaf als gewöhnliche Menschen, und die zusätzliche Zeit nutzte sie normalerweise, um ihre Pläne zu überdenken. Doch in letzter Zeit hatte sie nur wenige Gelegenheiten gehabt, ihre Entscheidungen gründlich abzuwägen. Je mehr sie zu tun hatte und je wichtiger ihre Entschlüsse waren, desto weniger Zeit hatte sie zur Vorbereitung.
Dabei wusste sie um die Angewohnheit der Menschen, systematisch irrational zu denken. Sie haben den Hang zur Selbstüberschätzung und halten sich für unbeeinflusst. Sie können sich keine großen Zahlen vorstellen. Sie sammeln die Informationen, die ihre eigenen Ansichten stützen, ignorieren jedoch gegenteilige Argumente. So sehr sie sich auch verändert haben mochte, sie blieb ein fehlerbehafteter Mensch.
Es sind erst unsere Fehler, die uns einzigartig machen, behauptete die Stimme der Schwäche. Vielleicht hatte sie recht, aber Eara wäre lieber perfekt als einzigartig. Doch sie war es nicht, und von ihren Entscheidungen hing so viel ab, dass sie jede am liebsten dreimal überprüft hätte. Um sicherzugehen, ob sie wirklich keine Möglichkeiten übersehen hatte und ihre Entscheidungen und Absichten richtig waren, musste sie alles anzweifeln, was sie für gewiss hielt. Und jetzt hatte sie die Zeit dazu.
Sie begann mit ihrer üblichen Abwägung: Kosten gegen Nutzen. Chance gegen Risiko. Die Vereinigung würde hoffentlich in einen großen Orden münden, in dem die Fähigkeiten jedes Zauberers optimal genutzt wurden, um den Menschen Hadrias zu helfen. Langfristig würde der ständige Konkurrenzkampf der beiden Orden vermutlich eher einen zweiten Ordenskrieg auslösen als der Versuch der Vereinigung. Doch wie hoch war die Gefahr, dass aus ihren Bemühungen einen blutiger Bürgerkrieg erwuchs? Je konsequenter sie ihre Pläne umsetzte, desto geringer. Wenn sie wirklich tat, was sie vorhatte, dann würde es keinen Krieg geben. Sie nahm Leid in Kauf, um das Risiko auf unermesslich viel größeres Leid zu verringern.
Manchmal ist es nötig, Opfer zu bringen. Bisher waren vier Menschen gestorben, fünf weitere Verschwörer würde sie wohl töten müssen. Dazu kamen noch andere Opfer, vielleicht von der Verschwörung, vielleicht von ihren eigenen Plänen. Insgesamt würden bestimmt mindestens ein Dutzend Menschen sterben, vielleicht auch das Doppelte oder deutlich mehr.
Der Gewinn aber war neben der Vereinigung mit all ihren Vorteilen vor allem der eigentliche Grund für all ihre Versuche: Qurun, das von Orweyn prophezeite Ende aller. Selbst wenn ihre Vereinigung Qurun nur in einem von tausend Fällen verhindern oder umdeuten konnte, so war das noch immer der tausendste Teil allen Lebens, das sonst danach noch existieren würde. Sie konnte unmöglich einschätzen, wie vielen Menschenleben das umgerechnet entsprach, aber die Zahl war gewiss astronomisch. Hoch genug zumindest, um die Opfer zu rechtfertigen.
Nachdem sie für sich bestätigt hatte, dass das Ziel einer Vereinigung der beiden Orden erstrebenswert war, analysierte sie ihre genaueren Pläne. Wo könnte sie etwas tun, was insgesamt noch bessere Konsequenzen hatte? Wie konnte sie das größte Wohl am besten erreichen? Ihre Rechnungen blieben langwierig, und nachdem sie endlich fertig war, begann sie noch einmal komplett von vorne, um auch ja nichts zu übersehen. Nur mit dieser Vorgehensweise konnte sie sichergehen, tatsächlich zu tun, was erwartungsgemäß das insgesamt Beste war.
Sie verließ sich nicht auf Bauchgefühl oder Eingebung, sondern auf stahlharte Logik und Rationalität. Intuition führte vielleicht zu schnelleren Entscheidungen, aber gewiss nicht zu besseren. Und sie hatte Zeit.
Menschenleben lassen sich nicht berechnen, flüsterte die Stimme der Schwäche immer wieder. Eara bemühte sich, die Stimme auszulöschen, aber hier, in der dunklen Kälte der Eisenkammer, meldete sie sich immer aufdringlicher zu Wort. Sie ließ sich sogar kurz vertreiben, nur damit in Eara der unscheinbare Anflug von Genugtuung entstand.
Gefühle waren gefährlich! Angst, Hass und Wut verleiteten zu dummen Handlungen, doch es waren andere Gefühle, die Eara die größte Sorge bereiteten. Liebe. Freude. Hoffnung. Zu groß war ihr Sehnen danach, und obwohl auch diese Sehnsucht nur eine Emotion war, gelang es ihr nicht, sie vollständig zu unterdrücken.
Die Stimme der Schwäche wollte sie um jeden Preis verführen. Doch wenn Eara nachgab, würde sie das nicht nur dumm machen, sondern vor allem egoistisch. Denn das war es, was die Stimme versprach: Dass sie nicht mehr an alle würde denken müssen, sondern dass sie ihre Freunde, ihre Verbündeten, ihre alten Bekannten bevorzugen sollte. Eara wusste, dass sie bereit sein musste, jeden zu opfern. Auch diejenigen, an denen ihr Herz noch immer hing. Und die Stimme der Schwäche wollte sie davon abbringen. Wollte sie dazu verleiten, auf falsches Mitleid zu vertrauen.
Eara atmete tief durch und rief sich die schmerzhaften Bilder vor Augen. Blut auf gezacktem Stein. Eine bleiche Hand, die sich selbst im Tod um ein verrostetes Gitter schließt. Gelbe Augen, in denen tiefe Grausamkeit liegt. Dunkelheit, die sich über graue Haut legt. Ein Kreischen, das weit über ein Meer aus Flammen trägt.
Nie wieder! Sie hatte ihre Schwäche nicht ohne Grund verstoßen.


Sonnenhoch, 50. Herbsttag 76 A.Z.
Gerichtskammer in der Feste von Yra, Hadria

„Gesteht Ihr, Dunkle Magie auf die Mauern Yras angewandt zu haben? Oder gibt es irgendwelche Einwände bezüglich der Anklage?“, fragte Sialla ruhig.
„Ich gestehe.“, erwiderte Eara noch ruhiger. Diese Verhandlung war eine Farce, das war ihr klar, den drei Richtern, den anwesenden Wächtern und den beiden Obersten. Niemand konnte sie ernsthaft zu irgendeiner Strafe verurteilen, sie sollte lediglich etwas aufgehalten werden. Sie saß auf einem Hocker in einer kleinen Kammer, die drei Richter blickten von hinter dem erhöhten Steintisch auf sie herab. Der Tisch stand im Dunkeln, während ihr eigenes Gesicht von einem Lichtstrahl aus einer in der Decke eingelassenen Öffnung beleuchtet wurde. Das alles diente den Richtern dazu, eventuelle Veränderungen auf dem Gesicht des Straftäters zu erkennen, während sie selbst fast nicht zu sehen waren. Earas veränderte Augen kamen mit der Finsternis jedoch mühelos zurecht.
„Welches ist das mögliche Strafmaß?“, wandte Torven sich an Sialla.
„Je nach Grad der Veränderung und Ausmaß der Dunklen Magie null bis zehn Stockhiebe und eine Geldbuße von bis zu fünf Goldkronen. Darüber hinausgehende Strafen müssten mit Sachbeschädigung oder dem für Zauberer des Turmes generell verbotenen Einsatz von Dunkler Magie begründet werden. In diesem Fall liegt derartiges jedoch nicht vor, da die Souveränin nicht mehr einem Orden zuzurechnen ist und sie auch nichts beschädigte, sondern eine Beschädigung im Gegenteil sogar verhindert wurde.“
Sialla atmete tief ein und rückte die Augenklappe über ihrem linken Auge zurecht. Dann wechselte sie einige leise Worte mit den beiden Richtern neben ihr. Ein unwichtiger Fall wurde von einem einzelnen Richter entschieden, ein sehr wichtiger von fünf, alles dazwischen von dreien. Die ungerade Anzahl diente dem Vermeiden eines Unentschiedens, falls die Richter sich nicht einigen konnten.
„Die Veränderung geht gegen null, die Menge an Dunkler Magie dagegen war beträchtlich.“, meinte Sialla schließlich. „Nach einer Beratung haben wir uns daher auf eine Strafe von vier Stockhieben und einer Geldbuße von drei Goldkronen geeinigt.“
Variah und Torven blickten sich überrascht an und lächelten triumphierend, Eara dagegen wartete geduldig. Sialla war noch nicht fertig. „In Anbetracht der näheren Umstände der Tat hat das Gericht allerdings einstimmig beschlossen, die Täterin zu begnadigen und empfiehlt zudem, eine zusätzliche Belohnung in Erwägung zu ziehen. Die Verhandlung ist hiermit beendet.“
Eara stand auf und nickte den beiden Obersten freundlich zu. Nach nur einem Tag und zwei Worten ihrerseits waren Untersuchung und Verhandlung bereits beendet.

Vor der Tür der Gerichtskammer warteten die beiden Hitars auf sie. „Herzlichen Glückwunsch zum Freispruch!“, gratulierte der Stellvertreter des Feuers.
„Ihr habt doch nicht etwa einen anderen Ausgang erwartet? Weshalb seid Ihr wirklich hier?“, fragte Eara, während sie ihren Stab entgegennahm.
„In den Gärten, nahe der Position Koraphs, wurde noch eine weitere Leiche gefunden.“, erklärte der andere, dann machten sie sich zu dritt auf den Weg zu Earas Gemächern.
„Ein weiteres Opfer der Allianz?“
„Nein, im Gegenteil. Es ist Marnus, der verräterische Bibliothekar.“
„Hier in den Gärten? Er hatte sich nicht irgendwo anders versteckt?“
„Sie haben den entführten Koraph auch irgendwo unterbringen müssen. Es scheint, als habe die Allianz ein Versteck in der Feste.“
Eara nickte nachdenklich. „Wann ist Marnus gestorben? Und woran?“
„Der Leichnam lag unter einem Busch, er könnte schon lange dort gewesen sein, ohne entdeckt zu werden. Und aufgrund der Kälte wurde der Körper konserviert, der Todeszeitpunkt ist also schwer festzustellen.“
„Die Ursache dagegen ist eindeutig.“, ergänzte der schwarz gekleidete Hitar bedeutungsvoll. „Marnus´ Gesicht ist von Schmerz verzerrt, und das Blut in seinen Adern ist schwarz wie die Nacht im Dunkelmond.“
„Forinkäfergift? Er wurde gestochen?“
„Forinkäfer haben keinen Stachel, sie übertragen das Gift durch ihren Biss.“, korrigierte der Stellvertreter des Turmes. „Aber ansonsten liegt Ihr richtig. Wir fanden entsprechende Spuren an seiner rechten Hand. Wenn wir noch eines Beweises bedurften, dass die Verschwörung tatsächlich einen lebenden Käfer in ihrem Besitz hat, dann wurde er nun erbracht.“
„Irgendjemand musste dem Käfer das Gift abzapfen, das die Allianz auf ihre Waffen aufträgt.“, überlegte Eara. „Und Marnus war alt, seine Hände zitterten bereits. Scheinbar war er zu unvorsichtig. Warum hat er wohl keine dicken Handschuhe getragen?“
„Forinkäfer sind klein, um das Gift zu entnehmen, muss man sehr exakt vorgehen. Handschuhe würden die Motorik zu sehr einschränken.“, legte der Hitar in brauner Robe bereitwillig dar.
„Ich verstehe. Nun, dann danke ich euch beiden. Bitte haltet nach möglichen Verstecken der Allianz Ausschau. Aber unauffällig, sie dürfen keinen Verdacht schöpfen.“
Die Hitars verabschiedeten sich, als Eara die Tür zu ihren Gemächern erreichte. Ehe sie eintreten konnte, bemerkte sie den dicken Gundeyn, der daneben an der Wand lehnte. „Souveränin!“, hechelte er. „In den Gärten wurde die Leiche von Marnus entdeckt. Sie …“
„Danke, Gundeyn, ich wurde bereits informiert. Und du solltest wirklich etwas für deine Konstitution unternehmen.“, schlug Eara vor.
„Versprochen, sobald mich Eure Aufträge nicht mehr so in Anspruch nehmen. Darüber … wollte ich übrigens auch mit Euch sprechen. Ich habe über Eure Pläne nachgedacht und bezweifle ehrlich gesagt, dass wir die Stimmung zugunsten der Vereinigung werden aufrecht erhalten können, bis die jetzigen Obersten abgetreten sind. Es ist momentan vor allem der Hass auf die Verschwörung, der den Hass auf den jeweils anderen Orden noch überwiegt. Aber wenn wir die Allianz nicht erst in einigen Jahrzehnten zerschlagen, dann wird die Meinung sich ändern. Und es erscheint mir auch etwas riskant, darauf zu bauen, dass beide Hitars lange genug leben werden und in ihrem Amt als Stellvertreter bleiben.“
„Ich weiß deine Sorgen zu schätzen, aber all diese Punkte habe ich bereits angemessen berücksichtigt.“
„Aber werdet Ihr bis zur Vereinigung in Hadria bleiben? Ist das nicht auch ein Risiko für die Insel? Solange Eure Feinde an Euch Rache üben wollen?“
„Meine Abwesenheit wird Hadria auch nicht lange schützen können, wenn der Ewige Rat nicht aufgehalten wird. Spätestens nach Vollzug der Vereinigung werde ich in den Süden reisen, um meine alten Freunde zu unterstützen.“
„Denkt Ihr wirklich, dass der Kampf in einigen Jahren nicht längst entschieden sein wird?“, fragte Gundeyn verwundert.
„Ich sagte spätestens. Ich kann jedenfalls erst aufbrechen, wenn hier alles erledigt ist, die Vereinigung also entweder auf dem Weg oder schon vollendet ist.“
„Wie Ihr meint. Ich habe meine Bedenken geäußert, aber Ihr entscheidet. Solange ich angemessen belohnt werde, ist mir egal, was Ihr tut.“
„Wenn du weitere Bedenken hast, kannst du mich jederzeit darauf ansprechen. Selbst ich mache Fehler, und es ist mir am liebsten, möglichst früh darauf hingewiesen zu werden.“
Gundeyn nickte zackig und hastete dann davon. Eara dagegen stieß ihre Tür auf und trat ein.
Wie üblich überprüfte sie als erstes magisch, ob sich irgendwo Menschen verbargen und dann noch, wie stets seit dem Anschlag auf die Zusammenkunft, ob eine ungewöhnliche Metallkonstruktion – genauer gesagt, etwas Arkanum – versteckt war. Anschließend schloss sie die Tür und sprach ihre Bannzauber darauf, dazu noch auf Fenster und Wände, um gegen ungebetene Eindringlinge geschützt zu sein. Sie ging kein Risiko ein, solange es Zauberer in Hadria gab, die nach ihrem Leben trachteten.
Erst nachdem sie all das getan hatte, setzte sie sich an ihren Schreibtisch und nahm das erste Pergament darauf zur Hand. Kurz überflog sie im magischen Licht ihres Stabes die Ausgaben der Akademie im letzten Jahr, dann griff sie nach der nächsten Schriftrolle.
Plötzlich spürte sie etwas auf ihrem linken Handrücken. Rasch sah sie nach und entdeckte einen unscheinbaren Käfer über ihre Hand krabbeln. Er war von Größe und Gestalt wie ein Mistkäfer, doch der Panzer war dunkelgrau und glänzte nicht. Sie erstarrte und vermied jede Bewegung. Ein Forinkäfer! Die Allianz der Entscheidung hatte ihren Forinkäfer in die Gemächer der Souveränin geschmuggelt, eine Möglichkeit, an die sie bei ihren Überprüfungen nicht gedacht hatte. Sie verstand das nicht! Der Käfer war wertvoll, er garantierte der Verschwörung ihren Nachschub an Gift. Eine kleinliche Rache für den Tod von Marnus? Oder war es vielleicht gar kein Forinkäfer? Eigentlich waren die Tiere nicht grau, sondern blauschwarz. Aber es gab keine anderen Käfer, die bei diesen Temperaturen nicht längst in Winterstarre fielen oder erfroren! Sie erinnerte sich, einst gehört zu haben, dass Forinkäfer vor ihrem Tod eine graue Farbe annahmen. Das musste es wohl sein. Der Tod des Käfers stand bevor, er hatte für die Verschwörer keinen Wert mehr, und hier war es immerhin möglich, dass er sie vor seinem Ende noch biss.
Ein kalter Luftzug wehte durchs offene Fenster und ließ sie unwillkürlich erschaudern, trotz aller Körperbeherrschung. Der Käfer hielt in seinem Krabbeln inne und öffnete seine Beißzangen. Blitzschnell schlug Eara mit ihrem Handrücken auf den Tisch und zerquetschte das Tier. Dann erst ließ sie erleichtert die Luft aus ihrer Lunge entweichen.
Im nächsten Moment spürte sie den Schmerz. Als sie die Hand schnell vor ihre Augen hielt, konnte sie zwei rote Punkte auf ihrer Haut ausmachen, von den zuckenden Überresten des Käfers fast verborgen. Im nächsten Moment wurden ihre Adern langsam schwarz, bis ihre Hand von einem Netz aus dunklen Linien überzogen war, die sich viel zu rasch ihren Arm hinauf ausbreiteten.
Es gab kein Heilmittel gegen Forinkäfergift. Weder mit Zauberei noch mit Dunkler Magie konnte die Wirkung aufgehalten oder umgekehrt werden. Es breitete sich durch die Blutbahnen aus und tötete sofort, wenn es das Gehirn erreichte, was je nach Position des Bisses bis zu sechzig Herzschläge dauern konnte. Selbst wenn die Heiler Yras soeben ein Gegengift entdeckt hatten, Eara könnte sie niemals rechtzeitig erreichen. Doch auch die Anwesenheit von hundert Zauberern hatte Mortol nicht gerettet, als er von einem vergifteten Bolzen getroffen wurde.
Schmerz brannte durch ihre Adern, doch das war jetzt ihr geringstes Problem. Es gab kein Heilmittel gegen das Gift. Es breitete sich durch die Blutbahnen aus. Sie wusste, dass sie Glück hatte, nicht etwa in die Schulter, sondern nur in die Hand gebissen worden zu sein. So gab es immerhin noch eine Möglichkeit für sie, zu überleben, so wenig ihr diese auch behagte. Eara beschwor ihre Schatten, die Dunkle Magie umgab sie und formte sich nach ihrem Willen. Ein Strich aus Schatten, dünner als mit Augen wahrnehmbar, hart wie Diamant und schärfer als jedes Schwert. Für einen Kampf war eine solche Klinge ungeeignet, dazu erforderte sie zu viel geballte Konzentration. Doch für ihre Zwecke war sie die einzige Möglichkeit. Sie richtete ihren Blick auf ihren Unterarm, durch den sich die Schwärze in ihrem Blut beständig ausbreitete. Manchmal ist es nötig, Opfer zu bringen. Sie wappnete sich für das, was kommen musste, und schlug zu.
Schmerz. Brennender, verzehrender Schmerz. Sie hatte geglaubt, ihr gebrochenes Bein war schmerzhaft gewesen? Sie hatte sich getäuscht! Sie meinte den Schmerz in den Fingern ihrer linken Hand zu spüren, auf ihrer Handfläche, in ihrem Gelenk, obwohl das natürlich nicht sein konnte. Sie hatte keine linke Hand mehr. Nur noch Schmerz. Eara hatte schon gesehen, wie Menschen, denen im Kampf die Hand abgetrennt wurde, unbeirrt weiterfochten. Einem Dieb dagegen, dem in schlimmen Fällen als Strafe für seine Vergehen die Rechte abgehackt wurde, schrie sofort auf. Er spürte den Schmerz anders, obwohl das Ergebnis das gleiche war. Und eine Wunde, die mit Dunkler Magie geschlagen wurde, war stets schmerzhafter als von gewöhnlichen Klingen. Daran siehst du es. Schmerz ist nur ein Gefühl! Falsch und verlogen schlägt es in einem Moment unbarmherzig zu und bleibt im anderen fort. Auf Gefühle kannst du dich nicht verlassen. Ignoriere sie. Ignoriere den Schmerz! Nur ein Gefühl! Du musst ihm mit Vernunft begegnen und erkennen, dass er dir nicht schaden kann. Nichts kann dir schaden! Alles Gute und Schlechte auf der Welt sind Gefühle. Du stehst über ihnen, deine Aufgabe ist es, den Gefühlen der Allgemeinheit zu gehorchen. Du hast deine eigenen Gefühle, deine eigenen Interessen, hinter dir gelassen.
Eara konnte einen gequälten Schrei nicht unterdrücken, doch seltsamerweise verschaffte er ihr die Klarheit, die sie benötigte. Für einen Moment betrachtete sie die Situation von außen. Sie registrierte teilnahmslos das Blut, das aus dem Stumpf ihres Unterarms pulsierte, auf den Tisch floss und die Pergamente rot färbte. Rot wie Blut. Rot wie Feuer. Rot wie der Schmerz.
Da steht sie, die Zauberin in schwarzer Robe, und wartet auf ihr Ende. Diese einhändige Magierin wird bald sterben, wenn niemand etwas unternimmt. Die Menschenfrau wird auslaufen. Nicht überraschend, aber zumindest eine Bestätigung. Die Welt ist geordnet, und alles kommt, wie es kommen muss. Wenn der Blutfluss gestoppt wird, welche Konsequenzen hat das? Sie wird leben. Sie wird kämpfen. Sie wird verlieren. Ihre Macht wird vergehen wie Asche im Wind, und ein anderer wird die Aufgabe zu Ende führen. Ein anderer wird die Asche einatmen und sie wird ihn vergiften. Die Zauberin ist so stark, zu stark. Jemand wird gebraucht, der von größerer Macht ist, aber zugleich schwach. Er wird alles vollenden. Aber nur, wenn sie überlebt. Wenn das Blut nicht mehr fließt. Wenn die Asche ihrer Bestimmung folgt, wird alles kommen, wie es kommen muss.
Noch immer merkwürdig schwerfällig begann Eara, ihre Dunkle Magie auf den Arm zu beschwören. Die Dunkelheit legte sich wie eine zweite Haut über den Stumpf und betäubte den Schmerz. Langsam konnte Eara wieder normal denken, der seltsame Bewusstseinszustand verschwand und der Schmerz glühte nur noch, anstatt sie zu verbrennen.
Was waren das eben für Gedanken gewesen? Ihre Macht wird vergehen wie Asche im Wind. Hatte sie das tatsächlich gedacht? Oder war es etwa die Stimme der Schwäche gewesen, die ihren Schmerz ausgenutzt hatte? Hatte die Schwäche sie übernommen? Oder eher gerettet?
Eara schüttelte ihren Kopf, um sich von den merkwürdigen Erinnerungen zu befreien und legte schnell einen Zauber auf ihren Arm, um den Schmerz für die nächste Zeit nicht mehr spüren zu müssen. Dann erst vergewisserte sie sich, dass sie auch wirklich alle Spuren des Giftes aus ihrem Körper entfernt hatte. Keine schwarzen Linien überzogen ihren Arm, kein Gift floss mehr durch ihre Adern. Sie war geheilt.
Sie zwang sich dazu, ihren Blick auf den Tisch zu richten und das Ding, das dort lag. Ekel ist nur ein Gefühl. Ignoriere es! Sie griff nach dem, was einmal ihre Hand gewesen war. Nur etwas Haut, Fleisch und Knochen. Nicht groß anders als ein geköpftes Huhn. Ein Stück totes Fleisch, mehr nicht.
Eara ließ es fallen und betrachtete die Unordnung, die sie angerichtet hatte. Sie würde wohl darum bitten müssen, dass ihre Botschaften sie erneut erreichten, hier war nichts mehr zu retten. Mit ihrer Linken griff sie nach einem Stück Pergament, dass nicht rot oder schwarz gefärbt war, bis ihr auffiel, dass sie keine Linke mehr hatte. Doch da hatte sie bereits intuitiv für Ersatz gesorgt. Eine Hand hatte sich geformt, aus Schatten und Finsternis, aus Kälte und Dunkler Magie. Eara bewegte die schemenhaften Finger und stellte überrascht fest, dass sie den Unterschied gar nicht bemerkte. Sie legte ihre neue Hand auf den Tisch. Zwar konnte sie das Holz nicht spüren, einen Ersatz für ihren Tastsinn schien es nicht zu geben, doch die Hand lag dort, dunkel und kalt, aber sonst wie eine ganz normale Hand. Fasziniert betastete sie die Dunkelheit. Kalt und glatt wie Eis, doch sie gehorchte ihr vollkommen. Eara ballte sie zur Faust und schlug damit fest auf den Tisch. Kein Schmerz. Sie drückte auf die unnachgiebige Schwärze, und vermutete langsam, dass auch ein Schwert die Hand nicht würde durchdringen können, wenn sie es nicht ausdrücklich wollte. Erst unter beträchtlicher Willensaufbietung konnte sie die Finsternis kurz durchlässig machen und führte sie durch das massive Holz hindurch und zurück.
Die Dunkle Magie bedeckte ihren Arm bis zum Ellenbogen. Eara befahl ihr, zurückzuweichen, und langsam rollte sie sich auf und entblößte die weiche Haut darunter, bis das blutige Ende ihres Unterarmes erreicht wurde. Als sie in ihrer Konzentration nachließ, glitt die Schwärze wieder zurück an ihren Platz. Langsam ließ die Wirkung ihres Zaubers nach, die Taubheit wich aus ihrem Arm, und doch spürte Eara weder den Schmerz ihrer Verletzung noch die Kälte der Dunklen Magie.
Sie hatte von so etwas noch nie gehört. Die Dunkle Magie war jetzt wahrhaft ein Teil von ihr geworden, und sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Wie war so etwas überhaupt möglich? War es, weil sie die Wunde nicht mit herkömmlichen Verbänden, sondern mit ihrer Magie abgedichtet hatte? Weil sie ihre Hand so frisch erst verloren und sich an ihr Fehlen noch nicht gewöhnt hatte?
Eara richtete ihren Blick auf das Blut und das Chaos auf ihrem Schreibtisch. Ihr dunkler Nebel hob alles von ihrem Tisch in den Kamin. Dann schlugen hohe Flammen aus der Öffnung. Der Qualm stank bestialisch, doch Eara wartete, bis nichts als Asche übrig blieb. Die armen Zauberer, die ihre Kammer würden reinigen müssen, mussten nicht auch noch den Anblick ihres abgetrennten Körperteils ertragen.


