Zurück zur Taverne

Story: Der Ewige Rat

Zwischenspiel XVIII - Ein guter Tausch

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:29

Zwischenspiel XVIII – Ein guter Tausch

Späte Nacht, 26. Wintertag 77 A.Z.
Rietburg, Andor

Der Herr der Schatten musste husten. Rauch lag in der Luft. Feuer? In meinen Gemächern?
Er schlug die Augen auf und stellte schnell fest, dass er nicht mehr in seinen Gemächern war. Er stand inmitten eines rauchenden Trümmerhaufens, der seiner Form nach einmal eine Festung gewesen war. Doch alle Mauern waren eingerissen und die geschwärzten Steine lagen weit zerstreut, als hätten junge Arrogs mit ihnen gespielt. Überall um sich herum spürte er die Anwesenheit von Dunkler Magie, doch das Land jenseits der Ruine war zu flach, als dass er noch in Hadria sein konnte, und in weiter Ferne entdeckte er unbekannte Gipfel. Ihm gegenüber schwebte eine dunkle Gestalt mit schwarzer, gezackter Maske.
„War es wirklich nötig, mich aus dem Schlaf hierherzurufen?“ Der Herr der Schatten schüttelte entnervt den Kopf und zog den Kragen seines schwarzen Nachtgewandes vor die Nase, um nicht zu viel Rauch einzuatmen. „Aber gut, jetzt bin ich hier. Ich nehme an, Ihr habt ein weiteres Angebot für mich?“
„Falsch!“, erwiderte dieser Schwarze Herold. „Du bist hier, weil wir über unser letztes Geschäft reden müssen. Dein Cantharis, dessen Rauch nach unten fließt! Ich habe es auf den Türmen dieser Burg platziert und verbrannt.“
Mit hochgezogenen Augenbrauen sah der Herr der Schatten sich um. Er entdeckte keine Türme mehr. „Scheinbar mit Erfolg?“
„Nein.“, antwortete der Herold gefährlich leise. „Ganz im Gegenteil. Der Rauch floss nach unten wie gewünscht, doch vom Gift war nichts zu bemerken! Ich habe so lange darauf gewartet, die Rietburg einzunehmen und alle Bewohner umzubringen, doch sie sind entkommen! Als sie längst alle hätten tot sein müssen und meine Kreaturen ihren Ring auflösten, sind sie ausgebrochen und geflohen. Fast alle sind entwischt!“
„Das ist ärgerlich.“, meinte der Herr der Schatten. „Doch nicht meine Schuld. Es gibt genug Wege, das Gift zu umgehen. Schon ein Blatt Gallenkraut unter der Zunge genügt.“
„Halte mich nicht zum Narren! Das Gift wirkt nicht, sonst müsstest auch du längst daran krepiert sein.“
Der Herr der Schatten kniff die Augen zusammen und beschloss, es anders zu versuchen. „Ist das so? Dann möchte ich mich aufrichtig dafür entschuldigen. Meine Alchemisten müssen einen Fehler gemacht haben. Ich bin bekannt dafür, zu meinem Wort zu stehen. Ich werde Euch Ersatz zu beschaffen oder, falls sich das als unmöglich herausstellt, einen anderen Weg finden, um mit Euch ins Geschäft zu kommen.“
„Genug!“, schrie der Geist, seine tiefe Stimme klang weit über die zerstörte Burg. „Varkur, sag ihm, was du mir gesagt hast.“
Erschrocken zuckte der Herr der Schatten zusammen. Varkur? Mit weiten Augen sah er sich um, bis er den schwarzen Nebel bemerkte, der gut verborgen zwischen dem Rauch hing. Die Dunkle Magie, die er gespürt hatte, bewegte sich plötzlich und zog sich zusammen, bis sich eine dunkle Wolke aus dem Rauch schob und sich vor ihm ausbreitete.
Hallo, alter Freund. Du bist hoch aufgestiegen.“, kreischte ein entsetzliche, schnarrende Stimme ohne jede Menschlichkeit.
„Und du bist tief gefallen.“, erwiderte der Herr der Schatten. Reflexhaft griff er nach seinem als Gehstock getarnten Zauberstab, bis ihm bewusst wurde, dass der wohl noch immer in seinen Gemächern lag.
„Ihr kennt euch?“, fragte der Schwarze Herold belustigt. „Das wusste ich nicht.“ Der Herr der Schatten schwieg, und auch Varkur antwortete nicht. Nur der schwarze Nebel zog sich pulsierend zusammen. Das Gespenst seufzte. „Varkur, wiederhole, was du mir über mein Gift verraten hast.“
Es ist kein Gift.“, kreischte die Stimme kalt. „Kein einziges Körnchen Cantharis.
„Also bitte!“, empörte sich der Herr der Schatten. „Sicher habt Ihr die grünen Flammen gesehen!“
Kupfersalze. Dazu Unobtanium und Phosphor, und wer weiß was noch. Kein Cantharis!
Der Schwarze Herold starrte ihn kalt an. „Sollten deine billigen Ausreden mich wirklich überzeugen?“
Der Herr der Schatten zuckte mit den Schultern. „Ich musste es zumindest versuchen.“
Varkurs Dunkle Magie stürzte sich auf ihn, und überwand mühelos seinen Widerstand. Der Herr der Schatten wurde hochgehoben und fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder vollkommen machtlos.
„Hast du ernsthaft gedacht, ich würde nicht bemerken, dass du mir eine billige Imitation verkauft hast?“, schrie der Schwarze Herold.
„Natürlich nicht.“, erwiderte der Herr der Schatten gepresst. „Du solltest es nur erst bemerken, wenn es zu spät wäre. Wenn deine Kreaturen bereits im Schatten des Eisernen Turms in ihre Kämpfe gegen die Zauberer verstrickt sind.“ Er lachte keuchend. „Ich bin zu vielen Geschäften bereit, Geist, doch was du meiner Heimat antun wolltest, ging zu weit.“
„Narr!“, zischte der Schwarze Herold zornig. Seine Maske beugte sich vor, bis sie direkt vor seinem Gesicht schwebte. Ruhig erwiderte der Herr der Schatten den tobenden Blick der stechenden weißen Augen. „Du hättest ein ewiges Leben haben können, doch du hast dich auf die Seite der Verlierer gestellt! Und wozu? Deine Heimat wird trotzdem untergehen. Alles, was ich angedroht habe, wird wahr werden! Du hast nichts erreicht! Ein sinnloses Opfer.“
Der Herr der Schatten lächelte grimmig, auch wenn ihm nicht danach zumute war. Wie hätte er ahnen sollen, dass sein falsches Gift schon vor dem Angriff auf Yra zum Einsatz kommen würde? „Nachdem unsere Abmachung geplatzt ist, könnt Ihr mich dann wieder zurückschicken?“, fragte der Herr der Schatten betont gelangweilt.
„Zurückschicken?!“, brüllte der Herold fassungslos. So viel Dreistigkeit war er wohl nicht mehr gewohnt. „Du wirst für deinen Verrat bezahlen! Meine Diener werden dich bis in alle Ewigkeit foltern. Sie werden …“
„Nein, das werden sie nicht.“, unterbrach er die Drohungen. „Dafür bin ich doch viel zu unwichtig. Du hast schon genug Personen, an denen du ewige Rache üben willst. Unendlich Qual ist ein viel zu großer Aufwand für jemanden wie mich. Du jagst mir etwas Angst ein, dann lässt du mich vielleicht noch eine Weile von Varkur foltern und zum Schluss wirst du mich töten. Nichts bleibt von mir übrig, unschön genug.“
Der Schwarze Herold bebte vor Zorn. „Etwas wird von dir übrig bleiben!“, zischte er. „Varkur, halte ihn fest, wir kommen gleich auf ihn zurück.“
Er drehte sich um und betrachtete die zerstörte Bug. „Wie weit sind die Skrale?“
Fast fertig. Noch die letzten Stützen zerschlagen, dann wird auch das Burggewölbe einstürzen.
„Gut. Ich werde nicht den gleichen Fehler machen wie du, oder Taroks Kreaturen, oder die Krahder. Ich werde nichts von dieser Burg übrig lassen, was jemals wieder aufgebaut werden kann.“
Der Herr der Schatten runzelte die Stirn. Wollten sie ihn wirklich einfach ignorieren? Das war etwas demütigend. Er schwieg trotzdem. Wahrscheinlich sollte er seine letzten Momente genießen.
„Was ist mit meinem letzten Auftrag? Hast du etwas herausgefunden?“
Ich musste die versprengten Überreste von Nomions Armee sammeln. Ich hatte keine Zeit, weitere Spuren zu verfolgen. Ich kann Euch nur sagen, was ich schon gesagt habe: Ich habe nichts gefunden. Keine Erwähnungen, keine Berichte, schon gar keine Augenzeugen. Es gibt noch Drachenkultisten in den Bergen des Ostens, doch sie beten zu anderen Drachen. Nehal hauptsächlich. Die letzten lebenden Anhänger des Tarok-Kultes dürften ein Mann namens Seban samt seiner Familie gewesen sein.
Kurz schien es dem Herrn der Schatten, als würde sich bei diesem Namen eine Regung in den leblosen weißen Augen des Svrattor zeigen. Doch wahrscheinlich hatte er sich das nur eingebildet.
Es ist, als hätte es diesen Schwarzen Priester niemals gegeben. Nichts deutet darauf hin… Welche Bedeutung hat er?
„Keine. Er ist wichtig für meine Vergangenheit, doch nicht für meine Zukunft. Ich hatte vor langer Zeit mit ihm zu tun. Er hat mir vieles erzählt, und im Nachhinein stellte sich das meiste davon als Lüge heraus. Ich hätte einige Fragen an ihn. Doch wenn du nichts entdeckst, dann sei es so.“
Ich werde weitersuchen. Vielleicht finde ich noch etwas.
Der Herr der Schatten seufzte. Rauch in seiner Nase, eine grässliche Stimme im Ohr, die Aussicht karg und rauchverhangen. Seine letzten Momente hätten sich ruhig etwas schöner gestalten können.
„Nein, Varkur! Ich hatte anfangs Vorbehalte im Gedenken deiner vielfältigen Misserfolge, doch du hast dich als überaus nützlich erwiesen. Ich habe einen anderen Auftrag für dich. Eine Aufgabe von höchster Wichtigkeit!“
Neugierig spitzte der Herr der Schatten die Ohren.
„Es geht um einen Jungen. Sein Name lautet Janis. Etwa fünfzehn Sommer, eher klein, schwarzes Haar, blaue Augen, schiefe Zähne. Er wird begleitet von einem andorischen Wassergeist und einem blonden Mädchen.“
Ich habe ihn gesehen. Er kam durchs Ausfalltor. Ich ließ ihn ziehen wie vereinbart.
Der Herold flüsterte einige zornige Worte. „Er hat uns verraten, fast wie unser Gefangener hier, nur ungleich erfolgreicher. Er hat die Macht, alle unsere Pläne zunichte zu machen. Bring mir den Jungen, aber unversehrt! Ihm darf nichts geschehen, sonst könnte doch noch alles scheitern. Wenn ihm auch nur ein Haar gekrümmt wird, ergeht es dir schlecht!“
Alles scheitern? Was ist seine Macht?
„Tu einfach, was ich dir gesagt habe, Varkur. Bring ihn und alles, was er bei sich trägt, sicher zu mir. Hast du verstanden?“
Ein unschuldiges Kind… Wenn ich es fange … wird dann die Dunkelheit wachsen? Ich … will das nicht.“ Eine schrilles Kreischen drang aus der Dunkelheit. „Ich will … einen Ausgleich. Ein Leben für ein Leben.
Der Herr der Schatten war mindestens so überrascht wie der Schwarze Herold. Fast hätte er gekichert. So hat er zum Schluss also doch noch gesehen, wie tief er gefallen ist.
Der Schwarze Herold schwieg. Als er schließlich antwortete, lag Zorn in seiner Stimme. „Du wagst es, Forderungen zu stellen? Du hast Glück, dass so viel an deinem Erfolg hängt. Ich kann dir versichern, Varkur, der Junge ist alles andere als unschuldig. Doch wenn du einen Ausgleich willst, von mir aus. Wen willst du so unbedingt tot sehen?“
Nicht … tot. Ich will kein Leben nehmen. Ich will … eines zurückholen.
Der Herold lachte. „Na gut. Wenn du Janis und seinen Besitz wohlbehalten zu mir bringst, dann werde ich jemanden für dich zurückholen. Dieses eine Mal, weil ich gnädig bin! Und jetzt kümmere dich um unseren Gefangenen.“
Der Herr der Schatten spürte, wie der Druck um seinen Körper sich verstärkte. Er wartete auf den Schmerz, oder auf den Tod, doch keines von beidem kam.
Ist das wirklich nötig? Ich bin … stark genug. Wozu … noch mehr Dunkelheit?
„Varkur! Meine Geduld hat ihre Grenzen. Ich will sehen, was du kannst. Ich will einen Beweis für deine Fähigkeiten.“
Der Herr der Schatten keuchte auf. Die Dunkelheit drang von allen Seiten in seine Haut, und seine eigene Dunkle Magie reagierte. Sie hatte ihn nie als schwarzer Nebel umgeben, nie seinen Körper verändert, doch sie war da und sie wehrte sich, versuchte, ihn zu beschützen. Doch sie war machtlos gegen Varkurs geballte Magie. Die Finsternis überwältigte seine eigenen dunklen Mauern, vereinigte sich mit ihnen, verschlang sie. Und dann zog sie sich zurück. Der Herr der Schatten spürte, wie etwas rasch aus ihm herausfloss, nur Leere blieb zurück. Seine Dunkelheit. Seine Macht. Seine Magie!
Noch ehe er wirklich begriff, war es vorbei. Er fühlte sich gereinigt und verstümmelt zugleich. Er schloss die Augen, versuchte auf seine Fähigkeiten zurückzugreifen, doch nichts geschah. Selbst das Gefühl, von Dunkler Magie umgeben zu sein, war verschwunden. Er war blind geworden für die Ströme der Welt. Er war kein Zauberer mehr.
„Wunderschön.“, flüsterte die tiefe Stimme des Schwarzen Herolds. „Du hast nicht zu viel versprochen, Varkur!“
Als Antwort ertönte nur ein schrilles, kreischendes Wimmern.
„Was habt ihr mit mir gemacht?“, fragte der Herr der Schatten schwach.
Der Herold lachte finster. „Du hast uns verraten, also finden wir einen anderen Nutzen für dich. Mit deiner Hilfe werden wir Hadria unterjochen! Mit deiner Macht, die nun Varkur dient!“ Er schwieg theatralisch. „Für den Rest von dir haben wir leider keine Verwendung. Varkur, bring ihn um.“
Ehe der Herr der Schatten auch nur versuchen konnte, sich zu wehren, wühlte sich etwas in seinen Bauch und riss ihm den Brustkorb auf. Er fühlte keinen Schmerz, nur eine sich rasch ausbreitende Kälte.
Am Rande nahm er war, dass sein Körper wie ein kaputtes Spielzeug fallen gelassen wurde. „Du weißt, was du zu tun hast, Varkur.“, scholl aus weiter Ferne eine tiefe Stimme. „Finde den Jungen!“ Dann wurde es still.
Der Herr der Schatten schlug mühsam die Augen auf, doch alles, was er noch sah, war Dunkelheit, die sich langsam über ihn senkte. Vielleicht der Rauch, vielleicht der Schatten irgendeines Totengottes.
Der Herr der Schatten blinzelte ein letztes Mal. Das also war das Ende. Nun, er hatte es erwartet seit dem Tag, an dem er das falsche Gift verkauft hatte. Er hatte bereits seine Nachfolge vorbereitet und seinen Einfluss genutzt, um unauffällig die Verteidigung Yras zu stärken. Bedauerlich, dass sein … falsches Gift seinen Zweck nicht … erfüllt hatte. Doch immerhin … hatte er dafür in Andor … viele Leben gerettet. Er lächelte.
Am Ende … war es … ein guter Tausch…


Unter einem Schleier aus schwarzem Rauch, verborgen vor dem gleichgültigen Blick von vier Sternen in einer Reihe, ging ein Beben durch die Ruine einer zerstörten Burg. Die Keller und Kerker brachen in sich zusammen, Geröll und verrußte Steine polterten hinunter und zerquetschten alles, was sich noch in der Tiefe verbarg. Eine schwarz gewandete Leiche wurde in die Tiefe gerissen und verschwand für immer aus dem Licht der Welt.
Und am Fuße des Hügels, zwischen schwarzen Steinen, eingestürzten Mauern und glimmendem Rietgras, flackerte in einer Schale aus Stein ein Ewiges Feuer in tiefem Violett. Jede andere Farbe war aus den Flammen verbannt. Die lodernden Flammen flackerten immer schwächer, eine nach der anderen schrumpften sie zusammen, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Nur noch ein winziges lilafarbenes Licht glühte auf dem Stein, trotzte dem Wind, unruhig wie eine flackernde Kerze … und verschwand schließlich ganz. Das Ewige Feuer war erloschen.


Und an der tiefsten Stelle von Hadrias Unterwelt erbebte der rissige Boden in tosender Stille.
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T - Die letzte Zuflucht

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:29

T – Die letzte Zuflucht

Morgendämmerung, 27. Wintertag 77 A.Z.
Ufer der Narne östlich der Rietburg, Andor

„Das Schicksal beweist wieder einmal einen seltsamen Sinn für Humor.“
Janis sprang auf und griff unwillkürlich an seinen Gürtel, doch dort hing schon seit Monden kein Schwert mehr. Nicht einmal ein Messer hatte er. Ihm blieb nur, Vara zu sich zu rufen, der Wassergeist streunte gerade draußen herum.
Der Mann, der aus dem Dunkel der Hütte trat, ließ mit der hochgewachsenen, schwer auf seinen Stab gestützten Gestalt, der ungewöhnlichen Hautfarbe und der heiseren Stimme unangenehme Erinnerungen an Nomion aufsteigen. Doch sein Stab war aus Holz, nicht aus Bein, seine Haut tiefblau anstatt grau wie Fels, und natürlich hatte er auch nicht die Größe eines Krahders.
„Wer seid ihr?“, fragte Janis laut, gleichzeitig bildete er mit seiner freien Hand – in der anderen hielt er noch immer die Krone – die Gebärde Flucht. Sara, die ebenfalls aufgesprungen war, nickte und legte eine Hand auf den Riemen ihres Rucksacks.
„Mein Name ist Leander.“, antwortete der Fremde. „Habt keine Angst. Ich bin hier, um euch zu helfen.“ Er trat ins Licht und blieb stehen, und Janis erkannte unter der Kapuze eine braune Binde, die seine Augen bedeckte. Unmöglich, dass er dadurch etwas sah. War er blind?
„Danke, aber wir brauchen keine Hilfe.“, zischte Janis. Er spürte Varas Anwesenheit und befahl ihr, sich bereitzuhalten.
„Ach nein?“, fragte Leander. „Ihr seid entkräftet und durchgefroren. Ihr wart die ganze Nacht unterwegs, auf der Flucht vor dem Roten Hahn an der Rietburg.“
Janis keuchte auf. „Woher wisst Ihr …?“
„Dinge zu wissen ist meine Aufgabe.“, unterbrach Leander leichthin. „Wie sonst hätte ich hier auf euch warten können?“ Er holte rasselnd Luft. „Und ich weiß, dass ihr mich brauchen werdet. Ich sehe nichts ohne Grund.“
Janis kniff die Augen zusammen und schwieg. Auf mein Zeichen, Vara. Du musst ihn ablenken, bis wir weit genug fort sind.
„Warum misstraut ihr mir? Ihr wolltet diese Krone doch zu den Helden von Andor bringen? Einer von ihnen steht vor euch.“
Fast hätte Janis aufgelacht. „Und wie kommt es, dass ich noch nie von Euch gehört habe?“
Er. Sprechen. Wahrheit. gebärdete Sara, während Leander scheinbar noch nach einer Erwiderung suchte. Ich. Sehen. In. Tross. In. Gebirge. - Blind. Seher. Und. Freund. Von. Helden.
Janis starrte die Freundin an. Sie hatte die Hand wieder vom Rucksack genommen und in ihren Augen schillerte ein violetter Glanz von Hoffnung. „Was? Warum sagst du das erst jetzt? Bist du sicher?“
Ja. - Ich. Erkennen. Wieder. antwortete Sara ruhig. Gleichzeitig sagte Leander sichtlich irritiert: „Ja … Sicher bin ich mir sicher? Ich bin erst seit kurzem…“
„Nicht Ihr.“, stöhnte Janis erschöpft. Sara kicherte lautlos. Janis holte tief Luft. „Also schön, was genau wollt Ihr?“
Leander legte den Kopf schief und antwortete erst nach einer Pause: „Die Rietgraskrone nach Cavern begleiten. Sie hätte schon vorgestern dort sein sollen. Kommandant Mart hatte den Auftrag, sie zurückzubringen.“
„Was genau kann sie?“
Leander runzelte verwirrt die blaue Stirn. „Mart hat es dir nicht erzählt? Du schienst alles zu wissen.“
Na ja, als ich mich mit dem Schwarzen Herold getroffen habe, um die Rietburg zu verraten, wollte er die Krone unbedingt haben. Manches blieb besser ungesagt. Janis entschied sich, nicht zu antworten.
„Ich fürchte, ich kann es euch nicht verraten. Belassen wir es dabei, dass sie von größter Wichtigkeit ist und um jeden Preis …“ Leander erstarrte. Er hob den Kopf und umklammerte seinen merkwürdigen Stab. „Wir müssen verschwinden!“, keuchte er. „Sofort!“
Einen Herzschlag stand Janis unschlüssig da, während sein Misstrauen mit der Furcht kämpfte. Dann schnappte er sich seinen Rucksack, die Krone noch immer fest umklammert, während Sara bereits die Tür aufstieß, um nach draußen zu eilen.
„Nein! Nicht vorne! Hinten ist eine Öffnung!“, rief Leander, der sich durch den Unrat zurück in die Dunkelheit kämpfte, aus der er erschienen war. Janis folgte ihm. Im Halbdunkel trat er auf irgendwelche Scherben, doch er eilte einfach weiter, bis er neben einem engen Spalt stand, wo sich einige Bretter ein Stück gelöst hatten. Jetzt erst hatte er Zeit, sich umzudrehen und Saras Fehlen zu bemerken.
Sie stand noch immer in der Türöffnung, den Blick starr zum Himmel gerichtet. Der Rucksack war ihr von der Schulter gerutscht und sie machte keine Anstalten, sich zu bewegen.
„Sara?“, fragte Janis zitternd. „Was tust du? Komm schon!“
Ich. Sehen. Es. gebärdete sie müde. Und. Es. Sehen. Mädchen-Ohne-Worte. - Wenn. Ich. Gehen. Dann. Es. Wissen. Von. Ausgang. Zwei.
Sie sah sich nicht zu ihm um, Janis sah nur ihr Profil. Ein sanftes Lächeln lag auf ihren Lippen, ihre Augen strahlten tiefblau. Du. Bringen. Krone. Zu. Zwergen. - Ich. Geben. Zeit. Dafür. - Wir. Machen. Alles. Wieder. Gut.
Janis konnte kaum noch atmen. Nein! Nicht auch noch Sara! Stocksteif stand er neben dem Spalt, bis sich blaue Finger um sein Handgelenk schlossen.
„Was ist los? Wir haben keine Zeit!“, flüsterte Leander eindringlich. Janis ließ sich widerstandslos nach draußen zerren und antwortete nicht. Er wollte Sara irgendetwas zurufen, die Bitte mitzukommen oder auch nur ein Abschied. Er kam nicht dazu.
Kaum hatte er sich aus der Hütte gezwängt, wurde plötzlich der Schnee ringsum in einem unnatürlichen Wind aufgewirbelt. Ein kalter Schatten legte sich über die Hütte und verschluckte die spärlichen Lichtstrahlen, die durch das löchrige Dach fanden. Janis und Leander standen an die Wand der Hütte gepresst, während Sara noch immer reglos im Türrahmen stand. Durch den Spalt beobachtete Janis verzweifelt, wie zähe Schlieren aus purer Dunkelheit sich um ihre schmale Gestalt legten, während eine Wolke aus schwarzem Nebel vom Himmel sank und sich langsam durch die Hütte tastete. Janis hatte Ähnliches vor wenigen Stunden erst zuletzt gesehen. Varkur war hier.
Ich suche einen Jungen.“, kreischte eine grauenhafte schrille Stimme. „Er ist hier! Wo steckt er, Mädchen?
Sara hob zitternd die Hände und begann zu gebärden. Doch die Zeichen waren keine Antwort. Ich. Halten. Bei. Ausgang. - Flucht.
Was? Was tust du mit deinen Händen, Kind?“, kreischte Varkur. „Antworte mir! Wohnst du hier?
Sara nickte. Janis starrte zweifelnd auf den vermüllten Boden. Wie konnte Varkur annehmen, irgendjemand würde hier wohnen? Sah er den Unrat nicht? Den Rucksack, der neben ihr lag? Es hieß, Varkur sei einst ein Mensch gewesen. Wenn das stimmte, musste es lange her sein.
Dann musst du ihn gesehen haben! Er ist ganz in der Nähe! Ich bin sein stummer Begleiter; ich weiß, dass er nicht weit sein kann!
Sara nickte und gebärdete ein weiteres Mal Flucht. Gleichzeitig zerrte Leander drängend an seinem Handgelenk. Endlich riss Janis sich von dem Anblick los. Vielleicht lässt er sie in Ruhe, wenn er merkt, dass ich nicht mehr da bin. So leise wie möglich entfernten sie sich von der Hütte. Es gab weit und breit keinen Baum und keinen Strauch, die einzige Deckung bot die Narne mit ihrem abgesenkten Flussbett, also führte Janis Leander darauf zu, während er Vara hinter sich ihre Spuren verwischen ließ. Varkurs Worte waren schon nach wenigen Schritten nicht mehr zu verstehen, seine schrille Stimme hingegen schmerzte noch immer in seinen Ohren, als er hinter Leander die rutschige Uferböschung hinabkletterte. Die Rietgraskrone, die er noch immer in der Hand hielt, machte es nicht eben einfacher. Leander war klüger, er hatte seinen Stab in zwei Schlaufen an seinem Rücken gehängt.
Trotz der Kälte war die Narne so nahe an der Mündung noch lange nicht zugefroren, nur ganz am Ufer hatte sich eine dünne Eisschicht gebildet, die niemanden tragen würde.
Was jetzt? Hier unten war kein Weg, wenn sie hier weiter nach Osten wollten, würden sie die meiste Zeit klettern müssen. Angesichts der gefrorenen Erde und ihrer steifen Finger wäre es nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen ins eiskalte Wasser fiel und hilflos ins hadrische Meer gespült wurde. Oben jedoch, ganz ohne Deckung, würde Varkur sie augenblicklich entdecken, sollte er die Hütte wieder verlassen.
Die Entscheidung wurde ihm abgenommen. Plötzlich erscholl ein grauenhaftes zorniges Kreischen, wie von einer rostigen Schere, die durch Glasscherben schneidet. Eine breite Druckwelle fegte über sie hinweg und riss Schnee und Erde mit sich fort. Holzsplitter, faules Rietgras und ganze Balken wurden über ihren Köpfen durch die Luft katapultiert und vereinzelte Splitter fielen auch auf Janis und Leander nieder, die sich weitgehend geschützt an die Uferböschung klammerten. Die Hütte! Sara! Nein!
Kälte durchflutete ihn, und erst nach einem Herzschlag begriff er, dass es nicht nur der Schock war, sondern dass es tatsächlich kälter wurde. Wind peitschte die Narne auf. Varkur kam, und Janis wusste nur einen Ort, wo er und Leander sich noch verstecken konnten. Für Erklärungen blieb keine Zeit. Er griff nach Leanders Mantel, krallte sich darin fest und sprang.
Die Kälte traf ihn wie ein Hammerschlag. Das Eiswasser umströmte ihn von allen Seiten und raubte ihm jeden Tropfen Wärme. Leanders Mantel entglitt seinem Griff. Er wurde umhergewirbelt, verlor jeden Sinn für oben und unten, er sah nur einen schillernden Wirbel aus Licht und Schatten, der durchs Wasser tanzte. Dann fühlte er sich von einem unerklärlichen Druck auf den Grund der Narne gepresst. Luftblasen stiegen aus seinem Mund auf und wurden fortgespült. Ein sanftes Licht legte sich über ihn und hielt ihn, tröstete ihn. Ein Gefühl der Sehnsucht durchströmte ihn, und zugleich wurde er so unglaublich müde. Er spürte, wie die Rietgraskrone sich aus seinem Griff löste und davongespült wurde. Das letzte, was er noch wahrnahm, war eine Dunkelheit, die sich wie ein schwarzes Tuch über die Narne gelegt hatte und einen Moment unschlüssig über der Wasseroberfläche verweilte, ehe sie eilig davonstob. Die ersten Strahlen der Wintersonne, die durchs Wasser schienen, sah er schon nicht mehr.


Früher Vormittag, 27. Wintertag 77 A.Z.
Ufer der Narne östlich der Rietburg, Andor

Eine Hand legte sich auf seine Stirn. Der Geruch von Rietgrasblüte und Bittermandel stieg ihm in die Nase. Keuchend schlug Janis die Augen auf und starrte ungläubig zu Sara hoch. „Du … lebst?“, presste er hervor. Er blinzelte, bis die Welt an Schärfe zurückgewann. Er lag an einer flacheren Stelle des Ufers, unweit der alten Fischerhütte, ein bewusstloser Leander neben ihm. Seine Kleider waren trocken, bis auf ein wenig geschmolzenen Schnee an seiner Seite.
Erschöpft setzte er sich auf. Sogar der Rucksack hing noch an seinem Rücken. „Was ist passiert? Wie ist das möglich?“
Sara sah ihn mit unbewegter Miene an, nur ihre Augen leuchteten violett. Dunkelheit. Beschützen. Mädchen-Ohne-Worte. gebärdete sie ruhig.
Janis schüttelte langsam den Kopf. „Nein, sie hat dich doch erst …“
Dunkelheit. Beschützen. Mädchen-Ohne-Worte. wiederholte sie entschieden. Vor. Dunkelheit. - Erst. Es. Fragen. Mädchen-Ohne-Worte. - Dann. Merken. Dass. Kind-Von-Fluss. Fort. - Dunkelheit. Voll. Zorn. - Kämpfen. Mit. Es. Selbst.
Janis schloss die Augen und atmete tief ein. Die Luft strömte frisch und klar in seine Lungen. „Wie hast du mich aus dem Wasser bekommen?“, fragte er erschöpft und schlug die Augen auf.
Sie schüttelte langsam den Kopf. Ihr. Einfach. Liegen. Da. - Ich. Nichts. Tun.
„Aber wie …?“ Er betastete sein Gesicht und verstummte, als ihm etwas auffiel. „Die Krone! Ich habe die Krone verloren! Sara, wir…“
Sie deutete über seine Schulter, in Richtung des Flusses. Ein blauer Schimmer trat in ihre Augen. Mühsam drehte Janis sich um.
Varas durchscheinende Silhouette ragte aus dem Wasser der Narne. In ihren schlanken, fließenden Fingern hielt sie die Rietgraskrone. Den Kopf hielt sie traurig gesenkt, ihr wogendes Haar floss um sie herum und vermischte sich mit den Wassern der Narne. Janis hörte seine eigene Kinderstimme aus ferner Vergangenheit zu ihm sprechen: Und sie kann niemals zurück?
„Vara…“, sagte er leise und rappelte sich auf. „Du hast mich gerettet. Und Leander. Und die Krone.“ Er schüttelte langsam den Kopf. „Welchen Preis musstest du dafür zahlen?“ Er tastete das unsichtbare Seil entlang, das sie beide verband, und er spürte ihre uralte Trauer, doch da war noch mehr. Etwas zerrte an ihr, riss Stücke aus ihrem gestaltlosen Leib.
Janis sah aufmerksam ins Wasser, und er sah sie. Blau glühende Schemen umspülten Vara, zu schnell, um sie zu zählen. Immer wieder stießen sie vor und jedes Mal nahmen sie ein Stück von ihr mit sich.
Ohne ihn anzusehen streckte Vara den Arm mit der Krone aus. Janis wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Schweren Herzens griff er nach dem kalten Gold. Ein feiner Hauch legte sich auf seine Fingerspitzen, wo er Varas Hand berührte.
„Vara…“, sagte er leise, auch wenn er wusste, dass sie seine Worte nicht verstand. „Du hast mehr für die Menschen der Flusslande getan als alle Hüter zusammen. Du hast seit Jahrhunderten über sie gewacht, und in all der Zeit trugst du nichts als deine Trauer mit dir. Nun ist deine Wacht beendet.“
Entlang des immer schwächer werdenden unsichtbaren Seils schickte er ihr eine Botschaft; nur ein Wort und, wichtiger noch, ein Gefühl.
Danke.
Danke.

Janis hörte auch Kheelas Stimme, so klar als stünde sie neben ihm. Auch ihre Dankbarkeit ließ er den Wassergeist spüren. Langsam hob Vara den Kopf und sah ihn an. Und Janis spürte wie ihre Trauer zusammen mit ihrem ganzen Wesen verschwand. Das unsichtbare Seil zerriss, während Varas Körper sich in tausende Tröpfchen auflöste, die von den Strömungen und den Geistern des Flusses in alle Richtungen getragen wurden. Vara wurde eins mit der schlangengleichen Narne.
In Janis blieb eine Leere zurück, an die er sich noch nicht gewöhnen konnte.
Sie ist fort. Etores Vermächtnis ist erloschen. Es gibt keinen Hüter der Flusslande mehr.
Ja, mein Schatz. Sie ist fort. Leide nicht darunter. Sie hat ihre Trauer so lange tragen müssen.

Ein keuchendes Husten riss Janis aus seinen Gedanken. Leander wälzte sich auf die Seite und hustete röchelnd, bis Janis Blutstropfen im Schnee sah. Der Blinde ließ sich erschöpft zurücksinken und zog ein kleines, metallenes Fläschchen aus einer seiner Taschen. Er goss eine schleimige schwarze Flüssigkeit in seinen Mund und schluckte zweimal, ehe er das Gefäß wieder verkorkte und heiser sagte: „Das nächste Mal warnst du mich, bevor du mich ins Wasser wirfst.“
Janis fragte nicht, woher Leander überhaupt von seiner Anwesenheit wusste. „Wenn die Zeit bleibt.“, erwiderte er erschöpft.
Leander rappelte sich unsicher auf, zog seinen Stab vom Rücken und stützte sich darauf. „Wir müssen los. Ich hoffe, ich konnte euch überzeugen, dass von mir keine Gefahr droht?“
Janis wechselte einen schnellen Blick mit Sara. „Wir haben noch einige Fragen.“, sagte er leise.
„Das trifft sich gut, ich ebenfalls!“, meinte Leander heiter. „Aber zuerst müssen wir weiter. Wir sind Varkur diesmal entwischt, doch der Weg nach Cavern ist noch weit, und es ist klar, wohin wir unterwegs sind. Selbst wenn der Ewige Rat die Pläne der Helden noch nicht kennt: Nachdem sowohl der Baum der Lieder als auch die Rietburg gefallen sind, ist Cavern die letzte Zuflucht.“ Er setzte sich in Bewegung, blieb aber nach wenigen Schritten wieder stehen und drehte sich um. „Sara, verstehst du eigentlich, was ich sage? Kannst du Lippen lesen?“, fragte er betont langsam, wobei er seinen Mund übertrieben deutlich verzog. „Gebärdensprachen gehören zu den wenigen, die ich nicht beherrsche. Sie haben wenig Gewinn für einen Blinden.“
„Sie ist nicht taub. Nur stumm.“, antwortete Janis. Dass Leandere letzteres mitbekommen hatte und wusste, dass sie hier war, wunderte ihn schon nicht mehr. Ein Blinder und eine Stumme. Das kann ja heiter werden!
Leander senkte den Kopf. „Ah, ich verstehe. Das macht die Sache natürlich einfacher. Du wirst für sie übersetzen …“ Er stockte. „Wie heißt du eigentlich?“
Janis warf einen Blick nach Westen. Wo die Rietburg gestanden hatte, stieg noch immer Rauch auf. Ich wollte meine Vergangenheit zurücklassen. Doch ich konnte es nicht. Ich konnte dich nicht zurücklassen, Mutter. Ich kann es noch immer nicht. Wem wollte ich je etwas vormachen?
Janis sah den erwartungsvoll schweigenden Leander lange an. In seinem Rücken spürte er Saras aufmerksamen Blick.
„Mein Name lautet Janis.“


Abenddämmerung, 27. Wintertag 77 A.Z.
Westliches Rietland nördlich der Marktbrücke, Andor

