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Story: Der Ewige Rat

i - Der Plan des Verfluchten

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:05

i – Der Plan des Verfluchten

Früher Nachmittag, 21. Herbsttag 76 A.Z.
Markt von Werftheim, Hadrisches Meer

Chada wartete unruhig neben dem Stand, an dem Thorn sie zurückgelassen hatte. Der Honigwein duftete verführerisch und schließlich kaufte sie einen Becher, einfach um nicht untätig herumzustehen. Ihr Blick schweifte über den Markt von Werftheim. An den bunten Ständen wurden so viele faszinierende Dinge verkauft, technomagische Konstruktionen aus Hadria ebenso wie Schmuck aus Silber und Perlmutt aus Silberhall oder schlichte Fische aus der See, und für einen Moment hatte sie ihre Sorgen vergessen können und sich einfach amüsiert. Warum konnte es nicht ewig so bleiben?
Die Menschen zogen um sie herum, tratschten, begutachteten die Waren der Händler. All die gelben, blauen, aber überwiegend braunen und beigen Farben machten Chada ganz konfus. Doch einen blonden Krieger mit hellblauem Umhang konnte sie nicht entdecken.
Der zweite Teil einer Stunde verging, bis Chada einsah, dass Thorn nicht zurückkommen würde. Das war wirklich ungewöhnlich für ihn, normalerweise war er sehr zuverlässig. Es musste wohl etwas dazwischengekommen sein. Also machte Chada sich auf die Suche, ging zuerst in die Richtung, in die er verschwunden war und sprach wahllos Passanten und Händler an, doch niemand war imstande ihr weiterzuhelfen. Schließlich gab Chada auf und ging zurück zum Hafen, mit der festen Überzeugung, inzwischen müsste Thorn schon lange wieder bei der Aldebaran II zu finden sein.
Allerdings war er auch dort nicht. Drukil und Leander waren schon lange wieder angekommen und direkt nach Chada traf auch Santalion ein, drei kräftige, wettergegerbte Seemänner im Schlepptau, die ihren Segler fachkundig musterten und dann damit begannen, einige Leinen neu zu verknoten und andere kleine Fehler beseitigten. Chada, Drukil, Leander und Santalion verzogen sich unter Deck, wo Chada ihnen von Thorns Verschwinden berichtete. „Ich mache mir Sorgen um ihn!“, schloss sie ihren Bericht.
Santalion musterte sie erstaunt. „Sprechen wir über denselben Thorn?“, fragte er unschuldig. „Zwei Köpfe größer als ich? Ein großes und scharfes Schwert am Gürtel? Von seiner Kraft her wie ein Ochse?“
„Ja, über den sprechen wir!“, entgegnete Chada zornig. Dann besänftigte sie sich selbst und fragte: „Von euch hat ihn wohl niemand gesehen?“
Leander schüttelte demütig den Kopf. „Ich ganz sicher nicht!“
„Das ist nicht lustig!“, fuhr sie ihn an, doch Leander griff überraschend zielgenau ihre Hand und drückte sie sanft. „Santalion hat recht, Chada. Thorn kann in der Regel gut auf sich selbst aufpassen und es gibt sicher einen guten Grund dafür, dass er jetzt noch nicht da ist. Falls er noch nicht wieder aufgetaucht ist, wenn wir zum Tempel des Meeres reisen, dann kann einer von uns hier auf ihn warten.“
Daran, dass Thorn so lange fortbleiben könnte, wollte Chada nicht mal denken. Vielleicht gab es etwas wirklich Wichtiges, dem er nachgehen wollte, doch wenn er so lange verschwunden blieb, dann wäre das ein ernsthafterer Grund zur Sorge.
Santalion blickte sie durch seine dunkelgrünen Augengläser traurig an, dann sagte er: „Wir sollten uns ausruhen, damit wir heute Nacht frisch sind. Man weiß ja nie, was Unvorhergesehenes dazwischenkommen könnte.“


Frühe Nacht, 21. Herbsttag 76 A.Z.
Untergassen in Werftheim, Hadrisches Meer

Nach Sonnenuntergang schlich der halbvolle Mond über den sternenbedeckten Himmel und die vier falschen Kultisten schlichen durch die Gassen Werftheims zu der verfallenen Hütte mit dem Dreieck über der Tür. Sie trugen wieder die gleichen Mäntel wie in der letzten Nacht und Drukil hielt die kleine Öllampe, die gestern noch Thorn getragen hatte. Der Krieger war nicht mehr aufgetaucht und Chada konnte sich kaum auf ihre Unternehmung konzentrieren, da ihre Gedanken von der Sorge um Thorn dominiert wurden. Die von Santalion angeheuerten Matrosen warteten am Schiff auf ein Lebenszeichen, auch wenn es mit jeder Stunde unwahrscheinlicher wurde.
Drukil ging vor und öffnete die Klappe im Boden, dann stieg er die Leiter herunter, gefolgt von Santalion. Chada wollte schon folgen, doch Leander hielt sie zurück. „Bevor wir hineingehen möchte ich dich warnen.“, sagte er und in der Dunkelheit war unter seiner Kapuze nur schwach die Augenbinde zu erkennen, die wirkte, als schwebe sie dort in der Luft. „Ich vertraue Santalion nur eingeschränkt. Gestern kannte er jeden dort unten. Natürlich könnte das ein Zufall sein, doch wir sollten vorsichtig sein.“
Mit einem mal war Chada hellwach. „Was willst du damit sagen? Meinst du etwa, es könnte sein, dass Santalion ein falsches Spiel mit uns treibt?“
„Ich sage lediglich, dass wir auf alles vorbereitet sein sollten.“ Mit diesen Worten stieg auch Leander durch die Falltür nach unten, ohne auch nur mit seinem Stab zu tasten. Wie machte er das bloß immer?
Chada folgt ihm und wünschte sich mit einem mal, sie hätte Audax dabei. Ihr Bogen war natürlich deutlich zu groß, um ihn unter dem Mantel mitzuschmuggeln. Ein Stab auf dem Rücken wie in Leanders Fall erregte keine allzu große Aufmerksamkeit und die Schwerter von Thorn und Drukil ließen sich notdürftig verbergen, aber ein Langbogen? Unmöglich! Also war sie nur mit den zwei Dolchen ausgerüstet, die die Bogenschützen der Bewahrer stets dabei hatten, mit denen sie aber nie dieselbe Perfektion wie im Bogenschießen erlangt hatte.
Das Heiligtum des Kultes der Drei Mächte hatte sich nicht verändert, aber diesmal war der Schemel im ersten Gang unbesetzt, der sabbernde Hagan hatte seinen Wachtposten verlassen. Auch die Frau mit den toten Beinen lag nicht mehr an ihrem Ort und der Boden wirkte deutlich schmutziger als gestern. Anhand der schlammigen Spuren konnte Chada erkennen, dass viele Personen diesen Gang benutzt hatten, sie alle waren ins Heiligtum gegangen, aber kaum jemand war wieder herausgekommen. Die Versammlung hatte also vermutlich bereits begonnen.
Sie erreichten den großen Saal mit der Doppeltür, doch anstatt zur Versammlungshalle zu gehen, schlug Santalion zielstrebig den Weg zu dem offenen Gang links daneben ein.
In ihrer Vergangenheit war Chada je nach Sympathie als lebhaft, impulsiv oder sogar unbeherrscht beschrieben worden, auch jetzt hielt sie es nicht mehr aus. „Wohin gehst du?“, zischte sie und Santalion drehte sich wegen des feindseligen Tonfalls überrascht um. Chada ließ ihn gar nicht antworten. „Führst du uns jetzt zu deinen Freunden vom Kult?“
Santalion zog wie üblich eine Augenbraue hoch und fragte verwirrt: „Was meinst du damit?“
Chada zögerte. Was, wenn Leander zu weit gedacht hatte und sich alles nur als dummer Zufall herausstellte? Selbst der blinde Seher war lieber bereit gewesen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, als das Risiko einzugehen, Santalion unberechtigterweise als Verräter zu bezichtigen. In der Tat machte Leander, der sich auch zu ihrer Stimme umgedreht hatte, jetzt ein warnendes Gesicht, während Drukil nur komplett ratlos wirkte. Doch dann fällte Chada ihre Entscheidung.
„Du gehörst doch zu diesem Kult, nicht wahr?“
„Natürlich!“, erwiderte Santalion. „So wie wir alle. Wir haben doch darum gebeten, hier aufgenommen zu werden. Und jetzt lasst uns diesem Gang folgen, vielleicht begegnen wir dort einem Priester, der uns mehr über den Tempel erzählen kann, ohne dass wir uns der Messe anschließen müssen. Besser, wir meiden diese Halle.“
Wenn er wirklich schauspielerte, dann hervorragend. Chada wollte erneut ansetzen etwas zu sagen, doch Leander war schneller. Einen Augenblick dachte sie, er wolle alles als Reaktion von Chadas angespannten Nerven abtun, doch er hatte erkannt, dass sie seine Befürchtung verkünden wollte und kam ihr lediglich zuvor: „Du kennst jeden hier namentlich und auch noch eine Vorgeschichte dazu. Du bewegst dich durch diese Gänge, ohne auch nur ein einziges Mal eine falsche Tür zu benutzen.“ Woher wusste Leander denn überhaupt, dass es hier Abzweigungen gab?
Der Seher ergriff eine Hand Santalions und drückte sie so fest, dass der Verfluchte kurz das Gesicht verzog. „Dein Name bedeutet Heiliges Schwert, so wie in dem Mythos des Kultes, in welchem Kenvilar Wasser von Land trennt. Deine Schwester heißt sogar Kmarforia, übersetzt Meeresmacht. Der Kultist Toras vertraute dir nach nur wenigen Augenblicken und du wusstest schon vor deinem angeblich ersten Besuch diese Heiligtums, dass die Kranken und Ausgestoßenen sich hier versammeln würden. Die Ausgestoßenen, wie auch du selbst einer sein könntest. Es tut mir Leid, aber wenn das alles ein Zufall ist, dann ein ziemlich großer.“
Santalion wirkte noch immer ehrlich entrüstet, doch ehe er widersprechen konnte, ergänzte Leander: „Pass auf, was du sagst; du weißt, dass ich ein Seher bin. Solange ich dich berühre, kann ich deine Lügen spüren. Also, sprich mir nach: Ich, Santalion, war niemals Mitglied im Kult der Drei Mächte, bevor ich mit den Helden von Andor hierherkam.“
Jetzt erst flackerte Unsicherheit über Santalions Gesicht. Er blickte kurz zu der Hand, die Leander umschlossen hielt und öffnete den Mund. Auch wenn sein Gesicht schnell wieder starr war, konnte Chada doch erkennen, dass er fieberhaft überlegte. In diesem Moment hatte er verloren. Chada stürzte sich auf ihn und umschloss seinen bleichen Hals mit ihren Händen. Die Augengläser flogen durch die Luft und fielen zu Boden, die linke Scheibe zerbrach. Santalion wollte sich losreißen, doch Chada und Leander hielten ihn beide fest.
„Wo habt ihr Thorn hingebracht?“, fauchte Chada. Natürlich war es nur eine Vermutung, doch Santalion blickte sie ebenso schuldbewusst wie furchtsam an, vermutlich fürchtete er, sie wolle ihn erwürgen.Sie lockerte den Druck um seinen Hals und Santalion würgte und schnappte nach Luft. Im nächsten Moment war Drukil da und zog ihm die flache Seite seines Schwertes über über den Schädel. Leander spürte wohl, wie die Hand erschlaffte, und ließ sie los. Chada ließ den Bewusstlosen zu Boden gleiten und funkelte Drukil an, Tränen in ihren Augen.
„Warum?“, fragte sie nur.
„Stimmt, ich hätte ihn direkt töten sollen. Verdient hätte er es.“, interpretierte Drukil ihre Frage falsch. „Aber womöglich ist er noch nützlich.“
Chada schüttelte aufgebracht ihren Kopf und da ihre braune Kapuze schon lange nicht mehr auf ihrem Kopf saß, wirbelten ihre schwarzen Haare um sie herum. „Er hätte uns vielleicht etwas sagen können!“
Drukil deutete mit seinem Daumen über seine Schulter zum Portal in die großen Halle und brummte nur: „Soweit ich weiß, wollte er vermeiden, dass wir diesen Raum betreten. Wollen wir uns dort mal umschauen?“
Sie gaben jegliche Tarnung auf. Wahrscheinlich hatte Santalion den Kult ohnehin gewarnt. Also ließen die drei ihre hinderlichen Kapuzenmäntel fallen und zogen ihre Waffen. Leander holte mit der rechten Hand seinen Stab vom Rücken und vergewisserte sich, dass Santalion wirklich bewusstlos war, dann schlich er zielstrebig auf das Portal zu. Chada nahm sich vor, ihn bald zu fragen, wie er sich so gut orientieren konnte.
Die drei stellten sich einträchtig vor dem Tor auf, Chada in der Mitte, Leander links und Drukil rechts von ihr. Dann stieß Chada das Portal auf und sie stürmten in die Halle.
Im Gegensatz zu gestern war diesmal alles hell erleuchtet. Die Tische und Bänke waren an die Wände gerückt worden, um Platz zu schaffen. Allerdings nicht für eine harmlose Messe…
An allen Wänden des Raumes standen Mitglieder des Kultes der Drei Mächte, etwa ein Drittel davon durch entsetzliche Male, Krankheiten und Verletzungen entstellt, die anderen äußerlich relativ gewöhnlich. Sie alle trugen archaische Waffen, von einfachen Holzbalken bis hin zu Küchenmessern. Chada erkannte den riesenhaften Bag, der ein gewaltiges Stück Holz schwenkte, den zwergenhaften Vudul, ein Hackbeil haltend, das fast so lang wie sein Arm war, und die schlanke Kanuta, heute in einer blauen Robe und mit einem Langschwert, das sie unbedarft in beiden Händen hielt und das Chada eindeutig als Thorns identifizierte. Direkt gegenüber des Portals, auf dem Altar mit dem blauen Tuch, stand der Aussätzige Toras, in jeder Hand einen blitzenden Dolch. Nur der Ehrwürdige Satarus war nirgends zu entdecken, der elende Feigling!
Bei ihrem Anblick ließ Bag den Balken fallen und breitete die Arme aus, während ein Lächeln in seinem Gesicht spielte, doch Kanuta wies ihn scharf zurecht: „Nein, Bag! Das sind böse Menschen, sie werden nicht umarmt!“ Der bucklige Hüne grunzte enttäuscht und griff sich wieder seinen Balken.
„Möglicherweise hätten wir uns doch nicht hier umschauen sollen.“, raunte Drukil leise, während Leander angespannt das Gesicht verzog. Chada hob ihre Dolche höher und lotste die anderen unauffällig zurück zum Portal, doch zwei Kultisten warfen die schiefen Flügel zu und der Ausweg war versperrt.
„Endlich kommt unsere Rache, jaja!“, schmatzte Toras und der erste von seinen beiden Dolchen sauste durch die Luft. Drukil schlug ihn mit seinem Schwert zur Seite. Dem zweiten Dolch auszuweichen gelang ihm nicht ganz und er hinterließ eine klaffende Wunde in seinem Oberschenkel. Drukil brüllte wütend auf und knickte ein, während Toras triumphierend schrie. In seinen Augen glänzte blanker Hass, doch die übrigen Mitglieder des Kultes wirkten nur traurig, als sie notgedrungen auf die Helden zustürmten. Bag röhrte und schwang seinen gewaltigen Balken lustlos durch die Luft und Kanuta versuchte verbissen, ihr Schwert unter Kontrolle zu halten. Es war klar, dass die meisten Kultisten keine Kampferfahrung hatten und für den Sieg einen hohen Blutzoll bezahlen müssten.
Chada wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, diesen Kampf zu umgehen. Die Kultisten taten ihr leid und Chada würde sie nur ungerne verletzen oder töten. Doch sie durfte diesen Kampf nicht verlieren, schon allein um Thorn zu befreien!
Ehe jedoch der erste Schlag geführt wurde, öffnete sich am hinteren Ende des Saals die kleine Tür und ein kleiner Mann in einer blauen Robe trat heraus und erhob die Arme. „Haltet ein!“, rief er erbost und die Mitglieder des Kultes der Drei Mächte blieben ausnahmslos stehen. Auch die drei Helden ließen erleichtert die Waffen sinken. Satarus betrachtete die Helden unendlich wehmütig.
„Ich hatte gehofft, ihr würdet einfach gehen und uns vergessen. Es war eine dumme Hoffnung, aber wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann das Hoffnung immer dumm ist. Es heißt, die Hoffnung stirbt zuletzt, doch letztendlich muss auch sie sterben.“ Alle Anwesenden lauschten diesen Worten. Doch Satarus hielt sich mit seinen philosophischen Überlegungen nicht lange auf, sondern forderte die Helden unerbittlich auf: „Lasst Eure Waffen fallen! Wir wollen doch kein unnötiges Blutvergießen. Ich will, dass meine Schützlinge überleben, und Ihr wollt gewiss nicht den Tod Eures Freundes verschulden.“
Wenn Chada jetzt ihren Bogen gehabt hätte, sie hätte diesen selbstgefälligen Priester abgeschossen! Doch Audax lag weit entfernt an Bord der Aldebaran II, und mit ihrem Schuss hätte sie vermutlich nicht nur ihr eigenes Ende besiegelt. Doch dann kam ihr eine Idee!
„Wir sind bereit friedlich wieder abzuziehen! Wir tauschen das Leben von Santalion gegen das von Thorn. Gebt ihn heraus, und wir verraten Euch, wo Santalion ist.“
Satarus ballte seine Hände zur Faust, doch ehe er antworten konnte, schrie Toras wütend auf. „Nein! Ihr skrupellosen, verdammten Helden von Andor! Mögen die Drei Mächte euch verfluchen! Wo ist er? Wohin habt ihr Santa gebracht?“
Auch die anderen Kultisten waren entsetzt über die Ankündigung der Helden, ein aufgebrachtes Raunen ging durch ihre Reihen. Nur Satarus bewahrte Ruhe. „Beruhigt euch! Santalion kann nicht weit sein, sonst wären sie gar nicht erst in unsere Falle gegangen! Durchsucht diese Räume und wir finden ihn. Und Euch, Helden von Andor, rate ich dringendst, meinem Befehl nachzukommen. Das Leben des Kriegers steht auf Eures Messers Schneide. Lasst die Waffen fallen und ergebt Euch!“
Chada biss die Zähne zusammen. Sie wusste, dass es für sie keine Möglichkeit mehr gab, sich aus dieser Situation herauszuwinden. Zumindest keine, bei der Thorn überleben würde. Also öffnete sie ihre Hände und die beiden Dolche fielen klirrend zu Boden. Auch die beiden anderen legten ihre Waffen ab und Satarus nickte besänftigt. „Gut! Verbindet ihnen die Augen! Nicht bei diesem, seine eigene Augenbinde sollte wohl genügen. Und fesselt ihnen die Hände auf den Rücken und die Füße zusammen!“
Die Kultisten kamen den Anweisungen nach, die Gruppe ließ widerstandslos alles mit sich machen. Jeder von ihnen wusste, dass sie verloren hatten. Jetzt konnten sie nichts tun. Sie mussten versuchen, später zu entkommen.
Ein dunkles Tuch wickelt sich vor Chadas Augen und Fesseln wurden um ihre Füße und Hände geschlungen. Dann wurde sie von großen starken Armen sanft hochgehoben und sie vernahm ein trauriges Brummen. „Bringt sie in die Erste Kammer. Und holt auch den Krieger dorthin.“, hörte sie Satarus Stimme, dann ertönte ein dumpfes Knarzen und erstaunte und erfreute Rufe, als die Kultisten Santalion bemerkten, der wohl noch immer vor dem Portal auf dem Boden lag.
Chada wurde weitergetragen und sanft auf ungemütlichen, kalten, rauen, steinernen Boden gelegt. Schwere Schritte entfernten sich und kamen kurz darauf wieder, erneut etwas ablegend. Noch zwei weitere Male wiederholte sich diese Prozedur. Zweimal! Das bedeutete, dass Thorn auch wieder bei ihnen war. Und immerhin hatte man sie nicht geknebelt, sie könnten sich also sogar unterhalten! Als mit einem lauten Schlag eine Tür zufiel und ein Riegel zugeschoben wurde, versuchte sie bereits trotz ihrer Fesseln näher zu den anderen zu kriechen.
„Thorn!“, rief sie. „Bist du hier? Wie geht es dir?“
Keine Antwort kam zurück und Leander erwiderte anstelle von Thorn: „Beruhige dich, Chada! Er ist bewusstlos, das höre ich an seinem Atem. Lass ihm ein wenig Zeit, dann kommt er schon wieder auf die Beine. Natürlich nur, wenn wir so lange überhaupt noch leben.“, fügte er leise hinzu.
Chada sank das Herz unter ihren Gürtel anhand dieser mutlosen Worte. Es heißt, die Hoffnung stirbt zuletzt, doch letztendlich muss auch sie sterben. Wie wahr, Satarus! Sie konnten nichts sehen, hatten der Auffälligkeit wegen nicht mehr Waffen dabei als ihnen abgenommen worden waren und lagen gefesselt in einer dunklen Kammer. Chada hatte sich geirrt, sie würden nicht später entkommen können. Aus dieser Lage gab es kein Entkommen!


Späte Nacht, 21. Herbsttag 76 A.Z.
Untergassen in Werftheim, Hadrisches Meer

In der Dunkelheit verlor Chada jegliches Zeitgefühl, doch nach etwas, was sich wie eine Ewigkeit anfühlte, murrte Drukil: „Wie konnte das geschehen? Wie hat Santalion es geschafft, dass wir genau in die Falle gelaufen sind, obwohl wir ihn enttarnen konnten?“
Chada stockte. Tatsächlich, Santalion hatte sie augenscheinlich direkt an dem Hinterhalt vorbei geführt. Doch andererseits, wer wusste schon, was sie am Ende des Ganges erwartet hätte. Womöglich irgendeine Falle, in der sie alle ein schnelles Ende gefunden hätten, ohne ein Mitglied des Kultes in Gefahr zu bringen.
Sie teilte ihre Überlegungen den anderen mit, doch Leander widersprach: „Wenn es so wäre, dann hätte sich doch niemand in der großen Halle aufgehalten. Stattdessen war es dort gerammelt voll und wir wurden vom gesamten Kult erwartet. Wozu ein unnötiges Risiko eingehen, wenn es eine tödliche Falle direkt nebenan gibt? Ich würde sagen, dass Santalion wollte, dass wir ihm widersprechen. Er wollte, dass wir genau in die Falle des Kultes laufen, und deshalb hat er sich enttarnen lassen.“
Chada überlegte kurz, kam jedoch zu dem Schluss, dass das nicht stimmen konnte. „Wenn das seine Absicht war, dann hat er sie nicht sonderlich gut erfüllt. Ich war mit meinen Nerven am Ende und hoffte, Thorn hier zu finden, also habe ich Santalion auf seine verdächtigen Verbindungen zum Kult angesprochen. Aber er hätte unmöglich planen können, dass es geschieht, genau nachdem er uns gesagt hat, dass wir die Halle meiden sollen. Etwas später und wir wären ihm in den Gang gefolgt, etwas früher und wir wären vielleicht gar nicht erst so weit gegangen. Und was hätte er uns sagen wollen, wenn du ihn nicht ohnmächtig geschlagen hättest, Drukil?“
Auf diese Frage folgte erneut eine Stille, die nur von ihrem eigenen Atemzügen durchbrochen wurde. Plötzlich sagte Drukil laut: „Genug von diesen müßigen Überlegungen. Entscheidend ist doch nicht, wie wir hier herkamen, sondern wie wir hier wieder wegkommen! Hat irgendjemand von euch eine Idee?“
Chada dachte kurz angestrengt nach, doch ihr wollte nichts einfallen. „Könntest du dich nicht verwandeln, Drukil? Ich bezweifle, dass diese Fesseln das aushalten würden.“, schlug Leander vor.
Drukil seufzte deprimiert. „Ich bin zu geschwächt und hätte mich nicht unter Kontrolle. Wenn ich mich jetzt verwandle, dann töte ich euch alle.“
„Ich wünschte, Eara wäre hier. Sie könnte diese Fesseln mühelos zerreißen. Nun, vielleicht fällt mir noch etwas Besseres ein.“, überlegte Leander.
„Ich hoffe es doch.“, sagte Drukil leise. „Wenn wir wenigstens wüssten, wie es in diesem Raum aussieht!“
„Wir befinden uns in einer leeren Kammer von drei Schritt Länge und vier Schritt Breite. Die Wände sind schief, bestehen aus dem gleichen Material wie überall hier unten und es gibt nur einen Ausgang mit einer dicken und weitgehend schallisolierten Holztür.“, erklärte Leander bereitwillig.
Chada verdrehte unter dem Tuch die Augen. Der alte Angeber! „Wie machst du das?“, fragte sie dann aber doch.
„Ich höre den Raum.“ Chada schwieg ihn an, bis er sich erbarmte und erklärte: „Wenn ich einen Laut von mir gebe, dann kann ich hören, wie das Echo zurückkommt. Dadurch erfahre ich, in welcher Entfernung sich die Wände befinden, kann hören, aus welchem Material sie bestehen… Diese Wände hier zum Beispiel werfen ein gutes Echo, aber ein unscharfes, sie sind also aus irgendeiner Art Stein, allerdings nicht exakt zu einer glatten Wand zusammengesetzt. Von dort, wo die Holztür ist, kommt nur ein gedämpftes Echo zurück, wäre irgendwo ein Vorhang, dann könnte man von dort nichts hören.“
„Das ist Magie!“, hauchte Drukil.
Leander lachte leise. „Nein, das ist nichts Übersinnliches. Ihr könnt das auch! Ihr hört es, wenn sich eine Hand vor eurem Mund befindet, und ihr könnt auch diesen Raum hören. Ich besitze einfach mehr als ein Jahrhundert Erfahrung, ich weiß zu deuten, was ich höre. Und selbst ich gelange unter freiem Himmel an meine Grenzen. Aber dieser Ort hier ist eigentlich perfekt, es gibt keine Störgeräusche von außen und solide Steinwände. Probiert es doch auch mal! Schreit irgendetwas und versucht das Echo zu deuten.“
Die Zeit war wie dicker Sirup durch ein enges Stundenglas geflossen, Chada war also froh über die Abwechslung. Sie rief zusammenhanglose Worte und versuchte, daraus auf den Raum zu schließen. Doch so sehr sie es auch versuchte, alles was sie wahrnahm war ein undeutliches Echo aus unterschiedlichen Richtungen, das sich nicht zu einem eindeutigen Gesamtbild zusammenfügen wollte.
„Ich schaffe es nicht!“, klagte sie Leander schließlich.
„Keine Angst, wenn wir erst ein Jahrzehnt in dieser ungemütlichen Zelle verbracht haben, dann wirst du es auch können. Alles Erfahrungssache.“, ermunterte er sie ironisch.
Chada versuchte halbherzig, nach ihm zu treten, doch ihre Füße trafen keinen Widerstand. Gedanklich verfluchte sie Leander. Trotz der scheuernden Fesseln, der Kälte und des rauen Bodens hatte sie ihre missliche Lage einen Augenblick vergessen können, doch nun kehrte die Ausweglosigkeit ihrer Situation unbarmherzig in ihr Bewusstsein zurück.
Drukil stieß einen besonders lauten Schrei aus und danach direkt noch einen. Doch dazwischen hatte Chada etwa vernommen, das für sie wie der erste Sonnenstrahl an einem dunklen Morgen klang.
„Thorn!“, schrie sie euphorisch. Zurück kam neben ihrem üblichen Echo auch eine undeutliche Antwort, die eindeutig in der Stimme Thorns gelallt war. „Was?! Was willst du, Thorn?“
„Ich glaube, er hat nach Ruhe verlangt.“, erwiderte Leander gelassen, doch er konnte die Freude nicht ganz aus seiner Stimme verbannen. Sofort verstummte Chada schuldbewusst. Nach einer Weile erklang Thorns Stimme, jetzt schon etwas deutlicher, wenn auch noch immer brüchig: „Ha… Hat einer von euch etwas Wasser?“
Vor Freude schossen Chada Tränen in die Augen. Welch widersinnige Lage! Sie lag gefesselt und mit verbundenen Augen in einer Zelle und sah einem ungewissen Schicksal entgegen, und doch weinte sie vor Freude! Natürlich konnte niemand von ihnen Thorn Wasser geben, doch er erholte sich auch so schnell wieder. Bald schon war er so weit, zu berichten, was sich zugetragen hatte, nachdem er Chada auf dem Markt zurückgelassen hatte. Außer einem belauschten Gespräch war das allerdings nichts, den Rest der Zeit hatte er wohl bewusstlos verbracht.
Auch Chada schilderte nun, begleitet von einigen Einwürfen Drukils, was ihnen widerfahren war. Kaum hatte sie ihre Erzählung beendet, ertönte plötzlich ein Geräusch, dass Chada zugleich hoffnungsvoll erwartet und gefürchtet hatte. Das Klicken eines Riegels, der beiseite geschoben wird und das dumpfe Knarzen einer sich öffnenden Tür…

Die Tür ihres improvisierten Kerkers schloss sich mit einem Knall wieder. Dann wurde ihr plötzlich die Binde von den Augen gerissen und ein gnadenloses Licht strahlte ihr in die grünen Augen, welche sie schnell fest zusammenkniff. Selbst durch ihre Lider hindurch fühlte Chada sich geblendet.
Sie hörte leichte Schritte, dann stöhnten auch Drukil und Thorn auf. Im nächsten Moment wurde das Licht gedimmt, vermutlich war die Blende der Laterne herabgeschoben worden.
„Jetzt wisst Ihr, wie ich mich ohne meine Gläser fühle.“, sagte Santalion leise. Aus seiner Stimme klang kein Rachedurst, aber sie wusste, was Thorn mitangehört hatte. Langsam öffnete sie ein Auge und selbst der schmale Lichtschein der Laterne strahlte noch heller als die Sonne.
„Ich hoffe, Ihr könnt die Unannehmlichkeiten entschuldigen, die Ihr in dieser Nacht zu erleiden hattet. Ich bedaure, was geschehen ist, aber es hätte schlimmer kommen können.“
Jetzt konnte Chada endlich ein wenig erkennen. Vor allem Santalion, der wegen seiner hellen Haut deutlicher zu sehen war als jeder andere. An seinem linken Auge bemerkte sie mit einer gewissen Genugtuung etwas, das wie eine Augenklappe wirkte, allerdings wohl eher dazu diente, die zerbrochene Scheibe zu ersetzen.
„Du kannst uns nicht länger zum Narren halten, Santalion!“, rief Thorn brüchig. Santalion seufzte schwer. „Ich konnte Euch leider weniger lange zum Narren halten, als ich es mir gewünscht hätte. Ich gestehe, ich habe Euch unterschätzt.“
„Und nun? Willst du deine Rache beenden und uns deinen unheiligen Göttern opfern?“, fragte Leander spöttisch.
Plötzlich heulte Santalion auf: „Ihr verdammten Narren! Ihr habt nichts verstanden! Ich wollte niemals Rache, und Menschenopfer gibt es in diesem Kult seit Jahrhunderten nicht mehr! Oh, warum konntet Ihr nicht ein klein wenig dümmer sein? Warum konntet Ihr mir nicht einfach in den Gang folgen?!“
Drukil lachte kalt. „Ja, das hättest du wohl gerne gehabt. Aber zu deinem Pech waren wir keine dummen Hündchen, die dir blindlings in ihr Verderben folgten.“
„Nein, zu Eurem Pech!“, rief Santalion aufbrausend. „Wäret Ihr mir gefolgt, dann wäret Ihr in eine Kammer gekommen, in der Euch das erwartet hätte, was Ihr hier wolltet. Aber stattdessen seid Ihr genau in die Falle getappt, von der ich Euch fernhalten wollte.“
„Und die du zufälligerweise selbst installiert hast.“, ergänzte Thorn gehässig. Um seinen Kopf und seine linke Hand schlangen sich je ein dicker Verband, beide blutverschmiert, und mit einem mal hasste Chada Santalion noch mehr. „Denkst du, ich hätte vergessen, was du gesagt hast?“
Santalion setzte sich schwer auf den kalten Boden und blickte die gefesselten Helden verzweifelt an. Beinahe hätte Chada ihm geglaubt, aber sie wusste, dass er gut schauspielern konnte. Schließlich erhob sich Santalion wieder und ging neben Leander in die Hocke. Er nahm die blaue Hand in seine weißen und sagte dann bedächtig: „Jetzt wirst du jede Lüge spüren, die ich spreche.“, erklärte er feierlich, aber Leander schüttelte belustigt den Kopf.
„Das war gelogen!“, gab er zu. „Ich besitze diese Fähigkeit nicht, in keinem Maße. Ich habe von so etwas auch noch nie gehört. Ich wollte nur hören, was du sagst, wenn du denkst, nicht lügen zu können. Deine Reaktion hat dich verraten.“
Chada war nicht überrascht, sie hatte es schon damals gewusst. Santalion aber zog seine Hand zurück, als hätte er sich verbrannt, und krümmte sich zusammen. Er zuckte, und Chada wurde nicht klar, ob er ein Lachen oder ein Weinen unterdrückte. Vielleicht auch beides.
„Also gut.“, sagte Santalion schließlich erstaunlich ruhig. „Dann werden ihr mir wohl einfach so glauben müssen.“ Er stand auf und tigerte in der Kammer umher, die tatsächlich aussah wie von Leander beschrieben.
„Alles begann am Tag meiner Geburt. Ich bin, wie ihr sicher bemerkt habt, ein Verfluchter. Wir werden in der Regel direkt ausgesetzt oder ermordet, denn es heißt, in unseren Augen brennt das dämonische Feuer.“
Chada unterbrach ihn. „Wer behauptet das? Kein Priester würde so etwas verkünden!“
Santalion lächelte sie traurig an. „Du musst doch inzwischen gelernt haben, dass Priester ebenso wie alle Menschen zu Taten fähig sind, die du dir nicht vorstellen möchtest. Außerdem besteht ein großer Unterschied zwischen dem, was die Priester predigen und dem, was das Volk glaubt. Deshalb werden Verfluchte nach ihrer Geburt getötet. Doch meine Eltern sind nicht wie die meisten anderen. Sie weigerten sich, ihr kleines, unschuldiges Kind zu ermorden. Ihre Liebe war größer als ihre Furcht vor sozialer Ausgrenzung. Durch meine Existenz haben Mertos und Cera die ihre verloren. Der Hass der anderen Menschen war so groß, dass sie ihre Heimat verlassen und sich in Werftheim ansiedeln mussten.“
Santalion blieb stehen und auch wenn die rote Iris im Halbdunkel nicht hinter dem grünen Glas zu erkennen war, war Chada sich sicher, dass er seine Zuhörer fest fixierte.
„Hier wurden sie fast schon automatisch Mitglied im Kult der Drei Mächte. Dieser Kult ist wegen der vielen Mitglieder, die als absonderlich gelten, der einzige Ort, an dem man man selbst sein kann und nicht nur ein Verfluchter oder ein Aussätziger. Ein Jahr nach meiner Geburt gaben mir meine Eltern den Namen Santa-Lion, nach dem Heiligen Schwert, das die Welt ordnet. Aufgrund der schlechten Erfahrungen, die sie gemacht hatte, wurde ich hier unten aufgezogen. Hier konnte ich mit anderen Kindern spielen, ohne ausgegrenzt oder gehänselt zu werden. Ich konnte mit Kindern spielen, denen anderswo das Gleiche widerfahren wäre. Die Dunkelheit tat meinen empfindlichen Augen gut und ich wurde hier Demut und Hilfsbereitschaft gelehrt. Der Ehrwürdige Satarus, schon damals der Hohepriester, bemerkte meine Begabungen und förderte sie. Satarus ist der Mörtel, der diesen Kult zusammenhält. Er ist in Werftheim ein angesehener Bürger, der seinen Wohlstand einzig darauf verwendet, die Menschen zu versorgen, die von niemandem sonst als solche angesehen werden. Er verbringt die Hälfte seiner Zeit hier unten und die andere Hälfte in der Halle der Hafenmeister. Er lehrte mich Lesen und Rechnen und er hörte auch von den Augengläsern, durch die ein Mensch die Welt schärfer wahrnehmen kann. Es war seine Idee, dass man die Welt vielleicht auch dunkler anstatt schärfer machen könnte, er schickte seine Vorschläge zu den Silberzwergen und ließ meine ersten Gläser anfertigen. So konnte ich die Welt dunkler sehen und zugleich meine auffälligen Augen verbergen.“
Santalion war ein guter Erzähler. Das hatte Chada schon in der Fröhlichen Nixe bemerkt, als er von seinen Erlebnissen in der Nacht mit dem Schwarzen Herold berichtet hatte, doch jetzt lief er zu wahrer Höchstform auf und so spürte Chada, wie seine Worte sie ebenso fesselten wie die Stricke um ihre Gelenke.
„Also wurde die Bestie, die ich als Verfluchter nun mal bin, auf die Welt losgelassen. Und es stellte sich heraus, dass ich gar keine Bestie war, sondern nur ein Junge, der sein wollte wie alle anderen auch. Da ich bisher fast mein gesamtes Leben hier unten verbracht hatte, kannte ich jedes Mitglied des Kultes und half ihnen, wo immer ich konnte. Zusammen mit meinen Eltern baute ich ein neues Geschäft auf, das einigermaßen lief. Zu dieser Zeit war ich fünf Jahre alt. Doch in der Zwischenzeit war etwas geschehen: Meine Mutter Cera, von der Gemeinschaft, die hier unten entstanden war, immer faszinierter und immer mehr von der Welt und ihrer Grausamkeit angeekelt, fand hier unten Erfüllung. Und sie begann zu glauben. Nicht nur sporadisch, wie die meisten hier unten, sondern so fest und echt wie ansonsten nur Toras. Als meine Schwester geboren wurde, bestand sie darauf, ihr einen Namen zu geben, der nicht mehr so unverfänglich war wie Santalion, sondern der ihre Verehrung angemessen zum Ausdruck brachte: Kmar-Foria, Meeresmacht, nach den drei Mächten des Meeres, zu denen sie betete.“
Ein trauriges Lächeln machte sich auf Santalions blassen Lippen breit und Chada wusste intuitiv, dass es nicht gespielt war.
„Jahre vergingen. Wir hatten inzwischen ein eigenes Haus, aber noch immer kehrten wir oft hierher zurück. Es waren glückliche Jahre. Bis eines schönen Tages vor vier Jahren Ihr in den Norden kamt. Ihr habt großartiges getan und auch den Niedersten geholfen. Im Kult erntetet Ihr große Sympathien. Doch eines Tages zogt Ihr in den Kampf gegen Oktohan, den König der Tiefe. Und das Unmögliche geschah: Ihr besiegtet ihn! Ihr habt eine unserer Gottheiten getötet! Meine Mutter hasste Euch dafür, doch die meisten hier waren eher erleichtert. Eine Wesenheit weniger, die unsere wenigen Freunde und Verwandten bedrohen konnte, dass wir zuvor noch zu diesem Monster gebetet hatten, kümmerte uns wenig. Doch wir wurden schnell eines Besseren belehrt: Denn mit dem Tod Oktohans verschwand in der Bevölkerung die Furcht vor den Mächten des Meeres und ihnen fiel ein, dass es doch diesen schönen Kult gab, der zu Wesen betete, die offensichtlich doch keine Götter sein konnten, denn sie waren ja sterblich. Der Schutz, den wir durch die Angst vor den Mächten des Meeres erhalten hatten, erlosch. Und wir wurden wieder zu dem, was wir schon immer waren: Zu Sündenböcken! Denn an allem Übel in der Welt ist man niemals selber Schuld, sondern immer ein anderer. Und je mehr dieser anders ist, desto besser.“
Chada schluckte schwer. Sie wusste, dass Santalion mit seiner pessimistischen Sicht auf die Menschheit nicht ganz Unrecht hatte. All das Leid, dass die Menschen von hier unten bereits erlebt hatten, stützte seine Worte.
„Die Übergriffe häuften sich, die Feindschaft wuchs. Wir waren schon immer ein Geheimkult, niemand außer den Mitgliedern unseres Kultes wusste, wer genau wirklich zu uns gehörte. Aber es gab Gerüchte, und insbesondere um meine Familie häuften sich diese Gerüchte. Schließlich mussten wir den Kult verlassen und uns offen von ihm distanzieren. Etlichen anderen ging es ebenso wie uns und der Kult der Drei Mächte schrumpfte binnen einem Mond auf einen Bruchteil seiner alten Größe zusammen. Meiner Mutter brach es das Herz. Cera wurde verbittert und von Hass zerfressen, doch noch immer liebte sie uns, daher stimmte sie unserem Austritt zu. Doch das war noch nicht das Ende.“
Santalions Stimme bebte vor melancholischer Erregung und seine Gesten wurden noch ausfallender.
„Nach einiger Zeit gab es den Angriff der Schwarzen Kogge, und infolgedessen wurde Stinner zum Anführer der Menschen des Hadrischen Meeres. Wir verspürten wieder Hoffnung, wir glaubten, jetzt könnte es mit unserem Kult wieder aufwärts gehen. Denn Stinner war dafür bekannt, dass für ihn alle Menschen Menschen waren, unabhängig von ihrem Äußeren. Doch wir haben uns geirrt. Stinner war das Schlimmste, was dem Kult der Drei Mächte passieren konnte!“
Thorn begehrte auf. „Das stimmt nicht!“, rief er schwach. „Stinner ist genau so, wie du ihn am Anfang beschrieben hast. Er achtet jeden Menschen.“
Santalion zog seine Augengläser herunter und steckte das Tuch weg. Seine Augen funkelten bedrohlich und er setzte seine Geschichte fort: „Ihr habt vollkommen recht, Thorn. Er ist genau so. Aber er ist noch etwas anderes: Er ist voller Hass. Doch dieser Hass richtete sich nicht gegen uns Kultisten, das wären wir gewohnt. Doch nein, er bemitleidet uns arme, fanatische Narren, die ohne Sinn und Verstand zu falschen Götzen beten. Sein Hass richtet sich gegen den Kult als solchen. Er hält uns für so schlimm, wie wir in den unzähligen Schauermärchen dargestellt werden. Und er richtete sein ganzes Streben darauf, den Kult der Drei Mächte zu zerschlagen, nicht aus Bosheit, sondern aus Unwissen. Er lässt uns für unseren Glauben gnadenlos verfolgen, unterdrücken und hinrichten. Dabei sind die meisten Mitglieder des Kultes nicht mal wirklich religiös.“
In Chada regte sich ein schwacher Protest. Santalion stellte die Tatsachen falsch dar! „Einer der Propheten, Doran Meschot, verbietet es ausdrücklich, Andersgläubige für ihre sogenannte Ketzerei zu strafen. Noch niemals wurde in einem Land, das zu Mutter Natur betete, jemand seines Glaubens wegen hingerichtet.“
Santalion lachte bitter. „Das kommt ganz darauf an, wie man es betrachtet. Denn offiziell lautet der Grund für eine Hinrichtung niemals Ketzerei, sondern Rebellion, Hochverrat oder Mitgliedschaft in einer verbotenen Vereinigung. Für den Liquidierten ändert das allerdings nichts. Plötzlich mussten wir wieder in Furcht leben, denn Cera konnte nicht davon lassen, heimlich zu den Mächten des Meeres zu beten. Wir beschlossen in Stinners Nähe zu ziehen, in der Hoffnung, dass er nach den Ketzern nicht direkt vor der eigenen Haustür suchen wird. Doch unser Leben ist nicht mehr wie früher. Die alten Zeiten sind vergangen. Schon zum zweiten mal hatte meine Familie alles verloren. Wir waren gezwungen, unsere alten Freunde hinter uns zu lassen. Und das… ist meine Schuld. Meinetwegen mussten Mertos und Cera ihre alte Heimat nach meiner Geburt verlassen. Meinetwegen mussten sie Jahre ihres Lebens in diesem dunklen Keller verbringen. Meinetwegen wurde meine Familie in diesen Kult getrieben. Meinetwegen ist meine Mutter heute von Hass, Trauer und dogmatischer Frömmigkeit erfüllt. Meinetwegen müssen meine Eltern und meine Schwester in ständiger Furcht leben, entdeckt zu werden. Doch ich habe vor, meine Schuld zu begleichen.“ Tränen rannen Santalions bleiche Wangen herab. Mit einem metallischen Schaben zog er einen Dolch aus seinem Gürtel und sah die Helden bedeutungsvoll an.
„Nein, Santalion!“, rief Thorn und Drukil schnaubte bestätigend. Chada erkannte, dass durch den Schnitt im Oberschenkel des Gestaltwandlers, den Toras Wurfdolch ihm beigebracht hatte, bedenklich viel Blut geflossen war. Doch das war jetzt wohl ihre geringste Sorge…
„Mit unserem Tod wirst du deiner Familie auch nicht helfen.“, fuhr Thorn fort, noch immer geschwächt durch seine Verletzungen. „Wir haben Oktohan erschlagen, aber der Tod dieses Untiers kann für dich doch kein Grund sein, uns zu meucheln.“
Durch den Tränenschleier blickten Santalions rote Augen auf den Dolch und eine Augenbraue wanderte in die Höhe, eine schrecklich vertraute Bewegung. „Ihr habt noch immer nichts begriffen! Ich hatte niemals vor, Euch ein Leid zuzufügen. Als ich die Botschaft des Schwarzen Heroldes vernahm, da mischten sich in mir Furcht und Hoffnung. Furcht vor den unheilvollen Ankündigungen und Hoffnung, endlich etwas unternehmen zu können. Ich überbrachte die Worte des Herolds Stinner. Ich überzeugte ihn, einen Falken zu schicken, mit dem er Euch persönlich zu sich rief. Denn es war allgemein bekannt, dass ihr, ebenso wie Stinner, selbst die Geringsten hochschätzt, dass die Bedrohten von Euch Beistand erhalten. Und Ihr wart Freunde von Stinner. Es war klar, dass Ihr den Tempel des Meeres suchen würdet. Und ich wollte Euch dafür direkt in den Kult bringen, damit Ihr alles mit eigenen Augen sehen könntet. Wenn Ihr bemerken würdet, dass wir keine verblendete Gemeinschaft von Fanatikern sind, sondern nur eine Gruppe von unterschiedlichsten Menschen, die in Frieden leben wollen, und wenn Ihr Stinner das sagen würdet, würde er dann nicht von seinen Repressionen gegen den Kult absehen? Würde er uns nicht vielleicht sogar zulassen?“
Chada spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog. War es so einfach? War das wirklich sein ganzer Plan gewesen, oder spielte er ihnen nur wieder etwas vor? Doch wozu, sie befanden sich in seiner Gewalt, er könnte tun, was er wollte. Er hatte es nicht länger nötig, sie anzulügen. Santalion hatte recht, sie waren wirklich Narren gewesen. Er hatte sie belogen, doch er hatte nichts Böses im Sinn gehabt. All die Feinde, die sie bisher gehabt hatten, ließen den Gedanken, jemand könnte ihnen die Wahrheit vorenthalten, ohne ihnen schaden zu wollen, gar nicht mehr zu. Warum hatte er ihnen nicht einfach von Beginn an die Wahrheit gesagt?
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, fuhr Santalion fort: „Als Ihr ankamt, fürchtete ich zuerst, mein Plan sei zum Scheitern verurteilt. Ihr wart von Vorurteilen ebenso verseucht wie jeder andere, ihr hattet nicht das geringste Verständnis für den Kult. Ich wusste, nur, wenn Ihr den Kult selbst erlebt, könnte sich das ändern. Dennoch gab es drei Probleme: Erstens wurdet Ihr erkannt. Dass ich Toras klargemacht hatte, dass ich so tun wolle, als sei ich neu im Kult, hatte natürlich zu viel Neugierde geführt. Leanders blaue Haut war selbst hier unten zu auffällig, also rief Toras mich am nächsten Tag zu sich. Ich konnte Eure Identität nicht mehr leugnen, ich musste improvisieren. Ich ließ den Kult eine Falle stellen, in der eben jener Priester, der Eure Fragen beantworten könnte, in einem gesonderten Raum wäre, der auch durch einen zweiten Gang zu erreichen ist. Das zweite Problem war ein etwas zu neugieriger Krieger.“
Santalion lächelte Thorn besänftigend an. Chada sah ihn unter dem großen Verband um seinen Schädel die Augen niederschlagen.
„Natürlich belauschte Thorn ausgerechnet den Teil mit der Falle und ließ sich auch nicht mehr besänftigen. Doch dann gelang es, Thorn lebend zu fangen, wenn auch leider verletzt. Aber immerhin bot das sogleich einen Grund für den Ehrwürdigen Satarus, in einem abgetrennten Raum zu bleiben. Das dritte Problem war, dass Ihr mich etwas zu früh enttarnt habt. Nachdem Thorn das Gespräch belauscht hatte, war klar, dass ich nicht, wie anfänglich geplant, für immer so tun könnte, als sei ich zusammen mit Euch dem Kult zum ersten mal begegnet. Also wollte ich Euch aufklären, sobald ihr Thorn befreit und von Satarus die gewünschte Information erhalten hättet. Doch Ihr seid auch so darauf gekommen. Leider etwas zu früh... Den Rest kennt Ihr.“, schloss Santalion und plötzlich tat es Chada leid, dass sein Augenglas zerbrochen war.
„Wir kennen noch nicht den ganzen Rest.“, entgegnete Leander. „Eines hast du noch nicht verraten, nämlich, wie es jetzt weitergeht. Was hast du mit uns vor?“
Santalion hob den Dolch. „Es gibt nur eine Möglichkeit.“, sagt er und trat vor Leander. Dann stieß er zu.