Später Vormittag, 53. Herbsttag 76 A.Z.
Fingertürme in der Feste von Yra, Hadria

„Souveränin? Ihr habt nach mir schicken lassen?“ Gundeyn wartete vor ihrer Tür und mied mit seinen Blicken ihre schwarze Hand. Drei Tage waren vergangen und noch immer hatte kein Zauberer sich an den Anblick der fleischgewordenen Dunklen Magie gewöhnt. Schon vorher war Eara gemieden worden, ihres Amtes als Souveränin wegen, aber hauptsächlich weil ihre Macht und ihre Dunkelheit große Furcht verbreitet hatten. Sie hatte ihre Fähigkeiten zum Guten eingesetzt, aber Dunkle Magie wurde seit Orweyn ohnehin skeptisch begutachtet und beim einzigen Dunklen Magier von vergleichbarer Macht, der hier in Erinnerung geblieben war, handelte es sich ausgerechnet um Varkur, der in Hadria noch immer für tot gehalten wurde. Sie wurde respektiert wie man auch ein Feuer respektierte. Es schützte vor Kälte und Tod, aber konnte in kürzester Zeit alles in Schutt und Asche legen.
Eara hatte nichts in Schutt und Asche gelegt und dementsprechend war die Furcht gerade seit ihrer Rückkehr langsam abgeflaut. Sie hatte ihre Gegner für Kritik an ihren Ansichten nicht ermordet, und man hatte sich mit ihr arrangiert. Doch jetzt plötzlich rief die Dunkle Magie, mit der sie sich verbunden hatte, den Zauberern wieder in Erinnerung, wen sie in Yra beherbergten. Irrational! Sie wussten es die ganze Zeit und es ist nicht so, dass ich mit meiner Hand auch meinen Charakter ändern würde oder dass ich auf Finger aus Schatten angewiesen wäre, um sie zu töten. Meine neue Hand drängt meine Macht lediglich zurück in ihr Bewusstsein.
In der Konsequenz ging man ihr nach Möglichkeit aus dem Weg. Nicht, dass ihr das groß etwas ausgemacht hätte, aber es schränkte ihre Handlungsfähigkeit weiter ein. Einzig Hedal, aus dessen Laboratorium sie soeben kam, ignorierte die Finsternis an ihrem Arm. Es war erfrischend, wieder mit einem Menschen zu sprechen, der nicht andauernd auf ihre Hand starrte oder bewusst in andere Richtungen sah, aber selbstverständlich waren die Gründe für ihren Besuch andere gewesen. Selbstverständlich!, spottete die Stimme der Schwäche. Eara verzog keine Miene und verdrängte sie wieder.
„Richtig, Gundeyn! Mir ist aufgefallen, dass du mich schon länger nicht mehr besucht hast. Ich habe dich nur flüchtig gesehen, doch deine ausführliche Berichterstattung über die Zaubererschaft fehlt mir.“ Sie machte sich nicht die Mühe, in ihre Kammer einzutreten, sondern schlug gleich einen Weg die Treppe hinunter ein. Gundeyn folgte ihr hastig und bemühte sich, mit ihrem Schritt mitzuhalten.
„Ich hatte viel zu tun, Herrin!“, keuchte er. „Eure Aufgaben sind anspruchsvoll und fordern meine ganze Zeit.“ Die Art, wie er bei diesen Worten knapp über ihre neue Hand hinwegblickte, verriet ihr, was seine eigentliche Motivation gewesen war.
Abrupt hielt sie inne und packte ihren Diener mit der schattenhaften Hand an der Gurgel. „Gundeyn, ich bin in mancherlei Hinsicht darauf angewiesen, dass ich dir vertrauen kann.“ Der Novize röchelte und griff nach seinem Hals, traute sich jedoch offensichtlich nicht, ihre neue Hand anzufassen. „Ich bin darauf angewiesen, dass du mir keine Lügen auftischst. Deshalb bitte ich dich darum, mir in Zukunft die Wahrheit zu sagen.“
Sie ließ ihn los und Gundeyn rieb sich erleichtert den Hals. Eara bemerkte neben einer dünnen Schicht aus Frost auch leichte Würgemale und vermutete, dass die dunkle Hand nicht nur kälter und härter, sondern auch stärker war als gewohnt. Sie nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit die Dosierung ihrer Kraft zu erproben, dann wandte sie sich von Gundeyn ab und folgte der Treppe nach unten, am gigantischen schwebenden Stundenglas vorbei.
„Du bist ferngeblieben, weil du Angst vor dieser Hand hattest. Das ist zwar nicht gerechtfertigt, aber nachvollziehbar. Du magst ein Meister darin sein, die Ängste anderer zu manipulieren, aber deine eigenen hast du noch nicht gut genug unter Kontrolle. Ich habe die Panik eben gesehen. Hast du wirklich geglaubt, ich würde dich erwürgen, nur weil du in einer solchen Lappalie nicht die volle Wahrheit erzählt hast?“
Gundeyn hustete kurz und versicherte dann: „Niemals würde ich von Euch annehmen, dass Ihr einen treuen und eilfertigen Diener einer solchen Nichtigkeit wegen …“ Kurz verstummte er, anscheinend fiel ihm ein, was sie zum Thema Lüge gesagt hatte. „Um ehrlich zu sein, für einen ganz kurzen Augenblick lang hatte ich befürchtet, Ihr würdet es aus einem Anflug von Zorn heraus tun. Doch ich werde nicht erneut daran zweifeln, dass Ihr Eure Gefühle besser unter Kontrolle habt als ich.“
„Ich habe eine Methode, um meine Pläne zu überdenken und zu überprüfen, ob ich wirklich tue, was voraussichtlich das größte Wohl erreichen wird. Dabei zweifle ich an allen meinen scheinbaren Gewissheiten. Dies ist der einzige Weg, um nachzuvollziehen, weshalb man tut, was man tut. Ich zweifle an Sitten und Gebräuchen, an Tugenden und Werten, an Rechten und Normen, ich zweifle an meinen Absichten, an meinen Überzeugungen, an meinen Idealen, an meinen Verbündeten, an meinem Wissen. Ich hinterfrage, was sich hinterfragen lässt, um alles Überflüssige abzustreifen und die Situation so objektiv wie möglich bewerten zu können. Ich lasse mögliche Sympathien und Ahnungen außen vor und verlasse mich nur auf kalte Rationalität und stahlharte Logik. Es ist umständlich, aber so vermeide ich überhastete Entscheidungen und voreilige Schlüsse. Und anschließend überlege ich, wie ich vorgehen sollte.“
Da der angestrengt hechelnde Gundeyn immer weiter zurückblieb, reduzierte Eara notgedrungen ihre Geschwindigkeit, ehe sie fortfuhr: „Neulich habe ich über deine Worte nachgedacht, ob meine Anwesenheit in Hadria das Land nicht gefährdet. Ich bin das Gespräch Wort für Wort durchgegangen, habe mögliche Argumente abgewogen und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich die Menschen hier in meiner Umgebung weniger gefährde, als ich ihnen helfen kann, und dass ich, wenn ich an einem anderen Ort wäre, stattdessen nur eine Gefahr für die dort Anwesenden darstellen würde. Hadria mag meine Heimat sein, aber ich darf das Wohl dieses Landes nicht nur aufgrund meiner persönlichen Neigungen höher gewichten als angemessen.“
„Was immer Ihr für richtig haltet!“, presste Gundeyn angestrengt hervor.
Eara passte ihren Schritt noch weiter an den Zustand von Gundeyns rundem Körper an. „Während ich über deine Worte nachdachte, fiel mir auch ein, was du zum Ewigen Rat sagtest. Aber werdet Ihr bis zur Vereinigung in Hadria bleiben? Ist das nicht auch ein Risiko für die Insel? Solange Eure Feinde an Euch Rache üben wollen? Dabei hat sich mir eine aufdringliche Frage gestellt.“
Sie schritt durch die Vorhalle und öffnete die Tür zum Innenhof mit einem Ruck. Die kalte Luft schlug ihr und Gundeyn entgegen, und sie drehte sich rasch um. „Woher wusstest du, dass es Feinde gibt, die Rache üben wollen? Weshalb hast du mich nicht gefragt, was der Ewige Rat ist, obwohl ich dir nie zuvor davon berichtete? Wer hat dir von meinen Gegnern erzählt?“
Gundeyn zitterte, ob wegen der schneidenden Luft oder der Kälte in ihren Worten, vermochte sie nicht zu sagen. „Es war Hitar!“, stieß er rasch hervor. „Ich wusste nicht, dass das ein Problem ist.“
Eara trat in die klirrende Kälte des Tages und Gundeyn beeilte sich, durch die zufallende Tür zu schlüpfen. Eara sah, wie er seine Augen zusammenkniff, als er in den eingeschneiten Innenhof trat, in dem die Schneemassen, welche auf dem Boden und den Dächern der Türme lagen, im Sonnenlicht eisig funkelten.
„An sich ist es kein Problem. Ich habe von meinen Gegnern geschwiegen, damit die Allianz nicht von ihnen erfährt und noch zu dem abstrusen Schluss gelangt, der Ewige Rat könnte der Verschwörung helfen. Das Problem ist eher, dass ich ihn tatsächlich konsequent verschwiegen habe. Nur auf einem einzigen versiegelten Brief wurde von ihm berichtet, und den habe ich bald darauf verbrannt. Und ich habe niemandem davon berichtet.“ Sie fixierte Gundeyn kalt. „Auch nicht den Hitars. Hast du diesen Namen verwendet, weil zwei Personen ihn tragen und die Wahrscheinlichkeit, dass ich einem von ihnen berichtet habe, damit am höchsten war? Was hättest du wohl erwidert, hätte ich dich gefragt, warum er mit dir darüber sprach? Bestimmt wäre dir eine glaubwürdige Geschichte eingefallen.“
Der Schweiß rann Gundeyn über Gesicht und gefror noch auf seiner Haut. „Souveränin, Ihr wollt doch nicht etwa annehmen, dass ich … ich meine, woher sonst sollte ich es denn wissen?“
„Die Botschaft lag für einige Stunden offen in meinen Gemächern, während ich anderweitig beschäftigt war. Meine Gemächer, zu denen dir uneingeschränkter Zugang gewährt wurde. Und ehe du jetzt stolz behauptest, du würdest niemals in meinen persönlichen Briefen herumschnüffeln, solltest du dich daran erinnern, wie ich schon bei einer kleinen Lüge reagiert habe.“ Sie hob vielsagend ihre schwarze Hand und ließ den dunklen Nebel um sich herum bedrohlich anschwellen.
Der dicke Novize rieb sich beklommen den Hals. „Bitte, Herrin, seht es mir nach. Es hätte auch eine Nachricht an mich sein können. Und als ich erst zu lesen begonnen hatte, waren meine Neugierde und Besorgnis bereits zu groß, um …“
„Deine Gier nach Macht war zu groß, Gundeyn. Jede Information über mich könnte eines Tages hilfreich sein, wenn du dich von mir lossagen möchtest.“ Gundeyn knickte ein und nickte unbehaglich, doch Eara fuhr unbeirrt fort: „Das ist die eine Deutung. Die andere ist, dass du dich längst von mir losgesagt hast, und mich ausspionierst, um gegen mich zu arbeiten.“
Gundeyn erbleichte. „Das ist doch lächerlich!“, rief er mit sich überschlagender Stimme. „Eure Gunst gewährt mir mehr Einfluss und Privilegien, als ich auf anderem Wege jemals erreichen könnte. Ihr wisst, dass ich keine Überzeugungen habe, aus denen heraus ich die Allianz unterstützen könnte.“
Eara stellte sich in den Schatten des Turmes, um ihre Ausstrahlung noch besser zur Geltung zu bringen und schüttelte langsam, aber entschieden, den Kopf. „Aus Überzeugung nicht, aber es gibt andere Gründe, warum du auf meine Gunst verzichten könntest. Gerade dann, wenn du erfahren hast, dass ich möglicherweise bald in den Süden aufbrechen und Hadria auf unbestimmte Zeit verlassen werde. Und selbst wenn das nicht stimmt: Du bist ein ungezogener Junge, obgleich äußerst vorsichtig, und die Verschwörung hat schon bei Mortol ihr Talent bewiesen, die schwachen Punkte anderer zu finden. Und davon hat jeder welche! Erpressen sie dich, Gundeyn? Nenne nur einige Namen, und deine Sorgen lösen sich in Luft auf. Ich kann auch gnädig sein. Ich kann deinen Verrat vergessen.“
Der Schüler schüttelte hastig seinen roten Schopf und trat nahe an Eara heran. „Bitte, Ihr interpretiert zu viel in diese eine Tat hinein. Ich habe Eure Briefe überflogen, um im Zweifelsfall etwas in der Hand zu haben, aber gewiss nicht mit der festen Absicht, sie gegen Euch zu verwenden. Bedenkt doch alles, was ich für Euch getan habe! All meine Verdienste! Ich habe Euer Vertrauen enttäuscht, aber ich habe Euch gewiss nicht hintergangen. Ihr könnt mir in dieser Hinsicht vertrauen!“
„Ich habe an allen scheinbaren Gewissheiten gezweifelt. An meinem Wissen. An meinen Verbündeten … Vertrauen ist eine Schwäche, Gundeyn. Wir sehnen uns danach, uns anderen anvertrauen zu können, aber je mehr wir vertrauen, desto schlimmer ist der Verrat für uns. Vertrauen wir unseren Gefühlen? Unseren Ahnungen? Unseren Freunden? Sie alle werden uns täuschen! Nur der Verstand besteht, nur die stahlharte Logik überlebt die Zweifel, nur Zahlen sind objektiv. Freunde und Vertraute sind Ballast, überhöhte Risiken. Sie können uns belügen, uns hintergehen, und sie können gegen uns verwendet werden. Wir müssen mit anderen zusammenarbeiten, aber jeder einzelne, dem wir tatsächlich Vertrauen schenken, ist eine zusätzliche Gefahr.“ Die Stimme der Schwäche protestierte natürlich, erfolglos wie immer.
„Ich habe deinem Wort zu lange blindlings vertraut, Gundeyn. Von den meisten deiner Verdienste weiß ich nur, weil du mir davon berichtet hast. Du behauptest, die Stimmung zugunsten der Vereinigung zu beeinflussen, aber vielleicht tust du auch das Gegenteil. So viele Dinge hast du behauptet, und ich habe sie alle geglaubt, ohne zu hinterfragen. Dabei müssen wir alles hinterfragen, nur so können wir unsere Fehler erkennen. Erkennst du die deinen, Gundeyn?“
„Herrin, bitte! Die Zaubererschaft ist verbohrt, hängt an ihren Traditionen und denkt irrational. Ohne meine Hilfe hättet Ihr fast gar keine Anhänger, ohne meine Informationen würdet Ihr blind umhertappen und Eure Pläne aufgrund von Spekulationen aufstellen anstatt auf Basis von gesicherten Tatsachen. Ich bin Euer Auge, Euer Ohr und Eure Zunge. Verstoßt mich nicht!“
„Wir können auch unseren Augen und Ohren nicht vertrauen, Gundeyn. Manchmal sehen oder hören wir Dinge, die gar nicht da sind. Und wir blenden permanent den Großteil unserer Umgebung aus.“
„Bitte, Souveränin, ich verstehe, dass Ihr mir nach dem Vorfall mit dem gelesenen Brief nicht mehr vollkommen vertraut, aber das ist noch lange kein Grund, mich gleich zum Verschwörer zu erklären. Gesunde Skepsis ist das eine, aber lasst es nicht in Verfolgungswahn ausarten! Überprüft meine Worte und Ihr werdet sehen, dass ich Euch nicht belogen habe.“
Sie schickte ihre dunklen Schlieren vor. Sie umwanden Gundeyn und zogen ihn näher zu ihr heran. Da Eara den verschreckten Novizen um gut zwei Köpfe überragte, musste er seine rundes Gesicht heben, um sie ansehen zu können. „Ach Gundeyn! Ich gehe stets vom Schlimmsten aus, und meine Erwartungen werden nur viel zu selten enttäuscht. Ich werde deine Angaben überprüfen lassen, und wenn du gelogen hast, dann hoffe auf die Vergebung irgendwelcher falschen Götter, denn ich werde keine für dich übrighaben.“
Gundeyn blickte sich panisch auf dem verwaisten Innenhof um. „Ich habe nicht gelogen, Herrin!“, versicherte er und wollte offensichtlich gehen, doch Earas Dunkelheit hielt seine Gelenke eisern umklammert.
„Ich bin noch nicht fertig! Was wusstest du zum Beispiel vom Forinkäfer, der mich meine Hand gekostet hat?“
„Herrin, bitte! Das ist absurd! Jeder hätte ihn in Eure Gemächer tun können. Es ist nicht unbedingt so, dass jederzeit Wächter davorstehen würden.“
„Apropos Wächter: Würdest du dich als solcher bezeichnen?“ Unsicherheit spiegelte sich in Gundeyns Zügen, während er wohl überlegte, welche Antwort sie am ehesten zufriedenstellen würde. „Das war nämlich einer der letzten Sätze, die ich von Koraph hörte: Auch ein Wächter kann gefährlich sein. Meinst du, er ahnte, dass du mich möglicherweise hintergehst? Gewiss, jeder hätte den Käfer in meiner Kammer platzieren können. Aber du standest damals direkt vor der Tür, und du hattest nun mal unbeschränkten Zugang.“
Gundeyn stammelte etwas und blickte angstvoll in ihr Gesicht empor, dann verzerrte sich sein Gesicht zu einer Fratze blanken Entsetzens. Er spreizte seine Wurstfinger und stieß Eara fest von sich weg, den Blick noch immer nach oben gerichtet.
Also wirklich, dachte sie enttäuscht. Sie hatte gehofft, es wäre anders, hatte gehofft, Koraph bezöge sich auf den anderen, naheliegenderen Wächter. Aber Hoffnung war nichts als ein dummes Gefühl, und sie hatte sich ihm entgegengestellt, um Irrtümer zu vermeiden. Offensichtlich zurecht.
Vorsichtshalber sponn Eara in kürzester Zeit einen Kokon aus Schatten um sich, noch während sie von Gundeyns Stoß zurücktaumelte. Der Novize zappelte verzweifelt in ihren magischen Fesseln, versuchte vergeblich zu flüchten. Kaum ein Wimpernschlag war seit seinem Stoß vergangen, da krachte von oben plötzlich etwas großes weißes zu Boden, traf den Ort, an dem er sich befand. Eine Erschütterung ging durch den Boden und Eara starrte verblüfft auf die Stelle, bis das erste Blut unter der weißen Masse nach außen floss, wo es zwischen Eis und Schnee schnell gefror.
Eine Dachlawine, staunte sie. Das wäre ein sehr unpassendes Ende gewesen, nach einem Leben voller Gefahren und Kämpfe, nach entronnen Attentaten und beinahe unbezwingbaren Feinden, nun von einem Stück Eis erschlagen zu werden, von auf den Dächern Yras gefrorenem Schnee, der ab und an zufällig herabrutschte. Sie warf einen Blick zum Dach und entschied sich dafür, nachzuschauen. In all den Jahrhunderten war erst ein einziges Mal tatsächlich ein Zauberer von einer Dachlawine erschlagen worden, auch wenn sie regelmäßig niedergingen. War es tatsächlich Zufall, dass sie beinahe die zweite geworden wäre? War es nur ein Unfall, oder steckte mehr dahinter?
Sie schwebte schnell nach oben, auf einer Wolke aus dunklem Nebel, bis sie auf Höhe der Turmdächer war. Hier oben wehte der Wind besonders bösartig, doch Eara hatte nur Augen für die kupferne Konstruktion. Eine Platte, einige Schrauben, ein paar Federn. Sie hatte vielleicht einen Menschen erwartet oder Fußspuren, aber gewiss nicht so etwas. Vorsichtshalber überprüfte sie, ob hier vor kurzem Zauberei oder Dunkle Magie gewirkt worden war, und bemerkte einen leichten Nachhall von Zauberei auf der Konstruktion. Andere sollen Funktionsweise und Zweck für mich analysieren, schoss es ihr durch den Kopf, während sie abwärts in den Innenhof glitt.
Nachdenklich trat sie anschließend vor den großen Eisbrocken, unter dem die zerquetschten Überreste von Gundeyn lagen. Letztendlich hatte er sich doch nicht als Verräter entpuppt. Er hatte sie vor dem niedergehenden Eis gerettet, das er vor ihr bemerkt hatte. Er hatte sie anscheinend niemals wirklich hintergangen, hatte nicht mit der Verschwörung zusammengearbeitet.
Das kommt davon, wenn man niemandem vertraut, flüsterte die Stimme der Schwäche, aber Eara wusste, dass es genau andersherum war. Ihr Irrtum bewies nur, wie wichtig es war, dass sie an allem zweifelte, was sie wusste, gerade an sich selbst und ihren Fähigkeiten. Sie hatte sich getäuscht, und das führte ihr vor Augen, dass sie noch intensiver abwägen musste. Noch stärker zweifeln. Der stahlharten Logik noch weiter folgen. Niemand war perfekt.
Natürlich hatte Gundeyn sie nicht aus Nächstenliebe gerettet, sondern um ihr Vertrauen zurückzugewinnen, in ihrer Gunst wieder aufzusteigen und der Gefahr selbst zu entrinnen, doch letztendlich spielte das alles keine Rolle mehr. Spätestens mit seinem Tod war es komplett egal, welche Motive er zu Lebzeiten für seine Taten gehabt hatte. Entscheidend war, was sie daraus machte. Ein weiteres Opfer der Verschwörung, ein tapferer Novize, der sein Leben für ihres gab. Das würde die Herzen der Menschen mehr bewegen als eine Geschichte von unberechtigten Verdächtigungen und gegenseitigem Misstrauen. Und jedes bewegte Herz machte die Vereinigung wahrscheinlicher.
Sechs, dachte sie bitter. Das sechste Opfer schon. Na und? Sie alle sind bereits einkalkuliert. Gundeyns Tod war ein großer Verlust und ein herber Rückschlag. Nicht nur bedauerte sie jeden zusätzlichen Tote, zumal wenn er völlig überflüssig starb, auch seine Fähigkeiten waren nicht zu ersetzen. Er hatte die Massen unter Kontrolle gehalten, hatte ihre Politik beliebt gemacht, hatte der Vereinigung eine Chance verschafft, trotz der jahrzehntealten Feindschaft zwischen den beiden Orden. Für kurze Zeit würde sein Tod eine erneute Welle der Empörung auslösen, doch langfristig würde die Zustimmung zurückgehen. Doch eine Vereinigung, die nicht die Zustimmung der breiten Mehrheit hatte, konnte nicht bestehen. Sie würde ihre Absichten beschleunigen müssen, durfte keine Zeit mehr verlieren. Wenn ihr Plan bald Erfolg hatte, dann würde fast niemand mehr in ganz Hadria gegen die Vereinigung stehen. Doch die Eile erhöhte auch die Risiken. Hoffentlich würden andere Quellen ihr bald mehr über die Allianz der Entscheidung sagen können, als Gundeyn es vermocht hatte. Bald schon würde es enden. So oder so.
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Zwischenspiel VIII – Gefährlicher denn je

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:14

Zwischenspiel VIII – Gefährlicher denn je

Frühe Nacht, 54. Herbsttag 76 A.Z.
Nördliche Küste, Wachsamer Wald

Der Wachsame Wald lag einsam und verlassen, die mächtigen Bäume rauschten sacht in der Meeresbrise. Nilsar zog sein kleines Boot an den Strand und verbarg es hastig unter einigen Farnen. Dann schlich er in den Schatten der Bäume.
Während er leise seinen Weg suchte, nestelte er an den von seinem Gürtel hängenden Schnüren aus Rosshaar herum. Immer wieder wurde eine seiner Fallen beschädigt, und er hatte gerne sofort einen Ersatz dabei. Bald schon erreichte er die erste Falle, eine gut verborgene Schlinge auf dem Boden, doch sie war leer. Nilsar kontrollierte, ob der Knoten noch korrekt saß, dann schlich er weiter.
Als er vor sich plötzlich ein verdächtiges Rascheln hörte, spannte er sich an und kauerte sich in den Schatten eines Busches. Seine Hand griff nach dem kleinen Messer an seiner Seite. Wenn es ein Bewahrer war, dann durfte er nicht zögern. Sie trugen immer diese verfluchten grünen Gewänder, waren viel zu aufmerksam und gut ausgebildet. Gerade im Dunkeln war es wahrscheinlicher, dass sie ihn zuerst entdeckten. Doch sie wussten nicht, was er hier machte oder wer er war. Sie würden nicht sofort schießen, nur deshalb traute er sich überhaupt hierher. Und weil die Verlockung so groß war.
Die Bewahrer erlegten niemals mehr, als sie brauchten. Sie wollten das Gleichgewicht des Waldes nicht gefährden, behaupteten sie immer. Nilsar kümmerte sich nicht um das Gleichgewicht des Waldes. Er hatte sein Weib und vier Bälger zu versorgen, und mit Einsetzen des Herbstes waren wie jedes Jahr die Fischschwärme zurückgegangen. Es war ein schlechtes Jahr gewesen, ein Meerestroll hatte seinen Bruder und das zweite Boot gefressen, und er hatte nicht genug zurücklegen können, um seine Familie über die schwere Zeit zu bringen. Also hatte er begonnen, sich alle ein, zwei Nächte hierherzuschleichen. Der Wachsame Wald war reich an gut genährten Kleintieren, deren Fleisch man verspeisen und deren Pelze man verkaufen konnte. Die Bewahrer wachten eifersüchtig über ihren Wald, Wilderei war verboten und wurde hart bestraft. Fingen sie einen fremden Bogenschützen, schnitten sie ihm Zeige- und Mittelfinger ab, auf dass er nie wieder die Sehne greifen konnte. Einem Fallensteller wie ihm nahmen sie ein Auge. Sie waren aufmerksam, aber bislang war es Nilsar gelungen, ihnen auszuweichen. Er hatte in seiner Jugend kleinere Aufgaben für sie erledigt, fand sich einigermaßen im Wald zurecht und kannte ein paar ihrer Tricks; er wusste, wie er sich selbst und die unscheinbaren Fallen verstecken konnte.
Das Rascheln näherte sich und Nilsar umklammerte sein Messer noch fester. Ein großer Eber trottete aus dem Unterholz und der Fallensteller steckte sein Messer erleichtert weg. Das Schwein wog gewiss drei oder vier Zentner, selbst ohne Organe wären das noch zwei Zentner Fleisch, doch Nilsar würde sich hüten, nur mit einem Messer bewaffnet in den Kampf gegen einen wilden Keiler zu stürmen. Selbst wenn er gewann, würde der Lärm gewiss Bewahrer anlocken. Also schlug er einen Bogen und umging das Tier.
In der zweiten Falle befand sich der Kadaver eines Hasen, doch ein Fuchs hatte sich bereits daran gütlich getan. Nilsar entfernte die unbrauchbaren Überreste und knüpfte die Schlinge neu, dann schlich er weiter. Die nächste Falle war eine Vogelfalle, die zwischen einigen Blättern in einem Baum lag. Auch sie war leer, der Köder lag noch an seinem Ort.
In der folgenden Schlinge auf dem Boden war ein Kaninchen. Es zappelte noch, war also vor kurzer Zeit erst hineingelaufen. Nilsar tötete es schnell und legte es in seinen Rucksack, ehe er die Falle wieder auslegte und verbarg.
Er folgte seiner üblichen Route, während die Mondsichel über den klaren Himmel strich und leichter Nebel aufzog. Er fand noch einiges, es war eine gute Nacht. Bald hatte er die Hälfte seiner Strecke zurückgelegt und schlug seinen Bogen, um an der Küste entlang zurück zu seinem Boot zu gelangen. Hier hatte er nur noch Vogelfallen an die gekrümmten Bäume gehängt, doch er fürchtete, sie entfernen zu müssen, sobald die Windflüchter ihre letzten Blätter abwarfen.
Eine Bewegung an einer der Vogelfallen erregte seine Aufmerksamkeit. Seine gefiederte Beute erhängte sich in diesen Fallen selbst, sie konnte sich eigentlich nicht mehr regen. Als Nilsar näherkam, entdeckte er einen großen Vogel, der auf einem Ast unterhalb einer seiner Fallen saß und genüsslich die darinhängende Drossel verspeiste. Das war seine Beute! Nilsar stürmte näher, ohne sich um Stille zu bemühen. Der große Vogel senkte nur seinen Kopf und öffnete den gebogenen Schnabel. Was war das bloß für ein Tier? Es war keine Eule oder sonst ein nachtaktiver Vogel, den Nilsar kannte. Größer als ein Habicht war er, fast schon groß wie ein Seeadler, und er kannte offensichtlich nicht die geringste Scheu. Die Farbe seines Gefieders war in der Dunkelheit nicht genau zu erkennen, aber Nilsar schätzte sie rötlich ein. Krallen und Schnabel glänzten tückisch im Mondlicht und die kleinen Äuglein blinzelten boshaft. Der Fallensteller wedelte mit seinen Armen und stieß gedämpfte Zischlaute aus, woraufhin der Raubvogel aufflatterte, seine Beute mit den Krallen packte und mitsamt Falle vom Baum riss. Dann erhob er sich mit wenigen mächtigen Flügelschlägen in die Lüfte und flog nach Osten hin fort.
Nilsar stürmte hinterher, darum bemüht, nicht zornig aufzuschreien. Er wusste, dass er eigentlich bereits verloren hatte, doch gerade als er umkehren wollte, ließ der seltsame Vogel das kleine Federvieh auf den Strand fallen und flog davon. Überrascht blieb Nilsar stehen. Weshalb hatte sein Gegner die Drossel zurückgelassen, nachdem er sie bereits errungen hatte? Er schüttelte verwirrt seinen lockigen Kopf, dann ging er am Strand weiter, um seine Beute aufzusammeln.
Als er sich gerade danach bückte, hörte er aus der Ferne die Stimmen. Grölende Rufe waren es, und jetzt wo er darauf achtete konnte er in der Ferne auch Feuerschein ausmachen. Ganz bestimmt waren das keine Bewahrer! Die Küste schlug hier einen Bogen, daher verdeckten Bäume seine Sicht. Nilsar hob den Kopf und musterte die Sterne. Noch hatte er Zeit. Er könnte nachschauen und dann umkehren. Wer auch immer dort war, war zu laut, um ihn zu hören, selbst wenn er sich ungeschickt anstellte. Seine Neugier wog schwerere als die Vorsicht, und vielleicht würde es sich noch als nützlich erweisen, etwas über die Fremden zu wissen. Er steckte die Drossel in seinen Rucksack und trat in den Wald.
Ab jetzt prüfte er jeden Schritt doppelt. Womöglich handelte es sich um eine Räuberbande mit Wachtposten, auch wenn Nilsar das eigentlich bezweifelte. Welche Räuber hätten sich direkt an der Küste angesiedelt, wo jedes vorbeikommende Schiff sie bemerken konnte? Und wer würde es überhaupt wagen, die Bewahrer in ihrem eigenen Wald herauszufordern? Flüchtig überlegte Nilsar, ob es vielleicht eine Horde der geschuppten Kreaturen sein könnte. Doch die liefen nur versprengt umher, und schon seit längerem hatte er keine mehr gesehen, weder im Wald noch auf einer der Inseln. Vielleicht waren die verfluchten Biester ja endlich ausgerottet.
Schnell hatte Nilsar den schmalen Streifen Wald durchquert, ohne auf irgendwelche Wachen gestoßen zu sein. Er kauerte sich hinter einen Busch und spähte durch die dürren Zweige hindurch. Jenseits des Waldrandes loderte ein großes Lagerfeuer hell empor, um das einige Gestalten verteilt waren. Menschen in unterschiedlicher Kleidung, doch zu seinem Erstaunen erkannte Nilsar auch die Gestalt eines gehörnten Taren. Im Wasser lag ein großes dreimastiges Schiff mit schwarz gefärbten Planken.
Ein Mann und eine Frau standen etwas abseits, beide mit seltsamer Haut, und blickten auf etwas herab, das Nilsar mit Mühe als einen gefesselten Menschen identifizieren konnte. Der Fallensteller zögerte kurz und schlich dann behutsam näher. Die Gestalten ums Lagerfeuer sangen und lachten, anscheinend hatten sie dem Alkohol schon überreichlich zugesprochen. Niemand würde ihn hören können.
„… mich frei! Ich habe alles getan, was Ihr verlangt habt!“, wimmerte der Gefangene mit Werftheimer Akzent.
Die Frau lachte höhnisch. Nilsar erkannte, dass ihre Haut grün war, und die des Mannes dunkelblau. Erschrocken formte er mit seinen Händen den Kreis des Lebens, um die Dämonen abzuwehren. Falls es sich um welche handelte, wirkte seine Geste nicht.
„Nein, Raat!“, meinte sie kalt.
„Aber ich habe alles getan, was Ihr verlangt habt. Ich habe für Euch dieses Schiff entworfen. Ich habe Euch gesagt, wo Ihr geeignetes Holz finden könnt! Bitte, Ihr müsst mich gehen lassen!“
„Du hättest uns auch gehorcht, wenn wir nicht dein Leben angeboten hätten. Deine Angst hätte dich gefügig gemacht.“ Die Frau lächelte bei diesen Worten und zog einen rot glühenden Stein an einer Silberkette hervor.
Der Gefesselte schluchzte leise auf. „Nein, bitte! Nicht der Stein! Ihr habt es versprochen! Ihr müsst mich gehen lassen!“
„Weißt du, Raat Isal Martek Firulan?“, mischte sich der blauhäutige Mann ein. „Eigentlich hat nur Kentar das versprochen, und sie ist nicht gerade dafür bekannt, ihre Versprechen zu halten. Ich dagegen halte jeden Schwur. Ich habe den Mördern meiner Eltern Rache geschworen, und ich habe jeden einzelnen von ihnen eigenhändig ermordet, und dazu noch ihre Frauen und Kinder. Ich habe geschworen, meine verfluchte Heimat zu verlassen, und ich habe es geschafft. Ich habe geschworen, mich an meinen Jägern zu rächen, und mit deinem Schiff werde ich meine Rache bekommen. Und bedauerlicherweise habe ich Kentar versprochen, dass sie sich mit dir amüsieren darf.“ Er hob hilflos die Hände. „Wenn wir morgen früh ablegen, ist er tot!“, wandte er sich dann an die Frau. „Wir können keinen unnötigen Ballast gebrauchen, wir werden Kreaturen aus allen Enden des Hadrischen Meeres rekrutieren müssen. Du kannst ihren Willen brechen und sie kontrollieren, aber wir müssen sie erst finden, um unseren Angriff vorzubereiten. Unsere neue Kogge ist schneller und gefährlicher denn je, und vor allem ist sie wieder leer, nicht so vollgestopft mit euren Beutestücken. Wir müssen nicht gleich am ersten Tag damit beginnen, sie wieder aufzufüllen.“
„Gewiss, Callem! Ich weiß, wie ich ihm diese Nacht versüßen kann. Vielleicht locken seine Schreie sogar noch eine Patrouille der Bewahrer an.“ Sie lächelte unheilvoll und presste den roten Stein auf die Stirn des Gefangenen, woraufhin dieser schmerzerfüllt brüllte.
Nilsars Atem ging zitternd. Callem. Unsere neue Kogge. Er wusste, wer diese Gestalten waren. Er kannte die alten Schauermärchen, und er hatte einen Vettern an sie verloren, dessen Schiff während ihrer Rückkehr vor zwei Jahren von diesen Seeräubern gekapert worden war. Die Schwarze Kogge war schlimmer als jeder Dämon! Die Schreie des Werftheimers verdeutlichten das.
Nilsar wollte gerade abhauen, als direkt neben seinem Busch zwei Menschen vorbeigingen. Sie wirkten regelrecht normal, ihre Hautfarbe entsprach in etwa Nilsars eigener, und sie unterhielten sich gedämpft.
„Isch meine, isch dasch etwa gerescht?“, lallte der eine, ein Mann mit dunklem Haar und Hakenhand. „Thogger wurde von unscherem Mascht tscherquetscht, und der isch vollkommen unverletscht tschurückgekehrt. Isch dagegen hab nur kurtsche Tscheit vor meinem Tod die Hand verloren, und die kam nisch tschurück!“
„Dein Ansinnen wird vergeblich sein, Pero.“, orakelte der andere, ein Mann mit silbernen Haaren und Bart, dessen schlanke Finger über eine weiße Flöte strichen. „Du suchst zu ergründen, was in eine Finsternis gehüllt ist, die keines Sterblichen Auge zu durchdringen vermag. Die Gesetze, denen die Macht des Herzens sich zu beugen hat, werden uns immer rätselhaft und verworren erscheinen, denn sie sind jenseits des Begreifbaren. Akzeptiere das dir zugedachte Los, denn weder Erkenntnis noch Gerechtigkeit wirst du in dieser Welt finden können.“
Die beiden gingen nur einen Schritt von seinem Versteck entfernt vorbei, ohne ihn zu bemerken. Nilsar atmete erleichtert auf, dann drehte er sich um. Er wollte nur noch so schnell wie möglich von hier verschwinden.
Doch da schoss von oben etwas auf ihn herab. Es war der große Vogel von vorhin, die Klauen gruben sich tief in sein Gesicht. Nilsar konnte einen Schrei nur mühsam unterdrücken und eilte panisch von dem Feuerschein fort, in der Hoffnung, seine Schritte mögen leiser sein als die Schreie des Schiffsbauers. Er schlug auf das Untier ein und stellte zu seinem Entsetzen fest, dass jede einzelne Feder messerscharf war. Da erhob sich der Vogel in die Lüfte und kreischte laut auf. Roooaaaaaa!
Nilsar gab jede Vorsicht auf. Er rannte hemmungslos durch große Blätterhaufen und trockene Äste, in der Gewissheit, dass man ohnehin schon auf ihn aufmerksam geworden war. Er versuchte, seine möglichen Verfolger abzuschütteln, doch der verfluchte Vogel blieb stets über ihm, stürzte nur gelegentlich herab, um ihn mit seinem Schnabel zu traktieren. Nilsar streifte seinen Rucksack ab, um noch schneller rennen zu können. Bitte, Mutter Natur!, betete Nilsar zum ersten Mal seit mehreren Jahren. Rette mich, und ich werde mich nicht mehr gegen den Willen deiner Priester an deinen Schöpfungen vergehen. Ich werde zu ihnen gehen, meine Sünden bekennen und ihnen von der Bedrohung in ihrem Wald berichten. Aber bitte, rette mich! Er erhielt keine Antwort.
Da hörte er eine seltsame, düstere, atonale Melodie. Schrille Töne vermischten sich mit dem traurigen Brausen des Windes, die Bäume knarzten melancholisch und der Himmel schien sich zu verdüstern. Ein hoher verzweifelter Triller brach seinen letzten Widerstand. Von Verzweiflung überwältigt stolperte Nilsar und hatte nicht mehr die Kraft, aufzustehen.
Erst als die Melodie verklang, konnte er wieder einigermaßen klar denken. Er fand sich umgeben von dem blauhäutigen Mann, der bösartige Vogel auf seiner Schulter, dem silberhaarigen Flötenspieler, der eben sein Instrument absetzte, und der grünhäutigen Frau, triumphierend auf ihn herabblickend. „Oh, wie schön! Noch einer!“, rief sie erfreut und klatschte in ihre Hände. Dann zog sie die Silberkette mit dem roten Stein aus einer Tasche. Sie beugte sich zu Nilsar herab und lächelte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen an. „Viel Spaß!“, wünschte sie, dann presste sie den roten Stein auf seine Stirn.
Eine grauenhafte Qual durchströmte Nilsar. Jede Faser seines Körpers schien zu brennen und sein Geist begann, sich zu verflüchtigen. „Du hast schon einen, Kentar!“, erklang eine weit entfernte Stimme. „Lass den hier in Frieden. Ich weiß, wie sehr du es magst, aber du solltest nicht übertreiben. Komm, beenden wir es.“ Ein silbernes Blitzen erschien am Rande von Nilsars Gesichtsfeld und er spürte einen dumpfen Ruck in seiner Brust. Dann erloschen sein Schmerz, seine Wahrnehmung und sein Bewusstsein.
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z - Zwang oder Zufall

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:15

z – Zwang oder Zufall

Mondhoch, 56. Herbsttag 76 A.Z.
Nar´Al´Pans Höhle, Graues Gebirge

Thorn warf noch einen letzten Blick auf sein Ross Ambra, das draußen vor der Höhle geduldig aus dem Bachlauf trank. Die Sterne beleuchteten den weißen Pelz des Pferdes und die dunklen Augen blickten ihm traurig nach, dann lief der Krieger um die Kurve des Ganges und das Tier verschwand aus seiner Sicht. Wenn alles gut lief, wäre er in einer guten Stunde schon wieder zurück. Aber irgendwie glaubte Thorn nicht, dass alles gut laufen würde. „Warum habe ich mich nur darauf eingelassen?“, grummelte er leise.
Nicht so leise allerdings, dass Ken Dorr ihn nicht gehört hätte. „Es war Eure Idee.“, behauptete der Dieb amüsiert.
„Das ist nicht wahr! Der Plan stammt von dir. Und er basiert auf Leanders Idee. Ich habe nur den entscheidenden Hinweis beigesteuert.“
„Seid still!“, zischte der Seher. „Es ist zwar noch ein gutes Stück, aber wir dürfen auf keinen Fall gehört werden.“
Die drei versanken in Schweigen. Im Gehen holte Thorn die Lampe heraus, die die Agren ihnen gegeben hatten. Ein Stein, auf der einen Seite von grünem Leuchtmoos bewachsen. Die glühende Seite wurde von einem Geflecht aus trockenem Gras bedeckt, das er jetzt hochschob, um ihren Weg zu beleuchten.
Thorn dachte zurück an das Gefühl der übermäßigen Enttäuschung, das ihn nach den Antworten der Drei Schwestern erfüllt hatte. Sie hatten einen weiten Weg hinter sich, er wäre fast gestorben, und dann hatten die Antworten sie kein bisschen weitergebracht! Zwei Fragen hatte Drukil verschwendet, und die dritte Frage Leanders war viel zu allgemein ausgefallen.