Anfangs gab es noch viele Fragen. Leander wollte alles zum Fall der Rietburg und dem roten Hahn wissen, und Janis antwortete weitgehend wahrheitsgemäß – freilich ohne seine eigene Rolle bei diesen Ereignissen zu erwähnen. Auch er hatte einige Fragen an Leander, doch der Blinde hüllte sich in Schweigen. Er wollte seine Fehler wiedergutmachen, sagte er, und könne mehr nicht verraten. „Zu eurem eigenen Schutz.“ Das einzige, was er ihnen anvertraut hatte, war, dass sie die Krone lieber zerstören sollten, als zuzulassen, dass sie dem Ewigen Rat in die Hände fiel.
Schließlich erstarb das Gespräch. Janis und Sara waren seit mehr als einem Tag ununterbrochen auf den Beinen, und Leander war offensichtlich krank. Sie alle waren zu erschöpft, um neben ihrem Marsch noch eine Unterhaltung zu führen, und so legten sie den Großteil des Tages schweigend zurück. Viel Zeit für die schmerzhaften Gedanken, denen Janis sich nicht erwehren konnte. An Rodur, die Menschen der Rietburg und seine Mutter. Du bist fort. Rodur ist fort. Vara ist fort. Wer wird der nächste sein?
Bei Einbruch der Dämmerung erreichten sie eine laut klappernde Mühle an einer Flussbiegung südlich von Narnfurt. Wenn noch mehr Licht gewesen wäre, man hätte die Marktbrücke bereits sehen können. Es war nicht mehr weit nach Cavern. Aber zu weit für ihre erschöpften Beine. Längst fielen sie mehr in Richtung ihrer Beine, als dass sie liefen.
„Wir brauchen eine Pause.“, keuchte Janis. Er deutete müde auf eine kleine Baumgruppe, die sich unweit aus dem Rietland erhob. Sie würden entsetzlich frieren; ein Feuer konnten sie sich natürlich nicht erlauben, solange Varkur nach ihnen suchte. Aber zumindest würden sie nicht einfach mitten im Schnee umkippen, sondern ein wenig geschützter. Ein wenig die Beine ausruhen, mehr wollte Janis doch gar nicht.
„Ich fürchte, du hast recht.“, antwortete Leander heiser. Er ignorierte den ausgestreckten Arm, den er nicht sehen konnte, und wandte sich zur Mühle. „Vielleicht bekommen wir hier einen Platz für die Nacht.“
Janis griff ihn am Arm und hielt ihn fest. „Das können wir nicht tun!“
Leander legte fragend den Kopf schief.
„Wir wissen nicht, wie Varkur uns heute morgen aufgespürt hat.“, erklärte Janis. „Er könnte jederzeit wieder auftauchen. Wir bringen die Menschen hier in Gefahr, wenn wir bei ihnen bleiben!“
Leander seufzte. „Janis… Diese Krone muss schnellstmöglich unbeschadet nach Cavern. Um jeden Preis. Das ist wichtiger als dein Leben. Oder meines. Oder das der Leute hier. Diese Mühle ist das beste Versteck weit und breit, wir können uns aufwärmen und zur Ruhe finden.“
Mit diesen Worten riss Leander seinen Arm frei, legte – ohne den Weg suchen zu müssen – die letzten Schritte zurück und klopfte mit seinem Stab an die Tür.
Janis sah sich hilfesuchend nach Sara um, aber die zuckte nur kraftlos mit den Schultern. Ihr Blick war glasig vor Erschöpfung und Janis musste sich eingestehen, dass Leander recht hatte. Hier draußen würden sie ohne Feuer am Ende noch erfrieren.
Im nächsten Moment hatte sich möglicher Widerspruch endgültig erübrigt, denn die Tür wurde einen Spalt geöffnet und eine große, füllige Frau starrte mit zusammengekniffenen Augen nach draußen. „Wer da?“, fragte sie mit einer Stimme wie ein Ochse.
„Bitte, wir wollen nichts Übles. Wir suchen nur eine Bleibe für die Nacht.“, presste Leander hervor. Seine eben noch entschlossene Stimme klang plötzlich unsicher und verzweifelt.
Die Frau blieb kurz unschlüssig in der Tür stehen, dann gesellte sich ein kleiner, schmächtiger Mann dazu, der seiner Gattin kaum bis zur Brust reichte, und die beiden tuschelten kurz.
„Wir sind zwei Kinder und ihr blinder Onkel. Kein Gefahr.“, warf Leander dazwischen, laut genug, um gehört zu werden, und leise genug, um nicht aufdringlich zu wirken.“
Schließlich wurde die Tür geöffnet. „Kommt herein.“, meinte der kleine Müller mit Fistelstimme. Er hatte ein schiefes Lächeln aufgesetzt. „Ihr müsst halb erfroren sein! Wir finden ein Plätzchen für euch. In diesen Zeiten sollten wir einander helfen.“
Leander bedankte sich überschwänglich und ließ sich hereinführen – plötzlich schien er sich alleine kaum noch zurechtfinden zu können.
Der Müller stellte sich und seine Frau vor, und dann auch noch seine vier Kinder, die drinnen am Essenstisch saßen. Die Älteste war mindestens in Saras Alter, der Jüngste hatte noch keinen Sommer gesehen. Leander präsentierte als Ausgleich drei frei erfundene Namen und streute nebenbei noch einen angeblichen Bruder und seinen Hof im östlichen Rietland ein, von dem sie hofften, dass er sie aufnehmen werde. Die Leichtigkeit, mit der er seine Lügen erzählte, beunruhigte Janis. Er spielt den harmlosen Blinden zu gut. Was, wenn auch der Held nur eine seiner Rollen ist?
Schließlich berichtete Leander vom Fall der Rietburg, das Entsetzen der Müllersfamilie erstickte jede allzu genaue Nachfrage nach ihrer Identität. Als der Müller sie etwas später in einen Nebenraum brachte, war sein Gesicht noch immer etwas bleich. „Es kommen schwere Zeiten.“, sagte er leise. „Drüben, im Dorf, können sich die Menschen zumindest gegenseitig unterstützen. Doch wir sind auf uns allein gestellt.“ Er seufzte. „Niemand mag Müller. Die Fischer fürchten, dass unsere laute Mühle die Fische vertreibt, und die Bauern denken, dass wir uns mit jeder Fuhre Mehl an ihnen bereichern. Schwere Zeiten…“
Er wies ihnen ein Plätzchen neben den schweren Mühlsteinen zu. Wäre die Mühle in Betrieb, wäre es hier gewiss zu laut zum Schlafen, doch die Steine und komplizierten Gestänge lagen reglos da. Das Mühlrad draußen klapperte leer vor sich hin und bewegte nichts als sich selbst.
Bald hatten sie ihre dünnen Decken ausgebreitet. Leander schüttete sich noch zwei Schlücke der schwarzen Flüssigkeit in den Mund, die er am Morgen schon getrunken hatte, dann legte er sich hin und regte sich nicht mehr. Janis konnte unmöglich sagen, ob er bereits eingeschlafen war. Leise tippte er Sara an, die sich gerade ebenfalls in ihre Decken wickelte.
Du. Nehmen. Krone. gebärdete er.
Fragend sah sie zu ihm hoch.
Ich. Gesucht werden. - Besser. Wenn. Du. Krone. Haben. erklärte er.
Sie lächelte müde und grub ihre Hände aus. Im Halbdunkel waren ihre Zeichen nur schwer zu erkennen. Dann. Warum. Nein. Blind-Seher. - Du. Geben. Krone. Nein. Aus. Angst. Vor. Dunkel-Magier. Sondern. Aus. Angst. Vor. Begleiter.
Janis holte tief Luft und nickte. Hatte er nicht mittlerweile gelernt, dass er Sara nichts vorzumachen brauchte? Ja, er vertraute diesem Leander noch nicht uneingeschränkt. Falls der Blinde in der Nacht seine Taschen durchwühlte, sollte er die Krone nicht finden. Und falls nicht schadete es auch nicht. Da von Sara kein Widerspruch kam, zog er so leise wie möglich die Rietgraskrone aus seinem Rucksack und versteckte sie in ihrem. Dann erst legte auch er sich hin und drehte den Kopf zu Sara, die ihn noch immer nicht aus den Augen ließ.
Rätsel. bat sie.
Janis musste leise lachen. „Du bist unersättlich, weißt du das?“, flüsterte er. „Sicher, ich denke mir ein Rätsel für dich aus.“
„Nicht nötig, ich kenne einige.“, meldete sich plötzlich Leander zu Wort. Janis schaffte es, nicht zusammenzuzucken. Also war er tatsächlich noch wach… Hatte er gehört, wie Janis die Krone umgeräumt hatte?
Leander beschrieb ein Gefängnis, dessen Insassen sich befreien konnten, indem sie die Rune auf ihrem Hinterkopf richtig errieten. Dann stellte er die Gefangenen in verschiedenen Kombinationen auf, gab ihnen mal mehr und mal weniger Informationen und verlangte von Sara, Strategien zu entwerfen. Die Rätsel klangen tatsächlich interessant, aber Janis war zu erschöpft, um mitraten zu können, zumal Sara ohnehin höchstens ein paar Herzschläge benötigte, bis sie die Lösung hatte. Also übersetzte er einfach ihre Antworten.
„Nicht schlecht.“, meinte Leander nach einer Weile. „Ich habe ein anderes Rätsel für dich. Angenommen, du spielst ein Spiel. Doch du kennst die Regeln nicht. Dein Gegner hingegen kennt das Spiel, jede Regel, jeden Stein, und noch schlimmer, er kennt jeden deiner Pläne noch vor dir selbst. Er weiß genau, wie du spielen wirst und wo er seine Steine setzen muss. Wie kannst du dieses Spiel gewinnen?“
Sara schwieg lange. Schließlich schlugen ihre Hände langsame Zeichen, und Janis übersetzte: „Ich kann dieses Spiel nicht gewinnen. Wenn der Gegner jeden meiner und jeden seiner Züge kennt, dann kennt er auch den Ausgang des Spiels. Wenn er gewinnen kann, dann wird er gewinnen. Und wenn er nicht gewinnen kann, dann hätte er längst aufgegeben.“
Leander kicherte heiser. „Ja, das dachte ich auch lange. Ich dachte, das Schicksal ließe sich nicht schlagen. Doch … auch der beste Plan ist machtlos gegen den Wurf einer Münze.“
Sara antwortete und Janis begann wieder mit dem Übersetzen, doch Leander unterbrach ihn harsch: „Das ist doch kein Zustand. Sara, komm her! Mal schauen, wie wir zumindest ein bisschen kommunizieren können.“
Sie kroch zu ihm und wartete, während Leander sich aufsetzte, ihre Hände in seine nahm und leise sagte: „Also, einmal drücken heißt Ja und zweimal drücken Nein. Damit haben wir schon viele Möglichkeiten abgedeckt. Dreimal drücken heißt dann: Weder ja noch nein oder Ich weiß nicht oder Lässt sich nicht sagen.“
Nur undeutlich sah Janis, wie Sara zweimal fest drückte und dann die Hände des verdutzten Leander anhob, bis ihre Fingerspitzen aneinanderlagen. Nacheinander tippte sie einmal mit jedem Finger.
„Unpraktisch.“, meinte Leander. „Stell dir vor, du willst mir im Laufen antworten. Sicher, wir bekommen zehn Worte anstatt drei, aber sie sind gewissermaßen viel schwerer auszusprechen.“
Sara verdrehte die Augen, sah sich hilfesuchend zu Janis um und gebärdete. Pflichtbewusst übersetzte Janis: „Sie sagt, es sind nicht zehn Worte, sondern eintausenddreiundzwanzig.“
Wieder legte Sara ihre Fingerspitzen an Leanders und tippte ihn an. Zeige- und Mittelfinger links. Daumen rechts und links alle fünf Finger zugleich. Beide kleinen Finger.
Leanders Gesichtsausdruck war göttlich. „Eintausenddreiundzwanzig!“, murmelte er kopfschüttelnd. „Wir müssten eine komplette Sprache codieren…“
„Keine Sorge, das hat sie schon.“, antwortete Janis leise. „Wie, glaubt Ihr, ist unsere Gebärdensprache entstanden? Sara kennt genug Sprachen, um sich eine eigene auszudenken.“ Daraufhin sagte Leander erst einmal nichts mehr.
Irgendwann senkte er den Kopf und murmelte wie zu sich selbst: „Ich frage mich…“ Was genau er sich fragte ging in einem keuchenden Husten unter. „Du kennst nicht zufälligerweise auch Ausschnitte der vergessenen Barbarensprache?“, wollte er schließlich wissen. Sara nahm seine Hand und drückte sie einmal. Anscheinend wollte sie der Einfachheit halber doch vorerst bei Leanders Vorschlag bleiben. „Ich versuche mich an einer Übersetzung, doch ein Wort fehlt noch.“ sagte er so leise, dass Janis es kaum noch verstand. „Das Wort, das ich suche, lautet: Arauthor
Sara drehte sich mit weiten Augen um und nickte Janis zu. Janis öffnete verwirrt den Mund und fragte dann mit Händen: Was.
Sara verdrehte die Augen. Geschichte. - Zwei. Brüder. In. Leer. Land.
Janis erstarrte. Er sah eine Schatulle mit abgegriffenen Schnitzereien vor sich und hörte wieder die Worte seiner Mutter.
Vor langer, langer Zeit kamen zwei Brüder in ein leeres Land mitten im Nichts. Sie waren Arauthor, der Hirte, und Nivor, der Bauer…
„Meine Mutter…“, sagte er leise und stockte kurz. „Als ich klein war hat sie mir oft die Geschichte zweier Brüder erzählt, die die Gewitter erschufen. Nivor hieß der eine, der Bauer, und Arauthor war … der Hirte.“
Leander saß reglos auf seiner Decke. „Hirte…“, sprach er leise. „Ja, die Ähnlichkeit zum Wächter ist gegeben… Der schlafende Träumer der Zeit und Hirte der Herzen…“ Er hob abrupt den Kopf. „Ich brauche etwas zum Schreiben! Die Helden müssen davon erfahren.“
Janis stand erschöpft auf und ging zu seinem Rucksack. Er hatte etwas Tinte und Pergament eingesteckt, auch wenn er sich unsicher war, ob es nicht vielleicht schon an der Rietburg herausgefallen war oder ob es das unfreiwillige Bad in der Narne überstanden hatte. Erst als er die Schnüre des Rucksacks schon in der Hand hatte, hielt er inne.
„Aufschreiben? Wozu?“, fragte er und warf einen Blick über die Schulter. „Warum sagst du es ihnen nicht selbst?“
Leander lächelte gequält. „Weil ich nicht weiß, ob sie mich dazu kommen lassen.“
Janis zögerte kurz, dann öffnete er seinen Rucksack und wühlte darin herum. Er hatte die empfindlichen Pergamentbögen ganz nach oben getan und sie waren nicht hier, also konnte er höchstens noch das Tintenfässchen suchen. Wahllos zog er Gegenstände aus dem Rucksack, bis er plötzlich drei kleine braune Knollen in den Händen hielt. Er erstarrte. Sapian. Ich habe sie für Rodur eingesteckt. Seine Finger zitterten, und als er sich umdrehte, sah er auch Sara auf seine Hände starren. Tiefes Blau lag in ihren Augen.
Janis ließ die Knollen fallen und atmete tief durch. „Ich … frage den Müller, falls er noch wach ist.“, sagte er heiser. „Ein Stofffetzen und ein Stück Kohle sollten sich auftreiben lassen.“
Ohne sich umzusehen hastete er zur Treppe nach unten.
Oh, Rodur! Es tut mir so leid!


Mondhoch, 27. Wintertag 77 A.Z.
Westliches Rietland nördlich der Marktbrücke, Andor

„Du kannst auch nicht schlafen, oder?“
Sara nickte schwach. Ihre Augen standen weit offen und blickten ins Dunkel, genau wie seine eigenen es seit Stunden taten. Wann immer er sie schloss, sah Janis ein Bild, das auf das Innere seiner Lider gemalt zu sein schien: Rodur, der vom Kronenturm fiel. In seinen dunklen Augen spiegelte sich der Himmel voller Sterne.
„Ich vermisse ihn.“, flüsterte er. Sara nickte wieder. „Warum hasst du mich nicht, Sara? Ich hätte es verdient. Ich habe ihn umgebracht.“
Sie schwieg. Eine Antwort wäre auch gar nicht möglich gewesen, es war längst zu dunkel für komplizierte Gebärden.
„Ich tue es, weißt du? Ich hasse mich. Und ich hasse diese Welt, die Rodur, und meine Mutter, und so viele andere sterben lässt, und die ausgerechnet mich am Leben lässt. Ich habe das nicht verdient! Ich hätte sterben sollen, und nicht Rodur.“
Du solltest diese Welt nicht hassen, sondern dankbar sein für die Chance, die sie dir gegeben hat. Du kannst deine Fehler wiedergutmachen. Du hast dich geändert, mein Schatz.
Nein, Mutter. Nichts, was ich tue, kann meine Schuld jemals begleichen. Und ich habe mich nicht geändert. Ich würde das alles wieder tun, um dich zu retten. Ich kann dich nicht loslassen.

Janis schloss die Faust um den kleinen Knochen, den er festhielt, seit er sich wieder hingelegt hatte.
Ich habe so viel für dich geopfert, Mutter. Dich jetzt aufzugeben würde all das sinnlos machen!
„Bitte, Sara, mache nicht den gleichen Fehler.“, flüsterte Janis den Tränen nahe. „Lass dich nicht von mir umbringen. Stirb nicht an meiner Stelle. Versuche nie wieder, dich für mich zu opfern wie heute morgen. Ich bin es nicht wert.“
Sie drehte den Kopf in seine Richtung und erwiderte seinen Blick. In der Dunkelheit konnte Janis die Farbe ihrer Augen nicht erkennen.
„Alles, was ich hatte, habe ich weggeworfen, um das hier zu bekommen.“ Er hob seine Faust mit Kheelas Knochen darin. „Du bist das letzte, was mir noch geblieben ist. Ich könnte es nicht ertragen, dich auch noch zu verlieren.“ Er schloss die Augen und sah sofort wieder Rodurs Gesicht. „Wenn Varkur uns findet, dann nimm die Krone, renn und blick nicht zurück. Dich hat er schon einmal verschont, und ich habe alles verdient, was er mir antun wird. Zumindest werde ich dann dem Schwarzen Herold ins Gesicht sagen können, was ich von ihm …“
Janis verstummte. …dem Schwarzen Herold ins Gesicht sagen… Schlagartig verließ ihn jede Wärme. Das Bild eines kleinen, schwarzen Döschens schälte sich aus der Dunkelheit. Nimm dies. Nomion braucht es nicht mehr, und so können wir miteinander sprechen, ohne dass ich dich töten muss.
Janis sprang auf und tastete nach seinem Rucksack. Blind wühlte er darin herum, zog Verbände, Kräuter, Kleidung heraus, bis seine Finger endlich, ganz unten, auf eine glatte, eiskalte Oberfläche stießen. Langsam zog er den kleinen, schwarzen Zylinder aus der Tasche und starrte darauf.
Ich bin sein stummer Begleiter; ich weiß, dass er nicht weit sein kann!
„So konnte Varkur uns finden!“, hauchte Janis. Er blickte auf und sah, dass Sara sich aufgesetzt hatte und verwirrt auf das Döschen blickte.
„Der Herold hat es mir gegeben. Bestimmt können er oder Varkur die ungefähre Position herausfinden.“, erklärte Janis. „Weck Leander! Packt unsere Sachen! Ich werde das hier los, dann verschwinden wir!“
Sara nickte eingeschüchtert und drehte sich zu Leander, der jedoch schon nach seinem Stab griff und aufstand, noch ehe Sara ihn erreicht hatte. War er eben erst aufgewacht oder hatte er schon die ganze Zeit gelauscht? Janis vermutete Letzteres, doch das spielte jetzt auch keine Rolle mehr.
Als es noch heller gewesen war, hatte Janis hier irgendwo eine Leiter ins Dachgeschoss gesehen. Er tastete sich vor, bis er sie gefunden hatte und kletterte fast blind mit nur einer Hand daran hoch, in der anderen hielt er das Döschen und noch immer Kheelas Knochen.
Er hatte Glück. Die Luke nach oben ließ sich widerstandslos öffnen, und ganz wie erhofft gab es ein Fenster. Janis kletterte über ein paar Säcke und hölzernes Gestänge unbekannten Zwecks, bis ihm die kalte Luft ins Gesicht schlug.
Draußen rauschte die schwarze Narne nach Norden. Auf der anderen Seite glänzte der Schnee hell im Licht der schmalen Mondsichel, die hoch über den Gipfeln des Grauen Gebirges weit im Süden stand. Das zerrissene Ende des unsichtbaren Seils, das tief unten am Grunde seiner Seele ruhte, scheuerte schmerzhaft bei diesem friedvollen Anblick.
Janis holte aus und schleuderte das schwarze Döschen so weit er konnte nach draußen. Es beschrieb einen hohen Bogen und versank etwa in der Mitte des Flusses lautlos zwischen den schwarzen Wellen. Erleichtert atmete Janis aus. Sollte Varkur doch im Hadrischen Meer nach ihnen suchen!
Im nächsten Moment wallte rund um die Mühle dichter schwarzer Nebel auf. Er schob sich scheinbar aus dem Boden, verdichtete sich und flog in einem eisigen, heulenden Wind über den Fluss. Dunkle Schlieren stießen gewaltsam ins Wasser hinab, dann verharrte die Finsternis. Janis glaubte zu erkennen, wie ein kleiner schwarzer Fleck sich aus der schäumenden Narne erhob, im nächsten Moment wich er vom Fenster zurück und presste sich an die Wand.
Er war hier! Er war längst hier!
Ein schriller, zorniger Schrei erklang, dessen Echo von den fernen Berggipfeln widerhallte. Dann ertönte von unten ein schreckliches Splittern und Krachen. „Wo ist er?“, zischte Varkurs unmenschliche Stimme durch die ganze Mühle. „Wo ist der Junge? Antwortet!
Janis starrte auf Kheelas Knochen in seiner zitternden Hand. Er hatte das Wichtigste noch immer bei sich. Wenn er Sara, Leander und die Krone holte, könnten sie versuchen, durch das Fenster nach draußen zu klettern, über das sich drehende Mühlrad bis zum Boden, und dann zu verschwinden. Er stieß zitternd Luft aus. Sie mussten die Familie des freundlichen Müllers, der sie nichtsahnend bei sich aufgenommen hatte, zurücklassen. Nur so konnten sie vielleicht entkommen.
Langsam kehrte er zurück zur Leiter. Unten sah er Sara und Leander mit angehaltenem Atem neben ihren Rucksäcken hocken. Lautlos versuchte er, sie auf sich aufmerksam zu machen.
Schwarzes Haar… Bist du es, Junge? Bist du Janis? Du bist so klein!
„Lass unseren Sohn in Ruhe!“, brüllte die Stimme der Müllerin von unten. „Er war hier! Ein Junge mit schwarzen Haaren und zwei Begleitern! Wir gaben ihnen unser Boot! Sie sind schon wieder fort!“
Janis empfand Respekt für die schnelle Lüge der Frau. Selbst jetzt noch versuchte sie, ein paar Fremde zu beschützen. Und er wollte sie sterben lassen. Das schlechte Gewissen brannte in ihm.
Nein! Du lügst!“, kreischte Varkurs schnarrende Stimme. „Ich bin seit Stunden hier und warte darauf, dass er nach draußen kommt! Er ist noch hier! Janis! Ich weiß, dass du mich hörst! Zeig dich! Ich werde weder dir noch irgendjemandem sonst ein Haar krümmen!
Sara sah endlich wieder hoch. Kommen. Hoch. - Flucht. Durch. Fenster. gebärdete Janis, inständig hoffend, dass er überhaupt zu sehen war. Sie nickte und zog Leander mit sich zur Leiter.
Was ist mit dir, Kleiner? Weißt du, wo er ist? Ich will dir nichts tun! Ich will nur … einen Ausgleich. Ein Leben für ein Leben. Antworte! Wo ist er?
Sara hatte die Leiter schon fast erreicht, als die Wand aufgesprengt wurde. Eine dunkle Wolke schob sich aus dem benachbarten Raum herein und wogte unruhig hin und her. Janis erhaschte einen Blick auf die breite Müllerin, die ihren höchstens achtjährigen Sohn zu sich zerrte, während ihr Mann die anderen drei Kinder an sich presste, dann wich er zumindest ein kleines Stück von der offenen Luke zurück und die zerstörte Wand verschwand aus seinem Blickfeld.
Tatsächlich! Zwei Mäuschen in ihrem Versteck! Aber …“ Ein zorniger Schrei drang aus den Schatten. „WO IST ER? Hier sind nur ein blauer Mann und ein …“ Der dunkle Nebel verharrte in der Luft und schob sich dann langsam näher an Sara heran. „Ich kenne dich, Mädchen! Du warst heute morgen noch … Du … Du hast dort gar nicht gewohnt! Ein blondes Mädchen… Du bist es! Seine Begleiterin! Du …
Varkur wich zurück, die Dunkelheit verkrampfte sich. „Ich wollte … Gnade zeigen … niemanden verletzen … die Dunkelheit mit Licht erfüllen … und was ist der Dank?! Lügen! Nichts als Lügen!
Der schwarze Nebel zuckte unregelmäßig und ein schmerzerfülltes Kreischen ließ die Mühle erzittern. Schwarze Tentakel zuckten unkontrolliert durch die Luft. Wo immer sie auf Holz trafen, flammten gleißende Flammen von solcher Hitze auf, dass binnen Herzschlägen nichts als Asche von den Balken zurückblieb. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus, verschlang Wände und Boden, bis Janis unter sich nur noch ein weiße Flammen sah, die in seinen Augen schmerzten. Die Hitze war so gewaltig, dass auch im Dachgeschoss an manchen Stellen spontan Flammen aus dem Holz brachen. Die Leiter, die für Sara und Leander der einzige Fluchtweg gewesen wäre, stürzte knackend in sich zusammen, die ersten Wände wurden vom Druck der Flammen eingeknickt. Rauch kratze in seiner Lunge.
Doch wo immer das Feuer zu nahe an die Müllersfamilie oder Leander und Sara kam, schob sich mit einem gequälten Zischen ein dunkler Vorhang in den Weg und bewahrte sie vor dem Flammentod.
Bitte! Ich will niemandem wehtun! Sagt mir einfach, wo der Junge ist!“, kreischte Varkur über die brausenden Flammen. Dunkle Klingen zerteilten wahllos einen bereits brennenden Schrank, den Esstisch und die beiden großen Mühlsteine. „Wo versteckt er sich? Antwortet!
Ein weiterer Fangarm aus Schatten riss Saras Rucksack auf, obwohl der als Versteck viel zu klein gewesen wäre. Decken und Vorräte rutschten heraus – und dann, mit einem metallenen Klang, die Rietgraskrone.
Janis hielt die Luft an. Es war vorbei. Es war egal, ob die Mühle gleich in sich zusammenbräche oder nicht. Es war egal, ob Varkur ihn jetzt noch fand. Alles war verloren. Die Krone war entdeckt.
Doch Varkur kümmerte sich gar nicht darum. Er nahm einfach weiter mögliche und unmögliche Verstecke auseinander, zerriss Wände und Möbelstücke wie ein wildes Tier und beschützte zugleich die Menschen vor dem Feuer, das er selbst beschworen hatte.
Er weiß es nicht. Er weiß nicht, was es mit der Krone auf sich hat. Er sucht nur mich.
Janis spürte ein wildes Lachen in sich aufsteigen. Er konnte sie alle retten.
Janis! Tu das nicht!
Es tut mir leid, Mutter. Ich wollte dich zurückholen, ein kleines Stück Ungerechtigkeit in dieser Welt ungeschehen machen. Ich konnte mir nichts Schlimmeres vorstellen als deinen Tod. Aber ich war blind.

„Hör auf, Varkur!“, schrie er so laut er konnte. „Ich bin hier!“
Der Schwarze Herold hat recht. Es gibt Schicksale, die schlimmer sind als der Tod, und beinahe hätte dich ein solches ereilt.
Er spürte, wie sich von allen Seiten eine finstere Aufmerksamkeit auf ihn richtete, während der dunkle Nebel langsam zur Ruhe kam.
Ich mache alles wieder gut. Versprochen.
„Ich bin es, den du suchst. Du kannst die anderen in Ruhe lassen. Du willst nur mich. Doch du wirst mich nicht bekommen, Varkur.“ Er starrte nach unten in die lodernden weißen Flammen und spürte Kheelas Knochen in seiner Faust. „Es tut mir leid.“
Er wusste selbst nicht, an wen er diese Worte richtete. Nicht an Varkur, aber an alle anderen vielleicht. An die Müllersfamilie, die durch Leanders Lügen und sein Schweigen in solche Gefahr geraten war. An Sara, die schon so viel verloren hatte. An Orfen, Readem, Kunar, Daroscha, Barram, Armond, Peta, Mart und alle anderen, die er verraten hatte und die an der Rietburg für nichts ihr Leben gelassen hatten. An Rodur, der ein Leben in Freiheit verdient und den er ermordet hatte. An Vara, die nach Jahrhunderten, in denen sie den Menschen geholfen hatte, von ihm benutzt worden war, um ihnen zu schaden. An Kheela, für die er das alles getan hatte, obwohl sie nichts davon gewollt hätte.
Wieder hörte er die Worte, die der Schwarze Herold ihm nachgebrüllt hatte, doch jetzt klangen sie nicht mehr wie eine Drohung, sondern wie ein Versprechen.
Der Tod ist die letzte Zuflucht der Lebenden. Der letzte Ort, an dem sie ungestört sind von allem Leid der Welt. An dem alle ihre Verfehlungen vergessen sind und alle ihre Sorgen zur Ruhe kommen.
Bitte, mein Schatz! Tu das nicht!
Warum nicht, Mutter? Du hast kein Recht, mich davon abzuhalten. Du hast dein Leben weggeworfen, mich zurückgelassen, um so vielen anderen zu helfen. Ich dagegen habe nichts als Leid gebracht. Du warst ein Leuchtfeuer im Sturm, wo ich nur eine flackernde Kerze bin. Doch am Ende brennen wir beide.

Und er sprang aus der Luke, hinein ins Meer aus weißem Feuer. Er fiel schneller, als alle Schatten nach ihm greifen konnten. Er erhaschte einen letzten Blick auf Sara, die ihn mit aufgerissenem Mund ansah, die Krone an die Brust gepresst. Ihre Augen leuchteten golden im Feuerschein.
Dann umarmten ihn die Flammen von allen Seiten, verschlangen Haut und Fleisch, so schnell, dass er nicht einmal Schmerzen fühlte. Kheelas Knochen, für den er ein ganzes Land geopfert hatte, verbrannte zusammen mit der Hand, die ihn hielt. Nur Asche blieb zurück, die keine Macht der Welt mehr aus ihrer letzten Zuflucht reißen konnte. Varkurs verzweifeltes Kreischen verklang zusammen mit dem Tosen des Feuers.
Ich komme, Mutter!
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U - Wie eine Klinge aus Glas

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:29

U – Wie eine Klinge aus Glas

Mondhoch, 27. Wintertag 77 A.Z.
Westliches Rietland nördlich der Marktbrücke, Andor

Ein entsetzliches, schrilles Kreischen übertönte das Feuer und stach in Leanders Ohren. Doch es klang nicht triumphierend, sondern zornig und gequält. Verzweifelt.
Leander tastete mit der linken Hand nach Saras Schulter, bevor sie etwas Unüberlegtes tun konnte. „Hast du die Krone?“, zischte er über den Lärm.
Ihre Hand legte sich in seine und drückte einmal, so fest, dass seine Knochen knackten. Leander biss die Zähne zusammen. „Dann nichts wie raus hier!“
Du Narr!“, kreischte Varkurs unmenschliche Stimme. „Kein Haar! Kein Haar gekrümmt! Ich wollte das nicht… Ein Ausgleich! Ein Leben für ein Leben! Wieso wirfst du deines weg?“ Wieder erscholl das verzweifelte Kreischen, dann das Splittern von Holz. Auf einmal schlugen ihm Hitze und Rauch entgegen, während der schrille Schrei immer leiser wurde und bald nicht mehr zu hören war.
Über seinem Kopf hörte er einen Balken knacken. „Sara!“, zischte er unsanft. „Du kannst trauern, sobald wir hier weg sind. Bring uns sofort nach draußen, die Mühle stürzt jeden Moment …“ Weiter kam er nicht. Er atmete beißenden Rauch ein, der seine gereizten Lungen augenblicklich zu einer Hustenattacke verleitete. Er krümmte sich und hustete, bis er Blut schmeckte und kaum noch Luft bekam. Nur am Rande registrierte er, dass Sara sich endlich in Bewegung setzte.
Erst als sie Hitze und Rauch endlich hinter sich gelassen hatten, ging der Hustenreiz allmählich zurück. Als sie irgendwann stehen blieb, ließ er sich einfach in den Schnee sinken und stieß einen flachen Atemzug nach dem nächsten aus, bis nichts mehr als klare Winterluft in seine Lungen strömte. Da erscholl ein ohrenbetäubendes Bersten von Holz, danach nur noch das leise Knistern des Feuers und das Plätschern der Narne. Das klappernde Mühlrad war verstummt.
Sara hielt noch immer schmerzhaft fest seine Hand umklammert, ihre Finger waren verkrampft. Unter ihrer Haut fühlte er ihren rasenden Puls. Ansonsten regte sie sich nicht, er hörte kein Wimmern oder Schluchzen, selbst ihr Atem ging noch immer ruhig. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändern würde, da war Leander sich sicher. Er hoffte nur, dass es erst nach ihrer Ankunft in Cavern so weit wäre. Die Zwerge würden sich um sie kümmern können.
Irgendwann näherten sich ihnen unsichere Schritte. Leander erkannte das Muster, es war der Müller mit der Fistelstimme. Sein Atem ging zitternd und stoßweise.
„Janis!“, schrie der Müller zornentbrannt. „Das ist nicht der Name, den Ihr uns genannt habt! Ihr wusstet von diesem … Monster! Der Junge hat sich geopfert, um es zu vertreiben, und das werde ich ihm nicht vergessen. Aber Ihr … Ihr habt keine Dankbarkeit von uns zu erwarten! Ihr habt uns belogen!“
Leander nickte langsam. „Ja.“
„Ihr habt meine Mühle auf dem Gewissen. Mein Großvater hat sie aufgebaut, und jetzt ist nichts mehr von ihr übrig! Wie soll ich meine Familie ernähren? Wo sollen wir Schutz finden vor der Kälte? Ihr habt unser Zuhause zerstört!“
Leander seufzte und stand mühsam auf. „Ja.“
„Und noch schlimmer: Ihr habt meine Familie in Gefahr gebracht! Meine Kinder!“
Leander schluckte. „Ja.“
„Ihr habt unser Mitleid ausgenutzt, ihr habt …“
„Genug!“, fuhr Leander dem Müller ins Wort. „Hättet Ihr uns denn aufgenommen, wenn wir die Wahrheit gesagt hätten?“
„Die Wahrheit?“ Die Fistelstimme nahm einen schrillen Klang an. „Was ist die Wahrheit?“
„Dass das Schicksal nicht nur dieses Landes davon abhängt, dass wir unser Ziel rechtzeitig erreichen!“, rief Leander getragen. Leiser fügte er hinzu: „Und dass wir verfolgt werden von einem Dunklen Magier, dessen Macht ihresgleichen sucht. Also, hättet Ihr uns aufgenommen?“
Der zitternde Atem des Müllers hing in der kalten Luft. „Wir werden es nie erfahren.“, zischte er schließlich hasserfüllt. Ohne weiteren Kommentar stapfte er wieder zu seiner Familie zurück.
„Komm, Sara.“, sagte Leander leise. „Wir sind hier nicht mehr erwünscht.“
Sie reagierte nicht, doch als Leander nach Süden aufbrach, trottete sie widerstandslos neben ihm her. Seine Hand hatte sie noch immer nicht losgelassen.


Morgendämmerung, 28. Wintertag 77 A.Z.
Zwergeneiche, Andor

Erschöpft ließ Leander sich nieder und lehnte den Rücken an den zerfurchten Stamm des alten Baumes. Seinen Stab legte er neben sich.
„Setz dich doch, Sara.“, schlug er leise vor und zog versuchsweise an ihrer Hand. Sie musste ebenfalls zu Tode erschöpft sein, nachdem die nächtliche Pause ungeplant unterbrochen worden war. Dennoch setzte sie sich erst auf seine Aufforderung hin, und wenn er den starren Griff um seine Hand richtig interpretierte, dann war sie alles andere als entspannt.
Leander seufzte und tastete geistesabwesend nach seiner Gürteltasche. So war es schon die ganze Zeit. Auf seine Worte reagierte sie, wenn überhaupt, mit Verzögerung. Vielleicht hätte er sie irgendwie beschäftigt halten müssen, doch er war zu erschöpft dafür. Und die einzige Frage, die ihm einfiel – woher Janis einen Gegenstand vom Schwarzen Herold persönlich erhalten hatte – traute er sich nicht zu stellen.
Irgendetwas habe ich übersehen, und jetzt ist es zu spät, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Seine Finger ertasteten die kleine Metallflasche. Er entkorkte sie etwas umständlich mit einer Hand und setzte sie an den Mund. Nur einige wenige Tropfen der ekelhaften Medizin rannen noch in seinen Mund.
Leer. Und kein Thogger weit und breit, der mir mehr brauen könnte. Er verstaute die Flasche wieder und streckte die Beine aus. Nur ein bisschen ausruhen, dann gehen wir weiter. Es war nur noch ein so kurzer Weg nach Cavern. Bald wäre die Krone in Sicherheit. Was auch immer sonst geschehen mochte, darauf allein kam es an.
Wenn ich dich noch einmal sehen muss, werde ich keine Gnade mehr walten lassen.
Leander verscheuchte die plagenden Gedanken und versenkte sich in seine Hütte der Erinnerung. In der Zeit, in der er seinen Körper ruhen ließ, konnte zumindest sein Geist noch etwas Sinnvolles tun.
Aus Gewohnheit dachte er schon wieder über die alte Tafel des Themauras nach, bis ihm einfiel, dass er den Text inzwischen vollständig übersetzt hatte. Er lenkte seine Gedanken zu Hrals alter, nicht eintreffender Prophezeiung, doch er konnte seine Aufmerksamkeit nicht lange dort halten. Immer wieder huschte der Blick seiner imaginären Augen zu dem schwarzen Kasten auf dem Tisch und der Reihe aus sieben schimmernden Perlen auf rotem Grund. Sacht strich er mit seinen Fingern über den weichen Samt und gedachte der sieben Erinnerungen. Eine Perle, blendend weiß, für den Lichttag, an dem er seinen Plan in Bewegung gesetzt hatte. Eine rund und silbern wie der Mond in jener längst vergangenen Nacht, in der er das Gift zu Seban gebracht hatte. Eine angefüllt mit feinen Wellen aus Perlmutt und einer Erinnerung an eine unbeachtete Warnung. Eine rötlich glänzend wie das Blut der Schmiedin und ihres Lehrlings. Eine geformt wie die Tränen Sebans, als er vom Tod seiner Familie berichtete. Eine in allen Farben schillernd, voll von ungezählten Möglichkeiten und dem Klang seiner schrecklichen Entscheidung. Und die siebte Perle, tiefschwarz und spiegelglatt. Wenn der gezeichnete Verkünder entsteht…
Leander legte seine Finger auf die dunkle Oberfläche und alles Licht wurde eingesaugt von der strahlenden Dunkelheit der Perle.


Abenddämmerung, Tag des dunklen Ausgleichs 42 A.Z.
Rietland westlich des Krähenstamms, Andor
Leander hob den Kopf, als er schwere Schritte hörte, die sich ihm näherten. Wenn er lauschte, konnte er leise Atemzüge vernehmen, erhitzt vom Kampf und gedämpft von einer Maske aus schwarzem Stahl. „Seid gegrüßt, Auserwählter.“, sagte er leise, während er sich gerade hinsetzte.
„Schwarzer Priester!“, stieß eine tiefe Stimme hervor. Durch die Blutkrone hallte sie dunkel und ehrfurchtgebietend wie ein Glockenschlag. „Euer Auserwählter ist tot! Ich habe ihn getötet. Und Ihr werdet ihm folgen!“
Leander lachte leise. „Nein. Der Auserwählte ist nicht tot. Er steht genau vor mir. Seid Ihr etwa nicht gekrönt mit der Macht des Blutes? Habt Ihr nicht geopfert Euer eigen Fleisch und Blut? Wurdet Ihr nicht von einem schwarzen Priester geleitet?“
Das schabende Geräusch eines Schwertes, das aus seiner Scheide gezogen wird, erklang. „Genug. Ihr habt verloren. Ihr wolltet meinen Vater dazu bringen, mich zu ermorden, und stattdessen ist er selbst gestorben. Eure Pläne sind gescheitert.“
Leander lächelte unter dem Schatten seiner Kapuze. „Im Gegenteil. Alles ist genau so gekommen, wie ich es wollte. Wer, glaubt Ihr, lockerte Eure Fesseln? Wer ließ Euch, den ausgebildeten Krieger, allein mit Eurem alten Vater, der zum ersten Mal ein Schwert in den Händen hielt?“ Langsam schüttelte Leander den Kopf. „Habt Ihr wirklich geglaubt, Euer Vater wäre ein würdiger Auserwählter? Er war alt, schwach und unbrauchbar. Ein Bauer ohne jede Kampferfahrung. Ein zahmer, alter Köter, der nur noch heiser kläffen konnte. Doch ich brauchte einen gnadenlosen Wolf. Ich brauchte Euch!“
Langsam stand Leander auf. „Ihr seid etwas Besonderes, Auserwählter, das wusste ich schon, als wir uns das erste Mal gegenüberstanden. Euer Geist ist wie eine Klinge aus Glas: Scharf und rein! Unbeschmutzt von all den profanen Ablenkungen des Alltäglichen! Eine Klinge, klar und kalt wie Eis; und schnurgerade, gerichtet auf ein einziges, höheres Ziel! Eurer Entschlossenheit gleicht nichts, was ich je gesehen habe.“
Er hörte, wie Wels Atem unter der Maske zitterte. „Warum sollte ich Euch folgen, nach allem, was Ihr getan habt? Ihr habt das Gift zu uns gebracht, Ihr seid Schuld am Tod meiner Eltern und an meinem Rauswurf aus dem Heer des Königs.“
„Ja, das bin ich.“, gab Leander zu. „Ich habe Euch all das genommen. Und ich habe Euch davon befreit! Keiner von ihnen hat wirklich erkannt, was in Euch steckt! Sie hätten Euch nur zurückgehalten. Sie haben Euch zurückgehalten! Eure Mutter hat Euch belogen und sich selbst vergiftet, um Euch von Eurer Mission abzuhalten und an sie zu ketten, in vermeintliche Sicherheit. Der Schwertmeister hat seinen loyalsten Krieger verstoßen für die Vergehen seines Vaters. Und Euer Vater war bereit Euch, seinen eigenen Sohn, zu ermorden, nur aufgrund einer alten Prophezeiung und des Briefes, der ihn an Brandur verriet.“
„Ich habe diesen Brief nicht geschrieben.“, verkündete Wel stockend.
„Ich weiß, das war ich.“, sagte Leander abfällig. Er hörte, wie Wel zischend Luft einsog und setzte hinzu: „Gut! Fühlt den Schmerz und den Zorn! Lasst ihn wachsen!“ Leander zögerte kurz. Er durfte sich keine Fehler erlauben, musste seine Worte sorgsam wählen. „Weit im Osten“, begann er, „jenseits des Grauen Gebirges, liegt Thakkum, die pfählerne Hauptstadt der Barbaren, inmitten des Sees Ava. Vor vielen Jahrhunderten hat ein Barbarenkönig einige der friedliebenden Echsen, die durch die Steppe ziehen, einfangen lassen. Sie wurden in enge Käfige gesperrt und hochgezüchtet. Jede Generation war stärker und brutaler als die vorhergehende. Sie wurden aufgezogen in völliger Dunkelheit, verstümmelt und malträtiert, bis ihnen nichts mehr blieb als der Hass auf ihre Peiniger. Wann immer ein Feind es wagt, die Stadt anzugreifen, werden ein paar von ihnen von der Kette gelassen. Man gibt ihnen einen Stofffetzen, ein Kleidungsstück, einen Brief oder was immer sonst zur Verfügung steht, solange der Geruch der feindlichen Heerführer daran klebt. Und sie folgen diesem Geruch, voll Blutdurst und Starrsinn. Nichts kann sie aufhalten, kein Schmerz und kein Hindernis, bis ihr Ziel zerfleischt am Boden liegt. Und wenn ihr Opfer am Grunde eines Abgrundes kauert, so werden sie sich ohne zögern hinabstürzen.“
Leander hob gebieterisch die behandschuhten Hände. „Diese Echsen sind bekannt als die Kriegsbestien von Thakkum. Und Ihr, Auserwählter, seid genau wie sie. Wenn Ihr Euch ein Ziel gesucht habt, dann kann Euch nichts mehr davon abbringen. Und Euer Schmerz macht Euch nur stärker.“
„Ich bin keine Monsterechse!“
Leander kicherte. „Dann sagt mir, dass ich mich irre. Sagt mir, dass Ihr Eure Eltern so schrecklich vermisst, dass Ihr bereit wäret, Eure Ziele aufzugeben für sie. Sagt mir, dass Ihr sie zurückholen würdet, wenn Ihr nur könntet, obwohl Ihr wisst, dass sie Euch ein Hindernis sein werden, egal nach welchem Ziel ihr strebt. Sagt, dass Ihr wie all die erbärmlichen Bauern seid, die ihre jämmerlichen, nichtswürdigen Leben im Schmutz verbringen und nie nach etwas Höherem streben als der nächsten Mahlzeit!“
Wel schwieg. Sein Atem ging schwer.
„Das dachte ich mir. Auserwählter, hebt Euch Euren Zorn auf für diejenigen, die ihn verdienen. Für die Eltern, die Euch niemals verstanden haben. Für den König, der Euch fallen ließ. Was wart Ihr für Brandur jemals anderes als Trollfutter?“ Er senkte seine Stimme. „Vergesst den Lügenkönig! Er hat Euch nicht verdient! Ihr sollt einen Meister haben, der Eurer würdig ist! Der wahrhaft erkennt, was in Euch steckt, und wozu Ihr werden könnt! Ihr könnt ein Königreich zu Fall bringen und einen Gott erwecken! Es gibt keine geringere Aufgabe für Euch!“ Leander holte tief Luft. „Folgt nicht mir. Folgt IHM! Ihr sollt SEIN Wort verkünden und SEINE Ankunft bereiten. Ihr sollt dereinst SEINE Kreaturen zur Rietburg führen, auf dass sie das Leben Brandurs auslöschen. Werdet, wozu Ihr geboren seid! Zieht nach Osten, lernt, was ER zu lehren hat und wählt Euch ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt! Werdet der Vorbote des Feuers! Werdet der Antreiber der Kreaturen! Werdet … der Schwarze Herold!“
„Tarok…“, murmelte Wel leise.
„Wird Euch ein Ziel geben, das Eurer würdig ist.“, erklärte Leander sanft. „Kehrt zurück zum Gott Eurer Jugend. Zieht Stärke aus Eurem Schmerz. Tragt das Feuer zu den Brandstiftern zurück. Was sagt Ihr?“
„Ja…“, flüsterte Wel. „Ja! Eine heilige Mission… Ich werde nach Osten ziehen. Ich werde mit Tarok sprechen und ihm dienen. Und vorher töte ich Euch.“
Leanders Lächeln erstarrte. „Gerne.“, sagte er und versuchte, seiner Stimme einen zufriedenen Klang zu geben. „Damit erspart Ihr mir nur die Mühe, es selbst zu tun.“
Wel schnaubte. „Weshalb solltet Ihr Euch umbringen wollen, Schwarzer Priester?“
„Um die Prophezeiung zu erfüllen.
Mit der Macht des Blutes gekrönt wird er als letzter Gläubiger ein Schwarzer Herold sein, seines Gottes Wort zu verkünden, seines Gottes Ankunft zu bereiten. Wenn Ihr die Knochengrube erreicht, darf es keinen Schwarzen Priester mehr geben. Und es wird ihn nicht mehr geben. Niemand wird jemals wieder von ihm hören.“ Diese Rolle hatte ihren Zwecke erfüllt. Der Stein war ins Rollen gebracht. Die Lawine würde über Andor hereinbrechen, wenn die Zeit reif war. Die Helden, die er gesehen hatte, würden sich ihren Prüfungen stellen und triumphieren. Sie würden die Stärke erlangen, die sie brauchten. Alles würde kommen, wie es kommen musste. Und der letzte Abkömmling Varatans würde sterben!
„Dann erledigt es selbst!“, zischte Wel. „Solange wir uns nicht wiedersehen, bin ich zufrieden.“ Seine schweren Schritte wandten sich nach Osten.
„Seid unbesorgt, das werden wir nicht.“, rief Leander ihm hinterher. Er dachte zurück an seine Vision und an den Krieger im Wolfsmantel, der sein schartiges Schwert durch Rüstung und Herz des Schwarzen Herolds stoßen würde, sobald die Aufgabe erfüllt wäre. „Nicht in diesem Leben.“
Nachdenklich lauschte Leander auf die abendliche Brise, die durchs Rietgras strich und die verklingenden Schritte Wels schnell übertönte. Ein weiterer Schritt zur Befreiung seines Bruders war getan. Mit dieser Gewissheit konnte er den leichten Stich gut verkraften, den er verspürte, wann immer er daran dachte, was er Andor und Wel angetan hatte.
Mit seiner Entschlossenheit hätte er einer von Brandurs größten Kriegern werden können. Ein Held von Andor. Stattdessen habe ich ihn zum Monster gemacht. Leander schüttelte schwach den Kopf und wandte sein Gesicht zur untergehenden Sonne, bis ihre Wärme verschwand. „Euer Geist ist wahrlich wie eine Klinge aus Glas, Auserwählter.“, flüsterte er. „Scharf und rein. Und er wird eher zerbrechen, als sich zu biegen.“