Entsetzt schrie Chada auf. Doch Leander bekam entweder nichts vom Dolchstoß mit oder hatte Santalions Absicht schneller verstanden, jedenfalls bewegte er sich nicht. Santalion durchtrennte die Fesseln um die blauen Handgelenke mit beachtlicher Präzision, anschließend zerschnitt er auch die Stricke um die Füße des Sehers. Das gleiche wiederholte er bei den anderen Helden. Chadas Hände prickelten unangenehm, als das Blut wieder hineinschoss, ihre Handgelenke waren aufgeschürft.
„Bitte!“, wandte Santalion sich an die ehemaligen Gefangenen. „Ihr habt diesen Kult erlebt, Ihr habt möglicherweise nicht die besten Erfahrungen gemacht, doch verratet ihn nicht an Stinner. Denkt darüber nach, ob Ihr ihn nicht doch lieber davon überzeugen wollt, den Kult der Drei Mächte nicht länger zu verfolgen.“
Chada dachte an den rachsüchtigen Toras, dessen Dolche sowohl Thorn als auch Drukil verwundet hatten. Sie dachte an die alte Cera, deren Hass die Helden von Andor noch immer begleitete. Sie dachte an den grausamen Oktohan, an die Geschichten, die sie über die anderen Mächte des Meeres gehört hatte. Doch sie wusste, dass auch Gläubige von anderen Religionen zu schlimmen Taten fähig waren. Sie wusste, dass all die armen ausgestoßenen Kultisten sich hier unten eine Gemeinschaft aufgebaut hatten, in der es deutlich humaner zuging als draußen in den Gassen. „Wir versprechen gar nichts!“, antwortete sie leise.
Drukil trat zu Santalion und einen Moment fürchtete Chada, er wolle sich für den Dolch rächen, den er von Toras in sein Bein bekommen hatte, doch er sah ihn nur zweifelnd an und fragte: „Wo sind die anderen? Was macht der Kult der Drei Mächte?“
„Vor der Tür sind zwei Wachtposten, aber die stellen für Euch doch sicher kein Problem dar.“, berichtete Santalion. „Die übrigen versuchen sich zu einigen, was sie mit Euch tun wollen. Wir sollten von hier verschwinden, ehe sie zu einem Entschluss kommen.“
Im schwachen Schein der Lampe konnte Chada sehen, wie Thorn seinen bandagierten Kopf schüttelte. „Wir brauchen noch Informationen über den Tempel des Meeres.“
Santalions rote Augen huschten zweifelnd über seine Gestalt. „Macht Euch nicht lächerlich. Schaut Euch doch an, zwei von Euch sind verletzt, Ihr seid unbewaffnet und der Kult ist in Alarmbereitschaft. Ihr könnt froh sein, wenn Ihr von hier entkommen könnt.“
Chada nickte. „Es sieht wohl so aus. Lasst uns abhauen.“

Vor der Tür standen Kanuta und Vudun, sie trug Thorns Schwert am Gürtel, er hielt Leanders Stab, was urkomisch aussah, da der Zwergenwüchsige nur etwa halb so groß war wie der Stock des Sehers. Bei ihrem Auftauchen rissen beide panisch die Augen auf. Kanuta versuchte das Schwert aus Thorns Scheide zu ziehen, doch da war Chada schon bei ihr, rammte ihren Ellenbogen in den Bauch ihrer Kontrahentin und presste ihr die Hand auf den Mund.
Vudul fuchtelte mit dem viel zu langen Stab unbeholfen in der Luft herum, um die Helden auf Abstand zu halten. Als er Santalion erblickte, stockte er und rief: „Lauf! Warne die anderen!“
Diesen Moment nutzte Leander, um ihm seinen Stab zu entwinden. Vudul versuchte, ihn zu behalten, im nächsten Moment wurde Chada dadurch abgelenkt, dass Kanuta sich aus ihrem Griff zu befreien versuchte. Doch die Frau besaß keine Kampferfahrung und erstarrte endgültig, als Santalion vortrat, um Vudul überraschend seinen Dolch an den Hals zu halten.
„Santa! Was soll das? Was hat das zu bedeuten?“, fragte er, noch zu erstaunt, um sich verraten zu fühlen.
„Es tut mir Leid, Vudul. Aber ihr hättet sie getötet, um nicht von ihnen an Stinner verraten zu werden. Doch bedenke nur, welche Folgen das hätte: Sie sind Stinners Freunde. Er weiß, dass sie nach uns suchten, wenn sie von dieser Suche nicht zurückkehren, was würde er wohl tun? Er würde noch entschiedener gegen uns vorgehen! Was er dem Kult bisher angetan hat ist nichts im Vergleich zu dem, was er noch tun könnte. Es ist nicht garantiert, dass sie uns nicht verraten werden, aber wenn wir sie töten, dann ist unser Ende trotzdem sicher.“
Chada begriff nun endlich, was hinter Santalions scheinbarer Großherzigkeit steckte. Er hatte sie nicht um ihrer selbst Willen befreit, das war klar. Doch bisher war Chada davon ausgegangen, es ginge ihm um die Chance, sie könnten Stinner in seinem Kampf gegen den Kult der Drei Mächte umstimmen. Aber Santalion hatte vollkommen recht, Stinner bedeuteten Freundschaft und Ehre sehr viel. Er würde sich verpflichtet fühlen, Rache zu üben, um ihren Tod wiedergutzumachen, um wenigstens ihre Mörder noch der Gerechtigkeit zuzuführen. Wenn einer von uns hier unten stirbt, dann ist jegliche Hoffnung auf Überleben für den Kult verschwunden, wurde Chada klar.
Santalion wartete Vuduls Antwort nicht ab, sondern schlug ihn mit dem Knauf des Dolches gegen die Schläfe, sodass der kleine Mann die Augen verdrehte und zusammenbrach, ehe er wusste, wie ihm geschah.
In diesem Moment unternahm Kanuta einen erneuten Versuch, zu entkommen. Sie biss Chada in die Hand und entriss sich ihr. Ihre blaue Robe flatterte und Chada erkannte, dass sie eine weitere Priesterin des Kultes seine musste. Sie versuchte, den Gang hinunter zur großen Halle zu laufen, doch Leander streckte geistesgegenwärtig seinen Stab aus und Kanuta stolperte darüber. Ehe sie sich auch nur umdrehen konnte sauste das knotige Ende des Stabes zielgenau auf ihren Kopf zu und schlug sie bewusstlos.
Thorn gürtete zufrieden sein Schwert und Leander zog seinen Stab wieder auf den Rücken. Chada fand sich damit ab, dass ihre Dolche ebenso zurückbleiben würden wie Drukils Schwert.

Es stellte sich heraus, dass der Raum, in dem sie auf so unfreundliche Weise untergebracht worden waren, nicht grundlos die Erste Kammer genannt worden war. Sie war, wenn man von außen kam, die erste vom Hauptgang abzweigende und lag deshalb am nächsten am Ausgang. Dass der Kult seine Gefangenen ausgerechnet dort eingekerkert hatte, wo es zur Flucht nur noch ein kleiner Schritt war, zeigte, wie unerfahren seine Mitglieder in diesen Dingen waren. Die Helden von Andor machten sich eilig auf den Weg, das Heiligtum zu verlassen.
Sie waren noch keine drei Schritte weit gekommen, als hinter ihnen ein zorniger Aufschrei ertönte. Wie auf Kommando blieben Chada, Thorn, Leander und Drukil stehen, auch Santalion erstarrte. Die Kultisten waren am anderen Ende des Ganges erschienen, Toras an der Spitze.
„Nein!“, brüllte er hasserfüllt. „Sie sind entkommen! Sie haben Santalion in ihrer Gewalt! Lasst ihn gehen, Helden von Andor!“
Auch Satarus erschien; als er erkannte, dass seine Gefangenen tatsächlich ausgebrochen waren, erbleichte er. „Lasst sie nicht entkommen!“, rief der Ehrwürdige verzweifelt. „Sie dürfen diesen Ort nicht verlassen, sonst wird Stinner uns alle ermorden lassen!“
Am liebsten hätte Chada vor Frust aufgeschrien. Dieser gütige, kluge, offene Mann, den Santalion beschrieben hatte, entpuppte sich in dieser Situation als Narr! War er nicht imstande zu erkennen, dass die Helden wegen einer harmlosen Information hergekommen waren, nicht aufgrund von Stinners Verfolgung? Wenn sie nur kurz reden könnten, ließe sich vielleicht sogar alles aufklären. Doch diese Gelegenheit bekamen die Helden nicht, denn schon rannten, humpelten und hüpften alle Anhänger des Kultes der Drei Mächte nach vorne, Verzweiflung in ihrem Gesicht. Sie waren überzeugt, die Helden würden sie Stinner ausliefern und es schien unmöglich, sie davon abzubringen. Ganz vorne war der riesige, bucklige, gutmütige Bag, ein unglückliches Gesicht ziehend, direkt dahinter Toras, erneut einen Wurfdolch in jeder Hand.
„Verdammt, warum jetzt schon?! Flieht!“, flüsterte Santalion und die Helden von Andor rannten davon. Die Nacht in der Zelle hatte Chadas Muskeln steif werden lassen, Thorn und Drukil waren verwundet und Leander konnte ihren Weg nicht sehen und bei dieser Masse an Geräuschen wohl auch nicht hören. Dennoch fielen ihre Verfolger langsam zurück. Santalion rannte neben ihnen her, die übrigen Mitglieder des Kultes dachten wahrscheinlich, er verfolge sie ebenfalls.
Endlich erschien vor Chada der Raum mit der Leiter. Drukil kletterte als erster empor, gefolgt von Thorn, der dabei leicht schwankte. Dann folgte Leander und Chada, die noch immer unten wartete, erkannte erleichtert, dass sie es alle schaffen würden. Sie blickte nach oben und erklomm die ersten Sprossen, als plötzlich Thorns entsetzter Schrei erscholl: „Chada! Nein!“ Sie blickte überrascht zurück. Zu spät.


Auch Toras hatte erkannt, dass die ihm so verhassten Helden entkommen würden. Santalion unternahm aus irgendwelchen Gründen keinen Versuch sie aufzuhalten, das hieß, sie würden diesen Ort lebendig verlassen können! Sie würden den Kult der Drei Mächte an Stinner verraten, sie würden den Glauben an die göttlichen Mächte des Meeres auslöschen! Das durfte nicht geschehen! Sie aufzuhalten war er sich selbst schuldig, seinen Freunden im Kult und den Drei Mächten. Doch er wusste, dass die Helden in gewisser Weise seinem heiligen Kult nicht unähnlich waren. Auch sie achteten aufeinander, ließen niemanden zurück. Und das war ihre Schwäche. Wenn auch nur einer von ihnen fallen würde, würden die anderen bleiben. Und dadurch könnte man sie noch aufhalten! Sie waren zu weit entfernt, um sie noch einzuholen. Blieb nur eine letzte Möglichkeit: Toras hob seinen Arm und warf den Dolch.
Es war ein perfekter Wurf. Der Dolch beschrieb einen silbernen Bogen durch die Luft, rotierte elegant um die eigene Achse und flog rasend schnell auf die letzte Heldin zu, die noch immer an der Leiter hing. Die Entfernung war größer als alles, was Toras je geschafft hatte. Er wusste, der Segen seiner Götter lag auf der Waffe. Sie war wunderschön, alles an ihr war makellos. Der kleine silberne Wurfdolch war wie eine Naturgewalt, ein silberner Blitz, der sich genau in sein Ziel bohren würde: Das Herz der grün gewandeten Gestalt. Der Krieger mit blauem Umhang, der schon seine Erfahrung mit einem von Toras´ Wurfdolchen gemacht hatte, schrie etwas. Er streckte unendlich langsam seinen Arm herab, um seine Kampfgefährtin aus der Flugbahn zu stoßen. Er würde es nicht ansatzweise schaffen. Toras´ Triumph stand bevor.



Schwimm wie ein Fisch, lauf wie ein Hirsch, spring wie ein Hase, kämpf wie ein Bär, lautete eine Weisheit der Bewahrer. Chada hatte sich immer darüber gewundert, schließlich war ein Hirsch zu deutlich weiteren Sprüngen imstande als ein Hase, während ein Feldhase einen Menschen im Wettlauf durch dichtes Unterholz ebenso mühelos abhängen konnte wie ein Hirsch. Doch jetzt hätte Chada selbst der Hopser eines Hamsters genügt, um aus der Bahn des Dolches zu gelangen. Aber als sie das silberne Schimmern in der Luft als das identifizierte, was es war, war es schon lange zu spät. Sie hatte im Laufe der Jahre gute Reflexe erworben, doch all das nützte ihr nichts, denn der Dolch war zu schnell, zu scharf, zu tödlich.

Um den Sprung, den er bewältigte, hätte Santalion sogar ein Hirsch beneidet. Eben noch stand er einige Schritte entfernt, im nächsten Moment war er bereits genau dort, wo auch der Dolch war. Und der Dolch, der sich mit absoluter Sicherheit in ihr Herz gebohrt hätte, fand ein anderes Ziel. Santalion sackte zusammen und keuchte, dann spürte Chada von oben einen Stoß und sie fiel von der Leiter. Thorns Versuch, sie zu retten, kam deutlich zu spät. Chada prallte hart auf dem steinernen Boden auf, doch sie spürte es kaum. Sie kroch zu der Stelle auf dem Boden, an der der verwundete Santalion lag. Er hat eine ganze Reihe Rippen, an denen so ein Dolch abprallen kann, sagte sie sich, doch sie wusste, dass der Dolch eine solche Kraft aufgebaut hatte, dass er auch Rippen durchschlagen könnte. Aber dennoch, es gab Stellen, in die ein Dolch sich bohren könnte, ohne direkt tödlich zu sein. Sie hatte von Reka die Kunst des Heilens gelernt, auch Leander war darin bewandert, und Satarus, der Priester des Kultes.
Dann war Chada da und drehte Santalion auf den Rücken. Der Dolch hatte sich in die Brust genau zwischen zwei Rippen geschoben, knapp links der Mitte. Chada hatte schon öfter getötet als geheilt, sie wusste, wo bei einem Menschen das Herz lag. Und Santalion war ein Mensch, kein Monstrum, keine Bestie, kein Verräter, kein Verfluchter. Ansonsten hätte vielleicht noch Hoffnung auf Heilung bestanden, doch so kam jede Hilfe zu spät.


Toras erstarrte genau im Türeingang. Er versperrte den Durchgang für die anderen, doch das war egal. Vor ihm kniete die Frau in grün auf dem Boden, unter ihr eine schmerzlich vertraute Gestalt mit bleichem Haar und roten Augen. Santalion lag am Boden, und sein, Toras´, Dolch steckte in der Brust. Der Dolch, der doch für die andere bestimmt gewesen war. Der Dolch, der das falsche Ziel gefunden hatte. Toras war Söldner gewesen, schon oft hatte er mit seinen Dolchen getötet. Niemals hatte er es bereut, doch dieses eine mal wünschte er, er könnte seinen Wurf ungeschehen machen. Er spürte, wie ein gutturaler Ton sich seiner Kehle entrang. Tränen liefen über die roten Pusteln auf seinen Wangen. Dieser Dolch war von den Drei Mächten nicht gesegnet, sondern verflucht gewesen! Toras hob seinen zweiten Dolch. Chada kniete vor ihm, beachtete ihn gar nicht. Auch sie war ergriffen von Santalions Opfer, das Toras noch immer nicht verstand.
Ein einziges mal noch würde Toras töten, das wusste er jetzt. Danach nie wieder. Die grüne Gestalt kniete bewegungslos vor ihm. Warum nur hatte Santalion sich für diese wertlose Gottesmörderin geopfert? Toras hatte nicht vor, es zu erfahren. Er würde den Willen seines Freundes akzeptieren. Sein blanker Dolch hob sich und bohrte sich tief in seine eigene Brust. Das war der letzte Mord, den Toras begehen wollte.



Das Blut, das sich über Santalions Mantel ergoss, war so rot wie seine Augen. Santalion verzerrte das Gesicht vor Schmerz, doch als er Chada erkannte, die über ihm kniete, lächelte er fast. Mühevoll glitten seine weißen Finger in eine Tasche und zogen die Augengläser heraus. Das linke Glas war noch immer zerbrochen und sie waren von Blut bedeckt, doch Santalion streckte ihr sie entgegen. Chada war klar, dass er wollte, dass seine Familie von seinem Tod erfuhr. Sie ergriff die Gläser vorsichtig und schluchzte auf. Dann blickte sie erneut in diese roten Augen und sah die unausgesprochene Bitte darin. Überzeuge Stinner und rette den Kult! Chada beugte sich herab und hauchte Santalion etwas ins Ohr. „Ich verspreche es.“ Drei kleine Worte nur, doch das Flehen in seinem Blick verwandelte sich in Erleichterung.„Meine Schuld … beglichen.“, flüsterte er kaum hörbar.
Dann starb Santalion Bantor, Sohn des Mertos Bantor. Der tapfere selbstlose junge Mann, der nicht immer ehrlich zu ihnen gewesen war, aber niemals schlecht. Und sie war Schuld an seinem Tod. Ihre Unbeherrschtheit, ihre impulsive Art. Sie hatte Santalion enttarnt, ehe er sie genau dorthin führen konnte, wo sie Thorn und Satarus vorgefunden hätten. Ohne diese Tat wäre der Plan nicht so entsetzlich schiefgegangen. Sie hatte Santalion ermordet. Bringt Santa heil nach Hause, hört ihr? Kmarforias Stimme schien von den Wänden ihres Kopfes widerzuhallen, bis ihr Schädel bersten wollte.
Wenn einer von uns hier unten stirbt, dann ist jegliche Hoffnung auf Überleben für den Kult verschwunden. Niemals hatte Chada ihre eigenen Gedanken mehr gehasst. Santalion hatte sich nicht für Chada selbst geopfert, sondern damit seine Familie und seine Freunde im Kult sich nicht länger Verfolgung und Unterdrückung zu unterwerfen hatten. Wie hätte sie seine letzte Bitte ablehnen können?
Thorn war inzwischen herabgestiegen, er legte seine verbundene Hand auf ihre Schulter und zog sie sanft, aber bestimmt, von Santalions Leichnam fort, zu der wackeligen Leiter an der Wand. Er war nicht grundlos vorsichtig, doch Chada war sich sicher, dass der ganze Kult viel zu entsetzt über Santalions plötzlichen Tod war, um sie jetzt noch aufzuhalten.
Als sie das obere Ende der Leiter erreicht hatte warf sie noch einen letzten Blick zurück. Im Licht der Morgensonne, das durch die Löcher im Dach und die offene Falltür nach unten schien, konnte Chada trotz der Tränen in ihren Augen erkennen, wie ein Mann in einer blauen Robe zu der bleichen Gestalt trat und ihr die roten Augen schloss, während auch über sein Gesicht Tränen rannen. Chada erhaschte einen letzten Blick auf einen buckligen Riesen, der in seine gigantischen Arme zwei tote Gestalten presste und herzerweichend aufjaulte. Dann schlug die Klappe zu und verbarg Santalion vor ihren Augen.
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j - Der Tempel des Meeres

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:05

j – Der Tempel des Meeres

Sonnenhoch, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Hafen von Werftheim, Hadrisches Meer

Es war schon Mittag, als die Helden von Andor wieder die Aldebaran II erreichten. Die Matrosen, die Santalion angeheuert hatte, standen an Deck und unterhielten sich gelangweilt.
Leander lauschte kurz ihrer belanglosen Konversation, ob das richtige Kalfatern von Planken mit Holzteer oder Pech besser möglich sei, dann betrat er die schmale Stiege, die unter Deck führte und hörte, wie die anderen ihm folgten.
„Wir müssen nach Klippenwacht!“, forderte Chada leise. „Ich habe Santalion versprochen, seinen Wunsch zu erfüllen und mit Stinner über den Kult zu sprechen.“
Leander drehte sich um. „Hast du ihm auch versprochen, wann du das tun wirst?“, fragte er in ihre Richtung. „Falls du es vergessen hast, wir sind noch immer auf der Suche nach dem Tempel des Meeres.“
Leander fand Chadas Reaktion auf Santalions Tod überzogen. Sie kannten ihn erst seit zwei Tagen, drei, wenn man den Tag ihrer Ankunft in Klippenwacht mitrechnete. Aber das war nur eine kurze Begegnung am Steg gewesen. Auch er hatte den klugen Jungen in sein Herz geschlossen, Santalion war ihm auf Anhieb sympathisch gewesen. Er hatten ihn gut verstanden, schließlich war auch er selbst einst ein Ausgestoßener gewesen. Und selbstverständlich bedauerte er seinen Tod. Doch wirklich trauern konnte er nicht, dafür hatten sie sich noch nicht lange genug gekannt. Sicher, er war selbstlos gestorben, aber das war nicht nur, wie Chada annahm, ihre Schuld, sondern auch Santalions eigene. Sein Plan war fehlgeschlagen, er war nicht gründlich genug gewesen. So viele andere waren gestorben, die den Tod ebenso wenig verdient hatten, wenn Leander um jeden trauern würde, dann käme er gar nicht mehr zu etwas anderem.
Aber Chada gelang es. Sie konnte es trotz der unzähligen Dinge, die sie in dieser Hinsicht längst hätten abstumpfen müssen, noch immer. Und eben das machte sie so menschlich, dass alle ihr etwas bedeuteten, dass sie sich über jedes Leben freute, jeden Toten betrauerte, dass sie sich eine gewisse Unbeschwertheit bewahrt hatte, dass sie trotz ihrer Leidenschaft sowohl in Freude als auch in Trauer stets die Hoffnung wahrte und sich einfach weigerte, zu verlieren. Leander verstand sie nicht. Wie war so etwas möglich? Man musste doch aus seinen Erfahrungen lernen, man musste erkennen, dass Verluste manchmal unvermeidbar waren. Dass einem solche Verluste mit der Zeit weniger bedeuteten war eine natürliche Abwehrreaktion, bis hin zu Earas vollkommen emotionslosem Weg des Eises. Eara konnte er verstehen. Aber mit Chada gelang es ihm nicht. Allerdings wusste Leander, dass Chada, wenn es darauf ankam, sich nicht unnötig belastete, dass sie genau dann um die Opfer weinte, wenn es möglich war. Sie wurde nicht schwach durch ihre Gefühle, weil sie sie auch unter Kontrolle halten konnte. Zumindest in extremen Situationen.
Momentan wäre ihm Eara an Chadas Stelle jedenfalls deutlich lieber gewesen, denn die Bogenschützin verlangte nun, dass Santalions Familie benachrichtigt würde und dass man mit Stinner über den Kult der Drei Mächte spräche. „Jeder Tag, den wir warten, kann weitere Unschuldige das Leben kosten!“
„Und wie viele werden vielleicht sterben, wenn es uns nicht gelingt, mehr über diesen Ewigen Rat herauszufinden?“, entgegnete Leander aufgebracht. Er wusste, dass Eara vernünftiger gehandelt hätte.
Doch sie war nicht hier und Chada bekam nun auch noch von Thorn Unterstützung: „Leander, wie sollen wir denn noch etwas herausfinden? Unser Versuch, etwas im Kult zu erfahren, ist gescheitert, wir werden den Tempel schlecht durch Raten finden, und uns bleiben noch etwa neun Stunden, um dort zu erscheinen. Und den Ort, an dem sich der Schwarze Herold mit Callem treffen wird, werden wir wohl kaum herausfinden.“
Leander wünschte, er könnte sich endlich entscheiden, fast so sehr, wie er sich wünschte, er müsste gar nicht erst zwischen den Helden von Andor und seinem Bruder wählen. Die Gelegenheit, den Tempel der Drei Mächte aufzuspüren, war wohl vertan, damit hatte Thorn recht. Aber solange noch genug Zeit war, um bis zum alten Treffpunkt Callems zu gelangen, wollte Leander sich nicht festlegen. Vielleicht würden sie diesen Tempel ja doch noch finden?
„Wir wissen, dass der Tempel des Meeres irgendetwas mit Arkterons heiligem Tier zu tun hat. Toras hat das erwähnt.“, versuchte er es erneut, doch jetzt sprach sich sogar Drukil gegen ihn aus. „Vergiss es, Leander! Hat einer von euch eine Ahnung, welches Tier das sein könnte? Wenn nein, dann können wir gleich aufgeben.“
Alle waren sie gegen ihn! Er konnte nicht fassen, dass die Helden von Andor so schnell zum Aufgeben bereit waren. Aber einen Trumpf hatte er noch im Ärmel: „Wir wissen, wer uns etwas über den Tempel sagen könnte.“, begann er, doch er wurde von Chada unterbrochen. „Auf keinen Fall gehen wir zurück ins Heiligtum des Kultes! Wir haben schon genug angerichtet.“
Leander seufzte entnervt. „Bitte, Chada, auch ich möchte nicht zurück dorthin. Wer weiß schon, ob wir noch einmal so viel Glück haben und entkommen können. Nein, ich dachte an etwas anderes: Santalion hat uns erzählt, dass der Ehrwürdige Satarus ein angesehener Bürger ist, der die Hälfte seiner Zeit in der Halle der Hafenmeister verbringt. Wir könnten versuchen, ihn dort zu treffen und ihm von unseren wahren Absichten zu berichten.“
Die anderen waren nicht begeistert, aber es war immerhin eine Aussicht, den Tempel zu finden. Sie wussten selbst, dass es wichtiger war, mehr über den Ewigen Rat und die Absichten des Schwarzen Herolds in Erfahrung zu bringen, als einen Tag eher in Klippenwacht aufzutauchen. „Wenn wir bis zur Abenddämmerung nichts herausfinden, dann fahren wir nach Klippenwacht. Und wenn wir doch herausbekommen, wo der Tempel des Meeres sich befindet, dann schicken wir einen der Seeleute zu Stinner.“, lautete schließlich Leanders Vorschlag, mit dem alle einverstanden waren.


Früher Nachmittag, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Halle der Hafenmeister in Werftheim, Hadrisches Meer

Die Halle der Hafenmeister war groß und laut, das waren zumindest ihre hervorstechendsten Eigenschaften. Ein turmhoher Holzbau, wie Leander anhand der knarzenden Balken genau hören konnte, der sich direkt am Meer in die Steilufer Werftheims grub. Hier war der zweite Markt von Werftheim; kleiner, teurer und exklusiver. Die Händler waren leiser, unterhielten sich gepflegter und boten die Luxusgüter feil, die das einfache Volk sich nicht leisten konnte. Hier verkehrten die lokalen Eliten Werftheims, die heimlichen Herrscher der Stadt. Zwar existierte auch ein Rathaus, das sich, wie Leander aufgeschnappt hatte, wohl in repräsentativer Lage stolz auf dem höchsten Hügel der Stadt aufrichtete, aber die zentralen Entscheidungen wurden hier in den gepolsterten Zimmern bei einem Gläschen Schnaps gefällt, das mehr kostete als so manches Schiff.
Die kleine Gruppe suchte sich ihren Weg zu einem Mann mit näselnder Stimme, der ihnen für einen kleinen Obolus Auskunft über die wahrhaft Mächtigen Werftheims geben konnte. Einen Satarus kannte er nicht, aber das überraschte Leander nicht im geringsten. Wenn er als mächtiger und wohlhabender Bürger in einem verbotenen Geheimkult mitwirken würde, dann würde er dort auch nicht seinen wahren Namen nennen. Das musste nicht Feigheit sein, sondern einfach eine ratsame Vorsicht. Wenn Satarus tatsächlich so wichtig war, wie Santalion beschrieben hatte, dann wäre es töricht, im Kult mit echtem Namen aufzutreten.
Nach einer ermüdenden Zeit, in der Chada versuchte, den Priester nach bestem Ermessen zu beschreiben, spuckte der Mann drei Personen aus, auf die ihre Beschreibung passen würde: Merkatus Tion Taal, Sainus Teren Maltus und Degor Artos Versikker Asaal. Je angesehener und wohlhabender die eigene Familie war, desto länger wurde der eigene Name, das war in Werftheim Tradition. Die Vertreter der beiden größten Handelsfamilien hatten jeweils mindestens fünf Namen, einige sogar acht, was wohl ziemlich lästig war, aber einen hohen Status bedeutete.
Sie besuchten als erstes Degor Artos Versikker Asaal, den einzigen mit vier Namen, doch sofort raunte Thorn ihm zu, dass dieser Mann es nicht sei. Unter einem Vorwand verabschiedeten sie sich wieder und besuchten die Orte, an denen die anderen sich meistens aufhielten. Allerdings waren sowohl Merkatus als auch Sainus nicht anwesend, weshalb sie beschlossen, sich aufzuteilen. Thorn wollte vor der Tür von ersterem warten, Drukil entschied sich für letzteren. Leander, der Satarus natürlich nicht erkennen würde, wollte zwischen den beiden hin und her pendeln, falls einer der beiden Händler zwischenzeitig auftauchte.
Chada dagegen verzog sich in eine kleine Privatbücherei, in welcher sie hoffte, mehr über den Tempel des Meeres oder das heilige Tier Arkterons herauszufinden. Natürlich wurden horrende Summen verlangt, wenn man hineinwollte und noch mehr, wenn es darum ging, Bücher auszuleihen, doch das war schließlich Werftheim. Für genug Geld gab es hier alles, ohne gar nichts.
Etwa zwei Stunden ging Leander auf direktem Wege zwischen Thorn und Drukil hin und her und bezweifelte schon bald, dass einer der beiden Bürger noch erscheinen würde. Er stellte sicher, dass die beiden Helden nicht auf den ersten Blick zu erkennen waren, denn sie wollten Satarus ja nicht direkt vertreiben, trotzdem erschien niemand.
Schließlich hielt Leander es nicht mehr aus und besuchte Chada in der Bücherei. Die beiden Wächter am Eingang befragten ihn misstrauisch – sie waren es gewiss nicht gewohnt, dass ein Blinder Einlass begehrte – doch er bezahlte den verlangten Eintritt, und so wurde er eingelassen. Er konnte hören, dass der Raum nur klein war, es war anscheinend eher ein Zimmer mit einigen Regalen an der Wand denn eine Bücherei, die diesen Namen auch verdiente, aber immerhin führte das dazu, dass Chada ihn sofort bemerkte.
„Leander.“, flüsterte sie, obwohl außer ihnen niemand im Raum war. „Ist etwas? Habt ihr etwas herausgefunden?“
„Das gleiche wollte ich dich fragen.“, antwortete Leander in normaler Lautstärke.
„Ich habe tatsächlich etwas gefunden!“, antwortete Chada aufgeregt und Leander war froh, dass sie es war, die hier die verstaubten Bücher las und nicht einer der anderen. Sie war zwar mitunter etwas ungeduldig, doch sie hatte schon von klein auf gelesen und war es gewohnt, wichtige Informationen zu entdecken und in kurzer Zeit lange Texte zu überfliegen. Thorn dagegen fühlte sich mit einem Schwert in der Hand wohler als mit einer Schriftrolle, und Drukil konnte gar nicht lesen.
„Arkterons heiliges Tier ist ein Vogel!“, flüsterte Chada.
Leanders Freude schrumpfte. „Wie, ein Vogel? Ein bestimmter? Oder einfach generell ein Vogel? Mehr hast du nicht?“
„Nein, mehr habe ich nicht!“, antwortete Chada eingeschnappt. „Das ist die kleinste, unordentlichste und wahlloseste Büchersammlung, die ich kenne. Das hier ist keine Bücherei, sondern eine verranzte Sammelstelle für aussortierte Schriften. Sei froh, dass ich überhaupt etwas gefunden habe. Hier, aus dem Tagebuch eines Reisenden, der aus verworrenen Gründen in die westlichen Ausläufer des Fahlen Gebirges kam: Der Schnee glänzt weiß in der Sonne. In der Ferne sehe ich Arkterons heiligen Vogel nach Beute suchen und einige Kiefern klammern sich an die Bergflanken.
„Von wegen, du weißt nicht mehr!“, protestierte Leander fröhlich. „Es handelt sich offensichtlich um einen bestimmten Vogel, einen Greifvogel, der auch im Gebirge vorkommt und der groß genug ist, dass man ihn auch aus der Ferne sehen kann. Mindestens ein Bussard von der Größe her, würde ich sagen.“
„Er muss nicht im Gebirge vorkommen.“, widersprach Chada. „Der Händler sieht ihn in der Ferne, das kann auch außerhalb der Berge sein, im Rietland oder über der See.“ Leander akzeptierte diesen Einwand widerwillig.
„Trotzdem, das engt die Auswahl erheblich ein. Schau nach, ob du irgendetwas findest, was...“
„Leander, was denkst du, was ich hier tue? Ich komme schneller voran, wenn du mich nicht ablenkst.“
Der Seher schwieg betroffen und setzte sich dann auf den Boden in der Ecke. Jetzt, wo er schon dafür bezahlt hatte, hier zu sein, konnte er auch noch warten. Er kam sich so nutzlos vor! Weder konnte er Satarus finden, noch konnte er Chada bei ihren Nachforschungen helfen. Ob er eine kleine Vision wagen sollte? Doch er verspürte nicht die geringste Lust, die Dunkelheit erneut sehen zu müssen.
Leander versenkte sich in seine alte Hütte, in deren Abbild er sein Gedächtnis gespeichert hatte. Er hatte viel über die Mächte des Meeres gehört im Laufe seines langen Lebens, so viel, dass es unmöglich war, Wahrheit und Seemannsgarn zu entwirren. An einen Tempel des Meeres konnte er sich nicht erinnern und wenn er alles durchsuchen wollte, dann wäre er bis zur verabredeten Zeit, zu der der Schwarze Herold sich mit den Mächten des Meeres treffen wollte, noch lange nicht fertig. Doch es gab vielleicht eine andere Möglichkeit.
Wie magisch wurde Leanders Blick von dem Ebenholzkasten angezogen. Er war nur eine schwache Hoffnung, das war ihm bewusst, aber letztendlich war die Wahrscheinlichkeit, in den Perlen auf nützliche Informationen zu stoßen, noch immer am größten. Seine blauen Finger strichen über das schwarze Holz, über den roten Samt im Innern. Sein Blick glitt über die sieben Erinnerungen in einer Reihe und er entschloss sich, chronologisch vorzugehen. Die Schichten der dritten Perle wiesen verschiedene Schattierungen zwischen weiß und silbergrau auf. Mit dem Schliff waren verwirrende Muster entstanden, Wellen, Spiralen, Kreise. Das vom Perlmutt reflektierte schwache Licht seiner Vorstellung bildete faszinierende Bilder, verzerrte Schemen aus Silber und Licht. Vorsichtig berührte Leander die Perle und aus dem Licht wurde Dunkelheit.