„Glaubst du etwa, das war ein Versehen?“ Leander war offensichtlich verärgert, nachdem Thorn ihn mit seinen Vorwürfen konfrontiert hatte. Der Stumpf des Schwarzen Baumes, von der Abendsonne in Blut getaucht, verschwand gerade zwischen den Ästen des Bronwaldes hinter ihnen und die fünf Gefährten berieten sich über ihr weiteres Vorgehen. „Dank Drukil hatten wir nur noch eine Frage für zwei Antworten, und ich habe mir eine Möglichkeit überlegt, alles zu erfahren, was wir brauchten. Es war kein Zufall, dass ich nicht nach der Schwäche des Schwarzen Heroldes fragte, sondern nach der von Gespenstern generell.“
„Aber jetzt wissen wir gar nichts.“, empörte sich Thorn.
„Ich gestehe, ich hatte mit etwas besserem gerechnet, irgendeiner Möglichkeit, Geister einfach zu vernichten, ohne sich lange mit Umwegen aufzuhalten. Dann wäre es einfacher gewesen, mit unserem Wissen hätten wir dem Orakel einfach sagen können:
Entweder ihr beantwortet uns noch eine Frage oder aus den Drei Schwestern werden zwei! Aber na gut, wir müssen nehmen, was wir haben. Wenn wir die Quelle der Drei Schwestern finden und sie zu ihnen bringen, können wir ihnen damit drohen. Ich bin gespannt, ob sie dann immer noch ihre Antworten verweigern.“
„Du willst die Drei Schwestern erpressen?“, fragte Chada entsetzt.
„Es geht um das Schicksal einer ganzen Welt. Da dürfen wir nicht zimperlich vorgehen. Wenn sie uns einfach unsere Fragen beantwortet hätten, dann wäre das natürlich nicht nötig, aber jetzt geht es nicht mehr anders.“
„Du hättest direkt nach der Schwäche des Schwarzen Heroldes fragen sollen.“, gab Thorn verärgert zurück. „Auf den Samen des Baumes der Lieder hätten wir verzichten können. Wozu brauchen wir ihn überhaupt? Doch nur, damit der Ewige Rat ihn nicht bekommt. Wenn wir unsere Feinde schnell genug besiegen, dann haben wir dieses Problem nicht mehr.“
„Wie gesagt, ich hatte mit etwas Direkterem gerechnet. Ich hatte gedacht, dass wir mit der Antwort eine Möglichkeit hätten, den Herold zu vernichten und zugleich eine weitere Antwort vom Orakel zu fordern, wenn wir wollten. Da die Antwort jedoch nur war:
Um einen Geist auszulöschen, müsst Ihr auch dessen Quelle vernichten, wir jedoch keine Ahnung haben, welches die Quelle des Schwarzen Herolds ist, haben wir gar keine andere Wahl, als die Drei Schwestern zu zwingen, uns weiterzuhelfen.“
„Das ist kein schlechter Plan!“, behauptete Ken Dorr vergnügt.
„Das ist ein entsetzlicher Plan!“, widersprach Chada. „Wenn wir den Ewigen Rat nur durch Erpressung bezwingen, sind wir nicht besser als er.“
„Chada!“, sagte Leander eindringlich. „Du wirst bald die Königin Andors werden. Sage selbst, was ist dir lieber: Ein Volk, das nur glücklich werden konnte, weil du ein paar Geister bedroht hast, oder ein Land voller Leid und Tod, während du immer ehrenhaft und stolz geblieben bist? Du trägst die Verantwortung für Hunderte von Menschen. Ich verstehe, dass du das nur ungerne tust, aber du musst schwere Entscheidungen treffen. Du bist besser als der Ewige Rat, weil die Folgen deiner Taten besser sind als die unserer Feinde. Weil du für die Freiheit kämpfst, sie jedoch für die Unterdrückung.“
Chada und Thorn sahen sich zweifelnd an. So gut kannten sie einander, dass sie schon aus leichten Bewegungen der Mimik die Gedanken des anderen erraten konnten. Stumm berieten sie, ob es tatsächlich richtig war, das Orakel der Geister zu erpressen. Richtig nicht, waren sie sich einig. Aber vielleicht notwendig.
„Dein Plan hat einen kleinen Schönheitsfehler.“, meinte Thorn schließlich. „Um mehr über die Quelle des Schwarzen Heroldes herauszufinden, müssten wir erst wissen, welches die der Drei Schwestern ist.“
„Aber das wissen wir, Thorn.“, erklärte Leander. „
Die Quelle eines Gespenstes ist ein Objekt, das ihm zu Lebzeiten sehr viel bedeutete, hat das Orakel gesagt. Und die Drei Schwestern selbst haben erwähnt, wie wertvoll der Stab ihres Lehrmeisters Hral den dreien war. Wir müssen ihn nur noch finden.“
„Mir gefällt es nicht, das Orakel zu erpressen, auch wenn mir klar ist, dass es nur meinetwegen dazu kam.“, murrte Drukil schuldbewusst. „Es fühlt sich falsch an.“
„Was vergangen ist, ist vergangen. Wessen Schuld was auch immer war, ist jetzt nicht mehr wichtig.“, merkte Ken Dorr an. „Und wir müssen sie vielleicht gar nicht erpressen. Wir bringen ihnen den lange verschollenen Stab ihres alten Lehrmeisters zurück, und möchten als Gegenleistung nur zwei Fragen beantwortet haben. Möglicherweise lassen sie sich ja darauf ein.“
„Und wo soll der Stab sein?“, fragte Chada.
Daraufhin schwiegen die fünf, und Thorn bedachte alles, was die Drei Schwestern und die Agrenälteste Rhona erzählt hatten, was er erlebt hatte. Plötzlich hatte er einen Verdacht.
„Wann kam der Dieb gleich zu den Drei Schwestern?“, fragte der Krieger in die Runde.
„Vor anderthalb Jahrtausenden.“, bestätigte Chada seine Erinnerung. „Eine hoffnungslos lange Zeit. Unmöglich, dass wir den Stab durch Zufall finden. Ich denke, wir können erneut die Hilfe eines Sehers gebrauchen.“
Leander verzog gequält das Gesicht, doch Thorn entgegnete: „Höchst unwahrscheinlich ist es schon, dass wir ihn durch Zufall finden, aber unmöglich? Vielleicht können wir auf Leanders Visionen verzichten. Wann gründeten die Bewahrer des Baumes der Lieder ihre Archive?“
„Ebenfalls vor etwa eineinhalbtausend Jahren.“, überlegte Leander nachdenklich. „Willst du etwa behaupten, dass da ein Zusammenhang besteht? Das wäre absurd!“
„Wäre es das? Der erste Oberste Priester der Bewahrer war Themauras, von dem der Text stammte, mit dessen Hilfe der Schwarze Herold seine Macht erlangte. Themauras war doch ein Seher, einer, der seine Fähigkeiten nur auf Kosten seines Augenlichts erlangte, ebenso wie Leander. Und zur gleichen Zeit findet ein weiterer blinder Seher das Orakel der Geister?“
„Aber Thorn!“, meinte Ken Dorr. „Wie kommt Ihr darauf, dass Themauras und der Dieb des Stabes Seher waren?“
„Er hat recht damit!“, bekräftigte Leander. „Ich bin sicher, du hast einige Geheimnisse vor uns. Sieh es uns nach, wenn wir es ebenso halten.“
Ken Dorr blinzelte überrascht, dann machte sich eine leise Enttäuschung auf seinem Gesicht breit. „Und was sollte ein Priester vom Baum der Lieder hier im Grauen Gebirge suchen?“, fragte er schließlich.
„Niemand weiß heute noch, was aus Themauras geworden ist.“, überlegte Chada. „Und die Drei Schwestern berichteten, dass der Suchende von Kreaturen verfolgt wurde, welche er für Sendboten des Chaos hielt. Die Furcht vor dem Chaos ist im Glauben an Mutter Natur fest verankert.“
„Ebenso wie in jeder anderen mir bekannten Religion.“, wandte Leander ein. „Dennoch, der Dieb des Stabes und Themauras lebten zu gleichen Zeit, waren beide Seher und vermutlich auch beide religiös, es könnte also durchaus sein. Doch sicher ist es nicht, und selbst wenn es stimmt wissen wir doch nicht, wo Hrals Stab zu finden sein soll.“
„Wir wissen auf jeden Fall, dass ein Angehöriger des Glaubens an Mutter Natur im Grauen Gebirge war, und dass er Opfer eines Gottes wurde.“, erklärte Thorn. „Erinnerst du dich noch an Pan, den Giganten, der sich selbst als einen Gott erachtete, Chada? Und an den goldenen Baum, den wir in seiner Höhle fanden?“ Die Bogenschützin griff in eine Tasche ihrer Kleidung, das grüne Wams noch blutverschmiert und beschädigt wie bei einem jeden von ihnen, und zog einen kleinen filigranen Anhänger heraus. Ein flacher Baum aus Gold, das Zeichen der Bewahrer und das Symbol von Mutter Natur. „Wir fanden dieses Schmuckstück, nachdem wir Pan besiegt glaubten, in einer Seitenhöhle, wo er die Überreste seiner Beute aufbewahrte.“, berichtete Thorn, denn er wusste, dass Leander und Ken Dorr zu jenem Zeitpunkt bewusstlos gewesen waren. „Er lag zwischen einer seltsamen Steintafel mit fremden Runen und … einem hölzernen Stab.“


Ein lautes Geräusch riss Thorn aus seinen Gedanken. Ein an- und abschwellendes Grollen, wie der düstere Sendbote einer fernen Gewitters. In Erinnerung an den Einsturz blickte Thorn besorgt nach oben – freilich ohne im schwachen Licht der Mooslampe etwas zu erkennen – bis er schließlich begriff, dass das fremdartige Geräusch nichts als ein ohrenbetäubendes Schnarchen war. Anscheinend war Nar´Al´Pan zu Hause.
„Wie das Röhren eines brünstigen Hirsches.“, flüsterte Ken Dorr abfällig und Leander fügte erheitert hinzu: „Beeindruckend! Pan macht selbst unserem Drukil Konkurrenz!“
Sie mussten noch ein gutes Stück gehen. Ein dumpfes Glimmen drang aus der Höhle an ihre geweiteten Augen und Thorn, der nach dem Löschen der ungewöhnlichen Lampe seinen Kopf vorsichtig um die Ecke streckte, erspähte ein heruntergebranntes, noch glühendes Feuer und einen dahinterliegenden Riesen, dessen massive Brust sich im Rhythmus der Schnarcher hob und senkte. Anstatt Felle bedeckten große gezackte Steine den Boden, und die Wände waren rußverschmiert, doch zumindest die Eingänge hatte Pan wieder freigelegt. Knapp unter der Höhlendecke prangte das unregelmäßige Loch, durch das sie bei ihrem letzten Besuch geflohen waren. Thorn war sich ob der Dunkelheit nicht sicher, aber er hätte schwören können, dass die Risse im Gestein seit ihrem letzten Besuch wieder deutlich größer geworden waren.
„Sucht nach dem Pfeil!“, forderte Leander im Flüsterton. „Wenn wir unserem Plan folgen wollen, müssen wir Gewissheit haben, dass sie schon da sind.“
Thorn musterte kritisch den schwach beleuchteten Boden. Trotz der Finsternis war er sich sicher, dass er einen von Chadas Pfeilen, hätte er hier im Eingang gelegen, bemerken müsste. „Nichts!“, antwortete er leise. „Kein Pfeil! Wie kann das sein? Der Weg von Chada und Drukil ist mindestens eine halbe Tagesreise kürzer.“
„Es könnte alles mögliche geschehen sein.“, versuchte Leander ihn zu beruhigen. „Vielleicht wurden sie nur etwas aufgehalten. Gedulden wir uns ein wenig.“
„Das widerstrebt mir.“, meinte Ken Dorr kopfschüttelnd. „Es wäre die perfekte Gelegenheit! Wir schleichen hinein, schnappen uns den Stab und verschwinden wieder, ungesehen wie wir gekommen sind. Keine Risiken, kein unnötiges Blutvergießen.“
„Der Riese liegt genau im Gang!“, widersprach Thorn energisch.
„Der Weg zum Stab ist frei.“
„Aber der Stab ist nicht unser einziges Ziel. Wir wollen einen Gott töten.“ Eine maßregelnde Geste Leanders zwang Thorn dazu, seine Lautstärke zu reduzieren. „Einen Gott! Um ihn zu besiegen, müssen wir ihm seine Macht erst nehmen.“
„Dann lassen wir ihm eben seine Göttlichkeit und sein Leben.“ Der Dieb zuckte mit den Achseln. „Wozu müssen wir ihn töten? Wir sind des Stabes wegen hier.“
„Aber auch, um das Gebirge endlich vom letzten Giganten zu befreien. Du hast seine Worte gehört, seit Jahrtausenden tötet er unvorsichtige Wanderer. Und wenn wir nichts unternehmen, wird er das auch noch tausend weitere Jahre tun.“
„Ich muss Ken Dorr recht geben.“, mischte sich Leander ein. „Es täte mir ohnehin weh, ein Wesen zu töten, in dessen Kopf Wissen und Erfahrung aus zwei Jahrtausenden gespeichert ist, zumal er uns vielleicht etwas über Hrals letzte Prophezeiung erzählen könnte. Aber jetzt erschwert diese Absicht auch noch unsere übrigen Pläne.“
„Wir können Dutzenden Agren das Leben retten!“, wisperte Thorn erbost. „Außerdem verlassen sich Chada und Drukil darauf, dass wir unseren Teil des Plans erfüllen. Pan wird seine Verbrechen bezahlen.“ Er tätschelte den Griff seines Schwertes.
Ken Dorr und Leander wollten offensichtlich widersprechen, doch Thorn ließ sie nicht zu Wort kommen. „Weshalb bin ich ausgerechnet mit euch beiden unterwegs? Von Ken würde ich ja nichts anderes erwarten, aber wenigstens du, Leander, müsstest doch einsehen, dass es unsere Pflicht ist, Pan der Gerechtigkeit zuzuführen!“
„Ich denke nur, wir haben momentan vielleicht wichtigere Pflichten.“, entgegnete der Seher ruhig. „Aber Ken Dorr und ich sind nicht hier, um dich vom Mord an Nar´Al´Pan abzuhalten, sondern um dem Plan zu folgen. Wer könnte besser als Ken Dorr heimlich den Stab entwenden? Und da Chada und Drukil den Riesen am besten werden ablenken können, bist nur noch du übrig, um Ken Dorr zu begleiten. Und ich persönlich bin nur wegen meines verletzten Beines hier. Ich brauche eben ein Pferd, um mit euch mitzuhalten, und die Stute ließ sich nicht davon überzeugen, einen anderen Weg einzuschlagen als Ambra.“
Thorn wusste, dass dies nicht der einzige Grund für die Anwesenheit des Sehers war. Seit Leander von der Steintafel mit den unleserlichen Runen gehört hatte, war seine Neugierde geweckt. „Ich habe Ken Dorrs Plan nicht vergessen.“, antwortete Thorn verärgert. „Wenn du einen Mann durch sein Fenster bestehlen möchtest, dann klopfe an seine Tür. Waren das deine Worte?“ Thorn schenkte dem Dieb einen bösen Blick, er war sich nur zu bewusst, wie Ken Dorr seine Erfahrungen erworben hatte. „Es ist ein guter Plan. Und wir werden uns daran halten!“
Es widersprach keiner der beiden mehr.
Doch in Gedanken überlegte Thorn, ob das wirklich noch er war. Er wollte wirklich jemanden ermorden, obwohl er damit nicht unmittelbar ein Leben in Not retten konnte? Es lag keine Ehre darin, auch wenn Pan ein Mörder war. Aber wann immer sie in der Vergangenheit ihre Feinde verschont hatten, hatten sie es später bereut.


Späte Nacht, 56. Herbsttag 76 A.Z.
Nar´Al´Pans Höhle, Graues Gebirge

Nach einiger Zeit klapperte es plötzlich im Eingang zu Pans Höhle. Ein einzelner Pfeil rollte dicht neben Thorn über den Boden und das Schnarchen verstummte schlagartig.
Ken Dorr presste sich sofort an die Wand neben dem Eingang, während Thorn um die Ecke spähte. Nar´Al´Pan rieb sich soeben erst den Schlaf aus den Augen, daher pfiff der Krieger einen durchdringenden Ton, ehe er sich neben dem Dieb an die Wand stellte und ihm eine zweite Mooslampe überreichte.
Im nächsten Moment brüllte der Pan zornig auf. „Bra´ul sirar! Wo bist du, Bogenschützin? Wo … Aaaahhhhrr! Da oben also!“
Thorn und Ken Dorr nickten sich zu, dann schlichen sie um die Ecke. Der Gigant stand mit dem vernarbten Rücken zu ihnen und starrte in das Loch unter der Decke, aus dem gerade ein weiterer Pfeil geflogen kam. Der Riese schüttelte sich und rannte dann an die Wand, wo er vergeblich nach dem noch gut einen Schritt über seiner ausgestreckten Hand liegenden Loch tastete. „Nimm das, Mörder!“, schrie Chada aus der Öffnung heraus und Thorn konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Ken Dorr huschte voraus und glitt lautlos über die scharfkantigen Steine. Thorn konnte nur bewundernd zusehen, wie er seine Füße mühelos über den tückischen Grund in Richtung des Seitenganges lenkte, in welchem der Stab während ihres letzten Besuches gelegen hatte. Er selbst kraxelte um Stille bemüht in die andere Richtung, zu dem Gang, vor welchem Pan eben noch gelegen hatte.
Auf der halben Strecke kam der scheinbar sichere Stein unter seinem Fuß plötzlich ins Rutschen. „Komm herunter, Bogenschützin, sonst komme ich rauf!“, brüllte der Gigant soeben und übertönte damit Thorns Ausrutscher. Der Krieger atmete erleichtert aus und setzte seine Füße neu. Kurz darauf erreichte er den Eingang und verließ den unsicheren Grund. Ohne sich umzudrehen trat er in die Dunkelheit.
Lärm erfüllte die Luft. Knirschende Steine und erzürnte Schreie, das durchdringende Sirren eines abgeschossenen Pfeils, alles zusammen von zahlreichen Echos zu einem Sturm aus verwirrenden Geräuschen verfremdet. Thorn versuchte, seine Sorgen um Chada zu ignorieren. Sie und Drukil hatten die mit Abstand ungefährlichste Aufgabe. Er zog die Abdeckung von seiner Lampe und betrachtete im Schein des Leuchtmooses den dunklen Gang mit unebenem Boden, der steil aufwärts in die Finsternis führte.
Widerstrebend folgte Thorn dem Weg und gelangte in eine riesige Halle. Abgestandene Luft und der Gestank von Verwesung schlugen ihm entgegen. Tropfsteine ragten von der Decke und auf simplen Regalen aus abgetrennten Baumstämmen lagen große Lederbeutel, Trinkschläuche in der Größe eines Fasses. Thorn vermutete Bergziegen, doch er sah auch einige Beutel, die verdächtig nach der gegerbten Haut von Menschen oder Agren aussahen.
Meine Aufgabe, schon seit Urzeiten, war es das Blut der Ewigkeit, das wir aus dem Quell gewannen, zu verstecken und zu bewachen. Bis der letzte Tropfen durch meine Kehle geronnen ist. Dann werde ich nicht länger ein Gott sein und sterben. Es war unklug von Nar´Al´Pan gewesen, seine Schwäche zu verraten. Steine im Gewicht von hunderten Zentnern hatten ihn nicht erschlagen können, doch wenn er sein Wundermittel verlor, würde er über kurz oder lang sterben müssen.
Thorn zog sein Schwert und bohrte es in den ersten Beutel. Die Flüssigkeit, die heraus strömte, glänzte im Schein des Mooses tatsächlich rot und roch metallisch. Aber als ein Tropfen davon auf seinen Unterarm spritze, zischte es, unangenehme Hitze breitete sich in seinem Arm aus und brannte sich ins Fleisch. Fluchend riss Thorn den Arm zurück und zog den Ärmel darüber. Dann richtete seinen Blick auf seine Stiefel, doch aus irgendwelchen Gründen konnte das Blut der Ewigkeit dem Leder nichts anhaben. Schließlich hob Thorn sein Schwert wieder und stach in den nächsten Beutel.
Anschließend durchquerte er die Halle so rasch wie möglich und zerschnitt jeden Beutel, an dem er vorbeikam. Glücklicherweise konnte er auch die obersten noch mit der Spitze seines Schwertes erreichen, anscheinend hätten längere Bäume nicht durch die gewundenen Gänge gepasst. Das von Nar´Al´Pan angepriesene Blut der Ewigkeit verteilte sich auf dem Boden und erschwerte Thorns Schritte, doch er ignorierte das Ekelgefühl, das in ihm aufsteigen wollte, nach besten Kräften und vertraute darauf, dass die seltsame Flüssigkeit abfließen würde.

Knapp den zehnten Teil einer Stunde verbrachte Thorn damit, die Beutel anzustechen, bis er die meisten Vorräte zerstört hatte. Dann jedoch vernahm er einen schrillen Schrei. Chada! Sie hat meinen Namen gerufen! Schwindel ergriff ihn. Sofort hastete Thorn zurück zum Gang in die Haupthöhle, da schälte sich eine gewaltiger Umriss aus der Dunkelheit.
Pans graue Haut war bis zu den Knöcheln rot vom Blut, der Kopf stieß fast an die Decke und die gelben Augen funkelten bedrohlich, als sie das grüne Leuchten in seiner Hand fixierten. „Sa´itar, kleiner Krieger!“
Hastig warf Thorn den Stein in die rote Flüssigkeit am Boden und das Licht verging. Stampfende Schritte näherten sich und warfen Wellen im See aus Blut, doch Thorn freute sich darüber sogar. So laut wie der Riese war, konnte er selbst beinahe ungehört an ihm vorbeiwaten.
Leider nur beinahe. Er hatte seinen Feind bereits umrundet, da brüllte Pan plötzlich auf und etwas klatschte dicht neben Thorn ins Blut. Er bekam unzählige brennende Tropfen ab und stöhnte gequält, doch immerhin hatte das Ding – ob es jetzt Hand oder Fuß des Riesen war, war ihm gleich – ihn verfehlt. Ohne sich weiter um Lautlosigkeit zu scheren rannte er in die Richtung, in der er den Rückweg vermutete.
Schmerzhaft fest lief er in die Wand und brauchte einen Herzschlag, um sich zu sammeln. Das Blut zerrte an seinen Füßen und Thorn erinnerte sich daran, dass der Gang auf dem Hinweg nach oben geführt hatte. In der Hoffnung, seine Ahnung werde ihn nicht trügen, folgte er der anwachsenden Strömung. Und tatsächlich, nach nur wenigen Schritten ertastete seine rechte Hand keinen Fels mehr, sondern Leere. Doch ehe Thorn den Weg nach unten einschlagen konnte, traf ihn plötzlich eine gigantische Faust mit der Wucht eines Rammbocks in den Rücken. Ein heißer Schmerz durchschoss ihn und legte einen Schleier über seine schwindende Wahrnehmung. Die Luft wurde gewaltsam aus seiner Brust gequetscht, während er durch die Dunkelheit geschleudert wurde.
Endlich Frieden, war sein letzter Gedanke, dann fiel er mit dem Gesicht voran in einen brodelnden Fluss aus Blut. Die Flüssigkeit verbrannte seine Augen und seine nackte Haut. Als er zum Schrei den Mund öffnete, drängte das Blut der Ewigkeit auch in seine Mundhöhle, verätzte Fleisch und Zunge, rann unaufhaltsam durch seine wunde Kehle. Thorn versuchte, einzuatmen, doch verschluckte nur noch mehr Blut. Sein einziger Wunsch war, dass es endlich aufhören möge.
Mit einem Mal ging der Schmerz zurück, aus der Feuersbrunst in seinem Inneren wurde vereinzelte Flammen. Neue Kraft durchströmte seine Muskeln, von der Luftknappheit war nichts mehr zu bemerken. Das Blut versengte ihn nicht mehr, sondern umspülte ihn weich und kühlte die verbrannte Haut.
Ewige Jugend und Stärke, hallten Nar´Al´Pans Worte in Thorns Gedächtnis nach. Das Blut der Ewigkeit! Er hatte getrunken, was Riesen zu Göttern gemacht hatte! Ausgerechnet die Vorräte, die er hatte vernichten wollen, hatten ihn gerettet.
Er überschlug sich mehrmals, sein Kopf traf hart auf Stein und erinnerte ihn daran, dass er auch jetzt nicht unverwundbar war. In der Dunkelheit verlor er vollständig die Orientierung, doch die Strömung verriet ihm, wo unten war. Mühsam richtete Thorn sich nach seinem unfreiwilligen Bad auf und blinzelte in die Dunkelheit, während das Blut aus seinen triefenden Kleidern floss.
„Nein! Nein! Mithru na´car!“, erscholl Pans verzweifelte Stimme über ihm aus der Dunkelheit. „Mein Blut! Meine Unsterblichkeit!“ Er klang nicht wütend, nur traurig. Thorn hatte nicht vor, zu warten, bis das Blut durch Spalten im Stein versickert war und Pan sich auf die Suche nach dem Schuldigen begeben würde. Eilig stapfte er über den schlüpfrigen Boden nach unten, bis endlich wieder etwas Licht seinen Weg erhellte.
Er stolperte in die Haupthöhle und lief beinahe in Chada hinein. Beide starrten sich einen Moment überrascht an. „Thorn! Ich wollte dich warnen … Was ist mit dir geschehen?“, stammelte Chada, hängte sich ihren Bogen Audax nervös über ihre Schulter und starrte ihn aus großen Augen an.
„Egal jetzt!“, rief der Krieger, ergriff ihre Hand und zerrte sie hinter sich her.