Früher Vormittag, 28. Wintertag 77 A.Z.
Zwergeneiche, Andor

Leander seufzte und starrte auf den Ebenholzkasten und die sieben Perlen darin. Er hatte geglaubt, etwas lernen zu können über die Bedrohung, der sie gegenüberstanden. Er wusste wahrscheinlich mehr über den Schwarzen Herold als jeder andere, von Tarok und dem Geist selbst einmal abgesehen. Doch jetzt, wo diese letzte Erinnerung wieder frisch war, wurde ihm bewusst, dass das alles nichts brachte. Es gab keine dunklen Geheimnisse seiner Vergangenheit, die den Herold von seinem Pfad abbringen konnten. Keinen Kummer, der ihn aufhalten konnte. Keine Schwäche, die sich nutzen ließ. Euer Schmerz macht Euch nur stärker. Wann war Leander jemals einem anderen begegnet, der von solcher Entschlossenheit war?
Die Antwort fiel ihm sofort ein, und sie ließ ihn schaudern. Chada. Ihre Willenskraft könnte an seine heranreichen. Hätte sie ebenso werden können wie er?
Leander schloss ruckartig den Deckel. Nein. Sie ist nicht wie er. Sie wäre zu schwach, alles zu opfern für ein höheres Ziel. Und der Schwarze Herold ist zu schwach, um zu erkennen, ob dieses Ziel die Opfer wirklich wert ist. Leander zögerte. Nein, das war es nicht. Diese Frage hatte den Herold nie interessiert. Er opferte, was er für sein Ziel zu opfern hatte, egal ob es das wert war. Allein dafür war er gefährlicher als der gesamte Rest des Ewigen Rates zusammen. Er kannte kein Zögern. Er kannte kein Maß. Seine Entschlossenheit war schon damals zerstörerisch gewesen. Und heute…
… für die Gestorbenen gelten andere Regeln. Sie kümmern sich kaum noch um die Gründe ihrer Wünsche. Sie tun alles, um ihr Ziel zu erreichen, selbst wenn dieses Ziel jeden Sinn verloren hat.
Leander schluckte. Der Schwarze Herold ließ sich durch nichts aufhalten, das war ihm jetzt klar. Nur durch die Zerstörung der Rietgraskrone. Er ließ das Bild der Hütte der Erinnerung wieder in der Dunkelheit der Gegenwart versinken.
Leander verspürte den Wunsch, damals anders entschieden zu haben. Nicht auf das Ergebnis einer Münze zu hören. Doch zugleich wusste er, dass dieser Wunsch sinnlos war. Die Vergangenheit ließ sich nicht ändern.
Chada hatte ihn einmal etwas Ähnliches gefragt, im Grauen Gebirge, noch vor ihrem Sieg gegen die Krahder. Seltsam nachdrücklich hatte sie darauf beharrt, ob man einen Fehler, wie etwa das Land Andor ungeschützt zurückzulassen, ungeschehen machen könnte, wenn es möglich wäre, in die Vergangenheit zu reisen, und sie hatte keinen seine Einwände gelten lassen. „Aber was, wenn es doch möglich wäre?“, hatte sie gefragt. Und Leander hatte die Antwort gegeben, von der er wusste, dass sie der Wahrheit entsprach: „Nein, Chada. Es wäre nicht möglich. Die Vergangenheit, in die du reisen würdest, wäre genau die, die zu deiner Reise geführt hat. Der Fluss der Zeit verlässt niemals sein Bett. Selbst wenn ein paar Tropfen einige Schritte zurückgespült werden, verändert das nicht seinen Lauf.“
„Du meinst, es widerspräche den Gesetzen der Natur?“
„Schlimmer, Chada: Denen der Logik. Wenn du deine Fehler ungeschehen machen würdest, würdest du dir auch jeden Grund rauben, überhaupt in die Vergangenheit zu gehen. Du würdest deine eigene Reise verhindern. Es wäre … ein Paradoxon.“
Leander seufzte. Und jetzt war er selbst zu dumm, um seinen eigenen Ratschlägen zu gehorchen. Über die Fehler der Vergangenheit nachzusinnen brachte nichts, wenn man für die Zukunft nichts daraus lernen konnte. Er schüttelte den Kopf.
Die raue Rinde der Zwergeneiche schmerzte in seinem Rücken von der langen Zeit, die er hier gesessen hatte. Doch in seinen Beinen spürte er frische Kraft. Nicht viel, aber genug für das letzte Stück des Weges.
Leander griff nach seinem Stab und stand mühsam auf. „Komm, Sara.“, sagte er und zog leicht an ihrer eiskalten Hand. „Wir müssen weiter. Nach Cavern.“


Sonnenhoch, 28. Wintertag 77 A.Z.
Östliches Rietland unmittelbar vor dem südlichen Mineneingang, Andor

„Warte! Wenn wir noch weiter gehen, sehen uns die Wachen.“ Vorsichtshalber senkte Leander die Stimme. Geräusche trugen mitunter laut über den Schnee, das wusste er. „Sara, ich habe eine wichtige Bitte an dich. Ich weiß nicht, wie ich aufgenommen werde. Du hast die Krone noch?“
Ein Drücken in seiner Hand.
„Nimm noch das hier dazu.“ Er tastete in seiner Tasche nach dem Stofffetzen, auf den er vergangene Nacht seine Botschaft geschrieben hatte. „Bring beides zu …“ Er erstarrte, als er knirschende Schritte hörte. Dieses Muster… So schnell hatte er die Begegnung nicht erwartet.
Die Schritte stoppten plötzlich auf der Hügelkuppe. Wenn er sich anstrengte, konnte Leander sogar schon den vertrauten Atem hören.
„Hallo, Drukil.“, sagte er leise. „Wurde es dir wieder einmal zu eng in der Mine?“
Aus dem fernen Atem hörte er Verwirrung. „Hallo…“, antwortete Drukils Stimme unsicher.
„Was auch immer du jetzt denkst, tu nichts Unüberlegtes.“, bat Leander. „Ich bin zurückgekommen, um euch zu helfen. Hol die anderen, ich habe ihnen viel zu erzählen. Und auf keinen Fall Ken Dorr! Du hattest recht, Drukil. Die ganze Zeit. Er hat uns von Anfang an belogen!“
„Die anderen … ja …“, stammelte Drukil. Er rannte davon, zurück zur Mine. Stirnrunzelnd lauschte Leander, bis die Schritte verklungen waren. Das war glimpflicher gelaufen als befürchtet. Erleichtert ließ er die Luft entweichen, von der er gar nicht gemerkt hatte, dass er sie angehalten hatte.
„Sara, ich weiß nicht, was gleich geschehen wird.“, sagte Leander ernst. „Nimm die Krone und die Botschaft und halte ein bisschen Abstand. Am besten du versteckst dich bei den Felsen, an denen wir vor kurzem vorbeigekommen sind. Wenn alles gut geht, komme ich dich bald holen. Wenn nicht …“
Wenn ich dich noch einmal sehen muss, werde ich keine Gnade mehr walten lassen. Leander schüttelte schwach den Kopf. „Wenn nicht wartest du zwei Stunden und gehst dann alleine nach Cavern. Zeig die Botschaft den Wächtern, sie werden dich zu den Helden von Andor bringen und du kannst ihnen die Krone überreichen. Kannst du das für mich tun?“
Wieder ein Drücken in seiner Hand.
„Gut, dann auf jetzt!“, sagte Leander. Sie ließ ihn los und er hörte zu, wie sie langsam zurücktrottete. Ein tapferes Mädchen. Sie hatte schon zu viel durchgemacht. Es tat ihm leid, ihr diese Last auch noch aufzubürden. Doch bei ihr war die Krone sicherer.
Leander setzte sich seufzend in den Schnee und wartete.


Sonnenhoch, 28. Wintertag 77 A.Z.
Östliches Rietland unmittelbar vor dem südlichen Mineneingang, Andor

Wieder war es nur eine Person, die sich ihm näherte. Und Leander erkannte den schleichenden Gang sofort. Oh nein! Ausgerechnet er! Warum schon jetzt? Wie hat er von mir erfahren? Wie hat er es geschafft, noch vor den Helden hier zu sein?
Leander stand mit schmerzenden Knien auf und schüttelte sich den Schnee vom Mantel.
„Seid gegrüßt, Leander.“, rief Ken Dorrs hohe, kalte Stimme von oben zu ihm herab. Die Schritte näherten sich ihm.
„Hallo, Ken Dorr.“, erwiderte Leander so freundlich wie möglich. „Ich würde ja sagen, es tut gut, dich wiederzusehen, aber, na ja…“ Er legte eine Hand an die Binde über seinen Augen. „Könntest du die anderen holen?“
Ken Dorr blieb stehen. Noch höchstens zwei Schritt trennten sie. „Hm, ja, ich schätze, das könnte ich.“, murmelte Ken Dorr. Spöttisch fügte er hinzu: „Aber ich werde es nicht tun. Spar dir die Komödie, Leander! Ich weiß, weshalb du hier bist. Du willst sie warnen. Vor mir. Ich wusste gleich, dass ich dich irgendwann loswerden musste, auf Dauer war ein Seher zu gefährlich für mich. Du warst allerdings wahrhaft erfolgreich darin, den Zorn deiner Freunde auf dich zu ziehen – meine Mithilfe war kaum nötig.“
Leander griff seinen Stab fester und konzentrierte sich auf seine Gabe. Er würde gewarnt sein, ehe Ken Dorr zuschlug.
„Was hast du gesehen, Leander? Was hat mich verraten?“
„Zunächst Callem. Er hat mir Dinge erzählt, die nicht mit dem übereinstimmten, was du uns gesagt hattest.“, antwortete Leander langsam. Er musste nur Zeit schinden, bis Drukil mit den Helden zurückkam. Wenn Ken Dorr reden wollte, konnte er das haben. „Danach habe ich ein wenig nachgeforscht. Ich habe das Drachenauge gesehen, das du gestohlen hast, und ich weiß, was du damit vorhast. Ich habe die falsche Frucht gesehen, die du angefertigt hast. Und ich kenne deinen Plan. Ich weiß, welches dein Ziel ist.“
„Und?“, fragte Ken Dorr gierig. „Was hast du gesehen? Habe ich Erfolg? Sag es mir!“
Leander kicherte, bis er den Hustenreiz spürte und er seine Atmung schnell wieder beruhigte. „Nein, Ken Dorr, das hast du nicht. Und ich brauche keine Visionen, um das zu wissen. Hast du die Drei Schwestern etwa schon vergessen? Dein Plan wird sich erfüllen und du wirst qualvoll daran zugrunde gehen, und all deine Macht wird dir nicht helfen können. Jede deiner Lügen wird einem Feind helfen, dessen Geschick und Macht du nicht gewachsen bist.
Ken Dorr schnalzte ungeduldig mit der Zunge. „Ich hätte mehr von dir erwartet, Leander. Diese blinde Schicksalsergebenheit ist wirklich traurig… Ich schreibe mir mein eigenes Schicksal! Ich sorge dafür, dass die Weissagung der Drei Schwestern zu meinen Bedingungen eintritt! Kenvilar, die Tückische, ist ausgelöscht, dafür habe ich gesorgt! Und für das ach so qualvolle Zugrundegehen habe ich auch schon meine Ideen. Dein Plan wird sich erfüllen ist dann das einzige, was bleibt! Ich habe die feste Absicht, mein dreifaches Spiel zu gewinnen.“
Endlich hörte Leander ein weiteres Paar Schritte. Drukil kam zurück! Dann konnten die anderen nicht weit sein! „Keiner von uns kann seinem Schicksal entkommen, Ken Dorr.“, meinte er lächelnd.
Der Dieb schnaubte zornig. „Wie du meinst. Wenn du meine Zukunft nicht gesehen hast, bist du ohne weiteren Wert für mich. Du hättest bei deinem Bruder bleiben sollen, Seher! Dann hättest du überleben können.“
Leander wich ein paar schnelle Schritte zurück. „Du hast ihn gehört, Drukil! Hilf mir gegen ihn!“, rief er. „Ich werde hier nicht sterben, Ken Dorr. Es steht zwei gegen einen!“
Er wusste nicht, was er von Ken Dorr erwartet hatte, einen Fluch und einen schnellen Angriff, eine rasche Flucht vielleicht – aber gewiss kein ruhiges Lachen. „Zwei gegen einen, in der Tat.“, kicherte Ken Dorr. „Wenn auch vielleicht nicht ganz so, wie du es dir vorstellst. Wer, glaubst du, hat mir gesagt, dass du hier wartest?“
Er konnte hören, wie Drukil näher kam und an Ken Dorr vorbeiging, ohne langsamer zu werden. Dann warnte ihn seine Gabe vor einem Schlag von der Seite. Er riss seinen Stab hoch. Es gelang ihm, das Schwert abzuwehren, doch der Aufprall war so heftig, dass er in seiner geschwächten Verfassung nach hinten gestoßen wurde, über seinen Mantel stolperte und unsanft in den Schnee fiel. Schützend hob er seinen Stab. „D… Drukil? Was tust du?“, fragte er fassungslos. Er holte tief Luft, um nach Hilfe zu schreien. Wenn irgendwelche Wachen vor dem Eingang nach Cavern postiert waren, würden sie ihn hören können. Doch als er rufen wollte, wehrte sich seine Lunge. Nur ein heiseres, keuchendes Husten war das Ergebnis. Verzweifelt versuchte er, seinen Stab als Schutz oben zu halten, während der Husten seinen Körper durchschüttelte und er vergeblich nach Luft schnappte.
Etwas zerrte an seinem Stab und Leander war zu schwach, um ihn zu halten. Das Holz wurde ihm aus den Händen gerissen, im nächsten Moment legte sich ihm die Spitze eines Schwertes an die Kehle.
„Worauf wartest du, Drukil?“, fragte Ken Dorr gelangweilt. „Stich zu.“
„Warum … muss er sterben?“, hörte er Drukils Stimme antworten.
„Er weiß nicht genug, aber zu viel! Er wird uns verraten. Er wird dich verraten!“
Langsam beruhigte sich sein Husten. „Drukil!“, keuchte er. „Was … geht hier vor sich? Du … Wie kannst du…“
„Enttäuschend.“, murmelte Ken Dorr. „Ich hätte mehr von dir erwartet, Leander. Du hast es noch immer nicht begriffen? Du weißt noch immer nicht, wer vor dir steht? Und wer nicht?“
Leander sog rasselnd Luft ein, als er endlich begriff. Drukil! Er hatte die Schritte erkannt, den Atem, die Stimme! Er hatte nie in Betracht gezogen, dass er nicht Drukil vor sich hatte, oder zumindest nicht den Drukil, den er kannte. Er hatte keinen Gedanken verschwendet an die perfekte Kopie, die noch immer irgendwo existierte.
„Drukil!“, keuchte Leander flehend. „Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, mit der neuen Chada! Ihr seid … eigenständige Personen! Ihr habt euren eigenen Willen, eure eigenen Wünsche, eure eigenen Ängste! Du musst Ken Dorr nicht gehorchen!“
Ken Dorr lachte leise. „Drukil, ich bitte dich nicht, es zu tun, weil ich es von dir verlange. Tue es, weil es auch für dich das Richtige ist! Weil er dich verraten wird, wenn er es lebend zu den Helden schafft!“
„Warum … warum erledigst du es nicht?“, fragte Drukil mit deutlichem Unbehagen.
„Ach Drukil, du hast schon so viel Blut vergossen! Welche Rolle spielt es noch?“, erwiderte Ken Dorr leise. „Du musst es tun, Drukil, denn es ist Leanders Schicksal, durch deine Hand zu sterben. Und wie ein kluger Mann mir kürzlich sagte: Keiner von uns kann seinem Schicksal entkommen.“ Bei den letzten Worten wurde seine Stimme eiskalt.
Leander schüttelte schwach den Kopf. „Drukil, bitte…“
Einsam wirst du sterben, verraten von einem falschen Freund, dem du vertraut hast.“, flüsterte Ken Dorr triumphierend. „Den falschen Freund hättest du ruhig wörtlich nehmen dürfen. Tu es, Drukil! Jetzt!“
Und Leander spürte einen schrecklichen, stechenden Schmerz in seinem Hals. Er versuchte zu schreien, irgendwen auf sich aufmerksam zu machen und die beiden wenigstens noch zu enttarnen, doch das einzige, was er noch hervorbrachte, war ein heiseres Röcheln. Er spürte, wie sein Blut aus der offenen Halsschlagader in den Schnee gepumpt wurde und ein dumpfer Schleier sich langsam auf seine Wahrnehmung senkte.
„Was ist mit dem Mädchen?“, hörte er Drukil fragen.
„Mädchen? Was für ein Mädchen?“
„Sie war bei ihm. Sie hatte eine Krone und ein Stück Stoff.“
Leander musste schwach lächeln, als er das Entsetzen in Ken Dorrs Stimme hörte. „Was?! Warum erfahre ich davon erst… Hat sie dich gesehen? Wir müssen sie finden! SOFORT!“
Er hörte keine weiteren Worte der beiden, aber auch keine schnellen Schritte. Selbst die schwache Brise über dem Schnee verstummte. Nur noch Stille.
Durchtrennte Halsschlagader. Zehn Herzschläge bis zur Bewusstlosigkeit. Wie viele bleiben mir noch?
Leander versuchte, seine Hand an den Hals zu führen und vielleicht noch mit seinem Blut eine Botschaft in den Schnee zu schreiben, doch seine Muskeln versagten und sein Arm blieb schlaff auf der Brust liegen. Dann spürte er auch den nicht mehr. Die Kälte des Schnees und der Geruch des Winters lösten sich auf. Die Welt dort draußen verschwand, und nur die Welt in seinem Inneren blieb zurück.
Leander stand müde in seiner Hütte der Erinnerung. Er ließ seinen Blick über die gut sortierten Schränke schweifen, betrachtete die ordentlich abgelegten Erinnerungen auf ihren Ablagen. Ein Beben ging durch die Hütte. Staunend beobachtete er, wie ein Bündel Kräuter, das an der Wand an einem kleinen Haken hing, langsam zu schweben begannen. Immer schneller wurde es zum Dach aus Rietgras und Ästen gezogen, als würde die Schwerkraft sich langsam umkehren. Dann durchschlug es das Dach und verschwand im Dunkel jenseits seiner Erinnerung. Mit in den Nacken gelegten Kopf starrte Leander ihm nach und fragte sich, welche Erinnerung er gerade verloren hatte.
Etwas zischte an Leander vorbei. Er senkte den Blick und betrachtete Staubkörner, Becher, Pergamentrollen, Tintenfässchen, Münzen und Steinchen, die sich in unheimlicher Stille langsam gen Himmel hoben und nach und nach durch sein immer löchriger werdendes Dach gerissen wurden. Die Welt, die er sich hier drinnen geschaffen hatte, löste sich auf.
Es heißt doch, vor dem Tod ziehen alle Erinnerungen noch einmal an einem vorbei. Ich muss gestehen, ich habe es mir anders vorgestellt.
Leander musste kichern. Wehmütig betrachtete er, wie sein Heim mehr und mehr im Dunkel jenseits seiner Vorstellung verschwand. Der schwarze Ebenholzkasten auf dem Tisch klappte auf und die sieben Perlen schossen der Reihe nach durchs Dach. Das Schloss an seinem Medizinschrank wurde aus der Verankerung gerissen, die Fläschchen und Kräuter darin folgten. Die Schubladen lösten sich aus seiner Kommode und entschwanden mitsamt ihrem Inhalt. Der massive Tisch stellte sich schräg, als ob eine Ecke an einer Schnur hochgezogen würde. Selbst die Dielen des Bodens zitterten bereits.
Gemächlich setzte Leander sich in Bewegung, während um ihn herum alles, was er in den vergangenen zweihundert Jahren an Wissen angesammelt hatte, nach und nach unwiederbringlich verschwand. Mit schlafwandlerischer Sicherheit schritt er durch die unzähligen Fragmente seines Lebens, die sich lautlos aus ihren vorgesehenen Plätzen lösten und an ihm vorbei ins Nichts flogen, ohne ihn je zu berühren.
Er stieß die Tür seiner Hütte auf. Der Geruch von Salz und frischem Gras lag in der Luft. Fernes Meeresrauschen und Vogelschreie drangen an seine Ohren. Und vor ihm stand sein Bruder inmitten der Dunkelheit, genau wie damals, und sah ihn aus seinen gelben Augen traurig an, mit einem Blick voller Abschied. Leander legte die letzten Schritte zurück, und hinter sich spürte er, wie die letzten Balken der Hütte, die sie gemeinsam gebaut hatten und die er so lange ein Zuhause genannt hatte, aus ihrer unsichtbaren Verankerung gerissen wurden und in der Dunkelheit verschwanden. Doch es war egal. Er war hier mit seinem Bruder, in einer zerbrechenden Welt außerhalb der Zeit.
„Das ist nicht das Ende, oder?“, fragte Callem schwer.
„Doch.“, antwortete Leander. Er musste lächeln und spürte gleichzeitig Tränen auf seinen Wangen. „Doch, das ist es.“
Ihre Hände fanden einander, die blauen Finger verschränkten sich. Und Leander spürte, wie er langsam jedes Gefühl in seinen Füßen verlor. Etwas schwebte an ihm vorbei wie feine Ascheflocken. Er senkte nicht den Blick, kümmerte sich nicht um den Körper, den er sich hier drinnen geschaffen hatte und der zuletzt auch zu verschwinden begann. Er erwiderte nur den Blick seines Bruders. „Du hast deinen Schwur erfüllt, Bruder.“, flüsterte Leander. „Jetzt endlich wirst du daraus entlassen. Die Bande zweier Brüder halten für immer, doch deine Fesseln sind durchtrennt. Du bist frei. Lass die Welt in dein Herz. Tu, was du willst.“
Er umarmte Callem, spürte auch den Arm seines Bruders in seinem Rücken. Dann löste sich das alles vor seinen Augen zu feiner Asche auf, die ihn umwirbelte wie tausende Sterne in der Dunkelheit und langsam emporstieg. Er legte den Kopf zurück und sah den feinen Flocken nach, wie sie sich im Dunkel verloren.
„Leb wohl, Bruder.“, raunte er, dann spürte er, wie auch der letzte Rest seines Selbst lautlos zerstob und in die Leere davongetragen wurde, die jenseits seiner Erinnerungen auf ihn wartete. Nichts blieb zurück als Dunkelheit und Stille.
Doch die Dunkelheit konnte einen Blinden nicht schrecken. Und die Stille hatte er schon immer geliebt.
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V - Ausgebrannt

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:30

V – Ausgebrannt

Abenddämmerung, 25. Wintertag 77 A.Z.
Thronsaal in Roteisenstein, Cavern

„Das Fürstenpaar wünscht euch zu empfangen.“, grummelte der magere Wächter durch seinen schwarzen Bart. Er war selbst für einen Zwerg klein, und der Blick, den er ihnen zuwarf, während sie an ihm vorbeitraten, war derart grimmig, dass Eara Mühe hatte, sich ihn mit anderer Miene vorzustellen. Dann warfen er und seine drei Kollegen das Portal mit einem lauten Knall hinter ihnen zu und sie standen im prächtigen Thronsaal von Cavern.
Große Feuerschalen und Fackeln brannten in der Halle und erleuchteten die hohen Säulen, die in die Wände gravierten Runen, die protzigen Verzierungen aus Gold und Edelsteinen und die riesenhaften Statuen der vergangenen Zwergenfürsten, die die Wände säumten.
Der Thronsaal war nicht flach, sondern bestand aus drei terassenartig ansteigenden Ebenen. Am anderen Ende, ganz oben, standen zwei erhöhte Throne aus Marmor und überblickten den ganzen Saal. Doch die Sitzflächen waren leer.
Kram und Marun saßen nebeneinander, zusammen mit einigen anderen Zwergen, von denen Eara keinen erkannte, auf steinernen Bänken an einem reich mit Ornamenten verzierten Steintisch. Möbelstücke direkt aus dem Berg selbst zu schlagen hatte bei den Schildzwergen eine lange Tradition, die auch ein Fürst nicht einfach zugunsten von Bequemlichkeit opfern konnte.
„Willkommen, Freunde!“, sagte Kram herzlich. „Ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, dass ihr noch pünktlich kommen würdet. Nehmt Platz!“ Er deutete großzügig auf die harten Steinbänke. Während Eara noch damit beschäftigt war, ihre Beine unter den niedrigen Tisch zu zwängen, brachten zwei Diener reichhaltige Speisen auf goldenen Platten und nahmen danach die Taschen mit sich. Sie hatten ihren alten Freund nach ihrem Weg einmal quer durch Cavern nicht noch länger hatten warten lassen wollen.
„Also, berichtet: Wie ist es euch ergangen?“, fragte Kram neugierig, nachdem er die Diener und die Zwerge, mit denen er sich zuvor besprochen hatte, fortgeschickt hatte. „Wie kommt es, dass von den Fünfen, die aufgebrochen sind, nur noch zwei zurückkehren, dafür mit Eara im Schlepptau? Und habt ihr den Samen erfolgreich aufgespürt?“
Wortlos legte Eara die tote Frucht auf den Tisch. Sie bemerkte, dass Krams Blick erst eine Weile an ihrer Hand aus Schatten klebte, ehe er sich davon lösen konnte und sich stattdessen auf die Frucht selbst konzentrierte. Unscheinbar lag sie zwischen Broten und dampfenden Schüsseln. Kaum sichtbar über das Licht der Laternen drang aus den feinen Rissen in ihrer verschrumpelten schwarzen Schale ein gebrochener grüner Schimmer, ansonsten hätte sie auch ein Essensrest sein können.
„Ihr habt das Herz also vor den Mächten des Meeres gefunden.“, nickte Marun erleichtert.
„Nicht ganz…“, korrigierte Thorn müde, dann berichteten er und Chada von ihren Erlebnissen. Von dem Treffen mit Kenvilar an der Himmelssäule. Von Leanders Übersetzung und dem dritten Herzen, das irgendwo versteckt sein musste. Vom zerstörten Klippenwacht. Von ihrer Jagd durch die Gänge Silberhalls und dem verschwundenen Drachenauge. Vom Angriff auf Sturmtal, von Meres, von ihren Doppelgängern und von Bragors Tod und Leanders Entscheidung. Von Ken Dorrs Plan, den Baum der Lieder zu opfern, um die Macht des Anbeginns in die unscheinbare Frucht auf dem Tisch zu konzentrieren, und von Drukil, der auf den Dieb aufpassen wollte. Eara ließ die beiden reden.
„Wenn Ken Dorr eingesehen hat, dass die Bewahrer ihre Heimat nicht zerstören werden, werden die beiden auch nach Cavern reisen.“, schloss Thorn. „Wenn wir bis dahin schon auf dem Weg nach Krahalzar sind, kommen sie hinterher.“
„Kram, wann genau müssen wir überhaupt los?“, hakte Chada nach. „Wie lange dauert der Weg zum Sternentor?“
Kram seufzte schwer. „Was das betrifft…“, murmelte er ernst. „Ich fürchte, ich muss euch mitteilen, dass Mart noch nicht mit der Krone zurück ist. Wir haben seit zwei Tagen nichts mehr von ihm gehört.“
Eara starrte Kram lange an und legte eine gewisse Schärfe in ihre Stimme: „Sicher wäre er nicht so leichtsinnig, die Sicherheit der Rietgraskrone leichtfertig aufs Spiel zu setzen.“
Kram zuckte ratlos mit den Schultern. „Nach unseren letzten Berichten stand es nicht gut um die Rietburg. Keine Vorräte mehr, immer mehr Verluste…“ Chada und Thorn erbleichten mit jedem Wort mehr. „Wenn Mart zu dem Schluss kam, dass nur der direkte Kampf die Rietburg noch retten könnte, dann will ich nicht ausschließen, dass er zu diesem Mittel griff. Aber er weiß, was von der Krone abhängt. Er wird vorsichtig gewesen sein. Wahrscheinlich ist er längst auf dem Rückweg und wir zerbrechen uns hier unnötig den Kopf.“
„Eine Einheit ist zur Sicherheit bereits unterwegs, um der Sache auf den Grund zu gehen.“, ergänzte Marun.
Kram nickte. „Wir können es uns noch leisten, drei Tage zu warten. Danach bleibt euch keine Wahl, als zum Sternentor aufzubrechen, ob mit Krone oder ohne.“
„Euch?“, wiederholte Eara. „Begleitest du uns nicht?“
Kram wechselte einen langen Blick mit Marun. „Es tut mir leid.“, verkündete er. „Aber ich habe versprochen, nicht mehr von dem Platz zu weichen, an den ich gehöre. Und dieser Platz ist hier. Als Fürst von Cavern. Als Mann meiner Fürstin. Als Vater meiner Kinder.“
Die letzten Worte hingen schwer im Thronsaal.
„Kram, heißt das …“, fragte Thorn stockend.
Sanft legte Kram eine Hand auf Maruns Bauch. Die Fürstin lächelte und legte ihre eigene darüber.
Eara unterdrückte ein Seufzen und wartete die unzähligen begeisterten Glückwünsche ab, mit denen Chada und Thorn das Fürstenpaar überschütteten.
„Könnten wir zu drängenderen Problemen zurückkommen?“, fragte sie nach mindestens dem zehnten Teil einer Stunde.
Kram erwiderte leicht verlegen ihren kühlen Blick. „Ich werde nicht dabei sein, aber ich schicke euch meine besten Krieger mit.“, versprach er.
„Du selbst bist dein bester Krieger.“, meinte Eara.
Kram seufzte. „Dann eben meine besten bis auf einen. Die alte Mralla wird euch natürlich auch begleiten, sie ist unsere kundigste Runenmeisterin. Und“, bei diesem Wort hob er mahnend den Zeigefinger, „ich gebe euch die vier Mächtigen Schilde mit.“
„Kannst du das?“, fragte Chada sichtlich erstaunt. „Du hast seit Jahren versucht, die Schilde wieder zu vereinen. Was hält dein Volk davon, wenn du sie uns jetzt wieder zur Verfügung stellst?“
„Nicht viel.“, lächelte Kram. Seine Augen funkelten. „Deshalb gebe ich die Schilde auch nicht euch, sondern meinen besten Kriegern, dagegen kann niemand etwas sagen – und zufälligerweise werden die euch allesamt begleiten und haben die Vollmacht, sie im Kampf zu verwenden, wie auch immer es ihnen sinnvoll erscheint.“
„Wir werden dafür Sorge tragen, dass sie alle heil zurückkommen.“, versprach Chada.
„Am wichtigsten ist, dass ihr heil zurückkommt.“, seufzte Kram. „Der Ewige Rat muss fallen!“
Marun ergänzte leise: „Wenn die Krone in drei Tagen immer noch nicht da ist, könntet ihr auch Runenmeisterin Mralla vorausschicken, damit sie das Sternentor öffnet. Fornurs Flamme ist nur in einer einzigen Nacht zu sehen, die nächste Gelegenheit bietet sich erst in zwanzig Jahren wieder. Im schlimmsten Fall öffnet sie den Zugang nach Krahalzar und ihr sucht währenddessen weiter nach der Krone.“
„Aber jeder Tag, den wir verlieren, bedeutet, dass der Ewige Rat mehr Unheil anrichtet!“, protestierte Chada. „Und wenn die Krone in die Hände des Feindes gefallen ist…“
Sie beendete ihren Satz nicht.
„Wir wollen hoffen, dass es dazu nicht kam.“, meinte Eara kühl.
Kram seufzte schwer. „Das tun wir längst, Eara. Das tun wir längst.“


Morgendämmerung, 26. Wintertag 77 A.Z.
Gästekammern in Roteisenstein, Cavern

Eara schlug die Augen auf und verdichtete im Bruchteil eines Herzschlags ihre Schatten zur Verteidigung um sich. Mit angehaltenem Atem starrte sie in die vollkommen lichtlose Kammer, in der sie übernachtet hatte, und lauschte auf das ohrenbetäubende Grollen und Rumpeln von allen Seiten. Mit einem einzigen Gedanken entzündete sie die Feuerschale neben der Tür und betrachtete den heftig zitternden Boden. Um sicherzugehen, dass nicht nur das wild flackernde Feuer ihren Augen einen Streich spielte, legte sie ihre gesunde Hand an eine der Wände ihrer Kammer: Ja, unzweifelhaft. Der Fels bebte.
Nach kurzer Zeit ließ das Getöse nach und Eara konnte auf der anderen Seite ihrer eisenbeschlagenen Tür bereits schwere Schritte und laute Rufe auf zwergisch hören.
Woher war das Beben gekommen? Ein Einsturz in der Nähe ihrer Kammer, ausgelöst durch schlampige Arbeit oder Sabotage? Ein ganz natürliches Beben?
Erst, als ihr Blick auf den Beutel fiel, den sie zur Sicherheit in ihrer Reichweite gelassen hatte, begriff sie. Ruhig öffnete sie die Schnüre und lugte hinein. Die tote Frucht hatte sich von außen kaum verändert. Das grüne Glühen aus ihrem Inneren hatte vielleicht etwas an Intensität dazugewonnen, doch nicht einmal da war Eara sich sicher. Sobald sie jedoch eine Hand auf die trockene Schale legte, spürte sie sofort die gewaltige Macht, die in der Frucht brodelte. Die Macht, Leben aus dem Nichts zu erschaffen, aus Willen Schöpfung werden zu lassen, die Fesseln der Natur zurückzulassen und ins Leben zu rufen, was immer vorstellbar war. Eine Macht, ebenso grenzenlos wie die Fantasie, konzentriert in eine unscheinbare kleine Frucht. Dies war wahrhaftig das Herz der Geburt, der Baum des Anbeginns. Und das hieß…

„Ken Dorr hat es tatsächlich geschafft.“, erklärte Eara, während sie die tote Frucht auf die glatte hölzerne Tischplatte legte. Die Einrichtung in den Gemächern des Fürstenpaars war deutlich schlichter als im Thronsaal – und deutlich gemütlicher. Nacheinander sah sie Kram, Marun, Thorn und Chada in die geweiteten Augen. „Ich spüre die Macht in diesem Samenkorn, wann immer ich es berühre.“
Kram senkte den Blick und rückte die silbern glänzende Schildkrone auf seinem Kopf zurecht. Irgendwie hatte er es geschafft, in der kurzen Zeit, die seit dem Beben vergangen war, seine komplette Rüstung anzulegen, nur die Krone wollte nicht ordentlich auf seinem Haupt bleiben. „Also, dieses Beben…“, begann er unbehaglich.
„War der Puls der Mutter.“, bestätigte Eara. „Die Bewahrer müssen tatsächlich den Baum der Lieder geopfert haben, damit wir seine Macht nutzen können.“
Sie sah, wie Chadas Unterkiefer sich bei diesen Worten ein kleines Stück nach vorne schob. Doch die Bogenschützin hatte sich unter Kontrolle. Ihre Stimme zitterte nur leicht, als sie hervorpresste: „Dann wollten wir das meiste aus diesem Opfer machen. Diese Macht ist der des Schwarzen Herolds ebenbürtig. Wir brauchen die Rietgraskrone vielleicht gar nicht. Wir werden ihn hiermit besiegen – und danach einen neuen Baum der Lieder pflanzen!“
Langsam streckte sie die Hand aus, wartete, ob irgendjemand Einspruch erhob, und nahm dann ehrfürchtig die Frucht zwischen ihre Hände. Konzentriert starrten ihre grünen Augen ins Licht aus den schmalen Rissen, ihre Stirn legte sich Falten, sie hielt die Luft an … und nichts geschah. Das Herz der Geburt glomm unbeeindruckt vor sich hin, bis Chada die Frucht deprimiert an Thorn weiterreichte. „Es funktioniert nicht!“, flüsterte sie tonlos. „Das ist nichts als ein Stück totes Holz.“
Thorn schloss die Augen, atmete tief und gleichmäßig und regte sich genau so wenig wie die Frucht in seiner Hand. Nach bestimmt über fünfhundert Herzschlägen des bangen Wartens verlor Fürstin Marun die Geduld, nahm die Frucht einfach aus seiner Hand und versuchte es selbst – ebenso erfolglos. Nachdem auch ihr Gemahl vergeblich probiert hatte, der Frucht irgendeine Reaktion zu entlocken, hefteten sich alle Augen auf Eara, die langsam aufstand, ihren dunklen Stab mit der gesunden Hand umfasste und die Frucht mit der anderen entgegennahm.
Augenblicklich spürte sie wieder die ungezügelten Energien hinter der dunklen Schale brennen. Behutsam spürte sie sich hinein, versuchte die unsichtbaren Ströme umzulenken und in Form zu gießen. Diese Macht wollte ausgeschöpft werden, das war ein Teil ihrer inneren Ordnung. Es sollte ein Leichtes sein, diese Ordnung zu verstärken.
Doch etwas war im Weg. Eine verborgene Barriere. Ein Hindernis, schwerer zu durchbrechen als die rissige Schale. Irgendetwas versperrte ihr den Zugang zur Macht des Anbeginns, blockte all ihre Versuche ab, etwas daraus zu formen.
Eara schloss die Augen. Die Ordnung des Herzens zu verstärken brachte nichts. Sie zu zerstören hingegen…
In ihrer linken Schulter kribbelte es unangenehm, während die Dunkle Magie sich weiter durch ihren Körper brannte. Doch Eara kümmerte sich nicht darum. Sie sandte ihre Schatten gegen das unsichtbare Bollwerk. Was wäre ihr nicht alles möglich, wenn sie dieses Hindernis erst aus dem Weg geräumt hätte! Der Ewige Rat und alles Leid, das er über die Welt bringen wollte, ließe sich verhindern. Und dann … dann könnte sie eine neue Ordnung errichten. Wie kleingeistig nahmen sich ihre Überlegungen zu einer Welt ohne Tod aus im Vergleich zu dem, was hiermit möglich wäre! Sie könnte Wesen schaffen, klein und sparsam, zu keinem anderen Gefühl als reiner Freude fähig, zu keinem anderen Zweck geboren, als zu existieren! Und grauenhafte Bestien, mit der Aufgabe, diese Wesen zu versorgen und alles zu zerfleischen, was ihnen gefährlich werden konnte. Mit der Macht des Todes ließen sich die Leben von Menschen, Zwergen und Taren verlängern – doch mit der Macht der Geburt wären sie alle überflüssig geworden. Sie könnte etwas Besseres erschaffen! Eine Welt frei von allem Leid!
„Eara, was tust du? Du zerstörst sie!“
Thorns Stimme unterbrach ihre Gedanken. Ihre eigenen Überlegungen kamen ihr mit einem Mal schrecklich fremd vor. Eara schlug die Augen auf und sah zur Frucht hinunter. Ihre schwarzen Finger hatten sich so tief in die trockene Schale gebohrt, dass weitere Risse erschienen. Und jetzt, wo ihre Aufmerksamkeit sich wieder auf die Frucht richtete, bemerkte sie auch, wie brüchig ihre innere Ordnung geworden war. Eara begriff, dass auch die Dunkle Magie ihr hier nicht helfen konnte. Sie würde das Herz zerstören, noch bevor die Macht darin erreichbar war. Und wenn das geschah…
denn wenn die macht eynes hertzens vernichtet ist, wird die welt aufhoeren zu seyn.
Sie wollte ihre Versuche einstellen, doch ehe sie dazu kam, ergriff sie ein anderer Gedanke: Die Macht des Herzens war ihnen verschlossen. Die Rietgraskrone verschollen. Wie sollten sie den Ewigen Rat noch aufhalten? Wenn die Krone sich nicht wiederfinden ließ, hatten sie ihre letzte Waffe verloren. Der Schwarze Herold würde alle freien Völker versklaven und peinigen, um seine Rache zu vollenden – und das bis in alle Ewigkeit. Oder genauer: Solange diese Welt bestand. Lag es nicht an ihnen, dies zu verhindern? Um jeden Preis? Eine Welt, die der Ewige Rat regierte … War das wirklich besser als keine Welt? War ein rasches Ende dem endlosen Schmerz nicht vorzuziehen?
Tausende, Millionen, Milliarden von Leben würden verstreichen, angefüllt mit Schmerz. All die Menschen, Zwerge, und Taren ließen sich vielleicht nur durch ihren Tod schützen. Und nicht nur sie. Was war denn mit dem Vieh, all den Ziegen und Ochsen, die ihr ganzes Leben in Gefangenschaft gehalten wurden, zu niederen Arbeiten gezwungen und ermordet, sobald sie keinen anderen Nutzen mehr brachten? Was mit den unzähligen Tieren, die ihr elendes Leben in Freiheit verbringen mussten, stetem Hunger, Kälte, Verletzungen, Krankheiten und Fressfeinden ausgesetzt, bis sie schließlich eines qualvollen Todes starben?
Sie spürte, wie ihre Schatten fast wie von selbst den Druck auf die Frucht verstärkten, anstatt davon abzulassen. Gleich wäre alles vergangen. Kein Schmerz mehr. Keine Welt mehr, in der ihre Dunkelheit allen um sie herum zur Gefahr werden könnte, in der ein unschuldiges Mädchen am Grunde eines Vulkans Jahrhunderte der Qual erdulden musste, in der ihr alter Mentor …
Eara keuchte auf. Was geschah hier? Alles, was sie in Hadria geopfert hatte, hatte Orweyns Prophezeiung und Qurun, das Ende der Welt, aufhalten sollen! Wie konnte sie jetzt versuchen, genau das herbeizuführen?
Sie wankte und gab ihrer Hand den Befehl, die Frucht loszulassen. Doch die Schatten weigerten sich, drückten unerbittlich weiter zu. Die Dunkle Magie widersetzte sich ihr!
„Eara! Hör auf! Sofort!“, rief Chada. In ihrer Stimme lag eine solche Kraft, dass Eara spürte, wie auch ihr eigener Kampfgeist gestärkt wurde. Mühsam kämpfte sie gegen ihre eigene Magie an, bis der gesamte Arm aus Dunkelheit sich schließlich zu einem durchlässigen Schatten auflöste und die tote Frucht zu Boden fiel und davonkullerte.
Eara spürte die besorgten Blicke ihrer alten Freunde auf sich, doch sie vermochte nicht zu sagen, ob diese Sorge ihr oder dem Herzen galt. „Nehmt die Frucht!“, keuchte sie. „Lasst mich nicht mehr in ihre Nähe!“
Ohne weitere Erklärung drehte sie sich um und hastete taumelnd aus den Gemächern des Fürstenpaars. Als die Steintür gewaltsam aufschlug, griff der grimmige Wächter, der scheinbar zu Krams oder Maruns persönlicher Leibwache gehörte, kurz zu seiner Axt, doch Eara stürmte einfach an ihm vorbei und ließ ihn schnell hinter sich. In ihrer Schulter brannte es, während die Dunkle Magie sich durch ihre Adern fraß und den Preis forderte, um den sie betrogen worden war. Eara fühlte sich leer und ausgebrannt. Und obwohl auch das nur ein Gefühl war, konnte sie es nicht ganz zum Verlöschen bringen.