Sonnenhoch, 63 Sommertag 42 A.Z.
Steinbronn, Andor
Als Leander in den Schatten des Baumes mit den leise raschelnden Blättern trat, wurde es unter seinem langen Mantel sofort merklich kühler. Die Hitze des Sommers war schier unerträglich.
„Wacht auf!“, murmelte er ebenso leise wie vergeblich, also stieß er mit dem schlichten Holzstock vor sich gen Boden. Das Ende traf auf weiches Fleisch und ein zorniges Stöhnen ertönte. „Wacht auf, Auserwählter!“, forderte Leander herrisch.
„Was … Schwarzer Priester? Ihr seid zurück?“ Leander hörte, wie der Bauer sich aufrappelte, während die Müdigkeit in seiner tiefen Stimme langsam dem Zorn wich. „Ihr wagt es allen Ernstes, mir erneut unter die Augen zu treten?“
„Ich habe mein Versprechen nicht vergessen. Doch auch wenn die Häscher des Lügenkönigs mich noch immer verfolgen, zwangen die Umstände mich leider dazu, hierherzukommen.“
„Und mich zwingen die Umstände bald dazu, mich an Euch zu vergreifen. Verschwindet und haut ab, ehe ich mich vergesse!“
„Auserwählter, mäßigt Euch! Wir beide folgen SEINEM Ruf.“
„Ich will mich aber nicht mäßigen!“, rief Seban trotzig wie ein kleines Kind. „Ich habe das Heilige Buch durchsucht, und ich habe die Stelle gefunden, in der vom Auserwählten die Rede ist.“
Dieses Heilige Buch hatte Leander in seinen Visionen gesehen. Es stammte wohl aus der Anfangszeit der Tarok-Sekte, die Leander vor etwa sechshundert Jahren vermutete. Einige der wenigen Einwohner des Drachenlandes hatten begonnen, den Drachen als Gott zu verehren und einem der Gläubigen war eine Übersetzung der neunundneunzig Feuertafeln in die Hände gefallen. Ob es berechnende Machtgier oder blinde Frömmigkeit gewesen war wusste Leander nicht, jedenfalls hatte er oder sie in denjenigen Pergamentbögen, die als passend erachtet wurden, den Namen Fornur durch Tarok ersetzt. Spätestens seit dieser Zeit hatte die Sekte viele der alten Rituale des zwergischen Feuergottes übernommen und leicht umgewandelt. Der Glaube an Fornur war damals bereits so selten geworden, dass die Parallelen den wenigen Eiferern vermutlich nicht aufgefallen waren. Nachdem Leander herausgefunden hatte, woher die Sekte des letzten Drachen ihr Heiliges Buch hatte, war es ihm ein Leichtes gewesen, an die Originale zu kommen. Der zehnte Orakelspruch der Rauchgesegneten deckte sich mit seinen Visionen, er war vermutlich eine echte Prophezeiung. Also hatte Leander ihn für seine Zwecke gedeutet.
„Ein Auserwählter wird erscheinen, von einem dunklen Priester geleitet. Er wird opfern sein eigen Fleisch und Blut, den Segen des Flammenbringers zu erlangen. Mit der Macht des Blutes gekrönt wird er als letzter Gläubiger ein dunkler Bote sein, seines Gottes Wort zu verkünden, seines Gottes Ankunft zu bereiten.“, spie Seban ihm entgegen und Leander verzog unter seiner Kapuze das Gesicht. Welcher Stümper hatte diese Prophezeiung aus dem Zwergischen in die Gemeine Sprache übertragen? Sie war ihrer gesamten Melodie und Lyrik beraubt worden, außerdem hatte der Unbekannte
Motacâr mit Bote übersetzt. Und Mrat hieß schwarz, nicht dunkel, Leander hatte sein Pseudonym schließlich nicht grundlos gewählt!
„Ihr seid dieser dunkle Priester, und Ihr wolltet mich zum Auserwählten machen.“, fuhr Seban wütend fort. „Aber ich werde niemals mein eigen Fleisch und Blut opfern, ist das klar? Ganz egal ob Ihr mich darum bittet oder ER, ich werde das nicht tun!“
„Ich kann Euch nur leiten, Auserwählter, nicht zwingen.“, sagte Leander beschwichtigend. „Doch wenn ER das Leben Eures Sohnes wünscht, so ist es Euch beiden eine große Ehre, diesen Wunsch zu erfüllen.“
„Ihr wusstet es also wirklich! Geht! Geht, Schwarzer Priester, und kehrt nicht mehr zurück!“
„Ich bin nicht grundlos hier! Ich habe Euch noch eine Warnung zu überbringen, Auserwählter: Brandur ist auf Euch aufmerksam geworden. Seine Männer werden bald hierherkommen, Ihr müsst fliehen! Nördlich des Freien Marktes steht ein toter Baum, an dem früher Verbrecher aufgeknüpft wurden, im Volksmund Krähenstamm genannt. Wendet Euch von dort nach Westen, bis Ihr zu einer verfallenen Hütte kommt. Dort ist mein Versteck, Ihr drei könnt bei mir unterkommen.“
Seban lachte verächtlich. „Für wie dumm haltet Ihr mich? Jetzt, wo Ihr um Euren Einfluss auf mich fürchtet, wollt Ihr mich zu Euch locken; das ist Euer Plan! Selbst wenn meine Frau nicht krank wäre, würde ich nicht in Eure offensichtliche Falle laufen.“
„Es ist keine Falle, Auserwählter! Riskiert nicht Euer Leben und das Eurer Familie! Wenn nicht zu mir, dann flieht woanders hin, wichtig ist nur, dass Ihr verschwindet, ehe die Brandstifter des Königs hierherkommen. Und Euer Weib ist übrigens nicht krank.“
Seban murmelte einige Verwünschungen und wandte sich ab. „Sie hat Euch gebeten, nach Heilpflanzen zu suchen.“, rief Leander ihm hinterher. „Stachelige, hellgrüne Blätter zwischen dem Rietgras, nicht wahr? Hat sie Euch auch erzählt, dass Gelbkralle ein starkes Pyretikum ist? Das angebliche Heilmittel hat ihre Krankheit erst verursacht, Auserwählter! Es erzeugt das Fieber!“
„Lasst mich mit Euren Lügen in Ruhe, Schwarzer Priester!“, schrie Seban aufgebracht.
„Sie tat es, um Euren Sohn zu schützen. Wel sollte im Auftrag des Königs auf eine gefährliche Reise ins Graue Gebirge, also stellte sie sich krank, um ihn davon abzuhalten! Fragt sie danach, Auserwählter! Und wenn Ihr hört, dass ich die Wahrheit sagte, dann werdet Ihr womöglich erahnen, dass auch meine Warnung ehrlich gemeint war.“
Leander wartete auf eine Antwort, doch die Schritte des Bauern waren nicht mehr zu hören.


Später Nachmittag, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Obergassen in Werftheim, Hadrisches Meer

Leander dachte noch lange über die Erinnerung nach, ließ seine Gedanken abschweifen, ohne voranzukommen. Schließlich stand er steif auf. Langsam war er müde geworden, doch in letzter Zeit versuchte er, immer möglichst selten und dafür so lange wie möglich am Stück zu schlafen. Er hatte keine Ahnung, ob das die Chance auf eine Vision verringerte, doch auch nur die Möglichkeit darauf war es ihm wert. Diese verfluchte Dunkelheit! Seit Monden schon hatte er keine bewusste Vision mehr herbeigeführt, alles nur, um von diesem einen grauenhaften Bild nicht länger gequält zu werden. Leander verließ die kleine „Bücherei“, wurde am Ausgang besonders gründlich von den Wachtposten abgetastet und machte sich dann als erstes auf den Weg zu Thorn.

Als die Sonne unterging, hatten sie noch immer nicht mehr herausgefunden, also gingen sie zum Hafen zurück. Die Aldebaran II schaukelte sacht und Leander verspürte kurz wieder den Drang, zur Bordwand zu rennen, doch noch konnte er sich beherrschen. Chada wies die Seeleute an, sich zum Ablegen bereit zu machen. Unter Deck versammelten sich die Helden erneut, um zu besprechen, wie es weitergehen würde, nachdem sie in Klippenwacht gewesen waren.
Leander hörte kaum zu, denn er hatte einen inneren Kampf auszufechten. Callem oder die Helden? Familie oder Freundschaft? Letztendlich traf er die gleiche Entscheidung wie zuvor und entschied sich für einen Mittelweg, der ihm noch alle Optionen offenhielt.
„Ich hatte eine Vision!“, log er lautstark. „Während ich in der kleinen Bücherei ein Nickerchen gehalten habe, sah ich die gleichen Bilder wie in meiner letzten Vision, doch dazu noch ein weiteres Bild. Es zeigte...“ Er wurde unterbrochen, als das Rufen der drei Matrosen auf Deck noch lauter wurden. Sie erzählten sich wohl einige Geschichten von ihren vergangenen Abenteuern.
„… konnte mich nur mit einer Hand am Seil festhalten, der Regen ließ es glitschig werden. Der Meerestroll schlug mit seiner riesigen Schere nach mir, aber da gelang es mir, mich zur Seite zu schwingen. Die Strömungen um Sturmtal sind tückisch, doch ich konnte sie genau einschätzen und wusste den Schwung zu nutzen, den sie unserem Schiff...“
„Ruhe da oben!“, schrie Leander. „Ihr werdet zum Arbeiten bezahlt, nicht zum Faulenzen.“ Doch die Seemänner konnten oder wollten ihn nicht hören.
„Was laberst du denn da? Hast du Möwenschiss im Hirn? Um Sturmtal gibt es kaum Strömungen! Ich sage Euch, wenn ihr nach Strömungen sucht, dann sucht um den Adlerschnabel herum. Diese Klippe ist wirklich heftig. Einmal, als ich...“
„Ruhe da oben!!!“, rief Leander noch lauter und dieses mal verstummten die Matrosen.
„Leander!“, mahnte Thorn. „Nun spann uns doch nicht dermaßen auf die Folter. Ob sie da oben irgendetwas von den Klippen brüllen, die sie besucht haben...“
Plötzlich sprang Leander auf. Seit seinem Besuch in der Bücherei schon hatte er wieder an seine Visionen denken müssen, insbesondere an die letzte. Neben dem Falken mit gespreizten Fängen, Themauras´ Text, Varkurs Grab, der Rietgraskrone, dem gefesselten Wolf und dem roten Hahn hatte er etwas gesehen, das jetzt plötzlich Sinn ergab.
„In meiner Vision tauchte auch ein Bild auf, das ich schon kannte!“, rief Leander enthusiastisch.
„Uns interessiert aber eher das, was wir noch nicht…“ begann Drukil, doch Leander ignorierte ihn.
„Drei Säulen im Mondschein. Drei! So viele, wie es einst Mächte des Meeres gab. Und das alles auf einer dunklen Klippe mitten im Meer. Wo wäre ein passenderer Ort für den Tempel des Meeres? In der Ferne sehe ich Arkterons heiligen Vogel nach Beute suchen… Ein großer Greifvogel, der im Gebirge vorkommt, oder zumindest von dort aus zu sehen ist? Wie wäre es mit einem Adler? Welches heilige Tier wäre für den Herrn der Stürme besser geeignet als der König der Lüfte? Es gibt eine Klippe, die Adlerschnabel heißt? Ich würde sagen, wir haben den Tempel des Meeres gefunden!“
Leander erklärte das alles deutlich überzeugter, als er tatsächlich war. Es ergab Sinn, war aber nur eine Hypothese. Seine Vision könnte auch einen anderen Ort gezeigt haben. Aber dass es ausgerechnet drei Säulen waren? Die Vermutung, dass es sich tatsächlich um den Tempel für die Mächte des Meeres handeln könnte, lag nahe.
Die anderen waren von seinen Worten überzeugt, genau wie Leander gehofft hatte. Sie mussten jeder möglichen Spur nachgehen, nur dann könnte er einen Verrat umgehen.
Chada rannte nach oben, um einen der Matrosen mit einer Botschaft für Stinner und Santalions Augengläsern für seine Familie nach Klippenwacht zu senden. Als er das Schiff verlassen hatte, nannte sie den beiden Verbliebenen ihr neues Ziel. Sie hatten noch genau zwei Stunden, um den Adlerschnabel zu erreichen.


Frühe Nacht, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Klippe
Adlerschnabel, Hadrisches Meer
Es war eine Punktlandung. Fast zwei Stunden nach Sonnenuntergang kamen sie in der Nähe des Adlerschnabels an. Der Anker wurde herabgelassen und die vier Helden stiegen in ein kleines Beiboot, das sie unauffällig zur Klippe bringen sollte.
Leander war mittlerweile selbst davon überzeugt, dass er mit seiner Vermutung richtig lag. Es war einfach zu passend. Alles ergab Sinn!
Das Boot legte lautlos am Rand der Klippe an und die vier kletterten die schroffen Felsen empor. Säulen sahen die anderen nicht, doch Leander hatte ihnen erklärt, dass seine Bilder auch symbolisch gemeint sein konnten. Drei Säulen für die Wesenheiten, die die Balance des Meeres stützten?
Er wurde in einen engen Spalt gelotst, in den sie sich verkrochen. Laut den Angaben der anderen konnten sie hier die gesamte Klippe überblicken, ohne selbst gesehen zu werden. Natürlich war fraglich, ob die Mächte des Meeres sie nicht dennoch bemerken würden. In diesem Fall wäre Flucht das Mittel der Wahl, denn Drukil war noch immer unbewaffnet, Thorn verletzt und niemand bei Verstand kämpfte gegen zwei der Mächte des Meeres zugleich. Hoffentlich blieben sie unbemerkt.

Einige Zeit verstrich und langsam begann Leander sich Sorgen zu machen. Hatte er sich geirrt? War dies doch nicht der Tempel des Meeres? Aber was sonst sollte eine Klippe mit drei Säulen darstellen?
Hatte er etwas übersehen? Er ließ die Bilder seiner Vision vor seinem inneren Auge ablaufen. Der rote Hahn? War unverständlich, aber eindeutig in der Nähe der Rietburg anzusiedeln.
Der gefesselte Königswolf? War kein Anhaltspunkt.
Die Rietgraskrone? Trug Chada nach wie vor um ihren Hals, zwischendurch war sie auch an Bord der Aldebaran II geblieben, bisher keine Besonderheit. Vermutlich ein Symbol für die Königsherrschaft, möglicherweise auch für Chada selbst. Aber eindeutig nichts, was in Zusammenhang mit dem Tempel des Meeres stehen könnte.
Die drei Säulen hatte er schon lange genug bedacht, sie stellten für ihn eindeutig den Tempel dar, zumal ein Halbmond sie beleuchtet hatte. Vor sieben Tagen war Vollmond gewesen, das würde passen. Es war der Tempel, da war sich Leander sicher. Und er stand auf einer Klippe. Waren sie also am richtigen Ort?
Varkurs Grab? War es das überhaupt? Doch Eara war sich sicher gewesen, und ihrem Urteil konnte man in der Regel vertrauen.
Der Text? Möglicherweise auch der Tagebucheintrag, den Chada heute gefunden hatte. Das spräche allerdings eher dafür, dass sie hier am richtigen Ort wären. Doch letztendlich vermutete Leander, dass es sich um den Text von Themauras handelte, schließlich war der Oberste Bewahrer ein Seher gewesen..
Der Falke mit gespreizten Fängen? Wenn es sich um die Schrift von Themauras handelte, dann wohl das Tier, das sie überbrachte. Insbesondere dann, wenn Eara sie tatsächlich in Hadria fand.
Vielleicht in einer der anderen Visionen? Leander hatte Klippenwacht, Sturmtal und Silberhall gesehen, doch nichts davon deutete auf den Tempel des Meeres hin. Und der silberne Gegenstand, der im Meer versinkt? Der war zu vage, er könnte fast alles sein. Aber war wohl etwas klein für einen Tempel...
Leander kam zu dem Schluss, dass sie hier richtig waren. Doch inzwischen war bereits der vierte Teil einer Stunde vergangen und nichts hatte sich getan. War es möglich, dass die Mächte des Meeres und der Schwarze Herold sich verspäteten? Wohl kaum. Vielleicht waren die Helden bemerkt worden und die Besprechung wurde an einen anderen Ort verlegt. Oder der Tempel war mehr als nur ein heiliger Ort, vielleicht gab es hier irgendwo einen versteckten Eingang und unterirdisch besprachen sich ihre drei Feinde, während sie hier in der Kälte lagen.
Oder… hatten die beiden Seeleute womöglich einen Fehler gemacht? Sie waren von Werftheim aus zwei Stunden gesegelt und dann an einer Klippe angekommen. In dieser Zeit war der Adlerschnabel zu erreichen, aber vielleicht hatten die Matrosen die falsche Klippe angelaufen? Leander rief sich die Karte, die er einst gelernt hatte, in Erinnerung: Echsenfinger, Hirschhuf, Skralklaue, Wolfstatze, Falkenkralle, Nixenschwanz … Aber man konnte doch wohl erwarten, dass erfahrene Matrosen auch bei Dunkelheit wussten, wo die einzelnen Klippen zu finden waren. Nein, wenn nicht bald noch jemand auftauchte, dann war der Fehler bei ihnen zu suchen.
Plötzlich fiel Leander etwas auf, eine kleine Ungereimtheit in seiner Logik: Wenn der Falke das Tier zeigte, das Themauras´ Text überbrachte, warum war dann kein Röhrchen um sein Bein gebunden gewesen? Er war auch nicht schneeweiß gewesen wie das mystische Tier aus Hadria, das angeblich gedachte Botschaften überbringen konnte. Und seine außergewöhnlich großen Krallen waren weit gespreizt, auch in ihnen war gewiss keine Botschaft zu finden. Aber was bedeutete das schon? Dann würden sie wohl eines Tages auf einen Falken stoßen, der eine Bedeutung hatte. Und besonders große Krallen…
Leander fluchte laut, was die anderen im Spalt zusammenzucken ließ. Er hatte doch selbst gesagt, dass seine Bilder nicht immer genau so zu verstehen waren, wie das, was man sah. Sondern mitunter auch symbolisch! Was, wenn die Vision sich gar nicht auf den Falken selbst bezog, sondern auf seine Krallen? In der Ferne sehe ich Arkterons heiligen Vogel nach Beute suchen… Sie waren so nahe dran gewesen! Die Klippe zeigte tatsächlich den Tempel des Meeres. Und der Falke zeigte die Klippe!
Falkenkralle! Sie hatten sich den falschen Ort ausgesucht. Leander kletterte mühsam aus dem nassen Felsspalt und sagte zu den anderen Helden: „Sie kommen nicht mehr!“
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Zwischenspiel I – Die beste Möglichkeit

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:06

Zwischenspiel I – Die beste Möglichkeit

Frühe Nacht, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Klippe
Falkenkralle, Hadrisches Meer
Aus dem schäumenden Meer hob sich eine dunkle Klippe. Ein dunkler Schemen schoss unter der Wasseroberfläche dahin. Die Silhouette war langgezogen, schlangenhaft. Dann brach Kenvilar, die Tückische, aus dem Wasser. Ihre Haut glänzte im Mondlicht und ihre nassen grünen Haare fielen in zwei dicken, gewundenen Zöpfen auf ihre bloße Brust. Sie schwamm zu dem Tempel, den die Anhänger der Dreieinigkeit vor vielen hundert Jahren, als sie noch zahlreich und mächtig gewesen war, errichtet hatten. Als sie die zerklüftete Klippe mit ihrem doppelt mannshohen Stab antippte, erschien aus Meeresschaum und Kondenswasser ein filigranes Gebilde auf der Klippe, das Abbild eines schon vor Jahrhunderten von den Elementen geschleiften Tempels. Im nächsten Moment zerstob das feuchte Kunstwerk und ein Heulen erhob sich, umtoste die Falkenkralle und formte sich zu einem Wesen ganz aus Wasser und Wind, dessen Stimme sich zu einem bestialischen Brausen vereinigte. „Wo bleibt er?
In diesem Moment erschien als dunkler Umriss vor dem halben Mond ein kleiner Schatten mit gezackter Maske. „Da kommt er schon, Arkteron. Und sieh nur, seine Aura ist eindeutig! Es ist ganz, wie wir befürchtet hatten!“
Wir bleiben bei unserem Plan!
„Natürlich! Der Schwarze Herold kann uns viel bieten, aber er spielt ein Spiel, dessen Einsatz er nicht kennt. Und wenn er es verliert, muss er mehr bezahlen, als er kann.“
Aber wir kennen den Einsatz!
Kenvilar nickte bestätigend. „Wir halten uns an den Plan. Es ist die beste aller schlechten Möglichkeiten.“
Kurz legte sich der kalte Wind, dann brauste der Sturm wütend: „Er hat den König der Tiefe sterben sehen! Er war dabei! Und wenn er es nicht gewesen wäre, dann wäre Oktohan heute noch am Leben. Es ist seine Schuld!
Kenvilar schnaubte abfällig. „Ja, es ist seine Schuld. Und die Oktohans, weil er seine Opfer gerne ansieht, bevor er sie versenkt. Die Feuchtigkeit in der Sehne der Ballista ist Schuld. Und die Kälte des Wassers. Und eine Möwe fünf Meilen entfernt. Und der leichte Wind an jenem Tag. Ein Wind von dir, Herr der Stürme.“
Wie hätte ich ohne den Schwarzen Stein ahnen sollen …
„Das konntest du nicht. Ebenso wenig wie ich, oder Oktohan. Oder er. Wir alle sind Schuld und keiner von uns. Es ist müßig, darüber nachzudenken. Im Übrigen haben wir jetzt keine Gelegenheit für Rache!“
Keiner von beiden sagte mehr etwas, bis der Schwarze Herold heran war. Die drei Wesen sprachen miteinander. Nach einer Aufforderung des Schwarzen Herolds drehte Kenvilar nur ihren Stab und wie aus dem Nichts erschienen einige verrottete Dinge. Die Mächte des Meeres hielten sich genau an den Plan. Schließlich nickte der Schwarze Herold, hob die geballte Faust und ein helles, blaues Glühen drang zwischen den schwarzen Fingern hervor und erfüllte die Luft um die Falkenkralle. Kurz strahlte es besonders hell, dann erlosch es ebenso wie der tosende Wind. Eine schlangenhafte Gestalt zerfiel zu einem großen Haufen blaugrauen Staubs, der im Meer verteilt wurde. Der Schwarze Herold drehte sich in der Luft und flog rasch hinfort.


Und an der tiefsten Stelle in Hadrias Unterwelt weiteten sich viele schmale Risse ein winziges Stück.
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k - Verborgene Feinde

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:06

k – Verborgene Feinde

Morgendämmerung, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Dunkles Grab in der Feste von Yra, Hadria

Eara erwachte in vollkommener Dunkelheit. Um sie her war es warm und finster wie im Magen eines riesigen Tieres. Sie streckte ihren Arm aus und ihr Stab legte sich von alleine hinein. Auf der gegabelten Spitze erstrahlte eine dunkelblaue Kugel und beleuchtete den Kampfplatz. Die Wände der Gruft waren von halb geschmolzenen Kacheln bedeckt, nicht länger glatt und schwarz, sondern uneben, übersät mit geplatzten Blasen und Schlackeklumpen. Ein hässlicher verwaschener Braunton dominierte, wo das einst gefrorene und jetzt festgebackene Erdreich unter den abgeplatzten Kacheln zum Vorschein gekommen war. Vom schwarzen Basaltsarg war nur noch ein Trümmerhaufen übrig, von Varkurs Überresten nichts als Asche.
Eara erhob sich und betrachtete das Bild, das sich ihr bot. Innerlich war sie vollkommen ausgelaugt. Sie hatte ihre Lektion gelernt: Es war unklug, sich so zu verausgaben. Beinahe hätte die Begegnung mit dem Schwarzen Herold ihr Ende bedeutet, beinahe wäre sie von ihrem eigenen Zauber ausgelöscht worden. Ihr Schutzwall gegen die Flammen hatte ihre letzten Reserven gefressen, noch ein wenig mehr und sie wäre nie mehr aufgestanden. Sie nahm sich vor, in Zukunft besser mit ihren Kräften zu haushalten. Sie war sehr, aber nicht unbegrenzt mächtig. Sie ließ die von ihrem Feuer noch immer warme Gruft hinter sich und trat in die Kälte des jungen Morgens.
Zuerst widmete sie sich dem Zauberbann, der ihr permanent Kraft raubte. Als sie ihn auflöste, fühlte es sich an, als sei ein großes Gewicht von ihr genommen worden. Endlich konnte die arkane Kraft wieder ungehindert in sie zurückfließen und die Wunden flicken, welche die Überanstrengung geschlagen hatte.
Was hatte sie erfahren? Offensichtlich hatte der Schwarze Herold ein Interesse an Varkurs Überresten gehabt. Auch eines ihrer Haare hatte er in seinen Besitz gebracht. Doch weshalb? Hätte ihm das Macht über sie verliehen? Und hieß das im Umkehrschluss, dass der Knochen, den er erbeutet hatte, ihm Macht über Varkur verlieh? Aber der Dunkle Magier war tot, was hätte er davon?
Und in wessen Auftrag war er unterwegs? Der Schwarze Herold war vor zehn Jahren gestorben und hatte sich ihnen seither niemals alleine in den Weg gestellt. Auch jetzt besuchte er die Mächte des Meeres und die Schwarze Kogge für diesen Ewigen Rat, wohl um sich mit ihnen gegen die Helden von Andor zusammenzutun. Doch zugleich behauptete er, seine alten Verbündeten würden vernichtet, wenn sie sich gegen den Ewigen Rat stellten. Was war das nur für eine Institution? Wer verbarg sich hinter dem Ewigen Rat?
Nach einer Weile ging Eara zu dem Gebüsch, hinter dem des nachts die sechs Gestalten gehockt hatten. Doch es war nichts mehr zu sehen, der Neuschnee hatte alle Spuren verschluckt. Wer sie wohl gewesen waren? Natürlich begünstigte es ihre Pläne, wenn Zauberer des Turmes und des Feuers zusammen unterwegs waren, doch mitten in der Nacht? Vielleicht hatten sie etwas Verbotenes getan. Weshalb sonst sollten sie sich um diese Zeit an einem verlassenen Ort wie diesem treffen?
Eara kniete sich hin und spähte durch die Zweige des Gebüschs auf die quadratische Lichtung mit Varkurs Grab. Waren es einfach einige neugierige junge Zauberer gewesen, denen ihr Schlaf weniger wichtig gewesen war als die Erkenntnis, weshalb sie es verboten hatte, sich dem Mahnmal zu nähern? Falls ja hatten sie nicht viel gesehen, nur zwei Schatten, die durch die Schneedecke in die Gruft flogen und einen, der wieder herauskam. Jetzt konnte Eara ihr Verbot zumindest aufheben, Leanders Vision hatte sich bewahrheitet. Oder?
Sie erhob sich wieder und schüttelte den Schnee von ihrer Robe, wobei sie die unzähligen Brandflecken bemerkte, von denen sie hoffte, sie mögen auf dem schwarzen Stoff nicht auffallen.

Sie folgte dem Hauptweg zum Turm der Erleuchtung; es interessierte sie, ob die Hohen Zauberer wieder ihre Versammlung abhielten. Doch als sie das Eingangstor durchschritt, stockte sie. Eine große Menschenmenge hatte sich gebildet, die neugierig einen riesigen Schriftzug an der Wand betrachtete, die Worte gewaltsam in den Stein geschlagen.

Der Orden des Feuers ist wie Öl, das man in die Glut schüttet, um ein Feuer zu entfachen.
Der Orden des Turms ist wie Wasser, das man in einen Brand schüttet, um ihn zu löschen.
Wollen wir es wirklich riskieren, beide zugleich in die Flammen zu geben?


Eara betrachtete die Menge. Hauptsächlich Novizen, einige Zauberer aus beiden Orden. Und fast alle wirkten nachdenklich, als ob der Spruch sie allen Ernstes überzeugte. Als man sie bemerkte, wichen die Menschen beiseite und tuschelten.
Gundeyn, wie immer dabei, wenn es irgendwo eine große Ansammlung gab, bahnte sich seinen Weg und huschte zu Eara. „Keiner will den Schmierfinken gesehen haben. Was sollen wir tun?“, flüsterte er ihr ins Ohr, wobei er sich auf Zehenspitzen stellen musste.
Earas raunte zurück: „Versuche, es als Verbrechen darzustellen. Randalierer, die diese alten Steine mit ihren obskuren Ansichten verschandeln. Eine Beschmutzung dieser altehrwürdigen Gemäuer, du weißt schon. Ich möchte, dass der Hass der Menge sich nicht mehr gegen denjenigen richtet, der Wasser und Öl mischen will, sondern gegen denjenigen, der diese Wände beschädigt hat.“
Gundeyn nickte und ein boshaftes Grinsen huschte über seine pummeligen Züge. Dann tauchte er wieder in der Menge unter. Eara dagegen trat an die Wand, bis sie die Schrift berühren konnte. Sie schloss ihre Augen und versuchte vergeblich, den Einsatz von Zauberei oder Dunkler Magie zu erspüren. Anscheinend waren die Steine tatsächlich mit schnöden Werkzeugen bearbeitet worden. Das war zwar eine Spur, aber dennoch hätte sie sich etwas anderes gewünscht.
Sie warf erneut einen raschen Blick auf die Menge: Nur Novizen und einige niedere Zauberer. Niemand, der etwas bemerken würde. Sie ignorierte den Protest der Stimme der Schwäche, presste ihre Hand auf die Wand und spürte, wie der Stein sich unter Einfluss ihrer Dunklen Magie verformte, wie er sich kaum merklich veränderte. Mit bloßem Auge war keine Modifikation zu erkennen, doch ein erfahrener Zauberer würde den Einfluss der Dunklen Magie sofort bemerken.
Dunkle Magie, die auf die Mauern Yras angewandt wurde! Die Zauberer des Turms würden toben und die Übeltäter alle bestrafen wollen. Und auch die Zauberer, die es vielleicht nicht so schlimm fanden, würden den Traditionsbruch bemerken, den die, welche angeblich doch gegen Veränderungen waren, begangen hatten. Selbst die schlimmsten Traditionalisten würden die Tat nicht gutheißen. Die Täter hatten sich vollkommen unglaubwürdig gemacht. Und dass es eigentlich gar nicht so war und die Dunkle Magie tatsächlich von Eara ausging, würden nur sie selbst wissen.


Später Vormittag, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Speisesaal in der Feste von Yra, Hadria

Schließlich versammelten sich die Hohen Zauberer im Speisesaal, Eara durfte diesmal auch anwesend sein. Sie hatte die Zauberer selbst zusammengesucht, heute musste eine Entscheidung fallen. Oberster Torven begann eine Diskussion, mit hochrotem Kopf und vor Wut bebender Stimme, und Eara gratulierte sich dazu, den Stein magisch verändert zu haben.
Schnell kam es zu einer Abstimmung. „Wer ist dafür, dass jeder Zauberer das Recht haben sollte, seine Meinung frei zu äußern und dafür auch die Flächen an den Wänden der Feste zu nutzen?“, fragte die einäugige Selarsa, Hüterin des Protokolls. Die Formulierung stammte natürlich von den Zauberern des Feuers, doch Selarsa hielt sich streng daran. Neun schwarz berobte Arme schossen in die Höhe.
„Und wer ist dafür, dass die Mauern Yras als Denkmal für künftige Generationen bewahrt und nicht gewaltsam mit Schrift versehen werden sollten?“ Elf Arme meldeten sich. Zehn Braune… und ein Schwarzer.
„Wer ist der Dissident?“, zischte Variah erbost und suchte die Reihe ihrer Hohen Zauberer ab. Ihr Blick blieb an den Hitars hängen, die gemeinsam für ein Verbot der Beschriftung gestimmt hatten.
„Es gibt keine Verpflichtung, so zu stimmen, wie der Oberste Zauberer des eigenen Ordens es fordert. Nur durch unsere starren Stimmabgaben und unsere Sturheit konnte die Versammlung im vergangenen Jahr solchen Schaden anrichten.“, sagte der schwarze Hitar und der braune ergänzte: „Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann wissen wir alle, dass keiner der Hohen Zauberer dafür war, das Einmeißeln frecher Sprüche zu gestatten. Diese Abstimmung kam nur zustande, weil die Obersten der Zwei Orden aus Prinzip gegeneinander stimmen mussten. Wir beide werden in Zukunft nicht mehr nach dem Wort eines anderen stimmen, sondern nur nach unserem eigenen Gewissen. Wenn ihr Übrigen weiterhin nach dem Gutdünken der Obersten stimmt, werden wir jede Abstimmung für uns entscheiden können. Aber wenn ihr in Zukunft nicht mehr darauf achtet, welcher Orden den Vorschlag einbrachte, sondern nur darauf, was ihr davon haltet, dann wird tatsächlich die Mehrheit entscheiden.“
Auf diese Ankündigung folgte verblüfftes Schweigen. Dann riefen die übrigen Zauberer durcheinander, jeder bemüht, seine eigene Meinung einzubringen. Eara lehnte sich entspannt zurück. Die Hitars hatten sich genau an ihre Anweisungen gehalten. Sie war auf die Versammlung der Zauberer nicht angewiesen, aber wenn sie ihre Befehle nicht nur mit ihrer Macht als Souveränin, sondern auch mit der Mehrheit in der Versammlung legitimieren könnte, war das sehr nützlich, um die einfachen Zauberer auf ihre Seite zu bringen. Noch wichtiger aber war ein Wechsel im Denken der Hohen. Momentan wurde Hitar von seinen eigenen Ordensgenossen als Verräter bestimmt, bei der nächsten Wahl würde es der andere Hitar sein. Und anschließend würden die Zauberer einsehen, dass es nichts brachte, sich widerspruchslos an die Meinung der Obersten zu halten.
Als Eara in die Eingangshalle zurückkehrte, waren die einfachen Zauberer und Novizen bereits damit beschäftigt, die Schrift abzudecken, und das noch bevor die Entscheidung der Versammlung überhaupt zu ihnen vorgedrungen war. In den Augen der Menschen stand Abscheu auf die Übeltäter und wenn jetzt jemand auch nur einen Kratzer in der Wand hinterlassen hätte, die Menge hätte ihn zerrissen. Man konnte regelrecht Angst vor Gundeyn bekommen.
Eara machte sich auf den Weg in die Bibliothek und überlegte dabei, wer die Schrift wohl hinterlassen hatte. Auf jeden Fall nicht Torven, er war erzürnt gewesen, wenn die Schrift in seinem Auftrag angebracht worden wäre, hätte er gewusst, dass in Wahrheit gar keine Dunkle Magie verwendet worden war. Jeder andere könnte es sein, von den Hohen Zauberern ebenso sehr wie aus den Reihen der niederen Adepten oder gar der Novizen. Der Vergleich mit Öl und Wasser könnte von Variah stammen, aber es dürften wohl auch andere in der Lage sein, mit ihren Worten Furcht zu säen. Das Entscheidende war, dass diese Person in der Lage gewesen war, Werkzeuge zu verwenden, deren Verschwinden niemand bemerkt hatte und von deren Geräuschen niemand aufgewacht war. Jemand, der klug genug war, nicht einfach mit Magie Zeichen in den Stein zu bohren oder mächtige Zauberei direkt zu verwenden, um die Schrift zu erschaffen, sondern keine Spuren hinterließ. Der Vorfall war harmlos und hatte ihrer Sache letztendlich sogar genützt, doch ihre Gegner waren nicht zu unterschätzen.


Sonnenhoch, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Bibliothek in der Feste von Yra, Hadria

Die Bibliothek Yras war in zwei Bereiche gegliedert: Die Vordere Abteilung war jedem zugänglich und enthielt etwa sechs Dutzend Basiswerke über Zauberei und Magie, einige trockene Lehrbücher über Grundlagenzauber sowie exemplarische Schriften über die Experimente, die in der Feste durchgeführt wurden. Der weitaus größere Bereich aber, die Hintere Abteilung, war verschlossen und nur Zauberer des Turmes durften die Bücher und Schriften dieses Bereiches studieren.
Hinter einem großen Tresen mit unzähligen Schubladen saß Marnus, der Bibliothekar. Er verwaltete die Bibliothek und sorgte dafür, dass niemand Unberechtigtes, insbesondere kein Zauberer des Feuers, die Hintere Abteilung betrat.
Bei Earas Eintreffen blickte er mürrisch auf. Ein einziges dickes Buch lag vor ihm, der Katalog der Bibliothek. Jedes einzelne Schriftstück war hier eingetragen und ermöglichte es Marnus, die gewünschten Bücher schnell zu finden.
„Was wollt Ihr, Souveränin?“, knurrte der Bibliothekar.
Eara stellte sich vor ihn und blickte kühl auf ihn herab. „Was wohl? Ich bin hier, um den Text von Themauras abzuholen, um den ich dich gestern gebeten habe. Ich wäre schon vorher hierhergekommen, doch ich wurde aufgehalten, weil irgendwelche Rabauken die Wand der Eingangshalle mit Dunkler Magie beschmutzt haben.“
Marnus blinzelte sie überrascht an. „Dunkle Magie?“, fragte er begriffsstutzig. Dann erst schlich sich der Hass in sein Gesicht. „Diese verdammten Zauberer des Feuers! Diese verdammte Dunkle Magie! Wie ich sie verabscheue!“
„Marnus, der Text von Themauras! Gib ihn mir.“
Marnus beruhigte sich wieder und sagte neutral: „Es tut mir Leid, das gewünschte Schriftstück befindet sich nicht in der Bibliothek.“
Eara erstarrte. Sie hatte gewusst, dass dieser Fall durchaus möglich wäre, schließlich hatte Themauras sicher mehr als nur einen Text hinterlassen, wieso sollte ausgerechnet der Gesuchte darunter sein? Dennoch war es äußerst enttäuschend, die Bibliothek von Yra war der letzte Ort gewesen, an dem die Schrift hätte lagern können.
„Dann bring mir alle Schriften, die wir von Themauras haben.“, forderte Eara.
Marnus blickte sie unbewegt an und sagte: „Wir haben nichts von einem Autor diesen Namens.“
„Du musst dich irren! Sieh nach, ob es einen ähnlich klingenden Namen gibt!“
Marnus verschränkte beleidigt seine dürren Arme. „Verehrte Souveränin, was denkt Ihr habe ich getan? Es gibt nichts von Themauras, weder im Katalog noch in den Regalen!“
Earas Gedanken rasten. Wie war das möglich? Sie wusste genau, dass sie den Namen Themauras schon gehört hatte! Wo, wenn nicht hier, sollte das gewesen sein? Am Baum der Lieder? Nein, es war in Hadria gewesen, im Wachsamen Wald hatte sie den Namen vor sieben Tagen zum ersten Mal gehört. Es war in dieser Bibliothek gewesen!
„Ich möchte in die Hintere Abteilung!“ Marnus wirkte nun erst recht beleidigt, schließlich brachte sie indirekt zum Ausdruck, dass sie seinen Fähigkeiten als Bibliothekar misstraute. Und es war natürlich unsinnig, davon auszugehen, sie könnte etwas bemerken, was dem alten Mann, der schon sein halbes Leben in diesen Hallen verbrachte, entgangen war. Sie wollte hinein, um ihrer trügerischen Erinnerung auf die Spur zu kommen. Also streckte sie fordernd die Hand aus, Marnus erhob sich stattdessen mühsam und öffnete sie vergitterte Tür selbst mit dem großen Eisenschlüssel.
Eara ging hindurch und durchschritt die Regalreihen, während die Tür hinter ihr wieder ins Schloss fiel. Mit der Zeit ließ sie die Lichtkugel immer heller leuchten, je weiter sie sich vom öffentlichen Teil entfernte.
Experimentelle Zauberei. Weiter!
Arkane Mächte. Nein!
Die Geschichte Hadrias. Möglicherweise, aber wohl eher in der nächsten Abteilung: Religiöse Texte und Märchen.
Diese Abteilung bestand nur aus einem einzigen schmalen Regal, und auch davon nur die eine Seite. Hadria war ein nicht gerade frommes Land und insbesondere die Zauberer scherten sich nur wenig um Gebete, in Yra gab es nur einen kleinen Schrein für Mutter Natur. Dass man Märchen und Religion zusammen einsortiert hatte, war deutlich genug. Ganz unten lagen einige wenige Schriftrollen aus der Zeit vor den Missionaren, die noch von Frostvater, Eiswolf und Sommerelfen kündeten, ganz oben Bücher, die die wenigen einheimischen Theologen geschrieben hatten. Den größten Teil nahmen jedoch die Dokumente ein, die die Missionare von Mutter Natur nach Hadria gebracht hatten: Heilige Schriften, theologische Dispute, dogmatische Texte. Und in der Mitte fehlte eine ganze Reihe.
Nachdenklich fuhr Eara mit dem Finger über das leere Regalbrett. Auf ihrer Fingerspitze sammelte sich kaum Staub; hier hatte vor kurzer Zeit noch etwas gelegen. Sie würde sogar stark vermuten, dass sich hier Bücher befunden hatten, bis sie Marnus nach dem Text von Themauras gefragt hatte. Sie hatte ihre Feinde unterschätzt. Ihre Gegner hatten von Earas Suche nach der Schrift über die Schöpfung der Welt erfahren, hatten alle Texte von Themauras schnell und effizient entfernt. Doch wie war das möglich? Es mussten Zauberer des Turmes sein, andere würde Marnus niemals in die Bibliothek lassen. Aber nein, diese Bücher waren nicht einfach gestohlen worden, das wäre zu einfach. Es war sogar ihr Eintrag aus Marnus´ Katalog entfernt worden. Schnell und effizient. Irgendjemand versuchte, ihr Steine in den Weg zu legen. Und wenn schon! Sie würde eine Straße in die Zukunft daraus bauen!