Morgendämmerung, 57. Herbsttag 76 A.Z.
Westlich der Zwergenstraße nördlich der Korn-Schlucht, Graues Gebirge

„Warum kann nicht wenigstens ein einziges Mal alles so funktionieren wie geplant?“, stöhnte Thorn, nachdem er einen genaueren Blick auf sein Äußeres werfen konnte. Wo er nicht von getrocknetem Blut bedeckt war, sah seine Haut rot und verbrannt aus und seine Augen tränten im Sonnenlicht. Mindestens ein halbes Dutzend seiner Rippen war gebrochen, jeder Atemzug stach in seiner Brust und er wusste, dass der Effekt des Blutes der Ewigkeit noch nicht vollständig abgeklungen war und ihm das Schlimmste noch bevorstand. Dennoch konnte er froh sein, so glimpflich davongekommen zu sein.
Chada sah ihn besorgt an und legte ihre Hand in seine. In seiner Handfläche spürte er etwas Kaltes ruhen. Thorn blinzelte müde, bevor er begriff. „Chada! Nein!“, protestierte er und zog seine Hand weg. Mhares Amulett fiel ins Gras und funkelte silbern im Schein der aufgehenden Sonne. „Tu das nicht!“, sagte er etwas sanfter. „Ich werde auch so heilen. Es raubt dir deine Lebenskraft.“ Chada musterte ihn ernst, bevor sie knapp nickte und das Amulett wieder um ihren Hals hängte.
Erschöpft ließ sich Thorn neben Leander ins taufeuchte Gras sinken. Der Seher betastete fasziniert die Runen auf der Steintafel, die Ken Dorr ihm zuliebe aus der Höhle mitgenommen hatte. Hinter ihm lagen ein seltsamer brauner Sack und der Stab, von dem Thorn hoffte, dass er die Quelle der Drei Schwestern war. Ken Dorr saß daneben auf der Wiese, über ihnen am Hang Ambra und die braune Stute von Leander.
„Es hätte schlimmer kommen können.“, entgegnete Ken Dorr. „Meinen Teil konnte ich problemlos erfüllen. Reingehen, Stab schnappen und wieder raus, während der Riese noch von Chada abgelenkt wurde.“
„Aber irgendwann ist das Blut, das du verschüttet hast, bis in die Haupthöhle geflossen.“, erläuterte Chada. Ihre Stiefel waren bis zu den Knöcheln blutgetränkt und fünf lange parallele Schnitte überzogen ihre Brust, deren Ursache Thorn unklar war. „Pan konnte sich anscheinend auch denken, was das zu bedeuten hatte. Ich wollte dich warnen, aber wahrscheinlich hast du mich nicht gehört.“
„Gehört habe ich dich, und das hat mich vermutlich auch gerettet. Doch was bei der Heiligen Mutter hast du dir dabei gedacht, aus der sicheren Höhe herabzuklettern?“
Eine leichte Röte stieg in Chadas Gesicht auf. „Ehrlich gesagt habe ich gar nicht gedacht.Ich war nur … besorgt.“
„Drukil ist oben geblieben, oder? Er weiß doch, dass wir uns baldmöglichst beim Orakel treffen wollten?“, fragte Thorn schließlich.
„Drukil war gar nicht dabei.“, gestand Chada niedergeschlagen. „Unser Weg führte uns zurück durch den Trummwald, die Bärenhöhle und die labyrinthischen Gänge in die Höhle des Riesen. Drukil hat sich schon im Wald verabschiedet.“
„Du meinst, er hat sich verwandelt und ist gegangen?“, fragte er entsetzt.
„Nicht, ohne mir vorher noch das hier zu verpassen. Deshalb habe ich auch so lange gebraucht.“, entgegnete Chada und deutete auf die fünf langen Kratzer auf ihrer Brust.
Thorn spürte, wie sich seine Hand unwillkürlich zur Faust ballte. „Ich bring ihn um!“, murmelte er.
„Er war nicht er selbst! Thorn, ich mache mir Sorgen um ihn! Du hast ihn nicht erlebt. Ein gewisser Teil des Menschen war selbst in seiner Bärengestalt immer erkennbar, aber jetzt war dieser Mensch so tief verborgen, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe. Ich fürchte, es könnte durchaus sein, dass er nicht mehr zurückkehrt.“
Thorn schluckte schwer und selbst Ken Dorr verzog besorgt das Gesicht.
„Was hast du eigentlich alles angeschleppt?“, fragte Chada den Dieb unbehaglich und zeigte auf den braunen Sack. „Was ist das für Gerümpel?“
„Das sind meine Sachen!“, protestierte der Dieb. „Die Satteltaschen meines Pferdes!“ Thorn verzichtete darauf, ihn daran zu erinnern, dass ein freundlicher Pferdezüchter die Tiere ausgeliehen hatte. Ihm grauste bereits davor, dem armen Mann mitteilen zu müssen, dass drei der vier Tiere nicht zurückkommen würden.
Ken breitete den Sattel – den Thorn jetzt auch als solchen erkannte – auf dem Boden aus und öffnete die Schnur einer der vier Taschen. Darin kramte er eine Weile, bis er eine Phiole aus dünnem Glas in den Händen hielt, die den Einsturz wie durch ein Wunder überstanden hatte. Ken Dorrs schlanke Finger öffneten den Verschluss und der Dieb schnupperte kurz. „Perfekt, das Gegengift ist noch da.“ Thorn verdrehte die Augen.
Plötzlich räusperte sich Leander. Der sonst so aufmerksame Seher schien ihre Unterhaltung gar nicht mitbekommen zu haben, er kniete konzentriert über der Steintafel und schüttelte nur verblüfft den Kopf. „Das hier solltet ihr euch wahrscheinlich ansehen.“, sagte er mit belegter Stimme.
Alle drei wandten sich zu ihm um. Thorn betrachtete prüfend die unverständlichen Runen auf der Tafel, die Schriftzeichen gaben ihre Geheimnisse auch im Tageslicht nicht preis. Er erkannte höchstens, dass die Striche unsauber und hastig gesetzt worden waren. Wer auch immer diesen Text geschrieben hatte, musste es unter großen Schwierigkeiten getan haben. Oder er besaß einfach kein Talent. „Und was steht da?“, fragte er neugierig.
„Eine Botschaft! Diese Runen wurden vor vielen Jahrhunderten im Drachenland verwendet. Verfasst ist das alles in einem Dialekt der Alten Sprache. Übersetzt steht hier: Ich stahl den Stab, um zu helfen, doch erkannte ich nicht, dass meine Versuche, wie so oft, nur das Gegenteil meiner Ziele bewirken sollten. Wir alle sind nur Mimen in einem Stück, dessen Handlung schon vor Jahrtausenden geschrieben wurde. Meine Traumbilder waren Lügen, die die Wahrheit zeigten. Meine Erkenntnisse wurden von meinen Feinden zerstört und verborgen. Nun weiß ich nicht, ob ich das Diebesgut vernichten, verstecken oder bewahren soll. Doch ich bitte euch, nutzt den Stab nicht auf eurer Suche nach Erkenntnissen. Was ihr erfahren werdet, würde nur einem anderen helfen. Lest, was ich in meiner Suche nach einem Ausweg aus dem Ende gesehen habe. Seid ihr die Richtigen, so werdet ihr entziffern können, was ihr vielleicht gebrauchen werdet. Ich hoffe nur, dass auch dieser letzte Versuch nicht letztendlich nur unser aller Widersacher in die Hände spielen wird. Möge die Mutter euch auf eurem Wege geleiten. Möge sie mich vor falschen Götzen behüten, so wenig ich es auch verdient habe. Möge sie die Dunkelheit aufhalten, die ich beschworen habe. Themauras.
„Also war er es tatsächlich!“, rief Thorn aus. „Der Dieb des Stabes war Themauras.“
„Was soll das bedeuten: Lügen, die die Wahrheit zeigten?“, fragte Chada verwirrt.
„Ich weiß es nicht.“ Der Seher runzelte seine blaue Stirn. „Es scheint ein Widerspruch zu sein, aber vielleicht steckt mehr dahinter. Vielleicht wurde der ganze Text aber auch im Wahn verfasst.“
Doch ich bitte euch, nutzt den Stab nicht auf eurer Suche nach Erkenntnissen.“, wiederholte Thorn. „Heißt das, alles war umsonst? Ohne diesen Stab werden wir keine weiteren Antworten erhalten und der Schwarze Herold wird nicht besiegt. Doch wenn wir Themauras´ Warnung in den Wind schlagen, wird vielleicht ein noch ungleich größeres Unglück geschehen.“
„Wenn ich dir einen Rat geben darf, Thorn: Vertraue niemals dem Wort eines Sehers.“, empfahl Leander mit einem gequälten Lächeln. „Du weißt nie, was sie gesehen haben und was nicht. Möglicherweise wusste Themauras, dass er uns davon abraten musste, den Stab gegen Antworten einzutauschen, damit wir eine Frage etwas anders formulieren. Vielleicht führt seine Warnung vor dem Gebrauchen des Stabes erst dazu, dass wir genau das tun.“
„Wie sollte die Warnung, dass wir etwas nicht tun sollen, dazu führen, dass wir eben das tun?“, fragte Thorn entgeistert nach.
„Auch ein kleiner Kiesel kann eine Lawine auslösen, erinnerst du dich? Nicht immer haben Ereignisse die offensichtlichen Konsequenzen. Wir wissen nicht, was Themauras wusste. Und daher bleibt uns nur, nicht allzu sehr auf das Wort eines paranoiden Priesters zu vertrauen, selbst wenn er Seher war.“
„Was ich noch nicht verstehe ist, wie dieser Text uns helfen wird.“, überlegte Ken Dorr. „Lest, was ich in meiner Suche nach einem Ausweg aus dem Ende gesehen habe. Wenn ihr die Richtigen seid, werdet ihr entziffern können, was ihr vielleicht gebrauchen werdet. Bezieht sich das nur auf diese Warnung?“
Leander hob den Kopf. „Ich denke nicht. Es folgt nämlich noch ein Text.“
„Lies ihn vor!“, forderte Chada.
Leander brach in leises Gelächter aus. „Aber gerne, Chada. Hier steht:
seyratt, keetom Aeimrag Lontyl, njasar mirar vaejyg basyg, njasar foddolar vaejog paethog. Und so noch eine ganze Zeit weiter. Eine Passage in der alten Zunge der Barbaren, wie sie zu Themauras´ Zeiten üblich war.“
„Kannst du es nicht übersetzen?“, hakte Chada nach. „Wenn nicht gibt es gewiss Wörterbücher am Baum der Lieder.“
„Du täuschst dich, Chada. Nicht von dieser Sprache. Verstehst du, die Barbaren von damals kannten keine Schrift. Sie glaubten, nur durch intensives Lernen und Wiederholen der wichtigen Geschichten und Berichte könne man den Geist frisch und wach halten. Sie dachten, etwas aufzuschreiben ließe sie verblöden. Daher gibt es keine Wörterbücher und auch sonst keine Quellen, um diese Sprache zu übersetzen. Gewiss existieren Reste und verwandte Wörter in der heutigen Barbarensprache, in der Alten Sprache und sogar in der Gemeinen Sprache, aus denen man vielleicht Teile rekonstruieren kann. Und einige wenige Berichte der Bewahrer erwähnen einzelne Wörter. Aber die Sprache im Ganzen ist für immer verloren.“
„Also hat sich Themauras getäuscht. Wir werden diesen Text nicht lesen können.“, vermutete Thorn enttäuscht.
„Ich kann versuchen, ihn zu übersetzen. Wenn es auch nur einen Sterblichen gibt, der das vielleicht kann, dann bin ich es. Ich habe alle umliegenden Sprachen gelernt, habe mich ein wenig mit der alten Barbarensprache auseinandergesetzt, ich kenne Dialekte, Berichte und Verträge. Ich garantiere für nichts, denn nur Fragmente sind mir bekannt, und die Laute wurden in diese umständliche Runenschrift übertragen, doch ich werde tun, was ich kann.“
Leander stand auf und hielt die schwere Tafel auffordernd vor sich, bis Thorn sich erbarmte und den Klotz in eine von Leanders Satteltaschen steckte.
Anschließend schwang er sich auf Ambras Rücken und keuchte sofort vor Schmerz auf. Er würde in Zukunft vorsichtiger sein müssen. „Wir haben den Stab.“, zischte er. „Also auf zum Orakel der Geister! Und hoffen wir, dass auch Drukil zu uns zurückfindet.“


Abenddämmerung, 56. Herbsttag 76 A.Z.
Östlich der Zwergenstraße nördlich der Korn-Schlucht, Graues Gebirge

Am Abend schlugen sie ihr Lager an einem Bachlauf auf. Ken Dorr machte sich auf die Suche nach Nahrung, Chada flickte die Risse in ihrem Wams, Leander grübelte über dem alten Text und Thorn zog sich bis auf die Unterkleidung aus, um das getrocknete Blut der Ewigkeit aus seiner Kleidung zu waschen. Der einst blaue Stoff war rostbraun, doch selbst an den Stellen, an denen er das Blut abschrubbte, sahen die Fäden kaum besser aus. Das Farbspektrum reichte von beige über dunkelbraun bis hin zu grau, hellblau war der Stoff nur noch an den wenigsten Stellen. Dazu kamen noch die vielen notdürftig geflickten Risse, die großen Flicken und die zum Teil mehrfach angenähten Fetzen, die sich von seinem Umhang gelöst hatten – bevor Chada ihn als Verband umfunktioniert hatte. Seine Kleidung war bestenfalls noch eine Sammlung aus Stoffresten, tatsächlich jedoch eher mittelmäßiges Brennmaterial. Die Gewandung seiner Gefährten sah allerdings in keiner Weise besser aus. Sie alle glichen Drukil, wenn der Hautwandler ausnahmsweise in Kleidern einschlief und zwei Tage darauf mit nichts als Fetzen am Leib erwachte. Aber ihre Wechselkleidung war leider in den Taschen gewesen, die von Steinen in Nar´Al´Pans Höhle zerquetscht wurden.
„Kann ich dich kurz sprechen, Leander?“, fragte Thorn nachdenklich. Der Seher legte die Tafel weg und nickte interessiert. Thorn räusperte sich unbehaglich. „Ich habe über deine Worte nachgedacht, dass Themauras gesehen haben könnte, wozu seine Warnung führt. Und da habe ich mich gefragt, woher er das überhaupt wissen kann. Wenn ich mich jetzt dafür entscheide, den Stab zu zerbrechen, damit wir keine Antworten erhalten, oder wenn ich das Orakel trotz der Warnung befrage, kommen doch unterschiedliche Ergebnisse heraus.“
Wenn du das tust, Thorn. Doch du wirst wohl kaum beides tun. Themauras hätte bei entsprechender Vision gewusst, welche Entscheidung du treffen wirst.“
„Das ergibt keinen Sinn!“, widersprach Thorn. „Wenn er es schon vorher wüsste, wäre es nicht mehr meine Entscheidung. Ich beziehe mich auf die Situationen, in denen ich mich tatsächlich frei entscheide. Er könnte dann ja nicht vorher wissen, was ich tue.“
Leander lachte in sich hinein. „Thorn, du solltest dich wirklich von der Vorstellung einer freien Entscheidung lösen, wenn du das Prinzip von Zukunftsvisionen verstehen möchtest.“
„Aber ich entscheide mich doch jeden Tag unzählige Male!“, rief Chada von hinten und legte ihre Nadeln beiseite. „Das kannst du nicht bestreiten.“
„Selbstverständlich nicht. Aber die Frage lautet ja nicht, ob wir uns entscheiden, sondern ob diese Entscheidungen frei sind. Es fühlt sich so an, doch das ist nur eine Illusion. Wenn ich jetzt schmerzerfüllte Schreie ausstoßen würde, dann würdet ihr Mitleid empfinden. Ihr würdet meinen Schmerz mit mir fühlen, selbst wenn ich eigentlich nur schauspielern würde. Dann würdet ihr also etwas fühlen, was gar nicht da ist. Und genau so ist es mit dem freien Willen.“
„Behauptest du.“, warf Thorn ein.
„Nein, weiß ich! Denkt doch nur an das Bild, dass Hral, der Weise, der Seher der Agren, auf einer Höhlenwand hinterlassen hat. Hral lebte vor gewiss zweitausend Jahren, und dennoch konnte er uns alle zeichnen, uns Helden und Ken Dorr in Gestalt des Bleichen Königs. Seine Zeichnung wies uns den Weg, diesen Feind zu bezwingen. Und jetzt überlegt, wie viel Zeit vergangen ist, seit ein alter Agren seine Striche auf der Wand hinterließ, wie viele Leben seitdem verstrichen sind. Tausende, gar Millionen von freien Entscheidungen, die zufälligerweise genau in das mündeten, was Hral gesehen hat? Wenn auch nur dein Ururgroßvater, Thorn, sich an einem seiner Kindheitstage etwas anders entschieden hätte und von einem Gor gefressen worden wäre, wärest du nie geboren worden und die Situation auf der Zeichnung wäre so nicht eingetreten. Und das betrifft nicht nur diese eine Entscheidung deines Urahns, sondern jede zentrale Entscheidung eines jeden Vorfahren von jeder Person, die auf dem Bild war. Ein Kiesel kann eine Lawine auslösen, aber nur, wenn tausende andere Steine schon bereitliegen. Wenn sie alle kreuz und quer im Kreis hüpfen, kann niemand sagen, ob jemals eine Lawine niedergehen wird.“
„Also sind deiner Meinung nach nur Seher frei?“, hakte Thorn nach. „Nur diejenigen, die zwischen den alternativen Zukunften wählen können?“
„Aber nein! Wir werden doch ebenfalls beeinflusst. Die Bilder, die wir sehen, verändern unser Verhalten, und natürlich versuchen wir, sie zu erfüllen oder umzudeuten, aber wofür wir uns auch entscheiden, wir waren niemals frei dabei.“
„Wir haben seit Jahren für die Freiheit gekämpft, und jetzt willst du behaupten, es gäbe sie gar nicht?“, protestierte Chada. „Daran möchte ich nicht glauben!“
„Wir fühlen uns frei, wenn wir tun können, was wir wollen, und werden wir in dieser Freiheit eingeschränkt, dann ist das entsetzlich. Das Problem ist nicht, unfrei zu sein, sondern sich so zu fühlen. Und dagegen habt ihr richtigerweise gekämpft. Es gibt einen Unterschied zwischen Vorsehung und Unterdrückung, Chada, doch tatsächliche Freiheit gibt es nicht.“
„Woher willst du das wissen?“, entgegnete Thorn. Es ärgerte ihn, wie sicher sich Leander seiner Sache war. „Ich verstehe deine Argumentation, aber sie überzeugt mich nicht.“
„Dann will ich es anders versuchen. Würdest du mir zustimmen, dass alles was geschieht, einen Grund hat? Dass bestimmte Ereignisse und Gesetzmäßigkeiten allen anderen Dingen vorausgehen, dass jedes Ereignis selbst nur die Folge vorangegangener Geschehnisse ist?“
Thorn legte sein weitgehend blutfreies Hemd an die Seite und hielt stattdessen seine Hose in den Bach, während er nachdenklich sagte: „Ich weiß nicht. Vieles hat Gründe, aber ob das wirklich für alles gilt?“
„Alles in der Welt gehorcht gewissen Gesetzen. Die Regeln der Natur gelten immer und überall, und unser Geist ist nicht frei von ihnen. Genau so, wie ein Stein auf eine gewisse Weise zu Boden fällt, muss auch unser Denken auf eine gewisse Weise funktionieren. Wir werden eingeschränkt in unserem Denken, von Naturgesetzen, logischen Gesetzmäßigkeiten, den Erfahrungen, die wir machen, der Erziehung, die wir erfahren.“
„Das sehe ich ja noch ein, aber wieso sollte daraus folgen, dass wir überhaupt keine Freiheit haben?“, meinte Chada verwirrt. „Wir werden eingeschränkt, aber innerhalb dieser Einschränkung können wir uns dann doch entscheiden.“
„Aber selbst diese letzte scheinbar freie Entscheidung muss doch gewissen Regeln folgen. Gesetzen, auf die wir keinen Einfluss haben. Auch eine scheinbar freie Entscheidung basiert auf Bedingungen, und dann ist sie nicht frei.“
„Sie muss?“, spie Thorn aus. „Woher willst du das wissen?“
Leander senkte kurz den Kopf und fragte dann: „Angenommen, es wäre anders. Innerhalb deiner Einschränkungen hättest du noch immer Freiheit. Angenommen, von hundert Möglichkeiten scheiden achtundneunzig durch all die Prägungen und Bedingungen aus, die Entscheidung zwischen den letzten beiden jedoch sei vollkommen frei. Wovon hinge diese letzte freie Entscheidung dann ab? Aus welchen Gründen würde sie geschehen, welchen Regeln würde sie folgen? Logischen? Den Naturgesetzen? Dann wäre sie nicht frei.“
„Gar keinen Regeln. Was spricht dagegen?“
Leander schmunzelte und Thorn hatte das Gefühl, genau das gesagt zu haben, was Leander hatte hören wollen. „Gar keinen Gesetzen also? Diese letzte Entscheidung folgt keinen Regeln, keinen Gesetzmäßigkeiten, hat keine Gründe, keine Ursachen, keine Bedingungen? Dann, Thorn, wäre sie reiner Zufall. Sie könnte ebenso gut zur einen Seite fallen wie zur anderen, denn es gibt ja nichts, was sie in irgendeiner Weise bedingt. Das also bleibt übrig von deiner Freiheit: Eine reine Zufälligkeit. Würdest du das jetzt als deinen freien Willen bezeichnen? Eine Entscheidung, die du mit einem Münzwurf entschieden hast, nur mit dem Unterschied, dass selbst der Ausgang eines Münzwurfes von bestimmten Voraussetzungen abhängt?“
„Du verdrehst meine Worte!“, entgegnete Thorn erbost.
„Nein, ich ziehe lediglich die logische Konsequenz. Der kleine Teil unserer Entscheidung, der frei und unbeeinflusst zu sein scheint, ist entweder unfrei oder zufällig. Entweder er gehorcht gewissen Zwängen, oder er tut es nicht, welche Möglichkeit sollte es sonst noch geben? Mir ist klar, dass ihr das nicht glauben wollt, aber es ist das einzig Logische. “
„Aber Leander!“, begehrte Chada auf. „Wenn es stimmt, was du sagst, dann könnten wir den Lauf der Dinge ja gar nicht beeinflussen. Völlig egal, was wir tun, da unsere Entscheidung ohnehin vorbestimmt ist hat sie keinen Einfluss auf die Zukunft. Entweder wir halten den Ewigen Rat auf jeden Fall auf oder unser Scheitern ist bereits gewiss.“
„Das wäre eine erleichternde Vorstellung. Es würde bedeuten, dass man niemandem von uns ein Vergehen zur Last legen könnte, denn wir alle wären nur Opfer des Schicksals.“ Leander seufzte melancholisch und Thorn, der schon hatte widersprechen wollen, dass es keine sonderlich erleichternde Vorstellung wäre, wenn keine ihrer Heldentaten wirklich ihr eigener Verdienst wäre, überlegte es sich anders und schwieg.
„Doch nein, Chada! Wir beeinflussen den Lauf der Dinge. Es sind unsere Entscheidungen, ob sie nun frei sind oder nicht. Es ist nicht egal, was wir tun, es ist lediglich so, dass unsere gesamte Persönlichkeit uns nur eine einzige mögliche Handlung vorschreibt. Stellt euch doch nur vor, ein Teil eurer Entscheidung wäre wahrhaft frei! Dann wäre er auch frei von euch, von eurer Persönlichkeit. Mit welchem Recht würdet ihr sie dann noch als eure freie Entscheidung betrachten? So aber prägt ihr jede eurer Entscheidungen und eure Entscheidungen prägen euch. Du hast insofern recht, dass es bereits feststeht, ob wir den Ewigen Rat schlagen oder nicht, doch dabei ist es nicht egal, was wir tun. Die Zukunft wird von unseren Entscheidungen bestimmt, ebenso wie unsere Entscheidungen von unserem Charakter bestimmt wird, unser Charakter von unserer Vergangenheit und diese von den Entscheidungen derer, die vor uns kamen.“
Der Seher lächelte. „Meine Visionen zeigen mir, was eintreten muss, aber wie und wann sie eintreten, kann ich beeinflussen. Wie ich mich entscheide ist zwar nicht frei, doch ich verändere die Zukunft zumindest insoweit, dass sie ohne mich anders gekommen wäre. Ich möchte euch meine Wahrheit nicht aufzwingen, aber ich wurde nach Visionen einer fernen Zukunft gefragt, und das war meine Antwort. Wenn ihr euch weiterhin für frei halten wollt, halte ich euch nicht davon ab.“ Mit diesen Worten griff sich Leander die Steintafel und fuhr mit seinen blauen Fingern über die unebene Oberfläche.
Thorn wechselte einen kurzen Blick mit Chada. Er sah seine Zweifel auch in ihren grünen Augen, aber letztendlich glaubten sie beide, frei zu sein. Leander konnte gut argumentieren, doch überzeugt hatte er sie nicht. Thorn glaubte an eine dritte Möglichkeit zwischen Zwang oder Zufall, und er würde sich nicht davon abbringen lassen.
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Zwischenspiel IX – Ein Ausgleich

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:15

Zwischenspiel IX – Ein Ausgleich

Mondhoch, 57. Herbsttag 76 A.Z.
Knutwald, Graues Gebirge

Weißer Nebel lag wie ein Leichentuch über dem Wald und umhüllte die dunklen Stämme der alten Bäume. Ihre trockenen Zweige bohrten sich gleich toten Fingern in den mondlosen Himmel. Die letzten Blätter hingen trostlos herab und trudelten lautlos zu Boden, während das alte Holz schaurig knarzte.
Plötzlich veränderte sich der Nebel; die weißen Schwaden färbten sich grau, dann schwarz. Die Musik des Waldes erstarb, als der Nebel sich wandelte und pure Dunkelheit sich zwischen den Bäumen ausbreitete. Einige kleine Tiere flüchteten panisch vor der Finsternis und die Bäume ächzten, als mühten selbst sie sich, den düsteren Ort zu verlassen. Die Finsternis flog zwischen den kahlen Bäumen hindurch, folgte einer schwachen Fährte, die mit menschlichen Sinnen nicht wahrzunehmen war.
Der Königswolf! Er ist nahe! Varkur spürte, dass er sein Opfer fast erreicht hatte. Dieses Mal gäbe es kein Entkommen. Dieses Mal würde er die Bestie einfangen und dem Schwarzen Herold überreichen können. Nie wieder würde dieser Wolf ihn demütigen! Varkurs Zorn wuchs, die Dunkle Magie dürstete danach, Bäume zu entwurzeln und dem Wald Zerstörung zu schenken. Wo er war, verdorrten die Pflanzen und starb der Boden, und der Dunkle Magier hielt inne, um sich zu beruhigen.
Jede tote Pflanze würde die Finsternis in ihm weiter anwachsen lassen, jedes bisschen Zerstörung würde sie nähren. Er hatte versucht die Dunkle Magie zu fesseln und anzuketten, doch er hatte es nicht vermocht, war zu unbeherrscht und schwach. Auch jetzt strömte sein Hass aus ihm heraus und vergiftete seine Umgebung. Der dunkle Nebel verfolgte ihn wie andere ihre Körperwärme, ihn zu beschwören war für ihn ebenso natürlich wie das Atmen. Er konnte das Böse nicht bändigen. Seine närrischen Bestrebungen glichen dem Versuch, einen Gletscher mit bloßen Händen aufzuhalten. Seit seiner Wiederauferstehung hatte er es vergeblich versucht, nun musste er andere, ungewohnte Wege gehen. Es war eine schwache Hoffnung, aber die einzige, die ihm blieb, nachdem alles andere versagt hatte.
Ein Ausgleich! Für jede seiner dunklen Taten würden zwei helle erfolgen. Für jeden Menschen, den er mordete, wollte er zwei retten, für jeden Baum, der verdorrte, zwei neuen pflanzen. Wenn er den Gletscher nicht aufhalten konnte, dann würde er ihn schmelzen. Sperre die Dunkelheit nicht ein, sondern erfülle sie mit Licht. Er war die ganze Sache falsch angegangen. Er konnte nicht die Dunkle Magie zurückhalten, um menschlicher zu werden, aber vielleicht konnte er menschlicher werden, um die Dunkle Magie zurückzuhalten. Und womöglich würde er so seinen Bann eines Tages brechen können und endlich Erlösung finden.
Die kahlen Bäume wichen beiseite und offenbarten einen kleinen Gebirgssee, in dessen Tiefe die Sterne des Himmels ein zweites Mal zu leuchten schienen, von einem Trichter aus steilen Hängen eingeschlossen. Schilf und Schlamm am Ufer waren von Nebel überzogen, in dessen Schleier sich schnelle Schemen verbargen. Varkur merkte gar nicht, dass er Dunkle Magie beschworen hatte, bis sich ein eisiger Wind erhob und den Dunst verscheuchte.
Es waren fünf Stück, mit silbern glänzendem Fell und gelb funkelnden Augen. Auf einem flachen Stein am Ufer saß der Königswolf, das Fell glatt und dunkel wie schwarzer Samt, die Augen smaragdgrün glühend. Alle sechs hoben im selben Moment ihre schlanken Köpfe und begannen laut zu heulen und den Wind zu übertönen. Ein Geräusch von urtümlicher Schönheit, das weiter trug als ein Donnerschlag, doch Varkur ahnte, dass sie sich nur gegenseitig Mut für ihren letzten Kampf machten.
Der Magier ließ seine Schatten anschwellen bis sie sich ebenso um den See legten wie der weiße Nebel zuvor und die Sterne im Wasser erloschen. Am Ausgang dieses Kampfes konnte kein Zweifel bestehen. Dieses Rudel war wie die verfluchten Helden von Andor, auch sie kämpften niemals allein, doch Varkur würde zumindest dafür sorgen, dass jeder von ihnen einsam sterben musste. Er würde das ganze Rudel zerschmettern, den Wölfen bei lebendigem Leibe das Fell abziehen, während der Königswolf aus seinen tiefen grünen Augen das Leid mitansehen musste, das er den Seinen gebracht hatte. Den Leitwolf würde er in die Ketten der Krahder wickeln und sie zum Glühen bringen, bis dem Königswolf sein weiches dunkles Fell verschmorte und er vor Schmerz winselte. Niemals wieder würde Varkur von einem Tier überlistet werden, niemals wieder würde dieser Wolf ihn demütigen! Er würde …
Der Dunkle Magier zögerte. Sperre die Dunkelheit nicht ein, sondern erfülle sie mit Licht. Er sehnte sich danach, Rache zu nehmen und den Königswolf seine Niederlage spüren zu lassen, doch genau das war es, was er in Zukunft nicht mehr tun durfte. Es wurde Zeit, sich zu ändern. Wieder ein Mensch zu werden. Einen Ausgleich zu schaffen.
Wir müssen nicht kämpfen, Königswolf!“, schrie Varkur mit seiner grässlichen Stimme. Mehr als alles andere hielt sie ihm vor Augen, was er nicht mehr war. „Ich biete dir … einen Ausgleich! Der Schwarze Herold möchte dich besitzen, und ich kann mich ihm nicht verweigern. Doch dein Rudel bedeutet mir nichts.
Der Dunkle Magier wusste nicht, ob dieser Wolf ihn verstand. Aber er musste es zumindest versuchen. „Wenn du dich unterwirfst, werde ich sie alle ziehen lassen. Kein Wolf muss heute sein Leben verlieren, kein Blut diesen See rot färben, keine Dunkle Magie entfesselt werden.
Der Königswolf legte seinen Kopf schief, der ernste Blick seiner grünen Augen schien die Finsternis mühelos zu durchdringen und genau in Varkurs schwarzes Herz zu sehen. „Ein Ausgleich!“, wiederholte der Dunkle Magier. „Dein Leben gegen ihres. Auch mir steht nicht der Sinn nach einem überflüssigen Gemetzel.
Schließlich neigte der Königswolf geschmeidig sein Haupt und senkte seine Augen. Die anderen Wölfe jaulten entsetzt, doch ihr Leitwolf bellte sie entschieden an, und sie kniffen den Schwanz ein und zogen sich winselnd vom Ufer des Sees zurück, bis sie an die Felswand stießen. Varkur ignorierte sie und schwebte näher an den Königswolf heran. Das Tier knurrte, duckte sich und legte die Ohren an, doch es machte keine Anstalten zu kämpfen oder zu flüchten.
Endlich! Der Königswolf war ein törichtes Tier, sich für sein armseliges Rudel zu opfern. Varkur hätte die menschlichen Schwächen nicht bei einem Wolf vermutet. Nicht Schwächen! Stärken! Er musste sich ändern, durfte von Mitgefühl nicht länger als Schwäche denken, wenn er seine Erlösung finden wollte.
Plötzlich wurde Varkurs Bewusstsein von glühendem Schmerz erfüllt. Die Dunkle Magie widersetzte sich ihm, wollte töten und vernichten. Sie forderte immer ihren Preis, strafte ihn, dass er ihren rechtmäßigen Lohn stahl. Varkur zischte bestialisch, während die Schatten zuckten und das Wasser aufpeitschten. Er konnte ein schrilles Kreischen nicht länger zurückhalten. Dann erlosch die Pein, hinterließ Dunkelheit und Kälte.
Als der Dunkle Magier schließlich aufblickte saß der Königswolf noch immer auf seinem Stein, das restliche Rudel war verschwunden. Wie lange hatte der Schmerz angedauert? Warum hatte der Wolf die Gelegenheit zur Flucht nicht ergriffen? Er hätte mühelos entkommen können, während Varkur von seiner eigenen Macht gepeinigt wurde. Doch der Königswolf hatte sich anscheinend nicht geregt, nur seine grünen Augen folgten aufmerksam den dunklen Schlieren, voll von Mitleid. Wie konnte das Biest es wagen, ihn zu bemitleiden? Er war der mächtigste Dunkle Magier aller Zeiten, wurde gefürchtet und gehasst!
Zornig fixierte Varkur den Königswolf, silberne Ketten legten sich über das schwarze Fell und zogen sich zusammen, bis Blut unter den scharfen Kettengliedern hervorquoll. Der Dunkle Magier versuchte sich zu beherrschen und den Sieg zu spüren, doch das Gefühl des Triumphes schmeckte schal. Entkräftet lockerte er die Ketten und begann, den gefesselten Wolf anzuheben und mitzunehmen. Der Königswolf ertrug es klaglos, doch seine Augen betrachteten traurig den Sternenhimmel, den er niemals wiedersehen würde.
Sperre die Dunkelheit nicht ein, sondern erfülle sie mit Licht. Varkur zögerte, dann riss eine seiner Schlieren ein Büschel Haare aus dem dunklen Pelz. „Ein Ausgleich.“, flüsterte er tonlos, dann fielen die Ketten vom überraschten Königswolf ab und zogen sich in die Schatten zurück. „Ich kann dir dein Leben nicht geben, dich nicht vor der Rache des Schwarzen Heroldes bewahren. Aber bis er dich zu sich ruft, schenke ich dir die Freiheit.
Der schwarze Nebel sammelte sich um Varkur, und er stob davon, während der Schmerz in ihm erneut aufwallte und die Magie ihn wieder für seine Gnade strafte. Die schwarzen Haare waren in der Finsternis sicher verwahrt, der Königswolf jedoch blieb zurück. In den grünen Augen des Tieres spiegelte sich der dunkle Streif, der zwischen den Sternen verblasste.
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A – Worte, Pfeile, Möglichkeiten