Früher Vormittag, 27. Wintertag 77 A.Z.
Gästekammern in Roteisenstein, Cavern

„Herrin, der Fürst schickt mich! Ihr sollt zu seinen Gemächern kommen.“, rief eine raue Stimme durch die Tür ihrer Kammer. Eara konnte Furcht darin hören. Ihre Dunkelheit schüchterte Menschen und Zwerge gleichermaßen ein. Gut. Es war richtig, sie zu fürchten. Sie war in der Tat gefährlich.
„Ich komme!“, antwortete sie laut, um es dem verängstigten Boten zu ersparen, ihr persönlich gegenübertreten zu müssen. Was wollte Kram? Hoffentlich nicht über die Ereignisse von gestern sprechen. Sie hatte ihn seit ihrer Flucht aus den Gemächern nicht mehr gesehen, hauptsächlich weil sie Thorn aus dem Weg ging, der die Frucht jetzt an ihrer Stelle verwahrte. Doch es war klar gewesen, dass das nicht auf Dauer so bleiben konnte. Eara hatte die Zeit genutzt, um ihre Magie genauer zu ergründen und unter ihre Kontrolle zu zwingen. Sie war bereit.

Vor der Tür warteten – neben dem grimmigen Wächter natürlich – Chada und Thorn. Als Eara sich zu ihnen stellte, warfen sie erst einander und dann ihr vielsagende Blicke zu, die sie zu ignorieren beschloss. „Worauf warten wir?“, fragte sie.
„Darauf, dass wir eingelassen werden.“, antwortete Thorn mit einem müden Nicken in Richtung des mageren Wächters.
„Der Fürst hat ausdrücklich verlangt, von niemandem gestört zu werden.“, grummelte der Zwerg.
„Das ist Unsinn.“, erwiderte Eara kühl. „Er hat uns selbst herbestellt.“
Der Zwerg stellte sich ihr tapfer in den Weg, doch den Schatten, die ihn mühelos beiseite schoben, konnte eine Axt nichts anhaben. Ohne anzuklopfen öffnete Eara die Tür und erstarrte, als sie neben dem Fürstenpaar noch zwei andere vertraute Gesichter sah.
Ken Dorr und Drukil sahen beide erschöpft aus. Gleichwohl erstattete der Dieb soeben ausführlich Bericht und schien ganz in seinem Element. Drukil hingegen saß mit angespannten Schultern auf dem zu kleinen Stuhl und musterte unruhig die Decke der Kammer, als hätte er Angst, dass sie jeden Moment einstürzen konnte.
„Gut, ihr seid da!“, rief Kram. Dann runzelte er die Stirn. „Eara, bitte lass Casax los. Und Casax, bitte lass meine Gäste ein.“
Als ihre Schatten den Wächter wieder absetzten, bedachte er Eara mit einem beleidigten Blick, ehe er auch Chada und Thorn Platz machte und die Tür schloss.
„Drukil!“, riefen Thorn und Chada fast gleichzeitig und liefen zu ihrem Freund. Der Hautwandler sprang erschrocken auf und stieß sich fast den Kopf an der niedrigen Decke. Scheinbar verunsichert ließ er zwei Umarmungen über sich ergehen und er breitete sogar für Eara die Arme aus, auch wenn sie den Abscheu in seinen Zügen lesen konnte. „Nicht nötig.“, sagte sie knapp und Drukil ließ seine Arme sichtlich erleichtert wieder fallen und setzte sich, ohne ein Wort gesprochen zu haben.
Ken Dorr erhielt keine Umarmungen, dafür einen eisigen Blick von Chada. „Du hast die Bewahrer überzeugen können?“, zischte sie.
Ken Dorr verzog das Gesicht. „Nicht alle, aber den Obersten Priester. Selbst ich war erstaunt, wie schnell er bereit war, seine Heimat zu … erneuern, wie er es nannte. Die Schriften wurden natürlich in Sicherheit gebracht, bevor der Baum verbrannte.“
Ein hartes Funkeln trat in Chadas Blick, doch falls Ken Dorr es bemerkte, zeigte er keine Reaktion. Stattdessen fragte er gierig: „Was konntet Ihr erreichen? Welche Macht besitzt das Herz der Geburt? Habt ihr es schon ausprobiert?“
„Ja, und zwar vergeblich!“, stieß Thorn mürrisch hervor, während er die Frucht aus seiner Tasche zog. Eara spürte, wie ihre Dunkle Magie sofort reagierte und sich am liebsten darauf gestürzt hätte, doch sie war vorbereitet und bezähmte den Drang nach Zerstörung. Thorn warf sie dem überraschten Drukil zu. „Probier du es, vielleicht hast du Erfolg, wo wir versagten.“
Drukil fing den schwarzen Klumpen auf und starrte verwirrt darauf. Ob er irgendwelche Anstrengungen unternahm, die Macht darin zu wecken, ließ sich nicht beurteilen, jedenfalls geschah nichts.
„Ken Dorr, wie macht es der Schwarze Herold?“, fragte Eara schließlich.
Der Angesprochene kniff die Augen zusammen. „Ich weiß nicht …beiläufig…“ Nachdenklich beugte er sich zu Drukil hinüber und streckte langsam die Hand aus.
„Nein, Ken Dorr!“, befahl Chada eisig. Der Dieb blinzelte verwirrt, sah die Bogenschützin fragend an und folgte ihrem Blick zu seiner ausgestreckten Hand. Dann lächelte er gequält und zog den Arm behutsam wieder zurück.
„Der Herold flüstert keine Zauberformel oder dergleichen, er … macht es einfach.“, fügte er achselzuckend hinzu. Ratlos sah er auf, wand sich eine Weile unter Earas starrem Blick und ergänzte zuletzt: „Manchmal reckt er seine Faust empor…“
Eara nickte Drukil zu, doch der schien der Unterhaltung längst nicht mehr zu folgen. Sorgfältig betastete er die glatten Intarsienarbeiten aus glänzendem Stein, die in die hölzerne Tischplatte eingelassen waren, und schenkte dem Rest seiner Umgebung keine Aufmerksamkeit.
„Drukil!“, rief Kram. Der Hautwandler sah erschrocken auf und erwiderte reglos und mit leicht offenstehendem Mund Krams auffordernden Blick. Der Fürst der Schildzwerge streckte Drukil seine Faust entgegen und hob sie andeutungsweise. „Heb´ die Faust.“, erklärte er.
Drukil streckte den Arm aus, griff nach Krams Handgelenk und zog es so weit nach oben, wie das bei einem sitzenden Zwerg eben möglich war.
„Deine eigene Faust. Mit dem Herzen darin. Und dann versuche erneut, seine Macht anzuzapfen.“, erklärte Chada geduldig.
Drukil ließ Krams Hand wieder los und hob stattdessen die eigene. Das Herz reagierte noch immer nicht, doch Drukils Blick war derart teilnahmslos, dass Eara sich nicht sicher war, ob der Hautwandler auch nur versuchte, das zu ändern. Was war nur mit Drukil los? Forschend sah sie ihn an, bis er ihren Blick bemerkte und schnell die Augen niederschlug. Das wiederum war typisch für ihn. Wahrscheinlich machte sie sich nur unnötig Gedanken.
„Das wird nichts.“, murmelte Thorn schließlich, und Drukil senkte den Arm wieder.
„Wir werden es weiter versuchen.“, entschied Chada verbissen. „Solange die Rietgraskrone nicht wieder auftaucht, ist das Herz unsere einzige Waffe gegen den Schwarzen Herold. Drukil, du wirst es weiterhin verwahren und …“
„Wie bitte?“, rief Ken Dorr schrill. „Die Krone ist noch nicht wieder hier?!“ Fassungslos starrte der Dieb sie der Reihe nach an.
„Wir … warten noch auf Kommandant Mart.“, gestand Kram zerknirscht.
Zorn verzerrte Ken Dorrs Züge. „Ich habe gesagt, dass es eine schlechte Idee ist, die Krone wegzugeben!“, zischte er. „Wieso hört nie jemand auch mich? Und wieso hielt es niemand für nötig, mir davon zu …“
Ein lautes Pochen an die Tür unterbrach ihn. „Herein!“, bat Kram stirnrunzelnd.
Eine Zwergin in leichter Rüstung öffnete die Tür. Ihre Wangen waren gerötet und ihr Atem ging schwer. „Dringende Botschaft für den Fürsten!“, hechelte sie.
Kram musterte sie aufmerksam. „Brasa, nicht wahr? Du warst bei dem Spähtrupp, den ich zur Rietburg gesendet habe.“
Die Augen der Botin leuchteten stolz, als sie ihren Namen hörte. „Ja, mein Fürst!“
Er warf Ken Dorr einen schnellen Blick zu und meinte dann: „Komm zu mir und erzähl!“
Die Botin schlängelte sich an den anderen vorbei und flüsterte Kram ihre Nachricht ins Ohr. Brasa war gut, Eara konnte kein Wort verstehen. Sie sah nur, wie Krams Gesicht sich mehr und mehr verfinsterte.
„Danke, Brasa.“, murmelte er schließlich, und sie entfernte sich respektvoll.
Fürst Kram seufzte schwer und verkündete ernst: „Keine Spur von Mart, aber das ist noch nicht das Schlimmste. Meine Freunde…“ Er stockte und berichtete ohne weitere Umschweife: „Die Rietburg ist gefallen.“
Chada und Thorn schrien gleichzeitig auf, und Marun fluchte auf zwergisch. Kram gemahnte mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Viel kann ich euch nicht sagen, meine Späher sind frühzeitig umgekehrt, um mir schnellstmöglich zu berichten. Die ganze Nacht hindurch brannte ein riesiges Feuer und die Rauchwolke ist bis Cavern zu sehen, mehr weiß ich nicht.“
Ein bleiernes Schweigen flutete die Kammer. Eara hörte die Stimme der Schwäche über den Verlust klagen, doch sie zwängte sie schnell nieder.
Deine Vergangenheit wird in Flammen vergehen, deine Zukunft wird in Flammen vergehen.“, flüsterte plötzlich Chada mit bleichem Gesicht. „Der Baum der Lieder und die Rietburg, der Ort, der meine Heimat war, und der, der sie hätte werden sollen, beide wurden ein Raub der Flammen.“ Mit weiten Augen sah sie in die Runde. „Lassen die Drohungen der Drei Schwestern sich wirklich nicht aufhalten?“
„Wir schreiben uns unser eigenes Schicksal.“, erwiderte ausgerechnet Ken Dorr.
„Sei du bloß still!“, schrie Chada wütend. „Deinetwegen wurde der Baum der Lieder zerstört, und wir haben nichts dadurch gewonnen! Wir werden weiter versuchen, die Macht der Geburt zu wecken, aber ich warne dich, Ken Dorr: Wenn wir den Schwarzen Herold am Ende ohne ihre Hilfe besiegen, dann werde ich nicht vergessen, wem dieses nutzlose Opfer zu verdanken ist!“
Ken Dorr hob abwehrend die Hände und setzte zu einer Erwiderung an, doch Chadas Blick belehrte ihn eines Besseren. Wortlos stand er auf, nickte ihnen allen mitfühlend zu und verließ die Kammer.
„Ich schicke ihm ein paar Wächter hinterher.“, teilte Marun leise mit.
„Nein!“, meldete sich überraschend Drukil zu Wort. „Es … Ich … Hinterher!“ Er sprang auf, steckte das Herz der Geburt ein und folgte Ken Dorr. „Frische Luft!“, hörte Eara ihn noch murmeln, dann war er ebenfalls verschwunden.
„Ich schätze, damit sind wir für den Moment fertig.“, sagte Kram leise. „Spätestens morgen Abend brecht ihr auf, hoffentlich ist bis dahin Mart mit der Krone wieder hier. Nutzt die Zeit, um euch zu erholen und zu trauern.“
Eara nickte knapp und verließ ebenfalls die Kammer, während Chada und Thorn sich noch gegenseitig aufhalfen. Selbst der grimmige Casax vor der Tür warf ihr einen bekümmerten Blick zu, als sie an ihm vorbeiging, dabei war sie vollkommen ruhig. Wie viele waren in der Burg gewesen? Fünfhundert vielleicht? Bedauerlich, gewiss, aber unbedeutend im Vergleich zu dem, was noch auf dem Spiel stand. Der Ewige Rat musste geschlagen werden, nur darauf kam es an. Viele Verluste türmten sich schon am Wegesrand, doch sie zu betrauern wäre nichts als eine Ablenkung. Der Weg war nur der Weg. Hauptsache, er führte zum Ziel.
„Eara!“, hörte sie Chadas Stimme hinter sich. Sie blieb stehen und wartete, bis die andere ein paar leise Worte mit Thorn gewechselt und der Krieger sich verabschiedet hatte. „Wir müssen reden.“, sagte Chada anschließend leise.
Eara holte tief Luft. „Wenn es um den Vorfall von gestern Morgen geht, dann spar dir die Worte; ich werde die Frucht nicht…“
„Das ist es nicht.“, unterbrach Chada gereizt. Eara sah ihr an, wie aufgebracht sie noch war, doch ihre Stimme war kontrolliert. „Normalerweise würde ich so etwas mit Leander besprechen, aber…“ Chada seufzte. „Du kanntest ihn von uns allen am besten. Abgesehen vielleicht von Drukil, und der könnte mir hier kaum weiterhelfen, zumal er sich so merkwürdig …“ Sie verstummte und schüttelte leicht den Kopf, wie um ihre Gedanken zu ordnen.
Eara musterte sie unbewegt an und erwiderte: „Niemand von uns hat ihn wirklich gekannt. Jetzt sprich.“
Chada nickte schwach. „Es geht um den Text des Themauras.“
„Die alte Tafel? Leander wurde mit seiner Übersetzung nicht fertig.“
„Nicht die Tafel. Der erste Text. Der, den du in Hadria gefunden hast.“
Eara schwieg. Sie konnte kaum fassen, dass seither nur drei Monde vergangen waren.
„Themauras hat vom Höchsten Propheten geschrieben, dem Auserwählten, der die Macht der Herzen vereint und … und der nur die vereinte Macht beherrschen kann. Nachdem wir mit einem Herzen allein nichts erreicht haben habe ich mich gefragt…“
„Ob du die Friedensbringerin bist?“, fragte Eara skeptisch.
„Nicht unbedingt ich…“
„Chada, dir ist bewusst, dass es drei Herzen gibt? Wenn wir den Ewigen Rat zerschlagen, werden wir danach das Herz der Geburt und das des Todes haben, aber das Herz der Ewigkeit kann noch immer am anderen Ende der Welt stehen. Und selbst wenn wir durch irgendeinen Zufall daran kommen sollten – wenn wir schon daran scheitern, die Macht eines Herzens zu nutzen, wieso sollte es dann besser sein, wenn wir es bei drei gleichzeitig versuchen?“
„Ich weiß nicht.“, gab Chada eingeknickt zu. „Du kennst dich mit so etwas am besten aus.“
„Verabschiede dich von dem Gedanken.“, sagte Eara. „Und überhaupt, warst du nicht dagegen, die Macht der Herzen auch nach dem Ende des Ewigen Rates noch zu nutzen?“
Mit offenem Mund sah Chada sie an, in ihren grünen Augen sah Eara den Konflikt toben. Die Verlockung von all der Macht, die zum Wohle der Völker dieser Welt benutzt werden könnte – und die Angst, was diese Macht aus ihr machen würde.
Schließlich schlug Chada die Augen nieder und ging ohne ein weiteres Wort.
Und erst am späten Abend, als Eara bereits in ihrem Bett lag, ihre Ziele analysierte und reflektierte, welches ihre heutigen Fehler und Unzulänglichkeiten gewesen waren, erinnerte sie sich an die Analyse der Runensteine, die Mechanicus Hedal ihr präsentiert hatte. Drei Objekte, deren Macht unerreichbar war, es sei denn, alle drei waren vereint.
Summarische Trinität.
In dieser Nacht träumte Eara, zum ersten Mal seit langer Zeit. Sie träumte von Chada, die alle drei Herzen vereinte und der Welt Frieden schenkte. Es war ein schöner Traum.


Früher Nachmittag, 28. Wintertag 77 A.Z.
Gästekammern in Roteisenstein, Cavern

Vorsichtig rollte Eara ihren linken Ärmel Stück für Stück nach oben, bis schließlich anstatt der kalten Schatten weiches Fleisch zum Vorschein kam. Die Dunkelheit hatte inzwischen ihren ganze Arm verschlungen, kroch bereits ihr Schlüsselbein entlang und fraß sich bis zum Brustansatz herunter.
Eara setzte sich auf ihrem Bett etwas um, fixierte den hochgeschobenen Ärmel mit ihrem Kinn, legte die gesunde Hand auf den schwarzen Arm und konzentrierte sich. Nach einigen Herzschlägen glitten ihre Finger hindurch und die Schwärze verblasste, bis sie nur noch als seltsam körperlicher Schatten an ihrer Seite hing.
Eara hatte ihre Hand knapp über dem Handgelenk abgetrennt, doch die Dunkle Magie hatte ihren Arm nach und nach zersetzt. Fleisch, Blut und Knochen waren aufgelöst, nur pure Finsternis war zurückgeblieben. An ihrer Schulter, wo der Prozess noch nicht abgeschlossen war, wurde jetzt eine unregelmäßige Struktur aus durchlöchertem Fleisch und halb zersetzter Haut aus dem Schutz der Dunkelheit gerissen. Die Spuren der Dunklen Magie sahen aus wie die Fraßgänge winziger Maden, in denen sich jetzt, da nur noch gestaltlose Schatten sie ausfüllten, an manchen Stellen langsam Blut und Wundflüssigkeit sammelten. Doch Eara spürte keinerlei Schmerz, selbst wenn sie ihre Finger in die Wunden grub. Die Verwandlung ging langsam, lautlos und unauffällig vonstatten. Nur wenn sie viel Dunkle Magie in kurzer Zeit beschwor, verriet ihr ein Stechen in der Schulter, dass sie einen Teil ihrer Selbst verlor.
Nachdenklich betrachtete Eara ihre entstellte Schulter. Wo andere Ekel verspürt hätten, erfüllte sie nichts als kühle Konzentration. Ruhig kalkulierte sie, wie viel Zeit ihr noch blieb, je nachdem wie sparsam sie mit ihren Kräften umging. Wenn alles nach Plan verlaufen wäre, dann wären sie noch spätestens heute Abend nach Krahalzar aufgebrochen, wären pünktlich in der Nacht auf den 31. Wintertag am Sternentor angekommen und am folgenden Tag in der Halle des Hohen Rates, wo der Schwarze Herold residierte. Doch Mart war noch immer nicht mit der Krone zurück, und inzwischen glaubte auch niemand mehr daran, dass er noch kommen würde. Sie hatten beschlossen, heute Abend nur die Schildzwerge zum Sternentor zu senden, die sie zum Kampf gegen den Ewigen Rat hatten begleiten sollen. Der Trupp sollte die Passage öffnen, die Helden von Andor und Ken Dorr hingegen würden in Richtung der zerstörten Rietburg ziehen und nach der verschollenen Rietgraskrone suchen. Und dieser zusätzliche Aufschub warf Earas gesamte Berechnung über den Haufen.
Eara wankte nicht in ihrem Entschluss, ihr Leben zu beenden, bevor die Dunkelheit sich bis zu lebenswichtigen Organen ausgebreitet hatte. Doch wenn sie zu verschwenderisch mit ihrer Dunklen Magie umging, würde das geschehen, noch ehe sie den Schwarzen Herold stellen konnten. Wenn sie sich dagegen zu sehr einschränkte, musste sie auf einen Teil ihrer Fähigkeiten verzichten, die vielleicht für die Suche nach der Krone von entscheidender Bedeutung waren. Es war vertrackt.
Gedämpfte Geräusche rissen sie aus ihren Überlegungen. Durch die dicken Balken ihrer niedrigen Tür drang ein schwaches Gurgeln, dann ein dumpfer Aufprall. Kampflärm?
Sie sprang auf und griff nach ihrem Stab. Da ihre Konzentration durchbrochen war, strömte die Dunkle Magie von selbst an ihren Platz zurück und formte rasch wieder ihren tiefschwarzen Arm.
Jeder Vorsatz, keine Dunkle Magie zu verwenden, war ausgelöscht. Sie beschleunigte magisch ihre Schritte und bereitete einen Schild aus Schatten vor. Dann stieß sie ihre Tür auf.
Ein toter Schildzwerg lag in einer sich langsam ausbreitenden Blutlache. Er trug ein dickes Kettenhemd und hatte eine Axt im Gürtel, beides hatte ihn nicht vor dem tiefen Stich in den Hals gerettet. Neben der Leiche kauerte Drukil über einer schmalen Gestalt in rußverschmierter Kleidung, zu lang für einen Zwerg und zu klein für einen Menschen.
„Was ist hier geschehen?“, fragte Eara scharf.
Drukil hob langsam den Kopf, wie üblich ohne ihr in die Augen zu blicken. „Da waren Geräusche. War zu langsam … auch gerade erst angekommen.“
Eara sah den Flur hinunter. „Die Tat kann noch keine fünfzig Herzschläge her sein. Du musst zumindest gehört haben, wie der Angreifer davongelaufen ist.“
Drukil nickte zögernd und deutete den Gang hinunter.
„Warum sitzt du dann hier?“
„Sie retten … vielleicht…“
Eara, die bereits die ersten Schritte in Richtung von Drukils ausgestrecktem Arm geeilt war, hielt inne und schenkte der zweiten Gestalt mehr Aufmerksamkeit. Sie war doch ein Mensch, allerdings noch nicht erwachsen. Ein Mädchen von vielleicht fünfzehn Sommern, mit blondem Haar und ungewöhnlichen schwarzen Augen. Und sie lebte noch.
Eara ließ sich neben Drukil nieder und sah sie aufmerksam an. Ihr Atem ging schwach, und ihre Lider flatterten, obwohl Eara keinerlei Verletzungen bemerkte. Ein rascher Heilzauber brachte keinerlei Besserung.
„Was hast du?“, fragte Eara deutlich. Das Mädchen hob schwach die Hand, aber anstatt eine Antwort zu geben, deutete sie nur mit dem Zeigefinger auf Drukil.
„Das hier lag auf dem Boden.“, erklärte der Hautwandler und hob ein kleines Glasröhrchen, in dem sich ein paar Tropfen einer klaren Flüssigkeit befanden.
„Gift?“, vermutete Eara. Dann wandte sie sich wieder an das Mädchen: „Weißt du etwas über das Gift? Wer hat dir das angetan?“
Die einzige Antwort war ein Zucken ihres Fingers, der noch immer auf Drukil gerichtet war. Was sie eigentlich hatte zeigen wollen, war unmöglich zu bestimmen. Anscheinend verließen sie ihre Kräfte.
„Bleib bei mir.“, bat Eara. “Sieh mich an.“
Eara benötigte Blickkontakt für die mentale Verbindung, durch die sie fremde Gedanken und Erinnerungen auslesen konnte. Sie sah dem Mädchen tief in die mühsam offen gehaltenen Augen. Irgendetwas war merkwürdig in ihnen. Hatte die Iris vorhin noch schwarz gewirkt, tanzten jetzt blau, violett und golden schillernde Schatten darin. Einen kostbaren Moment ließ Eara sich ablenken, ehe sie sich losriss und endlich mit dem eigentlichen Zauber begann. Quälend langsam baute sich die unsichtbare Brücke zwischen ihnen auf, und Eara war bereit, auf die andere Seite zu wechseln und nach dem Angriff zu suchen …
… doch nichts hatte sie auf das vorbereitet, was sie erwartete, kaum dass die Verbindung vollendet war. Dutzende Überlegungen, die sich parallel weiterentwickelten, zu schnell, als dass Eara auch nur einer hätte folgen können. Hunderte Eindrücke, die von allen Seiten aufgenommen, ausgewertet und abgespeichert wurden. Tausende und Abertausende von Erinnerungen, die in rascher Folge auf sie einströmten, so viele, dass keine einzige klar auszumachen war.
Eara musste innehalten. Dies war ein Geist wie eine Kathedrale; mit hohen Säulen, lichtdurchflutet und ehrfurchtgebietend. Eara stand eben erst auf der Schwelle und war bereits jetzt überwältigt. Niemals hatte sie etwas Vergleichbares angetroffen. Mehr Erinnerungen strömten ungebrochen auf sie ein, als sie bei einem so jungen Menschen für möglich gehalten hätte. Und doch war das nur die Oberfläche. Von dem, was sich darunter verbarg, erlangte Eara nur eine ungefähre Vorstellung. Verborgene Muster, die ihr niemals zuvor aufgefallen waren. Die Spielregeln der Welt, die sich sonst nur in Erscheinungen äußerten und die plötzlich klar zu Tage traten.
Und dann, auf einen Schlag, erlosch das alles. Benommen blinzelte Eara und sah auf das Gesicht des Mädchens herunter. Die seltsamen bunten Augen waren geschlossen, die Verbindung war durchtrennt. Und Eara hatte nichts herausgefunden.
Langsam schüttelte Eara den Kopf. Das Mädchen atmete noch immer, wenn auch schwach, und auch das Herz pochte noch. Was auch immer das für eine Flüssigkeit war, sie war nicht sofort tödlich.
Eara erhob sich. „Hol Hilfe.“, wies sie Drukil an. „Wachen, die die benachbarten Gänge durchkämmen können, und einen Heiler.“
Drukil nickte steif. „Und … du?“
„Ich warte. Wer auch immer hierfür verantwortlich ist, könnte zurückkommen. Wir wissen nicht, was er wollte.“
Drukil blinzelte. „Doch.“, murmelte er.
Eara bedachte Drukil mit einem fragenden Blick.
„Sie hatte etwas dabei.“, flüsterte er, dann zog er zwei Gegenstände hervor.
Eara erstarrte. In der Hand hielt Drukil die Rietgraskrone. Einer ihrer gewellten Zacken war verbogen, doch ansonsten war sie unbeschädigt. Ungläubig strich sie über das kühle Gold, ehe sie sich dem zweiten Objekt widmete. Ein Stück Stoff war an die Krone gebunden, auf das mit Kohle einige Sätze geschmiert waren, die Eara lange studierte:
Bringt dies unverzüglich zu den Helden von Andor!
Es gibt zu viel zu sagen, doch ich beschränke mich auf dreierlei:
1. Traut Ken Dorr nicht! Lasst ihn nicht an eure Sachen!
2. Der fehlende Satz lautet: „Dieser Kreislauf wird bewacht durch den schlafenden Träumer der Zeit und Hirten der drei Herzen.“
3. Es tut mir leid.

„Leander.“, flüsterte sie. Was hatte er mit diesem Mädchen zu schaffen? Wie war er an die Rietgraskrone gekommen? Eara verspürte eine gewisse Neugierde, und sie ließ dieses Gefühl zu, um all die anderen zu übertönen.
„Vergiss, was ich gesagt habe.“, meinte Eara, während sie Drukil die beiden Objekte zurückgab. „Begib dich auf direktem Wege zu Fürst Kram.“


Später Nachmittag, 28. Wintertag 77 A.Z.
Flüsternde Kammern in Roteisenstein, Cavern

„Ein seltenes Schlafgift aus Tulgor.“, erklärte Kram, während er das Glasröhrchen hochhielt. „In geringer Dosis ein Mittel gegen Schlaflosigkeit, in hoher tödlich. Die Menge, die dieses arme Kind wohl schluckte, lag irgendwo dazwischen. Sie wird die nächsten drei oder vier Tage schlafen und, wenn wir ihr währenddessen genug Flüssigkeit einflößen, danach unbeschadet aufwachen.“
„Diese Zeit haben wir nicht.“, stellte Eara fest. „Jetzt, wo wir die Krone haben, müssen wir noch heute Abend zum Sternentor aufbrechen. Gibt es einen Weg, sie früher aufzuwecken?“
„Meine Heiler wissen keinen.“, seufzte Kram.
Schweigend blickten sie auf das Mädchen in ihrem zu kleinen Bett herunter. Nur Chada, Thorn, Drukil, Kram und Eara waren anwesend, die Heiler und Runenmeister hatten sich respektvoll in die Haupthallen zurückgezogen und die Tür der kleinen Seitenkammer geschlossen, sodass sie sich in Ruhe besprechen konnten. Oder zumindest dem, was Ruhe hier unten am nächsten kam – damit die Heiler immer frisches Wasser zur Verfügung hatten, lagen ihre Kammern direkt über dem unterirdischen Fluss Tatru, wodurch von allen Wänden ein stetes, unheimliches Flüstern echote. Gerüchten zufolge mischten sich darunter die letzten Worte all derer, die in diesen Kammern ihr Leben ausgehaucht hatten.
„Dann müssen wir anderweitig herausfinden, was das Ganze zu bedeuten hat.“, meinte Chada nachdenklich. „Weiß jemand mehr über sie? Ihre Verbindung zu Leander? Oder warum der Seher nicht selbst kam?“
Geh, und komme nicht zurück. Wenn ich dich noch einmal sehen muss, werde ich keine Gnade mehr walten lassen.
Eara schwieg, und Kram antwortete: „Vielleicht finden ihn die Zwerge, die ich losgeschickt habe, dann kann er es uns selbst erzählen.“
Thorn beugte sich stirnrunzelnd näher über ihr Lager. „Sie kommt mir entfernt bekannt vor. Sie … könnte unter den Befreiten gewesen sein?“ Er ließ es wie eine Frage klingen, deren einzige Antwort ein ratloses Schweigen und das Wispern aus den Wänden war.
„Ihr wurde die Zunge herausgerissen.“, berichtete Kram schließlich.
Reglos betrachtete Eara das schlafende Gesicht. Deshalb also hatte sie nicht versucht, mit ihr zu sprechen. „Irgendjemand wollte sie wirklich zum Schweigen bringen.“, stellte sie fest. „Ich frage mich, weshalb er sie nicht einfach getötet hat.“
„Die Zunge fehlt schon lange, die Verletzung ist längst ausgeheilt.“, beeilte sich Kram zu sagen und ergänzte mit nachdenklicher Miene: „Aber die Frage, weshalb der Angreifer sie nicht ebenso ermordet hat wie den armen Brodil, ist berechtigt…“
„Könnte sie es selbst gewesen sein?“, überlegte Thorn. Auf die verblüfften Blicke von allen Seiten hin erklärte er schnell: „Der Zwerg hat nicht einmal seine Waffe gezogen, er hat also nicht mit einem Angriff gerechnet. Und es würde erklären, wie der Angreifer so schnell entkommen konnte, und weshalb er sie nicht getötet hat.“
Eara schüttelte knapp den Kopf. „Wo ist dann die Waffe geblieben, mit der Brodil getötet wurde? Von wem stammen die Schritte, die Drukil gehört hat? Und wenn sie wirklich im Auftrag des Ewigen Rates hier wäre, weshalb sollte sie uns dann die Krone bringen?“
Thorn senkte beschämt den Blick, obwohl Eara es eigentlich schätzte, dass er seine Gedanken so freimütig äußerte, selbst wenn sie nicht zu Ende gedacht waren.
„Nein, der Mörder ist nicht sie.“, fasste Eara zusammen. „Wir haben es mit einem Diener des Ewigen Rates zu tun, der bewaffnet ist, der ein seltenes Gift bei sich trägt, der nicht vor Mord zurückschreckt, der vermutlich um die Bedeutung der Krone weiß, der sich ohne Verdacht zu erregen bei unseren Quartieren herumtreiben kann und mit dessen Angriff Brodil nicht gerechnet hat.“ Sie warf einen langen Blick in die Runde. „Seien wir doch ehrlich: Wir denken alle an die selbe Person.“
Traut Ken Dorr nicht! Lasst ihn nicht an eure Sachen!
„Drukil, du hast Ken Dorr im Auge behalten. Wann hattest du ihn zuletzt gesehen?“
Drukil verzog unbehaglich das Gesicht. „Stunde vorher, dann verloren.“, murmelte er nach einem kurzen Zögern. „War gerade auf der Suche nach ihm.“
Chada stieß vernehmlich Luft aus. „Das heißt, er könnte tatsächlich …“
„Nein.“, unterbrach Kram müde. „Das Mädchen ist vor knapp einer Stunde am Haupteingang aufgetaucht, hat den Wächtern dort ihre an die Helden von Andor adressierte Botschaft gezeigt und sich vom bedauernswerten Brodil zu euch führen lassen. Ken Dorr ist die gesamte Zeit über verdächtig vor meinem Thronsaal herumgeschlichen, meine Wachen haben ihn nicht aus den Augen gelassen. Es schien, als würde er auf etwas warten. Doch was auch immer es war, er kann es nicht gewesen sein.“
Eara überlegte, ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht war. Einerseits hatten sie damit keine Ahnung mehr, wer es dann gewesen war. Andererseits jedoch … wenn Ken Dorr sie tatsächlich hinterging…
Traut Ken Dorr nicht! Lasst ihn nicht an eure Sachen!
Plötzlich klopfte es lautstark an die Tür, und Fürst Kram wurde herausgerufen. Der Rest blieb schweigend zurück und lauschte dem ruhigen Atem der Schlafenden und dem steten Flüstern aus den Wänden.
„Du hast die Krone noch, Drukil?“, fragte Chada schließlich. Wortlos holte der Hautwandler sie hervor. Ihr Gold schimmerte im Licht der Feuerschalen. Leanders Botschaft war noch immer daran gebunden, und irgendjemand hatte sich sogar die Mühe gemacht, den verbogenen Zacken wieder zu richten.
„Danke.“, murmelte Chada und nahm die Krone an sich. In ihren grünen Augen lag eine Wehmut, deren Ursprung sich Eara nicht erschloss.
Im nächsten Moment öffnete sich die Tür und Kram war zurück. „Freunde“, sagte er schwer, „wir haben Leander gefunden. Er war kaum hundert Schritt vom Eingang entfernt hinter einem Hügel.“
Drukil schloss die Augen und legte schwer atmend den Kopf auf die Brust. In den Blicken von Chada und Thorn sah Eara die widersprüchlichen Gefühle um die Vorherrschaft streiten, die auch in ihr selbst loderten, eingeschlossen in einen brüchigen Panzer aus Eis. Die Stimme der Schwäche mischte sich ins Flüstern der Wände, und Eara verdrängte sie.
Dann holte Kram tief Luft, und die Art, wie er dabei die Zähne aufeinanderpresste und sichtlich nach Worten suchte, verriet Eara genug. Sie wusste schon, was er sagen würde, noch bevor er es tat, und trotzdem ließen die Worte das Eis in ihr noch weiter zerbrechen.
„Er … lag dort mindestens zwei Stunden mit aufgeschnittener Kehle. Es tut mir leid. Er ist tot.“


Abenddämmerung, 28. Wintertag 77 A.Z.
Halle der Gefallenen in Schwarzeisenstein, Cavern

Leander lag halb unter schwarzem Tuch auf einer Bahre aus dunklem Stein. Seine blauen Hände waren über der Brust gefaltet, sein knorriger Stab lag neben ihm. Ein schmales Tuch bedeckte seinen Hals wie eine verrutschte zweite Augenbinde. Um seine Lippen spielte ein erstarrtes Lächeln.
Die drei schwarz gewandeten Zwerge, die soeben noch das schwarze Laken zurechtrückten und kleine Quarze und Onyxe in einem Halbkreis um Leanders Kopf platzierten, machten lautlos Platz und ließen sie allein. Hier unten war das Sprechen nur den Trauernden erlaubt.
Die kleine Trauergemeinschaft bestand nur aus der Gruppe, die vor einer Stunde noch am Lager des schlafenden Mädchens versammelt gewesen war. Die letzten Helden von Andor. Vielleicht wäre unter anderen Umständen eine größere Zeremonie vorbereitet worden, sicher gab es auch unter den Zwergen viele, die Leander dankbar waren für seine Hilfe in Krahd. Doch es blieb keine Zeit. Sie mussten noch in dieser Nacht zum Sternentor aufbrechen, wenn sie Fornurs Flamme nicht verpassen wollten. Eara hielt es für Zeitverschwendung, überhaupt hier zu sein.
„Leander.“, begann Kram gedämpft. „Ich danke dir. Du hast uns unterstützt auf unserem beschwerlichen Weg nach Krahd. Mit welchen Motiven du uns ursprünglich auch begleitet hast, am Ende halfst du uns, die Tyrannei der Krahder zu beenden. Du hast gegen Kreaturen und Skelette gekämpft, gegen die Krahder und den Ewigen Rat. Du hast uns die Rietgraskrone zurückgebracht, und mit ihr die Hoffnung.
Wir werden dein Wissen vermissen, deine Gabe der Voraussicht, deinen Scharfsinn, deine klugen Ratschläge und deine Geduld. Wir werden dich vermissen, Leander. Möge deine Ruhe so tief sein wie der Fels.“
Kram trat zurück und Thorn nahm dessen Platz ein. Der Krieger räusperte sich und sagte mit brüchiger Stimme: „Tja, was soll ich da noch hinzufügen? Du warst ein guter Freund, und ich hoffe, dass ich das ebenfalls war. Du bist zu uns gekommen, um uns zu verraten, doch du bist geblieben, um zu helfen. Du hast uns für deinen Bruder verlassen, und bist doch zurückgekehrt, um uns den Sieg zu ermöglichen. Ich wünschte, du hättest nicht mit dem Leben dafür bezahlt. Ich wünschte, wir hätten noch einmal miteinander sprechen können. Du wusstest immer mehr als wir anderen. Obwohl du blind warst, konntest du von uns allen am meisten sehen.
Wenn dies wirklich meine letzten Worte an dich sind, dann lass mich dir sagen, dass ich deinen Tod nicht einfach nur hinnehmen werde. Ich werde tun, was immer ich kann. Um deinen Mörder zu finden und zu betrafen. Um den Ewigen Rat zu besiegen, damit dein Opfer nicht umsonst war. Und vielleicht auch … um das alles ungeschehen zu machen.“ Thorn trat mit gesenktem Blick zurück. Seine rechte Faust zitterte. Eara wusste, dass er eine Phiole darin trug, in der sich etwas des blutigen Schnees befand, in dem Leander gefunden worden war.
Bei Thorns letzten Worten war eine steile Falte auf Chadas Stirn erschienen. Doch jetzt glättete sie sich wieder. Mit ausdruckslosem Gesicht starrte Chada auf Leanders Leichnam.
„Du hast meine Mutter ermordet.“, sagte sie gepresst. „Du hast gewaltiges Leid vorhergesehen, und du hast es zugelassen. Du hast uns über Monde hinweg nichts als Lügen erzählt. Du trägst die Schuld am Tod von Bragor. Und für all das hasse ich dich.“
Chada blinzelte und atmete tief durch. „Aber du hast auch an unserer Seite gestanden, als es darauf ankam. Du hast uns alle deine Untaten gestanden, und obgleich wir dich im Zorn verließen, bist du zurückgekehrt. Weil wir und alle, die unter dem Ewigen Rat zu leiden haben, dir trotz allem wichtig waren. Weil du ein wahrer Held Andors warst, auch ohne je die Sternblume zu tragen. Du warst der Beweis dafür, dass wir uns auch nach Jahrhunderten noch immer ändern können, und ich kann kaum ermessen, wie schwer dieser Schritt für dich war. Was ich sagen will ist … Ich verzeihe dir.“
Chada blieb lange neben Leander stehen, ohne einen Muskel zu rühren. Dann drehte sie sich abrupt um und stellte sich zu Thorn. Ihr Blick war starr ins Leere gerichtet.
Drukil holte tief Luft und setzte nur einen winzigen Schritt in Richtung von Leander. Ohne den Toten anzublicken brummte er: „Es tut … mir … leid.“
Diese schlichten Worte schienen seine ganze Kraft aufgebraucht zu haben. Mit hängenden Schultern stand er da, in einer engen Kammer, umgeben von seinen Freunden, und doch irgendwie verloren.
„Können wir dann?“, fragte Eara kühl.
„Du … willst nichts sagen?“, vergewisserte sich Chada. Ihr mitfühlender Blick glitt an Earas kalter Fassade ab.
„Warum sollte ich? Er ist tot. Sein Blut ist draußen im Schnee verteilt. Sein Hirn beginnt bereits zu verfaulen. Er hört uns nicht mehr. Ich werde meinen Atem nicht mit sinnlosen Worten verschwenden.“
„Ach, Eara.“, seufzte Kram leise. Seine dunklen Augen musterten sie schwer. „Die Worte der Trauer mögen wir an Leander gerichtet haben, doch gesprochen haben wir sie nicht für ihn, sondern für uns selbst. Wenn du ihren Sinn nicht mehr begreifst, bist du noch blinder als er.“
Der Fürst straffte sich. „Packt eure Sachen und bereitet euch vor. In zwei Stunden verabschiede ich euch am Tiefen Hafen. Seid pünktlich, wir können uns keine weiteren Verzögerungen mehr erlauben.“
Mit diesen Worten verließ er sie. Drukil eilte hinterher, er schien diesen bedrückenden Ort nicht schnell genug verlassen zu können. Chada und Thorn blieben noch eine Weile schweigend stehen, dann gingen auch sie. Eara blieb alleine in der Kammer zurück. Sie war längst bereit; alles, was sie brauchte, trug sie bei sich. Sie wusste nicht, wohin sie sollte, also blieb sie einfach stehen. Stille breitete sich aus, und auch wenn Leander nie davon erzählt hatte, wusste sie, er hätte diese Stille geliebt. Also störte sie die Stille nicht. Die Worte, die in ihr aufsteigen wollten, die die Stimme der Schwäche ihr zuflüsterten, wurden verdrängt und weggeschlossen. Sie brauchte keine nutzlosen Worte, um irgendwelche Gefühle zu verarbeiten, denn sie hatte beschlossen, nichts zu fühlen. Gefühle entstanden nur im Geist. Sie zeigten sich nicht in der äußeren Welt. Sie ließen sich nicht präzise fassen. Sie waren unscharf und verschwommen. Um fühlen zu können, hätte Eara erst bestimmen müssen, was Gefühle waren, und eine solche Bestimmung gab es nicht. Also fühlte sie nichts.
Du unterdrückst mit deinen Emotionen auch alles, was deinen Zielen Bedeutung verleiht. Deinen wichtigsten Antrieb.
Eara zuckte zusammen. Verwirrt blinzelnd sah sie sich in der einsamen Kammer um. Schmerzhaft fest schloss sie die gesunde Hand um ihren schwarzen Stab. Leander war tot. Er würde sie nicht mehr mit seinen klugen Sprüchen quälen. Er würde ihre Gefühle nicht mehr befreien können. Fast war sie erleichtert. Aber natürlich nur fast.
Sie betrachtete Leanders erstarrtes Antlitz, während noch andere Gesichter vor ihren Augen vorbeizogen. Der alte Koraph. Ihr Mentor Torven. Der liebenswerte Hedal. Die unschuldige Kimbu. Sie alle sprangen aus ihrem Gedächtnis hervor und ließen sich nicht wieder einsperren. Die Stimme der Schwäche flüsterte unaufhörlich. Nagte und nagte an ihr und dem Eis, mit dem sie sich umgab. Unablässig. Egal, was sie tat, die Stimme der Schwäche ließ sich nicht vertreiben. Sie kehrte zurück und nagte weiter. Kleine, knirschende Zähne in ihrem Verstand. Ein fernes Wispern, das nie verstummte. Und jetzt gesellte sich auch noch Leander dazu.
Ich bin euer Freund. Trotz all der Lügen.
Sie keuchte. Ein bohrender Kopfschmerz hämmerte hinter ihrer Stirn, und Eara ertrug ihn schweigend. Nur ein Gefühl.
Erst Gefühle sind ein Anreiz dafür, die eigene Vernunft auch anzuwenden. Ohne sie wärest du nur ein kompliziertes Uhrwerk ohne Gewicht, eine Mühle auf dem Trockenen.
Sie starrte reglos auf das schmale Band um seinen Hals, das die tödliche Wunde verbarg, und holte zitternd Luft. Vergeblich versuchte sie, ihren Atem unter Kontrolle zu bringen. Leander lag still vor ihr, und sein starres Lächeln sah schrecklich unvertraut aus.
Vertraust du mir?
Laut kreischte sie auf. Ihr Schrei war kalt und ohne jede Menschlichkeit, aber er übertönte die Stimme der Schwäche und die Erinnerungen. Das schallende Echo vertrieb den Schmerz und die Stille.
Flammen brachen um sie her aus dem nackten Fels, hüllten sie ein, verschlangen Leanders Körper unter dem schwarzen Tuch und das starre, tote Lächeln, das zuletzt endlich heruntergebrannt wurde. Doch nichts davon verschaffte ihr Erleichterung. Nur ihre linke Schulter schmerzte, während die Dunkle Magie sich weiter durch ihren Körper fraß. Obwohl das Feuer Eara von allen Seiten einhüllte, glitten die Flammen harmlos über sie hinweg. Es hatte nichts mehr zu holen. Denn auch wenn ihr Fleisch unversehrt sein mochte – innerlich war Eara längst ausgebrannt.