Plötzlich bemerkte Eara etwas, was hier so ungewöhnlich war, dass sie im ersten Moment nicht darauf kam, was es war. Dann begriff sie. Dunkle Magie! Hier? In der Bibliothek? Sie fuhr herum und das rettete ihr das Leben, denn in diesem Moment zischte etwas so knapp an ihrem Kopf vorbei, dass sie den Luftzug spüren konnte, genau durch den Ort, an dem ihr Kopf sich einen Moment zuvor noch befunden hatte. Mit einem dumpfen Schlag schlug es in das Regal der religiösen Texte ein und blieb dort stecken.
Ehe Eara es ausführlich betrachten konnte, stürzte das Bücherregal der hadrischen Geschichte, von wo das Ding gekommen war, in ihre Richtung. Ihr erster Reflex war, einen Schild aus Dunkler Magie zu weben, ihren Nebel fest vor sich auszubreiten. Doch die Schlieren waren noch immer in Gestalt ihres Schattens in ihrem Schlafgemach und konnten ihr jetzt nicht helfen. Letztendlich rettete sie ein beherzter Sprung zur Seite, doch auch dabei geriet ihr Stab unter die Bücher und zersplitterte, woraufhin das magische Licht erlosch. Im nächsten Moment wurde ihr rechtes Bein vom Regal begraben und knirschte ekelerregend. Schmerz durchzuckte sie, grauenhafter Schmerz, doch Eara ignorierte ihn. Entweder sie würde ohnmächtig werden oder nicht, sie hatte darauf keinen großen Einfluss.
Erneut spürte sie den Einsatz von dunkler Magie und blickte auf. Dort stand, von einem weiteren Regal und der plötzlichen Dunkelheit verborgen, eine Gestalt, zumindest schob sich die Andeutung einer Hand in ihr Blickfeld. Diese Hand hielt ein kupfernes Rohr, dessen Öffnung genau auf sie gerichtet war. Eara warf ihren Oberkörper zu Boden und erneut verfehlte das Geschoss sie um Haaresbreite, während ihr Kopf schmerzhaft auf den steinernen Boden knallte. Doch zumindest lenkte sie das von ihrem Bein ab. Eara richtete sich wieder auf und zeigte mit gestreckter Hand auf das Regal, welches mit ohrenbetäubendem Krachen umfiel. Der Unbekannte stand nicht mehr da, doch als der Lärm des Regals verschwunden war, vernahm Eara davonhastende Schritte.
Erschöpft ließ sie ihren Oberkörper wieder sinken und sammelte sich. Dann richtete sie ihre gekrümmten Finger auf das Regal, unter welchem noch immer ihr Bein begraben lag, und es stellte sich selbstständig wieder an seinen alten Ort, die Bücher und Schriftrollen schwebten zurück an ihren Platz, wirkten allerdings reichlich lädiert. Eara richtete ihren Blick auf ihr Bein. Es stand in einem unnatürlichen Winkel ab und schmerzte nach wie vor höllisch. Eara schloss die Augen, legte ihre Hand auf den Oberschenkel und sprach einen einfachen Zauber. Der Schmerz verebbte. Das Bein war zwar nicht geheilt, aber sie konnte es nicht mehr spüren.
Jetzt erst konnte sich wieder richtig auf den vergangenen Vorfall konzentrieren. Ein Attentat! Auf sie, auf die Souveränin! Auf die mächtigste Magierin Hadrias! Natürlich hätte all ihre Macht sie nicht gerettet, wenn sie einen Bolzen in den Schädel bekommen hätte, aber dennoch …
Sie hatte ihre Feinde tatsächlich unterschätzt. Dreiste Sprüche in der Wand und gestohlene Dokumente waren das eine, aber ein Mordversuch? Eara griff nach dem zweiten Geschoss, das neben ihr auf dem Boden lag. Ein kleiner Bolzen, die Spitze ging nahtlos in den Schaft über, alles komplett aus einem leichten Metall. Vorne glänzte das silberne Material schwarz, und Eara begriff, dass es mit irgendeinem Gift benetzt sein musste. Wenn es nur todbringend genug war, dann hätte es nicht einmal eines Schusses in den Schädels bedurft, um sie zu beseitigen. Schnell und effizient. Und die schwarze Farbe ließ in Eara einen unguten Verdacht aufkeimen, was die Tödlichkeit des Giftes betraf.
Wer war ihr Gegner? Ihren alter Mentor Torven schloss Eara ebenso aus wie Variah. Natürlich wollten die Obersten sie nicht in ihrem Amt als Souveränin haben, aber keiner von beiden würde sie loswerden wollen, ohne sich absolut sicher zu sein, wie es danach weiterginge. Wenn man sie jetzt ermordet auffinden würde, dann würde jeder Orden die Schuld dem jeweils anderen in die Schuhe zu schieben und Hadria stünde kurz vor dem Ausbruch eines zweiten Ordenskrieges. Torven oder Variah wären nicht so dumm.
Doch wer dann? Gingen all diese Taten auf einen Einzeltäter zurück oder war eine Verschwörung im Gange? Auf jeden Fall musste es von Zauberern des Feuers ausgehen, denn sie hatte genau die Verwendung von Dunkler Magie gespürt. Doch zugleich ließ Marnus nur Zauberer des Turmes in die Bibliothek, die Zauberer des Feuers waren ihm zuwider. Die Bibliothek war von einem Schutzwall umgeben, der es unmöglich machte, mittels Schattentausch hinein zu gelangen. Gab es also einen weiteren Eingang? Einen Eingang, der benutzt worden war, um diese Schriften zu entfernen? Einen Eingang, mit dem der Attentäter sich jetzt auch Zugang in die Bibliothek verschafft hatte, um sie zu liquidieren? Denn Eara hatte das Verschwinden von Themauras Texten bemerkt, nachdem selbst Marnus getäuscht worden war. Und auch den Versuch, mittels einfacher Sprüche Stimmung gegen ihr Vorhaben zu machen, hatte Eara gegen ihre Verursacher benutzen können. Also versuchte es der unbekannte Magier mit gefährlicheren Mitteln.

Mühsam rappelte Eara sich auf, wobei sie ihr Gewicht nur auf das gesunde Bein stützte. Die traurigen Überreste ihres Stabes lagen am Boden. Sehr bedauerlich, er hatte ihr viele Jahre gut gedient, hatte Drachenfeuer und Klingen überstanden, um von einem Regal zerstört zu werden. Doch letztendlich war der Stab nur ein astraler Fokus. Er half, bestimmte Zauber zu wirken, doch er war ebenso wenig nötig wie die komplizierten Gesten und unverständlichen Sprüche. Man benötigte nur ein gewisses magisches Talent, alles andere war hilfreiches, aber nicht notwendiges Beiwerk.
Sie sammelte die Splitter und die beiden vergifteten Bolzen ein und humpelte dann den langen Weg zurück zur Eingangshalle der Bibliothek. Sie hätte normalerweise noch einige andere hilfreiche Zauber gewusst, doch die Kraft, die sie seit heute Morgen zurückgewonnen hatte, hatte sie wieder aufgebraucht.
Als sie schwerfällig an die Gittertür klopfte, schrie Marnus kurz auf. Sein Blick fiel auf ihr Bein und er sprang überraschend agil auf, kramte in den vielen Schubladen seines Tresens nach dem Eisenschlüssel und schloss die Tür auf.
„Was ist geschehen?“, fragte er schwer atmend. Eara sammelte sich kurz und fragte ihn dann: „Hat eben jemand die Bibliothek verlassen?“ Es musste nicht zwingend einen zweiten, verborgenen, Eingang geben. Es wäre auch möglich, dass ein Zauberer des Turmes den Verlockungen der Dunklen Magie erlegen war und dass dieser der geheimnisvolle Assassine war. Doch Marnus schüttelte nur stumm den Kopf, anschließend erneut auf ihre Frage, ob sich noch jemand in der Bibliothek befinde.
„Jemand ist in die Bibliothek eingedrungen, es sind auch Texte aus der religiösen Abteilung verschwunden, vermutlich von Themauras. Suche nach einem versteckten Eingang und schau nach, ob der Katalog in letzter Zeit manipuliert worden ist!“ Marnus sah sie furchtsam an und nickte gehorsam. Eara wollte noch etwas hinzufügen, doch in diesem Moment begann ihr verletztes Bein unangenehm zu kribbeln. Ihr Zauber verflüchtigte sich! Sie eilte, noch immer humpelnd, aus der Bibliothek und zum Hospital.


Früher Nachmittag, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Fingertürme in der Feste von Yra, Hadria

Etwa zwei Stunden später stand Eara wieder in ihren Gemächern und konnte endlich den Schatten zu sich rufen. Er löste sich wieder in schwarzen Rauch auf und bald war sie von ihren üblichen dunklen Schlieren umgeben. Jetzt erst fühlte sie sich wieder sicher, die Dunkle Magie könnte jederzeit einen undurchdringlichen Schutzschild um sie erschaffen.
Im Hospital waren ihre Verletzungen geheilt worden, das Bein schmerzte nur noch ein wenig, weshalb sie es beim Gehen nachzog. Auch etwas zu Essen hatte sie dort bekommen, zum ersten Mal seit längerer Zeit. Einen neuen Zauberstab hatte sie bereits beordert, doch bis der fertig war, würde noch eine ganze Weile vergehen. Eara setzte sich schwer, doch im nächsten Moment klopfte es eilig an ihre Tür.
„Herein!“, rief sie erschöpft. Gundeyn öffnete und kam zu ihr gelaufen, seine roten Haare verschwitzt. Vielleicht war er gerannt, wahrscheinlicher aber war, dass er die Treppe zu schnell bestiegen hatte. Er hatte eine schwache Konstitution und körperliche Arbeit war ihm ein Gräuel.
„Alle Zauberer rätseln, was es mit Euren Verletzungen auf sich hat.“, sagte Gundeyn mit einem neugierigen Blick.
Eara hatte nicht vor, ihn aufzuklären. „Wie schädlich ist es?“, fragte sie stattdessen.
„Oh, überhaupt nicht, im Gegenteil. Man fragt sich, was geschehen ist, aber es machen Gerüchte über einen furchtbaren Kampf die Runde, über Eure Opferbereitschaft. Man bewundert Euch noch mehr. Das ist mir gut gelungen!“, freute sich Gundeyn stolz.
Eara nickte. Sein Eigenlob nahm sie zur Kenntnis, doch es störte sie nicht, denn er hatte es sich redlich verdient und sie selbst lobte ihn nie.
„Lass die Hohen Zauberer in einer Stunde im Speisesaal zusammenkommen und sag ihnen, ich möchte mit ihnen über das sprechen, was sich ereignet hat.“ Gundeyn nickte und verschwand wieder und auch Eara erhob sich. Sie hatte noch jemanden zu besuchen.


Früher Nachmittag, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Fingertürme in der Feste von Yra, Hadria

Nachdem sie am Faden gezogen hatte, schwang die Tür lautlos auf und Eara trat ein. Im Laboratorium herrschte das übliche Chaos, der Mechanicus selbst stand an einem der Werktische und hielt einige seltsame Geräte über einen der Runensteine, die Eara mitgebracht hatte. Er hatte sie noch nicht bemerkt und Eara hängte als erstes das Gewicht wieder zurück an seinen Platz, dann humpelte sie auf ihn zu. Unterwegs schreckte Hedal auf und drehte sich überrascht um. Bei ihrem Anblick grinste er und rief: „Ich weiß, weshalb du hier bist!“
Eara blieb stehen. „So? Weshalb denn?“
Hedal deutete auf einen Kasten, in dem eiserne Werkzeuge lagen. „Die wurden gestohlen und konsumiert, ohne meine Affirmation. Inzwischen bin ich natürlich informiert: Jemand hat sie entwendet, um damit diese Agitation in die Mauer zu gravieren. Eigentlich ominös, dass sie meine Untensilien stehlen und dennoch additional Dunkle Magie verwenden, um die Wand zu präparieren, findest du nicht auch?“
„Ja, sehr merkwürdig. Ach, Hedal, hast du schon jemand anderem berichtet, dass diese Werkzeuge verschwunden sind?“ Der Mechanicus schüttelte den Kopf und Eara unterdrückte ein erleichtertes Aufatmen. „Dann bitte ich dich, auch niemandem davon zu erzählen. Wir wollen doch nicht, dass die Übeltäter erfahren, wie viel wir von ihnen genau wissen. Besser, wir sind ihnen einen Schritt voraus.“ Hedal zwinkerte ihr verschwörerisch zu und Eara hoffte, dass andere seine Naivität nicht ebenso missbrauchen würden.
„Um ehrlich zu sein, ich bin nicht hergekommen, um mit dir über diese Werkzeuge zu sprechen.“
Hedal glotzte sie verständnislos an, dann erhellte sich sein Gesicht. „Ich weiß es! Ich weiß es! Du bist hier, um über die Runensteine zu debattieren, richtig? Welch eine Benediktion, ich habe gerade etwas eruiert.“ Mit diesen Worten griff Hedal nach dem Runenstein auf der Werkbank und warf ihn ihr zu. „Fang ihn ohne Hände!“, rief er und Eara schickte unsicher ihre Schlieren, um ihn aufzuhalten. Sie griffen den Runenstein nur zögernd, und selbst als sie ihn eigentlich schon fest gepackt hatten, flog er noch ein wenig weiter. Allein ihn in der Luft zu halten war anstrengend und schließlich nahm Eara ihn in ihre Hand.
„Du hast es registriert, oder? Die Dunkle Magie kann ihn nicht gut manipulieren! Das liegt daran, dass er eine hohe Konzentration Arkanum enthält, etwa fünf Prozent.“
Eara betrachtete den Stein anerkennend. Arkanum, das Metall der Zauberei. Es ließ sich mittels Zauberei sehr leicht, mit Dunkler Magie jedoch gar nicht beeinflussen. Viele Legenden rankten sich um diesen Stoff. Es hieß, es sei das seltenste Material der Welt. Auf jeden Fall war es das Teuerste, Eara hatte noch nie reines Arkanum gesehen.
„Kannst du es absondern?“, fragte sie den Mechanicus.
Hedal sah sie beleidigt an. „Ehe ich Arkanum extrahieren kann, muss ich sie noch intensiv analysieren: Ihre Konsequenzen für den Organismus, ihr Verhalten zueinander. Ich habe thaumaturgische Wechselströme im Verdacht, aber es könnten auch eine Reaktion des Arkanums mit Silizium sein. Nein, wenn ich Arkanum benötige, dann nehme ich das aus meinem Inventar.“
Sie blickte ihn ungläubig an. „Du hast Vorräte an Arkanum?“
Anstatt zu antworten trat Hedal zu einem der Schränke, öffnete ein kompliziert wirkendes Schloss, anscheinend ohne einen Schlüssel zu benutzen, und nahm vorsichtig eine Silberschale heraus. Darin lag ein Haufen von bläulich schimmerndem Metall. Die Schatten um Eara zogen sich ohne ihr Zutun zurück.
„Das ist mindestens ein halbes Pfund!“, bestaunte sie ehrfürchtig. Diese kleine Schale war mehr wert als alle Waren des Wintermarkts zusammen.
Hedal nickte belustigt. „Genau genommen 12 Unzen und ein Lot. Und weißt du, woher ich es habe?“ Er wartete ihre Antwort nicht ab. „Von dir! Du hast es mir dediziert.“
Eara schüttelte nur den Kopf, während der Mechanicus fortfuhr: „Als du das letzte Mal nach Hadria kamst, da hattest du von deinen Reisen einige Objekte dabei, die ich inspizieren durfte: Unter anderem eine Drachenschuppe, diese amüsante Flöte, die hier leider nicht funktioniert, und das Ende eines Tentakels von diesem Oktohan, dem König der Tiefe. Und daraus stammt es.“
„Aus diesem kleinen Fangarm? Das gesamte Arkanum?“
Hedal kicherte. „Er bestand zu knapp fünfzig Prozent daraus. Frappant, dass dieses Monstrum trotzdem noch auftauchen konnte. Der Rest ist inzwischen längst zerfallen, aber Arkanum oxidiert nicht.“
Eara dachte an den gigantischen Körper, an die Tentakel, die das ganze Schiff umschlungen und mit einem Schlag ihren Mast abgeknickt hatten. Sie schätzte Oktohans Gesamtgewicht auf etwa vierhundert Zentner. Das machte zweihundert Zentner Arkanum! Zwanzigtausend Pfund! Mit Oktohan war ein Schatz in der Tiefe versunken, von dem man sich mindestens die halbe Welt hätte kaufen können. Das war inflationär! Wenn sie bedachte, wie viel sie hätten mitnehmen können … Jetzt war schon längst alles im Hadrischen Meer zerstreut, diesen Schatz konnte niemand mehr bergen.
Einen Augenblick hatte sie den Grund ihrer Anwesenheit vergessen, doch jetzt erinnerte sie sich wieder. „Hedal, tatsächlich bin ich auch nicht hier, um mit dir über die Runensteine zu sprechen.“
Der Mechanicus stellte das Arkanum behutsam in den Schrank zurück, schloss ab und drehte sich dann wieder zu ihr um, die Stirn gerunzelt. „Dann … vielleicht wegen der Einschätzung meines Meteorometers zur Witterung der nächsten Tage? Oder du möchtest auch einen Federhammer?“
„Mit deinem Federhammer hat es tatsächlich zu tun. Hör zu, was ich dich jetzt frage, ist von großer Wichtigkeit: Mit wem hast du über unser letztes Gespräch geredet? Insbesondere darüber, was die Verwendung deiner Erfindung als Waffe betrifft?“
Hedal starrte nachdenklich ins Leere, sogar seine unermüdlichen Hände beendeten ihre rastlosen Bewegungen. „Mit niemandem.“, behauptete er schlicht.
Eara blinzelte. War es etwa Zufall, dass ein anderer zur selben Zeit wie sie auf die Idee gekommen war, den Federhammer in eine Waffe umzuwandeln? Nein, an eine solchen Zufälligkeit konnte sie unmöglich glauben! War also Hedal selbst ihr Feind? Seine Werkzeuge waren benutzt worden, um die Schrift in der Mauer zu hinterlassen, mit seiner Erfindung wäre sie fast ermordet worden. Aber auch diese Möglichkeit schloss Eara aus, der Mechanicus interessierte sich kaum für Dinge, die sich nicht auf seine Arbeit bezogen, es war ihm auch egal, ob es nun zwei Orden oder einen gab. Und er hätte niemals zugestimmt, dass seine Schöpfung in eine tödliche Waffe umfunktioniert würde. Möglicherweise hatte er mit jemandem darüber gesprochen und das anschließend in einem Anfall von spontaner Zerstreutheit sofort wieder vergessen.
In jedem Fall aber bewies ihr Feind wieder seine übliche Fähigkeit, Dinge zu wissen, von denen er keine Ahnung haben dürfte. Ihre Suche nach Themauras Text. Der Zeitpunkt, zu dem sie sich in der Bibliothek aufhalten würde. Und jetzt auch noch ihr Gespräch mit dem Mechanicus. Eara kam es vor, als seien überall unsichtbare Augen und Ohren aufgehängt, die jede ihrer Aktionen stumm beobachteten und es ihrem geheimnisvollen Feind ermöglichten, gegen sie zu arbeiten.
Sie fixierte Hedal, der noch immer konzentriert vor ihr stand. „Ich frage, weil ich fast von deiner Erfindung ermordet worden wäre. Man hat den Hammerkopf durch ein Geschoss ersetzt, jene Möglichkeit, die ich schon gestern befürchtet hatte.“
Der Mechanicus riss die Augen auf. „Das ist absolut impraktikabel!“, hauchte er. „Der Haken verhindert es! Die Vehemenz genügt niemals für ein reelles Risiko!“
„Und wenn man den Haken entfernt?“
Hedal riss seinen eigenen Federhammer aus seiner Tasche und blickte ihn entsetzt an. Seine Hände zitterten. Er legte ihn neben den Runenstein auf die Werkbank, suchte hektische einige kleine Schraubenschlüssel zusammen. Dann atmete er tief durch und seine Unruhe verschwand.
Etwa den zehnten Teil einer Stunde schraubte er an dem Gerät herum, bis er neben einigen Kleinteilen den Hammerkopf und einen kleinen Haken auf dem Tisch liegen hatte. Den Federhammer, auch wenn er als solcher jetzt nicht mehr zu bezeichnen war, setzte er wieder zusammen.
„Wie sahen die Projektile aus?“, fragte er dann. Wortlos holte Eara die beiden Bolzen aus ihrem Gewand und bemühte sich dabei, die Spitze nicht zu berühren. Der Mechanicus griff sich einen der Bolzen und hielt ihn unter eine Lupe. „Dilettantisch!“, rief er erbost. „Wer auch immer den generiert hat, er hatte kein Talent! Hier sind bremsende Rillen, die Spitze ist nicht symmetrisch und hinten fehlt ein Stabilisator. Es ist evident, dass er einer abominablen, grotesken und unästhetischen Flugparabel folgen muss!“
Er schob den Bolzen in seinen präparierten Federhammer und zielte auf die Wand. Dann zog er am Hebel und der Bolzen schoss heraus, eierte ein wenig in der Luft, überschlug sich und fiel nach nur zwei Schritt zu Boden.
„Dilettantisch!“, murmelte er erneut, und Eara ging verwundert zum Bolzen auf dem Boden. Wäre das mutmaßliche Gift nicht gewesen, er hätte gar keine Gefahr mehr dargestellt.
„Das war vollkommen anders als vorhin.“, bemerkte sie und Hedal betrachtete den neuen Bolzenwerfer verdutzt.
„Aber das Geschoss hat nur eine sehr marginale Duktilität und sollte noch so sein wie vor dem ersten Schuss, und meine Federhämmer sind alle identisch. Optimierte Schüsse lassen sich maximal durch Glück erzielen.“
Pures Glück? Nein, wohl kaum, schließlich waren beide Schüsse ziemlich perfekt gewesen. Wenn der Bolzen sich aber tatsächlich nicht veränderte, dann war der Unterschied bei der Waffe zu suchen. Doch es war schwer vorstellbar, dass es jemandem gelungen war, eine von Hedals Erfindungen zu verbessern, selbst wenn er sie einem neuen Zweck anpasste. Da fiel Eara ein, was sie bisher noch nicht bedacht hatte: Der Attentäter hatte Dunkle Magie eingesetzt! War das die Erklärung für die gefährlicheren Bolzen?
Ihre entsprechende Frage quittierte Hedal mit einem bitterbösen Blick, der sich allerdings nicht gegen sie richtete, sondern gegen den versuchten Mörder. „Jemand hat es gewagt, eine meiner Kreationen mit Dunkler Magie zu manipulieren?! Damit wäre natürlich vieles möglich ...“ Er versank kurz in seiner Gedankenwelt, dann rief er laut: „Der Descendator sollte in der Lage sein, die Einwirkungen Dunkler Magie auf diesen Bolzen zu rekonstruieren! Gib mir eine Stunde und ich sage dir, was es mit der Dunklen Magie auf sich hat.“
Hedal drehte sich um und legte den Bolzen in einen unscheinbaren Stahlkasten an der Wand, doch Eara unterbrach seine Untersuchungen. „Was mich noch interessiert ist das Gift an der Spitze der beiden Bolzen.“, merkte sie an. Der Mechanicus ging stumm zu einem weiteren Schrank an einer der Wände und öffnete ihn. Darin erkannte Eara einige Phiolen und Tiegel zweifelhaften Inhalts. Hedal griff sich zielstrebig ein Reagenzglas mit einer roten Flüssigkeit. Er schüttelte das Glas prüfend, nickte zufrieden und schloss den Schrank wieder.
Es handelte sich tatsächlich um Blut, sogar von einem Menschen, wie der Mechanicus erklärte, nachdem er es zu Eara gebracht hatte. Er hatte angeblich den Speichel blutsaugender Fledermäuse hinzugegeben, um die Gerinnung zu verhindern, was sich für Eara ziemlich makaber anhörte, aber offensichtlich funktionierte. Sie fragte sich zwar, wozu er Menschenblut brauchte, doch sie belästigte ihn nicht damit. Hedal dagegen nahm sich den zweiten Bolzen, zog den Stopfen vom Glas und tunkte die vergiftete Spitze ins Blut. Erst geschah nichts, dann verfärbte es sich binnen kürzester Zeit pechschwarz, wie ein Feuer, das erlischt und nur Kohle zurücklässt.
Also tatsächlich, ganz wie sie befürchtet hatte. Das Gift eines Forinkäfers! Forin bedeutete in der Sprache des Nordens schlicht Gift, und das war auch die auffälligste Eigenschaft des ansonsten so unscheinbaren Käfers. Vom Äußeren her ähnelte er mit seiner blauschwarzen Farbe und seiner runden Form einem Mistkäfer, benötigte jedoch zum Überleben deutlich kältere Temperaturen. Fühlte ein Forinkäfer sich bedroht, dann biss oder stach er zu, Eara war sich nicht ganz sicher was von beidem. Sein Gift konnte, vorausgesetzt es gelangte in die Blutbahn, jedes Wirbeltier in kürzester Zeit töten. Selbst die winzigste Dosis genügte. Ein Heilmittel gab es bislang nicht. Nur die Mutigsten oder Vorsichtigsten trauten sich, mit dem Gift eines Forinkäfers zu hantieren, und es zu beschaffen war nur auf dem Schwarzmarkt möglich, denn in Hadria war Forinkäfergift geächtet, schon der Besitz war streng verboten. Der unbekannte Feind war noch deutlich gefährlicher, als sie bisher angenommen hatte.
„Hedal! Welcher Zauberer des Feuers besitzt alles einen Federhammer?“
Hedals Lippen verformten sich zu einem Schmollmund. „Niemand! Über einen Federhammer disponieren momentan nur Zauberer des Turms.“
„Nur Zauberer des Turms.“, wiederholten sie mechanisch. Das wurde ja immer verworrener! Die Texte des Themauras waren aus der Bibliothek verschwunden, und auch das Attentat hatte dort stattgefunden, doch hier hatten nur Zauberer des Turms Zutritt. Und nur Zauberer des Turms besaßen einen Federhammer, den sie zu einem Bolzenwerfer hätten umbauen können. Aber es war Dunkle Magie verwendet worden, um ihn zu perfektionieren. Selbst wenn es sich um einen Zauberer des Turms handelte, der heimlich Dunkle Magie praktizierte: Marnus hatte zumindest zur Zeit des Attentats niemanden gesehen. Und außerdem hätte ein solcher Magier am wenigsten Grund, gegen eine Verschmelzung der beiden Orden zu agieren, schließlich könnte er in dieser Vereinigung die Dunkle Magie auch offen verwenden.
Sie wünschte, sie hätte einen der anderen Helden von Andor hier, der ihr half, Licht ins Dunkel der Ereignisse zu bringen. Am liebsten … Leander. Diese Erkenntnis erstaunte sie, schließlich kannte sie Chada, Thorn und auch Kram deutlich länger und konnte sie besser einschätzen. Aber Leander war anders. Er war ein aufmerksamer Zuhörer, besaß einen scharfen Verstand und wäre am ehesten dazu in der Lage, den Fall zu klären. Außerdem, da war Eara sich sicher, hatte er als einziger verstanden, dass Ehre, Wahrheit und Würde nur überholte Konstrukte waren, Tugenden ohne eigenen Wert. Vielleicht sogar besser als sie selbst, regte sich die Stimme der Schwäche doch immer wieder in ihr. Und war es nicht konsequent, dass sie sich, um die Dunkelheit zu lüften, einen Blinden wünschte? Wer käme besser mit Finsternis zurecht?
Eara verbannte den Seher aus ihren Gedanken. „Kannst du mir alle Zauberer nennen, die einen solchen Federhammer besitzen?“, fragte die Dunkle Magierin.
Hedal nickte stolz. „Ich notiere es.“ Hätte er es sich nur gemerkt, dann hätte Eara der Sicherheit dieser Quelle nur eingeschränkt vertraut. So aber nahm sie die Liste, die er ihr aushändigte, interessiert in Empfang. Im Licht der Spiegel, die das Laboratorium ausleuchteten, konnte sie elf Namen erkennen. Fünf davon sagten ihr nichts, doch die anderen waren äußerst aufschlussreich. Sie verließ die Werkstatt, ohne sich zu bedanken, der Mechanicus hätte es nicht zu würdigen gewusst und sie hatte nicht vor, ihre Stimme zu verschwenden. Sie würde sie heute noch brauchen.


Später Nachmittag, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Speisesaal in der Feste von Yra, Hadria

Die Versammlung der Hohen Zauberer nahm ihren Bericht unbehaglich zur Kenntnis. Eara erzählte mit großen Worten von dem Mordversuch, von der Waffe, die der Täter verwendet hatte und auch vom Gift des Forinkäfers. Die Schrift des Themauras erwähnte sie nur nebenbei, sie hatte mit der ganzen Sache nur begrenzt zu tun.
„Die Bedrohung ist groß, insbesondere, da wir ihr Ausmaß noch nicht einschätzen können. Ich bezweifle, dass nur ein Einzeltäter dahintersteckt, dazu ist das alles zu gut organisiert, zu gefährlich. Wir müssen Einigkeit zeigen, um den unbekannten Mächten des Feindes Herr zu werden. Lasst und gemeinsam und mit aller Macht gegen die Aufwiegler, Diebe und Meuchler vorgehen, solange wir es noch können!“
Ganz bewusst dramatisierte sie die Situation, je bedrohlicher sie die Ereignisse beschrieb, desto eher wären die Zauberer zur Zusammenarbeit bereit. Wenn sie sich gefährdet fühlten, dann würde sie das zusammenbringen. Und das war es, was Eara wollte.
„Weshalb hast du uns zusammenrufen lassen, Souveränin Eara? Nur um unsere Neugierde zu befriedigen, oder gibt es auch einen angebrachteren Grund?“
Gesprochen hatte Torven. Er hatte ihre Absicht erkannt und gab nun sein Möglichstes, um sie zu vereiteln. Natürlich konnte auch er die Gefahr nicht einschätzen, sehr wohl aber ihre Versuche, die Situation für ihre eigenen Ziele zu nutzen.
Eara konzentrierte sich auf die anderen Zauberer, Torven und Variah waren Sturköpfe, die beiden Obersten zu überzeugen würde ihr nicht gelingen. „Ich möchte euch nicht über etwas abstimmen lassen, das ist nicht nötig. Doch ich möchte euch über meine Pläne unterrichten: Wenn wir einen der Täter aufspüren, dann wird er nicht im Karzer untergebracht, denn wir wissen nicht, wie weit der Einfluss dieser Unruhestifter reicht. Stattdessen verhören wir ihn an einem geheimen Ort. Ich dachte dabei an die Kammer der astrologischen Erforschung in den Fingertürmen.“
Die Kammer der astrologischen Erforschung war ein verlassenes Labor, vor langer Zeit gebaut, um den Einfluss von Gestirnen auf die Zauberei zu untersuchen. Es wurden die unsinnigsten Studien aufgestellt, doch man hatte nichts erreicht außer den Zusammenhang zwischen Gezeiten und Mondphasen zu bestätigen, und irgendwann waren die Zauberer zu dem Schluss gekommen, dass es einen solchen Einfluss einfach nicht gab. Zwar wurden Zauber häufig so gewirkt, dass sie nur in Kombination mit bestimmten Sternbildern ihre Wirkung entfalteten, aber nur deshalb, weil die Sterne vorhersehbarer als jedes Uhrwerk waren, nicht weil sie das Zaubern in irgendeiner Form begünstigten. So hatte Yra sich einem interessanteren Thema zugewendet; die Kammer der astrologischen Erforschung stand seither leer.
„Dieser Ort lässt sich deutlich schwerer bewachen.“, gab Variah zu bedenken, doch auf diesen Einwand war Eara vorbereitet.
„Und deswegen darf es niemand erfahren. Ich habe die Versammlung eingeweiht, da es einige gab, die mir vorwarfen, ich hätte an ihr vorbeiregiert.“ Bei diesen Worten blieb ihr Blick wie zufällig an den beiden Obersten hängen, ein Zeichen, das wohl keinem der anwesenden Zauberer entging. „Doch ich muss mich auf die Diskretion von euch allen verlassen. Solange nur die Hohen Zauberer wissen, an welchem Ort sich die Gefangenen aufhalten sollen, ist die Kammer sicherer als der Karzer, wenn es nach außen dringt, dann ist das hinfällig.“
Sie ignorierte die empörten Blicke derjenigen Zauberer, die sich wegen ihres ungesagten Zweifels an der eigenen Verschwiegenheit angegriffen fühlten, doch Variahs nächsten Kommentar konnte sie nicht überhören.
„Erst einmal solltet Ihr Gefangene machen, Souveränin, und anschließend könnt Ihr überlegen, wo sie unterzubringen sind. Erschütternd, dass diese Zauberer es schaffen, unerkannt zu bleiben, obwohl die mächtigste Dunkle Magierin Yras sich ganz auf dieses kleine Problem konzentriert.“
Eara musterte die Oberste Zauberin des Feuers kalt. „Je länger ich brauche, um sie aufzuspüren, desto größer ist wohl die Gefahr, die von ihnen ausgeht. Ich lasse bereits den Einfluss Dunkler Magie auf die beiden vergifteten Bolzen analysieren, mit etwas Glück mag es mir gelingen, den Täter aufzuspüren.“, versuchte Eara die Lage zu retten. Variahs unverhohlene Skepsis an ihren Fähigkeiten kam ungelegen, es zwang sie zu schnellen Erfolgen, um die eigene Autorität zu sichern. Zwar waren erst wenige Stunden vergangen, seit sie die Schrift an der Wand zum ersten Mal gesehen hatte, doch Variah war es gelungen, es als Earas Misserfolg hinzustellen, dass bisher nichts aufgedeckt worden war. Aus ihrer großen Macht erwuchsen auch große Erwartungen, und das wusste Variah geschickt gegen sie zu nutzen. Aber wenn es Eara gelang, noch in kurzer Zeit jemanden zu finden, der etwas mit der Sache zu tun hatte, dann wäre ihre eigene Position nach dieser Bemerkung gefestigter denn je.
Notfalls würde sie jemanden zum Täter erklären, um sich Zeit zu erkaufen. Ein solches Bauernopfer wäre bedauernswert, aber vielleicht gelang es ihr ja auch bald, den wahren Schuldigen aufzuspüren. Sie musste ebenso vorgehen wie ihre Feinde: Schnell und effizient.


Abenddämmerung, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Fingertürme in der Feste von Yra, Hadria

Bei ihrer Rückkehr in ihre Gemächer wurde sie bereits vom Mechanicus Hedal erwartet. Er war so aufgeregt, dass er sogar freiwillig sein Laboratorium verlassen hatte, wahrscheinlich zum ersten Mal seit einem halben Jahr.
„Ich habe herausgefunden, wie meine Konstruktion manipuliert wurde.“, begann er. Eara setzte sich auf eine eisenbeschlagene Truhe an der Wand und lauschte.
„Mein Federhammer ist keine Waffe, also ist es auch nicht mit Zauberei möglich, sie zu einer Waffe zu transformieren. Man hat einen schwarzmagischen Akkumulator integriert, der für vehementere, schnellere und gradlinige Schüsse sorgt. Doch das erfordert fundierte Kenntnisse, selbst ich könnte es nicht, mir fehlt die theoretische Basis.“
Eara verstand einigermaßen, wovon Hedal sprach. Irgendjemand hatte den Federhammer in eine Magische Waffe verwandelt. Um solch mächtige Kampfwerkzeuge zu schaffen wie einst Orweyn, war es nötig, in die Unterwelt Hadrias hinabzusteigen, wo die Dunkle Magie am stärksten war und gleich Rauch durch die Kavernen trieb, widernatürliche Kreaturen schuf, alles um sich her verdarb und die Gors aus dem Süden in noch gefährlichere Nachtgors verwandelte. Eara hatte diesen Ort einst selbst besucht, hatte dort unten die Dunkle Magie angenommen, ihr altes Selbst vernichtet und zu der Stärke gefunden, die sie benötigte.
Eara blinzelte und schob die Erinnerungen beiseite, um den Ausführungen Hedals zu lauschen. Anstatt bis in die Dunkelheit der Unterwelt hinabzusteigen, konnte auch ein Teil der eigenen Macht in einen Gegenstand gebannt werden, eine Möglichkeit, die kein Magier gerne wählte und die von den Zauberern des Feuers nur halbherzig erforscht wurde. Bis die eingespeiste Energie verbraucht war, konnte jeder solche Waffen einsetzen. Jeder…
Hedal erzählte weiter, berichtete von komplexen magischen Vorgängen, doch Eara hatte anderes im Kopf. Der Attentäter könnte ebenso ein Zauberer des Feuers wie einer des Turms sein, die Dunkle Magie verriet nichts. Oder doch, sie verriet durchaus etwas: Der Federhammer eines Zauberers des Turms war von einem Zauberer des Feuers verändert worden, denn ein Zauberer des Turms, selbst wenn er Dunkle Magie praktizierte, wäre ohne entsprechende Ausbildung nicht in der Lage, ein solch kompliziertes schwarzmagisches Artefakt zu erschaffen.
Niemand hatte gemeldet, dass sein Federhammer verschwunden war, also handelte es sich nicht um einen Diebstahl, sondern um eine Tat mit gegenseitigem Einverständnis. Mindestens ein Zauberer aus beiden Orden hatte geholfen, alles vorzubereiten, eine effektive Kombination. Paradoxerweise richtete sie sich ausgerechnet gegen eine Verschmelzung der beiden Orden, eine andere Möglichkeit fiel Eara zumindest nicht ein. Zauberer aus beiden Orden hatten sich gegen sie verschworen. Und dazu hatten sie sich nur wenig Zeit gelassen, denn erst beim gestrigen Abendmahl war bekannt geworden, welches ihre Pläne waren. Sie mussten sich noch in der Nacht getroffen haben, irgendwo, wo niemand sie entdecken würde. Zum Beispiel mitten in den Gärten, wo sie zugleich noch den Ort im Auge behalten könnten, den zu betreten Eara verboten hatte.
Die sechs Gestalten, die sie in der Nacht entdeckt hatte. Waren das die Verschwörer? Sie vermutete es. Sie hatten sich getroffen, ihren Hass auf Earas Pläne ausgetauscht und geschworen, sie aufzuhalten. Einer der Zauberer des Turmes hatte seinen Federhammer weggegeben, einer der Zauberer des Feuers hatte ihn mit Dunkler Magie versehen, damit sie im Notfall eine Waffe hätten. Sie hatten die Werkzeuge aus dem Laboratorium gestohlen und den Spruch in der Wand hinterlassen. Sie hatten die Schriften von Themauras aus der Bibliothek entwendet. Sie hatten sogar Forinkäfergift besorgt. Und das alles wie üblich: Schnell und effizient. Doch jetzt war Eara ihnen auf der Spur.
Wen suchte sie? Je drei Zauberer aus beiden Orden. Einer der Zauberer des Turms besaß einen Federhammer. Und er hasste ihre Idee von einer Vereinigung der beiden Orden, wahrscheinlich, weil er auch die Magier des Feuers verabscheute, die Verschwörung war demnach nicht mehr als ein Zweckbündnis. Der Zauberer hatte Zugang zur Bibliothek, war in der Lage, hineinzugelangen, um sie zu ermorden, unbemerkt die Texte zu entfernen, welche Themauras geschrieben hatte und sogar den Katalog zu beeinflussen. Eara holte den Zettel mit den elf Namen heraus und studierte die Liste. Alles war klar.