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:15

A – Worte, Pfeile, Möglichkeiten

Früher Nachmittag, 57. Herbsttag 76 A.Z.
Fingertürme in der Feste von Yra, Hadria

„Apperzipierst du diese beiden Kupferplatten, mit der Spiralfeder und der Schnur dazwischen? Ein Dunkler Magier kann mittels eins Impulses geringer Intensität die Schnur demolieren. Ein Zauberer dagegen stimuliert dezent die Feder, die dafür mit Arkanum präpariert wurde. In beiden Fällen zerreißt die Schnur und die obere Platte aktiviert den Hebel dort.“, erklärte der Mechanicus. Eara beobachtete interessiert die kupferne Maschine. Eine unscheinbare Platte, mit Federn versehen, dank denen sie ein Stück nach oben zucken konnte. Vom Auslöser abgesehen eine sehr simple Erfindung, doch beinahe hätte sie die Souveränin Hadrias getötet.
„Das ist eine kluge Methode, etwas sowohl mit Zauberei als auch mit Magie auszulösen.“, überlegte Eara.
„Danke! Ich halte meine Kreation auch für raffiniert.“ Der aschblonde Mechanicus lächelte gewinnend und Eara seufzte betont.
„Hedal! Dieses Ding hätte mich fast getötet. Es wurde auf den Dächern angebracht, um eine Dachlawine auszulösen.“
„Dann müssten die Assassinen schon vorher informiert sein, wo sie ihre Konstruktion montieren müssen.“, meinte Hedal verwirrt.
„Oder sie machen es wie die Verschwörung und bauen einfach eine davon an jede Ecke. Wir haben insgesamt dreißig Stück gefunden, Arkanum lässt sich ja leicht aufspüren. Dreißig Stück! Wieso wusste ich nichts davon, dass die Allianz der Entscheidung dreißig dieser Platten besitzt?“
„Zehn optimierte Bolzenwerfer.“, zählte der Mechanicus auf. „Einhundert adäquate Projektile. Drei der Grubengasbomben mit Zeitzünder, drei weitere mit arkanem Auslöser wie bei diesen Platten und zwei komprimierte zum Werfen, die bei Kollision explodieren. Fünf mechanische Schnappklingen. Bei all den Objekten, die in den letzten Nächten aus meinem Laboratorium genommen wurden, habe ich diese dreißig Platten ganz vergessen.“ Hedal zog ein verlegenes Gesicht.
„Beeindruckend! Und in jeder deiner Erfindungen war ein wenig Arkanum enthalten? Hast du überhaupt noch Vorräte aus den Runensteinen?“
„Ich habe es komplett extrahiert. Die summarische Trinität der Runensteine funktioniert erwartungsgemäß noch immer, nur die Konsequenzen auf den Organismus wurden reduziert. Das Arkanum ist komplett verarbeitet, in jede der Waffen wurde etwas implementiert, von den Projektilen abgesehen. Ich besitze allerdings keine Reserve mehr.“
„Abgesehen von deinem Bolzen aus reinem Arkanum.“, merkte Eara an und Hedal zuckte zusammen.
„Da muss ich dich desillusionieren.“, murmelte er zerknirscht. „Der Bolzen, der komplett aus Arkanum bestand, war unter meinem Bett versteckt, wie du es dekretiert hattest, doch heute morgen war er absent!“
Eara ließ ihren Blick durch das Laboratorium schweifen, über die funkelnden Schrauben, die unordentlichen Werkbänke und den Lakenhaufen auf zwei Eisentruhen, den Hedal großzügig als Bett beschrieben hatte. Daneben lag auffällig ein zerknittertes Stück Pergament. „Wie kann das sein? Wer wusste davon?“
„Niemand! Er muss durch Zufall lokalisiert worden sein.“ Hedal schüttelte traurig den Kopf. „Du weißt, dass dieses Projektil perikulös ist, Eara? Es kann nicht von Dunkler Magie manipuliert werden, es besteht zu hundert Prozent aus Arkanum. Du wärest wehrlos dagegen.“
„Im Zweifelsfall weiche ich einfach aus.“, versprach Eara. „Und du solltest vielleicht eine Diebstahlsicherung entwerfen, Hedal.“
Der Mechanicus nickte zögernd, dann wandte er sich von Eara ab und befingerte einen silbernen Kasten auf seiner Werkbank, vermutlich eine weitere Erfindung von ihm. „Hedal!“, sagte Eara freundlich und der Mechanicus drehte sich wieder zu ihr zurück.
„Ja, Eara?“, fragte er lächelnd und seine abstehenden Ohren wackelten.
„Wie machen wir weiter? Kannst du noch mehr bauen, jetzt, wo dein Arkanum ausgegangen ist?“ Der Mechanicus schüttelte bedauernd seinen Kopf und Eara überlegte: „Dann müssen unsere bisherigen Fortschritte wohl genügen. Unsere Chancen auf eine Vereinigung sinken mit jedem Tag, ich muss also schnell handeln. Die Zustimmung geht zurück, Gundeyns Tod …“ Eara brach ab, als sie sah, wie das Interesse in Hedals Augen sich verflüchtigte. „Wie auch immer, ich danke dir für deine Bemühungen.“
Der Mechanicus hatte sich wieder dem silbernen Kasten zugewandt und schien die Anwesenheit der Dunklen Magierin bereits vergessen zu haben. Eara trat ans Bett und hob das zerknitterte Pergament auf, dann verließ sie die Werkstatt.


Später Nachmittag, 57. Herbsttag 76 A.Z.
Fingertürme in der Feste von Yra, Hadria

„Am siebenundzwanzigsten Tag des Frostmondes zur siebten Stunde der Nacht im dunklen Grab.“, las der Hitar in schwarzer Robe vor, dann blickte er seinen Namensvetter besorgt an. „Nicht unterzeichnet.“ Er seufzte schwer. „Das war der Zettel, den Ihr im Laboratorium fandet, Souveränin?“
Eara nickte düster. Sie hatte sich mit den beiden Stellvertretern der Orden in ihren Gemächern getroffen und ihnen die Botschaft gezeigt. „Er lag neben dem Bett des Mechanicus. Ich wollte hören, was ihr beide darüber denkt.“
Der braune Hitar schluckte unbehaglich. „Es sieht ganz so aus, als sei der Mechanicus doch mit der Allianz im Bunde. Daher haben sie all ihre Waffen und Gerätschaften. Dies hier ist wohl die Einladung zu einem ihrer Treffen. Ich habe es ja schon vor Tagen befürchtet, doch damals wart Ihr anderer Meinung.“
Eara überhörte den Vorwurf in der Stimme des Stellvertreters. „Das ist lächerlich, Hitar! Auch die Obersten haben dem Mechanicus schon lange misstraut, aber ich habe ihnen widersprochen und jetzt widerspreche ich dir! Ich wollte hören, ob euch vielleicht noch eine andere Deutung einfällt als die Offensichtliche, denn die ist es gewiss nicht. Ich habe mit Hedal gesprochen, er hasst die Verschwörung. Und die Waffen wurden aus seinem Labor gestohlen.“ Eara wiederholte die eindrucksvolle Liste der entwendeten Gegenstände. „Ich weiß nicht, was dieser Zettel bedeutet, doch er ist kein Treffen mit der Allianz der Entscheidung!“, schloss sie.
„Eara, ich bitte Euch!“, protestierte der Stellvertreter des Feuers. „Wie sollen all diese Dinge aus dem Labor gestohlen werden, ohne dass der Mechanicus das merkt? Und hatte er nicht selbst den Grundsatz, dass keine seiner Erfindungen als Waffen missbraucht werden sollte? Dann hat er aber sehr unglücklich konstruiert! Ich gestehe, dass auch ich ihm keine Zusammenarbeit mit der Verschwörung zugetraut hätte, aber wir können unsere Augen nicht vor den Tatsachen verschließen! Selbst wenn wir uns irren, deutet so viel auf ein Bündnis zwischen Hedal und der Verschwörung hin, dass wir diese Möglichkeit nicht außer Acht lassen dürfen.“ Er seufzte. „Es ist bedauerlich, dass Ihr den Mechanicus auf den Zettel angesprochen habt, sonst hätte einer von uns dort auftauchen können, um nachzuschauen.“
„Ich habe Hedal nichts vom Zettel erzählt. Was würde er wohl denken, wenn ich ihm sage, dass ich mir einfach seine privaten Nachrichten durchsehe? Seine Sympathie ist mir wichtig.“ Eara seufzte ebenfalls. „Hitars, bitte versteht mich! Ich traue Hedal nicht komplett, aber ich denke, das Risiko, dass er zur Verschwörung gehört, wiegt geringer als die Gewinne, welche die Politik der Einigung aus seiner Unterstützung ziehen könnte. Er hat sich als Gegner ausgezeichnet, recht eindrucksvoll mit dem gigantischen Symbol des brennenden Turmes über seiner Tür, aber ich bin kurz davor, ihn zurückzugewinnen. Das möchte ich nicht aufs Spiel setzen, indem ein Vasall von mir am Treffpunkt auftaucht.“
Die Hitars öffneten synchron ihren Mund vor Entrüstung und begannen gleichzeitig zu sprechen. Beide verstummten und einigten sich mit Gesten darauf, dass der Stellvertreter des Turmes sprechen sollte. „Souveränin!“, verkündete der wütend. „Ihr seid es doch, die regelmäßig vor der versammelten Zaubererschaft vor den Gefahren der Verschwörung warnt. Und jetzt habt Ihr womöglich die Gelegenheit sie zu überführen, und wollt sie nicht nutzen, weil Ihr lieber einen weiteren Anhänger für die Vereinigung gewinnen wollt? Die Allianz wird weiter morden für ihre Ziele, und ihr nehmt das in Kauf, um die Stellung der Vereinigung zu verbessern?“
„Ihr habt Koraph geopfert!“, ergänzte der andere. „Damals war das vielleicht notwendig, aber jetzt sieht die Situation anders aus! Wenn Ihr Hedal blindlings vertraut, dann nehmt ihr damit ohne Not das Risiko auf zusätzliche Morde in Kauf und gefährdet übrigens auch Euch selbst. Wenn Ihr die Vereinigung für wichtiger haltet als mehrere Leben, dann setzt Ihr Eure Prioritäten falsch!“
Worte, die vorschnell ausgesprochen, Pfeile, die blindlings abgeschossen, Möglichkeiten, die unbedacht vertan, sie alle sind wie Vögel. Einmal losgelassen fängst du sie nie wieder ein, lautete ein hadrisches Sprichwort. Eara versuchte in der Regel, Dinge zu vermeiden, die sich nicht rückgängig machen ließen, doch die Zeit war knapp und diese Möglichkeit würde in jedem Fall davonfliegen, ob sie sie nun nutzte oder nicht. Sie musste hoffen, dass sie die Hitars richtig einschätzen konnte.
„Die Vereinigung ist mehr wert als dreißig, vierzig, fünfzig Leben!“, sagte Eara den entsetzten Hitars ins Gesicht. „Sie ist unser oberstes Ziel, denn sie wird in Zukunft mehr bewegen als ein einzelner Mensch, den wir jetzt vielleicht auf ihre Kosten retten können. Sie ist unser oberstes Ziel, und nicht das Zerschlagen der Allianz. Die Verschwörung ist unser Feind, aber das gilt ebenso für jeden Zauberer, der den brennenden Turm auf seiner Robe trägt. Die Fusion der beiden Orden muss in der nächsten Zeit gelingen, ansonsten ist diese Chance vertan. Hedals Unterstützung könnte hilfreich sein, und der Verschwörung können wir uns immer noch nach dem Vollzug der Vereinigung widmen. Dieser Punkt ist nicht verhandelbar!“
Die Stellvertreter der beiden Orden sprangen empört auf. „Ihr seid die Souveränin, Eara, aber wir teilen Eure Meinung nicht!“, rief der schwarze Hitar und seine türkisen Augen blitzten zornig. „Und auch wenn Ihr es nicht wollt, wir werden das Grab des Dunklen Magiers aufsuchen. Ihr könnt uns trotz all Eurer Befugnisse nicht Eure Ansichten aufzwingen! Die Gegner der Vereinigung mögen sich irren, aber sie sind Zauberer wie wir und nicht unsere Feinde, die Verschwörung dagegen muss um jeden Preis besiegt werden!“
Auch Eara stand auf, ließ ein unheilvolles Glühen auf der Spitze ihres Stabes erscheinen und hob ihre linke Hand, die vollkommen aus Schatten bestand. „Ich kann euch zu keiner Meinung zwingen, aber zu anderen Dingen durchaus.“, sagte sie ruhig, ließ die Dunkle Magie um sich herum dabei jedoch bedrohlich anschwellen. „Hiermit befehle ich euch, dass ihr euch unverzüglich in eure Gemächer begebt, und untersage, sie bis zum morgigen Tag oder in der darauf folgenden Nacht zu verlassen. Ich verbiete euch insbesondere, das Grab des Dunklen Magiers aufzusuchen oder jemanden dorthinzuschicken, und wenn ihr noch so sehr davon überzeugt wäret, damit Leben zu retten.“
Sie deutete mit ihrer schattenhaften Hand auf die Tür zu ihrer Kammer, die daraufhin aufsprang. Zwei Gestalten traten ein und verneigten sich furchtsam. Eine junge Zauberin des Turmes und ein beleibter Magier des Feuers, die beiden Wachen, die Eara seit einigen Tagen vor ihrer Tür postiert hatte. „Ihr beide werdet die Stellvertreter eurer Orden begleiten und nicht von ihrer Seite weichen, bis ich eure Befehle revidiere.“, wies sie ihre Wächter an. „Ihr werdet sie in ihre Gemächer bringen und dafür sorgen, dass sie dort bleiben, vollkommen egal, was sie euch erzählen. Und ihr werdet sie vor jeglichen Gefahren beschützen und niemanden zu ihnen lassen.“
Sie richtete sich wieder an die beiden Hitars, die vor Zorn zitterten. „Und euch befehle ich, euch der Kontrolle eurer neuen Leibwächter nicht zu entziehen. Solltet ihr gegen einen meiner Befehle verstoßen, so werden sie die Konsequenzen tragen müssen. Ihnen zuliebe bitte ich euch, nichts von dem zu tun, was euch untersagt wurde.“
Die beiden Wachen ertrugen diese Bürde ohne mit der Wimper zu zucken, die Hitars dagegen waren so entsetzt, dass ihnen die Worte fehlten. „Leibwächter?“, spie der Hitar des Turmes schließlich hasserfüllt aus. „Wohl eher Aufpasser und Geiseln zugleich! Schämt Ihr Euch nicht, dass Ihr uns damit droht, sie für unsere Vergehen zu bestrafen?“
„Ich schäme mich nicht, dass ich euch mit der Methode unter Kontrolle halte, die am wirksamsten ist. Ich weiß, dass ich euch mit persönlichen Nachteilen nicht drohen kann. Aber eure Prinzipien verbieten es euch, Unschuldige für ein größeres Wohl leiden zu lassen. Vielleicht solltet ihr eure fragwürdigen Moralvorstellungen überdenken, während ihr in euren Kammern sitzt? Aber das ist nur ein gut gemeinter Rat, denn wie ihr so richtig festgestellt habt, kann ich euch nicht befehlen, eure Ansichten zu ändern. Ich wünsche viel Vergnügen mit euren neuen Leibwächtern. Ihr dürft euch entfernen.“
Die Stellvertreter der beiden Orden funkelten sie wütend an und ballten ihre vier Hände zu Fäusten, und Eara konnte wieder mal nur darüber staunen, wie ähnlich die beiden sich waren. Schließlich stampften sie aus ihrer Kammer, von ihren neuen Bewachern begleitet. „Damit werdet Ihr nicht durchkommen, Souveränin!“, rief der Hitar des Feuers noch im Hinausgehen. „Ihr könnt die Stellvertretenden Obersten der beiden Orden nicht ewig unter Hausarrest stellen. Es wird Fragen und Proteste geben, das Ansehen der Vereinigung wird unter unserem offensichtlichen Zwist leiden, und wir werden einen Weg finden, Eure Pläne des Nichtstuns zu durchkreuzen. Wir werden nicht tatenlos mitansehen, wie die Verschwörung unbehelligt weitere Morde begeht. Wir werden …“
Eara richtete ihren Blick auf die Tür und ließ sie mit einem lauten Knall ins Schloss fallen. Dann setzte sie sich wieder auf ihr Bett und strich ihre Robe mit der Hand aus Dunkelheit glatt. Worte, Pfeile und Möglichkeiten. Sie hatte sich nun auch noch die Hitars zu Feinden gemacht, ihre letzten Verbündeten. Koraph und Gundeyn waren tot, die mächtigsten Zauberer der beiden Orden lagen mit ihr im Streit, und Mechanicus Hedal, der einzige, der noch zu ihr hielt, wurde von vielen verdächtigt, mit der Allianz der Entscheidung im Bunde zu sein.
Der Weg des Eises ist ein einsamer Weg, aber wenn man ihn weit genug gegangen ist, dann spielt Einsamkeit keine Rolle mehr. Worte, die sie einst zum blinden Seher Leander gesprochen hatte. Earas Politik der Einigung hatte viele Unterstützer, und sie bezweifelte, dass die Hitars, so sehr sie die beiden auch erzürnt haben mochte, sich davon abwenden würden. Doch persönlich hatte sie niemanden mehr, der zu ihr stand. Einsamkeit ist nur ein Gefühl! Ignoriere es!
Eara schloss ihre Augen. Es war einer der seltenen Momente, in denen sie Zeit hatte, und sie würde diese Zeit nutzen, um zu zweifeln. Um ihre Pläne zu überdenken und sicherzugehen, dass sie tat, was richtig war. Um zu überprüfen, ob es eine bessere Möglichkeit gab, als die, welche sie momentan anstrebte. Eine ohne Opfer. Worte, Pfeile und Möglichkeiten.


Frühe Nacht, 58. Herbsttag 76 A.Z.
Fingertürme in der Feste von Yra, Hadria

„Souveränin Eara!“, sagte die Zauberin ehrerbietig und verbeugte sich. „Wollt Ihr zu Stellvertreter Hitar?“
Eara schüttelte stumm den Kopf und musterte die junge Frau in brauner Kutte. Die Wächterin, die sie dem braunen Hitar zugeteilt hatte, zeigte trotz der späten Stunde und der eineinhalb Tage, die sie ohne Pause Wache gestanden hatte, nur geringe Anzeichen von Erschöpfung. Dennoch würde sie wohl nicht mehr allzu lange durchhalten. Hoffentlich wäre das auch nicht nötig.
„Nein, ich möchte mit dir sprechen. Hat der Stellvertreter Probleme gemacht?“
Wenn die Zauberin sich wunderte, dass die Souveränin zur fünften Stunde der Nacht zu ihr kam, um dieses Gespräch zu führen, ließ sie es sich nicht anmerken. Allerdings kursierten in Yra vermutlich die merkwürdigsten Gerüchte über ihre Angewohnheiten. „Er hat sich gut benommen, keine Versuche unternommen, seine Kammer zu verlassen, und war ansonsten recht still. Ich habe regelmäßig geschaut, ob er noch in seiner Kammer war, zuletzt vor einer Stunde.“
Also hatte der Stellvertreter des Turmes sich nicht anders benommen als sein Kollege. Den anderen Wächter hatte Eara bereits aufgesucht und mit ihm etwa dasselbe Gespräch geführt. Die beiden neuen Leibwächter waren glühende Anhänger der Vereinigung und hatten ihre Loyalität schon früher unter Beweis gestellt, daher glaubte Eara nicht, dass die Wächterin das gute Verhalten nur vortäuschte, um selbst der angedrohten Strafe zu entgehen. Auch ein Wächter kann gefährlich sein. Aber Koraph hatte wohl kaum wissen können, dass sie diese beiden zu ihren Wachen berufen würde, und sie waren pflichtbewusste, gehorsame Zauberer. Eara hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihre Namen zu lernen.
„Prüfe es in einer Stunde erneut, und ab dann bleibe in der Kammer. Hatte der Stellvertreter Besuch?“
„Ich habe jeden abgewiesen, den ich abweisen durfte. Aber diesen Abend war auch Oberster Torven hier und ich hatte nicht das Recht, ihm den Zugang zu verweigern.“ Sowohl Torven als auch Variah hatten also ihre Stellvertreter aufgesucht, zweifellos in der Hoffnung, etwas über die Streitigkeiten zwischen Eara und den Hitars zu erfahren. Eara hoffte nur, dass sie die beiden Stellvertreter richtig einschätzte. Sie hatte ihnen nicht ausdrücklich verboten, über die Nachricht aus Hedals Laboratorium zu sprechen, sie hatte ihnen nur untersagt, jemanden zum Grab zu schicken. Doch würden die Hitars ihren Obersten, erklärten Gegnern der Vereinigung, von der verdächtigen Botschaft berichten? Hatte Eara die beiden so sehr erzürnt, dass sie nicht davon schweigen würden, obwohl sie klar gemacht hatte, dass sie Verschwiegenheit wünschte und davon auszugehen war, dass die Obersten das Wissen gegen die Vereinigung nutzen würden? Eara hoffte, dass sie sich nicht in den Hitars täuschte und dass sie keinen Fehler begangen hatte.
„Da konntest du nichts machen.“, beruhigte Eara die Wächterin. „Denke daran, den Stellvertreter besonders gut im Auge zu behalten, morgen früh darfst du dich ausruhen und musst ihn nicht länger festhalten. Wenn die Sonne aufgeht, wecke ihn und teile ihm mit, dass ich ihm die freie Bewegung wieder gestatte.“
Die Wächterin salutierte. Eara nickte wohlwollend und machte sich auf den Weg ins Treppenhaus der Fingertürme. Zwischen den Stufen schwebte ein silbern glühendes Stundenglas von drei Schritt Größe. Eara überprüfte den Stand des himmelwärts rieselnden Sandes anhand einiger Markierungen im Glas. Noch eineinhalb Stunden bis zur siebten Stunde der Nacht. Mehr als genug Zeit.
Leise, in fast vollkommener Finsternis, glitt Eara die Stufen herab und verließ die Fingertürme, um die Gärten zu betreten. Im Freien war es nur unwesentlich heller als in den Türmen, denn es war Neumond und eine dichte Wolkendecke verbarg die Sterne. Schneeflocken rieselten herab, legten sich auf die Büsche und zertrampelten Spuren auf den Wegen. Eara lief querfeldein über die Wiesen, wo der Schnee teils kniehoch lag, und zog unterwegs ihre Robe fester um sich. Die Kälte konnte ihr zwar kein Unbehagen bereiten, doch sie fürchtete, Erfrierungen zu erleiden. Also beschleunigte sie ihre Schritte noch weiter.
Sie erreichte die quadratische Fläche mit dem schwarzen Quader im Zentrum, den irgendjemand von Schnee befreit hatte. Varkurs Grab, vermutlich noch immer von ihrem Kampf mit dem Schwarzen Herold beschädigt. So still lag es da. So friedlich. Die Spuren im Schnee, die zur Platte hinter dem oberirdischen Teil des Mahnmals führten, waren bereits größtenteils überdeckt. Eara kauerte sich in den Schnee und hob die Platte mit der Hand an. Ein leises Knirschen ertönte und die dunkle Treppe ins Innere wurde freigelegt. Die Souveränin kletterte die ersten Stufen hinab und schloss die Platte über sich.
Ein gleißendes, hellblaues Licht flammte auf und eine Eara unbekannte Zauberin des Turmes leuchtete ihr ins Gesicht. Eine alte Frau, die ihr gelegentlich über den Weg gelaufen war und die sich vollkommen unauffällig verhalten hatte. Jetzt erbleichte die Alte, kreischte und richtete eine kupferne Röhre auf Eara. Die Dunkle Magierin hatte die Verschwörerin allerdings schon lange zuvor wahrgenommen und schickte ein Gespinst aus Dunkelheit aus, das die Frau umschlang und ihr jede Möglichkeit zur Bewegung nahm. Ihr Wille war schwach und von Panik zersetzt, Eara konnte ihn mühelos unterwerfen. Sie musterte die reglose Statue und blickte dann in den finsteren Gang. Am anderen Ende, aus Varkurs Grabkammer, leuchtete ein stetiges, ruhiges Licht von hellgelber Farbe. Eara überprüfte schnell den vor ihr liegenden Gang auf Arkanum, dann schritt sie ihn herab, die gefesselte Frau im Schlepptau.
Als sie die Mitte des Ganges erreicht hatte, huschten ihr lautlos zwei Gestalten in schwarzer Kleidung entgegen, beide eine weitere kupferne Röhre in der einen und einen mannshohen Stab in der anderen Hand. Die eine richtete die Röhre auf sie und zog an einem Hebel, woraufhin es leise klickte und ein Geschoss auf Eara zuflog. Ein Schild aus Schatten schützte sie davor.
Der andere Magier schickte einen leichten magischen Impuls zur Decke über Eara. Die Souveränin wusste von der Bombe, die dort hing, nicht umsonst hatte sie den Gang auf Konstruktionen mit Arkanumanteil überprüft. Als die Magie die dünne Schnur durchtrennte, um den von Hedal erdachten Auslöser zu betätigen, hatte Eara bereits selbst einen Faden aus Dunkler Magie gesponnen und um die Feder gewickelt. Während ihre beiden Kontrahenten noch auf die Explosion warteten, warf Eara ihnen zwei weitere dunkle Netze entgegen. Der erste Zauberer versuchte auszuweichen, doch die Magie folgte ihm, umschlang ihn und Eara brach auch seinen Willen, sodass er zu keiner Bewegung mehr imstande war. Die andere Gestalt dagegen sträubte sich und zerriss das ihr geltende Netz. Erstaunt ging Eara weiter und wehrte einen weiteren Bolzen ab. Der wehrhafte Dunkle Magier wich in die Grabkammer zurück und Eara folgte ihm. Unterwegs warf sie einen kurzen Blick auf den gefangenen Magier, einen jungen Mann, der verzweifelt versuchte, seine Angst zu überwinden, um mit seinem Willen gegen das schwarze Netz anzukämpfen.
Als Eara in die zentrale Grabkammer trat, flogen ihr zwei weitere Bolzen entgegen, die sie mühelos abwehrte. Die eine Schützin war eine junge Magierin des Feuers mit Glatze und hassverzerrtem Gesicht. Eara sandte ihr drei Netze entgegen, von denen sie immerhin eines rechtzeitig zerstören konnte, ehe sie umschlungen wurde wie die anderen Verschwörer. In ihrem Willen war kein Anflug von Furcht, nur gewaltiger Hass, den sie geschickt, wenngleich vergeblich, benutzte, um gegen ihre magischen Fesseln anzukämpfen.
Der andere hatte hinter dem zerstörten Basaltsarg Deckung gesucht, Eara sah nur ein Stück braunen Stoff und die gelb leuchtende Spitze eines Stabes hervorragen. Ehe sie ihn angreifen konnte sprang der Zauberer des Turmes von selbst auf und versuchte anscheinend, einen Tisch an einer Wand des Raumes zu erreichen, ein Gestell aus minderwertigem Holz, das früher nicht hier unten gestanden hatte. Kupferne Schrauben lagen darauf, ein Haufen Bolzen, einige Phiolen mit einer schwarzen Flüssigkeit, ein paar Bolzenwerfer, eine von Hedals Wurfbomben und allerlei weiterer Krimskrams. Die Netze umfingen ihn, als er eben seine Hand ausstreckte.
Schon die kahlköpfige Magierin hatte Eara Respekt eingeflößt, da sie ihren Hass gut genutzt hatte. Dieser Zauberer jedoch übertraf ihre Erwartungen noch. Sein Geist war wach und kontrolliert, keine Gefühle, weder Angst noch Hass, beeinflussten ihn und schmälerten die Wirkung seiner Versuche, sich gegen die Dunkle Magie zu widersetzen. Sein Wille war stärker als der der meisten Hohen Zauberer, aber gegen Earas kam er nicht an. Die Dunkle Magierin unterdrückte ihre Gefühle so routiniert und gekonnt, schon seit so langer Zeit, dass nicht einmal einer der Obersten gegen sie hätte bestehen können. Ihre Macht war eine Sturmflut, die jeden Widerstand einfach beiseite spülte, ihr Wille ein Gletscher, der selbst Berge zermalmen konnte.
Nachdem sie die vier Angreifer unterworfen hatte, kontrollierte Eara gründlich, ob sich noch jemand in der Gruft verbarg. „Wirklich?“, staunte sie. „Ich hätte erwartet, dass inzwischen noch weitere Zauberer der Allianz der Entscheidung beigetreten wären.“ Selbstverständlich konnte keiner der reglosen Gefangenen antworten.
Eara trat näher zum Zauberer mit dem starken Willen und schlug dessen Kapuze zurück. Ein junges Gesicht mit dichtem braunen Bart kam zum Vorschein, die Augen waren abwesend nach innen gekehrt, denn noch immer versuchte der Zauberer, ihren Bann zu brechen. Eara nickte enttäuscht. „Boridas. Der Wächter der Zusammenkunft. Ich kann nicht sagen, dass ich überrascht wäre, aber etwas bedauerlich ist es schon. So begabt, so ehrgeizig. Du hättest es weit bringen können.“ Sie betrachtete die anderen drei Zauberer, die sich langsam sammelten und gegen ihren Willen ankämpften. Zwar bezweifelte Eara, dass die vier tatsächlich genug Willenskraft aufbieten könnten, um sie zu schlagen, aber es stellte eine große Belastung dar. Und wozu sollte sie ein unnötiges Risiko eingehen?
Tu es nicht!, bettelte die Stimme der Schwäche. Eine schwache Trauer keimte in Eara auf, doch sie stieß das Gefühl beiseite, zog die anderen drei Gefangenen zu sich und schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln. Worte, Pfeile und Möglichkeiten. Manchmal war es notwendig, Dinge zu tun, die sich nicht rückgängig machen ließen. Opfer zu bringen.
Eine Welle Dunkler Magie ging von ihr aus und riss der alten Zauberin des Turms, dem ängstlichen Zauberer des Feuers und der hasserfüllten Kahlköpfigen den Kopf ruckartig nach hinten. Die Genicke der drei brachen mit einem trockenen Knacken. Der Wille, der gegen ihren ankämpfte, erstarb, das hellblaue Strahlen vom Stab der Alten erlosch.
Auch der Widerstand des vierten Zauberers bröckelte, jetzt endlich wurde sein Geist von Entsetzen erfüllt. Eara löste den Bann ein wenig, sodass er sprechen konnte. „Ihr … habt sie getötet!“, keuchte er und starrte die drei Leichen seiner Mitverschwörer fassungslos an.
„Was hast du erwartet, was aus euch wird, wenn ihr enttarnt werdet? Stolze Märtyrer, die von der Zaubererschaft umjubelt ihrem Tode tapfer entgegentreten? Natürlich habe ich sie getötet!“
„Aber … nicht einmal ein Prozess! Einfach nur umgebracht.“
„Sie haben sich gewehrt und das Urteil stand ohnehin fest.“ Eara löste den Bann von den drei Leichen, die kraftlos zu Boden sackten. Zuerst widmete sie sich der jungen Magierin, schleuderte sie mit ihrer Magie gegen die Wand, wo die Hälfte aller Knochen in ihrem Körper brachen und ihr kahler Schädel aufplatzte wie ein rohes Ei. Eara versuchte, nicht allzu genau hinzusehen.
„Natürlich hast du recht, Boridas. Unter normalen Umständen hätte ich sie dem Gericht gegeben, der Wert eines funktionierenden Rechtsstaates darf nicht unterschätzt werden und was ich tat war Selbstjustiz.“ Der Leiche der alten Frau verdrehte sie alle Glieder, zermalmte ihren Brustkorb und bettete sie dann sorgfältig auf den zerborstenen Sarg des Dunklen Magiers.
„Was … was tut Ihr da?“, hauchte ihr Gefangener entgeistert.
„Ich treffe Vorbereitungen.“
„Erst tötet Ihr sie, und dann … verletzt Ihr sie noch?“
„Besser als andersherum, oder?“, seufzte Eara. „Ich tue, was ich kann, um unnötiges Leid zu vermeiden, und Leichen haben keine Gefühle. Ich habe gehört, Tod durch Genickbruch geht schnell und ist vergleichsweise schmerzlos.“
Den toten Zauberer des Feuers warf sie wie eine Puppe in eine Ecke des Raumes und befahl dann einen Sturm von zerstörten Kacheln auf ihn. Sie schlugen wie Geschosse in ihn ein, bis der Leichnam unter einem Berg aus schwarzer Keramik begraben war. „Hör zu, es ist besser, du fragst gar nicht weiter. Dein Tod ist ebenso gewiss wie der deiner Freunde, und meine Antworten würden dich nur noch mehr leiden lassen. Unwissenheit kann ein großer Segen sein.“
Boridas´ Lippen zitterten und erste Tränen sammelten sich in seinen Augen, doch seine Stimme war noch immer klar und sein Wille in Anbetracht der Umstände überraschend ungetrübt. „Ihr kommt hierher, ermordet die Allianz, verstümmelt ihre Leichen, und dann verlangt Ihr, dass ich das einfach ertragen soll?“ Er stockte kurz und schien sich zu sammeln. „Lasst mich selbst entscheiden, was gut für mich. Ich denke, die Ahnungslosigkeit quält mich mehr als unliebsame Antworten.“
Eara zögerte kurz. Er kennt die Antworten nicht. Es wird ihm keine Freude bereiten, von den Folgen all seiner Pläne zu erfahren. Sie blinzelte, nickte dann. „Wie du willst. Ich möchte dich nicht mehr leiden lassen als notwendig.“
Boridas öffnete den Mund, doch anstatt etwas zu sagen unternahm er einen weiteren Versuch, seine Fesseln abzustreifen. Eara schlug ihn mühelos zurück und sagte ruhig: „Du hast keine Chance. Versuche lieber, deine letzten Stunden so angenehm wie möglich zu gestalten. Mich kannst du nicht überwinden.“
Auch wenn sein Körper noch immer vollkommen steif war, sackte sein Kopf entkräftet herab. „Woher wusstest du, wo wir uns treffen?“, murmelte er. „Woher wusstest du, dass ich Teil der Allianz bin?“
„Ihr brauchtet einen Unterschlupf, der in Yra liegt und den kaum jemand je betritt.“, erklärte Eara und verschwieg dabei die Notiz in Hedals Labor. „Dazu Spuren im Schnee, die Tatsache, dass die Leichen von Koraph und Marnus in den Gärten gefunden wurden. Und andere Hinweise. Was deine Rolle in alledem betrifft, Boridas: Ich hatte den Verdacht schon recht früh, vor allem seit Mortol sagte, er sei die Stimme der Verschwörung gewesen, nicht jedoch ihr Ohr. Ihr hattet also jemanden da, der jedes Wort hören konnte, aber zugleich nicht selbst Teil der Zusammenkunft war. Vor der Versammlung sagte ich, Lauscher aus dem Innenhof müsste man bemerken, und aus dem Turm der Erleuchtung heraus hätten wir einen Wächter, der eventuelle Spione abhalten soll. Aber das war nur, um die Macht der Zusammenkunft einzuschränken. Niemand von den Hohen Zauberern – außer Koraph – kam auf die Idee, den Wächter selbst zu verdächtigen.“


Boridas zitterte. Wenn die Souveränin ihn schon früher verdächtigt hatte, weshalb hatte sie ihn dann nicht überprüft, um die Allianz zu beseitigen? Ob sie ihn wohl anlog, vielleicht sogar, um ihm Wissen zu ersparen, dass ihm ihrer Meinung nach schaden würde? Es war nicht weiter wichtig. Hauptsache, Eara war abgelenkt. Die Dunkle Magierin war unglaublich mächtig, ihren Bann konnte er unmöglich brechen. Aber es gab eine andere Möglichkeit. Unter höchster Konzentration gelang es ihm, seine Hand ein winziges Stück näher zum Tisch zu bewegen. Näher an die Geheimwaffe. Näher an seine Möglichkeit, die Souveränin doch noch zu besiegen. Sie hätte ihren Bann nicht lockern sollen, hätte ihm gar nicht erst gestatten dürfen, zu sprechen. Noch konnte er das Blatt wenden, den Tod seiner Verbündeten rächen, den lächerlichen Versuch einer Vereinigung der beiden Orden aufhalten. Es war seine Pflicht, denn er war der letzte, der das vielleicht noch konnte. Solange Eara nur abgelenkt war. Erneut regte er seine Hand etwas, glitt noch näher an die Geheimwaffe. Er musste die Souveränin nur noch eine Weile hinhalten.