Und an der tiefsten Stelle von Hadrias Unterwelt fraßen sich Risse durch den Boden, das Bersten des Steins überdeckt von einem lautlosen Brausen, und ungedachte Formen stiegen auf in schillernder Dunkelheit.
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Zwischenspiel XIX - Der Preis des Friedens

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:30

Zwischenspiel XIX – Der Preis des Friedens

Abenddämmerung, 28. Wintertag 77 A.Z.
Gästekammern in Roteisenstein, Cavern

Ken Dorr öffnete mit ruhigen Bewegungen das kleine schwarze Döschen und blickte durch einen Tropfen aus Quecksilber in die verzerrte Spiegelung einer halbkreisförmigen Halle. Undeutlich erkannte er die erstarrte Silhouette eines eingerollten Drachen, mit rissigen grauen Schuppen und reglos wie Stein. Wie lange noch, bis Tarok tatsächlich dazu werden würde?
„Seid gegrüßt!“, rief Ken durch das Quecksilber hinab.
Der Drache öffnete ein Auge einen winzigen Spalt. Das einstige tiefrote Glühen war fast vollkommen erloschen, und die Bewegung nahm einige Dutzend Herzschläge in Anspruch. Die Stimme, die Ken Dorr hörte, ohne dass ein Laut erklang, war nicht mehr als ein kraftloses Flüstern:
Komm später wieder. Der Schwarze Herold … ist nicht hier.
„Das macht nichts. Es wart ohnehin Ihr, mit dem ich sprechen wollte, Tarok.“
Der Drache schloss sein Auge nicht, was Ken als Zeichen wertete, fortzufahren.
„Der Herold hat mich damit beauftragt, das Herz der Geburt zu stehlen, doch die Helden bewachen es zu gut. Ich kann es ihnen nicht mit List abnehmen.“
Beklage dich … nicht bei mir!
Ken lächelte. „Ich beklage mich nicht, ich brauche nur Eure Hilfe. Wo List versagt, bleibt nur noch Gewalt. Ihr kontrolliert die geschuppten Kreaturen im ganzen Gebirge – und darunter, so hoffe ich. Die Helden von Andor ziehen zum Sternentor, dem alten Zugang nach Krahalzar. Ihr kennt es, nehme ich an?“
Sie werden … wieder umkehren müssen. Das Tor ist versiegelt.
„In zwei Nächten lässt es sich öffnen. Sie werden pünktlich dort sein, und Ihr werdet einen Hinterhalt vorbereiten. Stellt Eure Kreaturen bereit, und vollendet die Aufgabe, an der ich scheitere. Raubt ihnen das Herz der Geburt. Der Hautwandler Drukil trägt es in einem gepolsterten Beutel an seinem Gürtel. Ein Mensch mit blondem Bart und einem silbernen Reif um den Arm; Eure Kreaturen werden ihn leicht erkennen.“
Erteile mir keine Befehle, Mensch! Obwohl die lautlose Stimme keine Betonung erlaubte, spürte er Taroks Zorn unmittelbar. Kurz überkam ihn die Verachtung für diesen selbstverliebten kleinen Sterblichen, der seine Probleme nicht alleine lösen konnte.
„Es ist kein Befehl!“, meinte Ken entschieden. „Es ist eine Bitte. Stellt Euch nur vor, was geschähe, wenn die Helden überraschend einen Weg fänden, die Macht der Geburt zu nutzen!“
Weder Sterblicher noch Gott…
„… kann die volle Macht eines einzelnen Herzens nutzen, ich weiß!“, zischte Ken. „Doch es gibt Wesen, die keines von beidem sind, das wisst Ihr besser als ich. Bitte, Tarok! Zum Wohle des Ewigen Rates.“
Zum Wohle des Rates, bestätigte der Drache nach einer Weile.
Ken nickte dankbar und machte Anstalten, das Döschen wieder zu verschließen, als Taroks Stimme plötzlich ergänzte:
Wenn das Herz der Ewigkeit erst … in meinem Besitz ist, werde ich die Macht der Herzen nutzen können. Hast du … keine Angst, dass ich das gestohlene Herz … für mich selbst behalte? Dass ich … den Herold mit der Macht zweier Herzen entthrone, um ihm auch das dritte abzunehmen?
Ken lachte leise. „So etwas würdet Ihr doch niemals tun!“, behauptete er lächelnd. „Und wenn doch, bin ich sicher, dass Ihr nicht vergessen werdet, wer Euch diese einmalige Gelegenheit verschafft hat.“
Ken wartete keine Antwort ab. „Eines noch: Die Helden haben von Leanders Herkunft erfahren und ihn verstoßen. Als er dennoch zu ihnen zurückkehrte, wurde er ermordet.“
Ich werde es dem Herold mitteilen.
„Dem Herold könnt Ihr sagen, was Ihr wollt. Kapitän Callem ist es, der davon erfahren soll! Wenn Ihr ihn das nächste Mal seht …“ Ken hob den Kopf, als er plötzlich Schritte vor der Tür seiner Kammer hörte. „Ich muss aufhören.“, flüsterte er. Als es lautstark klopfte, hatte er das Döschen schon verschwinden lassen und stand neben der niedrigen Tür bereit, um sie zu öffnen.
Auf der anderen Seite lächelte Drukil ihm unsicher entgegen. Ken kniff die Augen zusammen und spähte den schmalen Gang hinunter. Wortlos zog er ihn herein und schloss die Tür, dann erst zischte er: „Hat dich jemand gesehen?“
Drukil schüttelte eifrig den Kopf. „Nein. Es ist unbemerkt hierhergekommen.“
Seufzend ließ sich Ken wieder auf seinem Bett nieder, während Drukil unbehaglich in der Mitte der kleinen Gästekammer stehen blieb. „Ich, Drukil! Wir haben darüber gesprochen! Ist es so schwer, diese kleine Silbe auszusprechen?“
„Hier hört es doch niemand.“
„Das ändert nichts!“, entgegnete Ken. „Du musst lernen, so zu sprechen wir er. So zu denken wie er. So zu sein wie er. Du musst zu deiner Rolle werden, Drukil!“
„Ich ist unbemerkt hierhergekommen.“, korrigierte Drukil pflichtschuldig.
Ken unterdrückte ein Stöhnen und gab auf. „Also, was genau sollte das mit dem Mädchen?“
„Es hat sie zum Schweigen gebracht.“, antwortete Drukil mit leerem Gesicht, das wohl unschuldig aussehen sollte.
Ken verschränkte die Arme vor der Brust. „Du weißt, was ich meine!“
„Drukil kann das bemalte Tuch nicht hören. Es wusste nichts von Leanders Warnung!“
„Die Warnung ist perfekt. Die Helden sollen mir misstrauen.“, meinte Ken abfällig.
Verwirrt blinzelte Drukil ihn an.
„Wenn du einen Mann durch sein Fenster bestehlen möchtest, dann klopfe an seine Tür.“, erklärte Ken nachsichtig. „Je weniger sie mir vertrauen, desto wichtiger ist ihnen, dass du mich überwachst. Doch wer bewacht den Wächter?“ Er grinste. „Sollen sie mir misstrauen! Sollen sie ihre gesamte Aufmerksamkeit auf mich richten! Währenddessen kannst du ungestört ihren Untergang vorbereiten!“
Ein leichtes Zittern lief durch Drukils Körper.
„Aber du lenkst ab, Drukil! Es ging mir nicht um Leanders Warnung! Erleuchte mich, Drukil: Zu welchem Zweck habe ich dir das Gift noch gleich gegeben?“
„Es soll es austrinken, wenn eine Enttarnung unvermeidbar wird. Dann schläft es, bis alles vorbei ist, und niemand kann ihm eine Antwort entlocken.“
„Du erinnerst dich also.“, rief Ken mit gespieltem Erstaunen. „Dann erkläre mir bitte, wieso du das Gift stattdessen diesem Mädchen eingeflößt hast?! Sie umzubringen wäre schneller und unauffälliger gewesen!“
Drukil sah ihn verloren an. „Es will nicht noch mehr töten.“, flüsterte er. „Der Schmied durfte auch weiterleben. Warum nicht sie?“
Ken seufzte. „Der Schmied hat, was er wollte. Den wertvollsten Schatz, den sein kleingeistiger Verstand sich vorstellen kann. Und er hat dich gesehen und wird sich einreden, dass die großen Helden von Andor alles wissen und gutheißen, egal ob das irgendeinen Sinn ergibt. Hildorf wird dich nicht verraten. Das Mädchen dagegen…“
„Es will nicht noch mehr töten!“, wiederholte Drukil stur. „Es … es schämt sich.“
Ruhig lächelte Ken. „Töten ist nicht angenehm. Ich verstehe das. Du wirst noch lernen, dein Gewissen zu überhören. Mit der Zeit wird es einfacher.“
„Aber … es ist nicht richtig!“, brach es aus Drukil hervor. In den braunen Augen glänzten Tränen.
„Oh. Nicht richtig. Ich verstehe.“, sagte Ken Dorr leise. „Was ist das denn, dieses richtig? Das kannst du mir doch sicher erklären?“
„Helfen ist richtig, und nicht schaden. Retten, und nicht töten. Die Wahrheit sagen, und nicht lügen.“, behauptete Drukil. Sein Blick ging ins Leere. „Was die Helden tun ist richtig…“, murmelte er mit wachsender Verzweiflung.
Ken holte tief Luft. „Du vergisst, auf welcher Seite du stehst.“
„Es soll zu seiner Rolle werden.“, erwiderte Drukil überraschend schlagfertig.
„Ja. Aber diese Rolle ist trotzdem nur eine Rolle!“, zischte Ken. Etwas versöhnlicher fügte er hinzu: „Du glaubst also, deine teuren Helden handeln richtig? Dann sag mir, wenn sie ein neugeborenes Kind am Wegesrand fänden, was würden sie tun?“
„Es zu seinen Eltern bringen.“, behauptete Drukil überzeugt.
Ken kicherte leise. „Und was, wenn dieses Kind ein Skral ist?“
Drukil blinzelte unsicher und schwieg.
„Dann könnte es sich glücklich schätzen, wenn sie es am Leben ließen!“, antwortete Ken an seiner Stelle. „Sie würden es anders behandeln, einfach weil es ein Skral ist, und kein Mensch oder Zwerg. Doch weshalb? Skrale können fühlen wie wir. Sie können sprechen und denken, sofern sie etwas älter sind. Was unterscheidet sie von uns?“
„Sie … fressen Menschen…“, entgegnete Drukil unsicher.
„Der Wolf oder der Hase, wer rennt um sein Überleben?“, fragte Ken, und während Drukil noch seinen Mund öffnete, erklärte er: „Sie beide, Drukil! Der eine, um nicht gefressen zu werden, der andere, um nicht zu verhungern.“
Drukil klappte den Mund wieder zu und runzelte ratlos die Stirn.
„Außerdem, Drukil: Ist ein Skral wirklich die größere Bedrohung? Wie viele Skrale haben einen Sitz im Ewigen Rat? Und wie viele Menschen?“
Drukil setzte mehrfach zu einer Erwiderung an und brach wieder ab. Schließlich fragte er nur leise: „Würdest du das Skralkind retten?“
Ken lachte. „Nein, natürlich nicht. Aber wenn ich es umbringen würde, dann nicht, weil es richtig ist, sondern einfach, weil ich keine Skrale mag! Und die Helden sind genau so. Sie verteidigen die einen und töten die anderen, weil sie Erstere mehr mögen. Und wenn sie es im Namen irgendeiner ewigen Moral tun, dann belügen sie sich nur selbst damit. In Wahrheit folgen sie einfach ihrem Gefühl.“
„Eara …“, setzte Drukil stockend an.
„Eara?“, unterbrach Ken. „Ausgerechnet sie willst du zu deinem Vorbild nehmen? Die gnadenlose Magierin, die Schmerz und Angst um sich sät? Die so sehr ihrer kalten Vernunft verhaftet ist, dass sie jeden gesunden Menschenverstand verloren hat?“
Drukil senkte den Blick. „Aber … das Kind zu retten ist richtig!“, murmelte er. Ken war sich nicht sicher, ob er sich damit auf das fiktive Skralkind oder das schlafende Mädchen bezog. Es spielte auch keine Rolle.
„Drukil.“, meinte er sanft. „Ein solches Richtig, wie du es dir vorstellst, gibt es nicht.“
„Warum nicht?“, flüsterte Drukil. „Das weißt du nicht.“
Ken breitete die Arme aus. „Dann gehe hinaus in die Welt, und suche danach! Nimm einen Käfig mit, fange ein Richtig ein, und zeige es mir! Dann erst hast du mich überzeugt!“ Er ließ die Arme wieder sinken. „Doch du wirst feststellen, dass du es nicht finden wirst, egal wie lange du suchst. Ich habe es nicht gefunden. Die Helden haben es nicht gefunden. Niemand hat es je gefunden. Und so streiten die großen Denker sich weiter, wie dieses Richtig aussieht, ohne jemals voranzukommen. Weil sie nicht einsehen wollen, dass all ihr Streiten fruchtlos ist! Richtig und Falsch gibt es nicht in der Welt da draußen, Drukil! Es gibt sie nur in uns.“
Ken legte sich eine Hand auf die Brust, und Drukil tat erstaunt dasselbe.
„Wir haben diese Begriffe erfunden, Drukil. Wir haben sie uns ausgedacht. Jeder einzelne von uns. Und es liegt einzig an uns selbst, zu entscheiden, was sie bedeuten sollen. Was für den einen richtig ist, mag für den anderen falsch sein. Was ich heute noch tun soll, mag ich morgen verhindern müssen. Und wenn es für den Schwarzen Herold richtig ist, die Welt für seine Rache zu opfern, und für die Helden, sie zu bewahren – dann sei es so. Ich urteile nicht. Ich benutze den, der für meine Ziele nützlich ist, und bekämpfe den, der ihnen im Wege steht, doch weder bin ich dem einen dankbar, noch dem anderen böse. Sie alle tun, was für sie das Richtige ist, und ich tue dasselbe für mich. Wir alle streben nach den Dingen, nach denen wir streben. Wir alle tun, was wir tun, weil wir es wollen.“
Drukil hob hoffnungsvoll den Blick. „Und wenn es für Drukil richtig ist, nicht mehr zu töten?“
„Wenn du das entscheidest, dann ist das so.“, lächelte Ken. „Doch ich rate dir, diese Entscheidung zu überdenken. Diese Welt besteht aus Unterdrückern und Unterdrückten, und du gehörst zu den wenigen Glücklichen, die entscheiden können, auf welcher Seite sie stehen wollen. Du magst doch den Wald, Drukil? Die Natur?“
Drukil nickte schwach.
„Natürlich tust du das. Du bist genau wie dein Ebenbild.“, meinte Ken lächelnd. „Warum magst du den Wald, Drukil? Genießt du die Harmonie der Natur? Ihren Frieden?“
Langsam begann Drukil zu nicken.
„Dann bist du ein Narr!“, stieß Ken verächtlich hervor. „In dieser Welt herrscht kein Frieden, sondern ewiger Krieg! Ein Kampf eines jeden gegen jeden! Hast du dir diesen Wald, den du so liebst, jemals genau angesehen? Du bist umgeben von verwesendem Laub und faulendem Holz. Um dich sind unzählige Pflanzen, die sich gegenseitig überwuchern und zu Boden wälzen, die einander erwürgen, aussaugen oder als schnellen Weg zum Licht missbrauchen. Oh, das Licht. Wie sie darum kämpfen! Wie sie jeden Sonnenstrahl abfangen, und alle, die kleiner sind als sie, mit aller Macht im Schatten halten! Die Pflanzen sind gefangen in ihrem ewigen Ringen ums Licht. Sie brauchen ihre harte Rinde, ihre scharfen Dornen, ihr beißendes Gift – und doch sterben sie, auf die eine oder andere Weise. Selbst die Pflanzen töten, Drukil. Warum also solltest du es nicht auch tun?“
Drukil atmete schwer. „Weil Drukil den Krieg nicht will. Was, wenn einfach alle damit aufhören?“, keuchte er.
Ken schluckte. Er spürte eine vertraute Wehmut in sich aufsteigen. „Ja, das wäre schön, nicht wahr?“, meinte er. „Einfach alles hinter sich lassen. Den Krieg beenden. Es ist schön, sich eine solche Welt auszumalen. Eine Welt, in der nicht der Stärkste alles Licht an sich reißt, sondern in der wir in ordentlichen Reihen stehen wie die Ähren auf dem Feld. In der wir gleichmäßig zum Licht wachsen, und uns stützen, anstatt uns niederzudrücken. In der wir die harte Rinde ablegen, und die scharfen Dornen, und das beißende Gift, und in der wir einfach das Licht aufnehmen und uns im goldenen Glanz der Gemeinschaft sonnen.“
Kurz wanderte Kens Blick in die Ferne, während Frieden ihn erfüllte. Doch rasch kehrten seine Gedanken in die echte Welt zurück. Schwermütig fuhr er fort: „Bis der Herbst kommt. Und der Bauer, mit seiner scharfen, scharfen Sense. Die mit jedem Streich Dutzende von Halmen köpft. Weil sie alle auf genau der gleichen Höhe wachsen. Weil sie ihre harte Rinde abgelegt haben. Und ihre scharfen Dornen. Und ihr beißendes Gift. Weil es nichts mehr gibt, was Widerstand leisten kann. Und nach kürzester Zeit sind alle Ähren fort. Nur das Unkraut auf dem Boden bleibt zurück. Es allein kann sprießen und sich ausbreiten. Die anderen Kräuter zu Boden drücken und alles Licht an sich reißen, bis andere kommen, die noch stärker sind. Und so beginnt alles von vorne.“
Seufzend schüttelte Ken den Kopf. „Also, was soll es sein, dein Richtig? Willst du zu den Helden von Andor gehen und mich verraten? Dann sei es so. Natürlich werde ich versuchen, dich aufzuhalten, doch die Entscheidung liegt bei dir.“
Unsicher sah Drukil ihn an. Ken wartete und beobachtete Drukil, bis er die ersten Anzeichen einer kommenden Entscheidung ausmachen konnte, dann fragte er beiläufig: „Was weißt du über Leander?“
Sichtlich verwirrt öffnete Drukil den Mund. Es kam keine Antwort, und Ken hatte auch keine erwartet. Ruhig sagte er: „Er hat die Helden lange begleitet und an ihrer Seite gekämpft. Doch sie haben ihn verstoßen. Weißt du, weshalb?“ Ken lächelte traurig. „Weil er sie von Anfang an belogen hatte. Weil er sich als jemand ausgab, der er nicht war. Er kam zu ihnen, um sie zu vernichten, für die Rachegelüste eines anderen. Doch er fand zu ihnen. Er wurde wahrhaft zu einem der ihren! Bis sie herausfanden, was er wirklich war. Ein Lügner und ein Mörder. Einer, der ihr Vertrauen missbraucht hatte, und der die Schuld trug am Tod eines alten Freundes.“
Drukils Zweifel waren offensichtlich. Eindringlich fuhr Ken fort: „Du kannst keine Dankbarkeit von ihnen erwarten. Du weißt, welches Ende Leander fand. Und du kannst von Glück reden, dass sie es nicht wissen. Wenn du den Ewigen Rat verlässt, wirst du wahrhaft allein dastehen. Doch wenn du dein Richtig so wählen möchtest, dann sei es so.“
Viele Herzschläge stand Drukil da wie erstarrt. Dann schüttelte er sich. „Nein.“, flüsterte er. „Das ist kein gutes Richtig. Drukil … muss ein anderes finden. Es muss …“ Er sah Ken aufmerksam in die Augen. „Was ist dein Richtig?“
„Mein Richtig?“, murmelte Ken amüsiert. „Von allen Gütern, nach denen wir streben können, ist die Macht das Reinste. Egal, was wir sonst wollen, sei es Glück, Wissen, ein langes Leben oder Reichtum, mit genug Macht können wir es erreichen. Sie lässt sich gegen alles eintauschen. Wonach sollte ich also streben, wenn nicht nach ihr?“
Drukil sah ihn ernst an. „Sag du es.“, flüsterte er. „Es ist nicht Macht allein. Was willst du wirklich?“
Ken erstarrte. „Du bist gut.“, meinte er dann. „Besser als der echte Drukil. Er hätte nie in Erwägung gezogen, dass es mir um mehr als bloße Macht gehen könnte. Ja, der Ewige Rat gibt mir Macht, doch du hast recht: Das ist nicht der einzige Grund, aus dem ich ihm folge. Lange Zeit ging es mir einzig um mich selbst. Ich hielt alle, die sich ein anderes Ziel als sich selbst gesetzt hatten, für schwach oder dumm. Doch dann wurde ich getötet. Ich trug eine Krone und war der Herr einer ganzen untoten Armee, und doch war ich ein Sklave. Ein Folterknecht. Meine Gedanken gehörten nicht mir selbst. Der einzige Wunsch, der wirklich aus mir entsprang, war der Wunsch nach … Frieden. Und diesen Wunsch habe ich behalten. Die Welt, die ein goldenes Feld ist und kein kranker Wald … lange hielt ich sie für unmöglich. Doch es gibt einen Weg! Die Halme können sich nicht wehren gegen die Sense. Also müssen wir die Sense sein!
Der Schwarze Herold besitzt unvergleichliche Macht. Jeder, der sich auflehnt, wird vernichtet. Nichts kann sich ihm in den Weg stellen. Alles beugt sich seinem Willen. Wenn der Ewige Rat erst herrscht, dann kann es keinen Krieg mehr geben. Jeder Widerstand wird im Keim erstickt. Ein Frieden, der freiwillig geschlossen wird, kann nicht von Dauer sein. Es wird immer solche geben, die sich einen Vorteil davon erhoffen, ihn zu brechen. Doch ein Frieden, der mit eiserner Hand aufgezwungen wird, kann Erfolg haben.“
Drukil sah ihn mit großen Augen an. „Dieser Frieden ist auf Blut gebaut. Auf der ewigen Rache und dem Leid ganzer Völker. Sie würden es nicht wollen.“
„Ich tue es nicht für sie.“, lächelte Ken. „Ich will Frieden. Was andere wollen, ist ihre Sache. Verstehe mich nicht falsch, auch ich wünsche mir einen Frieden, den nicht ausgerechnet dieser wahnsinnige Geist beherrscht. Wenn es einen anderen Weg gäbe, dann würde ich ihn wählen. Doch einen solchen Weg gibt es nicht. Ja, Drukil, dieser Frieden ist gebaut auf ewiger Unterdrückung, auf ungezählten Morden und gewaltigem Leid. Doch wenn das der Preis des Friedens ist, dann bin ich bereit, ihn zu zahlen.“
Drukils Unverständnis war offenkundig. „Du musst mir nicht zustimmen.“, beruhigte Ken ihn. „Finde das, was für dich das Richtige ist. Finde ein Ziel, nach dem du streben möchtest. Ich kann dir dabei nicht helfen.“
Drukil nickte nachdenklich. Er brauchte Zeit für sich, das erkannte Ken, doch bedauerlicherweise war die ihm nicht vergönnt.
„Ich nehme an, wir brechen bald auf?“
Drukil nickte steif. „Vor einer Stunde war es in zwei Stunden. Treffen am Tiefen Hafen.“
„Dann solltest du nicht länger bleiben. Komm her und gib mir die Frucht.“
Überrascht legte Drukil eine Hand auf den Beutel an seinem Gürtel. „Warum?“
„Der Schwarze Herold hat mir den Auftrag gegeben, sie in meinen Besitz zu bringen.“, erklärte Ken. „Und sie ist nicht sicher bei dir.“
Verwirrt runzelte Drukil die Stirn. Doch was immer in ihm vorging, schließlich nickte er und holte die tote Frucht aus dem Beutel. Behutsam nahm Ken sie entgegen. Er schloss die Augen und versuchte, sich in die gewaltige Macht im Inneren einzufühlen. Langsam hob er den Arm, stellte sich vor, wie er die Macht des Anbeginns entfesselte – doch nichts geschah. Ken Dorr hatte nichts anderes erwartet. Seufzend grub er aus seinen Taschen die falsche Frucht aus, die er seit Danwar mit sich herumtrug, und legte das echte Herz an seine Stelle. Die Kopie reichte er Drukil.
„Sie sieht nicht gleich aus.“, stellte der fest. „Die Risse sind anders. Das Licht ist nicht so hell.“
„Sie sind ähnlich genug!“, entschied Ken. „Und jetzt geh! Wenn deine „Freunde“ mit dir aufbrechen wollen, solltest du nicht hier sein.“
„Ja. Drukil geht zurück in seine Kammer und wartet.“, antwortete Drukil artig.
Ken lächelte und deutete zur Tür. „Ach, und schrei mich an, wenn du gehst. Dass ich verdorben bin und du mir nicht vertraust, oder so. Vielleicht ist ja jemand in der Nähe. Und du sollst schließlich zu deiner Rolle werden.“
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W - Krahalzar

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:31

W – Krahalzar

Frühe Nacht, 28. Wintertag 77 A.Z.
Tiefer Hafen in den südlichen Tiefminen, Cavern

Chada wusste aus Werftheim, wie Häfen aussahen. Molen, die weit ins ruhige Wasser ragten, Boote und Schiffe von unterschiedlichster Art und Größe, emsige Matrosen und aufdringlich kreischende Möwen. Der Tiefe Hafen hatte nichts davon. Er war kaum mehr als eine dunkle, enge Höhle, durch den der Tatru an einer längst glattgeschliffenen Kaimauer entlangrauschte. Vom Wasser abgesehen war es totenstill. Lichtquellen gab es keine, wenn nicht gerade einer der ohne Vorwarnung auftretenden Feuerstöße durch die Gänge fegte. Nur die Fackeln der wartenden Zwerge spendeten etwas Licht.
Fürst Kram und Fürstin Marun waren gekommen, um sie zu verabschieden. Vier Schildzwerge begleiteten sie, jeder von ihnen trug einen der Mächtigen Schilde. Chada erkannte nur einen von ihnen: Brolaf, den korpulenten Herold der Schildzwerge. Er hatte eine dröhnende Stimme, die er jedoch nur selten erhob, und trug stets eine finstere Miene zur Schau – so auch jetzt, trotz des angeblich Freundschaft stiftenden Bruderschildes auf dem Rücken. Sie hatte vor über elf Jahren flüchtige Bekanntschaft mit ihm geschlossen, und er schien sich nicht groß verändert zu haben, nur eine wulstige Narbe zerteilte neuerdings seine kahle Stirn. Ein gezeichneter Verkünder, schoss es ihr durch den Kopf, ehe sie sich den drei unbekannten Zwergen zuwandte. Es waren ein älterer Zwerg mit Hakennase, der mit seinem leichten, silbern glänzenden Kettenhemd, dem silbergrauen Bart und dem Sturmschild in der Hand geradewegs von den Silberzwergen hätte kommen können, ein stattlicher Zwerg in schwerer Plattenrüstung, mit blondem Bart und einem gewaltigen Kriegshammer, dessen Augen ebenso tiefblau strahlten wie der Sternenschild in seinen Händen, sowie eine unauffällige, braunhaarige Zwergin, die keine Rüstung trug, sondern komplett in leichte, schwarze Gewänder gehüllt war, und die – vom matt schimmernden Feuerschild einmal abgesehen – keine sichtbaren Waffen mit sich trug.
„Willkommen!“, rief Kram, als er Chada, Thorn und Drukil bemerkte. Ken Dorr und Eara waren bereits vor ihnen eingetroffen und blickten ihnen einträchtig schweigend entgegen. Ein merkwürdiger Geruch wie von Rauch hing in Earas Kleidern.
„Alle hier?“, fragte Chada. Sie musterte die vier Zwerge mit ihren Schilden. „Ich hatte mit einem größeren Trupp gerechnet.“
Kram lächelte gequält. „Wenn der Herold seine Macht entfesselt, nützt euch auch keine Armee. Wo zehn versagen, würden es auch zehntausend.“ Er seufzte. „Aber vor allem gibt es nur zehn Plätze auf dem Boot.“
Als Chada näherkam, erkannte sie im Zwielicht ein Objekt, das sie beim besten Willen nicht als „Boot“ bezeichnet hätte. Im schwarzen Wasser schwamm eine aberwitzig flache Metallschüssel ohne klares Vorne und Hinten. Ein Band aus unscheinbaren Runen zog sich um den kreisrunden Rand, weitere Zeichen waren an verschiedenen Stellen ins Metall graviert. Obwohl der Tatru reißend um sie dahinfloss, bewegte sie sich nicht vom Fleck. Auf der spiegelnden Oberfläche saß die alte Runenmeisterin Mralla in einem kleinen Kreis aus bunt glühenden Runen, auf die sie konzentriert eintippte. Ihr schlohweißes, lichtes Haar schimmerte matt.
„Auf diesem Ding sollen wir fahren?“, fragte Thorn, was auch Chada soeben in den Sinn kam.
„Keine Sorge, solange eure Runenmeisterin weiß, was sie tut, seid ihr sicher. Und Mralla weiß sehr genau, was sie tut.“
„Ja, und zwar warten!“, rief die Alte mit brüchiger Stimme. „Alle an Bord, los, los! Die Runen verlieren mit jedem Moment, den sie sich gegen das Wasser stemmen müssen, weiter an Energie. Und ihr wollt nicht unterwegs sein, wenn alles aufgebraucht ist!“
Der blonde Zwerg mit dem Kriegshammer sprang ohne zu zögern von der niedrigen Mauer auf die flache Scheibe, die trotz seiner schweren Rüstung nicht einmal schwankte. Die anderen Zwerge folgten etwas verhaltener.
„Sie sind nicht viele, aber handverlesen.“, meinte Kram leise. „Ich würde euch mehr zu ihnen sagen, aber du hast Mralla ja gehört. Ihr werdet genug Zeit haben, euch miteinander bekannt zu machen, daher nur so viel: Ihr könntet euch keine besseren Begleiter wünschen.“
Wir wünschen uns dich, dachte Chada, doch sie sprach es nicht aus. Kram hatte sich für seinen Platz entschieden, und sie konnte ihn verstehen. „Danke.“, meinte sie also.
Kram lächelte, doch seine hellbraunen Augen blickten ernst. „Es ist auch mein Reich, das auf dem Spiel steht.“
Ohne Ankündigung trat er auf Chada zu und umarmte sie auf Bauchhöhe, dass ihr die Luft aus den Lungen gepresst wurde. „Kommt bloß gesund zurück!“, knurrte er. „Wenn du es wagst, dich ausgerechnet von einem Toten umbringen zu lassen, dann wirst du es bereuen!“
Chada hechelte nach Luft und musste gleichzeitig lächeln. „Ich habe versprochen, den Ewigen Rat zu zerschlagen, und ich werde dieses Versprechen halten.“, sagte sie fest, nachdem sie wieder zu Atem gekommen war.
Kram nickte, dann sprach er in die Runde: „Passt auf euch auf!“
„Und auf Ken Dorr.“, fügte Marun etwas leiser hinzu.
Der Dieb seufzte resigniert, nahm den Rucksack auf, den er zu Boden gelegt hatte, und kletterte den Schildzwergen hinterher auf ihr Gefährt. Chada folgte ihm, während Thorn, Drukil und sogar Eara Krams Umarmung widerstandslos über sich ergehen ließen.
Das Metall hörte sich beängstigend dünn an unter ihren Füßen, und es blieb Chada ein Rätsel, wieso die Scheibe nicht von den nur ansatzweise nach oben gewölbten Rändern her längst überflutet wurde. Sie schluckte ihr mulmiges Gefühl hinunter und setzte sich in einen engen Kreis aus Runen ganz am Rand der Scheibe, zu dem Mralla sie mit Blicken dirigierte. Die feinen Gravuren im Metall strahlten eine sanfte Wärme aus.
Es dauerte nicht lange, bis alle auf ihren Plätzen saßen, die Taschen auf dem Schoß. „Die hinteren Teile unserer Strecke wurden seit vielen Jahrhunderten nicht mehr befahren. Uns könnten ein paar Hindernisse bevorstehen. Aber egal was geschieht, verlasst nicht euren Kreis, bis ich es sage!“, befahl Mralla. „Alle bereit?“
Chada nickte unglücklich, auch die anderen signalisierten mehr oder weniger deutlich ihre Zustimmung.
Mralla flüsterte einige Worte. Plötzlich begannen die Runen im Metall verschiedenfarbig zu leuchten, und auch Mrallas Augen glommen bunt auf. Chada fühlte sich merkwürdig leicht. Dann berührte die Runenmeisterin ein paar der Zeichen, und mit einem Mal war die unnatürliche Ruhe, mit der die Scheibe im Fluss gelegen hatte, verschwunden. Das Wasser drückte sie mit aller Gewalt den Fluss hinunter, sie wurden kurz nach oben gehoben und dann schräg auf die Seite gelegt. Sie schossen so schnell davon, dass Chada fast aus ihrem Kreis gerutscht wäre und sie das Gefühl hatte, ihren Magen zurückgelassen zu haben. Nur, weil sie ohnehin schon in die richtige Richtung geblickt hatte, konnte sie noch einen letzten Blick auf Kram und Marun erhaschen, die Hand in Hand am Ufer des Tatru standen und ihnen sorgenvoll nachblickten, bis ihr metallisches Boot im brechreizerregenden Tempo um eine Biegung schoss und das Fürstenpaar aus ihrer Sicht verschwand.


Später Vormittag, 29. Wintertag 77 A.Z.
Flusslauf des Tatru, unter dem Grauen Gebirge

Chada hätte unmöglich sagen können, wie lange sie unterwegs waren. Es gab hier unten keine Tageszeiten mehr, das einzige Licht kam von den leuchtenden Runen der Scheibe. Die meisten glühten nur schwach, doch in regelmäßigen Abständen waren ins Metall weiß strahlende Runen eingelassen, von denen Chada die Vermutung hatte, dass sie nur als Lichtquelle dienten. Auch ihr Lichtschein verlor sich nur wenige Schritt vor und hinter ihnen, doch das schien Mralla zu genügen, um eventuellen Hindernissen auszuweichen. Wenn vor ihnen eine Biegung, ein herabgestürzter Fels oder ein von der Decke hängender Tropfstein auftauchten, drückte sie eilig eine Rune und die Scheibe änderte augenblicklich ihre Richtung. Chada versuchte, nicht zu sehr darüber nachzudenken, dass ein einziger Fehler Mrallas von ihnen nicht mehr als einen hässlichen Fettfleck an den Wänden übriglassen würde. Mit der Zeit gewöhnte sie sich an die Geschwindigkeit, und ihr Magen tat freundlicherweise das gleiche. Von da an verlief die Reise im Wesentlichen ereignislos. Es war zu laut, um ein Gespräch zu beginnen, an Schlaf war nicht zu denken, daher konnte sie nur warten, ins Wasser starren und manchmal ein Detail erkennen, ehe sie vorbeigerauscht waren.
Ein armlanger weißer Fisch mit stacheligen Zähnen und ohne Augen, der nach ihnen schnappte, als sie vorbeifuhren. Eine Höhle voller funkelnder weißer Kristalle. Ein Schatten am Grund des Flusses, der eine reglose Gestalt sein konnte, die zu ihnen aufblickte, oder einfach eine ungewöhnliche Felsformation. Eine große Metallscheibe, verbogen und verrostet, die halb in einer Felsspalte klemmte. Bei diesem Anblick meldeten sich kurz wieder Chadas Zweifel zu Wort, wie sehr sie den Reflexen einer steinalten Zwergin eigentlich trauen konnten.
Sehr weit, wie sich herausstellte. Einmal versperrte ihnen ein Geröllsturz den Weg, und die Runenmeisterin musste so plötzlich bremsen, dass Chada einmal mehr fast ihre letzte Mahlzeit verloren hätte. Doch ihr Boot kam unbeschadet zum Stehen, Mralla ließ sie aussteigen, die flache Scheibe – mitsamt ihr darauf – hochheben und auf der anderen Seite wieder ins Wasser setzen. Ein andermal, als sich die Decke der langen Höhle bis ins Wasser herabsenkte, schrie Mralla etwas, was im Nachhinein wohl ein „Luft anhalten!“ gewesen war, dann drehte sich die ganze Scheibe um und sie hingen im Wasser und mussten mitanhören, wie der Fels ohrenbetäubend über die ehemalige Unterseite kreischte. Als sie auf der anderen Seite wieder zurückgedreht wurden, waren sie klatschnass und durchgefroren, ansonsten jedoch unversehrt.
Schließlich wurde die Scheibe langsamer und kam in einer großen, offenen Höhle ganz zum Stehen. Das Licht der Runen verlor sich schnell zwischen natürlichen steinernen Säulen. Am Rand des Flusses waren einmal Treppen in den Stein geschlagen gewesen. Das Wasser hatte sie fortgewaschen, nur ihre groben Umrisse waren noch zu erkennen.
„Ihr könnt eure Kreise jetzt verlassen.“, krächzte Mralla heiser. Ihre Hände zitterten, als sie sie von den Runen nahm. „Den Rest des Weges müssen wir zu Fuß zurücklegen.“
„Der Mutter sei Dank!“, keuchte Thorn mit bleichem Gesicht. Chada musste unwillkürlich schmunzeln. Auch sie hatte diese Fahrt keineswegs genossen. Erleichtert stand sie auf und verzog das Gesicht, als ihre eingeschlafenen Beine protestierten. Den anderen schien es ähnlich zu gehen, wie ihre vorsichtigen Bewegungen zeigten.
Umständlich kletterten sie an Land und streckten die Beine aus. „Nie wieder steige ich auf diese Höllenmaschine!“, stieß Thorn hervor.
Mralla, die als letzte noch an Bord stand, sah ihn lange an. „In der Tat.“, flüsterte sie dann schwach. Mit knackendem Rücken beugte sie sich nach unten und berührte eine eckige Rune, die außerhalb der anderen angebracht war. Das fahle Glühen, das aus den unzähligen Runen drang, wurde allmählich schwächer, und Wasser ergoss sich vom Rand her auf die Scheibe. Eilig half Chada der alten Runenmeisterin an Land, während unten die Scheibe langsam im unterirdischen Fluss versank. Im schwachen Licht meinte Chada kurz, am Grund des Flusses noch gut ein Dutzend weiterer Scheiben auszumachen, so abgeschliffen und von Rost zerfressen, dass die Zeichen auf ihnen längst verschwunden waren. Dann erloschen die Lichter im Wasser endgültig, und Dunkelheit hüllte sie ein.
„Ihr habt sie versenkt?“, fragte Ken Dorrs hohe Stimme.
„Die Runen haben alle Kraft aus dem Eisen gezogen. Diese Scheibe war nichts mehr als ein poröses Stück Metall, mit dem selbst der beste Schmied nichts anfangen kann.“, erwiderte Mralla gereizt. Chada hörte sie in irgendwelchen Beuteln wühlen, dann entflammte plötzlich eine flache Steintafel, auf die mit leuchtender Farbe eine einzige Rune gemalt war. Mralla lehnte die Tafel an eine Wand, öffnete ihre Tasche und holte eine leichte Decke heraus. „Und jetzt lasst mich schlafen! Sonst könnt Ihr das Sternentor alleine öffnen.“
„Wir legen eine Rast ein.“, stimmte Chada zu. „Ich bin mir sicher, wir alle können etwas Ruhe gebrauchen. Mralla, wie lange können wir bleiben, wenn wir rechtzeitig ankommen wollen?“
„Wir sind besser durchgekommen, als ich befürchtet hatte.“, murmelte die Alte. „Wir haben genug Zeit, damit eine alte Frau ein Schläfchen halten kann. Ich werde schon rechtzeitig aufwachen.“ Mit diesen Worten zog sie die Decke über den Kopf und reagierte nicht mehr auf Ansprache.
Die anderen versammelten sich noch kurz um die leuchtende Rune und legten eine schnelle, schweigsame Brotzeit ein, dann legten auch sie sich nach und nach in einen Kreis, jeder in die eigenen Decken oder Umhänge eingewickelt. Obwohl sie sich alle seit Stunden nicht bewegt hatten, hatte die Fahrt sie ausgelaugt. Eara und der blonde Zwerg mit dem Kriegshammer meldeten sich freiwillig als Wachen. Chada überlegte, dass sie noch immer nicht die Namen ihrer Begleiter kannte. Sie würde nach der Rast versuchen, ins Gespräch zu kommen.
Und obwohl ganz in der Nähe unaufhörlich der Tatru rauschte und Chada wusste, dass sie Alpträume von einer viel zu schnellen Fahrt über einen feindseligen Fluss haben würde, schlief sie in kürzester Zeit ein.