Abenddämmerung, 22. Herbsttag 76 A.Z.
Bibliothek in der Feste von Yra, Hadria

Eara humpelte in die Eingangshalle der Bibliothek, ein Dutzend niederer Zauberer des Turms im Schlepptau. Marnus tat, als habe er seine Besucher noch nicht bemerkt und schrieb einen Satz fertig, dann erst legte er die Feder langsam beiseite und blickte auf.
„Marnus! Hat nach mir noch jemand die Bibliothek verlassen?“ Der Bibliothekar schüttelte bedauernd den Kopf. „Hast du einen geheimen Eingang gefunden?“
„Nein, Souveränin!“, krächzte er.
Eara nickte und sagte laut: „Das war zu erwarten. Ich denke, damit ist alles klar.“
„So? Ist es das?“, fragte Marnus nervös.
„Allerdings!“, bestätigte Eara. „Wenn es keinen geheimen Eingang gibt und durch den Haupteingang niemand die Bibliothek verlassen hat, dann muss der Täter sich noch immer in der Bibliothek verstecken.“
Marnus suchte fahrig den Schlüssel aus den Schubladen und hielt ihn demonstrativ in die Höhe. „Ihr könnt gleich mit dem Durchkämmen der Hinteren Abteilung beginnen.“
„Es wird nicht nötig sein, nach dem Täter zu suchen.“ Eara deutete auf den alten Bibliothekar und ihre Schlieren schossen nach vorne, umschlangen seine Arme und hoben die dünne Gestalt in die Höhe, wobei seine alten Gelenke unangenehm knirschten. „Ich denke, wir haben ihn bereits gefunden.“
Marnus erbleichte und versuchte vergeblich, sich aus den schwarzen Fesseln zu entwinden. Eara fixierte ihn und fragte: „Wie lange standest du gestern schon vor der Tür des Laboratoriums? Erst seit dem Beginn meines Gespräches mit Hedal über die Möglichkeiten, einen Federhammer in eine Waffen zu verwandeln, oder schon vorher?“
Marnus stöhnte schmerzerfüllt auf, während Eara unbarmherzig fortfuhr: „Wer sind die anderen fünf? Woher habt ihr das Forinkäfergift?“
Marnus wurde noch bleicher. „Woher weißt du, dass wir in Yra zu sechst sind?“, fragte er entsetzt.
Eara lachte kalt, nicht weil sie amüsiert war, sondern weil es auf Marnus den größten Einfluss machen sollte. „Ich stelle hier die Fragen. Wenn du mir jetzt antwortest, dann kannst du dir später einige Schmerzen ersparen.“
Marnus keuchte, doch er presste die Lippen fest aufeinander. Zu bedauerlich. Sie hätte gerne auf eine andere Methode als Folter zurückgegriffen. Doch vorerst wollte sie seine Reaktionen auf ihre Vermutungen überprüfen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du trotz deines Hasses auf die Dunkle Magie bereit bist, mit Zauberern des Feuers zu paktieren, doch anscheinend verbindet euch ein gemeinsamer Feind: Ich. Alles setzt ihr daran, meinen Plan zu vereiteln und die beiden Orden auseinanderzubringen. Also hast du den Text versteckt, nach dem ich dich gefragt habe, und dazu noch alle anderen dieses Autors. Und als dir klar wurde, dass ich die fehlenden Dokumente bemerken würde, da hast du die Nerven verloren und eure schöne neue Waffe genommen, um mich endgültig zu beseitigen. Glücklicherweise erfolglos. Das alles vollkommen umsonst, denn Themauras´ Schriften hatten nicht das geringste mit den beiden Orden zu tun. Du hast den Verdacht komplett sinnlos auf dich gelenkt. Wo sind die Schriften? Antworte mir jetzt oder du wirst es später noch bereuen.“
Der Bibliothekar spuckte aus. „Ich habe sie verbrannt, damit sie dir nicht in die Hände fallen!“ Er lachte gequält. „Mich magst du erwischt haben, aber die anderen werden sich vor dir verstecken, bis es einem von ihnen gelingt, dich aufzuhalten. Dein Plan ist schon jetzt gescheitert! Entweder wir vereiteln ihn oder die Zaubererschaft wird das von selbst tun, sie braucht nur etwas länger, um zu begreifen.“ Er funkelte sie hasserfüllt an. „Töte mich, wenn du möchtest, aber das kann dich auch nicht retten.“
Eara ließ die Schlieren noch fester zugreifen, was sich vor allem in einem gequälten Gesichtsausdruck des Bibliothekar äußerte. „Oh ja, du wirst noch für deine Taten gerichtet werden. Aber zuvor wirst du mir alles verraten, was ich wissen will. Du kannst nur entscheiden, ob es langsam oder schmerzlos zugehen wird.“
Sie schleuderte ihn gegen das Gitter wie eine Puppe. Marnus sackte entkräftet zu Boden, und zwei der Zauberer des Turms packten ihn. „Führt den Verräter ab!“, befahl Eara und humpelte dann um das Pult. Marnus wurde davongeschleift, doch Eara konzentrierte sich auf die vielen Schubladen vor sich. Eine nach der anderen öffnete sie, denn sie bezweifelte, dass Marnus den Text tatsächlich verbrannt hatte, dazu war er zu sehr Bibliothekar. Viel eher würde er ihn doch behalten und eingehend analysieren, um zu begreifen, weshalb seine Feindin daran interessiert war.
Eine weitere Schublade flog auf und darin lag ein Bündel Pergament, auf das mit enger Schrift etwas geschrieben war. Die Texte waren vor Jahren schon in die Gemeine Sprache übersetzt worden, wenn auch etwas altertümlich. Eara nahm das erste Blatt heraus und begann mit der Lektüre.
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Zwischenspiel II – Familie

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:06

Zwischenspiel II – Familie

Morgendämmerung, 23. Herbsttag 76 A.Z.
Klippenwacht, Hadrisches Meer

Cera wischte den Boden der Fröhlichen Nixe, als es klopfte. Überrascht sah sie auf. Das Gasthaus hatte immer geöffnet, niemand klopfte je an die Tür. „Herein!“, rief sie erwartungsvoll. Kurz befürchtete sie, es könnten Soldaten von Stinner sein, doch nur ein Seemann betrat den Schankraum. Cera musterte ihn unauffällig. Kurzes schwarzes Haar, dicke muskulöse Arme, wettergegerbtes Gesicht. Sie kannte ihn nicht, aber Seemänner wie ihn gab es viele.
„Kmarforia! Kundschaft!“, rief sie. Ihre Tochter lief in den Raum, die blonden Haare wie üblich offen um sich wirbelnd. Liebevoll betrachtete Cera sie. Ihre Tochter war ein wunderbares Mädchen, das wusste sie. Selbst wenn sie nicht ihre Mutter gewesen wäre, sie hätte sie lieben müssen. Jeder liebte Kmarforia! Sie war ein sanftmütiges, liebes Kind, das niemandem je ein Leid zufügen würde.
Der Seemann trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. „Ich soll nur was abgeben.“, murmelte er. „Das hier is´ für euch, von den Helden von Andor.“ Er stellte ein unscheinbares Holzkästchen vor sich auf den Tisch.
Cera jubilierte. Eine Nachricht von Santalion, endlich! Sie rief auch nach ihrem Mann Mertos, während der Seemann die Fröhliche Nixe wieder verließ. Mertos Bantor erschien im Türrahmen und ließ sich von seiner Tochter erklären, was geschehen war. Cera wartete geduldig, auch wenn sie es kaum erwarten konnte, das Kästchen zu öffnen. Hatte Santalion bereits Erfolg gehabt? Hatte er die Mörder des göttlichen Oktohan tatsächlich dazu bringen können, ihre vorurteilsbehafteten Meinungen gegenüber dem Kult der Drei Mächte zu überdenken?
Hauptsache, er kam bald wieder nach Hause. Cera vermisste ihren Sohn, sie liebte ihn ebenso wie ihre Tochter und ihren Mann. Bald würde die ganze Familie wieder vereint sein.
Kmarforia griff das Kästchen, spähte hinein … und erstarrte. Ihr helles Gesicht erbleichte, die fröhliche Miene nahm einen Ausdruck tiefer Trauer an. Cera riss das Kästchen erschrocken an sich. Was war es, was ihre Tochter so erschreckt hatte? Sie schlug den Deckel auf und ließ ihren Blick über den Inhalt schweifen. Dann schrie sie gequält auf. Das Holz entglitt ihren zitternden Händen, fiel zu Boden und gab den Inhalt preis: Santalions Augengläser, das dunkelgrüne Glas am linken Auge zersplittert, das Silber mit Blut verschmiert.
Sie sank zu Boden, von ihrem Schluchzen zitternd. Sie spürte, wie Mertos sie umarmte, auch er weinend, und wie Kmarforia schmerzhaft fest ihre Hand griff. Die Wärme, die ihre Tochter in anderen aufsteigen lassen konnte, konnte sie zum ersten mal in keiner Weise trösten. Alle drei vergossen sie Tränen auf die frisch geputzten Bretter. Santalion! Ihr erstgeborener Sohn! Ihr geliebter Junge! Was hatte sie nicht alles für ihn getan?
Mertos und Kmarforia wurden von tiefer Verzweiflung ergriffen, doch in Cera machte sich ein anderes Gefühl breit: Hass! Für euch, von den Helden von Andor. Die verfluchten Helden von Andor hatten ihren Zorn gegenüber dem Kult nicht überwunden. Sie hatten das einzige ermordet, was Cera noch bedeutsamer war als die Drei Mächte: Ihre eigene Familie! Sie waren nicht länger nur die Mörder Oktohans, sie waren auch die Mörder Santalions! Sie hatten ihren Sohn massakriert, der ohne böse Absicht mit ihnen gegangen war. Und voller Stolz auf ihre Tat zeigten sie seiner Familie noch ihre Übeltaten. Cera konnte sich gut ausmalen, wie sich auf ihren verhassten Gesichtern ein sadistisches, grausames Lächeln breitmachte, wenn sie sich vorstellten, wie Santalions Verwandtschaft sich beim Anblick der Augengläser fühlen musste.
Cera kreischte auf und schleuderte das Kästchen zusammen mit den Augengläsern in die verlöschende Glut des Kamins. Und zusammen mit dem Brief, der von ihnen allen unbemerkt auf dem Boden des Kästchens gelegen hatte. Flammen züngelten empor, die das Holz zu der Asche verbrannten, zu der auch Ceras gesamte Welt geworden war.
Und so schwor sie blutige Rache, sie schwor, nicht eher zu ruhen, bis die Helden von Andor und der Seekrieger Stinner vernichtet wären. Ihr Hass war grenzenlos, überwog sogar ihre Trauer. Denn niemand ist zu schlimmeren Taten imstande als jemand, dem selbst Schlimmes angetan wurde.
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l – Das Herz des Todes

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:07

l – Das Herz des Todes

Morgendämmerung, 23. Herbsttag 76 A.Z.
Hohe See südlich der Klippe
Echsenfinger, Hadrisches Meer
Über dem Hadrischen Meer stieg die Sonne empor und ließ die vorbeirauschende See in weißem Glanz erstrahlen. Drukil blinzelte ins Licht und hörte den beiden Seemännern zu, die mal wieder mit ihren Heldentaten angaben. Drukil mochte die beiden, auch wenn er nicht einmal ihre Namen kannte. Ihre Angeberei allerdings raubte ihm den letzten Nerv, zumal er selbst schon Dinge vollbracht hatte, die diese beiden sich nicht vorstellen konnten. Er war durch ein kaltes Gebirge in ein glühend heißes Land gezogen, um Sklaven zu befreien und Riesen zu töten. Doch dabei hatte er sich nur gewünscht, dass endlich alles enden würde. Er wollte doch nur die Fesseln abstreifen, die ihn als Menschen gefangen hielten. Pflicht. Freundschaft. Mitgefühl. Wann konnte er das alles endlich wieder hinter sich lassen?
Die Abenteuer der beiden Seemänner waren keine Heldentaten, selbst wenn sie der Wahrheit entsprachen. Echte Heldentaten zeichneten sich dadurch aus, dass die Helden selbst nur darauf hofften, sie mögen zu Ende gehen. Doch stattdessen ging stets wieder alles von vorne los.
Durch diesen Ewigen Rat zum Beispiel. Drukil hätte ihn gerne zerschlagen, nur musste er dazu erst herausfinden, was er überhaupt war. Aber Sachen herauszufinden, das war nicht eben seine Stärke. Sachen zerschlagen, das schon. Aber Dinge in Erfahrung bringen… er konnte ja nicht einmal lesen.
Wenn Leander mit seiner Idee doch recht gehabt hätte, dann hätten sie jetzt schon alles erfahren, was sie wissen mussten. Dieser Schwarze Herold hätte ihnen erzählt, was sie zu erfahren brauchten. Doch nein, der Tempel musste ja ausgerechnet an einem anderen Ort stehen. So ganz hatte Drukil Leanders Erklärungen nicht verstanden, doch was der Seher sagte, klang meistens richtig. Und jetzt hatte er gesagt, sie müssten nach Süden segeln. Keine Erklärung, nur diese Feststellung und die Ankündigung, sich bei Sonnenaufgang zu treffen. Doch nun stand Drukil hier und die anderen erschienen einfach nicht.
Genau in diesem Moment öffnete sich die niedrige Tür, die in den hölzernen Bauch des Schiffes führte, und Drukils drei Gefährten kamen heraus. Sie gesellten sich zu ihm und standen eine Weile schweigend herum. Gerade als Drukils Ungeduld übermächtig wurde begann Leander schließlich zu erklären: „Ich habe euch doch erzählt, dass ich in meiner letzten Vision ein neues Bild gesehen habe. Es zeigte jemanden, der nach eurer Beschreibung wohl Callem ist, an der Küste des Wachsamen Waldes stehend.“
Wald! Drukil freute sich schon jetzt, wieder unter den Schatten von Bäumen zu kommen. Auch der Bär bebte in freudiger Erwartung. Die Salzigen Wasser gefielen ihm nicht, zumindest nicht, wenn weit und breit nichts anderes zu sehen war.
„Du bist sicher, dass es sich um Callem handelt?“, meinte Thorn. „Ich weiß nicht, ob wir ihn deutlich genug beschrieben haben. Ein Mann mit blauer Haut… das könntest ebenso gut du sein.“
Leander zuckte zusammen und erwiderte bissig: „Glaub mir, Thorn, ich bin durchaus in der Lage, mich selbst zu erkennen. Und ich denke, es ist der beste Anhaltspunkt, den wir haben.“
Drukil verstand den Seher. Auch er selbst wäre nicht gerne auf Ähnlichkeit zu einem grausamen Schurken hingewiesen worden. Und er hatte wohl recht, wenn er sagte, das sei ihr bester Hinweis. Sie mussten versuchen, Informationen über den Ewigen Rat zu erlangen, je eher, desto schneller könnten sie diese Gefahr bannen. Dann endlich könnte Drukil sich von seinem anstrengenden Dasein als Kämpfer verabschieden und wieder ganz Bär werden.
Zudem klang es nachvollziehbar, dass Callem sich an der Küste des großen Waldes mit dem Schatten getroffen hatte. Auch Drukil selbst war von Callem verschleppt worden, der anfänglich versucht hatte, ihn auf seine Seite zu bringen, ihn zu überzeugen, sich der Mannschaft der Schwarzen Kogge anzuschließen. Drukil hatte sich geweigert; an die darauf folgende Reise erinnerte er sich kaum, da er sie in Gestalt des Bären verbracht hatte. Nur wenige Bruchstücke blieben zurück: Eine boshafte grüne Frau mit einem roten Stein, der sein Fleisch verbrannte, ohne heiß zu sein. Er selbst, in eine kleine Holzkammer eingepfercht, vom Schaukeln der Wellen fast zur Tollwut gereizt, bis er irgendwann begonnen hatte, das einzige Lebewesen zu zerfleischen, das in Reichweite war. Er wusste nicht, was danach geschehen war, das erste, woran er sich wieder erinnerte, waren verschwommene Bilder von Leander, der ihn in einer kleinen Hütte gesund pflegte. Mit der Zeit wurden die Bilder zusammenhängender, doch da waren sie schon unterwegs nach Süden, um einigen unbekannten Helden in ein großes Gebirge zu folgen.
Dennoch musste Drukil irgendwie in den großen Wald gelangt sein. Leander hatte schon mehrfach berichtet, wie er ihn am Strand gefunden hatte, doch wie Drukil dorthin gekommen war, blieb ein Rätsel. Callem musste zumindest in der Nähe gewesen sein, warum also hätte er dort nicht auch den Schwarzen Herold treffen können?
„Der Wachsame Wald ist groß, die Küste lang.“, warf Chada ein. „Woher sollen wir wissen, wo wir zu suchen haben?“
Leander lächelte geheimnisvoll. „Zu unserem maßlosen Glück kenne ich den Fleck ein wenig. Vom Adlerschnabel geradewegs nach Süden, zwischen Skralklaue und Hirschhuf hindurch, und wir gelangen an den Ort, den meine Vision mir zeigte. Etwas westlich der Stelle, an der der Wachsame Wald am weitesten ins Hadrische Meer ragt, findet sich eine Hütte, und dort werden wir auf Callem treffen. Ich hoffe, dass wir bis heute Abend dort sein können.“


Abenddämmerung, 23. Herbsttag 76 A.Z.
Nördliche Küste, Wachsamer Wald

Im Licht der untergehenden Sonne legte die Aldebaran II an einem der Stege an, der einst von den Bewahrern gebaut worden war. Ein kleines Dörfchen stand hier, nur ein halbes Dutzend armselige Hütten, und die Bewohner waren mehr Fischer denn Händler. Dennoch profitierte der namenlose Ort von der Tatsache, der größte Hafen des Waldes zu sein.
Chada einigte sich eilig mit den beiden Matrosen auf einen Preis für ihre Fahrt, dann zahlte sie auch noch einem älteren Bewohner des Dörfchens etwas Geld, damit die Aldebaran II hier auf unbestimmte Zeit liegen konnte.
Drukil verstand nicht, was es mit diesem Geld auf sich hatte. Das goldene Metall war vielleicht ganz hübsch und klimperte angenehm, aber warum sollte man bereit sein, dafür wertvolle Waren und Dienstleistungen anzubieten? Leander hatte ihm zu erklären versucht, dass Geld erst dadurch Wert gewann, dass jeder dieses Zahlungsmittel akzeptierte, aber das hatte Drukil erst recht verwirrt. Er brauchte kein Geld zum Überleben, das war nur zusätzliches Gewicht. Doch aus irgendwelchen Gründen war jeder andere ganz wild darauf und seine Freunde schienen es zu bedauern, dass ihre Vorräte davon nun fast erschöpft waren.
Nachdem Chada mit leichterem Beutel zurückkam, machten sie sich auf den Weg durch den Wald. Drukil roch frisches Holz, Harz und den nahenden Herbst. Noch waren viele der Blätter grün, aber schon bald würden auch sie sich bunt färben und die Erde bedecken. Die Sonne wich mit der Zeit dem abnehmenden Mond und der grünbraun gescheckte Boden wandelte sich in ein Bild aus Silber und Schatten.
Etwas mehr als eine Stunde stapften sie durch den Wald, bis eine kleine, graue Hütte in Sicht kam, mit Rietgras und dürren Zweigen gedeckt und aus entrindeten Bäumen gezimmert, die sich am Strand auf einen Flecken Erde gesetzt hatte. Seltsam, dieses Gebäude kam Drukil bekannt vor. Vermutlich erinnerte es ihn an das, in dem Leander ihn gesund gepflegt hatte, schließlich stand auch es irgendwo an der Küste des großen Waldes. Seine Erinnerungen an diese andere Hütte waren zu verschwommen, um mit Sicherheit sagen zu können, ob sie der, welche er jetzt vor sich sah, ähnlich genug sah, doch er wusste nicht, weshalb er sich sonst so erinnert fühlen würde.
Neben der Hütte standen zwei Zelte aus geraden Stöcken und unbearbeitetem Fell. Auf einem abgestorbenen Baum hockte ein großer rötlicher Vogel mit gefährlich funkelnden Klauen und bösartigen Augen. Roa. Drukil hatte noch einige unangenehme Erinnerungen an dieses Mistvieh. Sie hatten den Unterschlupf der Schwarzen Kogge gefunden.
Die anderen wollten näher heran schleichen, doch Drukil hielt sie zurück. Diesem Vogel entging nichts, schon jetzt blickte er in ihre Richtung. Wenn er sie bemerkte, dann würde er zu seinem Herrn fliegen und ihn warnen, womit ihr Plan gescheitert wäre. Chada schlug vor, Roa zu erschießen, doch Leander widersprach, dass ungewiss wäre, ob das nicht jemand bemerken würde. Also taten sie vorerst nichts. Da Roa keine Anstalten machte, seinen Platz zu verlassen, legten sie sich schließlich im Unterholz auf die Lauer, in der Hoffnung, auch von hier aus das Wichtigste verstehen zu können. Eine lange Stunde verging, bis sich endlich etwas tat.


Rastlos ging Callem in der Hütte auf und ab. Dieser verdammte Schwarze Herold! Wo blieb er nur? Wenn er schon so große Töne spuckte und von einer großen Zukunft sprach, warum war er dann nicht auch in der Lage, seine Termine einzuhalten?
In diesem Moment kreischte Roa schrill.
Roooooaaaaaa! Sein Vogel, der Callem schon länger begleitete als jeder andere an diesem Ort. Er hatte ein seltsames Ei gefunden und das Tier, das daraus schlüpfte, selbst großgezogen. Kentar, Krumm, Thogger und Ean Quella hatten sich zusammengetan, um in einem Meisterstück aus Alchemie, Käuterkunst und Zauberei sein Leben zu verlängern. Inzwischen waren die vier alle tot. Versenkt, zusammen mit dem Schiff selbst, von den Helden von Andor.
Roa war davongeflogen, Callem selbst sowie Niron und Orril war es rechtzeitig gelungen, einen von Thoggers Tränken zu schlucken, der es ihnen erlaubte, auch unter Wasser zu atmen. Sie hatten den tragischen Ort verlassen und sich versteckt, bis auch Roa wieder zu ihnen gefunden hatte.
Callem trat aus der Hütte seines Bruders, als Roa ein zweites mal schrie. Auch die anderen beiden kletterten aus ihren Zelten und blickten sich misstrauisch um. Plötzlich flog ein Schatten vom sternenklaren Himmel herab, seine weiß glühenden Augen fanden die Überlebenden und seine gezackte Maske funkelte bedrohlich.
„Seid gegrüßt!“, sprach der Schwarze Herold. „Ich sehe, Ihr seid meiner Aufforderung gefolgt. Ihr werdet es nicht bereuen, das verspreche ich Euch.“
Roa flatterte hoch und ließ sich auf Callems Schulter nieder. Der Kapitän trat vor und blickte den Besucher finster an. „Was erlaubst du dir? Deine Botschaft hat Stinner alarmiert, jetzt werden wir wieder gesucht! Deine Drohung ist ebenso dreist wie dein Angebot unglaubwürdig ist! Wir wissen doch, dass du nicht in der Lage bist, uns zu verletzen.“
Der Schwarze Herold lachte boshaft. „Ich habe einiges gelernt seit meinem letzten Besuch. Hätte ich damals schon vermocht, was ich heute kann, der Sieg gegen die Helden von Andor wäre Euer gewesen, Callem! Ich biete Euch mehr, als jeder andere es könnte und ich rate Euch anzunehmen.“
Callem musterte den Schatten. Er hasste die Helden von Andor, so viel war gewiss. Doch Callem war nicht überzeugt, ob der Herold nicht den Verstand verloren hatte. „Wer ist dieser Ewige Rat, von dem du sprachst?“
„Das seid Ihr! Das ist die Schwarze Kogge! Nun, unter anderem. Und natürlich nur, wenn Ihr zustimmt. Aber wenn Ihr mich erst angehört habt, dann werdet Ihr zustimmen!“
Callem wartete skeptisch und so fuhr der Schwarze Herold schließlich fort: „Als erstes biete ich Euch allen Unsterblichkeit!“
Callem schüttelte zornig den blauen Kopf und spuckte aus. „Auf Narkon hatten wir Unsterblichkeit!“, rief er aus. „Was hat es uns gebracht?“
„Ruhig, ruhig! Von dieser Art Unsterblichkeit spreche ich nicht. Wenn man es genau nimmt, dann seit ihr zum Sterben sogar sehr gut in der Lage. Nur, dass Euch das nicht schaden wird.“
Orril trat vor, seine Finger spielten mit der beinernen Flöte und seine silbernen Haare schienen von innen heraus zu leuchten. „Wir wollen nicht das Leben hinter uns lassen und zu einem Schatten der Vergangenheit werden, Ausgeburt des Dunkelheit. Selbst der Tod hat dich verschmäht, doch von uns fürchtet keiner den Tod! Lieber werden wir den steinigen Pfad des Lebens verlassen, als auf ewig in der Zwischenwelt gefangen zu sein, mit einem Fuß noch in dieser Welt und mit dem anderen schon in der jenseitigen stehend.“
„Ihr versteht nicht!“, rief der Schwarze Herold zornig. „Ihr werdet leben, so wie jetzt. Und das auf ewig. Aber gut, wenn Euch das nicht überzeugt, dann habe ich noch mehr im Angebot. Ich biete Euch Rache. Rache an den Helden von Andor, an Stinner, an all ihren Freunden. Sie werden vernichtet, so oder so. Aber Ihr könnt entscheiden, ob Ihr daran beteiligt sein wollt.“
„Das ist nicht nötig. Die Helden von Andor werden vernichtet, und zwar durch meine Intrige. Ich brauche dich nicht, um Rache zu üben. Das Ende der Helden von Andor steht auch so schon kurz bevor.“ Callems Gedanken wanderten zu seinem kleinen Bruder. Leander hatte es offensichtlich nicht geschafft, die Helden von Andor zu vernichten. Der Hautwandler hatte seinen Zweck nicht erfüllt. Aber Leander war klug, geschickt und geduldig. Es war nur eine Frage der Zeit.
Der Schwarze Herold wirkte kurz verwirrt, doch schließlich sagte er: „Wie Ihr meint! Dennoch gibt es etwas, was Euch niemand anderes bieten kann. Ich werde Euren alten Ruhm wiederherstellen, ich kann die Fehler, die begangen wurden, ungeschehen machen.“
Callem schüttelte verächtlich den Kopf. „Was nützt uns ein neues Schiff, wenn die Mannschaft fehlt?“
„Ein Schiff kann ich Euch nicht geben, aber die Mannschaft… Ja, viele sind gestorben. Doch wenn ihr Euch mir anschließt, dann muss das nicht so bleiben.“
Callem riss die gelben Augen auf. Sollte es möglich sein… ? Nein, der Schwarze Herold sprach wirr! Doch er schien sich seiner Sache sehr sicher.
„Widmet Euch mit mir der Vernichtung der Helden von Andor, und Eure alten Freunde werden mit Euch vereint werden!“
„Du lügst!“, zischte Callem erbost und in ihm mischten sich Hoffnung und Niedergeschlagenheit. So etwas war unmöglich!
„Tue ich das?“, fragte der Schwarze Herold belustigt. Dann schwebte plötzlich eine durchscheinende Schriftrolle aus seiner finsteren Brust und entrollte sich vor Callem in der Luft. Mühsam entzifferte er die Buchstaben auf dem merkwürdigen Pergament. Sie waren in der Alten Sprache Andors geschrieben. Leander hätte den Text fließend lesen können, doch Callem beherrschte diese Sprache nur in Grundzügen und so verging einige Zeit, bis er auch nur den groben Inhalt der Schriftrolle verstanden hatte. Dann wurde er von Abscheu auf den Schwarzen Herold erfüllt, der ihm einen Moment lang eine vollkommen unmögliche Hoffnung gemacht hatte.
„Was soll das?“, brüllte er. „Diese abstruse Geschichte ist vollkommen nutzlos! Ich bin nicht gerade religiös, und selbst wenn hätte ich davon wohl nichts.“
Der Schwarze Herold erhob sich in die Luft und die Dunkelheit um ihn schwoll an, bis er fast vollständig in einer Wolke aus Schatten verschwunden war. „Und was, wenn ich Euch erzähle, dass das Herz des Todes in meinem Besitz ist? Was, wenn ich Euch erzähle, dass Leben und Tod sich meinem Willen zu beugen haben? Ich kann das Unmögliche vollbringen! Was ist? Wollt Ihr Euch mir anschließen oder untergehen?“
Callem betrachtete seine Mannschaft. Die letzten Überreste eines stolzen Schiffes. Wenn der Schatten die Wahrheit sprach, dann musste das nicht so bleiben. „Das zu entscheiden liegt nicht allein an mir. Was sagt Ihr, Männer? Um ehrlich zu sein, ich glaube diesem Schwarzen Herold kein Wort. Aber falls nur ein Fünkchen Wahrheit enthalten ist, werden wir viel gewinnen, ohne etwas verlieren zu können. Was ist eure Meinung?“ Niron nickte ernst und Orril spielte auf seiner Beinflöte einen zustimmenden Ton. Roa kreischte triumphierend und grub seine Krallen in Callems Fleisch.
„Ich denke die Antwort ist eindeutig! Wir sind einverstanden! Falls du tatsächlich die Wahrheit sagen solltest, werden wir dich unterstützen.“
Der Schwarze Herold nickte, was sich in einem rhythmischen Zucken seiner Maske äußerte. „Dann benötige ich ein Teil von jedem von Euch. Ein Haar, ein Tropfen Blut, was immer Ihr für geeignet haltet.“
Callem zögerte kurz. Hatte der alte Krumm ihm nicht einst erklärt, welche Macht in einem Tropfen Blut stecken konnte, wenn er nur in die falschen Hände geriet? Doch dann zückte Callem seinen Dolch und stach sich mit der Spitze in den Arm. Ein einzelner Tropfen rann heraus, der sich sogleich von seiner blauen Haut erhob und vor den Schwarzen Herold schwebte. Die anderen wiederholten diese Prozedur und Roa riss sich selbstständig eine Feder aus.
Der Schwarze Herold lachte dunkel. Er hob eine Faust und ein blaues Glühen ging von ihr aus, das sich vergrößerte und bald auch Callem umgab.
„Jetzt werde ich Euch mit Euren Kameraden vereinen.“, hörte er den Schwarzen Herold sagen. Dann schwoll das Licht an und erlosch schlagartig. Zusammen mit Callems Bewusstsein.


Sonnenhoch, 24. Herbsttag 76 A.Z.
Baum der Lieder, Wachsamer Wald

Sie erreichten den Baum der Lieder am Mittag des nächsten Tages. Noch immer war Drukil wie paralysiert von den Ereignissen. Das Herz des Todes, hatte der Schwarze Herold gesagt. Wohl ein Teil dessen, was auf der Schriftrolle stand, von der sie mittlerweile alle überzeugt waren, dass es sich um den verschwundenen Text des Themauras handelte. Sie vermuteten, dass der Schwarze Herold ihn selbst gestohlen hatte. Auf seine Worte konnte sich niemand einen Reim machen, doch die Ereignisse sprachen für sich. Alles war genau so gewesen wie beim letzten mal. Das Gefühl von Tod und Verzweiflung. Das blaue Glühen. Der Staub, in den sich Callem und die anderen von der Schwarzen Kogge verwandelt hatten. Der Schwarze Herold war es gewesen, der damals den Gor getötet hatte. Was, wenn ich Euch erzähle, dass Leben und Tod sich meinem Willen zu beugen haben?
Niemand von ihnen wusste, warum der Schwarze Herold Callem und die anderen ermordet hatte, schließlich hatte es doch eher so ausgesehen, als wolle er sie auf seine Seite bringen. Doch das Ende ihrer Feinde konnte sie nur sehr bedingt beruhigen, war es doch der Beweis für die gewaltige Macht, über die der Schwarze Herold gebot. Insbesondere Leander wirkte besonders niedergeschlagen seit dem Ende der letzten Überlebenden der Schwarzen Kogge, was wohl nur logisch war. Er hatte sie nicht gekannt, ihm bedeutete es nichts, dass dieses Übel nun verschwunden war.
Die Helden von Andor werden vernichtet, und zwar durch meine Intrige. Was der finstere Kapitän wohl damit gemeint hatte, ehe der Schwarze Herold ihn vernichtet hatte?
Immerhin musste auch Leander anerkennen, dass man die Macht, die der Schwarze Herold besaß, wohl kaum zum Guten einsetzen konnte, zumindest nicht, solange ihr Feind über sie gebot. Ein schwacher Trost.

Die Bewahrer hatten ihre Ankunft bemerkt und begrüßten sie freudig, aber Drukil spürte es kaum. Sie wurden in den Baum der Lieder gebracht und die Wendeltreppe emporgeführt, zu der Kammer, in der der Oberste Priester residierte. Tatsächlich saß Farrun bereits dort und erwartete sie. Ohne das weiße Gewand hätte Drukil sein unscheinbares Gesicht schon nicht mehr wiedererkannt.
„Willkommen zurück! Habt Ihr Eurem Freund helfen können?“
„Eigentlich hat eher Stinner uns geholfen.“, antwortete Thorn nachdenklich.
Farrun lächelte. „Ja, über diesen Stinner habe ich bisher nur Gutes gehört. Mir wurde berichtet, er sei großherzig, selbstlos, habe den Nebelinseln Frieden gebracht und bekämpfe einen ketzerischen Kult.“
Dass sie alle sich bei den letzten Worten versteiften, schien ihm nicht aufzufallen. Munter fuhr er fort: „Aber sprecht, weshalb seid Ihr wieder hier? War es nicht zumindest deine Absicht, Chada, nach dem Abstecher in den Norden endlich den Thron Andors zu besteigen?“
„Wir haben einige Fragen und hoffen, dass die Archive der Bewahrer Antworten bereithalten.“, gab die Angesprochene zurück. Außerdem waren wir eh in der Nähe, ergänzte Drukil in Gedanken. „Farrun, was weißt du über ein sogenanntes Herz des Todes? Oder über Themauras?“
Der Oberste Priester runzelte seine ebenmäßige Stirn. „Ein Herz des Todes sagt mir nichts, aber wir werden sehen, was die Bewahrer dazu finden können. Und Themauras … es hat mit dem verschwundenen Pergament zu tun, nehme ich an?“ Farrun blickte versonnen ins Leere. „Er war der erste Oberste Priester der Bewahrer, ein blinder Theologe und Naturforscher. Ein Freund und Begleiter des neunten Propheten Madros Selian, gemeinsam gründeten sie die Bewahrer und legten die Archive im Baum der Lieder an. Er hat uns ein paar Schriften hinterlassen, auch wenn sein Werk neben dem von Selian natürlich verblasst. Nicht viel ist über ihn bekannt, aber er wurde wohl um das Jahr eintausendfünfhundert vor andorischer Zeit in den Ausläufern des Wachsamen Waldes geboren, der sich damals noch über das gesamte östliche Rietland erstreckte. Nach zwei Jahrzehnten als Hohepriester wurde er eines Tages von Wahnvorstellungen heimgesucht. Er wähnte sich von Sendboten des Chaos verfolgt, floh Hals über Kopf und ward nicht mehr gesehen. In sein Amt folgte die junge Rian, die den Bewahrern ein Jahrhundert als Oberste Priesterin vorstand.“
„Wusstet Ihr, dass Themauras ein Seher war?“, fragte Leander beiläufig.
Farrun erstarrte. „Ein Seher? Seid Ihr sicher? Das wäre von äußerstem Interesse!“, rief er aufgeregt.
„Nur dank seiner … Erkenntnisse konnte ich mir meine Gabe aneignen.“, erklärte Leander erstickt. „Er war ein Seher, daran kann kein Zweifel bestehen. Und vielleicht versteht Ihr jetzt auch, weshalb wir uns für ihn interessieren – oder für das Pergament, das verschwunden ist.“
„In diesem Fall werde ich sofort alle Informationen über ihn zusammentragen lassen.“ Farruns gleichmäßige Stimme beruhigte sich wieder. „Ihr jedenfalls seht erschöpft aus. Selbstverständlich könnt Ihr Euch hier ausruhen, und wenn Ihr etwas braucht, werden die Bewahrer es Euch geben. Kleidung, Waffen, Vorräte, Geld, was auch immer Ihr benötigt.“
„Danke, Farrun.“, murmelte Chada.
„Nicht der Rede wert im Vergleich zu dem, was Ihr für diese Welt getan habt.“ Er zögerte und spielte nervös mit dem goldenen Baum um seinen Hals. „Und dem, was Ihr vielleicht noch tun könntet.“, fügte er schließlich hinzu.
Drukil blickte den weiß gewandeten Mann verwirrt an. „Gibt es ein Problem, dessen wir uns annehmen müssten?“, fragte er vorsichtig.
Farrun schüttelte hastig seinen Kopf und Drukil seufzte erleichtert. „Aber nein! Ich habe höchstens etwas mit Chada zu besprechen, aber nichts, was Euch betrifft.“
„Was mich betrifft, betrifft auch sie.“, erwiderte Chada neugierig. „Was ist es denn, Farrun?“
„Ich weiß nicht, ob das der beste Zeitpunkt ist, aber na gut.“ Der unscheinbare Bewahrer faltete seine Hände zusammen. „Du bist nicht nur Heldin und Fürstin von Andor, sondern auch Thronfolgerin. Du wurdest hier geboren und kannst nun über Andor bestimmen, das ist eine große Chance!“
Drukil blinzelte und entschied, dass ihn das wirklich nicht betraf. Stattdessen richtete er seine Aufmerksamkeit auf einen juckenden Fleck an seinem Rücken.
„Als dein Vater vor vielen Jahren das Land Andor gründete, da nahm er unseren heiligen Glauben an. Die Rietgraskrone trägt vierundzwanzig Zacken, eine für jeden der Propheten. In der Rietburg gibt es einen Tempel, in dem zu Mutter Natur gebetet wird. Andor ist ein Land der Heiligen Mutter, und unsere Aufgabe ist es, diesen Glauben zu verbreiten.“
Drukil versuchte, sich zu kratzen, doch leider musste er feststellen, dass seine Arme trotz umständlicher Verrenkungen zu kurz waren.
„Doch noch immer hängen viele der Andori abstrusen Vorstellungen an. Einige verleugnen den ewigen Kreislauf der Wiedergeburt und glauben, die Seele eines Menschen werde das Ewige Glück erlangen, wenn nur der Leichnam auf einem Floß das Hadrische Meer erreicht. Andere legen den Elementargeistern Opfer hin und zweifeln damit an der Macht der Lebensspenderin. Viele Schildzwerge praktizieren einem seltsamen Ahnenkult. Es kursieren noch immer Mythen der falschen Zwillingsgötter und des zwergischen Feuergottes. Die meisten wissen nichts von den vierundzwanzig Propheten. Und einige bestreiten gar die Existenz unserer Göttin!“
Drukil rutschte unruhig auf seinem Hocker hin und her, doch dem Jucken tat das keinen Abbruch.
„Dass es uns bisher nicht gelungen ist, diese gefährlichen Irrlehren auszumerzen, ist eine Schande. Ich plane, einige Bewahrer ins Land zu senden. Sie sollen allen Andori und den Befreiten Lesen und Schreiben beibringen, ihnen Mutter Natur und die Propheten näherbringen und dafür sorgen, dass die überholten Vorstellungen keinen Bestand mehr haben. Die Erfahrung zeigt, dass insbesondere Kinder für unsere Worte empfänglich sind, sie zu bilden und zu leiten muss also unsere wichtigste Aufgabe zu sein. Sollten wir auf Menschen stoßen, die für die Wahrheit nicht aufgeschlossen sind, so müssen wir die Gesellschaft vor ihren Lügen und ihrer Unwissenheit beschützen.“
Der Bär in Drukil drängte ihn, sich an einen Baum zu stellen und den Rücken an der kratzigen Rinde zu reiben, aber er war zu träge, um jetzt aufzustehen.
„Die Bewahrer haben sich zu lange nur auf ihren eigenen Wald konzentriert. Jetzt werden wir Einheit, Frieden und Frömmigkeit verbreiten, wo immer wir können. Doch Fürst Kram hat auf mein Bittgesuch bisher nicht geantwortet und Statthalter Orfen weigert sich, Ressourcen für sakrale Aufgaben zu verschwenden, wie er es formuliert. Kann ich darauf zählen, dass du mein Ansinnen teilst und die Heiligen Schriften verbreiten wirst, wenn du erst Königin bist, Chada? Verfasse ein Botschaft für Orfen oder reise selbst zu ihm, deinem Wort wird er sich nicht verweigern. Je länger wir zögern, desto mehr unschuldige Seelen werden nicht mehr rechtzeitig vor ihrem Tod geläutert. Wir müssen jetzt handeln!“
Drukil fasste sein kratziges Wams und ruckelte daran. Als die raue Wolle über das Jucken schrappte und es auslöschte, durchbrach sein genussvolles Stöhnen die unangenehme Stille. Schließlich begann Chada mit einer vorsichtig formulierten Antwort, doch da klopfte es, ein grün gekleideter Junge trat ein und formte vor seiner Brust einen merkwürdigen Kreis. „Oberster Priester Farrun, Prinzessin Chada von Andor, Fürst Thorn …“ Der Junge stockte kurz und schien nach einer passenden Anrede für die beiden verbliebenen Gäste zu suchen.
„Was ist denn los?“, fragte Drukil ungeduldig.
„Soeben ist ein Falke eingetroffen. Er brachte eine Botschaft für die Helden von Andor.“