„Warum das alles, Boridas?“, fragte Eara. „Du und Nukia, ihr wart der Stolz eurer Orden, ihr wäret die nächsten gewesen, die in der Zusammenkunft gesessen hätten. Doch als ihr von der geplanten Einigung hört, entschließt ihr euch stattdessen, sie mit allen Mitteln zu vereiteln? Ich muss gestehen, dass ihr überraschend erfolgreich wart, und vor allem überraschend schnell, aber dennoch … Ist euch nicht aufgefallen, wie paradox es war, dass ihr gemeinsam gegen eine Vereinigung der Orden gekämpft habt? War diese Allianz der Entscheidung wirklich nötig?“
Boridas´ Kopf fuhr auf, sein buschiger Bart wippte. „Ihr … Ihr wisst gar nichts, oder? Ihr habt keine Ahnung, wer wir sind, was wir wollten? Ihr denkt tatsächlich, die Allianz wäre entstanden, um die Vereinigung aufzuhalten?“
Eara erstarrte. Was sagte Boridas da? Behauptete er einfach irgendetwas, um seinem Tod noch zu entgehen? Er wirkte ehrlich entrüstet, aber er hatte seine Gefühle gut unter Kontrolle. Schauspielerte er, oder hatte Eara etwas übersehen? Hatte sie womöglich gar einen Fehler gemacht? „Wovon redest du, Boridas?“
„Habt Ihr tatsächlich geglaubt, die Allianz hätte sich in nur einem Tag gegründet? Dachtet Ihr allen Ernstes, wir hätten in wenigen Stunden eine Gruppe von Gleichgesinnten aufgebaut? Es hat Monde gedauert, das nötige Vertrauen aufzubringen!“ Der Verschwörer schüttelte erbost seinen Kopf und Eara bemerkte eine äußerste Konzentration in ihm, als würde er gleichzeitig dieses Gespräch führen und etwas anderes tun, an etwas anderes denken. Was es wohl war?
„Nein, Souveränin! Wir waren zu Beginn nicht bloß die Gegner der Vereinigung. Wir waren die ersten, die die Missstände in diesem Land bemerkten. Unter der Zusammenkunft ging es mit Hadria bergab, kein Vergleich zu dem, was zuvor unter Eurer Herrschaft war. Stagnation! Verelendung! Feindschaft!“, stieß er hervor und Eara wusste, dass er damit ihre eigenen Worte aufgriff.
„Also … wart ihr auch Feinde der Versammlung?“, fragte Eara verwirrt, während sie versuchte, den Sinn hinter Boridas´ Worten zu begreifen. „Ihr wolltet auch eine Vereinigung herbeiführen?“
Boridas lachte gequält. „Wir waren Feinde dieser nichtsnutzigen Versammlung, das schon. Alle wussten, dass sie großen Schaden anrichtete und das Land lähmte, aber nur wir waren bereit, etwas dagegen zu tun! Doch wir kamen zu einem anderen Schluss als Ihr, Souveränin. Die Konkurrenz zwischen den beiden Orden schwächte Hadria, verbrauchte gewaltige Mengen an Ressourcen und Zeit, die wir ansonsten der Bevölkerung hätten bereitstellen können. Die Feindschaft zwischen Zauberei und Dunkler Magie musste beigelegt werden, das hatten wir schon vor Euch erkannt. Aber diese Feindschaft ist unversöhnlich, bildet die Wurzeln der beiden Orden und lässt sich nicht einfach ausgraben, um Platz für Neues zu schaffen. Wir wollten es dem großen Orweyn gleichtun! Er hatte den richtigen Weg beschritten, um die Dunkle Magie zu bannen, nur war er nicht erfolgreich genug gewesen, um sie ganz zu besiegen.“
„Ihr wolltet die Dunkle Magie abschaffen und jeden ermorden, der sie verwendete? Auch die Zauberer des Feuers unter euch?“, hakte Eara nach.
„Nein! Das war nicht unser Ziel! Wir wollten den Sieg einer der beiden Seiten herbeiführen, egal welcher, auch wenn jeder von uns natürlich auf den Sieg des eigenen Ordens hoffte. Wir wollten … eine Entscheidung! Endgültig und unmissverständlich. Entweder Hadria würde künftig ohne den Einsatz von Dunkler Magie auskommen, oder sie würde die Führung übernehmen. Hauptsache, der ewige Zwist ist beendet und die Zaubererschaft kann all ihre Macht wieder auf die wichtigen Probleme lenken.“
„Die Allianz der Entscheidung.“, murmelte Eara nachdenklich. „Aber wie wolltet ihr …“ Sie brach ab, als sie es verstand. „Das ist nicht wahr! Ihr wolltet einen zweiten Ordenskrieg? Ein zweites Gemetzel?“
„Ein Krieg, der nicht auf halbem Wege abgebrochen werden würde!“, bestätigte Boridas und seine Augen funkelten fanatisch. „Einer, der der einen Seite den Triumph und der anderen die Vernichtung bringen würde. Eine endgültige Entscheidung! Der Ordenskrieg war schrecklich, aber er war der einzige Weg. Orweyn hatte das erkannt, als er jeden tötete, der Dunkle Magie beherrschte, und schließlich auch sich selbst. Er war nur nicht erfolgreich genug. Wir aber wollten es ihm gleichtun! Der Krieg? Nur ein notwendiges Übel, um endlich einen stabilen Frieden zu erreichen und den schwelenden Zwist zwischen den Orden zurückzulassen. Früher oder später wäre er ohnehin wieder ausgebrochen, und da das Ergebnis besser wäre als die Zustände, die momentan in Hadria herrschen, haben wir versucht, ihn so früh wie möglich herbeizurufen. Jedes Jahr, das der Krieg früher kommt, ist ein Jahr mehr, das die Zaubererschaft in Eintracht verbringt und eines weniger voller Streit und Missgunst.“


Die Souveränin benötigte anscheinend einen Moment, um sich zu sammeln, und Boridas streckte seine Hand noch ein wenig weiter. Seine Fingerspitzen berührten glattes Metall.
„Habt ihr an das Leid gedacht, Boridas? An die Verwüstung?“, fragte die Soveränin schließlich, ihre Augen dunkel wie die Nacht. „Habt ihr in Erwägung gezogen, dass keiner der Zauberer den Krieg überleben könnte? Habt ihr objektiv abgewogen zwischen dem Leid eines Krieges und den Gewinnen seines möglichen Ausgangs, oder habt ihr einfach angenommen, was ihr tut sei richtig? Oh, ihr wart solche Narren! Ein Krieg kennt keine Sieger, Boridas, nur Verlierer.“Earas Worte konnten Boridas nicht beeindrucken. Er hatte sich die gleichen Fragen schon vor langer Zeit gestellt. Jeder aus der Allianz hatte das. Und sie hatten einander versichert, das Richtige zu tun.
Die Souveränin holte tief Luft. „Aber wieso habt ihr die Vereinigung nicht unterstützt? Meine Möglichkeit hätte ebenfalls ein vereintes Hadria bedeutet, aber ohne das gewaltige Blutvergießen.“
„Weil sie nicht funktionieren kann!“, schrie Boridas und seine Stimme hallte von den dunklen Wänden wieder. „Wenn es gelingt wäre es fantastisch, aber das kann es nicht! Trotz Eurer anhaltenden Propaganda ist noch immer fast die Hälfte der Zauberer gegen die Vereinigung. Der Hass sitzt zu tief in uns allen. Nachdem Ihr Eure Pläne verkündet habt, hat die Allianz Yras sich getroffen, wir haben uns beraten. Und wir kamen zu dem Schluss, dass die Vereinigung niemals gutgehen kann, dass sie den dauerhaften Frieden nicht gewährleistet, sondern nur noch weiter verschiebt. Also haben wir uns mit aller Macht gegen Euch gestellt, haben sie um jeden Preis aufhalten wollen. Und mit Erfolg! Auch wenn wir Euch nicht töten konnten, so waren wir doch Eure ärgsten Feinde, dank unseres Eingreifens konntet Ihr Euch nicht ganz auf die Vereinigung konzentrieren, sondern musstet auch gegen uns vorgehen.“ Noch ein wenig weiter! Nur etwas noch, und die Souveränin Hadrias würde sterben.



„Ach Boridas! Die Allianz mein größter Feind? Habt ihr das tatsächlich angenommen?“ Sage es ihm nicht! Lass ihn nicht unnötig leiden. Eara ignorierte die leise Stimme der Schwäche. Sie konnte nicht abschätzen, wie sehr die offenen Fragen Boridas quälten. Und immerhin hatte das Gespräch auch ihr interessante Informationen geliefert.
„Als ich nach Hadria zurückkehrte, haben die beiden Obersten, eigentlich erbitterte Gegner, plötzlich gemeinsame Sache gegen mich gemacht. Weit im Süden hat sich der sogenannte Ewige Rat gegründet, ein Zusammenschluss aus alten Feinden der Helden von Andor. Feinden, die sich untereinander hassen, aber nicht so sehr wie uns. Und auch eure Allianz bestand aus Zauberern verfeindeter Orden, die gemeinsam gegen mich vorgingen. Alle Beispiele haben mir eines schon lange vor Augen gehalten: Nichts eint besser als ein gemeinsamer Feind! Du hast recht, Boridas, der Hass sitzt tief in den Zauberern. Aber ein kluger Novize sagte einmal zu mir, kaum ein Gefühl lässt sich leichter schüren als Hass. Hass, der sich nicht länger gegen den anderen Orden richten sollte, sondern gegen eine gewisse Verschwörung.“
Boridas Augen weiteten sich und absolutes Entsetzen sprach aus ihnen, größer noch als nach dem Tod seiner Mitverschwörer. „Die beiden Obersten waren meine größten Feinde, sie und jeder andere, der der Vereinigung im Wege stand. Sie haben meine Pläne beinahe vereitelt, haben die Vereinigung aufgehalten, weil ihr Hass sie ebenso sehr leitete, wie sie auch eure Allianz geleitet hat. Aber die Allianz der Entscheidung war kein Feind. Sie war mein Werkzeug. Nur dank euch konnte die Vereinigung überhaupt so große Zustimmung erhalten, nur dank des Hasses, den die Zauberer gegen euch verspüren. Die Vereinigung, die ihr aufhalten wolltet, habt ihr erst ermöglicht. Deshalb habe ich euch all die Zeit als hochgefährlich dargestellt. Deshalb habe ich euch zu dem gemacht, was ihr seid. Deshalb habe ich dich nicht genauer kontrolliert, obwohl ich mir deiner Untreue ziemlich sicher war, seit Koraph mich warnte, auch ein Wächter könne gefährlich sein. Es war ein Risiko, und ihr hättet mich öfter fast getötet, als ich anfangs vermutet hätte, aber es hat sich gelohnt.“
„Nein!“, schrie Boridas erzürnt und seine Gefühle brachen aus ihm hervor. Sein Hass, seine Wut, sein Entsetzen, seine Furcht, all das richtete sich gegen Earas Bann und kämpfte dagegen an. Das dunkle Netz, das Boridas umschlang, bekam Risse, und sein ausgestreckter Arm befreite sich komplett daraus. Sofort verstärkte Eara ihre Kraft, trieb ihn wieder zurück, ehe er sich ganz befreien konnte. Plötzlich zuckte der Arm des Wächters nach oben und eine kupferne Röhre befand sich darin, richtete sich auf sie. Sein Finger krümmte sich um den Hebel und es klickte leicht.
Eara löste den Bann um Boridas auf, er benötigte zu große Konzentration, und wob einen Schild, um sich zu schützen. Ehe die Dunkelheit sich um sie schloss, erhaschte sie einen kurzen Blick auf den Bolzen, der durch die Luft flog. Seine Spitze war schwarz vom Forinkäfergift, in das er wohl getunkt wurden war, doch der Schaft glühte leicht und glänzte unheilvoll. Bläulich schimmernd wie reines Arkanum…
Der Bolzen drang in ihren Schild, bekämpfte die Dunkelheit, warf sie beiseite, bis es Eara schließlich gelang, ihn aufzuhalten. Er schwebte vor ihr in der Luft und ihn zu halten kostete sie große Kraft, doch sie ließ ihn nicht zu Boden sinken. Langsam löste sie ihren Schild auf und warf ein weiteres dunkles Netz auf den verblüfften Boridas. Sein Wille war leicht zu brechen und Eara nahm sich vor, später eingehend zu analysieren, wie es ihm möglich gewesen war, sich beinahe zu befreien, ausgerechnet in dem Moment, in dem er seine Kontrolle verloren hatte.
„Perfekt, ich dachte schon, ich müsste ihn erst suchen.“, meinte Eara und pflückte den Bolzen mit ihrer gesunden Hand aus der Luft, während sie den Bann um Boridas erneut lockerte.
„Wie?!“, keuchte der Verschwörer entsetzt. „Er besteht aus reinem Arkanum! Eure Dunkle Magie hätte ihn nicht beeinflussen dürfen!“
„Das ist kein reines Arkanum. Nur zwanzig bis dreißig Prozent, genug, um einen Dunklen Magier zu täuschen, aber zu wenig, als dass ich ihn nicht mehr hätte aufhalten können.“ Sie steckte den Bolzen in eine Tasche ihrer Robe und zog aus einer anderen einen heraus, der fast identisch aussah. Nur die Spitze war frei von Gift, und Brandspuren zeigten sich auf der Haut, die ihn berührte.
„Das hier ist reines Arkanum!“, erläuterte Eara. Die Verwirrung auf dem Gesicht des Wächters wich nicht. „Mechanicus Hedal hat euch nicht unterstützt, Boridas. Ich wies ihn an, das Symbol der Gegner der Vereinigung zu installieren, das einzig zu diesem Zweck entstand. Ich wies ihn an, die verbesserten Bolzenwerfer und Bomben bereitzulegen und noch mehr für euch zu erfinden. Was denkst du, woher er das Grubengas hatte? Ihr habt geglaubt, die Waffen auf dem Tisch seien ein Geschenk von Hedal, um die Vereinigung zu verhindern, Hedal dagegen erklärte ich, er müsse das tun, damit er Kontakt zu euch aufbauen und euch ausspionieren könne. Aber in Wahrheit diente es einzig meinen Plänen. Eure Allianz war nur ein Bündnis von mittelmäßigen Zauberern, die zufälligerweise in den Besitz einer ungewöhnlichen Waffe gekommen waren. Doch dank Hedal hattet ihr plötzlich bedrohliche Bomben, hervorragende Bolzenwerfer, gefährliche Maschinen, und jede davon verstärkte die Furcht und den Hass der Zaubererschaft und trieb sie weiter in die Arme der Vereinigung. Der Anschlag auf die Zusammenkunft, die Attentate mit verbesserten Bolzenwerfern, das alles war nur meinetwegen möglich. Ich habe weit mehr getan als nur einige Reden zu schwingen, um den Hass der Zauberer zu schüren. Ich habe euch aufgebaut. Doch natürlich durfte ich euch nicht zu mächtig werden lassen. Daher hat Hedal in jede seiner Maschinen etwas Arkanum eingebaut, damit ich sie leicht aufspüren konnte. Und den Bolzen aus reinem Arkanum, um den ihr den Mechanicus in eurer ersten Botschaft gebeten habt, konnte ich euch selbstverständlich nicht überlassen.“
„Du lügst!“, rief Boridas, und Eara schüttelte bedauernd den Kopf.
„Ich sagte ja, die Antworten würden dich nicht glücklich machen. Hedal erzählte mir von euren Botschaften, von eurer Kontaktaufnahme, und auch von eurer letzten Nachricht, daher wusste ich, wann und wo ich euch würde aufspüren können. Und ich befahl ihm, den echten Arkanumbolzen unter seinem Bett zu verstecken und euch nur eine Fälschung zu überlassen. Das Original habe ich selbst gestohlen, und eure Botschaft habe ich auch mitgenommen.“
„Selbst wenn du die Wahrheit sagst, hast du noch lange nicht gewonnen!“, presste Boridas mit bemerkenswerter Fassung hervor. „Selbst wenn wir nur deine Werkzeuge waren, hat es nicht genügt. Viele Zauberer hassen den anderen Orden noch immer zutiefst und die Obersten werden einer Vereinigung niemals zustimmen. Die Vereinigung konnte niemals halten, aber auch ihr Versuch ist gescheitert! Mit dem Ende der Allianz hast du nun niemanden mehr, auf den du den Hass der Zauberer lenken kannst.“
„Du irrst dich, Boridas. Die heutige Nacht ist noch nicht abgeschlossen. Ich habe diesen Bolzen nicht umsonst gestohlen. Ich habe eure Botschaft nicht umsonst mitgenommen. Ich habe die Hitars nicht umsonst als Stellvertreter eingesetzt. Ich habe dich nicht umsonst am Leben gelassen.“ Sie zwang Boridas dazu, seinen Arm auszustrecken und ihr den Bolzenwerfer zu reichen. Eara trat zum Tisch, tunkte den Bolzen aus reinem Arkanum in eine der Phiolen mit Forinkäfergift und ließ ihn dann in den Bolzenwerfer fallen, wo er mit einem befriedigenden Klacken einrastete. Die geladene Waffe drückte sie Boridas in die Hand und verstärkte den Bann vorsichtshalber noch zusätzlich.
„Ich sollte nicht mehr erzählen.“, meinte Eara. „Ich habe dich schon genug gequält. Es ist besser, wenn du deine letzten Stunden in Frieden verbringen kannst.“
„Erzähle es!“, verlangte der Zauberer schwach. „Ich will es hören!“
„Denkst du, ich ahne nicht, dass du das nur in der Hoffnung sagst, mich noch aufhalten zu können?“, fragte Eara sanft. „Aber das kannst du nicht. Ich bin zu mächtig.“ Sie wartete, doch Boridas zeigte keine Reaktion, blickte sie nur auffordernd an.
„Du hast recht, Boridas.“, gab sie nach. „Der Hass gegenüber der Verschwörung ist noch nicht groß genug, als dass die Zauberer dafür bereit wären, ihre gegenseitige Feindschaft zu vergessen. Doch ich habe vor, das zu ändern. Ich habe den Hitars eure Notiz gezeigt und ihnen gesagt, dass ich Hedal nicht verärgern möchte und der Sache deshalb nicht auf den Grund gehe. Oh, sie haben getobt, wollten nicht einsehen, dass einige Opfer manchmal notwendig sind. Ich habe sie in ihre Kammern gesperrt, doch heute Abend waren Torven und Variah bei ihnen. Ich bin mir sicher, dass die Stellvertreter ihren Obersten von dem Zettel berichtet haben. Sie wollten eure Verschwörung um jeden Preis vernichten, ehe noch ein Unschuldiger sterben kann.“
Boridas starrte Eara nur verständnislos an und blinzelte verwirrt. „Torven und Variah werden sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.“, erklärte Eara widerwillig. „Sie können die Verschwörung, die ich seit einem Mond zugunsten der Vereinigung benutze, zerschlagen, können Hedal enttarnen, den ich schon zu lange verteidige, können anschließend meinen Streit mit den Hitars gegen meine Ziele nutzen, können selbst Zustimmung ernten und dafür sorgen, dass meine Anhänger schwinden. Sollten sie sich jedoch irren und ich recht behalten, wäre das allzu peinlich und hätte die gegenteilige Wirkung. Ich denke, dass sie ihren Besuch daher persönlich erledigen wollen, ohne andere einzuweihen. Die Gelegenheit ist einfach zu günstig. Wenn die siebte Stunde der Nacht erreicht ist, werden sie kommen, in der Gewissheit, dass ein paar Zauberer die beiden gemeinsam auch nicht besiegen können. Nicht einmal ich käme gegen beide gleichzeitig an.“
„Also … warst du vor ihnen da, um den Ruhm zu ernten?“, wollte Boridas verwirrt wissen.
„Nein. Die beiden werden kommen, werden die Allianz finden, werden gegen sie kämpfen … und unterliegen. Ich werde erscheinen, zu spät um sie zu retten, aber immerhin an der Verschwörung werde ich mich noch rächen, sie vernichten und bei lebendigem Leibe verstümmeln. Doch Variah und Torven werdet ihr ermordet haben. Die Obersten beider Orden, beliebt und mächtig, gemeuchelt von einer hinterhältigen Verschwörung. Alle Zauberer werden euch hassen, das Land wird euch verachten, und selbst nach eurem Tod wird man es euch noch heimzahlen wollen. Von ihrem Hass zusammengeschweißt werden die Zauberer unter der Führung der Hitars, welche die neuen Obersten sein werden und Befürworter der Vereinigung sind, einen neuen Orden gründen, einen einzigen, großen Orden, und der ewige Zwist zwischen Zauberei und Dunkler Magie wird vergangen sein.“
Boridas wandte seinen Kopf um, sein Blick glitt über die grausam zugerichteten Leichen im Raum und blieb schließlich am Bolzenwerfer in seiner unbeweglichen Hand haften. „Nein!“, hauchte er verzweifelt. „Ihr seid kein bisschen besser als wir! Auch Ihr opfert Menschen, um ein vereintes Hadria zu bekommen.“
„Manchmal ist es nötig, Opfer zu bringen. Ich bin anders als die Allianz, weil ich zehn opfere und nicht tausend. Weil ich einen Krieg verhindere, anstatt ihn auszulösen. Weil ich erst abwäge und dann überlegt handele, anstatt aus Hass heraus. Weil ich erkannt habe, dass Zauberei und Dunkle Magie keine unversöhnlichen Widersacher sind, dass nur das Ergebnis zählt und nicht der Weg dahin. Der Unterschied liegt nicht in der Wahl meiner Methoden, sondern in ihrem Ausmaß und eurer Unverhältnismäßigkeit.“, versuchte sie eher sich selbst zu überzeugen als Boridas. Doch die Stimme der Schwäche setzte unbarmherzig nach, flüsterte ihr Worte ein, die auszusprechen sie sich ausnahmsweise nicht weigerte.
„Ihr tötet, wen ihr hasst, lasst die Tode derjenigen zu, die euch gleichgültig sind. Ich dagegen bin bereit, sogar die zu morden, die ich einst liebte. Ich bin nicht besser als ihr. Ich bin schlimmer.“
Boridas starrte sie mit aufgerissenen Augen an und Eara vermutete, er wäre zusammengebrochen, hätte ihr Bann ihn nicht festgehalten. Seine Verzweiflung war so offenkundig, dass Eara es bereute, ihn in ihre Pläne eingeweiht zu haben. Sie hätte nicht auf seine Worte hören dürfen, sondern sich auf ihre Überlegungen verlassen müssen. Ihre Antworten quälten ihn nur unnötig! Worte, die vorschnell ausgesprochen.
Eara weitete ihre Magie aus, bezwang Boridas vollständig und nahm ihm jede Möglichkeit, sich eigenständig zu bewegen. Dann stellte sie sich in eine Ecke der quadratischen Grabkammer und hüllte sich in Dunkelheit. Schließlich deutete sie mit ihrer schattenhaften Hand auf den leuchtenden Stab, den Boridas noch immer hielt, und das Licht erlosch, hinterließ nichts als zeitlose Finsternis. Jetzt hieß es Warten und Hoffen, dass sie sich nicht in den Obersten und ihren Stellvertretern getäuscht hatte.
Noch immer überlegte sie fieberhaft, ob es nicht eine bessere Möglichkeit gab. Doch so sehr sie auch nachdachte, nur der Tod von Torven und Variah konnte die Zauberer genug aufbringen, um eine langfristige Vereinigung zu ermöglichen. Würde nur einer von beiden sterben, dann wären die Gegner der Vereinigung aus dem jeweils anderen Orden der Verschwörung vielleicht sogar dankbar, und die Vereinigung konnte nur vollzogen werden, wenn beide Obersten ihr zustimmten.
Torven war dein Mentor! Dein Freund! Dein Vater, nachdem der Winter deine Eltern geholt hatte! Wie kannst du auch nur darüber nachdenken, ihm das Leben zu nehmen?, fragte die Stimme der Schwäche verzweifelt. Eara hatte keine Antwort, die die Stimme zufriedengestellt hätte. Sie konnte nur hoffen, dass ihr noch eine bessere Idee käme. Eine ohne Opfer. Und obwohl diese Hoffnung nur ein dummes, schwaches Gefühl war, unterdrückte sie sie nicht. Zu kostbar war die zerbrechliche Illusion, Torvens Leben schonen zu können. Worte, Pfeile und Möglichkeiten.