Später Nachmittag, 29. Wintertag 77 A.Z.
Flusslauf des Tatru, unter dem Grauen Gebirge

Nach ein paar Stunden Schlaf und einer weiteren Mahlzeit brachen sie auf und ließen das stete Rauschen des Tatru hinter sich. Mralla führte sie durch enge, gewundene Wege, die offensichtlich nicht an menschliche Größen angepasst waren; selbst die Zwerge mussten gelegentlich die Köpfe einziehen. Das einzige Licht spendeten die Leuchtrunen auf flachen Tafeln, die Mralla verteilt hatte. Sie kamen nur langsam voran, bis sie endlich einen breiteren Hauptweg erreichten. Es war ein schlichter Tunnel, lang und schnurgerade, in dessen Boden Schienen gelegt waren. Kurz fürchtete Chada eine weitere Fahrt auf einem viel zu schnellen Transportmittel, doch der desaströse Zustand der Schienen und das Fehlen jeglicher Wagen vereitelten das. Also liefen sie zu Fuß. Hin und wieder zweigte an den Seiten ein schmaler Gang ab, doch sie verließen den Hauptweg nicht. Mralla fiel mit der Zeit immer weiter zurück. Sie setzte nur vorsichtige Schritte und keuchte schwer, bis der blonde Zwerg mit dem Kriegshammer anbot, sie ein Stück zu tragen. Sie funkelte ihn beleidigt an, setzte eine verbissene Miene auf, und plötzlich schien sie um ein Vielfaches schneller zu werden. Wenn Chada nicht aus dem Augenwinkel gesehen hätte, wie der missmutige Brolaf beiläufig den Bruderschild auf seinem Rücken berührte, sie hätte sich die frische Kraft der Alten nicht erklären können. Schon bald hatte sich Mralla an die Spitze gesetzt und lief, noch immer beleidigt schweigend, vorneweg.
Nachdem sie eine Weile durch den eintönigen Gang marschiert waren, beschloss Chada, dass es an der Zeit war, ihre Begleiter kennen zu lernen. Doch scheinbar war sie nicht die einzige mit diesem Einfall. Noch bevor sie ihren Entschluss in die Tat umsetzen konnte, bemerkte sie den blonden Zwerg in schwerer Rüstung, der zu ihr aufholte und andeutungsweise salutierte. In der anderen Hand hielt er den Sternenschild. „Gestattet Ihr, dass ich mich vorstelle?“
Thorn grinste angesichts des förmlichen Tons.
„Ich bitte darum. Ihr seid mir nur zuvorgekommen.“, meinte Chada freundlich.
Eindringlich blickte er Chada an. „Ihr könnt mich ruhig duzen.“
„Nur wenn du dasselbe tust.“, lächelte Chada.
Der Zwerg lachte. „Das ist erleichternd! Leere Höflichkeiten und geschwollene Anreden haben ihren Platz, aber der ist nicht auf dem Schlachtfeld.“ Fast entschuldigend fügte er hinzu: „Ich war mir nicht sicher, welchen Ton eine Prinzessin verlangen würde.“
„Ich stehe über niemandem, der sein Leben gegen den Ewigen Rat aufs Spiel setzt.“, antwortete Chada bestimmt. „Und nachdem du schon weißt, wer ich bin, finde ich es an der Zeit, dass wir das gleiche über dich erfahren.“
Der Zwerg nickte. „Ich bin Mortack, Sohn des Eidin, aus der Familie der Steinsangs.“ Er legte eine bedeutungsvolle Pause ein und blinzelte, als weder Chada noch Thorn irgendeine Reaktion zeigten. „Euch sagt dieser Name nichts, habe ich recht?“
Chada schüttelte knapp den Kopf. „Sollte er?“
„Nein, seid froh!“
Thorn schnaubte. „Jetzt bin ich erst recht neugierig.“
Mortack seufzte. „Die Steinsangs sind eine der ältesten Familien Caverns. Wir führen unsere Linie direkt auf den großen Eibert zurück, und wir haben mehrere Fürsten gestellt. Wir sind bekannt für die stabilsten Stollen und die ausgefeiltesten Bauwerke Caverns. Und ich bin der älteste Sohn von Eidin Steinsang, dem Oberhaupt unserer Familie. Von Kindheit an wurde ich auf seine Nachfolge vorbereitet.“ Der finstere Ausdruck in seinen blauen Augen machte deutlich, was er davon hielt.
„Du warst … unzufrieden.“, vermutete Chada.
„Ha! Ich habe es gehasst! Diese ständige Etikette, die Lektionen in Handelsrecht und Architektur! Ich war nie dafür gemacht. Mir fehlte es an Geduld. Also bin ich zur Armee gegangen. Sollen meine Brüder sich um meinen Platz streiten.“ Er grinste gehässig.
„Warum hat Kram gerade dich ausgewählt?“, wollte Thorn wissen.
„Drei Gründe:“ Mortack hob drei Finger und zählte sie der Reihe nach herunter. „Erstens: Ich bin ein guter Krieger. Man nennt mich den Eisernen, weil ich jeden Treffer einfach wegstecke und weitermache. Ich fürchte mich nicht vor Schmerzen. Sie zeigen mir, dass ich am Leben bin.
Zweitens: Fürst Kram weiß, dass er mir vertrauen kann. Ich habe damals dafür gesorgt, dass sich meine Familie nicht für die Wahren Schildzwerge aussprach. Die Steinsangs waren eine der wenigen ehrwürdigen Familien, die sich nicht auf die Seite des Aufrührers Radan stellten.
Und drittens: Die ehrwürdigen Familien hätten den Aufstand geprobt, wenn der Fürst die mächtigen Schilde auf eine Mission zweifelhaften Ausgangs schickt, und unter den Zwergen, denen sie anvertraut sind, nicht wenigstens einer aus ihren Reihen dabei wäre.“
„Hört nicht auf ihn!“, mischte sich der ältere Zwerg mit silbernem Bart ein. Seine wachen, grauen Augen funkelten zwischen den buschigen Augenbrauen und der Hakennase. „Fürst Kram weiß, was auf dem Spiel steht. Den Unwillen der mächtigen Familien hätte er in Kauf genommen. Er hat Mortack ausgewählt, weil er die beste Wahl war. Die stärkste freie Figur auf dem Brett.“
„Und welche Figur bist du?“, fragte Chada.
Mortack antwortete an Stelle des Silberhaarigen: „Gar keine! General Tarkun ist der Spieler. Derjenige, der die Figuren auf dem Brett hin- und herschiebt. Er ist ein brillanter Stratege. Seit dem Amtsantritt Fürst Hallworts ist er im Amt, und er hat noch keine Schlacht verloren.“
Chada runzelte verwirrt die Stirn. „Was will ein Stratege auf dieser Mission? Das wird keine große Feldschlacht.“
„Die Partie ist erst beendet, wenn der letzte Stein geschlagen ist.“, meinte General Tarkun nachsichtig lächelnd. „Ein guter Feldherr weiß zu jedem Zeitpunkt, was zu tun ist. Egal, ob das Brett noch voll ist, oder ob die Figuren sich schon gelichtet haben.“
„Tarkun ist ein kluger Kopf.“, ergänzte Mortack. „Er hat unsere Flaggensignale perfektioniert und ist als erstes auf die Idee gekommen, Fallstricke gegen Trolle einzusetzen. Er kann aus jeder Situation das Beste machen.“
Beeindruckt nickte Chada. „Und unsere anderen Begleiter? Was gibt es über sie zu wissen?“, fragte sie. „Oder sollte ich sie lieber selbst fragen?“
„Da wirst du nicht viel Erfolg haben!“, lachte Mortack. „Mralla habt Ihr in Aktion erlebt, danach bleiben keine Fragen mehr offen. Sie ist die talentierteste Runenmeisterin, die wir seit vielen Generationen hatten. Auf ihren Gürtel sind alle sechzehn Grundrunen gestickt, das heißt, sie hat jedes Teilgebiet der Runenmagie gemeistert. Und mehr weiß ich selbst nicht darüber. Wenn ihr fachliche Fragen habt, wird sie sie beantworten können. Aber für alles andere stellt sie sich taub.“
Mit dem Kinn – oder vielmehr dem Bart – deutete Mortack auf den kahlköpfigen Brolaf, der etwas abseits mit finsterer Miene vor sich hin lief und hin und wieder einen Blick auf das goldverzierte Signalhorn an seinem Gürtel warf, das er wie seinen Augapfel hütete.
„Das ist Brolaf, unser schweigsamer Herold. Loyal bis in den Tod, ein herausragender Kämpfer, und er kann so in sein Horn stoßen, dass es die Kreaturen zur Weißglut treibt. Sie stürzen sich auf ihn und machen allen anderen den Weg frei.
Und dann ist da noch Ramanda, die Stille. Niemand hört sie kommen. Die Gegner fallen unter ihren verborgenen Klingen und sind tot, bevor sie wissen, wie ihnen geschieht. Sie hat ein Schweigegelübde abgelegt, dass es ihr verbietet, ein Wort zu sprechen, bevor sie ihren Schwur erfüllt hat.“
„Was für ein Schwur?“, fragte Chada.
Mortack lächelte breit. „Darüber schweigt sie.“
Nachdenklich betrachtete Chada die Zwergin im schwarzen Mantel mit dem Feuerschild am Rücken. Jetzt, wo sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass sie tatsächlich noch kein Wort von ihr gehört hatte.
„Ich danke dir für die ersten Vorstellungen, Mortack.“, murmelte sie.
„Dürften wir auch mehr über Euch erfahren?“, fragte General Tarkun ernst. „Ich muss wissen, welche Züge ich von Euch erwarten kann.“
Chada sah sich um und verlor einige Worte über Eara, die weiter vorne neben der stillen Ramanda lief, und über Drukil, der schon die ganze Zeit stumpfsinnig hinter ihnen her trottete, gefangen in der Schweigsamkeit, die ihn seit seiner Rückkehr vom Baum der Lieder befallen hatte. Dann fiel ihr Blick auf Ken Dorr. Um ihn zu schützen, hatten sie vereinbart, nach Möglichkeit zu verbergen, dass er den Ewigen Rat verriet. Doch hier waren nur die Zwerge, die Fürst Kram persönlich ihnen mitgegeben hatte. „Und den Mann dort vorne werdet Ihr kennen. Sein Name ist Ken Dorr und er war vor dem Einfall der Krahder Statthalter von Andor.“, offenbarte Chada also gedämpft. „Er weiß mit seinem Schwert und dem giftigen Dolch umzugehen, doch das sind nicht seine eigentlichen Qualitäten. Er ist ein guter Dieb und ein noch besserer Lügner, und der Schwarze Herold weiß nicht, dass er auf unserer Seite steht.“
Tarkun kniff die Augen zusammen. „Aber dass er auf unserer Seite steht, dessen seid Ihr Euch gewiss?“
Chada wechselte einen schnellen Blick mit Thorn. Wieder meinte sie Rhonas Worte zu hören: Seine Persönlichkeit war in jener Zeit nicht versteckt, sondern offengelegt. Ich habe seine Grausamkeit gesehen, seine Skrupellosigkeit, seine Machtgier!
Sie dachte an Leanders letzte Botschaft: Traut Ken Dorr nicht! Lasst ihn nicht an eure Sachen!
Doch auch Ken Dorrs eigene Worte wollten ihr nicht aus dem Kopf: Wenn Ihr nach allem, was Ihr gesehen habt, nach allem, was ich getan habe, noch immer daran glauben könnt, dass Menschen sich ändern können… dann bitte ich Euch, gebt mir eine zweite Chance! Ich habe keine Vergebung verdient, aber wenn Ihr Euch meiner Lügen erinnert, und meiner Verbrechen … dann gedenkt auch meiner Hilfe. Erinnert Euch, dass alles, was ich tat, zuletzt nicht nur für mich geschah, sondern für … den Frieden.
„Nein.“, gab Chada zu. „Wir wissen nicht, ob wir ihm wirklich vertrauen können.“
Mortack starrte den Dieb empört an. Doch Tarkun nickte nur knapp. „Gut zu wissen.“, meinte er und ging nicht weiter darauf ein. „Und Ihr beide? Zu Euch selbst werdet Ihr doch gewiss viel sagen können.“
„Oh ja, erzählt uns von euren Heldentaten!“, rief Mortack mit leuchtenden Augen. „Wie war es, gegen den letzten Drachen zu kämpfen? Wie habt Ihr den Sternenschild gefunden und den Sturmschild errungen?“
Tarkun wirkte nicht allzu glücklich mit dieser Wendung des Gesprächs, wahrscheinlich hätte er eine nüchterne Aufzählung von Fähigkeiten irgendwelchen Heldengeschichten vorgezogen. Doch Mortack besaß einen wahren Sturkopf, sodass Chada sich bald fragte, ob er wirklich nur aufgrund seiner Widerstandsfähigkeit der „Eiserne“ genannt wurde, und schon bald waren sie am Erzählen. Sie breiteten ihre Vergangenheit vor Mortack aus – und auch wenn die nicht immer einfach gewesen war, so genoss Chada es doch, sich darin zu verlieren, und die Zukunft zu vergessen. Und sei es nur für kurze Zeit.


Später Nachmittag, 30. Wintertag 77 A.Z.
Sternentor, unter dem Grauen Gebirge

Die Gleise endeten an zwei verrotteten Loren. Dahinter öffnete sich der Gang zu einer großen, kreisrunden Felsenhalle. Der Boden war gepflastert mit gesprungen Kacheln in schwarz und weiß, die immer engere Kreise bildeten. Im Zentrum erhob sich das verrostete Skelett eines metallenen Baumes, vielleicht doppelt so groß wie Chada, mit rostbrauner Rinde und silbern glänzenden Blättern, die keiner Pflanze nachempfunden waren, von der Chada je gehört hatte. Hohe Säulen schoben sich an den Wänden ins Halbdunkel, in den Stein waren verblasste Reliefs geschlagen. Umgestoßene Feuerschalen säumten die Wände. Ein einzelner, grauer Lichtstrahl fiel aus einem weit entfernten Loch an der Decke genau auf den seltsamen Baum. Das Licht war grau und blass, doch es war unzweifelhaft Tageslicht. Chada hatte im zeitlosen Dunkel unter dem Gebirge längst den Überblick über Tages- und Nachtzeiten verloren.
„Wir sind angekommen!“, rief Mralla erschöpft, aber zufrieden. Mit trippelnden Schritten umrundete sie den Metallbaum und kam auf der gegenüberliegenden Seite, zwischen von der Decke gestürztem Geröll, vor einem weiteren Eingang zu stehen. Es war ein großes Portal, verschlossen durch ein steinernes Tor, durch das sich Metallstränge zogen. Quer über die beiden Türflügel verlief ein sechszackiger silberner Stern, der in der Mitte zusammenlief.
„Das Sternentor.“, flüsterte Mralla ehrfürchtig. „Versiegelt seit vielen Jahrhunderten. Und ich werde es noch in dieser Nacht öffnen.“
Chada entdeckte kein Schloss und keinen Balken. Das Sternentor wirkte nicht so, als sei es erbaut worden, um geöffnet zu werden. Als Mralla mit zitternder Hand über das Tor strich, flammte unter ihren Fingerspitzen ein silberner Schimmer auf.
„Ruht euch aus.“, rief die Runenmeisterin. „Ich kann hier nichts ausrichten, solange wir das Licht von Fornurs Flamme nicht sehen. In ein paar Stunden ist es so weit.“ Mit diesen Worten zog sich Mralla zu dem Baum aus Metall zurück und hantierte an den angelaufenen Silberblättern.
„Wir brauchen eine Wache.“, entschied Chada. Bislang hatten sie hier unten keinerlei Kreaturen gesehen, nur einen Lumiwurm, ein paar Pilze, Asseln unterschiedlicher Größe und einmal in der Ferne einen Feuergeist, der sie nicht weiter behelligt hatte. Doch Chada würde sich keine Nachlässigkeit gestatten.
Ramanda, die Stille, erhob sich mit unbewegtem Gesicht und stellte sich schweigend an den Durchgang nach Norden. „Wenn sie nicht spricht, wie soll sie uns dann warnen, wenn Feinde kommen?“, fragte Chada gedämpft.
„Sie hat eine kleine Pfeife.“, antwortete Mortack grinsend. „Damit weckt sie sogar einen Stein.“
Danach verteilten sie sich in der großen Halle. Allein oder in kleinen Grüppchen ließen sie sich nieder. Einige schliefen, aßen das trockene Brot und das salzige Dörrfleisch, das Chada zu hassen gelernt hatte, oder unterhielten sich, andere saßen einfach wartend herum. Mortack holte sogar zwei Würfel und ein paar Münzen heraus, fand jedoch keine Mitspieler.
Chada ließ sich an einer der Säulen am Rand der hohen Halle nieder, lehnte ihren Rucksack an die Felswand und durchsuchte ihr Gepäck. Eine Ersatzsehne für Audax und zwei Köcher voller Pfeile. Das Amulett ihrer Mutter Mhare, das zum Preis der eigenen Lebenskraft selbst tödliche Wunden heilen konnte. Die bläulich schimmernde Truhe, die Kenvilar ihnen gegen Varkur gegeben hatte. Die Rietgraskrone, von der alles abhing. Der Kessel der alten Reka, jedoch ohne nennenswerte Zutaten, um etwas damit anzufangen. Die Kette aus getrockneten Rietgrasblüten, die Thorn ihr geschenkt hatte. Sie zog in den Kampf gegen den Ewigen Rat ausgestattet mit einem Haufen Gerümpel. Kram ist in Cavern geblieben, und trotzdem habe ich viel Kram dabei. Chada musste lächeln bei diesem albernen Gedanken.
Sie sah auf, als sich Schritte näherten. Ächzend setzte sich Thorn zu ihr, in der Hand hielt er einen kleinen Beutel. „Ich habe hier noch was für deine kleine Sammlung.“, lächelte er und zog die tote Frucht heraus. Chada nahm sie behutsam entgegen und betrachtete irritiert die verkohlte Schale. Irgendetwas schien anders, als ob die Risse ihre Position verändert hätten. Doch anscheinend war weder Thorn noch Drukil etwas aufgefallen, also tat sie den Eindruck als bloße Einbildung ab und versuchte achselzuckend einmal mehr, dem Herz der Geburt irgendeine Reaktion zu entlocken. Natürlich vergeblich.
„Und dafür musste der Baum der Lieder brennen.“, murmelte sie niedergeschlagen.
Thorn legte ihr einen Arm um die Schulter. „Wir brauchen diese Macht nicht, um zu gewinnen.“, flüsterte er. „Wir haben die Krone. Und wir haben uns selbst. Nach allem, was wir durchgemacht haben, kann ein Toter uns auch nicht mehr in die Knie zwingen.“
„Das weißt du nicht.“, antwortete Chada zitternd. „Das Volk, das zu schützen du geschworen hast, wird in der Dunkelheit vernichtet werden. Das waren die Worte der Drei Schwestern, und sie hatten auch mit allem anderen Recht! Mit Leander, den wir verstoßen haben und der nun tot ist. Mit den Flammen, die meine Vergangenheit und Zukunft zerstören. Warum sollten sie sich plötzlich irren?“
Thorn sah sie schwer an. „Lass dich nicht von gehässigen Wahrsagungen leiten.“
Dein Geist wird in Fragmente gesprengt und dein Körper von der Finsternis verschlungen werden.“, schleuderte sie ihm entgegen. „Das haben sie dir gesagt! Hast du etwa keine Angst, dass es dazu kommt?“
„Sicher habe ich die. Wer wäre ich, wenn ich keine Angst hätte?“, sagte Thorn rau. Sanft strich er ihr eine Haarsträhne von der Stirn. „Aber wenn wir die Hoffnung aufgeben, dann haben wir schon verloren. Alle Herausforderungen des Körpers werden vom Kopf entschieden. Du kannst nicht siegen, wenn du nicht daran glaubst.“
Er deutete auf die Rietgraskrone, die zwischen ihnen im Staub lag. „Wann hattest du sie zuletzt auf?“
Chada schluckte. „Nicht mehr, seit ich weiß, was an ihr hängt.“
Thorn lächelte spöttisch. „Warum nicht? Weil sie auf deinem Kopf schneller kaputt geht?“
„Du hast es nie gemocht, mich mit ihr zu sehen!“
„Aber ich mag es auch nicht, dir dabei zuzusehen, wie du ihr ausweichst.“
Chada schloss kurz die Augen, als sich die quälenden Stimmen aus ihrer Erinnerung schlichen. Die Krone, die dir gebührt, wirst du nie mehr auf dem Haupte tragen.
Als sie die Augen wieder aufschlug, hatte Thorn die Krone in der Hand und hielt sie ihr auffordernd hin. „Die Drei Schwestern können sich irren.“, sagte er eindringlich. „Drukil ist hier, an unserer Seite. Der Bär hat ihn nicht überwunden. Kein Wald ist in der Nähe. Nichts steht fest.“ Seine blauen Augen sahen sie eindringlich an. „Die Zukunft liegt in unserer Hand, Chada. Wer, wenn nicht du, entscheidet über dein Schicksal? Lass dich nicht von der Zukunft leiten, die dir geweissagt wurde, sondern von der, die du dir erträumst.“
Chada holte tief Luft, und Thorns Duft stieg in ihre Nase. Rosshaar, Rietgras und ein Hauch von Leder. „Du hast recht. Solange wir kämpfen, haben wir noch nicht verloren.“, flüsterte sie. Entschlossen nahm sie die Rietgraskrone aus seinen Händen und setzte sie sich auf. Mit angehaltenem Atem wartete sie, doch nichts geschah. Das Gold war kühl und wog schwer auf ihrem Kopf.
„Wir bestimmen selbst, was geschieht.“, sagte sie mit fester Stimme. Fast fühlte sie etwas wie Zuversicht.
Thorn grinste, und Chada konnte nicht anders, als ihn zu küssen.
„Ich hoffe, wir stören nicht.“, sagte da eine leise Stimme.
Chada schreckte zurück und setzte sich gerade hin. General Tarkun stand vor ihnen, Mortack begleitete ihn. „Nein.“, log sie. „Was gibt es?“
Der alte Zwerg räusperte sich und rief mit lauter Stimme: „Ich bin zu einem Entschluss gelangt, wie wir unsere verfügbaren Kräfte am besten nutzen können.“ Er wartete, bis alle Blicke auf ihm ruhten, dann nahm er feierlich den Sturmschild von seinem Rücken. „Fürst Thorn von Andor, hiermit überreiche ich Euch den Sturmschild bis zum Ende unserer Fahrt. Ihr habt ihn lange getragen und wisst mit ihm umzugehen, und bei einem starken Krieger ist er besser aufgehoben als bei einem Strategen wie mir.“
„Und ich gebe auch den Sternenschild ab.“, ergänzte Mortack und legte ihn vor Chada ab.
„Wir danken Euch.“, erwiderte Chada. „Wir werden die Schilde nur zum Wohle der Schildzwerge verwenden.“
Scheinbar hatten Ramanda und Brolaf nur darauf gewartet, nicht die ersten zu sein, denn Chada konnte im Halbdunkel ausmachen, wie Ramanda wortlos den Feuerschild zu Eara legte und zu ihrer Wachposition zurückkehrte, während Brolaf den Bruderschild einem überraschten Drukil in die Hände drückte. Beide wirkten erleichtert dabei, auch wenn das bei Ramanda zugegebenermaßen schwer zu sagen war.
Tarkun nickte ihnen freundlich zu, dann verzogen er und Mortack sich wieder. Chada legte eine Hand auf das blaue Metall des Sternenschildes und spürte augenblicklich neue Hoffnung in sich aufsteigen.
„Also.“, flüsterte Thorn lächelnd. „Wo waren wir stehengeblieben?“
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W - Krahalzar (Fortsetzung)

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:31

Mondhoch, 30. Wintertag 77 A.Z.
Sternentor, unter dem Grauen Gebirge

Mralla schritt rastlos zwischen dem eisernen Baum und dem Sternentor hin und her und murmelte dabei unterdrückt auf zwergisch vor sich hin. Ab und an warf sie einen missmutigen Blick zum Loch in der Decke, aus dem längst kein Licht mehr fiel. Es klang in Chadas Ohren wie ein unzufriedenes Fluchen, doch da sie nicht ausschließen wollte, dass Mralla bereits irgendwelche Formeln intonierte, wagte sie es nicht, die Runenmeisterin zu unterbrechen. Also schob sie nur den gepackten Rucksack auf ihrem Rücken zurecht, hängte sich Audax über die andere Schulter und wartete schweigend wie alle anderen auch.
„So wird das nichts!“, spie Mralla schließlich aus. „Ich bin bis zum Sternentor vorgedrungen, habe die Nacht von Fornurs Flamme ausgewählt, alle Runen aufgeladen und bereitgelegt und stehe kurz davor, den ältesten bekannten Runenbann in diesem Teil der Welt zu brechen – und irgendwelche Wolken halten mich davon ab!“
„Wolken?“, fragte Drukil verwirrt.
Mralla funkelte ihn an. „Ich brauche das Licht von Fornurs Flamme, sonst kann ich den Bann nicht brechen!“
Chada blieb die Luft weg. „Das heißt, wir sind umsonst hierhergekommen?“
„Nein.“, antwortete Eara tonlos. Die Magierin drapierte den Feuerschild auf einem herabgestürzten Felsen und stellte sich neben den Stamm des Metallbaumes. „Wenn diese Wolken verschwinden müssen, damit wir weiterkommen, dann werde ich dafür sorgen, dass sie verschwinden. Was es auch kosten mag.“
Sie hob den Kopf mit dem dünnen Haarflaum, bis sie ungefähr in Richtung des Loches in der Decke blickte. Dann hob sie ihren Stab, und Dunkelheit sammelte sich um sie.
„Genug!“, rief da Thorn. Eara hielt inne und drehte sich um. Chada versuchte, irgendein Gefühl in ihren Augen auszumachen, und erstaunlicherweise fand sie tatsächlich etwas, auch wenn sie es nicht zuordnen konnte.
Thorn schüttelte langsam den Kopf. „Du rufst die Dunkle Magie so oft, dass du verlernt hast, nach anderen Wegen zu suchen.“, seufzte er und hob den Sturmschild hoch über seinen Kopf. Ein weißes Licht drang aus dem Metall, dann wehte plötzlich ein sachter Wind durch die stille Halle. In der Ferne grollte ein Donnerschlag, der bis zu ihnen herunter drang, gefolgt von dem lauten Heulen von Sturmwinden, die zwischen schneebedeckten Gipfeln tobten.
Lange stand Thorn unbewegt da, den Sturmschild über den Kopf gereckt, und es schien Chada, als würde das Silber vor ihren Augen an Glanz verlieren. Und nach einer Weile leuchtete ein Punkt weit oben in der Höhe auf, ein ferner Stern an einem winzigen Himmel. Oder vielmehr: Fünf Sterne, die wie einer aussahen. Ein blasser, rötlich-silberner Lichtstrahl fiel herab und traf den Baum aus Metall. Er verteilte sich zwischen den starren Ästen, traf die silbernen Blätter und wurde von ihnen zerteilt, reflektiert und umgelenkt, bis hundert fast unsichtbare Lichtstrahlen auf das Zentrum des großen silbernen Sterns gelenkt wurden, der das Sternentor überspannte. Jetzt wusste Chada, was Mralla den ganzen Abend an diesem Baum getan hatte.
„Keinen Moment zu früh.“, knurrte die Runenmeisterin. Sie trat an das Tor heran und zeichnete mit ihren Fingern in schneller Abfolge gezackte Striche auf den Stein. Wo sie das Sternentor berührte, flammte silbernes Licht auf, das noch immer erstrahlte, wenn sie ihre Hand wegnahm. In kürzester Zeit entstand so ein dichtes Geflecht aus weißen Runen, und dann, mit einem Mal, erlosch es lautlos.
Besorgt sah Chada zum Loch in der Decke. Von ihrer Position aus konnte sie keinen Stern mehr sehen, nur noch schwarzen Himmel, und kurz fürchtete sie, der Plan sei gescheitert. Doch dann lachte Mralla gackernd. „Es ist vollbracht!“, triumphierte sie. „Das Sternentor ist geöffnet!“
„Sieht ziemlich geschlossen aus.“, erwiderte Thorn trocken.
Mralla drehte sich kichernd um. „Das eigentliche Hindernis ist gefallen.“
Sie tastete nach der Spitze des Sterns auf dem Tor und drückte darauf. Tatsächlich ließ sie sich ein kleines Stück eindrücken.
„Auf der anderen Seite ist ein ganz ähnlicher Stern. Das Sternentor lässt sich nur öffnen und verschließen, wenn von beiden Seiten jemand dagegen drückt.“, erläuterte sie. „Aber keine Sorge, jetzt, wo die Magie beseitigt ist, ist es kein großes Kunststück mehr…“
Sie brach ab, als ein leises Klicken ertönte und die Torflügel langsam begannen, sich zu öffnen.
„Gut gemacht.“, rief Mortack.
Mralla schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich habe noch gar nichts…“
Plötzlich wurden die Türflügel weit aufgestoßen. Weiße Augen leuchteten ihnen entgegen, und im Schein ihrer Leuchtrunen wurden rote Schuppen und weiße, ledrige Haut aus der Dunkelheit gerissen. Wargors kauerten geduckt am Boden des Ganges, ihre Hornklauen kaum zu unterscheiden vom Fels ringsum, und dazwischen standen ausgemergelte Kreideskrale, mehr als Chada je gesehen hatte. Sie wagten sich nur selten ans Licht, doch jetzt stürmten sie in Scharen aus dem engen Gang. Insgesamt waren es bestimmt mindestens fünfzig Kreaturen.
„Mralla, zurück!“, rief Tarkun, doch die Warnung kam zu spät. Ein Wargor riss die Runenmeisterin zu Boden. Die Alte stieß mit dem Kopf hart gegen den Boden und rührte sich nicht mehr. Der Wargor schien es nicht für nötig zu halten, sie zu töten, sondern schloss sich stattdessen dem Ansturm an, der sich in die Halle ergoss.
Chada riss Audax von ihrer Schulter und griff nach einem Pfeil, da hatten die Kreaturen sie auch schon erreicht. Wahllos erschoss sie einen Kreideskral und bereitete sich darauf vor, Hieben und Bissen ausweichen zu müssen, doch es erfolgten keine. Die Kreaturen zogen einfach an ihr vorbei und stürzten sich alle gemeinsam auf den vollkommen überforderten Drukil. Der Hautwandler wehrte einige Schläge mit dem Bruderschild ab und erstach einen Wargor, dann wurde er schon zu Boden gerissen. Aus den Augenwinkeln sah Chada, wie Brolaf hektisch das Horn von seinem Gürtel löste, doch da ließen die Kreaturen schon wieder von Drukil ab. Er lag am Boden, blutete aus einigen Kratzern und einer tiefen Wunde am Arm. Nichts Lebensbedrohliches. Verwirrt sah Chada den Kreaturen nach. Etwa fünf waren gefällt worden, der Rest rannte einfach nach Norden davon, ohne sich auf weitere Kämpfe einzulassen. Sie keiften triumphierend.
„Das war ein Hinterhalt.“, sagte Eara leise. „Sie wussten, dass wir kommen würden. Was haben sie gewollt?“
Alle Blicke hefteten sich auf Drukil. Der Hautwandler rappelte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf und griff sich den Bruderschild, dann erstarrte er. „Der Beutel ist weg.“, stellte er mit einem Blick auf seinen Gürtel fest.
Chada spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich. „Die tote Frucht!“, flüsterte sie. „Das Herz der Geburt! Darauf hatten sie es abgesehen!“ Sie warf einen verzweifelten Blick auf die hintersten Kreaturen, die soeben im Gang jenseits des Metallbaumes verschwanden. „Wir müssen hinterher! Vielleicht können wir sie noch einholen!“
Sie ahnte selbst, dass das ein Ding der Unmöglichkeit war. Doch sie konnte nicht hinnehmen, dass der Ewige Rat noch ein zweites Herz erhielt. Ausgerechnet das, für das sie den Baum der Lieder geopfert hatten! Welches Unheil würde er damit anrichten können?
Plötzlich gellte ein kreischender Schrei durch die Höhlen, dessen Echo laut von den hohen Wänden widerhallte. Nein, keine Echos, es waren weitere Schreie. Der Ruf der Skrale. Es war ein vielstimmiges Kreischen, und es klang alles andere als erfreut.
„Ich schätze, sie haben bemerkt, dass der Beutel leer war.“, rief Thorn über den Lärm. Chada fuhr herum, und der Krieger zuckte grinsend mit den Schultern, wie um zu sagen: Gut, dass ich Drukil das Herz noch nicht zurückgegeben habe.
„Wir verschwinden von hier! Sofort!“, rief Tarkun mit befehlsgewohnter Stimme. „Brolaf, du nimmst Mralla! Ramanda, du hilfst Drukil, falls seine Wunden ihn verlangsamen. Los jetzt!“
Sie sprinteten augenblicklich los. Doch als Chada zusammen mit Mortack und Eara das Sternentor passierte, einen Blick über die Schulter warf und die ersten Wargors bereits den eisernen Baum umrunden sah, erkannte sie, dass sie es unmöglich schaffen konnten. Sie hatten viel Gepäck dabei, eine Bewusstlose und schwere Rüstungen. Kreideskrale hingegen trugen keine Panzerungen, und die Schnelligkeit von Wargors war berüchtigt.
„Sie sind schneller als wir.“, stellte auch Eara fest. „Chada, Zwerg, schließt das Tor!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, trat Eara wieder zurück in die Halle. Die Kreaturen hatten sie fast erreicht, als sie den Feuerschild hob und Feuer um sie her aus dem gemusterten Boden brach. Die Flammen waren schwarz und silbern, und sie tauchten die ganze Halle in ein geisterhaftes Licht. Earas Augen glänzten schwarz.
Chada und Mortack mühten sich ab, die steinernen Torflügel wieder in Position zu schieben, während die Kreaturen eingeschüchtert vor dem Wall aus Feuer zum Stehen kamen, nur um sich kurz darauf in die Flammen zu stürzen. Sie kreischten gepeinigt auf, als das schwarze Feuer ihnen das Fleisch von den Knochen brannte, doch sie kämpften sich langsam weiter. In ihren weißen Augen glomm ein bösartiger Wille, der nicht ihr eigener war.
Als das Tor fast geschlossen war, senkte Eara den schwarzen Schild und eilte zu ihnen zurück. „Zwerg!“, sagte sie auffordernd. Mortack nickte ernst und hatte sich durch die Torflügel gezwängt, noch ehe Chada begriff, was geschah. Von außen drückte er das Tor zu.
„Mortack!“, rief Chada, ohne zu wissen, ob er sie noch hören konnte. „Er ist auf der falschen Seite!“, keuchte sie zu Eara.
„Nein. Er ist auf genau der richtigen Seite.“, erwiderte Eara kühl. „Du hast Mralla gehört. Das Tor lässt sich nur von beiden Seiten zugleich verschließen.“ Sie ließ den Feuerschild fallen und drückte mit ihrer unheimlichen schwarzen Hand aufs Zentrum des silbernen Sterns. Ein leises Klacken ertönte und Eara nahm ihre Hand wieder fort.
Mit weiten Augen starrte Chada das Tor an. „Du hast das geplant.“, wisperte sie. „Schließt das Tor. Dir war die ganze Zeit klar, dass es sich nur von beiden Seiten verschließen lässt!“
„Mir, und dem Zwerg auch.“ Eara hob den Feuerschild auf und blickte den dunklen Gang hinunter. Es wäre stockduster gewesen, hätten sich nicht die Leuchtrunen ihrer Gefährten genähert. Anscheinend war ihnen aufgefallen, dass drei aus ihrer Truppe fehlten. Einer für immer.
„Du kennst nicht einmal seinen Namen.“, murmelte Chada. Schwer atmend starrte sie das Tor an. Am liebsten hätte sie es aufgestoßen, doch es war ja verschlossen, und wenn noch jemand von der anderen Seite dagegen drückte, so wäre es gewiss nicht mehr Mortack. „Du kanntest seinen Namen nicht, und doch hast du ihn einfach geopfert.“
„Er war die naheliegende Wahl. Wir beide sind nützlicher gegen den Ewigen Rat.“ Eara bedachte das Sternentor mit einem letzten Blick und wandte sich dann ab. „Komm jetzt, Chada.“, sagte sie ruhig. „Je länger wir hier warten, desto mehr Leben bringt der Rat in Gefahr.“
Chada schüttelte schwach den Kopf und folgte ihr. Was ist nur aus dir geworden, alte Freundin? Sie wusste, wie Eara antworten würde, und die Antwort gefiel ihr nicht. Was nötig ist.


Später Vormittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Halle des Hohen Rates, Krahalzar