Neugierig stellten sie sich um das Röhrchen, das auf dem Tisch lag. Chada öffnete den Verschluss und zog zwei eingerollte Pergamente heraus, das eine davon sehr alt. Sie entrollte zuerst das Neuere und gab einen Blick auf die seltsamen Striche preis, aus denen Drukil noch immer keinerlei Erkenntnis gewinnen konnte.
Chada betrachtete die Botschaft ausgiebig und erklärte dann: „Dies ist ein Brief von Eara, er stammt direkt aus Hadria. Sie hat eine gute und eine schlechte Nachricht für uns: Die Schlechte ist, dass der Schwarze Herold auch dort war und einen Knochen aus Varkurs Grab erbeutet hat. Die Gute ist: Sie hat gefunden, wonach sie suchen sollte. Dies ist der Text von Themauras.“
Farrun griff behutsam nach der zweiten Pergamentrolle und betrachtete sie nachdenklich. Dann reichte er sie an Chada weiter, die sie öffnete und auf den Tisch legte. Ohne ihren Sinn zu verstehen betrachtete Drukil die ordentliche Schrift:

Niedergeschrieben von Themauras, Oberster Priester der Bewahrer und erster Hohepriester der Mutter Natur, übersetzt von Meister Weugen im 2. Mond des Jahres 1640 nach der Offenbarung des Propheten Reschael:
Von der schoepfung der welt und den hertzen der MUTTER
Eynst existierte MUTTER NATUR im zeytlosen KAOS und sah, dass nichts geschah. Darum schuff sie die welt, doch es gab keyne zeyt und keyne veraenderung. So liess sie die hertzen der MUTTER entstehen. Sie standen fuer geburt und tode, fuer anfang und ende, die sich im ewigen kreyslauf abwechseln. Sie gaben der welt die zeyt, denn bey ihrer zerstoerung taten sie ihren eynzigen schlag, den puls der MUTTER. Alle 500 iahre brachten die hertzen ein neues hertz hervor, dass in der lage seyn sollte, die alten hertzen der MUTTER im falle ihrer zerstoerung zu ersetzen. Doch es gab etwas, das die welt nicht wollte. Es war das KAOS, das vorher ueberall gewesen war und ietzt von der ordnung der zeyt verdraengt wurde. Es suchte, die hertzen der MUTTER vollstaendig zu zerstoeren. Zur strafe sperrte MUTTER NATUR das KAOS ins zentrum ihrer neu geschaffenen welt und schuff drey waechter des KAOS. Doch das KAOS ist nicht machtlos, es bringt alle uebel in die welt und bemueht sich bis heute, eynes der hertzen komplett zu zerstoeren und die ordnung endgueltig zu zerschlagen, denn wenn die macht eynes hertzens vernichtet ist, wird die welt aufhoeren zu seyn. Eynes tages wird das ende der welt bevorstehen, und eyner wird kommen, der die macht der hertzen vereynt und als hoechster prophet der MUTTER nur die vereynte macht beherrschen kann. Er endlich wird der welt frieden bringen und den zwist beenden.
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Zwischenspiel III – Der Rat erwacht

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:07

Zwischenspiel III – Der Rat erwacht

Mondhoch, 24. Herbsttag 76 A.Z.
Halle des Hohen Rates, Krahalzar

In einem gigantischen, halbkreisförmigen Saal schwebte ein Schatten allein über halb verfallenen Sitzreihen. Die kunstvollen Reliefs an den Wänden verbargen sich im diffusen blauen Licht, das aus seiner Faust strömte. Der einzige Eingang in den Saal verschwand in tiefster Dunkelheit.
Der Schatten drehte sich erhaben um die eigene Achse und unterzog den Saal einer letzten Überprüfung. Dann schwebte er dicht über den steinernen Boden. Seine weiß glühenden Augen strahlten heller denn je, doch seine gezackte Maske schien alles Licht einzusaugen.
„Asche, aus einem brennenden Tempel gerettet!“, rief der Schwarze Herold in die vollkommene Stille des leblosen Ortes, die Spitze seines dunklen Schwertes zeigte auf einen der Sitze und eine handvoll Ascheflocken erhob sich darüber.
„Gebeine, in einer verschneiten Feste gefunden!“ Über einem weiteren Sitz schwebte ein kleiner Knochen.
„Eine Schuppe, von einem Kind erworben!“ Eine dunkle, messerscharfe Schuppe flog über den halbrunden Platz unterhalb der Sitze.
„Knochen, aus einem schwarzen Grab gestohlen.“ Auch hier schwebte ein winziger Knochen, ein feines Gelenk.
„Überreste, vom Grund des Meeres für mich geborgen!“ Aus einer ganzen Sitzreihe erhoben sich unterschiedliche Kleinteile, hauptsächlich Hautfetzen und Knochen.
„Blut, willentlich gegeben!“ Neben den anderen Überresten schwebten drei Tropfen Blut und eine rote Feder in die Höhe.
„Macht der See, ehrerbietig geschenkt!“ Ein einzelnes grünes Haar, ein bläulich schimmernder Knorpelklumpen und ein winziger, in einem Glas gefangener Windstoß erschienen über den letzten Sitzen.
„Alles, was von den erbittertsten Gegnern, den grausamsten Wesenheiten, den mächtigsten Widersachern der Helden von Andor geblieben ist! Doch ich, der Schwarze Herold, weigere mich, eine scheinbare Niederlage anzuerkennen!“ Er hob eine schattenhafte Faust, aus der ein fahles, blaues Glühen drang.
„Ich beschwöre die Geister der Toten!“, schrie er. „Ich rufe die größten Feinde der Helden von Andor! Ich eröffne die erste Sitzung des Ewigen Rates!“ Das blaue Glühen schwoll an, bis der ganze Saal hell erleuchtet war. Dann verdichtete es sich in den Sitzen zu schemenhaften Umrissen und erlosch schlagartig. Doch die Umrisse blieben…


In einem dunklen Schrank stand eine Silberschale mit blau schimmerndem Arkanum. Langsam verstärkte sich das blaue Leuchten, Finger aus Licht tasteten durch ein Schloss ohne Schlüssel in die Spitze eines Turmes. Das fahle Licht erlosch und die silberne Schale war leer.

Hoch im Grauen Gebirge lagen zerstreute Knochen unter einer Schneeschicht begraben. Auf einmal erglühten sie, das vom Schnee gestreute Licht tauchte die zerborstenen Mauern in ein unheilvolles Blau. Dann verschwanden das Licht und die Knochen, als hätte es sie nie gegeben.

In einer verbrannten Gruft leuchtete ein zerstörter Basaltsarg blau auf, schwarz gekachelte Wände absorbierten das zwischen den Steinsplittern hervorquellende Licht. Als das Licht erlosch, war im Sarg ein Häuflein Asche verschwunden.

Zwischen den geborstenen Überresten eines schwarzen Schiffes lagen die letzten Spuren von verwesenden Leichen in der endlosen Finsternis des Meeres. Plötzlich erstrahlte ein blaues Licht, heller als alles, was dieser Ort je gesehen hatte. Die zerstörten Planken warfen verschwommene Schatten auf den eintönigen Grund, auf dem keine Pflanze mehr leben konnte, dann eroberte die Dunkelheit sich ihr Refugium zurück. Die Leichen aber waren fort.


Nomion erwachte. Ihm war kalt. Ihm war seit Jahrhunderten nicht mehr kalt gewesen. Ihm war nicht mehr kalt gewesen, seit er noch einen lebendigen Körper besessen hatte. Und jetzt, da er darauf achtete, hörte er sie: Die untrüglichen Geräusche eines lebenden Körpers, die einem erst durch ihr Fehlen auffielen, wenn sie für immer verstummt waren. Oder doch nicht für immer?

Ken Dorr öffnete vorsichtig sein linkes Auge einen Spalt weit. Was war passiert? Er erinnerte sich, dass er sich vor den ankommenden Krahdern versteckt hatte, dass er ihnen nach seiner Entdeckung die beiden mächtigen Schilde im Tausch gegen sein Leben angeboten hatte, an höhnisches Gelächter und an eine auf ihn zukommende Waffe. Und da waren noch andere Erinnerungen, bruchstückhaft und verworren. Erinnerungen an Folterkeller, an Hände, die nicht seine eigenen waren, sondern nur aus bleichen Knochen bestanden, an Verfolgungsjagden durch ein Gebirge, an Kämpfe gegen die Helden von Andor. Wo war er jetzt?

Tarok, der letzte Drache, schlug seine gewaltigen, glutroten Augen auf. Er sah eine verfallene Höhle, eindeutig zwergischen Ursprungs. Er erinnerte sich an eine Niederlage gegen diese Würmer, die ihr Land hatten verteidigen wollen. Hatte er geschlafen? Nein, Tarok hatte viele Jahre lang geschlafen, aber das, woraus er jetzt erwacht war, war anders gewesen. Was war es?

Der dunkle Magier Varkur öffnete seine Augen. Einst hatte er menschliche Augen besessen, doch inzwischen waren sie durch den andauernden Gebrauch von Dunkler Magie gelb und leblos geworden. Die Dunkle Magie hatte ihn verändert, ihm jede Menschlichkeit genommen, bis sie selbst ihm Angst gemacht hatte. War sie jetzt fort? Nein, er konnte spüren, wie die dunklen Schlieren um seinen unmenschlichen Körper von neuem auftauchten, nach einer Ruhepause, die mehrere Jahre angedauert hatte.

Callem hob seine Lider. Gerade noch hatte er sich mit dem Schwarzen Herold verbündet und plötzlich war er in einem großen Saal. Was war geschehen? Hinter sich konnte er alle aus seiner Mannschaft erkennen, auch die, die schon gestorben waren. War er tot?

Kenvilar, die Tückische, spürte rauen Fels und eine bleierne Trockenheit. Und da war noch etwas… Die Präsenz von mächtigen Wesenheiten, auf kleinen Raum eingezwängt. Also hatte der Schwarze Herold Erfolg gehabt. Sie öffnete ihre orangenen Augen.



Der Schwarze Herold wartete, bis die Versammelten zu sich gekommen waren. Dann begann er zu sprechen: „Willkommen! Ich begrüße euch zur ersten Sitzung des Ewigen Rates! Ich bin der Schwarze Herold, einer der ersten Feinde, den die Helden von Andor je hatten und derjenige, der als letztes übrigblieb!“ Er machte eine kurze Pause, nur das Echo seiner tiefen Stimme hallte durch den Saal.
„Wir alle sind unterschiedlich, aber eine Gemeinsamkeit verbindet uns: Der Hass auf die Helden von Andor! Sie waren uns allen viele Jahre lang ein Dorn im Auge, haben uns geschlagen, zum Teil getötet! Niemandem ist es gelungen, gegen sie zu bestehen! Weil wir alleine waren. Die Hilfe, die ich leisten konnte, war damals noch äußerst gering. Doch dieser Fehler wird keinem hier erneut unterlaufen. Denn in Zukunft werden wir uns den Helden von Andor gemeinsam stellen! Zusammen sind wir stark, mächtiger als die Helden jemals werden könnten! Und wir werden sie vernichten! Kümmert euch nicht um Verluste, denn sie sind unbedeutend! Ich kann jedem von euch auf der Stelle den Tod schenken, aber ihn auch wieder nehmen. Tod ist in Zukunft bedeutungslos für euch. Wir haben nur ein Ziel: Wir werden die Helden von Andor vernichten und diese Welt anschließend unter uns aufteilen, um sie bis in alle Ewigkeit zu beherrschen!“
Voller Genugtuung beobachtete der Schwarze Herold die Versammlung vor sich. Die Helden von Andor hatten nicht die geringste Chance gegen diese geballte Macht.
„Vielleicht fragt ihr euch, warum ich euch überhaupt brauche, wo ich doch den Tod auf meine Feinde herabrufen könnte. Die Antwort lautet: Ich will die Helden von Andor nicht länger töten. Ich will sie vernichten! Sie sollen vor uns im Staub liegen und um Gnade winseln, sie sollen von allen Wesen auf der Welt genau so gehasst werden wie von uns, sie sollen von allen Freunden verlassen und verraten sein, sie sollen zusehen, wie ihre größten Feinde die freien Völker dieser Welt unterjochen, sie sollen wissen, dass dies ihre Schuld war, und das alles bis in alle Ewigkeit. Und dafür brauche ich euch! Ich berichte euch nun von der Quelle meiner Macht, und anschließend schmieden wir einen Plan, um die Helden von Andor ein für allemal zu vernichten. Die Rache … gehört uns!“
Der Schwarze Herold lachte, und mit der Zeit stimmte auch der restliche Ewige Rat mit ein, bis die ganze Halle von einem infernalischen Gebrüll erfüllt war.


Und an der tiefsten Stelle in Hadrias Unterwelt knirschte es bedrohlich.
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m - Der Verräter

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:08

m – Der Verräter

Sonnenhoch, 25. Herbsttag 76 A.Z.
Baum der Lieder, Wachsamer Wald

Ambra schnaubte empört, als Thorn mit dem Striegel über das empfindliche Narbengewebe an seiner Schulter fuhr. Ein roter Strich, von einem untoten Diener der Krahder verursacht und der einzige Makel auf dem ansonsten so reinen Fell des treuen Pferdes. Der Krieger tätschelte entschuldigend den Hals seines Rosses, während er mit dem gezahnten Striegel weiter über das weiße Fell strich. Ambras Atem wärmte seine Wange und er spürte, dass der Hengst kurz davor war, nach dem Apfel zu schnappen, den Thorn in seiner Tasche hatte. Thorn lächelte und bürstete mit dem Striegel noch zwei mal gegen den Strich über das Fell, dann legte er das Metall beiseite und zog den Apfel aus der Tasche. Er hielt ihn Ambra hin und das Pferd schnappte sich ihn mit seinen großen Zähnen.
Thorn ging um Ambra herum und griff nach der feinen Bürste auf einem waagrechten Brett an der einfachen Holzwand. Die Ställe des Wachsamen Waldes war hauptsächlich für Ziegen und Schweine gedacht, doch da es schon öfter vorgekommen war, dass Gesandte von der Rietburg mit dem Pferd herkamen, gab es auch einen kleinen Anbau, in dem diese Tiere untergebracht werden konnten. Hier fühlte Thorn sich so wohl wie nirgends sonst. Es war warm und der Geruch von Pferdemist erschien Thorn geradezu paradiesisch im Vergleich zu dem, was er andernorts schon hatte ertragen müssen.
Auf ihre Fahrt nach Norden hatte Thorn sein Ross nicht mitnehmen können, an Bord eines Schiffes fühlte sich Ambra nicht wohl. Aber jetzt konnte er es wiedergutmachen, dass er ihn acht Tage lang den unerfahrenen Händen der Bewahrer hatte überlassen müssen.
Wie von selbst strich Thorn das angerauhte Fell mit der Bürste wieder glatt, seine Hände glitten routiniert über den starken Leib. In sich spürte Thorn einen tiefen Frieden. Völlig unangebracht eigentlich, aber er genoss ihn trotzdem. Doch schließlich konnte er die Bedrohung nicht länger ausklammern.
Noch viele Stunden hatten sie gestern über Themauras´ Text gesprochen. Die Erschaffung der Welt aus dem Nichts, das Einkerkern des Chaos, der ewige Zwist zwischen Mutter Natur, der Lebensspenderin, der Wahrerin des Gleichgewichts, und den finsteren Mächten des Chaos, den Verursachern allen Übels, so weit stimmte der Text mit den geläufigen Schöpfungsgeschichten überein.
Doch alles andere war ungewohnt: Die von der Heiligen Mutter geschaffenen drei Wächter des Chaos. Der Höchste Prophet, der erscheinen wird, wenn die Welt am Abgrund steht. Und natürlich die Herzen der Mutter. Die Sinnbilder für Anfang und Ende, für Geburt und Tod. Von all dem hatten selbst Farrun und Melkart noch nie etwas gehört. Wie war es möglich, dass so elementare Dinge, die der erste Hohepriester der Mutter Natur selbst niedergeschrieben hatte, nur auf einer unscheinbaren Schriftrolle überdauerten, die in den Archiven des Baumes der Lieder verschwand? Man musste doch meinen, dass ein solcher Text etwas mehr Bedeutung besaß. Fast wirkte es, als sei er all die Jahre bewusst uninteressant gemacht worden. Doch von wem?
Andererseits konnte Thorn sich gut vorstellen, dass so etwas auch von alleine vergessen wurde. Lange Zeit hatte kaum jemand gewusst, dass es sich bei Themauras um einen Seher handelte, also mussten man seine Worte für entweder symbolhaft und übertragen oder schlicht für Unsinn gehalten haben. Aber andere Religionen hatten auch nur selten Probleme damit, auch den größten Unsinn als wahr anzuerkennen.
Jedenfalls waren Themauras Worte offensichtlich weder Unsinn noch symbolhaft gemeint gewesen, denn der Schwarze Herold hatte behauptet, das Herz des Todes zu besitzen. Wäre es ihm tatsächlich möglich, den Tod zurückzunehmen? Konnte er andere wiederauferstehen lassen? Vollständig, nicht nur so wie die Krahder ihre Skelette? Oder hatte er nur gelogen, um an einen Tropfen Blut der Überlebenden der Schwarzen Kogge zu kommen?

Thorn wurde von einen lauten Klopfen aus seinen Überlegungen gerissen, kaum dass er die Bürste weggelegt hatte. Ein alter, unglaublich dicker Bewahrer stand an der Tür, der goldene Baum auf seinem grünen Wams zeigte, dass er eine hohe Stellung innehatte. Thorn meinte sich zu erinnern, dass er Ladon hieß und für die Pflege des Baumes der Lieder zuständig war, doch er war sich nicht sicher, darum verzichtete er auf einen Namen als er fragte: „Was gibt es?“
„Die anderen möchten Euch sehen. Im Haus der Gäste.“
Chada war überrascht gewesen, als man sie in einer Hütte für Besucher untergebracht hatte, doch auch wenn sie noch immer die grüne Tracht der Bewahrer trug und mit Pfeil und Bogen kämpfte, war klar, dass sie nicht länger eine Bewahrerin war. Jemand anders hatte ihren alten Raum bezogen. Nun lebten sie direkt neben der Hütte, die Melkart bewohnte. Der ehemalige Oberste Priester hatte niemals in der Kammer gelebt, die eigentlich für ihn gedacht gewesen war. Er hatte stets gesagt, dass er als Oberster Priester nahe bei den Seinen wohnen sollte und nicht weit oben zwischen den Baumwipfeln am höchsten Ort des Baumes der Lieder. Farrun dagegen hielt sich augenscheinlich an die alten Traditionen und hatte seinen Platz in der Kammer des Obersten Bewahrers eingenommen.
Ladon, wenn er denn so hieß, führte Thorn zu ihrer Hütte. Ein Tisch und fünf Betten waren darin, doch Drukil schlief noch immer lieber unter freiem Himmel und da Eara nicht mit ihnen zurückgekommen war, waren nun zwei der Betten unbesetzt.

Thorn betrat die Hütte und sah Chada fragend an. „Jemand wollte uns sprechen. Diorn holt ihn gerade.“
Thorn hatte nicht die geringste Ahnung, wer dieser Diorn war, doch ehe er seine Frage stellen konnte, kam ein grün gekleideter Junge vor die Hütte gelaufen und rief hinein: „Euer Besucher ist hier!“
Thorn trat aus dem Eingang in die Hütte und betrachtete neugierig eine schlanke Gestalt unter einem feinen grauen Mantel, dessen Kapuze das Gesicht vollständig bedeckte. Nur bleiche, langgliedrige Hände ragten aus den Ärmeln hervor. Drukil und Chada musterten die Gestalt ebenso erwartungsvoll und Leander, der sich auf einem der Betten niedergelassen hatte, hielt den Kopf gesenkt, bei ihm ein Zeichen, dass er entweder besonders konzentriert lauschte oder schlief.
Die Person trat näher und Thorn suchte mit seinen Fingern den Griff seines Schwertes, bereit, es jederzeit zu ziehen. Als die Gestalt die Hütte betrat, zuckte Drukil zusammen und verzog sein Gesicht zu einer gequälten Grimasse voller Abscheu.
„Seid gegrüßt, Helden von Andor! Lange ist es her.“ Thorn erschauderte. Diese hohe, kalte Stimme… er hatte sie schon gehört! Der Fremde war gar kein Fremder, es war jemand, den Thorn kannte. Chada ging es ebenso wie ihm, Drukil wirkte noch immer geekelt, Leander dagegen unbeeindruckt. Vielleicht konnte der Seher seine Gefühle aber auch einfach besser verbergen.
„Wer seid Ihr? Zeigt Euer Antlitz!“, befahl Chada streng.
Der andere lachte leise. „Aber natürlich! Ich habe nichts zu verbergen!“ Seine schlanke Hand wanderte zur Kapuze und Thorn bemerkte die Schwielen eines Schwertkämpfers. Im nächsten Moment war das vergessen, denn Thorn starrte entsetzt auf ein Gesicht, von dem er angenommen hatte, es nie wieder sehen zu müssen. Fassungslos betrachtete er das schmale Antlitz mit den grauen Augen, die Halbglatze und den dünnen Spitzbart.
Nein! Mich schimpft Ihr einen Dieb, aber dieses Stück habe ich selbst gefunden und ausgegraben. Der Sternenschild gehört mir, ihn zu nehmen, das ist Diebstahl!
Thorn wusste jetzt, wo er die Stimme schon gehört hatte. Vor ihm stand Ken Dorr, der Dieb, Statthalter Andors und zuletzt der Bleiche König. Wegen Diebstahls von der Rietburg verbannt, hatte er Andor lange verlassen, doch nach dem Tod Brandurs war er zurückgekommen. Den mächtigen Sternenschild hatte er gefunden, und um das Land zu retten hatten die Helden ihn nehmen müssen. Später war es ihm gelungen, zum Statthalter Andors aufzusteigen, während Thorn im Norden war. Man nahm an, dass er in den Tod von Schwertmeister Malin und König Thorald verstrickt war, doch die Krahder hatten seine kurze Regentschaft beendet. Später war er als Bleicher König, als mächtigster der untoten Diener der Krahder, im Gebirge aufgetaucht und hatte selbst nach seinem Tod noch Angst und Schrecken verbreitet, bis seine Knochen endgültig zerschlagen worden waren.
Ganz von alleine fuhr Thorns Schwert aus seiner Scheide und hätte Ken Dorr durchbohrt, wäre der nicht rasch zurückgesprungen. „Bitte, beruhigt Euch! Entschuldigt mein schlechtes Benehmen bei unserer letzten Begegnung, aber ich fürchte, ich war damals … nicht ganz ich selbst. Kein Grund jedenfalls, mich gleich zu ermorden.“
Thorn zitterte. Wenn es noch irgendeines Beweises für die gewaltige Macht des Schwarzen Heroldes bedurft hatte, dann stand er jetzt vor ihnen. Er konnte die Toten aus ihrem ewigen Schlaf wecken!
Chada war erbleicht, während Drukils Gesichtsausdruck sich nicht geändert hatte und Leander nur verwirrt über Thorns Reaktion schien. Aber die beiden hatten Ken Dorr ja auch nur in seiner Gestalt als Bleicher König erlebt, sie wussten nicht, wer vor ihnen stand.
„Was willst du hier? Du bist ein Dieb, Mörder und Folterknecht, du kannst froh sein, wenn wir dich nicht sofort aufknüpfen.“ Chadas Stimme hatte sich selten majestätischer angehört als in diesem Moment.
In Leanders Gesicht zeichnete sich Erkenntnis ab. „Du … bist Ken Dorr, richtig?“
„In der Tat!“ Es klang fast, als sei der Dieb stolz auf seine Identität. „Wollt Ihr Euch mir nicht auch vorstellen? Euch beide kenne ich nicht.“
„Das ist Leander! Und ich bin Drukil! Und du bist das Monster, dem ich die Wunde in meiner Flanke zu verdanken habe!“
Ken Dorr hob vorsichtig die Arme, darauf bedacht, keine hektische Bewegung zu machen. „Macht mich nicht für die Taten verantwortlich, die ich als Bleicher König begangen habe! Ihr solltet Euch über meinen Besuch freuen. Ihr wisst nur noch nicht, was Ihr mir bald zu verdanken haben werdet. Es geht um den Ewigen Rat…“
Thorns Schwert zuckte nach vorne und hielt genau an der Kehle des Diebes. „Du bist als Bote hier?“
Ken Dorr seufzte. „Nein, als Verräter! Ich möchte Euch helfen! Ich kann verstehen, wenn Ihr mir nicht gerade vertraut und mich für einen gewissenlosen, machtgierigen Egoisten haltet - womit ihr auch vollkommen Recht habt - aber jetzt solltet Ihr mir zumindest zuhören.“
„Also gut, sprich!“, sagte Leander hastig, ehe Thorn etwas Unbedachtes tun könnte. Und tatsächlich war der Krieger kurz davor, sein Schwert in diesen Hals zu rammen und den Ewigen Rat so wenigstens etwas zu dezimieren. Doch er beherrschte sich mühsam, weder würde er jemals einen wehrlosen Menschen töten noch wäre es klug, diese Informationsquelle vorschnell zum Versiegen zu bringen. Selbst wenn sie vergiftet war…
„Gut, hört zu: Ich werde Euch alles sagen, was ich über den Ewigen Rat weiß, und dann sprechen wir weiter, ja?“ Thorn nickte düster. „Könnte ich wenigstens die Arme herunternehmen?“ Widerstrebend nahm Thorn sein Schwert vom schmalen Hals, doch er steckte es nicht weg. Ken Dorr nahm unaufgefordert Platz und legte seine Hände gut sichtbar auf die Tischplatte.
„Danke! Also dann: Der Ewige Rat ist eine vom Schwarzen Herold gegründete Vereinigung mit dem Ziel, sich an Euch zu rächen und danach die Welt zu beherrschen. Mit der Macht, über die der Herold gebietet, wird ihnen das auch gelingen, denn er kann jederzeit und überall jeden töten oder wiederauferstehen lassen, von dem er ein Teil besitzt, ein Haar, ein Knochen, ein Tropfen Blut, Ihr wisst schon. Zu Eurem Glück geht seine Rache weiter als bis zu Eurem Tod. Er möchte Euch bis in alle Ewigkeit leiden lassen.“
„Zu unserem Glück, ja? Ich spüre schon, wie viel Glück ich habe.“, erwiderte Thorn verächtlich, dann fragte er: „Wer sitzt alles im Ewigen Rat?“
„Außer dem Schwarzen Herold? Tarok, der letzte Drache!“ Thorn dachte unwillkürlich an den monströsen, schuppenbedeckten Leib und die riesigen Schwingen, die den Himmel verdunkeln konnten. Er erinnerte sich an glutrote Augen und einen Strahl aus heißestem Feuer, an den Geruch von verbranntem Fleisch, an riesige, messerscharfe Krallen, an…
„Varkur, der dunkle Magier!“ Ein echsenhaftes Gesicht, eine Wolke aus puren Schatten, ein Gefühl, als würden einem die Gedärme ausgerissen und umgekehrt wieder eingesetzt. Ein finsteres Wesen mit gelb glühenden Augen und ledrigen schwarzen Flügeln. Kämpfe im Hof der Rietburg, im Wachsamen Wald, am Rande eines grün leuchtenden Sees, in eisigem Schnee, auf…
„Die drei Mächte des Meeres!“ Tentakel, groß wie Bäume. Wellen, die ihr Schiff halb zertrümmern. Ein Sturm, der ihr Boot wie einen Korken umherschleuderte. Ein riesiges Ungetüm aus grünem Fleisch und…
„Die Mannschaft der Schwarzen Kogge!“ Jede weitere Bemerkung Ken Dorrs vergrößerte Thorns Verzweiflung. Jetzt sah er Verfolgungsjagden auf einer verfluchten Insel. Ein pechschwarzes Schiff mit den seltsamsten Gestalten an Bord. Einen Mann mit blauer Haut, der…
„Nomion, der erste Krahder!“ Ein Turm im Grauen Gebirge. Ein blasser Schatten, halb durchscheinend. Skelette mit scharfen Waffen. Graue Riesen mit gewaltigen Kräften. Ein gigantisches Monster, ein Koloss aus Stein. Ein…
„Und meine Wenigkeit, Ken Dorr! Wir wurden einander bereits vorgestellt.“, fügte er hinzu.
Thorn zitterte am ganzen Leib. Das war ein Alptraum! Ihre größten, mächtigsten Feinde, all jene, die sie vernichtet geglaubt hatten, jetzt gegen sie vereint. All ihre vergangenen Erfolge waren wertlos, all ihre Siege zu Niederlagen geworden. Ken Dorr war noch der harmloseste, aber die anderen…
„Sie … sind am Leben? Alle? Nicht nur als Untote oder als Geister, sondern wie vor ihrem Tod?“, meldete sich Leander zu Wort und wenn Thorn es nicht besser gewusst hätte, dann hätte er dem Seher einen freudigen Tonfall unterstellt. „Das ist … Was ist das für eine Macht, die der Schwarze Herold beherrscht? Ist es das alte Wissen der Krahder? Woher kommt seine Fähigkeit?“ Oh ja, altes Wissen hatten ihn schon immer interessiert.
Ken Dorr nickte bedächtig. „Das hat der Schwarze Herold uns freundlicherweise berichtet, ich muss allerdings etwas weiter ausholen: Vor einiger Zeit, als ich bereits gestorben war, hat der Herold aus diesen Archiven hier eine Schriftrolle gestohlen, geschrieben von einem gewissen Themauras. Neben einigem uninteressantem Zeug steht dort auch etwas von den Herzen der Mutter. Zwei mächtige … Dinge, die laut Themauras von Mutter Natur geschaffen wurden und die Macht von Geburt und Tod beherbergen. Und diese Herzen hat er als das erkannt, was sie sind.“
Thorn beobachtete fasziniert, wie Ken Dorrs Finger unstet auf die Tischplatte trommelten. Seine Hände wirkten wie bleiche Spinnen. Und er wusste, dass Ken Dorr tatsächlich eine Spinne war, eine Spinne in einem Netz aus Lügen. Man durfte keinem seiner Worte vertrauen, jedes einzelne musste man genau prüfen, drehen, wenden, ins Licht zerren, um seine wahren Absichten herauszufinden.
Nun folgte Kens Fingerspitzen dem in den Tisch geschnitzten Baum. „Die Herzen der Mutter sind nichts anderes als Bäume. Das Herz von Anfang und Geburt ist der Baum der Lieder, das Herz von Ende und Tod ist, besser gesagt war, der sogenannte Schwarze Baum in Krahd. Der Segen des Baumes der Lieder liegt auf Andor und verschafft den Wesen hier ein gesundes und langes Leben, der Fluch des Schwarzen Baumes lastete auf Krahd und verpestete die Luft, doch mit seiner Macht konnten die Sklavenschinder die toten Körper befehligen. Sie wussten gar nicht, welche Macht sie tatsächlich in ihren Händen hielten.“ Ken Dorr lachte.
„Du bist ziemlich fröhlich.“, merkte ruhig Chada an, doch Thorn bemerkte das Zittern in ihrer Stimme. Die Wucht dieser Enthüllung war gewaltig. Die Bewahrer lebten tatsächlich in einem Heiligtum von Mutter Natur, einem Heiligtum, das deutlich älter war als die Bewahrer, vielleicht als die Menschheit selbst. Farrun würde vor seligem Entzücken der Schlag treffen.
„Natürlich bin ich fröhlich!“, antwortete Ken Dorr. „Warum auch nicht? Ich habe eine zweite Chance bekommen. Ich kann erneut leben!“ Eine kurze Pause trat ein, auch wenn einem jeden von ihnen Hunderte Fragen auf der Zunge lagen.
„Das Erdbeben!“, entfuhr es Leander plötzlich. „Wir haben den Schwarzen Baum in Krahd verbrannt. Der Puls der Mutter. Es war nicht die Zerstörung von Borghorn, die das Graue Gebirge erbeben ließ!“
Ken Dorr blinzelte überrascht. „Ihr kennt den Text bereits? Dann seid Ihr weiter gekommen, als ich vermutet hätte.“ Ein feines Lächeln umspielte seinen dünnen Lippen. „Ich habe diesen Schwarzen Baum nicht gesehen und dieses Beben nicht erlebt, aber vermutlich habt Ihr recht. Zumindest hat der Schwarze Herold uns von einem anderen Beben berichtet, das im Zuge der Zerstörung des Herzens des Todes erfolgte. Ihr müsst wissen, der Schwarze Baum in Krahd war gar nicht das erste Herz. Der ursprüngliche Schwarze Baum stand irgendwo im Grauen Gebirge, doch zu Zeiten von ebenjenem Nomion, der im Ewigen Rat sitzt, war gerade der 500-Jahreszyklus abgeschlossen und die Bäume hatten Ersatzherzen geschaffen, beziehungsweise Samenkörner. Nomion fand das Samenkorn des Schwarzen Baumes und pflanzte es in seiner Heimat ein, um größeren Einfluss auf den Baum zu nehmen, dessen Macht er gespürt hatte. Er wusste nicht viel über die Herzen, doch er erkannte, dass der alte Baum zerstört werden musste, damit der neue Schwarze Baum die Macht beherbergen könnte. Seine Schergen verbrannten das alte Herz und lösten ein Beben aus, das die gesamte Welt erschütterte. Und wenn der Schwarze Herold die Wahrheit gesagt hat, dann nicht nur diese Welt. Ihr habt doch sicher schon von Krahal gehört?“
Thorn nickte, ebenso wie Chada und Leander, doch Drukil runzelte verwirrt die Stirn, also erklärte der Krieger ihm: „Krahal ist angeblich ein magischer Ort, von dem die Dunklen Kreaturen stammen.“
„Der Legende nach wurde Krahal einst von den Drachen erschaffen.“, ergänzte Leander versonnen. „Ein mystischer Ort tief unter der Erde, geschaffen allein durch ihre geeinte Gedankenkraft. In Krahal lag das kollektive Bewusstsein der Drachen und die Quelle ihrer Energie. Doch es heißt, dass Krahal eines Tages tief erschüttert wurde. Die durch den unterirdischen Krieg mit den Zwergen ohnehin geschwächten Drachen starben bis auf einen aus, doch aus den Tiefen krochen andere Wesen: Gors, Skrale, Wardraks; widernatürliche, blutdurstige Kreaturen, die sich über die Welt verteilten, sich vermehrten und die dem Willen des letzten Drachen gehorchten. Des letzten Drache, Tarok, den die tapferen Helden von Andor vor dreizehn Jahren erschlugen und den der Schwarze Herold jetzt zum Leben erweckt hat.“
„Richtig, Leander!“, bestätigte Ken Dorr vergnügt. „Und diese Erschütterung hatte ihren Ursprung in der Zerstörung des ersten Schwarzen Baumes.“
Drukil schüttelte sich unbehaglich. „Könnten wir bitte zum Ewigen Rat zurückkommen?“, fragte er ungeduldig.
„Natürlich! Aber diese Ereignisse haben direkt damit zu tun. Denn als Tausch für die Hilfe gegen Euch lehrte der Geist von Nomion den Schwarzen Herold, was der erste Krahder auch als Schatten noch an Nekromantie beherrschte. Der Schwarze Herold erfuhr einst lang gehütete Geheimnisse von Tarok, dann fand er noch die Schrift des Themauras und so wusste er, dass der Schwarze Baum in Wahrheit das Herz des Todes war und dass die Hexerei der Krahder nur die Macht des Herzens anzapfte.“
Drukil stöhnte und der Ken Dorr warf ihm einen bösen Blick zu. „Schon gut, ich komme ja zur Sache. Vor kurzem war der 500-Jahreszyklus erneut abgeschlossen und die Bäume haben erneut Samenkörner produziert. Der Schwarze Herold fand den Samen des Schwarzen Baumes und brachte ihn in Sicherheit. Als ihr den alten Schwarzen Baum zerstört habt, ist dessen Stärke in den Samen übergegangen. Die Macht des Herzens, in ein winziges Samenkorn von der Größe einer Faust konzentriert. Und dank Nomions Lektionen kann er es beherrschen.“
Thorn kam ein unheimlicher Gedanke in den Sinn. „Was wäre geschehen, wenn das Samenkorn mit dem Schwarzen Baum zerstört worden wäre?“, fragte er vorsichtig.
Ken Dorrs Lächeln erlosch. „Nach Themauras wäre das das Ende der Welt. Aber wer weiß schon, ob er damit recht hatte? Ich verspüre keinen Wunsch, es auszuprobieren.“ Er holte tief Luft. „Jedenfalls hat der Schwarze Herold seitdem die Überreste der Ratsmitglieder zusammengesucht und den Ewigen Rat gestern ins Leben gerufen.“
„Und wie sehen seine Pläne genau aus?“, hakte Chada nach. „Mit dieser Macht könnte er einfach in Andor einmarschieren, uns gefangen nehmen und fertig.“
„Er könnte sich auch einfach ein Haar von jedem von Euch besorgen, Euch töten und dann direkt inmitten des Ewigen Rates wieder auferstehen lassen. Aber er möchte nicht, dass Ihr wisst, wie wenig Hoffnung Ihr wirklich hattet. Er will, dass Ihr denkt, Ihr hättet das alles vermeiden können, damit Ihr noch verzweifelter seid, wenn Ihr erst besiegt seid. Diesen Plan zumindest habe ich ihm soeben zunichte gemacht.“ Ken Dorr grinste. „Außerdem will er sich nicht nur an Euch rächen sondern auch an allen anderen, die sich gegen ihn gestellt haben und mit Euch im Bunde waren. Und ja, dafür lässt er bereits Kreaturen sammeln, die im Namen des Ewigen Rates jeden Widerstand ersticken sollen.“
Ken Dorr zögerte kurz. „Jedenfalls hat er vor, anschließend die Welt unter dem Ewigen Rat aufzuteilen. Den Krahdern die Reste ihres alten Landes und die östlichen Länder, den Drachen das Graue Gebirge, den Mächten des Meeres das Hadrische Meer mit den Nebelinseln, Varkur die Insel Hadria. Die Schwarze Kogge darf überall angreifen und jeden nach Belieben terrorisieren. Bei all dem lässt er Euch zusehen, und das bis in alle Ewigkeit.“
„Und Andor will er selbst beherrschen?“, fiel Drukil das Land auf, das in der Aufzählung noch fehlte.
Ken Dorr schüttelte leicht verlegen den Kopf. „Andor, Cavern und den Wachsamen Wald hat er mir versprochen.“, sagte er leise und in einem Tonfall, als wäre das nur ein unbedeutendes Detail, das er vergessen hatte.
Thorn schob sein Schwert wieder etwas näher an den sitzenden Dieb heran. „Das macht mich jetzt stutzig!“, meinte er bedrohlich. „Du bekommst ewiges Leben, Rache an uns und das Land Andor als Geschenk? Und trotzdem willst du den Ewigen Rat verraten? Du erwartest nicht wirklich, dass wir das glauben!“
Ken Dorr schnaubte. Dann rief er bitter: „Aber überlegt doch! Was bietet er mir tatsächlich? Rache? Die ist bedeutungslos! Nicht Ihr habt mich ermordet, sondern die Krahder! Wenn überhaupt müsste ich mich an ihnen rächen. Ewiges Leben? Dieses Angebot hat einen gewaltigen Makel: Der Schwarze Herold ist wahnsinnig und Rache an euch ist alles, was ihm etwas bedeutet. Wer garantiert mir, dass er mein Leben wirklich verlängert, wenn er erst gewonnen hat? Vielleicht geht ihm irgendwann auf, dass Tarok ein viel grausamerer Herrscher über Andor wäre, in seinen Augen also ein besserer, um Euch zu quälen. Und dann ist mein ewiges Leben leider doch nicht mehr ewig, sondern stattdessen sehr kurz. Und die Macht? Nein! Eine Marionette hat keine Macht, selbst wenn sie auf einem Thron sitzt. Im Vergleich zu den anderen Ratsmitgliedern bin ich unbedeutend, selbst ohne den Schwarzen Herold könnte ich mich in dieser Weltordnung nicht lange halten. Und so hätte ich stets eine Waffe am Hals, mit der er mich kontrolliert. Nein, ich hätte keine Macht. Macht bedeutet die Fähigkeit, zu tun, was man möchte.“
„Das verwechselst du mit Freiheit“, behauptete Chada fest.
Ken Dorr schüttelte belustigt den Kopf. „Aber ohne Macht gibt es keine Freiheit. Man ist nur frei, wenn man genug Macht hat, seine Freiheit auch durchzusetzen und zu verteidigen.“ Als er sah, dass Chada widersprechen wollte, entgegnete Ken: „Wir können uns jedenfalls darauf einigen, dass ich weder Macht noch Freiheit habe, solange jede meiner Handlungen vom Ewigen Rat kontrolliert wird. Und damit ist sein Angebot wertlos!“
„Das kannst du uns doch nicht erzählen.“, widersprach Thorn. „Du würdest dieses Land doch eher vernichten, als dass es glücklich wird.“
„Bitte, könnten wir in Zukunft auf haltlose Anschuldigungen verzichten. Ich bin doch kein Sadist, ich empfinde keine Freude beim Leid anderer. Im Gegenteil, unnötiges Leid ist Verschwendung. Und ich hasse Verschwendung!“
„Nur deswegen würdest du doch nicht einen aussichtslosen Kampf anfangen.“, rief Thorn aufbrausend. Er vertraute diesem Dieb kein Stück weit!
„Wieso aussichtslos? Ich habe alles genau durchdacht, dieser Kampf ist überhaupt nicht aussichtslos, auch wenn Ihr mit eurer üblichen So-lange-draufhauen-bis-der-Gegner-tot-umfällt-Taktik nicht weit kommen werdet.“ Bei diesem Satz bedachte Ken Dorr insbesondere Thorn mit einem scharfen Blick. „Es gibt drei Dinge, die der Untergang des Ewigen Rates sein können! Erstens: Der Schwarze Herold hat einen gravierenden Fehler gemacht. Er hat Euch überschätzt!
„Mir wäre es lieber, wenn er uns unterschätzt hätte.“, meinte Drukil trocken.
„Mag sein. Aber bedenkt doch: Der Ewige Rat ist zu groß, jeder möchte am Ende möglichst viel beherrschen. Außerdem sind viele Ratsmitglieder untereinander zerstritten. Wusstet Ihr zum Beispiel, dass es Tarok selbst war, der einst Nomion ermordete? Manche Dinge hätte der Schwarze Herold uns besser nicht verraten, denn wenn ich erst ein wenig Zwietracht säe, wird der Rat nicht lange halten.“
„Wie willst du das anstellen?“, fragte Chada skeptisch. „Nach deinem Verrat wirst du wohl kaum noch in der Nähe des Ewigen Rates gelangen, und vertrauen werden sie dir schon gar nicht.“
Ken Dorr blickte die Helden enttäuscht an. „Ich hätte wirklich mehr von Euch erwartet! Glaubt Ihr allen Ernstes, der Schwarze Herold wüsste nicht, dass ich hier bin? Er hat irgendeinen unwichtigen Knochen von mir, er kann mich jederzeit töten. Ich kann mich unmöglich offen gegen ihn auflehnen!“
„Kein Knochen ist wirklich unwichtig.“, stellte Leander klar und fragte dann: „Was glaubt der Herold denn dann, weshalb du hier bist?“
„Um Euch heimlich auszuspionieren! Aber bevor Ihr jetzt etwas Unüberlegtes tut“, fügte er hastig hinzu, da Drukil empört aufsprang, „solltet Ihr bedenken, was ich Euch jetzt schon alles erzählt habe. Ihr müsst doch sehen, dass das nicht im Interesse des Ewigen Rates sein kann! Hört mich zumindest zu Ende an, ehe Ihr entscheidet, was Ihr mit mir anstellen wollt.“
Leander griff Drukils Arm und zog ihn wieder aufs Bett. „Gut, Ihr werdet es nicht bereuen! Wo war ich stehengeblieben? Zweitens: Der Ewige Rat basiert darauf, dass der Schwarze Herold alle, die sterben, wieder zurückholt. Aber was passiert, wenn der Herold selbst stirbt? Er muss auch eine Schwäche haben, und wenn wir die finden und im geeigneten Moment ausnutzen, könnt Ihr das Samenkorn in Euren Besitz bringen und danach den restlichen Ewigen Rat töten.“
Ken Dorr hielt inne und wirkte fast, als erwarte er Applaus für seinen Einfall. Als der ausblieb fuhr er enttäuscht fort: „Drittens gibt es mehr als nur einen Samen. Der 500-Jahreszyklus ist um. Auch der Baum der Lieder muss ein Samenkorn hervorgebracht haben, das man sicherlich gegen den Schwarzen Herold verwenden kann. Ihr könntet den Ewigen Rat mit seinen eigenen Mitteln bekämpfen!“
„Am Baum der Lieder wachsen jedes Jahr Hunderte von Früchten!“, erklärte Thorn resigniert.
„Wenig verwunderlich, schließlich ist er der Baum der Geburt. Aber eine der Früchte muss besonders sein. Wenn Ihr sie findet, dann …“
Chada runzelte die Stirn. „Einen Augenblick! Um die Macht des Herzens ins Samenkorn übertragen und anwenden zu können, muss der Baum der Lieder zerstört werden, nicht wahr?“
Ken Dorr hob entschuldigend die Arme. „Ein unvermeidliches Übel! Aber gegen den Ewigen Rat brauchen wir alles, was…“
„Auf gar keinen Fall! Das kommt nicht in Frage! Der Baum der Lieder bleibt unangetastet!“
In Chadas Augen brannte ein Feuer, an dem auch Ken Dorr sich nicht verbrennen wollte. „Schon gut, ich habe ja verstanden! Schön! Der Baum der Lieder bleibt stehen. Alles gut! Aber dennoch sollten wir den Samen suchen, damit er nicht dem Ewigen Rat in die Hände fällt. Die Mächte des Meeres suchen schon danach!“
„Ach, tun sie das? Noch irgendetwas, das wir wissen sollten?“, hakte Thorn nach. „Die Mächte des Meeres suchen den Samen, du sollst uns ausspionieren, was machen die anderen solange?“
Ken Dorr faltete seine Hände. „Die Schwarze Kogge wird von ihrer Mannschaft wiederaufgebaut. Ein Schiff, größer, gefährlicher und schneller als je zuvor. Nomion versucht, Truppen zu sammeln, die Rietburg einzunehmen und diesen Wolfskrieger zu fangen, wofür natürlich bereits ein Haar von ihm genügt. Varkur soll diesen Königswolf suchen. Und was genau Tarok tut, weiß ich nicht.“
„Wir müssen uns beraten!“, sagte Chada entschlossen. „Warte solange woanders, irgendwo, wo du uns nicht hören kannst!“
Widerspruchslos stand Ken auf. Ehe er die Hütte jedoch verlassen konnte rief Leander ihm hinterher: „Wo trifft sich der Ewige Rat eigentlich? Lass mich raten: Ein großer steinerner Saal von der Form eines Halbkreises?“
Verblüfft starrte Ken Dorr den Seher an. „Woher wisst Ihr das?“
„Meine Visionen bewahrheiten sich.“, meinte Leander düster.
Ken Dorr nickte beeindruckt und verließ dann die Hütte. Chada folgte ihm, um sicherzustellen, dass er nicht einfach verschwinden oder Unheil stiften würde.