Mondhoch, 59. Herbsttag 76 A.Z.
Dunkles Grab in der Feste von Yra, Hadria

Ein Knirschen schreckte Eara aus ihren Gedanken. Aus dem Gang, der in die Gruft führte, erschollen Schritte und ein helles Licht flutete die Grabkammer. Der zweifache Schein von Torvens sanft leuchtendem Licht und der unruhigen Flamme auf Variahs Stab. Eara verdichtete die Dunkelheit um sich; besser, sie wurde nicht zu früh bemerkt.
„Ergebt euch, Allianz der Entscheidung, und wir gewähren euch einen fairen Prozess!“, rief Torven gebieterisch und hob seinen Stab, während Variah eine Barriere aus Dunkler Magie schuf, ganz ähnlich denjenigen, die Eara selbst benutzt hatte, allerdings mit einer Kunstfertigkeit, die sie selbst niemals erreichen würde. Eara war mächtiger als die Oberste, doch sie hatte nicht die Ausbildung einer Zauberin des Feuers durchlaufen und besaß nicht die jahrelange Erfahrung.
„Boridas!“, schrie Torven erzürnt, als er den erstarrten Zauberer erkannte. „Du also warst der Verräter! Leg den Bolzenwerfer weg oder du wirst unseren Zorn zu spüren bekommen.“
„Torven!“, hörte Eara Variah zischen. Die rothaarige Oberste blickte sich besorgt um und eine leichte Blässe spielte um ihre Nase. „Hier stimmt etwas ganz und gar nicht!“
Torven blinzelte und sah sich genauer um. Erst jetzt schien er die Verwüstung, den ermordeten Zauberer auf dem geborstenen Sarg und das geronnene Blut an der Wand zu bemerken. „Hier wurde Dunkle Magie angewandt!“, murmelte er mit gerunzelter Stirn. „Sehr viel davon!“
Eara sandte einen stummen Befehl an Boridas. Der zuckte, weigerte sich jedoch, den Hebel zu ziehen. Er brachte sogar den Widerstand auf, trotz ihres Bannes noch etwas zu flüstern. „Flieht!“
Variah blickte Torven verwirrt an, der Oberste des Turmes dagegen spähte angestrengt in die Ecke, in der Eara sich verbarg. Er murmelte einige Worte und der verbergende Schatten wurde schwächer. Die Obersten erkannten sie in dem Moment, in dem Eara einen weiteren Befehl losschickte, zu mächtig, als dass Boridas sich erneut hätte widersetzen können. Der Verschwörer hob seinen Bolzenwerfer, richtete die Öffnung auf Variah und zog am Hebel. Der Bolzen schoss heraus.
Die Oberste des Feuers verstärkte beiläufig ihren dunklen Schild, dann erstarrte sie plötzlich und sah auf ihre Schulter hinab, in der ein blau schimmernder Bolzen steckte. Sie hob ihren Blick. „Souveränin!“, schrie sie, zog den Bolzen heraus und ignorierte die Verbrennungen, die das Arkanum auf ihrer Handfläche hinterließ. „Dafür werdet Ihr …“ Sie zuckte zusammen und presste eine Hand auf die Wunde. Starrte fassungslos auf die dunklen Linien, die sich über ihren Arm und Hals ausbreiteten. Dann schoss schwarzes Blut aus ihrer Nase und sie brach zusammen. Das flackernde Licht ihres Stabes verglühte. Pfeile, die blindlings abgeschossen.
Eara trat aus ihrer Ecke, zog den Bolzen aus ihrer Tasche, den die Verschwörer für reines Arkanum gehalten hatten, rammte ihn Boridas in den Arm und zog ihn wieder heraus. Sie verschwendete keinen Blick auf das Gift, das sich durch seine Blutbahnen ausbreitete.
Torven erbleichte und zögerte den Bruchteil eines Augenblickes, dann drehte er sich um und floh, rannte durch den dunklen Gang. Auf halbem Weg baute Eara eine Wand aus Schatten, vor der der Oberste entsetzt zum Stehen kam.
„Eara!“, rief er und blickte zurück. „Wenn du so auf deinen Kampf bestehst, sollst du ihn bekommen!“
Die Dunkle Magierin stellte sich am Eingang in die Grabkammer auf und senkte den Blick. „Es tut mir Leid, mein Mentor.“, sagte sie mit fester Stimme. „Ich wünschte, es gäbe eine andere Möglichkeit. Aber jeder Ausgang der Situation, der dich am Leben ließe, würde auf Dauer nur noch mehr Leid bedeuten. Ich darf dein Wohl nicht über das anderer stellen, nur weil du mir früher so viel bedeutet hast. Ich tue, was für alle das Beste ist, leidenschaftslos und gerecht. Ich berücksichtige dein Wohl nicht weniger oder mehr als das von jedem anderen Wesen, das lebt oder leben wird.“
„Du bist wahnsinnig!“, brüllte der Oberste, das Licht seines Stabes warf unwirkliche Schatten auf die kahlen Wände. „Ich habe dich ausgebildet! Ich habe dich zu dem gemacht, was du bist.“
„Und ich habe dein Leben gerettet, ebenso wie das vieler anderer Zauberer. Und ich würde es jederzeit wieder tun. Doch jetzt steht mehr auf dem Spiel als nur dein Leben. Die Vereinigung bietet so viele Vorteile, und mit deinem Tod wird sie nicht länger abgelehnt werden.“
„Entferne die Dunkle Magie, oder ich mache mir nicht mehr die Mühe, dich vors Gericht zu zerren!“
Eara unterdrückte das Zittern in ihrer gesunden Hand. Wenn es doch nur eine bessere Möglichkeit gäbe … Sie hob ihren Kopf und zwang sich dazu, Torven ein letztes Mal ins Gesicht zu schauen. Die so vertrauten Züge ihres ehemaligen Mentors zu betrachten. Sie dachte zurück an ihre langen Studien im Schein des Kamins, an Torvens kurzweilige Unterweisungen. An den ehrwürdigen grauhaarigen Mann, der das für Zauberei begabte hellblonde Mädchen vor sich musterte, es warm anlächelte und ihr eine braune Kutte überreichte als Zeichen, dass er sie als Novizin anerkannte und zu seiner Schülerin machte. Sie wusste noch gut, wie er ihr am Ende ihrer Ausbildung ihren Stab überreicht hatte, wie das gegabelte Ende unter ihrer gemeinsamen Berührung aufgeleuchtet hatte und wie sehr sie beide sich gefreut hatten. Der Stab, der inzwischen ebenso zerbrochen war wie ihre Freundschaft. Die Stimme der Schwäche schrie verzweifelt, fand keine Worte mehr, weinte nur stumme Tränen in ihr.
„Ich werde die Dunkle Magie entfernen.“, hörte sie ihre Stimme sagen. Sie hob ihre schwarze Hand und zog alle Dunkelheit zu sich. Die magische Wand löste sich auf und Torven starrte sie verblüfft an. Eara lächelte schwach. „Verzeih mir!“, wisperte sie und spürte, wie auch ein dunkler Faden sich auflöste, den sie vor einigen Stunden um eine kleine Feder gesponnen hatte. Torven blickte nicht nach oben, bis die Explosion erfolgte, die sie um einige Stunden verzögert hatte. Ein Regen aus Feuer und Stein ergoss sich auf ihn, in seinen klugen grauen Augen standen Trauer, Schmerz und Enttäuschung. Möglichkeiten, die unbedacht vertan.

Sie benötigte nicht lange, um das Geröll von der verbrannten Leiche des Obersten zu entfernen. Sie verwendete Dunkle Magie, auch wenn sie wusste, Torven hätte nicht gewollt, dass sein Körper davon berührt wurde. Und wenn schon. Er ist tot, und die Dunkle Magie kann ihm nicht mehr schaden. Nichts kann ihm mehr schaden. Vielleicht hätte sie seine Augen geschlossen, doch es war nichts mehr übrig, das man als Augen hätte identifizieren können. Eara saß stumm da, ertrug den Gestank von verbranntem Fleisch und erinnerte sich der gemeinsamen Momente. Bild um Bild schoss durch ihren Kopf, und sie fand nicht die Kraft, sich zu regen. Zwölf Tote, und einer muss noch kommen. Ein geringer Preis für die Vereinigung, die das Leben in Hadria nachhaltig verbessern wird. Sie beruhigte ihren zitternden Atem. Atme ein und aus. Ein und aus. Trauer ist nur ein Gefühl. Ignoriere es!
Sie schloss ihre Augen, kauerte reglos neben den Überresten ihres Mentors und unterdrückte jedes Gefühl und jeden Gedanken. Ein und aus. Ein und aus. Als etliche Stunden später die ersten Zauberer auf der Suche nach ihren Obersten das Grab betraten, fanden sie die Souveränin noch immer so vor.
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B -Dreistimmige Drohungen

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:16

B – Dreistimmige Drohungen

Morgendämmerung, 58. Herbsttag 76 A.Z.
Trummwald, Graues Gebirge

der geruch von schnee und kälte liegt in der luft. der bär erhebt sich und streckt seinen großen körper. er darf nicht zu lange ruhen. die große kälte ist nicht mehr fern und für den langen schlaf braucht er alle reserven. er hat hunger. seine instinkte warnen ihn, dass er noch zu dünn ist, dass er die lange kälte nicht überstehen wird.
als er den schlafplatz verlassen möchte, kann er seine pfote nicht bewegen. er blickt nach unten, auf das silberne glänzen. es hängt in einer wurzel. der bär rüttelt mit seiner tatze, um das glänzen von seinem bein zu entfernen. ein schwacher protest regt sich in ihm, das echo des pelzlosen. je weiter das glänzen von seinem bein herabrutscht, desto schwächer wird der widerstand. der pelzlose ist schwach, der bär ist stark. hier, wo die bäume stehen, wird er immer siegen. der wald ist sein zuhause. zwischen den höhlen der pelzlosen gibt der bär gerne nach, doch nicht hier. hier fühlt er sich wohl. hier möchte er bleiben. doch der pelzlose will ihn fortbringen, zu seinen artgenossen. der bär aber will nicht! er wurde von pelzlosen aus seiner ruhigen heimat verschleppt, über die salzigen wasser und die kranken berge bis in die lande, wo die rote katze und die grauen riesen herrschten. er hat genug!
der pelzlose will ihn überzeugen, schickt schwache gedanken an einen wald des überflusses, an den lebensbaum, an orte, die vielleicht einmal eine neue heimat sein könnten, eine bessere als der graue wald zwischen den geheilten bergen. doch der bär hat sich lange genug locken lassen. er will keine falschen versprechen mehr, sondern nur noch ruhe. ruhe von kampf und verletzung, ruhe von dunkelheit und verdrehter ordnung, ruhe von pflicht und vernunft, ruhe vom pelzlosen. er rüttelt ein letztes mal mit seiner pfote, um das glänzen abzustreifen und den pelzlosen endlich zurückzulassen, da knackt es plötzlich. die wurzel bricht ab und das glänzen verbleibt. der bär blinzelt und trottet dann fort, lässt das glänzen am bein. der pelzlose ist ohnehin fast verstummt, die mühe nicht wert. nach wenigen schritten hat er das silberne glänzen schon vergessen.



Später Nachmittag, 58. Herbsttag 76 A.Z.
Trummwald, Graues Gebirge

der bär gelangt an einen bach. er ist durstig, also senkt er seinen kopf und will etwas trinken. als seine zunge das wasser berührt, schreckt er zurück. es ist ungenießbar, verdorben! der bär hebt seinen kopf in die luft, wittert die quelle des übels. er läuft am bach nach oben, und gelangt schnell zu einer bergziege, die verendet im wasser liegt. ein paar schwarzgefiederte sitzen darauf, krächzen sich an und picken nach dem aas. als der bär näher kommt flattern sie auf und setzen sich lauernd zwischen die äste der nahen bäume. der bär schnuppert am kadaver, dann nimmt er probehalber einige bissen. obwohl es das wasser schon verseucht, ist das fleisch noch gut. der bär trinkt von oberhalb der ziege, dann frisst er die essbaren teile.
bilder steigen in ihm auf, von einem pelzlosen mit blauer haut, der ihm erklärt, wieso rohes fleisch gefährlich ist, gerade wenn es alt ist. der blauling spricht von kranheiten und tod und behauptet, man müsse das tote fleisch kurz der roten katze geben, um es essen zu können. der bär hält kurz inne und brüllt dann so laut auf, dass die schwarzgefiederten aus den ästen gescheucht werden, unruhig auffliegen und sich dann wieder setzen. der bär will nichts mehr von pelzlosen wissen! er will endlich frei sein von sorgen und gedanken an die zukunft. wütend betrachtet er das glänzen, das locker um seine pfote liegt. doch ehe er es loswerden kann, bemerkt er einen neuen geruch, der seine ganze aufmerksamkeit beansprucht. trocken und kalt wie von kriechern, doch dazu noch der gestank von fäulnis und blut. schon huschen vier schemen aus dem unterholz, schnell und gewandt. rote schuppen und scharfe zähne, spitze vorderpfoten aus festem horn. aus ihren rücken wachsen dunkle zacken und ihre augen funkeln gelb. der bär betrachtet sie wachsam. er wird sein fressen nicht hergeben, wenn sie es haben wollen. sie sind viele und er ist allein, doch er ist auch stark. er wird die horde besiegen, wenn sie ihn angreifen. ansonsten wird er sie ignorieren, auch wenn der pelzlose sie nicht mag. leben und leben lassen. dies hier ist noch nicht sein revier.
die kreaturen nähern sich, teilen sich auf und umkreisen ihn. der bär brüllt einschüchternd, doch sie weichen nur kurz zurück, dann kommen sie wieder näher. der pelzlose schickt ein bild, wie der bär an eine wand zurückweicht, um alle vier im blick behalten zu können, doch der bär dreht sich nur herum, versucht alle zugleich zu beobachten. der erste angriff erfolgt von hinten, ein flinker schlag und ein brennender schmerz. als er herumfährt, ist das wesen bereits wieder zurückgewichen. doch schon trifft etwas anderes sein bein, spitze stiche, und warmes blut läuft herab. der bär schüttelt sich, und die kreatur, die sich in ihn verbissen hat, wird davon geschleudert. sie fliegt gegen einen stamm und regt sich nicht mehr. die anderen drei wesen sind vorsichtiger, schlagen nur flink zu und springen sofort zurück. der bär geht selbst zum angriff über, erwischt eines und reißt ihm den rücken auf, sodass graues blut in strömen herausfließt. er verletzt sich dabei die pfote an den scharfen dornen und brüllt zornig.
die letzten beiden ergreifen die flucht, während die schwarzgefiederten sich auf die leichen der beiden getöteten kreaturen setzen und zu fressen beginnen. der bär lässt sie gewähren. ihr fleisch ist ungenießbar und er hat noch seine ziege. er ist zufrieden. er braucht die ratschläge des pelzlosen nicht, um zu siegen.

später wird es kälter und dunkel, und der bär rollt sich unter einem stechbaum zusammen. er leckt seine verletzte pfote ab, betäubt den schmerz. dann schließt er die bernsteinfarbenen augen, um zu ruhen. doch sofort steigen bilder in seinem einfachen geist auf, bilder aus seiner zeit als pelzloser. die flachen, nichtssagenden gesichter derer, die dem pelzlosen so viel bedeuten. er hat angst um seine artgenossen, ist wütend auf seine feinde. wütend auf den pelzlosen mit den grauen augen und der giftigen silberklaue, weil er auch zu seinen feinden gehört. der bär versteht diese feindschaft nicht. die gegner der pelzlosen wollen nicht ihr futter haben, nicht ihr revier. wozu dann all die sinnlosen kämpfe? doch der zorn des pelzlosen bedrückt ihn, denn er spürt, dass sie nicht gegeneinander stehen müssten. wären diese feinde nur besiegt, die artgenossen nur in sicherheit, dann würde der pelzlose im bären auch freiwillig gehen. auch der pelzlose möchte im wald sein, möchte die sorgen zurücklassen. sorgen um das grünlingweibchen, das der bär nach seinem erwachen verletzt hat. sorgen um die bedrohten artgenossen, um seine neue familie. jetzt erscheinen auch andere bilder, bilder die nicht vom pelzlosen stammen. bilder von einem großen bärenweibchen und zwei jungen, die über eine grüne wiese und durch dichtes unterholz tollen. bilder von zeiten, als der bär noch ganz schwach und winzig gewesen ist, noch ehe er aus der glühenden quelle getrunken hat, noch ehe er zum ersten mal als pelzloser erwachte. er kann den pelzlosen verstehen. auch er hatte einst familie. doch er ist gegangen, als seine zeit gekommen war. hat sie zurückgelassen, als er alt genug war. der pelzlose versteht nicht, dass nun seine zeit gekommen ist. der pelzlose muss seine familie und seine vergangenheit zurücklassen, er muss seinen instinkten und wünschen gehorchen, anstatt sich ihnen zu widersetzen. und seine wünsche sind dieselben wie die des bären. den pelzlosen zurücklassen und ganz ein bär sein.
der bär blickt auf das glänzen am bein, die letzte verbindung zum pelzlosen. der pelzlose ist zu schwach, um seinen wünschen zu gehorchen. doch der bär wird ihm helfen. er wird tun, was der pelzlose sich eigentlich schon lange wünscht, und die sorgen zurücklassen. der bär streicht mit seiner pfote über den boden, und der widerstand ist so schwach wie selten zuvor. dann löst sich das silberne glänzen, fällt hell beiseite und das aufbegehren des pelzlosen erlischt, die bilder verschwinden, die sorgen lösen sich auf. der bär legt gemächlich sein haupt nieder und schließt friedlich seine augen. jetzt endlich kann er ruhen.



Morgendämmerung, 59. Herbsttag 76 A.Z.
Trummwald, Graues Gebirge

nebelschwaden kitzeln den bären in der nase. er blinzelt müde und schüttelt sich. in der ferne hört er das geräusch von summern und hebt aufmerksam seinen kopf. süßgold! ohne den kopf von der richtung der summer wegzudrehen erhebt er sich. plötzlich stößt seine pfote an etwas hartes, unnatürlich rundes, das sich in sein fleisch schneidet. sofort erfüllen bilder und gedanken seinen müden geist.
Endlich! Endlich konnte Drukil wieder denken! Endlich hatte der Bär sich zurückgezogen!
was ist das? woher kommt der pelzlose? er ist doch fort! der bär brüllt auf und möchte wegrennen, doch etwas hält ihn davon ab.
Drukil wand sich und seine dicken Beine zuckten. Der Bär wollte fort, doch wenn er den Armreif nicht länger berührte, würde sein menschlicher Geist nicht mehr existieren! Es war nicht wie früher, als er die Tage abwechselnd in Fell und in Haut verbracht hatte. Der Fluch der Waldgeister ließ nach, der Bär drängte sich nach vorne und Drukil wurde schwächer. Doch er wurde noch gebraucht! Die Helden von Andor brauchten ihn, seine Freunde, seine Familie. Den Bär jedoch kümmerten Freundschaft oder Verantwortung nicht.
Instinktiv hob Drukil sein Bein ein wenig, um der schmerzenden Pfote Entlastung zu schaffen, und konnte sich nur gerade eben davon abhalten, die Verbindung zum Reif zu unterbrechen.
Er senkte sein massiges Haupt und blickte an seiner Schnauze entlang auf das silberne Funkeln zwischen den braunen Blättern auf dem Boden. Dies, mein Freund, wird dich immer an dein wahres Selbst erinnern. Doch welches war Drukils wahres Selbst? Er war als Bär geboren worden und trug lieber Fell denn Haut. War er nicht also eigentlich ein Bär? Dennoch konnte kein Zweifel bestehen, dass dieser Reif in Drukils jetziger Gestalt seine letzte Verbindung zum Menschen darstellte.
der bär schüttelt sich. der pelzlose soll gehen! er ist jetzt nur noch ein bär! er brummt und versucht, den pelzlosen wieder zu vertreiben, ihn verstummen zu lassen wie in den letzten tagen.
Drukil brauchte seine ganze Konzentration, um dem widerspenstigen Bären standzuhalten. Die Triebe des Bären tauschten immer wieder Platz mit dem menschlichen Verstand, und langsam wurde der Bär stärker. Drukil wusste, er hatte nur diese eine Chance. Wenn der Bär erst seine Müdigkeit abgeschüttelt hatte, hätte der Mensch ihm nichts mehr entgegenzusetzen. Der Bär würde ihn besiegen und dann weiterziehen, den silbernen Armreif und mit ihm auch Drukils Verstand für immer zurücklassen! Er richtete seinen Blick wieder auf seinen Armreif und keuchte angestrengt. Ein Mensch! Ich war ein Mensch! Ich bin ein Mensch! Ich werde wieder ein Mensch sein!
der bär reißt sich los. das bewusstsein des pelzlosen verschwindet aus seinem verstand. erleichtert taumelt er einen schritt weiter. er hat gesiegt. auch das letzte aufbäumen des pelzlosen ist überstanden. der bär ist nur ein bär, und die reste des pelzlosen in ihm werden sich gemeinsam mit dem bären über die alte freiheit freuen. da erschaudert er. entsetzt brüllt er auf, als er seine eigenen knochen knirschen hört, als das fell sich unter schmerzen zurück in seine poren zieht, als die zähne abstumpfen, als die schnauze zu einer kleinen nase und die krallen zu zarten fingern werden. nein! er hat das glänzen und den pelzlosen zurückgelassen. er ist ein bär, kein pelzloser! seine plötzlich ganz dürren nackten beine knicken ein, können das gewicht des großen körpers nicht mehr halten. sein maul kracht in den weichen waldboden und er schluckt einen mund voll erde, muss husten. doch es ist der körper des pelzlosen, der hustet. der bär will brüllen, doch nur ein schrei entringt sich seiner kehle.

Drukil würgte etwas Erde aus und spuckte noch mehrfach auf den Boden, um die letzten Reste des Erdreichs aus seinem Mund zu entfernen. Dann stand er mühsam auf und hob den silbernen Armreif auf, der ihn gerettet hatte. Er legte den Reif um, der seine Breite dem dünnen Arm sofort lautlos anpasste. Er hatte das Geschenk der Agren schon lange nicht mehr benutzt. Eigentlich verwandelte Drukil sich im Schlaf, vorausgesetzt er übernachtete unter Bäumen, und bekam erst beim Aufwachen etwas davon mit. Doch mit diesem Reif konnte er seine Gestalt auch im wachen Zustand wandeln. Ein äußerst schmerzhafter Prozess, den er sich nicht öfter als einmal alle paar Monde zumuten konnte, doch manchmal war ihm kein anderer Ausweg geblieben. So auch jetzt.
Drukil sog den Duft des Waldes tief ein. Er fürchtete, lange nicht mehr zwischen Bäume zurückzukehren. Der Bär war hier einfach zu stark! Es war Neumond, die Zeit, zu der der Mensch eigentlich die Oberhand hatte, und dennoch hätte der Bär ihn mühelos besiegt, wäre er nicht eben erst erwacht. Drukil hatte sich verloren, und wäre der Reif nicht gewesen, er hätte sich nicht wiedergefunden. So schmerzhaft es auch sein mochte, er durfte sich nicht mehr zu lange im Wald aufhalten. Würde er nur ein mal noch unter Bäumen übernachten müssen, er würde vielleicht nie wieder als Mensch erwachen. Das bedeutete, er musste so schnell wie möglich von hier verschwinden. Der Hautwandler ließ seinen Blick über den nebligen Wald schweifen und versuchte zu ergründen, wo er sich befand. Der Trummwald war groß, und er wusste nicht, wohin er sich wenden sollte. Er musste zu den Helden von Andor zurück, doch was hieß das schon? Er wusste ja nicht einmal, wie viele Tage er im Fell verbracht hatte. Zwei? Drei? Vier? Oder doch eher zehn? Noch trugen viele der Bäume ihre Blätter, es konnte also nicht allzu viel Zeit verstrichen sein. Doch was sollte sein Ziel sein? Der Schwarze Baum, in dem das Orakel der Geister hauste? Dorthin hatten sie gewollt, sobald sie den Stab aus Pans Höhle errungen hatten. Aber hatten sie das bereits? Hatte ihr Plan Erfolg gehabt?
Der Plan! Drukil stöhnte auf, als er sich daran erinnerte. Seine und Chadas Aufgabe war es doch gewesen, den Riesen abzulenken, sie mit ihren Pfeilen und er mit seiner Anwesenheit. Vielleicht hatte Chada das auch alleine geschafft. Vielleicht…
Er erinnerte sich daran, was mit Chada geschehen war, und sofort schämte er sich noch mehr. Ihr erschrockenes Gesicht stieg ihm vor Augen, als er sie mit seine mächtigen Tatze getroffen und beiseite geschleudert hatte. Ihre Brust hatte er aufgeschlitzt, ob sie schwer verwundet war, wusste er nicht, denn er war einfach gegangen. Natürlich hatte der Bär die Kontrolle gehabt, doch das machte es nicht besser. Er hatte gewusst, wie stark der Bär geworden war, er hätte gar nicht erst durch den Wald ziehen dürfen!
Ein leise Stimme in Drukil flüsterte ihm zu, dass er den Helden keine Hilfe war, sondern nur eine Belastung. Ohne ihn hätten sie längst die Antworten der Drei Schwestern, ohne ihn wäre Chada nicht verletzt worden. Und wie sollte er ihnen schon groß helfen, splitternackt und ohne Waffen? Er war kein Held von Andor, sondern ein Ungeheuer, das die ganze Gruppe bedrohen könnte! Ein Monster, das sich nicht unter Kontrolle hatte! Ohne ihn wären sie besser dran. Na los, flüsterte die Stimme. Vergrabe den Reif, vergiss den Menschen in dir, vergiss den Ewigen Rat, vergiss deine Freunde, so wie sie auch dich vergessen werden. Du tust ihnen nur einen Gefallen damit. Und natürlich auch dir selbst! Sehnst du dich nicht nach dem unwissenden Frieden des Bären, willst du nicht auch einfach nur vergessen?
Drukil schüttelte seinen Kopf und versuchte, der Verlockung zu widerstehen. Bevor er sich vergessen konnte, musste er auf jeden Fall kontrollieren, ob Chada etwas geschehen war. Zwar bezweifelte Drukil, dass er nach all der Zeit noch etwas ausrichten könnte, aber er musste dennoch nachsehen! Er drehte sich um die eigene Achse und versuchte, einen Orientierungspunkt zu finden. Dichter Nebel verschluckte jeden Anhaltspunkt und jedes Geräusch, das sich weiter als wenige Schritt von ihm entfernt befand. Er atmete tief ein und versuchte, hilfreiche Gerüche zu identifizieren. Die Nase des Menschen war jämmerlich schlecht im Vergleich zu der des Bären, aber seine war noch immer deutlich besser als die der meisten anderen, nicht abgestumpft vom Gestank der Fäkalien in der Gosse ihrer Ortschaften, welche er kaum betreten konnte, ohne sich zu übergeben. Drukil schüttelte sich und schnupperte aufmerksam. Dann blinzelte er in den hellen Fleck, der wohl die Sonne war, und stöhnte laut auf. Was war er nur für ein Narr! Der Bär kannte keine Himmelsrichtungen, aber er war mehr als nur ein Bär. Er müsste es eigentlich besser wissen! Drukil versuchte nachvollziehen, von woher er und Chada den Trummwald betreten hatten, dann nickte er zufrieden und machte sich auf den Weg zwischen die nebelverhangenen Baumstämme.


Später Nachmittag, 59. Herbsttag 76 A.Z.
Trummwald, Graues Gebirge

Endlich erreichte er ihren Rastplatz. Hier war er als Bär erwacht und hatte Chada verletzt. Rasch eilte Drukil zu den Orten, an denen sie gelegen hatten, der Nebel hatte sich mittlerweile aufgelöst. Nur schwache Abdrücke waren noch zu erkennen, und auch das nur aufgrund seiner feinen Sinne und weil Chada sich nicht die Mühe gemacht hatte, ihre Spuren zu verbergen. Von der Bogenschützin fehlte jede Spur, was Drukil als gutes Zeichen einschätzte. Nachdem er eine Weile gesucht hatte, war er sich sicher, dass nichts zurückgelassen worden war, also hatte Chada wohl all ihre Sachen eingesammelt.
Drukil seufzte und überlegte kurz. Er kam zu dem Schluss, dass er nicht zu Pans Höhle, sondern zurück zum Schwarzen Baum ziehen sollte. Er musste die Nacht in sicherer Entfernung vom Wald verbringen, und der hintere Eingang der Höhle lag genau darin. Außerdem konnte er immer noch in der Nähe des Bronwaldes auf die Helden von Andor warten, wenn er vor ihnen dort ankam. Und wenn sie ihn dann verstießen, weil er ein zu großes Risiko darstellte, dann würde er nicht protestieren, sondern nur seinen Reif ablegen und für immer verschwinden.
Drukil blickte erschöpft auf seine bloßen Füße. Er hatte niemals gerne diese Schuhe getragen, sie engten ihn bloß ein, doch im Laufe der Zeit hatte er sich an sie gewöhnt, ebenso wie an warme Kleidung. Nun musste er auf beides wieder verzichten.
Sein Blick fiel auf die glatte Narbe an seiner Seite, wo der Bleiche König ihn einst verwundet hatte. Warum nur vertrauten die anderen Helden diesem Ken Dorr so sehr? Bemerkten sie nicht, dass er nicht leben dürfte? Er war schon lange tot, sein Leben unnatürlich! Und er gehörte zum Ewigen Rat, das hatte er selbst zugegeben. Drukil jedenfalls würde die alte Wunde nicht vergessen. Und schon allein deshalb musste er wieder zu den anderen, um ein wachsames Auge auf Ken Dorr zu haben. Er hob den Blick und stapfte los. Ehe er sich schlafen legte, musste er den Wald weit hinter sich gelassen haben.


Abenddämmerung, 62. Herbsttag 76 A.Z.
Tiefenfall, Graues Gebirge

Drukil starrte in die Tiefe der Korn-Schlucht und trat vorsichtig ein paar Schritte vom Abgrund zurück. Er zog sein Fell enger um sich, erschauderte in der kalten Gebirgsluft aber dennoch. Am Tag nachdem er den Trummwald verlassen hatte, hatte er mit bloßen Händen eine Bergziege erlegt, ihr mit einem spitzen Stein das Fell abgezogen und das Fleisch davon abgeschabt. Das rohe Fleisch hatte er, entgegen Leanders Warnungen, einfach verspeist, das Fell hatte er als Umhang mitgenommen. Das war inzwischen zwei Tage her und das Fell begann trotz seiner Bemühungen, es zu säubern, entsetzlich zu stinken. Doch ohne es hätte er die eisigen Nächte des Gebirges nicht überstanden. Der Winter nahte, und immer wieder regte sich der Bär in ihm, verlangte nach Wald, nach mehr Nahrung, nach einem guten Unterschlupf für den Langen Schlaf.
Drukil blickte zögernd über den Abgrund hinweg. Alte Ruinen, auf dieser Seite wie auf der anderen. Einst war dies ein zwergisches Bauwerk mit dem Namen Tiefenfall gewesen, eine Brückenfestung, die angeblich nie fertiggestellt worden war. Dennoch war sie äußerst beeindruckend, denn sie spannte sich auf beiden Seiten der Kornschlucht jeweils zwanzig Schritt in die Mitte, ohne dass die beiden Hälften sich gegenseitig stützen mussten. In der Mitte blieb nur ein Spalt von vielleicht vier Schritt, der durchaus übersprungen werden konnte, wenn man starke Beine und starke Nerven hatte. Drukil selbst hatte einen solchen Sprung bereits hinter sich, allerdings war das schon viele Monde her, und damals hatte er leichte Kleidung getragen und es war noch nicht im Halbdunkel gewesen. Dennoch wollte Drukil nicht noch länger warten. Noch war sein Magen einigermaßen von der letzten Mahlzeit gefüllt und seine Beine waren zwar erschöpft vom langen Marsch, aber immerhin nicht steif und durchgefroren. Morgen früh sähe das anders aus.
Drukil trat wieder an den Rand des Abgrundes und nahm das Ziegenfell von seinen Schultern. Er hielt es über die Schlucht, wo es wie eine Fahne im Wind flatterte, dann ließ er es los und verfolgte den Flug mit den Augen, bis es zwischen dem ewigen Dunst in der Schlucht verschwand. Bei seinem Sprung hätte es ihn nur behindert, und jetzt konnte er nicht nur die Richtung, sondern auch die Stärke des Windes ungefähr einschätzen. Einen letzten beklommenen Blick warf Drukil in die Tiefe, wo der Nebel gleich einem mächtigen grauen Fluss brodelte und schäumte, dann ging er einige Schritte zurück.
Ein letztes Mal kontrollierte er, ob der Untergrund frei von Hindernissen und Stolperfallen war, dann fixierte er die andere Seite, holte tief Luft und lief los, ehe die Kälte ihn komplett durchdringen konnte. Rasend schnell näherte sich der Abgrund, dann war Drukil direkt davor und sprang, ehe er es sich anders überlegen konnte.
Er würde es nicht schaffen! Noch im Flug erkannte Drukil, dass seine Reise hierher ihn zu sehr geschwächt hatte. Nur ganz knapp würde er die andere Seite verfehlen, daran vorbei in die Tiefe stürzen und dann…
Eigentlich hatte Drukil sich nie viele Gedanken darüber gemacht, was nach dem Leben kam. Der Bär dachte nicht an den Tod, hatte keine Vorstellung davon, und Drukil war bisher zu sehr mit Überleben beschäftigt gewesen, um über den Tod nachdenken zu können. An die Göttin vom Lebensbaum glaubte er nicht, er brauchte keine unsterbliche Mutter Natur, um die Schönheit und Vielfalt des Lebens erkennen zu können und die natürliche Ordnung zu respektieren. Damit glaubte er auch nicht an die von den grünen Priestern gepredigte Wiedergeburt, doch die Vorstellung einer großen Leere, eines Nichts, einer kompletten Auslöschung von allem, was er war, behagte ihm auch nicht gerade.
Jetzt hätte er jedenfalls auch ein Stoßgebet an Mutter Natur gerichtet, wenn er dafür nicht zu wenig Zeit gehabt hätte. Er sah sich schon im Nebel verschwinden, sich gedanklich dafür verfluchend, dass er nicht genauer über den Namen Tiefenfall nachgedacht hatte, als ihn plötzlich ein kräftiger Windstoß von hinten ergriff und gewiss einen halben Schritt nach vorne schleuderte.
Rauer Stein scharrte über seinen Bauch und Drukil klammerte sich mit aller Kraft daran fest, bemüht darum, nicht zu sehr darüber nachzudenken, was geschah, wenn er abrutschte. Mit aller Kraft hievte er sich nach oben, über die kratzige Kante hinweg, und kroch dann noch etwas weiter. Dann erst blieb er erschöpft liegen. Sein ganzer Körper schmerzte, aber immerhin hatte er überlebt.
Schließlich rappelte Drukil sich auf. Er brauchte für die Nacht einen halbwegs geschützten Unterschlupf, sonst würde er erfrieren, und morgen würde er den Bronwald erreichen. Ob die Helden von Andor schon dort waren, würde er dann herausfinden müssen. Er warf einen letzten Blick auf die Lücke zwischen den Ruinen und die andere Seite der Schlucht, die bereits in der Dunkelheit verschwand, dann zog er weiter.