Mralla hob die faltige Hand und ihre kleine Gruppe hielt an. „Es ist jetzt nicht mehr weit bis zur Ratshalle.“, sprach die Runenmeisterin gedämpft. „Lasst alles hier liegen, was euch behindern könnte.“
Sie machten kurz Rast zwischen den zertrümmerten Säulen und schattigen Erkern Krahalzars. Sie waren jetzt mitten im ehemaligen Zwergenreich, doch die einstmals stolzen Hallen waren nichts mehr als Ruinen. Die Fresken an den Wänden waren mutwillig zerkratzt, die Statuen gestürzt, die Schatzkammern geplündert. All diese Zerstörung lag bereits Jahrhunderte zurück, und mit den Jahren hatte sich ein schwermütiger Frieden über diese Hallen gelegt. Jetzt war es still hier unten bis auf ihre eigenen Schritte.
Chada vergewisserte sich, dass Audax gut gespannt war, kontrollierte die grünlichen Pfeile in ihrem Köcher und überprüfte, ob ihre Dolche geschärft und griffbereit waren. Sie strich mit dem Daumen über Mhares Amulett um ihren Hals, berührte den Sternenschild an ihrer Seite und nahm die blau schimmernde Truhe mit. Dann rief sie Thorn zu sich.
„Ich möchte, dass du die Krone nimmst.“, flüsterte sie nach einem kurzen Blick zu den anderen, die alle außer Hörweite waren.
„Warum?“, fragte Thorn sichtbar verblüfft.
„Weil die Kreaturen wussten, dass Drukil das Herz der Geburt hatte. Die Frucht wurde nur gerettet, weil stattdessen du sie trugst.“
„Jetzt hat Drukil sie wieder.“
Chada zuckte mit den Schultern. „Sie ist nutzlos, wir haben es oft genug versucht. Allein an dieser Krone hängt unser Erfolg. Nimm sie, und zerstöre sie, wenn die Zeit reif ist. Alle sollen denken, dass ich sie habe. Besonders Ken Dorr.“
Thorn nickte ernst, nahm die goldene Krone behutsam entgegen und drapierte sie in einem unscheinbaren Lederbeutel am Gürtel, der auch ein Trinkschlauch mit Wasser hätte sein können.
„Bist du bereit?“, fragte er dann.
Chada ballte die Fäuste. „Wir warten schon so lange auf den Tag, an dem alles zu Ende geht. Heute ist dieser Tag gekommen! Ja, ich bin bereit. Bereit, dem Schwarzen Herold und dem Ewigen Rat ein Ende zu machen!“
Sie kehrten zurück zu den anderen. Mralla malte jedem von ihnen eine Rune auf die Stirn, und plötzlich wurde es still. Ihr Atem, ihre Schritte und das Rasseln der Kettenhemden verstummte. Einzig zu sprechen war ihnen noch möglich, doch ihre Stimmen waren aller Nebenklänge beraubt und hörten sich merkwürdig fremd an.
„Müssen wir den Plan noch einmal durchgehen?“, fragte General Tarkun.
Brolaf schnaubte, was lustig aussah, weil sein Gesicht sich verzog, ohne dass ein Laut bei ihnen ankam. „Möglichst leise rein, alle zum Herold rennen, ablenken, was immer er uns in den Weg ruft, und sobald jemand nahe genug ist, um sich sein Herz zu schnappen, zerstört Chada die Krone. Einfach.“, murrte Brolaf mit finsterer Miene.
Chada nickte und ergänzte: „Ken Dorr, du bleibst hinten ...“
„… und hältst dich im Schatten.“, vervollständigte der Dieb den Satz. Falls er ahnte, dass er auch deshalb nicht mit nach vorne eilen sollte, weil Chada es nicht riskieren wollte, dass das Herz des Todes ausgerechnet ihm in die Hände fiel, zeigte er sich nicht beleidigt. Ernst fügte er hinzu: „Und wenn es nicht anders geht, dann offenbare ich mich und versuche, den Herold abzulenken.“
Chada blinzelte. Das war nicht Teil des Plans gewesen. „Wenn er herausfindet, dass du ihn verraten hast, wird er dich binnen eines Herzschlags auslöschen.“
Ken lächelte gequält. „Und vielleicht ist genau das der Herzschlag, der Euch fehlt.“ Er seufzte. „Lasst es einfach nicht so weit kommen.“
Chada schluckte. Dein Plan wird sich erfüllen und du wirst qualvoll daran zugrunde gehen. Sie schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf. Nein! Sie hatte sich entschlossen, sich nicht von diesen Ankündigungen leiten zu lassen!
„Gut. Gehen wir. Ab jetzt kein Wort mehr.“, befahl Chada.
Mralla löschte alle Leuchtrunen bis auf eine einzige, mit der sie voranschritt und sie an verbogenen Türen und eingestürzten Seitengängen vorbeiführte, über Trümmer und Geröll, ohne dabei einmal Unsicherheit zu zeigen. Sie erweckte stets den Anschein, genau zu wissen, welchen Weg sie gehen musste.
Schließlich dimmte Mralla auch ihre letzte Leuchtrune. Ein fahles blaues Licht erleuchtete den letzten Teil des Weges. Blau glühende Schlieren zogen sich durch die Luft und bewegten sich langsam und geisterhaft wie hauchfeine Stoffbahnen im Wasser. Die Luft war eiskalt und durchseucht mit einem schwer zu beschreibenden Gefühl des Grauens. Chada kannte dieses Gefühl. Sie kannte dieses fahle blaue Glühen. Es war die Dunkle Hexerei der Krahder. Es war die Krankheit, die den Schwarzen Baum erfüllt hatte. Es war das Herz des Todes. Sie waren nicht mehr fern.
Der reich verzierte Gang, den sie durchquerten, endete an einem offenen Tor. Sie hielten sich eng an der Wand, bis sie nicht mehr weiter konnten, ohne ihre Deckung zu verlassen. Chada musterte ihre Begleiter ein letztes Mal. Der dicke Brolaf mit seiner üblichen mürrischen Miene, Axt und Horn in den Händen. Die alte Mralla, die eine schmale Metallscheibe hielt und sie in der Hand drehte. Ramanda, die Stille, die als einzige keine Schweigerune auf der Stirn trug und von der Chada trotzdem nicht einmal Atemgeräusche hörte, während sie scheinbar gelassen wartete. General Tarkun, der unruhig sein Kurzschwert fester griff und aufmerksam jedes Detail des Ganges in sich aufzunehmen schien. Drukil, der ihren Blick mit seltsam traurigen Augen erwiderte. Ken Dorr, um dessen Lippen sein übliches schwer zu deutendes Lächeln spielte. Eara, die ihren dunklen Stab und den Feuerschild bereithielt und mit ihren kalten Augen erwartungsvoll zum Torbogen blickte. Und Thorn, mit gezogenem Schwert, den Sturmschild in der Hand, mit ernsten blauen Augen, in die etwas wie ein Lächeln trat, als ihre Blicke sich trafen. Chada sah seine Zweifel ebenso deutlich wie ihre eigenen. Gleichzeitig holten sie Luft und die Zweifel verschwanden. Die Sorgen um die Zukunft, die Chada so lange gequält hatten, lösten sich auf, denn diese Zukunft, der sie so lange entgegengesehen hatte, war jetzt. Sie zog einen Pfeil aus dem Köcher und deutete damit in einem stillen Kommando auf den Torbogen, und gleichzeitig verließen sie ihre Deckung und traten lautlos aus den Schatten. Hinein ins tote Herz eines untergegangenen Reiches, das sich nun weit vor ihnen öffnete.
Chada stockte der Atem. Vor ihnen erstreckte sich eine gigantische halbkreisförmige Halle, von geisterhaftem blauen Licht ohne klare Quelle in ein dämmriges Halbdunkel getaucht. Steinerne, halbkreisförmige Sitzreihen, teilweise halb zerborsten, fielen in Stufen zu einer Art Bühne am unteren Ende des Saales hin ab. Jeder einzelne der vielen hundert Sitze war ausgerichtet auf ein unscheinbares Rednerpult aus Stein. Dahinter lag, in vollkommener Reglosigkeit, ein zusammengerollter Drache mit zerknickten Flügeln und rissigen Schuppen, die jeden Glanz verloren hatten und sich nicht vom dunklen Stein der Halle unterschieden. Jede Ähnlichkeit zum ehrfurchtgebietenden Tarok mit seinen blutrot leuchtenden Augen und dem glutheißen Körper war verschwunden. Hinter dem Drachen wurde die Wand der Halle auf ganzer Länge von einer glatten Dunkelheit bedeckt, wie ein blinder, schwarzer Spiegel, der sich langsam kräuselte.
Und sie wurden erwartet. Zwischen den Sitzreihen erhoben sich Dutzende Kreaturen, Gors, Skrale und sogar einige Trolle, die ihnen aus hungrigen weißen Augen entgegenstarrten. Die versammelte Schwarze Kogge hatte es sich auf den Sitzen bequem gemacht. Chada erspähte Meres, den Hexer, den hochgewachsenen Thogger und Kapitän Callem, mit Varatans Helm der Macht auf dem Schädel und seinem bösartigen Raubvogel auf der Schulter. Auch ihr eigenes Ebenbild saß dort, den Kopf genau so auf den Ellenbogen gestützt, wie auch Chada ihn manchmal hielt. Unter der hohen Decke brodelte unheilverkündend eine Wolke aus Dunkler Magie. Und in der Mitte der Halle, über dem Rednerpult, vor dem reglosen Drachen, schwebte eine dunkle Gestalt mit gezackter Maske, von fahlem blauem Licht umspielt, die ihnen aus nadelspitzen weißen Augen entgegensah.
„Endlich!“, sprach der Schwarze Herold feierlich. Seine tiefe Stimme erhob sich zu kaum mehr als einem Flüstern, doch der gewölbte Stein der Halle leitete das Wort klar verständlich bis zu ihnen. „Willkommen, meine teuren Feinde. Ich warte schon so lange auf euch! Endlich seid ihr angekommen, Helden von Andor! Und Ken Dorr…“
Seine Stimme nahm einen feindseligen Klang an, und für einen Moment fürchtete Chada, dass auch ihr Plan eines letzten verzweifelten Ablenkungsmanövers schon jetzt vereitelt war. Doch die Wahrheit war, wie üblich, noch viel schlimmer.
„… warum hat das so lange gedauert?“, beendete der Herold seinen Satz.
Chada fuhr herum. Der Dieb, der sich eben noch knapp hinter ihnen befunden hatte, hatte einige Schritte Abstand zwischen sich und den Rest der Gruppe gebracht. „Übervorsichtige Zwerge, die jeden Gang einzeln auf Kreaturen kontrollieren müssen, bevor sie ihn betreten.“, stöhnte er. „Die Helden sind hier, wie versprochen. Darauf kommt es doch an.“
Chada betrachtete kurz den Dieb, seine kalten grauen Augen, sein geheimnisvolles Lächeln, und sie fühlte keinen Zorn, nur eine merkwürdige Ruhe. Irgendein Teil von ihr hatte immer gewusst, dass Ken Dorr sie eines Tages hintergehen würde. Auf eine merkwürdige Art und Weise schenkte es Chada Zuversicht, diese Gewissheit bestätigt zu sehen und den unvermeidlichen Verrat hinter sich zu haben. Ab jetzt brauchte sie keine Augen mehr im Rücken, sondern konnte sich ganz auf den Weg vor ihr konzentrieren.
„Du hast recht, Dieb. Sie sind hier, und nur das zählt.“, antwortete der Schwarze Herold getragen. Die Kreaturen, die Schwarze Kogge, die falschen Helden, Varkur unter der Decke, sie alle schienen nur noch auf den Befehl zum Angriff zu warten.
„Euer verzweifelter Plan ist gescheitert, Helden von Andor!“, verkündete der Schwarze Herold triumphierend. „Ihr seid meiner Gnade ausgeliefert! Und ihr werdet feststellen, dass ich keine habe.“
Chada war dankbar für jeden Herzschlag, mit dem sie sich auf die neue Situation einstellen konnte. Ihre Gedanken rasten. Der Schwarze Herold befand sich hinter einer erdrückenden Übermacht, doch er war noch immer nicht unerreichbar. Wenn es auch nur einem von ihnen gelang, bis zum Geist vorzustoßen, dann könnten sie die Krone zerstören und das Herz des Todes in Besitz nehmen. Und danach… darum würden sie sich kümmern, wenn es so weit war. Erst einmal musste der Herold fallen.
„Was, keine trotzigen Kommentare?“, lachte der Schwarze Herold. „Keine stolze Rede, dass ihr nicht aufgeben werdet, egal wie hoffnungslos die Lage scheint? Dass ihr für alles kämpft, wofür es sich zu kämpfen lohnt? Dass ihr weiterkämpft, auch wenn euer lächerlicher Plan gescheitert ist? Wo bleiben eure pathetischen Worte?“
Aus dem Augenwinkel sah Chada, wie die anderen ihre Waffen hoben und ihr fragende Blicke zuwarfen. Sie alle hatten verstanden, dass Ken Dorrs Verrat nichts änderte. Ihr alter Plan mochte nahezu unmöglich erscheinen, doch er war der einzige, den sie hatten.
Chada nickte kurz und legte den Pfeil auf die Sehne. „Die Zeit der Worte ist vorbei!“, rief sie kühl. Der Pfeil traf einen Gor zwischen die Augen und der Kampf begann.
Thorn stürmte vorneweg, mit erhobenem Schwert und einem Schrei auf den Lippen. Der Sturmschild in seiner Hand glühte schwach, ein brausender Wind zerrte an seinem Umhang und trieb ihn schneller vorwärts, als mit Muskelkraft allein möglich gewesen wäre. General Tarkun und Brolaf folgten dem Krieger, bereit, ihm den Rücken zu decken. Eara sammelte ihre Schatten um sich und erhob sich als dunkler Nebelschweif vom Boden. Drukil blieb hinten, vielleicht um mit dem Bruderschild aus der Entfernung Kraft zu spenden, vielleicht um sich um Ken Dorr zu kümmern. Ramanda, die Stille, die Chada eben erst neben sich gesehen hatte, war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Mralla drehte mit schnellen Bewegungen ihre Runenscheibe, ihre Augen begannen vielfarbig zu glühen und bunt leuchtende Runen stiegen langsam aus dem Boden. Und Chada legte einen weiteren Pfeil auf die Sehne, um auf alles zu schießen, was Thorn und seinen beiden zwergischen Begleitern zu nahe kam.
„Endlich!“, brüllte der Schwarze Herold. Seine Stimme donnerte tief und klar durch die ganze Halle. „Ich warte schon so lange auf diesen Tag! Den Tag, an dem die Helden von Andor nach ihren ungezählten Siegen schließlich doch unterliegen! Schnappt sie euch!“
Ein grauenhaftes schrilles Kreischen ließ die Halle erzittern und die Dunkle Magie von der Decke der Halle stürzte sich in die Tiefe. Hoch über den Sitzreihen stießen Varkur und Eara aufeinander, und ein lautloser Kampf entbrannte, von dem Chada nur wild zuckende Schlieren aus tintenschwarzem Nebel sah, und manchmal schwarz-silbernes Feuer, das für wenige Herzschläge mitten in der Luft aufflammte und die ganze Halle in zuckendes Licht hüllte.
Darunter stellten sich Thorn, Tarkun und Brolaf die ersten Gegner in den Weg. Dutzende Kreaturen versperrten ihnen den Weg, die Chada mit Pfeilen eindeckte. Doch es waren nicht nur Kreaturen. Eine junge Frau mit leerem Blick, in der braunen Robe einer hadrischen Zauberin, trieb Brolaf mit den Schlägen ihres Stabes zur Seite. Grünes Feuer flammte aus dem Fels und zwang Thorn und Tarkun zu Umwegen. Thogger, der Tarendruide, rief etwas abseits des Kampfes mit erhobenem Stab und donnernder Stimme die Geister an, und eisige Winde, in denen Chada gequälte Fratzen ausmachen konnte, kämpften gegen die Macht des Sturmschildes. Ein Pfeil der falschen Chada traf Tarkun in den Oberschenkel und ließ ihn zurückfallen. Ein einhändiger Pirat schwang kampflustig den grün glühenden Hammer der Stärke und zerschmetterte beiläufig einen der Steinsitze, ehe Chada ihn erschoss. Und dann stellte sich Thorn auch noch ein breitschultriger Krieger im blauen Umhang in den Weg, auf den zu schießen Chada nicht übers Herz brachte. Über allem klang das finstere Gelächter des Schwarzen Heroldes, der sich nicht die Mühe machte, einzugreifen.
Thorn, Brolaf und Tarkun waren vollends umzingelt, kurz nachdem sie die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten. Die Kreaturen drängten sich immer dichter um sie, so dass Chada es aufgab, sie alle erschießen zu wollen.
Sie ließ ihren Bogen sinken und schloss eine Hand um den Rand des Sternenschildes, der an ihrer Seite hing. Ein leises, metallisches Summen ertönte, und reine Hoffnung erfüllte Chada. Sie stellte sich vor, wie Thorn an allen seinen Gegnern vorbei zum Schwarzen Herold gelangte, die Krone zerschmetterte und das Herz des Todes an sich nahm. Das Summen nahm zu.
Ob der Sternenschild tatsächlich seinen Anteil daran hatte, würde Chada nie erfahren, doch in diesem Moment brach plötzlich Thogger zusammen. Ein klaffender Schnitt prangte in seinem Hals, und kurz sah Chada noch eine kleine, schwarz gewandete Gestalt im Halbdunkel verschwinden. Die Windgeister, die eben noch gegen die Kraft des Sturmschildes angekämpft hatten, heulten laut und stießen wahllos auf alles nieder, was sich in ihrer Nähe befand, wodurch sie Dutzende Kreaturen zu Boden warfen. Zum gleichen Zeitpunkt wurde die Zauberin, die gegen Brolaf kämpfte, von Strängen aus weißen Runen umschlungen und zu Boden gezogen. Vor dem Herold der Schildzwerge tat sich eine Lücke auf, die der rundliche Zwerg sofort nutzte, um mit hastigen Schritten zwischen den Sitzreihen zu verschwinden. Dem Schwarzen Herold kam er dadurch nicht näher, doch das war auch gar nicht sein Ziel. Chada konnte Brolaf nicht mehr sehen, doch es erscholl eine schnelle Folge von Hornstößen, die mühelos die soeben anklingende düstere Flötenmelodie übertönte. Die Kreaturen heulten auf und ließen von Thorn und Tarkun ab, um sich stattdessen auf Brolaf zu stürzen. General Tarkun lenkte den falschen Thorn ab, der echte streckte die Faust aus, eine plötzliche Windböe streckte ein perfektes Ebenbild von Orfen nieder und plötzlich war der Weg zum Schwarzen Herold beinahe frei. Nur noch Callem stand im Weg, und auch um den finsteren Kapitän schoben sich bereits weiß glühende Runen aus dem Boden und legten sich um seine Handgelenke. Für einen kurzen Moment schien es, als könnte Thorn es schaffen.
Dann erloschen die Runen plötzlich. Chada sah noch, wie Callem sein Schwert hochriss. Die Augenschlitze seines dunklen Helms glühten hellgelb auf und der Kapitän korrigierte die Bewegung und versetzte Thorn eine tiefe Wunde am Bein, knapp unter dem Rand des Sturmschildes.
Ein leises Keuchen ertönte hinter ihr. Chada fuhr herum und sah Mralla, der langsam ihre Runenscheibe entglitt. Die dünne Metallscheibe fiel scheppernd zu Boden und in der ganzen Halle erloschen leuchtende Runen. Aus ihrer Brust ragte die Spitze eines Schwertes, das Mralla nur verwundert ansah, ehe sie ganz zusammenbrach.
Chada wich zurück und starrte Drukil aus aufgerissenen Augen an. Der Hautwandler zog sein blutiges Schwert aus der Leiche der Runenmeisterin und bedachte sie mit einem traurigen Blick.
„Drukil!“, keuchte sie. „Was…?“ Sie riss den Sternenschild hoch, um einen Schlag zu parieren. „Was tust du?“, schrie sie. „Drukil, ich bin es! Chada! Deine Freundin!“
Plötzlich fühlte sie etwas Spitzes an ihrem Nacken. Ein leises Kichern ertönte, und dann sagte eine hohe, kalte Stimme spöttisch: „Soso, seine Freundin willst du also sein.“ Starr wartete Chada auf einen tödlichen Stoß, doch stattdessen schob sich der Dolch nur an ihre Kehle und verharrte dort. „Du bist eine lausige Freundin, weißt du das?“, fragte Ken Dorr seelenruhig. „Außerstande, deine sogenannten Freunde von bloßen Kopien zu unterscheiden.“
Chada keuchte und sah den Mann an, der wie Drukil aussah. „Nein!“, hauchte sie.
„Ein bisschen mehr Freude, Chada.“, kicherte Ken Dorr. „Drukil hat das Leben bekommen, das er sich schon so lange gewünscht hat. Und der hier ist gar kein so schlechter Ersatz, oder? Und jetzt lass den Sternenschild fallen, oder deinen hübschen Hals ziert ein rotes Lächeln.“
Chada schluckte, und die Klinge von Ken Dorrs Schlangendolch bohrte sich dabei schmerzhaft in ihren Hals. Widerstrebend lockerte sie ihren Griff. Laut fiel der Schild zu Boden. „Warum tötest du mich nicht?“, presste sie hervor.
„Weil wir einander helfen können, Chada.“, flüsterte Ken Dorr. „Du weißt Dinge, von denen der Herold nicht erfahren sollte. In unser beider Interesse.“
Ein Schmerzensschrei erklang. Chada wandte den Kopf, so weit sie es konnte, und sah Thorn, der sich hektisch gegen Callem zur Wehr setzte. Mehrere unterschiedlich tiefe Schnitte zerteilten sein blaues Gewand, den Sturmschild hatte er verloren. Callem hingegen war unverletzt, zumindest körperlich. Sein Mund war zu einer zornigen Grimasse verzerrt, mehr war von seinem Gesicht unter dem Helm der Macht nicht auszumachen. Mit weiten Schlägen hieb er auf Thorn ein, vor jedem von Thorns Gegenangriffen leuchteten die gelben Augen seines Helms kurz auf.
Plötzlich erscholl das Kreischen eines Vogels. Rooaaaa! Hilflos musste Chada mitansehen, wie Callems tückischer Raubvogel irgendwo zwischen den Sitzreihen hinabstieß. Als er wieder in ihr Sichtfeld glitt, trug er ein goldverziertes Horn zwischen seinen Krallen. Brolafs Hornstöße waren verstummt, und die Kreaturen in der ganzen Halle keiften bösartig.
Ein weiterer Schrei ertönte, nicht von einem Vogel, sondern von einem Zwerg. Chada erhaschte einen Blick auf General Tarkun, dessen Kettenhemd vom Schwert des falschen Orfen durchstoßen worden war. Höchstens Mhares Amulett hätte diese Wunde vielleicht noch heilen können, doch das hing nutzlos um ihren Hals.
Ein Hornstoß erklang, und kurz hatte Chada die Hoffnung, Brolaf hätte sein Horn irgendwie zurückerlangt. Doch die Tonhöhe passte nicht, und im nächsten Augenblick sah sie auch schon den großen Mann mit Pferdeschwanz, der ein silbernes Horn an den Lippen hielt und mit der freien Hand irgendwo in die Dunkelheit am Rand der Bühne deutete. Ein grünlich schimmernder Pfeil folgte seinem Zeichen. Erst, als er nicht vom Stein abprallte, sondern stecken blieb, bemerkte Chada die stille Ramanda, die wohl versucht hatte, sich dem Herold von der Seite zu nähern. Ohne den aufmerksamen Piraten wäre es ihr wahrscheinlich gelungen, doch jetzt brach sie lautlos zusammen.
„Aufmerksamkeit, Chada.“, forderte Ken Dorr leise. „Wir waren doch gerade so nett im Gespräch.“
Chada holte zitternd Luft und widmete sich wieder den beiden Problemen direkt vor ihr. „Was willst du von mir, Ken Dorr!“, zischte sie, während sie verzweifelt überlegte, wie sie sich befreien konnte.
„Die Krone zum Beispiel. Nicht, dass du noch auf dumme Gedanken kommst.“ Er schnalzte leise mit der Zunge. „Drukil, nimm sie Chada ab. Sie dürfte in dem Beutel da an ihrem Gürtel sein.“
Der falsche Drukil öffnete wie befohlen den Beutel, sah lange hinein und stellte dann fest: „Er ist leer.“
Ken Dorr kniff die grauen Augen zusammen. „Interessant. Wem hast du sie gegeben, Chada? Eara vielleicht? Oder doch eher Thorn?“ Irgendeine Reaktion musste sie verraten haben, denn der Dieb hob den Blick und betrachtete den Krieger, der sich mit hektischen Paraden gegen Callem verteidigte. Gegenangriffe führte er keine mehr.
Chada beschloss, es darauf ankommen zu lassen. Sie ließ sich nach hinten fallen, das Gefühl der Dolchschneide an ihrer Kehle verschwand.
Sie hörte Ken Dorr fluchen, dann fiel sie hart zu Boden. Drukils Stiefel traf sie hart in die Brust, doch es gelang ihr, die Hand auszustrecken und den Sternenschild zu berühren. Augenblicklich leuchtete das Metall blendend hell auf, so dass Ken Dorr und Drukil schützend die Arme vor ihre Augen rissen. Chada hingegen fühlte sich durch das Licht gestärkt.
Sie rutschte zurück, rappelte sich auf und rannte in die Halle, den Sternenschild noch immer in der Hand. „Hinterher!“, konnte sie Ken Dorrs Stimme in ihrem Rücken hören.
Was Chada tat, war Wahnsinn. Sie hatte nur noch zwei mickrige Dolche als Waffen dabei, und die noch nicht einmal gezogen. Die halbe Mannschaft der Schwarzen Kogge, die falschen Helden und Unmengen von Kreaturen standen zwischen ihr und dem Schwarzen Herold. Sie würde ihn nicht erreichen können.
Und doch rannte sie weiter. Der Sternenschild erfüllte sie mit Hoffnung und erlaubte kein Aufgeben. Selbst die schrillen Flötentöne, die jetzt wieder einsetzten, konnten ihren Willen nicht brechen. Sie umrundete ein krummes Männchen und stieß nebenbei noch seinen Kessel um. Ein Skral stellte sich ihr in den Weg und wurde in schwarze Flammen gehüllt, bevor er sie angreifen konnte. Chada schickte einen stummen Dank hoch zu Eara und schlüpfte zwischen den Beinen eines Trolls hindurch, der sich in der Folge nur mit seiner Keule auf die eigenen Zehen haute und laut aufheulte.
Doch auch die Macht des Sternenschildes war nicht unbegrenzt. Sie war schon fast bei Thorn angekommen, als ein Ring aus grünem Feuer sich um sie legte und sie einschloss. Chada hob den Blick und konnte Meres zwischen den Sitzreihen sehen, der sie unbewegt aus seinen dunklen Augen ansah. Eine kleine, runde Gestalt stürzte sich mit gezogener Axt auf ihn, doch noch bevor Brolaf den Hexer erreichte, hatte ein Skral den Zwerg in den Rücken getroffen und ihm eine fürchterliche Wunde gerissen.
Chada sah Meres flehend an. Der Hexer legte den Kopf schief, ein rotes Flackern huschte durch seine Augen. Die grünen Flammen zogen sich enger.
Chada hob den Sternenschild und schloss die Augen. Sie wusste selbst nicht, was sie sich jetzt noch erhoffte. Sie wusste nicht, wie dieser Tag noch ein gutes Ende nehmen sollte. Und dennoch erfüllte sie nichts als tiefe, grundlose Hoffnung. Vielleicht war dies der letzte Segen, den der Sternenschild noch leisten konnte. Hoffnung spenden, selbst wenn sie vergeblich war.
Sie schlug die Augen wieder auf. Ob sie es wagen sollte, durch das grüne Feuer zu springen? Mit dem Sternenschild in der Hand schien alles möglich.
Sie kam nicht dazu, ihren Gedanken umzusetzen. Plötzlich teilte sich das Feuer vor ihr. Nein, ein Schatten glitt durch die Flammen, von einem fahlen blauen Licht umzüngelt. Mit angehaltenem Atem sah Chada einer schwarzen, gezackten Maske entgegen, in der sich das grüne Feuer spiegelte.
„Ich musste so lange warten.“, rief der Schwarze Herold. „So vieles opfern. Solchen Schmerz durchleiden. Doch es hat sich gelohnt. All die qualvollen Jahre haben sich gelohnt für diesen einen Augenblick! Für den Moment, in dem ich euch endlich beim Scheitern zusehen konnte!“
Der Geist glitt aus den Flammen und senkte seine Maske, bis sie kaum noch eine Handbreit vor Chadas Gesicht schwebte. „ Aber jetzt habe ich mich lange genug mit der Rolle des Zuschauers begnügt.“, flüsterte er. „Sieh mich an! Ich will in deine Augen sehen, wenn selbst dein unverwüstlicher Wille zerbricht.“
Chada umklammerte den Sternenschild und sandte all ihre Kraft hinein. Aus dem Augenwinkel sah sie über das grüne Feuer hinweg, wie das gelbe Leuchten aus Callems Helm flackerte und für einen Moment erlosch. Blind tastete der Kapitän umher, und Thorn wich einige Schritte zurück. Die Kreaturen, die dem Zweikampf aus sicherer Entfernung zugesehen hatten, sprangen auf, doch sie waren noch weit weg.
„Also?“, raunte der Schwarze Herold düster. „Was sollen deine letzten Worte sein, bevor die Schreie kommen?“
„Thorn!“, rief sie über das Feuer.
Der Schwarze Herold lachte finster. „Rührend.“
Chada holte tief Luft und schrie noch lauter: „Jetzt!“
Die nadelspitzen weißen Augen des Herolds blitzten auf. Er fuhr herum, gerade noch rechtzeitig, um ebenfalls zu sehen, wie Thorn weit mit dem Schwert ausholte. Vor ihm auf dem Boden lag, golden schimmernd, die Rietgraskrone.
Durch das grüne Feuer sah Chada die Kreaturen, die zu weit weg waren, um Thorn rechtzeitig zu erreichen. Sie sah den großen roten Vogel, der kreischend angeflogen kam, die Krallen in Richtung der Krone ausgestreckt, und der doch nicht schneller war als Thorns Schwert. Sie sah schwarze Flammen unter den finsteren Wolken der Dunklen Magie brennen, die den unterirdischen Himmel in silbernes Licht tauchten. Sie sah Thorns blaue Augen, die nicht auf die Krone gerichtet waren, sondern auf Chada, voll von Liebe und Entschlossenheit.
„Nein!“, brüllte der Schwarze Herold. Er streckte unendlich langsam die durchscheinende Hand aus, und Thorn erstrahlte in einem fahlen, blauen Licht. Doch auch der Herold war zu langsam. Mit einem Klang wie von einem Glockenschlag traf das Schwert die gewundenen Zacken der Rietgraskrone, und eine solche Kraft lag in dem Hieb, dass die Klinge das Gold glatt durchschlug und noch eine Kerbe im Boden hinterließ. Im nächsten Moment zerstob Thorns Körper zu feiner Asche, die lautlos auf die beiden Hälften der Rietgraskrone rieselte.
Der Schwarze Herold heulte auf. Er wogte zurück, und mit Tränen in den Augen folgte Chada ihm, bereit, das Herz des Todes zu nehmen. Blaues Licht durchwirkte das grüne Feuer, und dann erstarb der Schrei des Schwarzen Herolds. Seine gezackte Maske senkte sich, und seine weißen Augen starrten die zerstörte Krone an.
„Wie … ist das möglich?“, hauchte seine dunkle Stimme. „Ich bin noch immer hier! Meine Quelle ist zerstört, und doch bin ich hier!“
Chada wankte von Grauen gepackt zurück. Der Sternenschild entglitt ihren kraftlosen Fingern. Fassungslos starrte sie den Schwarzen Herold an.
„Die Macht des Todes!“, schrie der Geist ehrfürchtig. „Sie muss noch größer sein, als ich je für möglich gehalten hätte!“
Er fixierte Chada. Seine Maske offenbarte keinerlei Gefühl. „Schon zum zweiten Mal hat diese Welt versucht, mich aus ihr zu vertreiben!“, flüsterte er. „Jetzt gehört sie mir!“
Kälte durchströmte Chada, blaues Licht umtanzte ihren Körper. Die zerschlagene Rietgraskrone war das Letzte, was sie sah.
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X - Feuer und Turm

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:31

X – Feuer und Turm

Sonnenhoch, 31. Wintertag 77 A.Z.
Halle des Hohen Rates, Krahalzar

„Die Macht des Todes! Sie muss noch größer sein, als ich je für möglich gehalten hätte!“, scholl die tiefe Stimme des Schwarzen Herolds durch die riesige Halle. Eara schlug einen Angriff Varkurs zurück und senkte vorsichtig den Blick. Weit unten sah sie das Unmögliche: Die Rietgraskrone war in zwei Stücke gehackt, doch der Schwarze Herold verschwand nicht. Er beugte sich zu Chada herab und flüsterte etwas, dann verschwand auch die Bogenschützin in fahlem, blauem Licht und hinterließ nur trockene graue Asche.
Ein Wirbel aus Dunkler Magie näherte sich ihr, und sie beschwor eilig einen schwarzen Schutzwall. Ihre Schulter hatte längst aufgehört zu brennen. Sie fühlte nichts mehr darin, denn die Dunkle Magie hatte sie zur Gänze verschlungen und kroch bereits an ihrem Hals empor. Eara konnte sich keine Rücksichtnahme erlauben. Nicht heute. Nicht jetzt.
Sie ließ ihren Blick über die Halle schweifen. Von Thorn und Chada war nur noch Staub übrig. Von den drei Zwergenkriegern verblutete einer an seinem aufgeschlitzten Rücken, die beiden anderen waren durch Schwert und Pfeil gefällt worden. Mralla, die Runenlegerin, lag mit durchbohrter Brust im Eingang der Halle und von Drukil schien sie keine Hilfe erwarten zu können. Eara war allein. Es hing einzig an ihr, das Blatt noch zu wenden. Sie hüllte ihren Geist in kühle Ruhe, zwang die Stimme der Schwäche nieder, die vor Trauer und Furcht zu keinem klaren Gedanken mehr fähig war, und analysierte ruhig ihre Situation.
Der Plan war gescheitert. Aus irgendeinem Grund war der Schwarze Herold noch immer hier. Vielleicht war es die Macht des Herzens, wie er selbst zu glauben schien. Vielleicht hatten die Drei Schwestern gelogen. Vielleicht war es einfach nicht ausreichend, die Krone nur zu zerteilen.
Der letzte Gedanke war der, den sie am einfachsten überprüfen konnte. Sie ließ sich fallen und lenkte ihren Fall mit Dunkler Magie. Varkur kreischte schrill auf und folgte ihr, da hatte sie bereits sanft vor dem Schwarzen Herold den Boden berührt. Sie hätte den Geist schon lange erreichen können, doch sie hatte es nicht gewagt, ihm gegenüberzutreten. Nachdem sie das Herz der Geburt beinahe zerstört hätte, misstraute sie ihrer Dunklen Magie. Jetzt jedoch gab es keine andere Möglichkeit mehr, und die berauschende Macht des Feuerschildes brannte in ihren Adern und raubte ihr jede Zurückhaltung.
Sie hüllte sich in einen Mantel aus schwarzen Flammen und weitete den Einfluss des Feuerschildes immer weiter aus. Die Kreaturen und falschen Helden wichen zurück, selbst Varkur wagte es nicht, sich ihr zu nähern. Einzig der Schwarze Herold schwebte unbeeindruckt inmitten der silbernen Flammen und musterte sie kühl. Eara konzentrierte die Hitze in einen schmalen Bereich neben dem Schwarzen Herold, wo noch immer die beiden Hälften der Rietgraskrone lagen. Das Gold verbog sich und zerschmolz zu einer flachen Pfütze, die im rissigen Boden versickerte. Doch der Herold lachte nur finster.
„Meine Macht ist größer als der Tod, Eara! Größer als alles, was je dagewesen ist! Die Fesseln, die mich an die Rietgraskrone banden, sind durchtrennt! Nichts kann mich jetzt mehr aufhalten!“
Eine Welle des Zorns durchfuhr Eara. Das schwarze Feuer loderte hoch um sie auf. Es gelang ihr nur unter großer Anstrengung, das Gefühl zu überwinden und zur nüchternen Ruhe zurückzufinden. Größer als alles, was je dagewesen ist! Sie hob den Blick und sah sich um, bis sie am Rand der Halle Drukil erspähte, der neben Ken Dorr stand und verloren auf Mrallas Leiche sah. Der Schwarze Herold hatte recht, seine Macht war zu groß. Sie brauchte eine Waffe, die seiner ebenbürtig war. Sie brauchte das Herz der Geburt. Sie musste noch einmal versuchen, die Macht des Anbeginns zu unterwerfen.
In Dunkle Magie gehüllt stob sie wieder nach oben und schüttelte Varkur ab. Eine Pfeil traf sie, eine Faust voll grünem Feuer und schrille Flötentöne, doch alles prallte ab an ihrem Schild aus Dunkler Magie. In Schatten gehüllt sank sie vor Drukil nieder, stieß Ken Dorr einfach beiseite und riss den Hautwandler zu sich heran. Schlieren aus Finsternis wanden sich um seinen Körper und Hals, hinderten ihn am Atmen ebenso wie am Schreien, und rissen den gepolsterten Beutel von seinem Gürtel. Eara ließ den Feuerschild fallen und suchte mit ihrer gesunden Hand die tote Frucht, bis ihre Finger verschrumpeltes Holz berührten. Sie konnte Varkurs Dunkle Magie um sich tosen spüren, doch es war egal. Sie schloss die Augen, bereit, alle Schutzwälle zu durchbrechen, die sie daran hinderten, das Herz der Geburt zu verwenden. Doch sie fand keine Schutzwälle. Sie fand keine gewaltige Macht. Alles, was sie von dem toten Stück Holz in ihrer Hand spürte, war der Nachhall von großer magischer Energie, die vielleicht vor langer Zeit darin gelegen haben mochte, und die heute nur eine große Leere zurückgelassen hatte.
Eara keuchte. Der Beutel mit der Frucht darin entglitt ihren Fingern. Ihre Schatten lösten sich auf und ließen einen hustenden Drukil zu Boden fallen. Zitternd stützte sie sich auf ihren Stab und suchte verzweifelt nach einem Weg, alles noch zum Guten zu kehren. Sie fand keinen mehr.
Eine fremde Dunkelheit legte sich um sie. Eara wob einen Schild aus Schatten und hielt Varkurs Dunkle Magie auf Abstand. Der Dunkle Magier ließ sich nicht auf ein neues Kräftemessen ein, sondern belauerte sie nur, und auch Eara griff nicht an, sondern versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Sie nahm am Rande wahr, wie die Kreaturen und die Piraten der Schwarzen Kogge sich langsam um die beiden Magier sammelten, ohne dass sie einzugreifen wagten.
„Varkur!“, donnerte der Schwarze Herold. Langsam sank er aus der Dunkelheit nieder, die gezackte Maske stolz erhoben. „Worauf wartest du noch? Du weißt, was zu tun ist!“
Sie ist … so stark!“, kreischte Varkur schrill. „Ich wusste das nicht. Ich dachte, sie wäre wie die anderen. Ich wusste nicht, wie tief die Dunkelheit sich in ihr eingenistet hat! Ich … ich will das nicht. Nicht so viel!
„Varkur…“, meinte der Herold gefährlich leise. „Stelle meine Geduld nicht auf die Probe.“ Er hob die Faust und blaues Licht glomm schwach zwischen den Schwaden der Dunklen Magie. „Du hast es nicht geschafft, den Jungen aufzuspüren. Das hier ist deine letzte Chance, dich zu beweisen!“
Ihr versteht das nicht! Bitte, tut mir das nicht an!“, bettelte Varkur. Seine unmenschliche Stimme war erfüllt von tiefer Qual. „Ich konnte nicht ahnen, was ich Euch versprach! Das hier dürfte nicht möglich sein! Sie hat innerhalb weniger Jahre mehr Dunkle Magie angesammelt, als ich in Jahrzehnten!
Eara griff ihren Stab fester. Langsam kamen ihre Gedanken zur Ruhe. „Ich bin in die Unterwelt Hadrias hinabgestiegen und machte mir die Dunkelheit zum Sklaven.“, sprach sie fest. „Meine Macht übertrifft selbst die deine, Varkur.“
Sie wusste nicht, ob das stimmte. Was sie wusste, war, dass Varkur aus irgendwelchen Gründen Angst davor hatte, sie weiter zu bekämpfen. Und diese Angst war so groß, dass er dem Schwarzen Herold widersprach. Vielleicht würde es ihr gelingen, ihn so sehr einzuschüchtern, dass der Schwarze Herold ihn tatsächlich einfach tötete und ihr damit die Arbeit abnahm. Was danach kam, musste sie dann sehen.
Ihr habt es gehört!“, kreischte Varkur. „Ich kann nicht…
Die schmalen weißen Augen des Herolds blitzten auf. „Vergiss nicht, was auf dem Spiel steht, Varkur!“, drohte er. Seine Faust erglühte in fahlem Blau und kurz glaubte Eara, er würde Varkur tatsächlich einfach so auslöschen. Doch dann erkannte sie einen kleinen Knochen, der über seiner Hand schwebte. „Ein Leben für ein Leben. Ich habe ein fast vergessenes Grab für dich aufgesucht. Tu es nicht für mich.“ Der Herold verstellte seine Stimme und säuselte leise: „Tu es für deine unschuldige kleine Schwester! Tu es für deine Nika!“
Varkur kreischte gepeinigt auf. Sein Schrei schnitt wie Klingen in Earas Trommelfelle und brachte die Halle zum Erbeben. Dann stürzte er sich auf sie.
Eara warf ihm ihre eigene Dunkelheit entgegen. Fäden aus Dunkler Magie umwanden einander und rangen sich gegenseitig zu Boden. Schwarzer Nebel wallte auf und riss sich selbst in Stücke. Ein lautloses Ringen hatte begonnen. Varkurs bösartiger, gepeinigter Wille umgab sie und warf sich gegen ihre Verteidigung. Wie ein wildes Tier stürmte er auf sie ein und riss an ihren Mauern. Eara warf ihm alle Dunkelheit entgegen, die sie aufbringen konnte, und sie konnte sich mühelos behaupten. Doch dann spürte sie eine kleine, stille Leere, die sich in ihr auszubreiten begann. Ohne, dass sie den Grund dafür verstand, begannen ihre Mauern zu bröckeln. Ihr schwarzer Stab fiel klappernd zu Boden, der Arm aus Dunkler Magie, der ihn gehalten hatte, verlor langsam an Substanz. Die Finger verdampften zu gestaltlosem Nebel, der unaufhaltsam in Varkurs Dunkelheit hineingesogen wurde. Eara hielt inne. Jetzt erst spürte sie, dass ihre Macht nach und nach aus ihr herausfloss wie schwarzes Gift aus einem löchrigen Krug, und wie zugleich Varkurs dunkler Zauber immer größer wurde. Jetzt erst bemerkte sie die Haken, die Varkur in ihre schwarzen Mauern geschlagen hatte, um sie sich einzuverleiben.
Sofort kehrte Eara ihre Bemühungen um. Anstatt ihm einen Wall aus Dunkler Magie entgegenzuwerfen, zog sie alle Finsternis zu sich zurück. Sie und die Dunkelheit waren eins. Sie riss an den schwarzen Ketten, in die sie sich gehüllt hatte, und langsam begann die Dunkle Magie zu ihr zurückzufließen. Varkur heulte auf. Anstatt sich gegenseitig zu bestürmen, zerrten sie nun an ihrer Macht wie an einem schwarzen Seil. Ein stummes Kräftemessen. Und Eara spürte, wie sie nach und nach mehr von ihrer Dunkelheit zurückgewann. Wie sie die Macht, die sie Varkur so leichtfertig entgegengeworfen hatte, Stück für Stück wieder an sich riss. Der Krug füllte sich wieder. Weiter und weiter, bis schließlich mehr Gift darin angesammelt war, als Eara jemals besessen hatte. Ihr Arm aus Schatten hatte längst wieder Gestalt angenommen. Und sie erkannte, dass nun sie es war, die Varkur aussaugte. Sie verstand noch immer nicht, wie das möglich war, doch die Dunkelheit kam in begierigen Wellen zu ihr gerollt. Sie spürte Varkurs Zorn, seinen Hass, seine Verzweiflung – und dann, unter all dem, einen sehnlichen Wunsch, den Eara niemals für möglich gehalten hätte. Den Wunsch nach Erlösung. Den Wunsch, frei zu sein von der Dunkelheit. Nur noch die Ruine eines Menschen war von Varkur geblieben, und was in dieser Ruine hauste, war zutiefst zerrissen. Varkur widersetzte sich ihr mit aller Macht, und zugleich wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass sie diesen Kampf gewann.
Und Eara verharrte. Sie spürte all die Macht, die vor ihr lag, und die sie sich nur greifen musste. Vielleicht sogar genug, um gegen den Schwarzen Herold zu bestehen? Sie wusste es nicht, aber sie musste es probieren! Doch zugleich wehrte sich etwas in ihr dagegen.
Selbst der machthungrige Varkur hat erkannt, wozu die Dunkle Magie ihn macht. Kannst du all die Dunkelheit wirklich wollen?
Es war die Stimme der Schwäche. Eara erkannte sie sofort und versuchte, sich von ihr zu bereinigen, doch es wollte ihr nicht gelingen. Hinter der Schwäche stand eine stählerne Kraft, der sie sich kaum widersetzen konnte. Der sie sich vielleicht gar nicht widersetzen wollte. Du unterdrückst mit deinen Emotionen auch alles, was deinen Zielen Bedeutung verleiht. Deinen wichtigsten Antrieb.
Sie hatte einen Panzer aus Eis um ihr Herz gelegt. Doch dieser Panzer war brüchig und voller Risse. Etwas grub sich seinen Weg hindurch: Ein einzelner, klarer Wunsch. Nicht geboren aus der Einsicht, das Wohl der Welt zu mehren, sondern einzig aus dem, was sie selbst wollte. Sie wollte nicht zu Varkur werden. Nie wieder! Sie wollte diese Dunkelheit nicht. Sie wollte nicht sein wie er. Es war ein ganz und gar egoistischer Wunsch, der sich nicht scherte um den Rest der Welt, sondern einzig um sich selbst, und der gerade deswegen stärker war als alle Vernunft, die Eara ihm entgegenhielt. Nie wieder! Sie sah Kimbu vor sich, Koraph, Hedal, Variah, Torven, den Zwerg vom Sternentor und alle anderen, die sie kaltblütig geopfert hatte. Nie wieder! All die Gefühle, die sie so lange in sich eingeschlossen und niedergedrückt hatte, strömten mit einem Mal auf sie ein. Nie wieder!
Eara würgte. Sie fiel auf die Knie. Ihr Griff um die Dunkle Magie lockerte sich, und sie spürte, wie alle Kälte und alle Finsternis sie binnen Herzschlägen verließ. Ihr Arm aus Dunkelheit löste sich auf, nur noch ein hässliches Loch klaffte in ihrer Schulter. Jedes Gespür für die Magie der Welt hatte sie verlassen. Ihre Macht war vergangen wie Asche im Wind. Der Panzer aus Eis zerbarst. Schluchzend kauerte Eara auf dem kalten Boden der Halle und weinte um die Freiheit, die sie gewonnen, und die Welt, die sie verloren hatte.
Ein schrilles, ohrenbetäubendes Kreischen erklang. Varkurs Dunkelheit hatte sich aufgebläht und verdüsterte die ganze Halle. Sie zuckte unregelmäßig wie ein krankes Herz. Nur langsam verklang Varkurs Schrei, und noch lange Zeit drang ein leises, gequältes Wimmern aus der Wolke Dunkler Magie.
„Gut gemacht, Varkur!“, sprach der Schwarze Herold leise. Eara spürte den bösartigen Blick seiner weißen Augen auf sich ruhen. Ein kurzes blondes Haar löste sich von ihrem Schädel und schwebte langsam zum Schwarzen Herold, bis es in seinem durchscheinenden schwarzen Körper verschwand. Dann hüllte blaues Licht sie ein, schwoll kurz an … und erlosch.