Früher Nachmittag, 25. Herbsttag 76 A.Z.
Baum der Lieder, Wachsamer Wald

„Und? Was sagt ihr?“, fragte Thorn, nachdem Chada zurückgekehrt war. Sie hatte Ken Dorr der Bewachung einiger Bewahrer unterstellt.
„Er kommt tatsächlich als Verräter zu uns.“, antwortete Leander überzeugt. „Die Frage ist lediglich, ob er uns oder den Rat verraten möchte.“
„Er stinkt nach verderbter Hexerei! Man spürt, dass er nicht mehr leben sollte.“, fügte Drukil hinzu.
„Wir dürfen ihm auf keinen Fall vertrauen!“, bekräftigte auch Chada.
„Natürlich nicht! Aber was sollen wir tun? Sollen wir seinem Vorschlag folgen?“ Auf einen zornigen Blick Chadas hin ergänzte Thorn schnell: „Natürlich nur dem Teil mit der Schwäche des Schwarzen Herolds. Der Baum der Lieder bleibt stehen!“
Leander schüttelte deprimiert den Kopf. „Welche andere Wahl haben wir denn? Hat einer von Euch eine bessere Idee? Es ist immer noch das Beste, was wir tun können!“
Eine Zeit lang schwiegen alle vier, dann fragte Leander: „Hat Ken Dorr eigentlich graue Augen?“
„Das hast du hören können?!“, fragte Chada verdutzt.
„Nein, aber ich sagte doch, dass meine Visionen sich bewahrheiten. Der Drache lebt wieder, der Schwarze Herold ist noch deutlich wichtiger als wir noch vor kurzem angenommen haben, der Steinsaal, den ich gesehen habe, ist der Versammlungsort des Ewigen Rates, der Königswolf wird von Varkur gejagt und der Mann mit den grauen Augen ist Ken Dorr.“
Thorn dachte an die anderen Bilder, von denen Leander ihnen berichtet hatte und die noch nicht eingetroffen waren. Insbesondere der brennende Baum der Lieder bedrückte ihn plötzlich. Die Zukunft sah dunkel aus. Und diesmal konnten sich die Helden von Andor nicht zurückziehen. Bisher hatten ihre Feinde stets etwas derart Schreckliches im Sinn gehabt, dass sie sie hatten aufhalten müssen. Auch wenn keiner von ihnen jemals aufgegeben hätte, so war das Bewusstsein, jederzeit aussteigen zu können, doch beruhigend gewesen. Dieses Mal jedoch war es das einzige Ziel des Gegners, Rache zu üben. Sie hatten gar keine andere Wahl, als zu kämpfen, bis sie besiegt würden. Und sie würden besiegt werden, das war eigentlich schon klar. Niemals hatten sie einen derart überlegenen Feind gehabt.
„Ich bin dafür, dass wir Ken Dorrs Vorschlag folgen.“, verkündete Leander schließlich widerstrebend. „ Ich vertraue ihm nicht, aber ich sehe keine andere Möglichkeit, diesen Ewigen Rat aufzuhalten. Wenn unsere Feinde geeint bleiben, haben wir keine Chance, und einzig Ken Dorr kann sie gegeneinander aufhetzen.“
Thorn nickte schweren Herzens. „Vermutlich hast du recht.“, fügte er hinzu. „Wir lassen ihn Zwietracht säen. Aber solange der Schwarze Herold lebt … ich meine, existiert, bringt das alles nichts. Wir brauchen jemanden, der uns Fragen über Gespenster beantworten kann. Jemanden, der vielleicht eine Möglichkeit kennt, sie auszulöschen.“
Die Bewahrer hatten über Nacht bereits alles herausgesucht, was in ihren Archiven über den Schwarzen Herold oder Gespenster generell zu finden war, was leider nur kümmerlich wenig war. Nun hoffte Thorn vergeblich, dass Leander aufspringen und eine Schwäche von Gespenstern nennen würde. Er kannte kaum jemanden, der so viel wusste wie Seher, dessen Schweigen lastete dementsprechend schwer auf seiner Seele.
„Fragen beantworten. Gespenster.“, wiederholte stattdessen Chada gedankenversunken. „Ich glaube, ich habe eine Idee. Im Grauen Gebirge hat Grone, der letzte Agrenälteste, mir etwas von einem Orakel der Geister erzählt. Drei alte Agrenfrauen, die als Geister zurückkamen und ihrem Volk Fragen beantworten. Wenn wir Fragen zu Gespenstern haben, dann klingt das doch ziemlich perfekt.“
„Und ins Graue Gebirge sollten wir ohnehin!“, rief Leander plötzlich. „Der Schwarze Baum in Krahd war doch ein Sinnbild für Tod und Ende, nicht wahr? Nun, dann würde ich sagen, wir haben das Ende der Sklavenschinder verbrannt! Was meint ihr? Wartet da noch eine Prophezeiung auf uns?“
Auch Thorn erinnerte sich jetzt wieder an die Prophezeiung, von der Chada ihm damals erzählte. Die Prophezeiung, von der der alte Grone vor seinem Tod berichtet hatte. Auf einmal wurde Thorn wieder von Zuversicht erfüllt. Mochte ihr Weg auch noch so finster aussehen, immerhin war es ein Weg! Und er würde ihn bis zum Ende gehen!


Früher Nachmittag, 25. Herbsttag 76 A.Z.
Baum der Lieder, Wachsamer Wald

Ken Dorr betrat das Haus der Gäste mit sichtlicher Vorsicht. „Nun, was sagt Ihr? Habt Ihr Euch entschieden?“
Thorn nickte. „Wir werden deinem Vorschlag folgen. Aber glaube nicht, dass wir dir deswegen vertrauen, es ist lediglich der beste Weg.“
„Es ist der einzige Weg.“, korrigierte Ken Dorr. „Nun, dann sollten wir wohl überlegen, wie wir mehr über die Schwächen des Schwarzen Herolds in Erfahrung bringen können.“
„Das haben wir bereits!“, erklärte Drukil bereitwillig. „Wir ziehen ins Graue Gebirge!“
„Dürfte ich auch erfahren, weshalb?“
„Nein!“, sagten sie alle vier zugleich.
Ken Dorr sah sie beleidigt an. „Schon gut! Wie wollen wir dorthinkommen? Wieder mit einem großen Tross Andori?“
Das unscheinbare wir entging Thorn nicht, aber sie waren ohnehin zu dem Schluss gekommen, dass sie den Dieb mitnehmen wollten, um stets ein wachsames Auge auf ihn haben zu können. „Das wirst du schon sehen!“, erwiderte er also nur und sah mit Genugtuung, wie Ken Dorr genervt die Augen verdrehte.
„Ich verstehe.“, antwortete er kalt. „Aber da Ihr meinem Rat jetzt folgt, kann ich auch die Bedingungen für meine Hilfe nennen.“
„Bedingungen?“, fragte Chada entgeistert.
„Aber natürlich! Glaubt Ihr etwa, ich helfe Euch aus purer Nächstenliebe? Ich riskiere mein Leben! Dafür möchte ich auch etwas haben. Keine Angst, es ist nicht viel! Ich wünsche mir nur zwei Dinge: Zum einen ein Schulderlass. Was immer ich bisher getan haben mag, mit dem Ende des Ewigen Rates sind alle meine vergangenen Untaten vergeben und vergessen. Zweitens möchte ich genug Gold, dass ich mir davon den Rest meines Lebens versüßen kann, zum Dank, dass ich bereit bin, auf ein ewiges Leben zu verzichten. Für die Thronfolgerin von Andor“, er deutete auf Chada „sollte das durchaus machbar sein.“
Die blickte ihn kalt an. „Noch etwas, Ken Dorr? Nicht noch die Krone von Andor? Du wirst ja regelrecht genügsam.“
Ken Dorr lachte. „Ich weiß doch genau, welche Grenze ich nicht überschreiten darf. Außerdem, machen wir uns nichts vor, ich war nicht gerade der beste Herrscher, den Andor je hatte.“
Thorn starrte Ken Dorr ungläubig an. War das etwa eine späte Einsicht? Nein, unmöglich! Er spielte nur!
Schließlich nickte Chada und sagte erhaben: „Also gut, Ken Dorr. Wenn der Ewige Rat durch deine Hilfe vernichtet wird und du uns nicht hintergehst, dann verspreche ich dir, sollen deine beiden Wünsche gewährt werden.“
Ken Dorr nickte ebenfalls. „Ich weiß, dass ich mich auf ein Versprechen von Euch verlassen kann.“ Er zögerte kurz, dann erwähnte er beiläufig: „Mir die Krone Andors anzubieten war übrigens gar nicht so dumm. Allerdings gebührt sie mir bereits. Ich bin der rechtmäßige König von Andor.“ Thorn erstarrte. „Innerhalb von zwölf Monden hat niemand Anspruch auf den Thron Andors erhoben. Wenn ich also um die Krone bitten dürfte?“, wandte Ken Dorr sich an Chada. Thorn versetzte ihm einen festen Tritt in den Bauch und der ehemalige Statthalter krümmte sich zusammen.
„Keinen Sinn für Humor!“, presste er hervor, ehe er einige vorsichtige Schritte aus der Hütte trat.
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Zwischenspiel IV - Geheimnisse

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:08

Zwischenspiel IV - Geheimnisse

Abenddämmerung, 25. Herbsttag 76 A.Z.
Halle des Hohen Rates, Krahalzar

In einer großen Höhle mit halbkreisförmigen Sitzreihen blickte ein gewaltiger schwarzer Drache auf einen dunklen Schatten mit gezackter Maske herab.
„Ich bin nicht mehr dein Diener, Tarok!“, tönte die tiefe Stimme des Schwarzen Herolds. Dann lauschte er auf eine Antwort, die nur in seinem Kopf erklang und antwortete dann: „Natürlich, ich wäre auch schön dumm, wenn ich ihnen alles erzählen würde. Nein, keine Angst, sonst habe ich nichts für mich behalten. Und überhaupt, du solltest dich freuen, schließlich bist du der einzige Eingeweihte und der einzige, der einen Zugang hat.“ Er zuckte zusammen. „Verdammt, dann ist es wieder passiert?“ Er lauschte einen Moment. „Du bist zwar alleine, aber dieses Mal ist es egal, wenn du stirbst, ich kann dich immer wiederholen. Sei kein Narr, du weißt genau, dass ich dich nicht deiner Kampfkraft wegen in den Rat geholt habe. Was glaubst du, warum sich der Ewige Rat ausgerechnet hier versammelt? Selbstverständlich, das ist deine einzige Aufgabe! Ja Tarok, ich werde den Drachen lassen, was schon immer den Drachen gehörte. Niemand wird davon erfahren und niemand wird dir deinen Anspruch streitig machen, wichtig ist nur, dass wir nicht vollständig abgeschnitten sind.“
Es gab eine kurze Pause. „Du misstraust mir! Aber das ist verständlich, deshalb werde ich deine Frage beantworten: Du warst zu Beginn der Helden von Andor ihr mächtigster Feind, die große Bedrohung, die im Schatten lauerte und die sie stets fürchteten. Lange Zeit hat die Helden niemand so sehr geängstigt wie du. Ich möchte nicht, dass sie sehen, wie deine Kraft immer weiter zurückgeht, bis du nur noch ein Schatten deiner selbst bist. Im Gegenteil, ich möchte, dass die Drachen wieder in ihrer alten Macht durch die Lüfte fliegen, denn ich glaube, kaum etwas wird die Helden mehr mit Entsetzen erfüllen. Außerdem möchte ich diese Welt mit Kreaturen überfluten, gegen die Gors und Skrale wie harmlose kleine Kinder wirken. Doch dazu musst du deine Aufgabe erst vollenden. Deshalb bist du hier, Tarok. Konzentriere dich auf mein Anliegen, dann wirst du deinen gerechten Lohn erhalten.“ Der Drache senkte sein Haupt noch weiter herab. „Nein, du wirst alleine arbeiten müssen. Wenn ich andere Drachen zu Hilfe hole, wird Nomion zornig, weil ich mich geweigert habe, andere Krahder zurückzuholen, aber dir den Gefallen tue, andere Drachen zu erwecken. Ja, das weiß ich selbst, aber Nomion nicht. Das würde ich an deiner Stelle lassen, sonst werden die Drachen niemals in Ruhe gelassen werden.“
Erneut schwieg der Herold. „Gut! Warum redest du dann noch mit mir?“ Der Drache schnaubte und rollte sich dann ein, legte seinen Kopf auf seine Beine und faltete seine gewaltigen Schwingen zusammen. Dann schloss er seine glutroten Augen.
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n - Violette Flammen

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:08

n – Violette Flammen

Sonnenhoch, 26. Herbsttag 76 A.Z.
Südlich der Rietburg, Andor

Janis erreichte die Rietburg, als die Sonne im Zenit stand. Acht Tage lang hatte er einem Tuchhändler am Freien Markt ausgeholfen, doch es herrschte eher Bedarf an Nahrung denn an feinem Zwirn, weshalb er schließlich hatte gehen müssen. Und zwar direkt hierher: Zur Rietburg.
Stolz erhoben sich die wehrhaften Mauern an dem großen Felsmassiv, auf das die Burg einst erbaut worden war. Nach Norden hin war die natürliche Barriere so steil, dass die Mauer über der glattgeschliffenen Felswand nur wenige Schritt hoch war. Das Sonnenlicht tauchte die Burg in ein goldenes Licht und ließ sie fast so hell erstrahlen wie das Gras darum.
Die Rietburg, erbaut von König Brandur zum Schutze seiner Untertanen. Ein Symbol für den Mut und die Wehrhaftigkeit eines ganzen Volkes. Ein Zeichen der Freiheit dieses Landes. Als Brandur noch lebte war dies das prachtvollste Bauwerk Andors. Doch mit seinem Tod legte sich ein Schatten darauf, und auch wenn kein direkter Unterschied zu sehen ist, so kann man doch spüren, dass diese Burg ihre Seele verlassen hat. Unter König Thorald ging dieses Land bergab, und jetzt, unter Ken Dorr, hat es seinen Tiefpunkt erreicht. Alles, was noch kommt, kann nur besser werden!
Dieses eine Mal hatte Kheela sich geirrt. Nach Ken Dorr waren die Krahder gekommen, und sie hatten dem Land mehr geschadet, als der Statthalter es in hundert Jahren vermocht hätte. Auch die Burg hatten sie eingenommen und alle darin verschleppt oder getötet. Sie hatten das Gemäuer beschädigt, jedoch bald die Geduld verloren und waren wieder abgezogen. Das Torhaus hatte kein Dach mehr und der Turm links davon war auch zerstört; wo er gestanden hatte klaffte eine hässliche Lücke in der Mauer. Mehr war von außen nicht zu erkennen, doch Janis konnte vier Türme zählte und wusste aus Erzählungen, dass es einst fünf gewesen waren. Er selbst hatte die Rietburg noch nie besucht.
Vor dem Tor flackerte in einer großen Steinschale ein gelbes Feuer. Janis hatte auch davon gehört: Ein Feuer aus Hadria, das niemals erlosch und vor Unheil warnte. Momentan aber brannte es gelb, es drohte also keine Gefahr. Als er näher an die Burg kam, erkannte er, dass die Torflügel fehlten, nur verfaulte Holzreste an den Angeln markierten die Zerstörungswut der Krahder. Aus dem Inneren drangen laute Stimmen sowie das Rumpeln von Wagenrädern und das Hämmern eines Schmiedes. Ein weißhaariger alter Andori in einer Rüstung mit Sternblume darauf stand neben dem zerstörten Tor Wache. Das Kettenhemd wies an einigen Stellen Spuren von Rost auf. Er musterte Janis kurz aus seinen stahlblauen Augen und winkte ihn dann ein. Janis hob grüßend eine Hand und trat dann in den Schatten des Burgtors.
Er sog tief Luft ein und roch dabei die Fäkalien und Ausdünstungen, die nicht entsorgt worden waren. Der gepflasterte Boden war schlammig und von den Häusern standen nur noch wenige, der Rest war nur noch anhand von verkohlten Balken zu erkennen. Zwischen diesen Ruinen waren Planen gespannt, unter denen auf Haufen von vergammeltem Stroh Menschen saßen und lagen. In der Mitte des Hofes stand ein Wagen, vor den ein Ochse gespannt war. Drei Schildzwerge standen darauf und reichten Lebensmittel herunter, die von einigen Andori angenommen wurden. Dabei wurden sie von den übrigen hungrig beäugt. Von den Zwergen abgesehen war jeder hier ausgemergelt. Es war deutlich zu erkennen, dass auch nach Abschluss der waghalsigen Reise ins Gebirge nicht alle Probleme verschwunden waren.
Am Freien Markt hatte Janis schon hiervon erfahren. Orfen hatte die Andori und die Befreiten ins Rietland geführt, nachdem die übrigen Helden zum Baum der Lieder gereist waren. Sie waren alle auf die Rietburg gezogen. Man hatte erwartet, hier von glücklichen Andori erwartet zu werden, doch stattdessen war die Burg verlassen, die Speicher geplündert, das Land verwüstet. Von den Schildzwergen und aus dem Wachsamen Wald kamen – zum Ärger der ansässigen Händler – täglich Waren, hauptsächlich Nahrung für die vielen Andori, aber auch Tuch sowie Holz und Steine für den Wiederaufbau der Rietburg. Doch es wurde kaum etwas aufgebaut. Alle waren noch zu erschöpft von den Strapazen des Grauen Gebirges. Kopfschüttelnd ging Janis weiter.

In dem Moment, in dem Janis einen Fuß auf den Burghof setzte, flackerte das Ewige Feuer kurz auf. Zwischen den gelben Flammen zeigten sich auch die ersten in einem unheilvollen Violett.


Abenddämmerung, 26. Herbsttag 76 A.Z.
Burghof der Rietburg, Andor

Am Abend erspähte Janis endlich die Person, auf die er gewartet hatte. In einiger Entfernung überquerte eine hochgewachsene Gestalt den Burghof, der graue Pelzmantel und die mürrische Miene waren unverkennbar: Orfen, der Wolfskrieger und Statthalter Andors. In der Hand hielt er einen Kanten Brot und er eilte mit verkniffenem Gesichtsausdruck über den Hof. Janis ließ sich davon nicht abschrecken und entfernte sich von der Wand, an der er gelehnt hatte. Er passte Orfen ab und begann: „Ehrenwerter Statthalter, ich möchte Euch …“
„Bah, nirgends hat man Ruhe vor diesen Schmarotzern. Hier, nimm das Brot und lass mich in Frieden.“
Janis starrte überrascht auf den Kanten Brot, den er plötzlich in der Hand hielt. Er hatte schon seit gestern Abend nichts mehr gegessen und war wohl noch deutlich schmaler als die meisten anderen hier, zudem verdreckt von seiner Reise, es war also kein Wunder, dass der Wolfskrieger ihn für einen Bettler hielt. Dennoch fühlte Janis, wie sein verletzter Stolz sengend heiß in ihm brannte.
„Ich bin kein Schmarotzer!“, sagte er düster. Mit der freien Hand schlug er in Orfens Bauch, leicht nur, denn es ging ihm nicht darum, zu verletzen. Der Statthalter zögerte keinen Augenblick. Er schlug blitzschnell mit der flachen Hand seitlich nach Janis´ Kopf, er legte nicht seine ganze Kraft in den Schlag, sehr wohl aber seine Geschwindigkeit. Janis jedoch hatte damit gerechnet und duckte sich unter der Ohrfeige hinweg, griff sich den Arm und nutzte den Schwung, um den wegen Orfens Position ohnehin schon gekrümmten Arm noch weiter zu verdrehen, so dass der Wolfskrieger in die Hocke gehen musste. Janis drehte schnell weiter und Orfen gab dem Druck nach und fiel mit den Knien und dem rasch weggedrehten Kopf in den Schlamm.
„Hört mich das nächste mal fertig an, Statthalter!“, triumphierte Janis mit einem überheblichen Grinsen und nahm einen Bissen von dem Brot, das er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte. Er genoss die überraschten Blicke der übrigen Andori, doch dadurch war er abgelenkt. Ehe der wusste, wie ihm geschah, schnellte Orfens Hand vom Boden hoch und ergriff Janis´ Handgelenk in einer stahlharten Umklammerung. Während Orfen sich aufrappelte, versuchte Janis vergeblich, sich loszureißen. Alle Versuche, sich zu entwinden, waren schon von vornherein zum Scheitern verurteilt, der Wolfskrieger war ungleich stärker. Keiner der Kniffe, die Khela ihm beigebracht hatte, half gegen die reine Kraft, die Orfen aufbrachte. Natürlich hätte Janis versuchen können, sich mit Angriffen auf den Kopf oder andere empfindliche Stellen loszureißen, Orfen deckte sich zwar mit der freien Hand, aber vielleicht wäre es Janis gelungen. Doch er war umgeben von Menschen, die ihrem Statthalter alles verdankten, und Orfen war ein erfahrener Kämpfer, der Janis nicht erneut unterschätzen würde. Er wusste, wann er verloren hatte. Also wehrte er sich nicht mehr und ließ zu, dass Orfen ihn, nachdem er den Schlamm mit dem Arm von seinem Kopf gewischt und ihn finster angestarrt hatte, mit sich zerrte.
Mach dir keine Sorgen, mein Schatz. Du hast ihn gereizt, aber mehr ist nicht passiert.
Ich habe ihn offen gedemütigt. Das kann er als Anführer nicht einfach hinnehmen.
Nicht alle Menschen sind so stolz wie du, Janis! Dein Stolz kann dich zu großen Taten anregen, aber auch zu schrecklichen.
Auch große Taten können schrecklich sein, Mutter!


Orfen ging wortlos nach oben, zum höchsten Turm der Rietburg, und auf eine große Halle zu, die daran gebaut war. Er zog Janis durch das offene Portal und baute sich bedrohlich vor ihm auf. Dann ließ er ihn los, schüttelte den Kopf und drehte sich um. Verwirrt folgte Janis ihm durch den Saal. Die gemauerten Wände und die Holzbalken unter dem Rietdach waren rußverschmiert, geborstene Möbel lagen verstreut auf dem steinernen Boden, die Fensterläden der großen Fenster auf beiden Seiten langen Raumes waren herausgebrochen. Ein blondes Mädchen von vielleicht sechzehn Sommern war damit beschäftigt, Trümmer beiseitezuräumen und den Boden zu wischen. Am Kopfende der Halle, neben einem großen Kamin und unter einem zerfetzten Banner, das noch immer andeutungsweise die Sternblume auf rotem Grund zeigte, stand ein großer Holzthron, dessen Lehne von einem gewaltigen Schlag gespalten war. Auf dem einfachen Tisch davor lag eine Rolle Pergament, die Orfen jetzt nahm und aufrollte, während er sich wieder zu Janis umdrehte.
„Ich werde dir jetzt Teile dieses Briefes vorlesen und danach sagst du mir, was du dazu denkst!“, begann er und das Mädchen sah interessiert auf.
„Ich … kann selbst lesen.“, merkte Janis an.
Der Wolfskrieger musterte Janis kritisch. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich möchte nicht, dass du alles erfährst, was hier steht. Ausschnitte sollten genügen.“ Er räusperte sich und las angestrengt vor: „ … sowie Tarok, der letzte Drache, der Dunkle Magier Varkur und ein Hexer der Krahder mit dem Namen Nomion. Der Schwarze Herold besitzt die Macht, sie jederzeit zu töten, kann sie aber auch wieder zum Leben erwecken. Dies wird er auch mit dir und jedem anderen tun können, von dessen Körper er ein Teil in die Finger bekommt. Und später: Jener Nomion wird versuchen, die Rietburg einzunehmen. Du wirst der Belagerung standhalten müssen, bis wir den Ewigen Rat erfolgreich zerschlagen konnten.
Janis erschauderte. Orfen hatte ihn nicht hergeholt, um ihn für seinen Schlag zu bestrafen! Wie hatte er herausgefunden, dass er dem Schwarzen Herold geholfen hatte? Er musste fort, solange noch die Möglichkeit dazu bestand!
Doch er blieb stehen, denn er wusste, dass diese Gedanken idiotisch waren. Orfen wusste nicht einmal, wer Janis war oder wie er hieß. Er konnte unmöglich ahnen, dass Janis mit seinem Feind im Bunde war. Außerdem war er gar nicht wirklich im Bunde …
Ja, er hatte dem Herold die Schuppe gegeben. Und natürlich wusste er, was das bedeutete. Der Schwarze Herold hatte angeboten, Kheela zurückzuholen, wenn er ein Haar von ihr bekäme, was er mit Taroks Schuppe vorhatte, war also unschwer zu erraten. Doch sicher hätte er schon irgendwo ein Teil von Tarok gefunden, und so hatte Janis es wenigstens nicht umsonst hergegeben, sondern für die Chance, seine Mutter zurückzuholen, eingetauscht. Dennoch fühlte er sich schuldig. Kheela hatte gegen das Untier gekämpft, sie hatte ihren Anteil an seinem Tod. Und nur ihrem Sohn war es zu verdanken, dass es nun wieder lebte. Er hatte alles verraten, wofür sie gekämpft hatte, dessen war er sich bewusst. Dank ihm würden noch viele Andori leiden. Und das war vollkommen umsonst gewesen, denn es brachte Kheela auch nicht zurück. Ansonsten hätte er diesen Preis jederzeit wieder bezahlt, aber so wünschte er, er hätte anders gehandelt.
„Also, was sagst du dazu?“ Janis sah auf und blickte Orfen an. Er hatte eine Schuld auf sich geladen, und er war zur Rietburg gekommen, um sie zurückzuzahlen. Er wollte um keinen Preis die Aufgabe seiner Mutter fortführen, aber er wusste, was Verantwortung bedeutete. Er konnte lesen und rechnen, war von seiner Mutter für den Krieg ebenso wie für den Frieden ausgebildet worden. Also hatte er Orfen seine Hilfe zumindest anbieten wollen, und wenn er sie nicht wollte, dann wäre er eben weitergezogen. Nur als Schmarotzer ließ er sich nicht beschimpfen!
„Klingt bedrohlich!“, antwortete Janis auf Orfens Frage. Er wusste nicht so ganz, was der Wolfskrieger von ihm erwartete. Eine Entschuldigung für sein Verhalten?
„Es ist bisher nicht vielen gelungen, mich mit einer Hand zu Boden zu bringen.“, sagte Orfen. „Und von denen, die es schafften, war niemand so jung wie du. Wie viele Sommer zählst du?“
„Fünfzehn.“, antwortete Janis vorsichtig.
Orfen lachte rau. „Nun gut, du hast es geschafft, mich zu beeindrucken. Kannst du auch gehorchen oder nur zuschlagen?“
Janis traute seinen Ohren kaum. Er hatte den Statthalter in den Schlamm gestoßen, aber anstatt bestraft zu werden, wurde er gefragt, ob er bereit sei, sich zu beugen! Stumm nickte Janis.
„Du hast von der Bedrohung gelesen, die auf uns alle zukommt. Du bist mutig genug, einen Mann anzugreifen, der doppelt so schwer ist wie du, Kampferfahrung hat und eine hohe Position einnimmt. Du bist geschickt genug, um auch noch kurz zu triumphieren. Bist du auch bereit, dein Leben aufs Spiel zu setzen, um andere zu beschützen?“
Janis hatte nicht so werden wollen wie seine Mutter, er hatte sein Leben nicht für andere wegwerfen wollen. Aber es war etwas anderes, ein Leben nicht zu retten, oder den Tod selbst zu verursachen. Er wusste, was er angerichtet hatte, als er dem Schwarzen Herold die Schuppe gegeben hatte. Er hatte eine Schuld zu begleichen.
„Es wäre mir eine große Ehre! Die Rietburg hat Krieger wirklich nötig, wie ich der Botschaft entnehme.“
„Allerdings! Gut, dann ist es hiermit entschieden. Wenn du dich nicht noch mal danebenbenimmst, dann wirst du bald eine Kurzausbildung durchlaufen und als einer unter vielen diese Burg und dieses Land verteidigen! Hoffentlich werde ich diese Entscheidung nicht bereuen!“
„Muss ich Euch jetzt nicht die Treue schwören?“, fragte Janis neugierig. Der Wolfskrieger zögerte kurz und Janis konnte ihm ansehen, dass er keine Ahnung davon hatte, was es hieß, ein Land zu regieren. Es hieß, er sei früher auch ein Krieger des Königs gewesen, ehe er sich ins einsame Gebirge zurückgezogen hatte. Anscheinend waren ihm all die Bräuche und Traditionen über die Jahre fremd geworden. Nach allem, was Janis gehört hatte, war es dem Wolfskrieger meisterhaft gelungen, die Schar durch das Graue Gebirge zu führen, aber er war in seinem Herzen ein Einzelgänger, kein Herrscher.
„Nein!“, murmelte Orfen schließlich in seinen schwarzgrauen Bart. „Ich bin nur der Statthalter und unsere Königin ist noch nicht gekrönt.“
Janis hatte gehört, dass Fürstin Chada die neue Thronfolgerin war. Sie war angeblich die Tochter Brandurs, was zufälligerweise erst jetzt, wo der Thron verwaist war, ans Licht kam. Aber Janis hatte kein Problem mit dieser unglaubwürdigen Geschichte. Die Fürstin war eine verdiente Heldin von Andor, sie hatte den Drachen Tarok erschlagen, die Andori ins Gebirge geführt und Mutter hatte stets nur gut von ihr gesprochen. Wenn sich einige kluge Köpfe zusammengesetzt und beschlossen hatten, dass Chada die beste Königin wäre, und wenn sie entschieden hatten, ihren Anspruch auf den Thron mit einer fiktiven Verwandtschaft zum großen König Brandur zu untermauern, dann sollte es Janis recht sein. Er hielt ohnehin nicht viel davon, etwas so Wichtiges wie die Krone einfach dem Erben des letzten Königs zu überlassen.
„Ich vertraue darauf, dass es dir auch ohne Schwur gelingen wird, richtig von falsch zu unterscheiden und stets im Interesse Andors zu handeln.“, ergänzte Orfen. Schweren Herzens nickte Janis. Wenn der Statthalter wüsste, was er getan hatte…
„Ich möchte möglichst bald mit der Ausbildung von vielen Wachen beginnen. Sieh dich hier um, ob du noch mehr findest, die dazu bereit sind.“
Janis zögerte kurz. „Nach allem, was ich hier bisher mitbekommen habe, bezweifle ich, dass wir in der Lage sind, viele Wachen auszurüsten. Haben wir Waffen und Rüstungen? Und haben wir die Vorräte, alle zu ernähren? Und den Sold, sie zu bezahlen? Ich bin auch ohne Besoldung bereit, diese Burg zu verteidigen, aber die meisten hier werden das wohl anders sehen.“, merkte er behutsam an.
Orfen kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Du hast natürlich recht, aber wir brauchen mehr Soldaten! Wir haben nur zehn Mann, damit könnten wir nicht einmal diese Halle verteidigen, geschweige denn die Rietburg. Trotzdem bin ich dankbar für deinen Einwand, …“ Er stutzte. „Wie heißt du eigentlich?“
Janis zögerte kurz. Die Vergangenheit zurücklassen … „Ich heiße Sajin!“, log er. Aber eigentlich war es gar keine Lüge, denn das war der Name, den er in Zukunft tragen würde. Die Laute seines alten Namens waren noch immer enthalten, so wie er auch für immer die Erinnerungen an sein altes Leben enthalten würde. Aber er würde in Zukunft ein anderer sein!
Orfen nickte nur und sagte: „Versuche, noch mehr zu finden, die auch ohne Sold bereit zum Kämpfen sind. Dieses Land steht kurz vor einer Hungersnot, Geld haben wir keines übrig.“
„Ich gebe mein Bestes!“, rief Janis überzeugt und Orfen verließ den Thronsaal mit schweren Schritten. Janis überlegte kurz und lief dann zu dem blonden Mädchen, das rasch den Kopf senkte und so tat, als hätte sie die ganze Zeit aufgeräumt, anstatt dem Gespräch aufmerksam zu lauschen. Janis stellte sich vor sie und blickte sie an. „Wie heißt du?“, fragte er.
Sie blickte auf und erwiderte traurig seinen Blick. Janis erkannte, dass ihre Augen nicht violett waren, wie er gedacht hatte, sondern tiefblau. Hatte das Abendrot ihn getäuscht?
Das Mädchen zuckte mit den Schultern und er brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass das wohl eine Antwort auf seine Frage sein musste. „Was soll das denn heißen? Du hast keinen Namen?“
Sie schüttelte den Kopf und blickte jetzt doch zu Boden. Fast schon beschämt wirkte sie. Ob sie wohl aus Krahd kam und seine Sprache nicht verstand? Aber bisher hatte jeder der befreiten Sklaven aus Krahd die Gemeine Sprache sprechen können.
„Dann halt nicht!“, rief Janis und in ihm mischten sich Zorn und Ratlosigkeit. „Aber du hast doch gehört, was der Statthalter gesagt hat, oder? Was ist mit dir? Bist du bereit, dieses Land zu verteidigen?“
Das Mädchen blickte überrascht auf. Sie schüttelte verwundert den Kopf, doch das ließ Janis nicht gelten. „Ach nein? Und warum nicht?“ Sie lächelte leicht und zeigte erst auf ihre schulterlangen Haare und fuhr sich dann mit einer Hand über das Kinn.
Janis glotzte sie verständnislos an, wobei er bemerkte, dass ihre Augen jetzt wieder violett wirkten. Dann begriff er. „Weil du ein Mädchen bist?“ Das stimmte natürlich, bisher waren die Krieger des Rietlandes stets männlich gewesen. Aber seine Mutter war eine gute Kämpferin gewesen und der mutigste Mensch, den er kannte. Und auch diese Chada, die bald Königin Andors werden sollte, war wohl eine brillante Bogenschützin. Bei den Bewahrern kämpften die Frauen ebenso wie die Männer, so hatte es seine Mutter zumindest erzählt. Vielleicht war es nicht das, was Orfen wollte, aber er hatte klargemacht, dass er Krieger brauchte, die dieses Land verteidigten. Janis bezweifelte, dass ihm deren Geschlecht sonderlich wichtig war.
„Das ist kein Grund!“, sagte Janis fest. Dann fiel ihm auf, dass das Mädchen aus Andor stammen musste, denn in Krahd waren Frauen und Männer gleichermaßen zu den schwierigsten Aufgaben gezwungen gewesen. Natürlich war er auch da nur auf Hörensagen angewiesen.
Das Mädchen nickte und schüttelte dann den Kopf, was Janis endgültig verwirrte. Ihm war klar, dass er es aufgeben sollte, sie hatte klargemacht, dass sie nicht kämpfen wollte. Aber das Mädchen regte ihn inzwischen auf. Wieso weigerte sie sich, einfach klare Antworten zu geben?
„Was soll das denn heißen?“, zischte er sie an. „Warum antwortest du nicht einfach normal?“
Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen und Janis erschauderte leicht, als er feststellte, dass ihre Iriden plötzlich eisgrau wirkten. Was war nur mit ihren Augen los? Dann verschwand jeder Gedanke an die Augen des Mädchens, denn sie öffnete wütend den Mund. Doch nicht, um zu antworten, zumindest nicht so, wie er erwartet hätte. Stattdessen gewährte sie ihm einen Blick auf einen dunkelroten Fleck in ihrer Mundhöhle. Schnell wandte Janis sich ab, aber er hatte auch so genug gesehen. Sie hatte keine Zunge! Die Verletzung bewies eindeutig, dass sie gewaltsam entfernt worden war. Janis wurde schlecht. Er fühlte sich mies, dass er sie so behandelt hatte. Wenn er doch nur gewusst hätte…
Er zwang sich dazu, aufzublicken. Sie hatte ihren Mund wieder geschlossen und blickte ihn kalt an. Janis sammelte sich kurz. „Es … tut mir leid! Ich wusste ja nicht … Ich …“ Seine Stimme versagte. Dann drehte er sich um und floh aus der großen Halle.