Sonnenhoch, 63. Herbsttag 76 A.Z.
Alter Bron, Graues Gebirge

Es war bereits Mittag als Drukil den Fuß des Alten Bron erreichte. Vor einigen Stunden schon war die Silhouette am Horizont erschienen. Der Zwergenturm hatte majestätisch aus dem allgegenwärtigen Nebel geragt und Drukil war von diesem Anblick zu einem noch schnelleren Marsch angespornt worden.
Unterwegs hatte er in einiger Entfernung die Gestalt eines gepanzerten Bergskrals gesehen, aber war glücklicherweise unbemerkt geblieben. Dennoch hatte die Wunde in seiner Hand, die die Wargors ihm in seiner Bärengestalt zugefügt hatten, ab diesem Zeitpunkt noch mehr gebrannt.
Er trat durch die niedrige Tür und betrachtete den Raum und die Treppe, die hinauf führte. Keine Anzeichen dafür, dass die Helden von Andor seit ihrem letzten Besuch hier gewesen waren.
Er ging wieder hinaus in den wärmenden Sonnenschein und versuchte zu überlegen, wie er nun weiter vorgehen sollte. Er wusste nicht, ob seine Gefährten noch auf dem Weg hierher oder ob sie schon lange hier gewesen waren, ob sie schon längst nach Andor zogen oder ob sie vielleicht in der Höhle des Riesen alle umgekommen waren, eine Möglichkeit, die sich Drukil gar nicht erst ausmalen wollte. Was also sollte er tun? Hier auf sie warten? Dieser Turm stand direkt am Wald, wenn er hier übernachtete, dann würde er am nächsten Tag vielleicht als Bär erwachen. Doch je weiter er sich vom Waldrand entfernte, desto größer war das Risiko, dass er die anderen Helden verpasste, wenn sie herkamen. Und je länger er hier wartete, desto größer wurde ihr Vorsprung, wenn sie bereits hier gewesen waren.
Ein plötzliches Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Wiehern! Ein Pferd hatte gewiehert! Die Agren hielten keine Pferde gefangen, das taten nur Menschen, und freie Pferde lebten nicht im Gebirge. Die anderen waren hier, ganz in der Nähe!
Drukil eilte zum Waldrand und spähte zwischen den grauen Stämmen hindurch. Die Bäume warfen dichte Schatten, doch eine unscheinbare Spur führte ins Innere des Waldes. Sollte er seine Freunde tatsächlich fast eingeholt haben?
Drukil wollte schon zwischen den Bäumen verschwinden, als er spürte, wie sich etwas in ihm regte. Der Bär erwachte, und er war stark. Drukil schloss die Augen und atmete tief durch, verbannte die wilden Triebe. Er wusste, wenn er sich nicht konzentriert hätte, der Bär wäre jetzt aus ihm hervorgebrochen und er hätte die Haut abgelegt, wahrscheinlich für immer.
Hatte er das Wiehern tatsächlich gehört? Plötzlich war Drukil sich nicht mehr sicher. Wie weit konnte er seinen Sinnen trauen, und wie weit waren die Eindrücke seinen Wünschen entsprungen, einfach in den Wald zu gehen? War es der Bär gewesen, der ihm das Wiehern vorgegaukelt hatte, um ihn hierherzulocken? Er öffnete seine Augen wieder und betrachtete nachdenklich die frisch abgeknickten Pflanzenstängel. Es könnte alles gewesen sein, ein schwerfälliger Troll oder eine Rotte Wildschweine.
Es war schrecklich, sich nicht mehr auf sich selbst verlassen zu können! Der Bär war nicht bösartig, und wenn er sich das Wiehern nur eingebildet hatte, dann war das nicht auf Berechnung zurückzuführen, sondern nur darauf, dass der Bär gerne wieder zwischen Bäumen wäre. Oder war es sein eigener übermächtiger Wunsch? Nicht einmal zwischen den menschlichen und tierischen Motiven konnte er sauber trennen, sie vermischten sich, so wie seine ganze Persönlichkeit eine Mischung aus dem Menschen und dem Bären war. Er sprach von sich selbst häufig anders als von dem Bären, aber er wusste, dass das nicht stimmte. Er war der Bär, und der Bär war er selbst. Es gab keinen Unterschied, nur ein Ungleichgewicht zwischen den Gedanken, die ein Bär denken würde und den eher menschlichen.
Zögernd blickte Drukil auf die deutliche Spur. Waren es die Helden gewesen oder nicht? Hatte er das Wiehern gehört, oder war es doch nur Einbildung? Es gab nur eine Möglichkeit, es herauszufinden. Also trat Drukil zwischen die grauen Bäume und hoffte inständig, dass er den Bären würde zurückhalten können.


Früher Nachmittag, 63. Herbsttag 76 A.Z.
Bronwald, Graues Gebirge

„… dachte, wir hätten uns schon längst entschieden? Wenn wir der Warnung von Themauras folgen wollten, warum wären wir dann hergekommen?“, schallte eine vertraute Stimme durch den Wald, hoch und kalt. Drukil hätte niemals gedacht, dass er sich einmal freuen würde, Ken Dorr zu hören. Sofort beschleunigte er seine Schritte, bis er das unverwechselbare Schimmern eines so reinen, weißen Fells durch die Bäume wahrnahm, wie Drukil es von nur einem einzigen Tier kannte.
„Weil wir hier vielleicht auf Drukil stoßen!“, antwortete Chada auf die Frage des Diebes.
„Immerhin wäre es möglich.“, ergänzte Leander traurig. „Auch wenn ich ehrlich gesagt nicht daran glaube.“
Drukil gab sich keine Mühe, leise zu sein, aber anscheinend hatte selbst Leander ihn noch nicht gehört. Jetzt wieherte Ambra jedoch freudig und Drukil wollte seine Freunde begrüßen. Aus seinem Mund drang jedoch nur ein unartikuliertes Brummen und Drukil verstummte erschrocken. Er hatte seit seiner Rückverwandlung nicht mehr gesprochen, fiel ihm jetzt auf. Hatte er es etwa so plötzlich verlernt, wie er es einfach gekonnt hatte, als er Chada und Thorn auf Narkon zum ersten Mal begegnet war?
Die anderen fuhren erschrocken herum, Thorn zückte sein Schwert und Chada griff nach ihrem Bogen. Drukil spuckte einmal aus und versuchte es erneut: „Du solltest die Hoffnung nicht so schnell aufgeben, Leander.“
Chada, Thorn und Ken Dorr starrten ihn verblüfft an, dann langsam machte sich Freude auf ihren Gesichtern breit. Auch Drukil grinste und versuchte, sich seine Erleichterung, doch noch sprechen zu können, nicht anmerken zu lassen.
„Drukil!“, rief Chada begeistert und stürzte auf ihn zu. Der Hautwandler atmete auf, anscheinend machte sie ihm weniger Vorwürfe für ihre Verletzungen als er sich selbst. Drukil schloss seine Arme nach Chada auch um Leander, der die Zügel des braunen Pferdes dabei loslassen musste, ignorierte die ausgebreiteten Arme von Ken Dorr und wollte auch Thorn umarmen, dessen Haut aussah, als wäre sie unlängst einem sehr starken Sonnenbrand ausgesetzt gewesen. In den Augen des Kriegers mischten sich Erleichterung mit Zorn, und er schien unsicher, ob er Drukil für Chadas Verletzung erwürgen oder den überraschend Aufgetauchten umarmen sollte. Schließlich entschied er sich für Letzteres.
„Ich fürchtete, du kämst nicht mehr wieder.“, brachte Chada hervor. „Du wirktest so verloren, als ob nur noch der Bär übrig wäre.“ Sie musterte besorgt seinen zerschrammten Bauch. „Anscheinend musstest du einiges durchmachen, um hierher zu kommen.“
Thorn reichte ihm wortlos die Überreste seines blauen Umhangs, in die Drukil sich hüllte. „Ich war verloren.“, murmelte er, und noch immer fühlte es sich ungewohnt an, wieder zu sprechen. „Ich war verloren, und nur durch Zufall habe ich mich wiedergefunden. Der Bär wird stärker, stärker als ich. Ohne meinen Armreif wäre vom Pelzlosen ...“ Er hielt inne, um sich zu korrigieren. „… vom Menschen nichts mehr übrig gewesen, nur mit seiner Hilfe konnte ich mich schließlich zurückverwandeln. Und ich fürchte, in Zukunft wird auch er mir vielleicht nicht mehr helfen können.“
Drukil stockte, er wollte nicht zugeben, was er sagen musste. „Der Bär wird immer stärker, und ich weiß nicht, wie lange ich ihn noch zurückhalten kann. Wenn ich mich das nächste Mal verwandle, dann werde ich vielleicht endgültig verloren sein, und ich kann nicht sagen, wann es so weit sein wird. Vielleicht wird der Bär schon morgen gewinnen, und ich werde als Tier erwachen und euch alle töten. Wann immer ich unter Bäumen bin spüre ich den Ruf der Wildnis, der mich lockt und in Versuchung führt, und ich spüre, dass ich nur ein einziges Mal im Wald zu schlafen brauche, damit der Bär mich überwältigt. Er lauert in mir, und sobald ich ihn nicht mehr zurückhalten kann, wird er aus mir hervorbrechen. Vielleicht wäre es besser, wenn ich wieder gehe.“
Drukil senkte den Blick und traute sich nicht, seine alten Freunde anzusehen. Er wartete auf die harschen Worte, auf die Fragen, wie er es wagen konnte, auch nur in ihre Nähe zu kommen und sie alle zu gefährden. Doch stattdessen zog Thorn ihn an sich und umarmte ihn erneut, noch fester diesmal.
Drukil wurde von einer wilden Freude durchströmt, und er wusste, dass er dämlich grinste. Seine Freunde verstießen ihn nicht für das, was er war!

Sie brachten die nächste Zeit damit zu, sich gegenseitig zu erzählen, was ihnen widerfahren war. Drukil war erleichtert, als er hörte, dass sie Nar´Al´Pan auch ohne seine Hilfe entkommen waren und den Stab von Hral hatten stehlen können, doch als Leander von der Botschaft auf der Tafel von diesem Themauras berichtete, verschwand seine Freude. War es richtig, sich über die Warnung des längst gestorbenen Sehers hinwegzusetzen? Thorn und Chada waren noch unentschlossen, doch dass Ken Dorr dafür war, genügte Drukil schließlich als Grund, die Warnung zu respektieren. Leider stellte sich Leander auf die Seite des Diebes und sagte, dass es die einzige Möglichkeit zu sein schien, den Ewigen Rat zu besiegen. Bis sie den Schwarzen Baum erreichten sollte jeder erneut darüber nachdenken, ob er nicht eine andere, bessere Idee hatte, doch dann würden sie versuchen, ihre Antworten vom Orakel zu bekommen.
Widerstrebend beugte sich Drukil diesem Vorschlag, und so zogen sie schließlich gemeinsam weiter, auf das alte Herz des Todes zu, jeder in seinen eigenen Überlegungen gefangen. Als die von schwarzem Wurzelwerk durchzogene Lichtung mit dem gigantischen verkohlten Stumpf schließlich vor ihnen erschien, war Drukil noch immer ratlos.
„So, da wären wir.“, meinte Leander, und Drukil fragte sich, woher er das wohl wusste. „Hatte irgendjemand eine Idee, wie wir dem Ewigen Rat beikommen könnten, ohne die Antworten der Drei Schwestern einzufordern?“
Es war ausgerechnet Ken Dorr, der antwortete: „Dieselbe, die ich schon vor Wochen hatte. Es gibt das Herz der Geburt und das des Todes, den Schwarzen Baum und den Baum der Lieder. Welches das neue Herz des Anfangs ist, sollte sich im Notfall auch ohne die Hilfe des Orakels herausfinden lassen, und wenn wir es in unseren Besitz bringen und den Baum der Lieder zerstören, dann hätten wir eine Waffe, die der des Schwarzen Herolds ebenbürtig ist.“
„Und ich bleibe bei meiner Antwort von damals!“, zischte Chada. „Der Baum der Lieder bleibt unangetastet!“
„Ich habe gesehen, wie der Baum der Lieder verbrennt, während die Bewahrer und Schriften gerettet werden.“, überlegte Leander, was Ken Dorr einen überraschten Blick entlockte. „Es wäre vielleicht eine bessere Möglichkeit, als zu tun, wovor Themauras uns warnte.“
Chada warf ihm einen eisigen Blick zu, den er natürlich nicht bemerkte. Drukil überlegte währenddessen, welcher von Ken Dorrs Vorschlägen der schlechtere war. Er misstraute dem Dieb zutiefst, bestimmt verbarg sich hinter beiden eine finstere Absicht. Doch im Zweifelsfall behagte es ihm deutlich weniger, den Lebensbaum zu zerstören, darum sagte er schließlich widerwillig: „Dann ist es immer noch besser, wenn wir versuchen, Antworten vom Orakel der Geister zu bekommen.“
Leander zuckte mit den Schultern und nachdem Drukil nachgegeben hatte, waren auch Chada und Thorn einverstanden. Also zog Thorn einen unscheinbaren Stab aus glattem Holz, das die Jahre schwarz gefärbt hatten, von Ambras Rücken und überreichte ihn Chada feierlich. Die nahm in widerstrebend entgegen und wandte sich dann dem toten Baum zu.
Zu fünft näherten sie sich dem Schwarzen Baum, dem Zentrum des Waldes. Wie schon bei ihrem letzten Besuch fühlte Drukil ein großes Unbehagen. Das hier waren die Reste der gleichen Macht, die auch die Skelette der Krahder und nun den Ewigen Rat und Ken Dorr zum Leben erweckt hatten. Unheilige Hexerei, eine Macht, die in niemandes Hände gehörte. Je näher er der dunklen Rinde kam, desto glücklicher war Drukil mit seiner Zustimmung dafür, den Baum der Lieder nicht anzutasten. Es war schlimm genug, wenn die Macht eines Herzens missbraucht wurde.
Als die Gefährten nur noch fünf Schritt entfernt waren, krochen dunkelgraue Wolken aus den unzähligen Furchen des Schwarzen Baumes und vereinigten sich vor ihnen lautlos zu drei durchscheinenden Schemen mit bleichen, glatten Gesichtern und weiß glühenden Augen.
Die Suchenden sind zurückgekehrt!“, rief das Orakel dreistimmig und auch wenn die Stimmen eigentlich harmonisch miteinander verschmolzen, ließ das Geräusch Drukil alle Haare zu Berge stehen. „Sie sind vergeblich gekommen. Nur drei Fragen alle dreiunddreißig Jahre. Zu viel Wissen um die Zukunft kann gefährlich sein.
Chada trat einen kleinen Schritt vor und hielt den alten Stab in die Höhe. „Wir sind nicht mit leeren Händen gekommen.“, rief sie mit fester Stimme. „Wir bringen euch den Stab eures alten Lehrmeisters Hral, vor langer Zeit gestohlen. Den Gegenstand, der euch in dieser Welt am meisten bedeutet.“
Die Schemen waberten unruhig wie Rauch und schwebten etwas näher. „Fürwahr. Sie kommen mit einer Gabe. Mit einem Geschenk gar? Gebt uns den Stab, Suchende!
Chada zögerte und Drukil sah ihr ihren Widerwillen an, als sie sagte: „Wir geben ihn euch, wenn ihr uns die Antworten gewährt, um die wir baten. Unsere Fragen bei unserem letzten Besuch waren unklug gestellt, und wir brauchen noch mindestens eine, besser zwei Antworten. Wir bitten euch, Drei Schwestern, gewährt uns das Recht auf weitere Antworten.“
Die drei Gespenster zischten erbost. „Keine selbstlose Gabe ist dies, kein Geschenk! Es ist die Gier, die Euch treibt! Die Gier nach Wissen! Kaufen wolltet Ihr uns, doch das Orakel ist nicht käuflich. Wir werden Euch keine Antworten geben, doch als Entschädigung für Eure Dreistigkeit werden wir diesen Stab behalten. Gebt ihn uns!
Drukil ballte seine Hände zu Fäusten. Also mussten sie es machen, wie Leander es damals vorgeschlagen hatte. „Wir können nicht gehen, ohne Antworten zu bekommen!“, rief Chada verzweifelt. „Gebt uns, was wir verlangen, und wir geben euch, was ihr euch wünscht. Doch wenn Ihr uns unsere Antworten verweigert, werden wir diesen Stab zerschlagen, und mit ihm das Orakel. Es wird keine Drei Schwestern mehr geben, keine Geister, die ihr Volk leiten könnten.“
Nein, Ihr wollt uns nicht kaufen. Erpressen wollt Ihr uns!“ Die drei Gestalten veränderten sich, die Schatten dehnten sich aus, und aus den Frauen in Umhängen formten sich eine Sporne, ein Skral und eine riesige Schlange, die unheilvoll näher kamen.
Thorn zog sein Schwert und hielt es drohend über den Stab. Die Drei Schwestern hielten inne und fauchten zornig. „Es gibt zwei Möglichkeiten, wie das hier ausgeht.“, verkündete Chada unbeugsam. „Entweder wir vernichten eure Quelle und gehen unserer Wege, um die Antworten woanders zu finden, oder wir tauschen: Eure Antworten gegen unseren Stab. Lasst uns nur zwei Fragen stellen, und niemand muss an diesem Tag leiden.“
Langsam verwandelten sich die grauen Kreaturen wieder zurück in die Drei Schwestern. Obwohl ihre fahlen Gesichter sich nicht verändert hatten, meinte Drukil, gewaltigen Zorn in ihren leuchtenden Augen zu erkennen. „Wir beugen uns der Macht der Suchenden und verurteilen ihre Ignoranz. Wenn Ihr uns den Stab unseres Lehrmeisters übergebt, werden wir Euch Eure zwei Fragen beantworten und Euch noch Zusätzliches über das verraten, was Euch erwartet.
„Wir werden den Stab geben, nachdem wir unsere Antworten bekommen haben.“, widersprach Chada, doch Leander beugte sich zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Drukil trat einen Schritt näher, um es auch verstehen zu können.
„… ihnen den Stab jetzt schon, Chada. Sie haben behauptet, nicht lügen zu könne, das heißt, sie werden unsere Fragen beantworten müssen. Wenn sie sich weigern und ohne Antwort verschwinden, dann wissen wir, dass sie doch zu Lügen fähig sind, in diesem Fall könnten wir uns ohnehin nicht auf ihre Antworten verlassen.“
Drukil blinzelte, doch ehe er genauer darüber nachdenken konnte, hatte Chada bereits genickt, den Stab vor sich abgelegt und blickte das Orakel der Geister erwartungsvoll an. Der Boden begann sich zu bewegen und eine dunkle Wurzel schoss hervor, umschlang den Stab wie ein Fangarm und zog ihn in die Tiefe.
Narren!“, flüsterten die Gespenster dreistimmig. „Ihr werdet Eure Antworten erhalten, doch sie werden Euch keine Genugtuung verschaffen. Zu viel Wissen um die Zukunft kann gefährlich sein!
Die drei schwebten auf Chada zu und funkelten sie verhängnisvoll an. „Bewahrerin ohne Geduld, Bastard eines Königs, ohne die ihre Mutter noch am Leben wäre. Die Krone, die dir gebührt, wirst du nie mehr auf dem Haupte tragen. Das Volk, das zu schützen du geschworen hast, wird in der Dunkelheit vernichtet werden. Deine Vergangenheit wird in Flammen vergehen, deine Zukunft wird in Flammen vergehen, und all die, die dir Vertrauen schenken, werden bei ihrem Tode eine Verräterin in dir sehen.
Chada erbleichte und umklammerte die Rietgraskrone, die um ihren Hals hing, bis die goldenen Spitzen wie Messerklingen in ihr Fleisch schnitten und Blut zwischen ihren Fingern hindurchlief. Sie schien es noch nicht einmal zu bemerken. „Genug!“, brüllte Thorn, doch schon drehten sich die Drei Schwestern zu ihm um.
Krieger, der sich nach Frieden sehnt, und von seinem Schwert doch nicht lassen kann.“, kicherten sie höhnisch. „Den Friedensbringer wirst du verdammen, und ihn doch herbeisehnen, wenn es zu spät ist. Dein Geist wird in Fragmente gesprengt und dein Körper von der Finsternis verschlungen werden.
Drukil hielt es nicht mehr aus. „Danach haben wir euch nicht gefragt!“, schrie er, in der verzweifelten Hoffnung, sie damit zu vertreiben. Doch die Gespenster wandten sich nur ihm zu und fixierten ihn boshaft.
Wir sagten, wir würden Zusätzliches über das verraten, was euch erwartet. Doch deine Stärke war es noch nie, zuzuhören und zu verstehen, Hautwandler. Eine Seele, in zwei Körper gespalten. Der Bär wird dich überwinden und den Menschen auslöschen. Zufrieden wirst du durch den Wald streifen, während deine Freunde kämpfen und verlieren. Du wirst sie verlassen haben, und doch wird keiner von ihnen dich vermissen. Von dir im Stich gelassen werden sie dir keine Träne nachweinen. Wenn dein Tod kommt, wirst du weit von ihnen entfernt sterben, und sie lange schon vergessen haben.
Drukil zitterte und spürte, wie seine Zweifel von neuem aufkeimten. War er nicht eigentlich eine Bedrohung für seine Freunde, gefährdete er sie nicht viel mehr, als er ihnen half? Du wirst sie verlassen haben, und doch wird keiner von ihnen dich vermissen.
Nur am Rande bekam er mit, wie die Drei Schwestern auch zu Leander schwebten, der, noch bevor sie zu sprechen begonnen hatten, furchtsam zurückstolperte, ohne ihren Worten entkommen zu können. „Seher, Lügner, Mörder, Bruder eines Mörders. Die Flammen, die du schürst, werden dich verbrennen. Die, die du für Freunde hältst, werden dich verstoßen und verbannen. Die Dunkelheit, die dich verfolgt, wirst du nicht mehr erleben. Einsam wirst du sterben, verraten von einem falschen Freund, dem du vertraut hast.
Die Gespenster fixierten Ken Dorr, der sich rasch hinter dem hochgewachsenen Seher zu verbergen suchte. „Dieb, Verräter, Heuchler. Alle wirst du verraten, jeden belügen, um deine Ziele zu erreichen. Dein Plan wird sich erfüllen und du wirst qualvoll daran zugrunde gehen, und all deine Macht wird dir nicht helfen können. Jede deiner Lügen wird einem Feind helfen, dessen Geschick und Macht du nicht gewachsen bist.
Die Drei Schwestern lachten tonlos und zogen sich in den Schatten des Schwarzen Baumes zurück. „Stellt eure Fragen, Suchende, doch erwartet nicht, dass die Antworten euch erfreuen werden. Noch könnt ihr gehen. Noch könnt ihr dem gefährlichen Wissen entkommen.
Drukil starrte die Gespenster an, dann betrachtete er die anderen. Sie alle waren erschüttert von dem, was sie erfahren hatten. Konnten sie abwenden, was die Drei Schwestern verkündet hatten? Vielleicht wäre es besser, sich nicht noch mehr zuzumuten und dem Orakel der Geister den Rücken zu kehren.
Es war Leander, der den Kopf hob und entschieden rief: „Wir sind nicht so weit gekommen, um jetzt umzukehren. Dies ist unsere erste Frage: Welches ist die Quelle des Gespenstes, das man den Schwarzen Herold heißt?“
Es schien Drukil, als sei das Orakel enttäuscht von Leanders Entscheidung, doch die Stimmen der Gespenster waren wie immer kalt und tonlos. „Als der Schwarze Herold vom Krieger des Wolfes erschlagen wurde, galt sein ganzes Ansinnen dem Sieg des letzten Drachen und dem Tode von König Brandur, dem Träger der Rietgraskrone, ein Symbol für Freiheit und Heldenmut. Brandur starb und der Drache wurde besiegt, doch die Krone überdauerte, und mit ihr der Schwarze Herold. Kein Gegenstand bedeutete ihm so viel, kein Objekt verkörperte seinen Hass so sehr, und er wusste, mit dem Ende Andors, nach dem Erfüllen seiner Mission und dem Sieg seines Meisters, würde auch sie vernichtet werden. Die Rietgraskrone Andors ist die Quelle des Schwarzen Heroldes.
Drukil blickte überrascht auf den goldenen Reif, der an einer Kette um Chadas Hals hing. Die Quelle des Schwarzen Heroldes, der Schlüssel zu ihrem Sieg über den Ewigen Rat. Sie mussten nicht länger suchen, sie hatten bereits, was sie brauchten. Das goldene Gras des Rietlandes, scheinbar zu glänzendem Metall erstarrt. Auch ohne genauere Kenntnisse erkannte Drukil, dass die Krone trotz ihrer Schlichtheit eine hervorragende Arbeit war. Sie brauchte keine Edelsteine oder Ornamente, um majestätisch und erhaben im Sonnenschein zu leuchten. Dennoch musste sie wohl zerstört werden. Der Sieg über den Ewigen Rat lag nur einen einzigen Hieb entfernt. Drukil konnte kaum glauben, dass es so einfach sein sollte.
Misstrauisch blickte er zum verhassten Ken Dorr, der die Krone ebenso ehrfürchtig betrachtete wie sie alle. Drukil spürte, dass der Dieb sie sich gleich schnappen und damit davonlaufen würde, um den Ewigen Rat zu bewahren. Alle wirst du verraten, jeden belügen, um deine Ziele zu erreichen. Doch Ken Dorr tat nichts dergleichen.
Ehe Drukil sich einen Stein suchen konnte, um die Krone zu zerschlagen, erhob Leander mit bewundernswerter Ruhe erneut die Stimme: „Nun zu unserer zweiten Frage: Woran erkennt man das neu entstandene Herz der Geburt, den wahren Samen des Baumes der Lieder?“
Die neu entstandenen Bäume widersprechen stets im Grundsatz dem, woher sie stammen. So wie unsere Heimat, der Baum des Vergehens, als er noch die Macht des Todes in sich beherbergte, alle fünfhundert Jahre ein lebendes Samenkorn hervorbrachte, so produziert der Baum der Lieder, Heimat der Bewahrer, Symbol von Geburt und Fruchtbarkeit, mit jedem Zyklus eine einzige Frucht, die von jedem Leben verlassen zu sein scheint. Sie alleine kann die Macht des Anbeginns enthalten, falls der alte Baum zerstört wird.
Die Drei Schwestern wandten zugleich ihre blassen Gesichter um, und es schien Drukil, als würden sie bei ihren letzten Worten allein ihn fixieren: „Ihr habt eure Antworten erhalten, Suchende. Doch es wird die Zeit kommen, da ihr euch wünscht, anders entschieden zu haben. Es wäre wohl besser gewesen, wir hätten euch unsere Antworten verweigert, denn vernichtet werden wir so oder so, noch ehe die nächsten dreiunddreißig Jahre vergangen sind. Wenn das Ende naht, dann werdet ihr wissen, dass ihr es verursacht habt!
Damit verstummte das dreistimmige Gewisper des Orakels und die dunklen Schatten der Gespenster wurden blass und lösten sich auf wie Nebelschwaden in der Mittagssonne.
Eine Weile verging, ohne dass jemand etwas sagte. Ohne miteinander sprechen zu müssen legte Chada schließlich die Rietgraskrone auf eine große Wurzel und Thorn hob sein Schwert darüber.
„Nein!“, rief Ken Dorr, als er die Absicht der beiden erkannte. „Haltet ein, Ihr Narren!“
„Ich wusste es!“, brüllte Drukil zornig und stellte sich dem Dieb in den Weg. „Du gehörst doch noch zum Ewigen Rat! Du willst nicht, dass wir den Schwarzen Herold besiegen.“
„Nein!“, schrie Ken Dorr verzweifelt. „Bitte, tut nichts, was Ihr später bereuen werdet! Ich habe weiter gedacht als Ihr. Was würde geschehen, wenn Ihr die Krone jetzt zerschlagt?“
„Der Schwarze Herold würde vernichtet, und damit wäre der Ewige Rat zerbrochen.“, meinte Thorn. „Wir hätten gesiegt.“
„Den Ewigen Rat hättet Ihr besiegt, wohl war. Aber wo auch immer der Saal mit den Sitzreihen liegt, der Drache ist noch immer dort. Wenn der Schwarze Herold vernichtet würde, dann verbliebe der Samen in unmittelbarer Nähe zu einem machthungrigen, grausamen, rachsüchtigen Drachen. Ihr hättet einen Feind besiegt und durch einen anderen ersetzt.“
„Wir haben das Untier schon einmal erschlagen.“, überlegte Chada.
„Aber nicht, als es im Besitz solch gewaltiger Macht war. Wie wollt Ihr gegen einen Gegner bestehen, der Euch alle jederzeit töten kann, sobald er auch nur ein Haar von Euch besitzt?“
Drukil wollte widersprechen, doch Leander kam ihm mit seiner Äußerung zuvor: „Ken Dorr hat recht. Es wäre dumm, den Schwarzen Herold zu vernichten, solange einfach ein anderer unserer Feinde das Herz des Todes an sich reißen kann. Ein anderer, den wir nicht einfach töten können, indem wir diese Krone zerschlagen. Wir wissen, wie wir den Schwarzen Herold jederzeit besiegen können, das ist ein gewaltiger Vorteil, den wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollten.“
„Wenn Ihr den Schwarzen Herold aus der Ferne vernichtet, wird sich nur ein anderes Ratsmitglied des Samens bemächtigen, und wir stehen wieder am Anfang.“, bestätigte der Dieb zufrieden. „Wartet, bis Ihr in der Nähe des Schwarzen Herolds seid, damit stattdessen Ihr den Samen in Euren Besitz bringen könnt.“
Drukil starrte Ken Dorr zornig an. Es behagte ihm gar nicht, dem Vorschlag des Diebes einfach zu folgen, so sinnvoll er sich auch anhörte. Alle wirst du verraten, jeden belügen, um deine Ziele zu erreichen. „Wir wissen nicht, wo dieser Saal sich befindet.“, murrte er. „Und außerdem ist unsicher, ob wir den Ewigen Rat tatsächlich besiegen können, wenn es so weit ist. Ich kenne nur wenige unserer Gegner. Aber schon sie allein genügen, um mich an unseren Aussichten auf einen Sieg zweifeln zu lassen.“
Sofort musste Drukil an die verfluchte Besatzung der Schwarzen Kogge denken. Sie waren mächtige Krieger und Hexer, und sie waren von allen Mitgliedern des Ewigen Rates angeblich noch am ungefährlichsten.
„Ihr habt wohl vergessen, was meine Stärken sind.“, verkündete Ken Dorr und strich sich über seinen gepflegten Spitzbart. Seine Kleider mochten so abgerissen sein wie von ihnen allen, aber er achtete dennoch auf sein Äußeres. „Ich werde den Ewigen Rat auseinanderbrechen lassen, ohne dass einer von Euch auch nur einen Schwertstreich führen muss. Alte Feindschaften lassen sich nicht auf ewig begraben, nicht bei den Mitgliedern des Ewigen Rates. Wenn die Zeit reif ist und Ihr gegen den Ewigen Rat zieht, werden sie eher einander bekriegen denn Euch.“ Kens kalte graue Augen suchten Drukils goldbraune und hielten sie fest. „Ich bin ebenso ein Feind des Ewigen Rates wie Ihr. Er nimmt mir meine Freiheit und meine Macht, bedroht mich ebenso wie Euch. Ich kann verstehen, dass Ihr mir noch immer nicht vertraut, aber auch ich möchte lieber ein Leben in Freiheit führen, als eine Ewigkeit unter der Knechtschaft des Schwarzen Herolds zu verbringen.“ Er nickte fest und drehte sich dann um, um zu den Pferden zu gehen. „Und ich hoffe, dass meine Verdienste nicht vergessen werden, wenn alles vorbei ist.“, hörte Drukil ihn noch murmeln, ehe er außer Hörweite war.
Der Hautwandler blickte ihm nachdenklich nach. Alle wirst du verraten, jeden belügen, um deine Ziele zu erreichen. Doch wie sehr durfte er sich auf die Worte des Orakels verlassen? Wenn sie alle eintrafen, dann hatten sie ohnehin schon verloren. Der Bär wird dich überwinden und den Menschen auslöschen. Zufrieden wirst du durch den Wald streifen, während deine Freunde kämpfen und verlieren. Drukil schüttelte sich und folgte Ken Dorr. Er wusste nicht, was ihr nächstes Ziel war, doch ehe der Abend da war, sollte er aus diesem Wald verschwunden sein. Sollten Chada, Thorn und Leander über ihre weiteren Schritte entscheiden. Er selbst sehnte sich nur danach, dass endlich alles vorbei war, sehnte sich nach dem Frieden und der Freiheit des Bären, wollte nur vergessen. Seine Sorgen um andere, seine Verpflichtungen und die dreistimmige Drohung des Orakels der Geister. Bald.


Und an der tiefsten Stelle in Hadrias Unterwelt knackte es düster und ein leichtes Zittern lief durch den von Rissen durchzogenen Boden.
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