Morgendämmerung, 27. Herbsttag 76 A.Z.
Kaserne der Rietburg, Andor

Am nächsten Morgen ließ sich Janis - mit vollem Magen, gewaschenen Haaren und neuen Kleidern - von Peta, einem Recken von sechsundzwanzig Sommern, durch das Gebäude führen, in dem er bereits die Nacht verbracht hatte. Die Kaserne war ein trister, zweigeschossiger Ziegelbau mit kleinen Fenstern unter dem Rietdach, die Krahder hatten sie glücklicherweise stehen lassen. Unten gab es neben einer geplünderten Waffenkammer und einigen Waschräumen einen großen Speisesaal, weit karger eingerichtet als einst wohl der Thronsaal, der sich jetzt jedoch als äußerst nützlich erwies, da er größer und noch intakt war. Im Stockwerk darüber lagen die einstigen Soldatenunterkünfte, spartanische Zweibettzimmer, ebenso klein wie zugig, weil die ganze Kaserne einzig von einem Kamin im Speisesaal beheizt werden konnte. Da die meisten anderen Gebäude der Rietburg zerstört worden waren, hatten sich in den Kämmerchen die Rückkehrer aus dem Grauen Gebirge einquartiert, dennoch war es Janis gelungen, eines der Zimmer für sich allein zu ergattern.
Peta stellte Janis die vier Kollegen vor, die er noch nicht kannte, weil sie gestern Abend Wachdienst gehabt hatten, und beinahe hätte Janis vergessen, sich Sajin zu nennen. Insgesamt waren es zehn Krieger, alle anderen waren entweder nicht von ihrem Zug ins Gebirge zurückgekommen oder schon beim Einmarsch der Krahder für immer verschwunden. Letztere verachtete Janis. Treulose Verräter wie solche konnten sie in Andor nicht gebrauchen. Hätten sie ihre Pflicht getan, vielleicht würde Kheela dann noch leben. Doch diese zehn Streiter waren nicht aus Andor geflohen, sondern hatten nur die ohnehin schon verlorene Rietburg verlassen. Das war nur vernünftig und dafür hatte Janis Verständnis. Der Wortführer war Armond, jener weißhaarige Mann, der ihn eingelassen hatte. Seine blauen Augen betrachteten ihn kritisch, doch nachdem Janis versichert hatte, dass er sich nicht erneut mit dem Statthalter anlegen werde, taute der alte Kämpe merklich auf.
Janis fragte die Krieger, ob sie ihm helfen wollten, in den Reihen der Menschen hier nach zukünftigen Wachen zu suchen, sicher könnten sie geeignete Krieger besser erkennen. Doch es stellte sich heraus, dass sie dafür einfach keine Zeit hatten. Ununterbrochen mussten sie Wache stehen. Sie wechselten sich dabei ab, wenn sie nicht aßen oder schliefen, patrouillierten sie auf der Mauer oder standen am Tor. Janis erkannte, dass Orfen ihn mit seiner Aufgabe nicht betraut hatte, weil er der Geeignetste war, sondern nur weil alle anderen viel zu beschäftigt waren. Er versuchte, seinen verletzten Stolz herunterzuschlucken, und machte sich bald auf die Suche nach seinen zukünftigen Kollegen.


Früher Vormittag, 27. Herbsttag 76 A.Z.
Schmiede der Rietburg, Andor

Als erstes betrat Janis die Schmiede. Sie war neben Thronsaal, Kaserne, Siechenhaus und Küche das einzige Gebäude, das die Krahder stehengelassen hatten. Am Amboss stand ein kräftiger Mann, der auf eine Klinge einhämmerte. Genau, was Janis sich erhofft hatte. Er trat näher und räusperte sich, aber zwischen den lauten Schlägen ging das unter. Doch der Schmied erkannte auch so, dass sein Besucher etwas von ihm wollte und packte das unfertige Schwert nach einigen Hammerschlägen mit seiner dicken Metallzange am noch unförmigen Griff und stieß es in einen großen Wasserkübel, in dem es mit einem lauten Zischen von einer Dampfwolke verborgen wurde.
„Guten Tag! Ich werde in Zukunft als Krieger hier arbeiten und wollte fragen, ob auch Ihr bereit seid, Euren Dienst an Eurem Land auszuführen und diese Burg zu verteidigen, wenn es nötig werden sollte.“
Der Schmied blickte ihn tadelnd an und legte dann den Hammer weg. Er streckte seine Hand aus und sagte mit tiefer Stimme: „Guten Tag! Ich bin Warguth!“
Janis blinzelte und ergriff rasch die dargebotene Hand. „Sajin!“, sagte er. Die Pranke des Schmiedes zerquetschte seine Finger fast, doch Janis unterdrückte ein Aufjaulen.
„Also gut, Sajin, dann hör genau zu: Ich lasse mich nicht beleidigen! Ich tue den Dienst an meinem Land! Meinst du, ich bekomme mehr als einfache Nahrung und warme Worte dafür, dass ich Klingen wie diese herstelle? Und wenn diese Burg angegriffen wird, dann werde ich selbst diesen Hammer schwingen und mich an den Kämpfen beteiligen. Aber was meinst du, wo mein Hammer jetzt wichtiger ist? In den Übungsstunden irgendwelcher Krieger oder hier am Amboss?“
Janis schluckte. Er hatte gedacht, dass der Schmied sicher kräftig wäre, aber natürlich hatte Warguth recht, ein Schmied war bei einer bevorstehenden Belagerung so viel wert wie ein halbes Dutzend Krieger.
„Es tut mir leid!“, antwortete Janis zerknirscht. „Ich wollte nicht an Eurer Tapferkeit zweifeln. Falls es irgendwann einmal einen Angriff geben sollte, dann werde ich erfreut an Eurer Seite kämpfen, aber jetzt werdet Ihr hier wohl tatsächlich dringender gebraucht.“
Janis wollte gehen, doch Warguth hielt noch immer seine Hand fest. „Noch etwas, Sajin! Ich lasse mich auch nicht für dumm verkaufen. Falls es irgendwann einmal einen Angriff geben sollte? Hältst du mich für bescheuert? Gestern kommt Orfen in die Schmiede gestürmt und verlangt, dass Schwerter geschmiedet werden, heute hat er einen kleinen Jungen, den ich hier noch nie zuvor gesehen habe, als zukünftige Wache eingestellt? Ich bemerke böse Vorzeichen, wenn ich sie sehe. Aber weißt du was, Sajin? Ich habe auch eine gute Nachricht für dich! Wenn du nach Männern suchst, die diese Bug verteidigen, dann frag doch mal meinen Gehilfen. Der taugt nicht zum Schmied, aber ist kräftig und ausdauernd.“
Dann rief er: „ Rodur!“ und hinter dem Blasebalg trat ein kräftiger Junge hervor, der zwar zwei Köpfe größer war als Janis, zu seiner Überraschung aber kaum älter als er selbst zu sein schien. Auf seinen nackten Armen glänzte der Schweiß von der Hitze und dem Betätigen des Blasebalgs und seine glatten schwarzen Haare klebten an seinem Kopf. Er blickte belustigt auf Janis´ Hand, die noch immer fest in Warguths Griff war und kam näher.
„Hast du gehört, was er gefragt hat?“, wollte der Schmied wissen und Rodur nickte. „Gut. Das ist vielleicht eher was für dich als ein Schmied zu sein!“
„Aber Meister Warguth!“, protestierte Rodur. „Wer soll dann den Blasebalg betätigen und das Wasser holen?“
„Ich finde schon jemanden. Niemand zwingt dich, ein Krieger zu werden, aber ich dachte, das liegt dir vielleicht eher. Sprecht zumindest miteinander!“ Mit diesen Worten ließ der Schmied Janis´ Arm los und scheuchte die beiden raus.

„Also? Was bietest du?“, fragte Rodur.
„Die Ehre, dein Land zu verteidigen!“, rief Janis.
„Ich komme aus Krahd!“, erwiderte Rodur amüsiert, doch Janis ließ sich nicht entmutigen.
„Dann wurdest du von Andori befreit! Nur dank ihnen kannst du hier stehen. Du schuldest ihnen etwas.“
Rodur nickte. „Aber was habe ich davon, ein Krieger zu werden? Wie viel bekomme ich dafür?“
Janis zögerte kurz. „Freie Kost und einen warmen Schlafplatz. Eine Rüstung und eine Waffe. Die Ehre, ein stolzer Soldat zu sein.“
„Also keinen Sold!“, stellte Rodur fest und Janis wünschte, er hätte mehr zu bieten. Er brauchte Erfolge! Aber ohne ein echtes Angebot würde er wohl kaum jemanden finden, der so wie er bereit wäre, für Andor zu kämpfen. Die Menschen hier hatten schon genug durchgemacht.
„Sieh dir dieses Land doch an! Wir stehen kurz vor dem Ruin. Wir brauchen Soldaten, die für uns kämpfen, aber wir haben jetzt kein Geld, um sie zu bezahlen. Wenn die nächste Ernte eingebracht ist, dann wird es uns wieder besser gehen. Aber solange können wir niemandem mehr geben als etwas zu Essen und ein festes Dach über dem Kopf.“
Rodur nickte erneut. „Ich sehe das Elend dieses Landes und ich weiß, dass die anderen ehemaligen Sklaven es ebenfalls gesehen haben. Aber lass dir gesagt sein, dass es kein Elend ist. Wir sind deutlich Schlimmeres gewohnt! Was man hier als Hungersnot bezeichnet, wäre in Krahd ein Festmahl gewesen. Und dennoch bemerken wir, dass es Andor schlecht geht, und wir merken, dass es uns anderswo besser gehen könnte. Welche Perspektiven haben wir hier schon?“
„Die, als Soldat zu arbeiten! Wenn es Andor erst wieder besser geht, dann wird man euch bezahlen.“
„Ich habe gehört, was Meister Warguth gesagt hat, und ich weiß, dass er recht hat. So verzweifelt, wie du nach Soldaten suchst, ist klar, dass ihr euch auf einen Angriff vorbereitet. Es gibt kaum einen schlechteren Zeitpunkt, um mir dieses Angebot zu unterbreiten. Tut mir leid, aber ich denke, dass die meisten von uns bald nach Norden ziehen werden.“
„Also lasst ihr uns im Stich, nachdem wir euch gerettet haben.“
„Die ehemaligen Sklaven denken nicht nur an sich, sondern auch an ihre Familien. Wir sind den Andori dankbar für ihre Opferbereitschaft, aber wir wollen nicht, dass die eigenen Angehörigen weiterhin mehr als nötig leiden müssen.“ Janis sackte zusammen. Rodur hatte recht, hier gab es nichts für die befreiten Sklaven aus Krahd. Doch in diesem Moment sagte Rodur: „Ich allerdings habe keine Familie, an die ich denken muss. Die Krahder haben sie alle ermordet. Wenn es stimmt, was du sagst, wenn wir wirklich nach der nächsten Ernte bezahlt werden, dann werde ich diesem Land beistehen! Aber ich fürchte, da bin ich der einzige.“
Janis starrte den Jungen überrascht an. Rodur hatte erkannt, dass ein Angriff bevorstand, aber er war dennoch bereit, zu bleiben und zu kämpfen. Doch andererseits war Janis selbst gar nicht so anders. Beide hatten sie keine Familie mehr, die sie vom Kämpfen abhalten könnte, beide schuldeten den Andori etwas, und beide hatten sich entschlossen, hier zu bleiben und den Angriff durchzustehen. Janis streckte seine Hand aus. „Sajin!“
„Rodur!“, sagte der andere und lächelte.

Rodur war in Krahd geboren worden, wo seine Familie schon bald nach seiner Geburt der stickigen Luft, den schlechten Lebensbedingungen und ihren unbarmherzigen Herren zum Opfer fiel. Nur sein Vater hatte überlebt, doch als Rodur sein zehntes Lebensjahr erreichte, wurden die beiden nach Ruoor gebracht, in die Waffenschmiede der Krahder. Nirgends ging es den Sklaven schlechter als dort. Die Zwerge schmiedeten dort Waffen und wurden gut versorgt, da sie für die Krahder wertvoll waren, doch die Menschen, die nach Ruoor kamen, sollten in unterirdischen Stollen nach Erz suchen und es aus den Wänden schlagen. Eine gefährliche Arbeit, bei der insbesondere Kinder eingesetzt wurden. Schon nach kurzer Zeit wurde auch Rodurs Vater vom Gesteinsschlag getötet, doch Rodur gelang es, zu überleben, bis eines Tages Fremde aus dem Norden kamen und die Sklaven befreiten.
Das alles erfuhr Janis im Laufe des Tages von Rodur. Seine eigene Vergangenheit erzählte er nur in kurzen Ausschnitten, und Rodur merkte, dass Janis nicht darüber sprechen wollte und hakte nicht nach. Die beiden fragten noch einige andere Menschen in der Rietburg, ob sie Wachen werden wollten, doch so wie Rodur es prophezeit hatte, lehnten sie alle ab.
Als es mittags in Strömen zu regnen anfing, zogen sich die beiden in den Thronsaal zurück, wurden jedoch gleich wieder verscheucht, da Orfen hier ein wichtiges Gespräch mit einigen Schildzwergen führte. Also setzten sie sich unter eine der Planen zu einigen Bekannten Rodurs. Der ehemalige Sklave stellte Janis als seinen neuen Freund vor, was ihn trotz des kalten Regens von innen her wärmte. Anschließend saßen sie alle einträchtig nebeneinander und lauschten dem Trommeln des Regens auf die Plane über ihren Köpfen.
Ich bin stolz auf dich, Janis! Du hast einen Fehler gemacht, aber du läufst nicht davon, sondern stellst dich ihm und versuchst, ihn wiedergutzumachen.
Aber Mutter, ich tue das nur, um mein Gewissen zu beruhigen, nicht um den Menschen zu helfen.
Aber du hast ein Gewissen! Und dieses Gewissen sagt dir, was richtig ist und was falsch. Tief in deinem Innern hast du erkannt, dass es deine Bestimmung ist, anderen zu helfen. Du kannst vielleicht vor deiner Hütte und deinem Ruf als Hüter der Flusslande fliehen, aber nicht vor den Werten in deiner Seele, denn sie werden dich stets begleiten.

Inmitten des fallenden Wassers meinte Janis kurz, eine weibliche Gestalt zu sehen, die selbst aus Wasser bestand. Seit er die Hütte verbrannt hatte, hatte Janis Vara nicht mehr gesehen, aber er wusste, dass sie ihm noch immer folgte. Der Wassergeist war durch ein uraltes Band an Janis gebunden und konnte dieses Band nicht durchtrennen. Und in Anbetracht dessen, was auf dieses Land zukam, war es vielleicht gut, dass Vara nicht fort war, denn wahrscheinlich würde Andor sie bald schon brauchen.
Du bist jetzt bald ein Krieger des Statthalters, genau wie dein Vater ein Krieger des Königs war. Und du wirst dieses Land beschützen, so wie dein Vater, so wie Vara, so wie ich.
Janis´ Vater war noch vor seiner Geburt gestorben. Ehe er sich in Kheela verliebt hatte war er ein Krieger Brandurs gewesen, doch schon kurz nachdem er die Rietburg verlassen hatte, hatte das Rote Fieber in Andor um sich gegriffen. Eine tückische Krankheit, die enorm ansteckend war und gegen die selbst Reka kein Heilmittel gewusst hatte. Fast jeder Infizierte wurde dahingerafft und starb nach etwa vier Tagen. Um Kheela vor einer Ansteckung zu beschützen, hatte sich Janis´ Vater in die Narne gestürzt. Er war ebenso aufopferungsvoll wie Kheela selbst gewesen…

Irgendwann erkannte Janis im Regen kleine Gestalten, die auf einen Karren stiegen und verschwanden. Die Schildzwerge hatten ihre Unterredung beendet. Hoffentlich war Orfen erfolgreich gewesen. Janis sah sich nach Rodur um, doch sein neuer Freund war im Stroh eingeschlafen und er wollte ihn nicht wecken. Also stand er leise auf und rannte dann durch den Regen auf den Thronsaal zu.
Darin saß Orfen, über ein Blatt Pergament gebeugt, auf das er mit zusammengebissenen Zähnen etwas schrieb. Über das Prasseln des Regens war das Kratzen der Feder nicht zu hören. Das stumme Mädchen war auch jetzt wieder in der großen Halle. Sie hatte gute Arbeit geleistet, alle Möbel, die noch zu gebrauchen waren, standen in ordentlichen Reihen auf ihren Plätzen, der Rest lag als großer Haufen auf der linken Seite neben dem Kamin. Orfen hatte ihn noch nicht bemerkt und rief: „Sara! Bitte bring noch die Humpen weg, aus denen die Zwerge getrunken haben.“
Das Mädchen, das wohl Sara hieß, kam zu Orfen, doch als sie Janis sah, hielt sie ihm die ausgestreckte Handfläche entgegen. Janis grüßte zurück und ging in die Halle, woraufhin sie entnervt die - jetzt wieder violetten - Augen verdrehte und zu ihm lief. Sie hielt ihn fest und deutete auf die schlammigen Fußspuren auf dem ansonsten sauberen Boden, doch sie wirkte nicht sonderlich erbost. Janis wollte sich entschuldigen, doch Orfen rief: „Sajin! Komm her!“
Janis blickte Sara zögernd an, doch sie verdrehte nur nochmals die Augen und winkte ihn dann zu Orfen. Janis machte möglichst große Schritte und blieb vor dem Statthalter stehen.
„Wer war das vorhin, den du angeschleppt hast? Ein Rekrut?“ Janis nickte und Orfen stöhnte auf. „Nur weil ich dich schon so jung genommen habe heißt das nicht, dass die anderen Rekruten auch in deinem Alter sein müssen! Sie müssen jetzt bald kämpfen, nicht in einigen Jahren.“
„Er war der einzige, der bereit war, diese Burg auch ohne Bezahlung zu verteidigen.“
„Du hast ihm doch nicht etwa erzählt, dass ein Angriff bevorsteht?“
„Nein, das war auch nicht nötig! Er ist von alleine darauf gekommen!“
Orfen seufzte, doch Janis fuhr unbeirrt fort: „Immerhin war er trotzdem bereit, ein Soldat zu werden. Er ist deutlich kräftiger als ich, und es ist sogar mir gelungen, Euch …“
Orfen winkte ab. „Ist ja in Ordnung, wir müssen uns über jeden freuen, der bereit ist, für Andor zu kämpfen. Vor allem, wenn es nur so wenige sind… Wieso gibt es nicht noch mehr? Kennen sie keine Dankbarkeit?“
Janis berichtete Orfen, was Rodur ihm erklärt hatte. Dann sagte er: „Ich hätte eine Idee, wie wir sie vielleicht überzeugen können, hierzubleiben.“
Orfen blickte Janis neugierig an. „Sprich, Sajin!“
„Das Mittel der Wahl ist Ehrlichkeit. Wir können keine Angsthasen gebrauchen, die davonlaufen, wenn der Feind im Anmarsch ist. Wir sagen ihnen, was bevorsteht…“
„Und dann hauen sie erst recht ab. Und da kann ich ihnen auch wirklich keinen Vorwurf machen; wenn Prinzessin Chada sich nicht irrt, sind unsere Feinde gefährlicher denn je.“
„Wir müssen ihnen nur etwas dafür bieten, dass sie bleiben. Andor steht am Rande einer Hungersnot, aber vor allem deshalb, weil viele der Bauern, die nicht vor den Krahdern und ihren Skeletten geflohen sind, mit ins Graue Gebirge gekommen sind. Und von ihnen kamen viel zu viele nicht wieder. Die Felder lagen brach und sie werden auch in Zukunft brachliegen, weil unsere Bevölkerung geschrumpft ist.“
„Du willst also, dass alle, die bleiben, einen Teil des Bodens bekommen. Aber das geht nicht! Das Land gehört bereits den andorischen Bauern. Wie würde die Bevölkerung wohl reagieren, wenn wir ihr Land an die Flüchtlinge verteilen?“
„In den letzten Jahren war zu beobachten, dass immer mehr Nutzungsrechte in den Besitz von immer weniger Menschen übergingen. Ein kleiner Bruchteil der Bauern darf mehr Land bestellen als die große Mehrheit der Andori zusammen. Und jetzt, nach dem Zug ins Gebirge, ist diese Aufteilung noch deutlicher. Ist das etwa gerecht? Die Großbauern, von denen ich spreche, könnten auch mit deutlich weniger zurechtkommen, und von ihrem Boden könnten sich alle ernähren, die sich jetzt in Andor befinden. Ich schlage vor, von jedem Landwirt so viel zu beschlagnahmen, bis er nur noch vierzig Morgen Land bewirtschaftet, das ist mehr als die meisten haben. Der Boden wird anschließend unter allen potentiellen Bauern aufgeteilt, die kein oder nur wenig eigenes Land besitzen. Damit bieten wir den Flüchtlingen die Chance auf ein gutes Leben und verbessern zugleich auch die Situation der meisten einheimischen Bauern, damit kein Neid geweckt wird! Wir sagen allen, was auf uns zukommt, aber auch, was kommt, wenn die Gefahren überstanden sind. Und dafür werden sie kämpfen!“
Orfen blickte Janis skeptisch an. „Das wird sehr viele verärgern! Bauern, deren Familien die Äcker zum Teil in Jahrhunderten vergrößert haben, lange bevor es Andor gab.“
Janis nickte. „Aber Ihr habt das Problem doch schon benannt. Es waren ihre Familien, sie selbst hatten nur einen kleinen Anteil daran. Ist es ihr Verdienst, dass sie reiche Eltern haben? Ist es die Schuld der Befreiten, in Krahd geboren worden zu sein? Ihr seid der Statthalter, Ihr müsst entscheiden! Was ist wichtiger? Der Familienbesitz einiger Großbauern und Dorfbüttel? Oder das Überleben Andors?“
Orfen starrte das Pergament vor sich mürrisch an. „Bei der Heiligen Mutter!“, knurrte er dann. „Hoffentlich werde ich es nicht eines Tages bereuen, dich in meine Dienste genommen zu haben! Hoffentlich genügt dieser Anreiz! Hoffentlich finden sich einige Männer, die kämpfen!“
„Warum nur Männer? Die Bewahrer, die Schildzwerge, die Seekrieger aus dem Norden, überall kämpfen auch die Frauen, nur hier in Andor halten wir noch immer an dieser sinnlosen Einteilung fest!“
Orfen kratzte sich am Kopf. „Es ist ungewöhnlich!“, sagte er. „Aber es gibt kein Gesetz, das es Frauen verbieten würde, Soldaten zu werden. Und ich habe auch nicht vor, es einzuführen. Also gut! Und wehe dir, wenn deine Idee versagt, Sajin!“
Janis lächelte. Er wusste, dass Orfen seine Drohung nicht wahr gemacht hätte. Aber das wäre auch nicht nötig. Denn er würde erfolgreich sein!
Ehe er die große Halle verlassen konnte, wurde er von Sara aufgehalten. Sie funkelte ihn an und zeigte schnell auf den Boden, nach draußen und schüttelte energisch den Kopf, dann machte sie mit ihren Händen blitzschnelle Bewegungen, denen Janis nicht folgen konnte. Er rätselte eine Zeit lang, was sie meinte, dann verstand er. „Oh! Tut mir leid, dass diese Halle wieder schmutzig sein wird, aber… Ich helfe dir danach, alles sauberzumachen, ja? Versprochen!“ Sara verdrehte die - noch immer violetten -Augen, aber in ihnen blitzte Schalk und es wirkte nicht genervt, sondern eher erheitert. Janis spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Wortlos wandte er sich ab und trat hinaus in den Regen.


Später Nachmittag, 27. Herbsttag 76 A.Z.
Burghof der Rietburg, Andor

Im Laufe des Nachmittags verschwand der Regen und Rodur brachte Janis ein Spiel bei. „Wir haben es früher in Krahd immer gespielt, man braucht nur einige Steine. Und die gab es in Krahd wirklich genug… Also, es heißt Nimm-Spiel. Wir haben vier Reihen Steine, in der ersten liegt ein Stein, in der zweiten drei, in der dritten fünf und in der vierten sieben.“ Er baute das von ihm beschriebene dreieckige Spielfeld auf. „Wir sind abwechselnd am Zug. Jeder nimmt aus genau einer der vier Reihen beliebig viele Steine, jedoch immer mindestens einen, und wer den letzten nimmt, hat verloren! Fertig! Wer soll anfangen?“
Janis betrachtete die Steine misstrauisch. „Ich beginne!“, sagte er und nahm den einzigen Stein aus der ersten Reihe. Rodur überlegte kurz und entfernte einen Stein aus der letzten Reihe. Janis nahm sich auf gut Glück die übrigen sechs und Rodur legte zwei der fünf Steine aus der dritten Reihe. Janis betrachtete die beiden Reihen aus je drei Steinen vor sich und nahm dann willkürlich einen weg. Rodur lächelte listig und nahm einen aus der anderen Reihe. Jetzt lagen noch zwei Reihen zu zwei Steinen vor Janis und er begann zu überlegen. Wenn er eine Reihe komplett entfernte, dann würde sein Freund aus der anderen einen nehmen und er hatte keine andere Wahl, als den letzten zu nehmen. Wenn er jedoch nur einen nahm, dann würde Rodur sich die andere Reihe vollständig schnappen, auch dann bliebe nur ein Stein für Janis übrig. Niedergeschlagen gestand er seine Niederlage ein.
„Kopf hoch!“, munterte Rodur ihn auf. „Das ist hauptsächlich Erfahrungssache. Du hast die Regeln schon beim ersten Erklären verstanden, das ist gar nicht so schlecht! Noch eine Partie?“

Sie spielten das Nimm-Spiel bis zum Abend. Mit der Zeit merkte Janis eher, worauf er zu achten hatte und am Ende besiegte er Rodur sogar öfter, als er selbst geschlagen wurde. Dann jedoch wurden alle in die große Halle gerufen und Janis wusste, was jetzt kam. Die Andori und die Befreiten setzen sich erwartungsvoll auf die Tische, Bänke und den Boden und schauten zum Kopfende der Halle. Janis hatte seinen neuen Freund bereits in den Vorschlag eingeweiht, den er Orfen unterbreitet hatte, und der war begeistert gewesen.
In der Tat trat Orfen jetzt vor und sagte, was Janis ihm geraten hatte. Er erzählte vom Ewigen Rat und wusste mehr zu berichten, als Janis befürchtet hatte, anscheinend hatte er nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Botschaft zu hören bekommen. Dann sagte der Statthalter: „Andor ist ein Land der Freiheit. Doch Freiheit erfordert mehr als nur das Fehlen von Sklaverei und Unterdrückung. Freiheit bedeutet, sich entfalten, seine eigene Persönlichkeit ausleben zu können. Das geht nur, wenn man auch frei ist von Hunger und Elend, frei von Armut und der Notwendigkeit, zum Überleben auch Dinge tun zu müssen, die man nicht gewillt ist zu tun. Um die Freiheit zu garantieren, werden wir das Land in Andor neu verteilen. Jeder der in Andor bleibt, ganz gleich ob Andori oder Befreiter, ob Mann oder Frau, wird nach dem Ende des Ewigen Rates genug Boden bewirtschaften können, um davon leben zu können.“
Er winkte Janis nach vorne und drückte ihm eine Feder in die Hand. „Jeder, der diese Burg mit Waffen verteidigt, wird seinen Teil beitragen. Ich erwarte nicht, dass ihr für Gold kämpft, oder um Krieger zu werden, ich erwarte, dass ihr kämpft, weil ihr sonst eure Zukunft verliert. Wenn wir besiegt werden, dann müsst ihr euch eine andere Heimat suchen, die Andori wie die Befreiten. Wenn wir aber triumphieren, und das können wir nur, wenn wir zusammenhalten, dann werden die, die hierblieben, ein Leben in Wohlstand führen können. Wir brauchen jeden Mann, der es sich zutraut, ein Schwert zu schwingen. Jeden Mann und“, Orfen blickte bedeutsam in die Runde, „ auch jede Frau. Wir können es uns nicht länger leisten, nur männliche Krieger zuzulassen. Jeder, der für Andor kämpfen wird, kann sich bei Sajin hier vorne in die Liste eintragen lassen.“
Das Ergebnis überstieg Janis´ kühnste Erwartungen. Fast ein Drittel der Anwesenden trat vor und reihte sich vor Janis auf. Es waren viele der Befreiten, aber auch Andori.
„Du hast den Statthalter gehört, Vater!“, rief eine junge Frau. „Marta wird den Hof nur erben können, wenn Andor überlebt.“ Sie machte sich los und stellte sich als erste Frau in die Reihe, zögerlich folgten weitere.
Janis schrieb als erstes Armond auf die Liste, dann Peta und die Namen der anderen Krieger, gefolgt von Rodur und Sajin. Anschließend fragte er den Vordersten nach seinem Namen. Er wusste, dass er schon heute einen Teil seiner Schuld abgetragen hatte, und ihn überkam Hoffnung, dass sie die gefährlichen Zeiten überstehen könnten. Janis registrierte auch, dass Sara vor ihm stand. Sie lächelte ihm zu und er schrieb ihren Namen selbst auf die Liste. Sie blickte überrascht darauf und lächelte dann noch breiter, bevor sie dem nächsten Platz machte.
Schließlich verließen die Menschen den Thronsaal und Rodur kam zu Janis. „Was ist, Sajin? Noch eine Runde Nimm-Spiel?“
Janis lächelte entschuldigend. „Tut mir leid, aber ich habe ein Versprechen gegeben. Ich helfe Sara, diese Halle zu säubern.“
Ungläubig betrachtete Rodur den Boden, der vollständig mit Schlamm bedeckt war. „Damit seid ihr mindestens die ganze Nacht beschäftigt!“, brachte er hervor.
Janis schluckte. „Tja, dann wirst du morgen wohl etwas ausgeschlafener sein als ich.“
Rodur lachte. „Spinnst du? Ich helfe euch natürlich!“


Späte Nacht, 28. Herbsttag 76 A.Z.
Kaserne der Rietburg, Andor

Die Nacht war schon mehr als zur Hälfte um, ehe sich Janis schließlich in der Kaserne schlafen legte. Seine Arme schmerzten von der Arbeit und er war so müde wie seit langem nicht mehr. Sara hatte den Boden deutlich schneller gesäubert als ihre beiden Helfer zusammen, dennoch war es anstrengend gewesen. Doch als er nun hier lag, da war er erfüllt von Zuversicht, sein Herz war leichter als seine Arme schwer waren und sein Freund Rodur lag nur wenige Schritte weiter, er hatte das andere Bett bezogen. Zum ersten Mal seit über einem Jahr war Janis glücklich. Und so schlief er ein.

Janis sitzt auf einer grünen Wiese, ihm gegenüber seine Mutter. Sie spielen das Nimm-Spiel und im Hintergrund rauscht ein Fluss. Immer wieder schreitet Vara durch die Szenerie, an den Händen hält sie Rodur und Sara und die drei unterhalten sich angeregt. Doch in dem Moment, in dem Janis den letzten Stein nehmen muss, erklingt plötzlich ein düsteres Grollen. Der blaue Himmel wird schwarz und der Fluss verstummt. Sara hält sich erschrocken den Mund und sagt kein Wort mehr, Rodurs Hand gleitet durch das Wasser von Varas Hand und auch der Wassergeist verstummt plötzlich. Kheela blickt Janis traurig an, dann schießen plötzlich Ströme von Blut aus ihrem Mund, ihrer Nase, ihren Augen und ihren Fingerspitzen. In wenigen Augenblicken ist alles von ihrem Lebenssaft bedeckt, die Wiese versinkt unter einem roten See. Janis strampelt sich ab, um an der Luft zu bleiben, doch irgendwann versagen seine Kräfte und er versinkt im Blut.

Über einem Nest aus grünem Staub kauert eine Wolke der Trauer. Gebunden durch ein unsichtbares Seil streckt sie sich, ohne das rote Ei erreichen zu können. Risse aus Finsternis überziehen die glühende Schale. Das Ei platzt auf und offenbart ein Küken, die Federn rot wie Blut, die Augen kalt und leer. Während das grüne Nest sich schwarz färbt wächst der Vogel, grüne Schatten gleiten über das rotgoldene Federkleid. Es ist ein Hahn, grausam und majestätisch, der die roten Schwingen ausbreitet, den goldenen Himmel zu verschlingen. Seine Füße werden umschlungen von Schlangen, schwarz und grün, die sich zu einem Ungeheuer vereinigen, während ein Toter dunkel lacht und die Hoffnung stirbt.


Janis schlug die Augen auf und blinzelte überrascht. Er stand in Mutters Hütte, die er lange bewohnt und schließlich verbrannt hatte. Jede Einzelheit war klar auszumachen, die Welt wirkte nicht vage wie in einem Traum. Er spürte die Kälte der Nacht, roch den Fluss, betrachtete eine Decke mit Wellenmustern, eine Schatulle mit geschnitzten Bildern im Deckel, ein Messer mit einer schwarzen Schuppe als Klinge. Gegenstände, die nur noch in seiner Erinnerung existierten. Verwirrt öffnete Janis die Tür, die eigentlich aus den Angeln gefallen und verbrannt sein müsste, und trat hinaus.
Die Narne war berüchtigt für ihre dichten Nebelschleier, die plötzlich an ihren Ufern erscheinen und verschwinden konnten, doch was er jetzt sah, war kein Nebel. Alles hinter einem Umkreis von sechs Schritt löste sich rasch in graue Schwaden auf, davor jedoch war die Luft klar und rein, die Umgebung gestochen scharf. Der Boden zu seinen Füßen. Die trockene Bretterwand der Hütte. Die riesige Gestalt, die von oben auf ihn herabblickte. Entsetzt erkannte Janis die klobigen Hände, das graue Fleisch, die gelben Augen. Ein Krahder!
Der Besucher hatte einen Stab aus Bein in einer Hand, ein langer Knochen von einem Geschöpf, dessen Größe Janis sich nicht ausmalen wollte, verziert mit Schnitzereien und kleineren Knöchelchen, auf dessen Spitze ein menschlicher Schädel thronte. Im Vergleich zu den Krahdern, die Janis beschrieben worden waren, wirkte dieser hier geradezu dürr. Er musterte Janis, dann lächelte er. „Es tut mir außerordentlich leid, dass ich deinen Traum zerstören musste, aber ich habe mit dir zu sprechen!“
Janis zuckte zusammen ob der heiseren Stimme des Riesen. Er sprach in einer fremden Zunge, dennoch konnte Janis ihn problemlos verstehen. „Ist das hier kein Traum?“, fragte er misstrauisch.
„Es ist eine andere Art von Traum. Aber ich bin nicht hier, um mit dir über Träume zu palavern. Der Schwarze Herold sagte mir, du hast ihm geholfen. Du hast ihm die Schuppe gegeben. Dann hilf auch mir! Ich möchte die Rietburg einnehmen, und du hast dich freundlicherweise bereits dort einquartiert. Orfens Ankündigung heute Abend hat all meine Pläne von einem einfachen Sieg ruiniert.“ Bei diesen Worten spürte Janis eine grimmige Genugtuung. „Aber das ist kein allzu großes Problem. Denn du wirst sie für mich verraten.“
Janis ballte seine Hand zur Faust. „Ganz sicher nicht!“, antwortete er ruhig.
„Der Schwarze Herold besitzt noch immer ein Haar von dir! Er kann dich jederzeit töten!“
„Das ist mir egal!“
„Nobel, nobel! Aber das war auch nur ein Teil des Angebots! Weißt du, wer ich bin? Mein Name ist Nomion, und ich bin der erste Krahder, der größte Hexer, der jemals auf dieser Welt wandelte. Und jetzt … wandle ich erneut auf dieser Welt! Ich bin ein Krahder! Und wer hat deine Mutter verschleppt? Richtig, die Krahder.“
Janis schüttelte unwillig den Kopf. „Dann sei froh, dass ich keinen Wunsch nach Rache hege, sonst könnte nicht einmal die Tatsache, dass dies ein Traum ist, dich retten.“
Nomion lachte schallend, seine heisere Stimme und die martialischen Laute der ungeschlachten Sprache krächzten unangenehm in Janis´ Ohren. „Wie putzig! Aber ich habe dir das nicht erzählt, um dich zu quälen. Was meinst du, wer wäre wohl eher in der Lage, etwas über den Verbleib ihrer Überreste zu erfahren? Der Schwarze Herold schuldet dir noch das Leben deiner Mutter, wenn du ihm einen Teil von ihr bringst. Und ich biete dir einen Tausch an. Ich gebe dir ihre Überreste, und du gibst mir dafür… die Rietburg!“
Janis sackte kraftlos zu Boden. Er zitterte nicht länger vor Kälte, sondern vor Entsetzen. Er wusste ganz genau, wie er sich entscheiden würde. Er sah vor sich die stolzen Mauern der Burg, das bärtige Gesicht Orfens, seinen Freund Rodur, den Schmied Warguth, den alten Krieger Armond, die Versammlung in der großen Halle und die seltsamen Augen der stummen Sara. Und dann erschien das gütige Gesicht seiner Mutter, das braune Haar glatt über ihren Schultern, die blauen Augen freundlich glänzend. „Ich bin einverstanden!“, hauchte er kraftlos.
„Wie bitte? Ich glaube, ich habe dich nicht ganz verstanden.“
„Ich bin einverstanden!“, brüllte Janis und spürte, wie ihm Tränen in die geträumten Augen stiegen.
Nomion grinste wölfisch. „Das ist gut. Ich habe einen weiteren Verräter eingeschleust, er wird sich bald mit dir in Verbindung setzen. Also dann… wie hieß deine Mutter?“
„Kheela!“, presste Janis hervor.
„Kheela? Etwa die mit dem Wassergeist? Die Heldin? Wie … aufschlussreich! Also gut, Janis! Wenn die Rietburg durch deinen Verdienst fällt, dann gebe ich dir einen Teil deiner Mutter. Viel Erfolg, kleiner Verräter!“
Mit diesen Worten verschwand Nomion und hinterließ ein kleines Feuer, das sofort begann, das trockene Holz zu entzünden. In kürzester Zeit breitete sich der Brand um die Hütte aus, doch die Flammen waren nicht orange, sondern violett. Dann verschluckten sie die Hütte, verschluckten den Traum, verschluckten Janis, bis nichts mehr existierte als ein Meer aus violettem Feuer. Dann erlosch auch das.

Vor dem Tor der Rietburg loderte das Ewige Feuer hell auf. Dann verschwanden die gelben Flammen immer mehr, das Feuer brannte in immer dunklerem Violett. Zwischen all den bedrohlichen Flammen zuckte nur eine einzige, die ein hoffnungsvolles Gelb ausstrahlte. Sie zitterte und flackerte, aber sie erlosch nicht. Sie war winzig im Vergleich zu dem nahezu blauen Feuer ringsumher, aber sie war vorhanden…
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