Früher Nachmittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Halle des Hohen Rates, Krahalzar

Eara fror. Ihr Mund war vollkommen ausgetrocknet. An ihrem Rücken spürte sie kalten, harten Stein. Lautes, regelmäßiges Hämmern erklang.
„Willkommen zurück in der Welt der Lebenden!“, sprach eine tiefe Stimme.
Eara schlug die Augen auf. Sie saß in der vordersten der halbkreisförmigen Sitzreihen der großen Halle. Der schlafende Tarok mit seinen Schuppen, die aussahen wie dunkler Stein, lag kaum ein Dutzend Schritte entfernt, doch sie spürte keinerlei Wärme mehr von ihm ausgehen. Hinter seiner reglosen Gestalt hämmerte eine Schar Gors mit ihren Hornklauen auf den Boden ein, brach Stücke aus dem Fels und grub einen seltsamen Gang in Form eines perfekten Achtecks senkrecht nach unten.
Eara gegenüber schwebte der Schwarze Herold und betrachtete sie voller Genugtuung. Noch immer brannten vereinzelt schwarze und silberne Flammen auf dem nackten Stein und tauchten die Halle in ein kaltes, flackerndes Licht. Auf den Sitzen neben sich sah Eara schon Chada und Thorn sitzen, beide in Ketten, und auch hinter ihr stand bereits ein Skral mit einer schweren Eisenkette in der Hand. Ihr Versuch, Widerstand zu leisten, endete mit einem brutalen Schlag, und ehe sie es sich versah, hörte sie das leise Klicken eines kleinen Schlüssels und spürte kalte, scharfkantige Kettenglieder um ihren Körper und ihren verbliebenen Arm. Ihre Versuche, sich herauszuwinden, endeten nur damit, dass die Kette sich noch enger um sie zusammenzog.
Schließlich gab sie auf und sah sich weiter um. Knapp vor ihnen, am Rand der Steinbühne, sah Eara die Taschen liegen, die sie vor Kampfbeginn abgelegt hatten, und daneben die Leichen ihrer zwergischen Begleiter. Auf den Sitzen hinter Chada und Thorn erblickte sie, ebenfalls in Ketten, einen Wolf mit schwarzem Fell und klaren grünen Augen, dahinter ihren alten Freund Orfen. Das letzte, was sie von ihm gehört hatte, war, dass Chada ihn zum Statthalter Andors ernannt hatte. Vermutlich war er mit dem Fall der Rietburg in die Hände des Ewigen Rates geraten. Kraftlos hing er in seinem Sitz, sein Blick war so leer, das Eara kurz meinte, er sei tot, bis sie seine ungleichmäßigen, pfeifenden Atemzüge hörte. Was hatte man ihm nur angetan? Sie sah ihm in die in sich gekehrten Augen und versuchte, eine mentale Verbindung aufzubauen. Doch es gelang ihr nicht. Schon der Versuch, seine Präsenz zu ertasten, scheiterte. Eara schluckte und bemühte sich um das vertraute Gefühl der Magie, doch in ihr war nichts als Leere. Selbst den gigantischen Gedankenspiegel, diesen See aus dunklem Quecksilber, der die ganze Wand jenseits des Drachen einnahm, nahm sie nicht mehr war. Alles, was sie ausgemacht hatte, war fort. Alle ihre Fähigkeiten. All ihre Macht. Varkur hatte ihr alles genommen.
„Ich muss gestehen, ihr habt mich beeindruckt.“, sagte der Schwarze Herold, nachdem er die Helden vor sich eine Weile betrachtet hatte. „Der Plan mit der Krone war gut. Die ganze Zeit habe ich mich geweigert, euch hierher zu beschwören, weil ich fürchtete, auch den von euch zu töten, der gerade die Rietgraskrone bei sich trug. Selbst ich ahnte nicht, wie mächtig ich längst bin. Auch ich glaubte, zusammen mit der Krone zu vergehen.“ Er lachte finster. „Ja, der Plan war gut. Und sogar Ken Dorr habt ihr getäuscht, wahrlich beeindruckend.“
Der Geist drehte seine schwarze Maske und Eara folgte seinem Blick, bis sie im Zwielicht der Halle Ken Dorr entdeckte, der weiter hinten auf einem der Steinsitze saß, mit etwas Abstand von der Schwarzen Kogge und den falschen Helden.
„Wie hätte ich ahnen sollen, was es mit der Krone auf sich hat?“, empörte sich Ken Dorr. „Sie sagten immer, sie wollten versuchen, Euch das Herz zu stehlen, wo Ihr Euch sicher fühlt. Ich …“
„Wir reden noch darüber, Dieb!“, drohte der Herold. „Aber nicht jetzt! Ich bin mitten in meinem dramatischen Monolog!“
Ken Dorr hob die Hände. „Bitte, lasst Euch nicht unterbrechen.“, meinte er spöttisch.
Der Herold fuhr fort mit den Androhungen, was er seinen alten Feinden anzutun gedachte, doch Eara versuchte, nicht allzu genau hinzuhören. Sie wollte nicht wissen, was sie und die Welt erwartete. Sie wollte nicht daran denken, dass sie versagt hatte. Im entscheidenden Moment hatte sie die Macht, die ihr vielleicht noch den Sieg gebracht hätte, von sich gewiesen. Aufgrund eines Gefühls. Sie wollte die Stimme der Schwäche verbannen und sie nie wieder hören. Doch es ging nicht. Die Stimme der Schwäche war das Einzige, was ihr noch geblieben war.
Sie lenkte sich selbst ab, indem sie Ken Dorr mit einem starren Blick bedachte. Der Dieb hatte sie verraten, doch zugleich hatte er dem Schwarzen Herold nicht von der Krone berichtet. Weshalb? Hatte er versucht, für beide Seiten zu lügen, um so auf jeden Fall als Sieger hervorzugehen? Die Helden führte er in einen Hinterhalt, damit der Schwarze Herold ihm die Lüge mit der Krone glaubte, und den Plan der Helden behielt er für sich, damit er behaupten konnte, auf ihrer Seite gestanden zu haben, falls es ihnen tatsächlich gelingen sollte, den Sieg davonzutragen? Er spielt ein dreifaches Spiel und benutzt euch und den Ewigen Rat, um seine Ziele zu erreichen.
Ken Dorr erwiderte ungerührt ihren Blick, ein feines Lächeln auf den Lippen. Und dann, als alle anderen Augen längst auf den Schwarzen Herold gerichtet waren, zwinkerte er kurz. Im nächsten Moment ließ er gelangweilt den Blick schweifen, als ob nichts geschehen wäre, und ließ Eara verwirrt zurück. Vielleicht hatte er einfach eine Wimper im Auge gehabt?
„Die Menschen lassen sich nicht so einfach unterwerfen!“, rief plötzlich Chadas Stimme. Eara drehte den Kopf und betrachtete sie. Die Bogenschützin saß mit hoch erhobenem Kinn in ihren Ketten, ihre grünen Augen schienen vor Zorn zu glühen. „Es werden neue Helden kommen! Sie werden vollenden, woran wir scheiterten!“ Woher sie noch die Kraft nahm, dem Herold zu widersprechen, war Eara ein Rätsel.
„Was werden sie ausrichten gegen eine Armee, für die der Tod keine Bedeutung hat?“, lachte der Schwarze Herold. „Ich freue mich schon auf diese neuen Helden! Und darauf, sie vor euren Augen zu zerquetschen!“
Er beugte seine dunkle Maske vor und musterte sie aus schmalen weißen Augen. „Ihr glaubt, diese Welt wird sich gegen mich wehren, auch ohne ihre Helden? Dann werde ich dafür sorgen, dass sie nicht ohne ihre Helden bleibt.“
Er drehte sich um. „Tarok, wie lange noch?“ Kurz wartete er auf eine Antwort, die nur er selbst hören konnte. „Callem, nimm deine Mannschaft und unsere Helden. Ich will, dass meine Gäste wissen, wozu der Ewige Rat fähig ist.“ Ein böses Lachen drang aus der schwarzen Maske hervor. „Was meint ihr, Helden von Andor, welchen Ort werden meine Armeen nicht einnehmen können? Cavern? Das Reich der Schildzwerge, zerstört mithilfe der Schilde, die dem Volk seinen Namen gaben? Nein, ihr würdet kaum mehr davon mitbekommen als Schreie und Rauch. Ich will, dass ihr seht, was hereinbricht! Cavern wird noch fallen, Kammer für Kammer, Gang für Gang, und ihr sollt jeden einzelnen Zwerg sterben sehen. Aber für heute dauert das zu lange. Varkur, der Blick auf Yra ist noch immer vorbereitet?“
Plötzlich erstrahlte weißes Licht. Der Gedankenspiegel, der die ganze Wand einnahm, war nicht länger dunkel, sondern leuchtete hell. Erst sah Eara nur schnell wirbelnden Schnee, dann langsam schälte sich das verzerrte Abbild einer vertrauten Insel aus dem Schneegestöber. Hohe, schwarze Türme mit verschneiten Dächern und schmalen Brücken, getaucht in graues Tageslicht. Direkt unter ihnen erhob sich ein mächtiger Turm aus dunklem Eisen, um den ein blauer Schimmer lag. Sie blickten aus größer Höhe darauf, verzerrt wie durch eine gläserne Linse. Vermutlich ließ Varkur einen Tropfen Quecksilber über der Feste schweben, den er jetzt mit dieser Halle verbunden hatte.
„Gut…“, flüsterte der Herold. „Willst du mit, Varkur? Ich weiß, wie lange du schon darauf wartest, den Eisernen Turm niederzureißen.“
So viel Zerstörung! Welchen … Ausgleich soll es dafür geben?“, kreischte die unmenschliche Stimme. „Geht ohne mich!
„Wie du wünschst.“, murmelte der Schwarze Herold. „Callem, ihr habt zwei Stunden!“
Der Kapitän erhob sich von seinem steinernen Sitz, zog Varatans Helm der Macht über und verneigte sich. Mit einem Schaudern erkannte Eara, dass er seinen Rundschild mit der schwarzen Schlange darauf durch den matt schimmernden Feuerschild ersetzt hatte. „Wir werden die Feste dem Erdboden gleichmachen.“, versprach er. „Und danach … könnt Ihr vielleicht…“
„Genug!“, rief der Schwarze Herold. „Was mit deinem Bruder geschieht, entscheide ich zu einem späteren Zeitpunkt. Es genügt, wenn heute einer von euch seine verlorenen Geschwister zurückerhält. Versuche, mich nicht zu enttäuschen, vielleicht werde ich dann eines Tages gnädig sein.“
Callem presste die Kiefer zusammen und nickte steif, die gelben Augen von Varatans Helm glühten kurz auf. Im nächsten Moment verschwand er mitsamt seiner ganzen Mannschaft und den falschen Helden in blauem Licht. Nur grauer Staub blieb von ihnen zurück.
Eara schluckte und betrachtete die vertrauten Umrisse der Feste, die leuchtend vor ihr ausgebreitet lag. Ganz klein sah sie Gestalten in grauen Umhängen, die eilig über Brücken und Höfe hasteten und so schnell sie konnten in den geheizten Türmen Deckung suchten. Sie wünschte sich, irgendwie helfen zu können, irgendeine Warnung abzugeben. Doch ihr blieb nur, das Unglück stumm mitanzusehen.


Früher Nachmittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Westklippen, Hadria
Chada fror. Ein eisiger Wind wehte über das Deck des dunklen Schiffes. Vielleicht würde er die Furcht betäuben, und das Grauen, und es das Blut vergessen lassen. Doch Chada glaubte nicht daran. Das Grauen ließ sich nicht betäuben. Es war da, wann immer es einen Pfeil verschoss. Es würde auch heute da sein.
Fröstelnd zog Chada seinen grünen Umhang enger. Es mochte das Blut nicht. Es wollte den Frieden, den es am großen Baum gespürt hatte. Doch der große Baum war verbrannt, und Chada musste das Blut vergießen, auch wenn es nicht wollte. Mutter hatte gesagt, Chada und seine Geschwister müssten den bösen Leuten auf dem Schiff helfen, und Mutter hatte immer recht. Auch wenn ihre Stimme verstummt war.
Chada merkte, wie sein Atem schneller wurde. Es dachte zu viel ans Blut! Schnell hob es den Kopf. Es war so dunkel, vielleicht war Nacht. Vielleicht konnte es die Sterne sehen. Die unendlich fernen Sterne, für die jedes Blut bedeutungslos war. Doch der Himmel über den schwarzen Masten war grau und leer. Keine Sonne. Aber auch keine Sterne. Wie konnte das sein?
Chada erstarrte, als es die weißen Punkte bemerkte, die langsam vom Himmel fielen. Zu tausenden schwebten sie herab, verschwanden im dunklen Wasser zwischen den Kreaturen und legten sich auf das Schiff. Chada fing einen mit der Hand auf. Es war ein kleiner Stern mit sechs Zacken, der langsam auf seiner Haut zerfloss und verschwand.
Chada holte zischend Luft. Die Sterne! Die Sterne fielen vom Himmel! Sie hingen nicht länger am Firmament! Es hatte so gerne die Sterne betrachtet. Wann immer es nachts draußen gewesen war, hatte es nach oben geschaut. Es hatte die unendlich fernen weißen Punkte betrachtet und das Blut vergessen. Sie waren das Letzte, was Chada noch Frieden geschenkt hatte, und jetzt waren sie fort! Aber … sie waren nicht fort. Noch nicht. Chada sah ihnen zu, wie sie langsam vom Himmel fielen, sich in seinem dunklen Haar verfingen und die schwarzen Planken bedeckten, bis das Schiff aussah wie der Himmel bei Nacht. So gefiel es Chada viel besser.



Früher Nachmittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Halle des Hohen Rates, Krahalzar

Schweigend saß Eara auf ihrem kalten Sitz. Als Thorn und Chada etwas geflüstert hatten, hatte ein Skral den gebrochenen Orfen getötet, und der Schwarze Herold hatte angedroht, ihn zurückzuholen und erneut umbringen zu lassen, wann immer sie versuchten, miteinander zu sprechen.
Ganz am Rand des verzerrten Gedankenspiegels konnte Eara sehen, wie die Schwarze Kogge an Hadrias Klippen anlegte und kleine Gestalten an Land sprangen. Sie eilten durch das Schneegestöber in Richtung der Feste von Yra, Meereskreaturen begleiteten sie zu Land und zu Wasser.
„Seht gut hin!“, rief der Schwarze Herold triumphierend. „Der letzte Widerstand nördlich von Silberhall wird brechen! Und diesmal werdet ihr Zeuge sein! Die Rietburg, Klippenwacht, der Baum der Lieder – ich habe jeden dieser Siege beobachtet, von dort oder von hier. Aber es ist nur halb so lustig, wenn ihr nicht dabei seid. Wenn ich mir euer Grauen nur vorstellen kann, anstatt es selbst zu sehen!“
„Du lügst.“, erwiderte Chada erstaunlich gefasst. „Wir wissen, was wirklich am Baum der Lieder geschehen ist.“
Der Schwarze Herold betrachtete sie lange. „Wovon sprichst du?“
„Oh, verzeiht mir, Schwarzer Herold!“, mischte sich Ken Dorr ein. Der Dieb saß noch immer auf seinem Platz und sah sich alles ruhig an. „Ich hatte ganz vergessen, Euch zu berichten, dass die Helden noch nichts von unserem Angriff auf den Baum der Lieder wissen. Ich wollte es Euch überlassen, ihnen davon zu erzählen.“
Eara versteifte sich. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Chadas Gesicht jede Farbe verlor.
Der Schwarze Herold lachte. „Wie hast du das angestellt? Sie müssen das Beben mitbekommen haben!“
Ken Dorr zuckte lächelnd mit den Schultern. „Oh, das haben sie. Und sie haben mir tatsächlich geglaubt, dass die Bewahrer ihre eigene Heimat zerstört haben. Dass unser Drukil meine Worte bestätigen konnte, dürfte dazu beigetragen haben.“
Der Herold lachte finster. „Nun, dann freut es mich ganz besonders, euch diese Botschaft zu überbringen: Meine Kreaturen haben den Baum der Lieder angegriffen und zerstört. Alle Chroniken sind verbrannt. Die Hälfte der Bewahrer ist tot, und die andere Hälfte wurde vertrieben und zieht jetzt durch Andor, um allen, die sie treffen, zu sagen: Unsere einstigen Helden sind zu unseren schlimmsten Feinden geworden. Sie haben unsere Heimat zerstört und unseren Obersten Priester getötet. Oh, und dessen Vorgänger auch.“
„Du!“, brach es aus Chada hervor. In ihren Augen glänzten Tränen. „Du wirst deinen Verrat noch bereuen, Ken Dorr!“
Der Dieb schüttelte langsam den Kopf. „Nein, Chada, das werde ich nicht. Du glaubst noch immer an die Gerechtigkeit der Welt? Daran, dass den Bösen Böses und den Guten Gutes widerfährt? Wie kannst du nach allem, was du erlebt hast, noch immer so naiv sein?“ Er lächelte traurig. „Die einzige Gerechtigkeit, die du in dieser Welt finden wirst, ist die, die wir selbst erfinden.“
Chada starrte Ken Dorr zitternd an, und kurz fürchtete Eara, sie würde dem Schwarzen Herold erzählen, dass der Dieb auch ihn belogen hatte. Doch sie tat es nicht, und im nächsten Moment fragte sich Eara, wieso sie das wirklich fürchtete? Was kümmerte es sie, ob Ken Dorr noch bestraft wurde oder nicht? Glaubte sie etwa noch daran, dass er doch heimlich auf ihrer Seite stand? Nur wegen eines Zwinkerns, das alles oder nichts bedeuten konnte? Gefühle machten dumm. Das galt auch für Hoffnung.
„Sagt mir, wie konntet ihr Ken Dorr tatsächlich vertrauen?“, fragte der Schwarze Herold höhnisch. „Weshalb hätten die Bewahrer ihren eigenen Baum zerstören sollen?“
Keiner von ihnen antwortete. Es war Ken Dorr selbst, der das Wort ergriff: „Um die Macht des Anbeginns in die tote Frucht zu übertragen. Sie wollten eine Waffe gegen Euch.“
Der Schwarze Herold keuchte. „Aber … weder Sterblicher noch Gott …“
„… kann die volle Macht eines einzelnen Herzens nutzen?“, beendete Ken Dorr den Satz unschuldig. „Das wussten sie nicht. Sie haben es selbst herausfinden müssen, als sie wieder und wieder vergeblich versuchten, dem Herz der Geburt irgendeine Reaktion zu entlocken.“
Der Schwarze Herold brüllte vor Lachen. Ken Dorr hingegen fügte ernst hinzu: „Ich musste den Helden Vieles offenbaren, um ihr Vertrauen zu erringen. Doch ich habe niemals mehr verraten, als nötig war.“
„Wo wir schon davon sprechen: Wo ist das Herz jetzt?“, fragte der Herold, nachdem er wieder zur Ruhe gekommen war. „Sie waren nicht so dumm es mitzubringen, oder?“
„Es müsste hier irgendwo sein.“, erwiderte Ken Dorr noch immer lächelnd.
Das Gespenst richtete seinen Blick auf die Taschen, die neben den schwarz-silbernen Flammen lagen. „Wo ist es? Sagt es mir, und vielleicht werde ich den Angriff auf Yra um einen Tag verschieben. Eara, du kannst doch nicht wollen, dass dieser Ort schon heute zerstört wird.“
Eara schluckte und schwieg. Auch Chada und Thorn blieben still. Sie alle wussten, dass es zwecklos war, mit dem Schwarzen Herold zu verhandeln.
„Varkur! Durchsuche ihre Sachen!“, rief der Herold schließlich. „Ich will dieses Herz haben!“
Ein Schatten fiel auf sie. Eara holte tief Luft und bemühte sich, nicht zum Eingang der Halle zu blicken, wo Varkur sie ihrer Magie beraubt hatte. Dort hatte sie Drukil das Herz der Geburt abgenommen. Wenn der Herold es nicht gefunden hatte, dann lag es wahrscheinlich noch immer dort.
Sie blinzelte und sah starr auf die leuchtende Wand und das Bild Yras dahinter. Betrachtete die dunklen Türme, die Zauberer, die sich soeben kampfbereit aufstellten – und die Angreifer, die in diesem Moment über die Weiße Brücke kamen.


Früher Nachmittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Südlich der Feste von Yra, Hadria
Chada rannte an der Spitze der Kreaturen über die geschwungene weiße Brücke. Die gefallenen Sterne lagen knöcheltief und ließen den Boden rutschig werden. Es sollte vorne laufen, denn alle sollten es sehen. Alle sollten denken, dass es die andere Chada war. Die echte Chada. Die Heldin.
Chada fröstelte. Eine Kälte lag in der Luft, die auch die Anstrengung nicht vertreiben konnte. Das Blut der Zukunft.
Auf der anderen Seite der Brücke erhoben sich bedrohlich graue Türme in den sternenlosen Himmel, und ganz oben, am höchsten Ort der Insel, ragte zwischen den gefallenen Sternen ein dunkler Turm wie eine schwarze Säule empor.
Am Rand der Brücke hatten sich Menschen in grauen Umhängen versammelt. An manchen Ärmeln war ein braunes oder schwarzes Band zu sehen. Sie alle hielten Stäbe aus Holz, manche leuchteten, auf einem brannte ein Feuer. Chada spürte ein Zittern in sich. Diese Menschen erinnerten es an die entsetzliche dunkle Frau. Die Heldin, die sich nicht wie eine Heldin anfühlte.
Chada hob das Zupfding, da fiel ihm auf, dass der Faden, nein, die Sehne, fehlte. Es hatte sie einfach vergessen. Doch … stimmte das wirklich? Nur vergessen? Oder hatte Chada absichtlich nicht daran gedacht, um erst später mit dem Töten anzufangen? Um das Blut nicht zu sehen?
Im Laufen steckte Chada die Hand in einen Beutel und tastete nach einer Sehne. Seine Finger berührten den Heißstein und das seltsame glänzende Viereck mit den Mustern darauf. Sonst nichts.
Angst und Erleichterung und schlechtes Gewissen durchfluteten es. Callem würde furchtbar böse sein, und es würde Mutter enttäuschen, aber zugleich war es so unendlich froh, dem Blut wenigstens für eine Weile zu entkommen. Dann spürte es an seinen Fingerspitzen eine dünne, aufgerollte Schnur. Und während es weiter zu den grauen Gestalten rannte, schluchzte Chada leise.



Früher Nachmittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Halle des Hohen Rates, Krahalzar

Die ersten Kreaturen stürzten sich auf die kleinen Gestalten an der Brücke und wurden zurückgeschlagen. Die Zauberer machten sich die Enge der Brücke zunutze und bekämpften die Angreifer, bevor sie alle zugleich kommen konnten. Eara konnte Feuerschein sehen, und Zauber, die von den Spitzen der Fingertürme geschleudert wurden. Eine ganze Reihe Nerax wurde durch einen heftigen Windstoß von der Brücke ins Meer geweht. Ein gewisser Stolz mischte sich unter Earas beklemmende Sorge, als sie sah, wie gut die Zauberer zusammenarbeiteten. Es gab keine zwei Orden mehr, nur noch Zauberer, die für ihre Heimat kämpften. Sie ließen keine Kreatur über die Brücke kommen, und auch die Meerestrolle und Arrogs, die versuchten, an anderen Stellen an Land zu gehen, wurden zurückgeschlagen. Obwohl Eara wusste, dass ein Sieg gegen eine Armee, die jeden Tag von den Toten zurückkehrte, auf Dauer nicht möglich wäre, schöpfte sie fast etwas wie Hoffnung.
Dann plötzlich sprang eine Gestalt zwischen die Zauberer, hob etwas über den Kopf, und im nächsten Moment brachen schwarze und silberne Flammen hervor, heißer als Drachenfeuer. Das dunkle Feuer verbrannte die nächsten Zauberer zu Asche, wer weiter weg stand, wich zurück. Die Reihe der Verteidiger bröckelte und zerbrach. Kreaturen, Piraten und die falschen Helden stürmten in die Feste von Yra und zwischen allen Türmen entbrannten Kämpfe.
„Ich war lange in der Winterburg.“, sagte plötzlich der Schwarze Herold leise. Seine tiefe Stimme war voller Schadensfreude. „Ich habe das Leid gesehen, dass der Bleiche König und seine toten Diener ihren Gefangenen angetan haben. Entsetzliche Folter, nur dazu da, ihren Willen zu brechen. Ich habe lange davon geträumt, dass euch Ähnliches angetan würde. Und doch – all diese heiseren Schreie waren leer. Es lag nichts darin als der bloße Schmerz des Augenblicks. Doch unter den Gefangenen gab es auch andere. Sie wehrten sich. Sie glaubten noch an etwas. Sie hatten noch Hoffnung, wenn nicht für sich, dann für die, die nicht mit ihnen verschleppt worden waren. Sie ließen sich nur brechen, wenn sie diese Hoffnung verloren. Doch wenn das geschah… Ihre Schreie waren voller Verzweiflung.“
Eara starrte schweigend auf das große leuchtende Bild Yras. Sie sah einen Zauberer, der von eine Arrog verschlungen wurde. Einen anderen, der in Callems schwarzem Feuer verging. Einen, der plötzlich von heulenden Winden vom Dach eines Turms gerissen wurde. Sie war froh, dass die Gestalten zu klein waren, um sie zu erkennen.
„Damals habe ich verstanden.“, fuhr der Schwarze Herold leise fort. „Alle Qual, die Folterwerkzeuge bringen können, reicht nicht. Das ist bloß stumpfer Schmerz. Jedes noch so dumme Tier kann ihn fühlen. Für die Helden von Andor brauchte es etwas … Auserleseneres. Ihr werdet den Rest der Ewigkeit damit verbringen, zuzusehen, wie wir diese Welt in Dunkelheit tauchen – und ihr werdet wissen, dass das allein eure Schuld ist. Dass die Menschen und Zwerge und Agren und Taren und was es sonst noch geben mag nur deshalb leiden müssen, weil sie euch wichtig sind. Weil es euch weh tut, sie so zu sehen.“
Ein Arrog sank sterbend zurück ins Meer. Meerestrolle lagen erschlagen im Schatten der Türme. Immer mehr Nerax wurden zurückgedrängt und wichen langsam zur Weißen Brücke zurück. Die Piraten der Schwarzen Kogge ließen sich nicht so deutlich ausmachen, doch auch sie schienen langsam zu verlieren. Der Schwarze Herold wandte seine gezackte Maske, hob die dunkle Faust, und ein fahles blaues Glühen erleuchtete kurz die Halle und überstrahlte das Flackern der schwarzen Flammen. Eara fühlte keinerlei Wärme mehr.
Auch über die Feste von Yra legte sich ein blaues Licht, im nächsten Moment verschwanden die Leichen der Meereskreaturen, die letzten Kämpfe verstummten, und dann erschienen alle Feinde neu. Sie tauchten an unterschiedlichen Orten in der ganzen Feste auf, mitten zwischen den Zauberern. Wenn Eara sich nicht täuschte, dann waren es mehr Kreaturen als eben noch. Auch Gors und Skrale waren darunter, obwohl sie mit der Kälte nur schlecht zurechtkamen. Eara konnte die Schreie selbst durch den Gedankenspiegel weit oberhalb der Feste hören.
„Sie alle sterben nur euretwegen.“, lachte der Schwarze Herold. „Löst euch von ihnen, vergesst alles Leid der Welt, alle Ungerechtigkeit, alles, was euch an sie bindet, alles, was euch einst ausgemacht hat! In dem Moment, wo sie jeden Wert für euch verloren haben, verlieren sie auch jeden Wert für mich. Doch ich weiß, dass ihr das nicht könnt. Ihr könnt nicht aufhören, Helden zu sein. Ihr könnt sie nicht vergessen. Und wenn ihr es versucht, so wird es immer nur für sie geschehen und genau deshalb unmöglich sein. Ein herrlicher, grauenhafter Kreislauf!“
Eara bemerkte, dass ihre Robe an der linken Seite feucht war. Ein Blick verriet ihr genug. Blut quoll aus den vielen kleinen Löchern an den Überresten ihrer Schulter. Die Fraßgänge der Dunklen Magie schmerzten nicht, doch sie waren trotz allem unzählige kleine Wunden, zu viele, um noch zuzuwachsen. Übelkeit stieg in Eara auf, und sie wandte den Blick ab. Was ist nur von mir geblieben?
Sie würde ausbluten wie ein Schwein. Vielleicht ein paar Stunden gab sie sich noch. Doch natürlich wäre ihr Tod nur vorübergehend. Der Schwarze Herold würde sie nicht so einfach davonkommen lassen.
„Ken Dorr!“, rief der Herold. „Komm her.“
Der Dieb gehorchte sofort. „Was wünscht Ihr?“, fragte er ehrerbietig.
„Ich bespreche mich mit Tarok, und Varkur sucht noch immer nach dem Herzen. Also wirst du auf die Helden aufpassen.“ Ein silberner Schlüssel löste sich aus seinem dunklen Körper und fiel in Ken Dorrs Hand. „Achte gut darauf, Dieb. Und wenn sie irgendetwas tun, was dir nicht passt, dann schlägst du diesem Wolf den Kopf ab.“
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und schwebte zu Tarok. Ken Dorr setzte sich auf einen der Sitze neben den gefangenen Helden und musterte sie nachdenklich. Auf seinen Lippen lag ein Lächeln, das Eara nicht gefiel.


Später Nachmittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Großer Hof in der Feste von Yra, Hadria
Eine Frau mit leuchtendem Stock wich den schnappenden Scheren eines Gehörnten Stinkers aus. Die Piraten nannten sie Meerestrolle, aber Chada fand den eigenen Namen besser. Sie waren gehörnt und sie stanken nach faulen Algen.
Die Frau schrie etwas, und der Gehörnte Stinker drehte sich plötzlich um und schnappte einfach ins Leere, als stünde die Frau ganz woanders. Chada war nicht mehr überrascht. Es hatte diese Menschen mit Stöcken die seltsamsten Dinge tun sehen. Vielleicht hatten sie auch die Sterne vom Himmel geholt?
Die Frau wandte sich zu Chada um und hob den Stab. Es wartete nicht länger und griff nach einem Pfeil. Es sah nicht hin, doch es konnte fühlen, dass die Röhre mit den Pfeilen noch immer zur Hälfte gefüllt war. Noch so viele! Es erschoss die Frau. Ihr Blut färbte die gefallenen Sterne rot. Überall war Blut. Überall lagen die grauen Menschen, ihre Augen starrten blicklos in den sternenlosen Himmel. Das Blut versiegte nicht, und der Schmerz war nicht vergessen.
Chada musste würgen. Es taumelte um eine Ecke, um dem Blut zu entgehen. Doch selbst hier blieb es nicht verschont. Eine alte Frau kauerte an der Wand, mit einer riesigen Wunde im Bauch, ihr Stock war ihr aus der Hand gerutscht. Neben ihr lagen drei niedergestreckte Fischmenschen, ihre gezackten Schwerter mussten die Wunde geschlagen haben. Chada wusste, was Schwerter waren. Thorn hatte es erklärt. Chada merkte sich, was es erklärt bekam. Auch wenn es keine Schwerter mochte.
Die Alte keuchte und sah langsam auf. Ihr eines Auge wurde von einem Stück Stoff bedeckt, das andere blinzelte schwach. „Chada!“, flüsterte sie. „Du bist hier? Dann kann auch Eara nicht weit sein. Ihr müsst Yra retten!“
Chada wimmerte leise. Es umklammerte das Zupfding fester und zögerte. Kurz lauschte es, doch es hörte nur den heulenden Wind und die Schreie. Keine Münze auf hartem Stein. Keinen Klang der Entscheidung. Was also war es, das es zögern ließ? Es wusste es, noch bevor es die Frage zu Ende gedacht hatte. Diese Frau war schon todgeweiht. Chada wollte ihr nicht auch noch die letzten Momente rauben. Es wollte nicht mehr Blut vergießen, als es musste. Auch Callem und Mutter konnten Chada dafür nicht böse sein. Jetzt zu schießen wäre nichts als Pfeilverschwendung…
Und da, plötzlich, hatte es eine Idee. Es sollte so viele erschießen wie es konnte. Aber wenn es keine Pfeile mehr hatte, konnte es niemanden mehr erschießen! Wenn es also versuchte, nur die zu erschießen, die ohnehin sterben würden, dann müssten insgesamt weniger sterben. Es hätte Mutters Wunsch gehorcht, und zugleich kaum jemanden wirklich umgebracht. Aber das hieß…
„Ihr müsst den Eisernen Turm bewahren! Ihr könnt …“
Das Auge der Alten sprach von Schmerz, aber auch von einer Wärme, die es nicht verdiente. Und von Hoffnung. Chada sah, wie die Hoffnung zerbrach, als es das Zupfding hob. Es sah einen anklagenden Blick, und Furcht. Schon wieder Furcht.„Es ist nicht die Chada, die du kennst.“, schluchzte es. „Es muss das hier tun.“
Chada schoss genau ins Auge. Zerschoss die Furcht. Doch es wusste, dass es den anklagenden Blick nicht vergessen würde.



Später Nachmittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Halle des Hohen Rates, Krahalzar

Es ist nicht hier!“, kreischte Varkur. Die Dunkelheit wogte unruhig über den Taschen und senkte sich langsam über die drei Gefangenen. „Wo ist es? Habt ihr es noch bei euch?“ Die Schatten legten sich auf Earas Haut und bedeckte auch ihre Schulter. Wehmut ergriff Eara angesichts des allzu vertrauten Gefühls der Finsternis. Doch zugleich erinnerte sie sich der Kälte und der Verderbnis. Wenn es nicht ausgerechnet unter diesen Umständen geschehen wäre, vielleicht hätte sie sich sogar darüber gefreut, ihre Macht verloren zu haben.
Was ist das?“, fragte Varkurs schrille Stimme. Etwas riss sich von Chadas Gürtel, ein Beutel, aus dem eine kleine silberne Truhe fiel. Eara wusste, dass sie aus reinem Arkanum bestand, früher hatte schon allein ihre Nähe Eara Unwohlsein bereitet. Jetzt spürte sie nichts mehr.
„Nein! Nicht!“, hauchte Eara schnell. Sie spürte echte Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung über ihren gescheiterten Plan, über die Unbesiegbarkeit des Ewigen Rates und das Unglück in Yra. Sie musste ihre Gefühle nicht spielen. Und Varkur verstand sie genau so, wie er es sollte. Gierig stürzten sich seine Schatten auf das Arkanum und verdampften zischend, sobald sie es berührten. Dennoch zweifelte Eara nicht daran, dass er einen Weg finden würde, die Truhe zu öffnen. Und dann…
Eine Truhe aus Arkanum, gefüllt mit der Essenz aller drei Mächte. Sie mag euch einst gegen den Dunklen Magier helfen. Doch öffnet sie nur, wenn die Lage aussichtslos scheint.
„Ausnahmsweise muss ich Eara zustimmen.“, sagte Ken Dorr leise. „Ihr solltet diese Truhe nicht öffnen.“
Varkur verharrte. „Du auch? Aber weshalb…?
„Du suchst immer noch das Herz? Ich an deiner Stelle würde es dort vorne probieren.“, meine Ken Dorr. Gelangweilt deutete der Dieb zum Eingang der Halle. „Drukil hatte das Herz zuletzt, dann hat Eara es ihm abgenommen. Wahrscheinlich liegt es immer noch da.“
Varkurs Schatten fielen schlaff und reglos herab. „Warum sagst du das erst jetzt? Warum nicht vorhin schon, als der Schwarze Herold gefragt hat?
„Weil der Schwarze Herold gefragt hat.“, lächelte Ken Dorr. „Ihr solltet es zuerst erhalten, Varkur. Vielleicht könnt Ihr etwas damit anfangen.“
Was … was hast du davon?
Ken Dorr kicherte leise und fasste sich abwesend an den kleinen Edelstein in seiner Stirn. „Ich habe Euch doch das Herz der Geburt versprochen, zum Dank für Eure Hilfe gegen die Mächte des Meeres?“
Varkur zischte und flog eilig davon. Die Truhe fiel vor Eara Füßen zu Boden.
„Was sollte das?“, zischte Eara zornig.
Ken Dorr runzelte die kahle Stirn. „Was, das? Dass ich Varkur das Herz gezeigt habe? Dass ich ihn davon abgehalten habe, die Truhe zu öffnen? Oder dass ich euch verraten habe?“ Er zuckte beiläufig mit den Achseln. „Alles nichts Persönliches.“
Eara schluckte die Worte herunter, die ihr zuerst einfielen. So ruhig sie es vermochte, fragte sie: „Ich frage mich, was der Schwarze Herold wohl tut, wenn er von diesem Gespräch erfährt? Oder davon, was du über die Rietgraskrone wusstest?“
„Ich frage mich, was Ihr davon hättet, ausgerechnet Eurem ärgsten Feind mehr Informationen an die Hand zu geben?“, erwiderte Ken Dorr mit zusammgekniffenen grauen Augen.
„Mir reicht dein Gesicht, du mieser …“, brach es aus Chada hervor. Thorn redete beruhigend auf sie ein, also ergänzte Eara: „Du hast doch hoffentlich nicht mein Versprechen vergessen?“
„Ihr seid fast so schlimm wie er, wisst ihr das eigentlich?“, meinte Ken Dorr mit einem genervten Blick in Richtung Herold. „Hört zu, ich habe euch die Chance gelassen, den Herold mit der Krone zu besiegen. Ihr könntet ruhig ein bisschen Dankbarkeit zeigen.“
„Es war dir egal, wer gewinnt? Und das sollen wir glauben?“, fragte Eara.
„Aber nein.“, lachte Ken Dorr. „Ihr sollt glauben, dass ich heimlich noch immer auf eurer Seite stehe und nur auf den richtigen Moment warte.“
Er hob beiläufig den Schlüssel, den der Schwarze Herold ihm gegeben hatte, und kurz meinte Eara, er würde sie tatsächlich befreien. Doch stattdessen ließ er den Schlüssel wieder sinken und sprach kalt: „Dann lasst ihr mich nämlich mit euren leeren Drohungen in Ruhe.“
Eara verspannte sich, als Zorn sie durchfuhr. Es war schon so lange her, seit wie etwas gefühlt hatte, ohne dagegen anzukämpfen. Die scharfen Ketten gruben sich in ihre zerstörte Schulter, und sie musste scharf Luft holen, als der Schmerz sich schließlich doch zu Wort meldete. „Was willst du, Ken Dorr?“, zischte sie.
Der Dieb betrachtete sie. In seinen Züge zeigte sich etwas wie Wehmut, doch Eara hatte gelernt, den Gefühlen, die er sie sehen ließ, kein Vertrauen zu schenken.
„Was auch ihr wollt, Helden von Andor: Endlich Frieden.“ Ken Dorr hob einen Finger an die Lippen. „Und jetzt still, bevor ihr mir auf die Nerven geht. Ihr wollt schließlich nichts tun, was mir nicht passt. Sonst müsste ich euren armen Königswolf einen Kopf kürzer machen, und das wäre solch eine Verschwendung.“
Aus dem Augenwinkel sah Eara, wie Chada zitternd Luft holte. Im nächsten Moment scholl ein zorniges, unmenschliches Kreischen durch die Halle. Selbst das andauernde Hämmern der Kreaturen, die ihr Loch in den Boden schlugen, wurde übertönt. Eara wandte den Kopf.
Varkurs Dunkelheit verbarg den ganzen Eingang. Er musste das Herz gefunden haben. Ausgerechnet das Herz, das Kenvilar ihnen gegeben hatte. Versprecht, dass ihr niemals zulassen werdet, dass der Dunkle Magier einen der Bäume in seinen Besitz bekommt. Mit Schrecken dachte Eara daran zurück, was beinahe geschehen war, als sie versucht hatte, die Macht des Herzens anzuzapfen. Und Varkur hatte sich deutlich schlechter unter Kontrolle als sie…
Doch ihre Sorge erwies sich als unbegründet. Varkur stob auf, noch immer zornig kreischend, und ließ sich vor Ken Dorr niedersinken. „Es geht nicht! Ich habe es gefunden, und ich spüre … nichts!
„Weder Sterblicher noch Gott kann die volle Macht eines einzelnen Herzens nutzen.“, sagte Ken Dorr getragen. Er hatte wieder sein schwer zu lesendes Lächeln aufgesetzt. „Es scheint, Ihr seid noch immer eines von beidem.“
Varkurs Schrei hallte laut durch die Halle und schmerzte in Earas Ohren. Selbst Ken Dorr verzog das Gesicht. Nur der Schwarze Herold schwebte mit gesenkter Maske vor dem erstarrten Tarok und regte sich fast genau so wenig wie der Drache selbst. Was auch immer die beiden zu besprechen hatten – Eara war sich sicher, dass es nichts Gutes war.


Später Nachmittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Großer Hof in der Feste von Yra, Hadria
Chada stand nicht weit vom Fuße des großen Metallturmes und beobachtete Kapitän Callem, der wie eine lebende Flamme zwischen den Zauberern kämpfte und furchtbare Vernichtung anrichtete. Flammen umhüllten seinen Körper, schwarz und silbern, und die Augen seines dunklen Helmes leuchteten hell. Chada hatte Angst vor ihm.
Es erschoss einen der grauen Menschen, der sich brennend auf dem Boden wälzte, und einen weiteren, der nur noch stöhnend da lag. Dann kniff es die Augen zusammen, beobachtete Callems Bewegungen. Er schlug einem Mann den Stock aus der Hand und holte weit aus. Chada schoss. Der Pfeil traf den Mann in die Stirn, und Callems Schwert durchbohrte nur noch eine Leiche.
Irritiert blickte Callem sich um. Seine Augen waren nicht zu sehen, sondern von diesem seltsamen Helm bedeckt, aber trotzdem wusste Chada, dass er es erblickt hatte. Er schüttelte leicht den Kopf, dann drehte er sich wieder um.
Chada zitterte. Vielleicht war es besser, woanders nach Sterbenden zu suchen…
Plötzlich hörte es einen zornigen Schrei. „Für Hadria!“ Ein junger Mann kam aus dem Eingang des dunklen, blau schimmernden Turmes gelaufen. Er schwang ein brennendes Schwert, das mit jedem Schlag eine der geschuppten Kreaturen zu Boden schickte. Seltsamerweise hatte Chada mit den Kreaturen viel weniger Mitleid als mit all den Männern und Frauen mit Stöcken. Doch da ertönte ein lauter Schrei. Rooaaaaa! Etwas schoss aus dem Himmel, kaum mehr als ein roter Schatten, schwebte elegant zwischen den fallenden Sternen, und riss dem Mann mitten im Kampf das brennende Schwert aus der Hand. Der versuchte, danach zu greifen, aber wurde jetzt von den Kreaturen zu Boden gerissen. Chada erschoss auch ihn.
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X - Feuer und Turm (Fortsetzung)

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:32

Später Nachmittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Halle des Hohen Rates, Krahalzar

Eara beobachtete mit schmerzhaft klopfendem Herzen das Bild an der Wand. Der Kampf um Yra war verloren, das sah sie auch von hier aus. Noch immer wurde an vielen Orten gekämpft, doch es war ein ungleicher Kampf. Wo immer sie hinsah, die Zauberer schienen in der Unterzahl zu sein. Selbst vor dem Eisernen Turm standen schon die Kreaturen und starrten das dunkle Metall hoch, auch wenn sie hier noch auf den größten Widerstand stießen.
Plötzlich erscholl ein finsteres Lachen. Der Schwarze Herold hatte seine Besprechung mit Tarok beendet und schwebte über dem Loch, das die Kreaturen in den Boden der Halle geschlagen hatten. Die Gors und Skrale kletterten soeben daraus hervor und stellten sich in einem lockeren Kreis darum auf. Und dann hörte Eara es. Noch immer ertönte ein gedämpftes Hämmern, doch es kam aus den Tiefen der Erde. Etwas grub sich seinen Weg hoch zu ihnen. Die ganze Halle begann zu zittern. Selbst Varkur und Ken Dorr hatten ihre Aufmerksamkeit auf das Loch gerichtet. Jetzt wäre die Gelegenheit, um sich zu befreien. Doch Eara wusste nicht, wie. Ihr blieb nur, ebenfalls das Schauspiel zu beobachten.
Ein trockenes Knirschen drang aus dem achteckigen Loch, gefolgt von lauten Schlägen und dem Keifen von Kreaturen. Sofort strömten übermächtige Gefühle auf Eara ein, die sie keuchen ließen, obwohl es nicht ihre eigenen waren: Angst und Schmerz, Trauer und Verzweiflung. Dann, langsam, kletterten erneut Gestalten hervor. Gors, Skrale, Wardraks, Gorlots. Doch es waren auch Kreaturen darunter, die Eara nie gesehen hatte. Sie hatten Schuppen in schwarz, und rot. Kleine, gelb-weiße Augen, mit denen sie sich langsam blinzelnd in der Halle umsahen. Entschieden zu viele Stacheln, Zähne und Krallen. Manche der Kreaturen waren nicht größer als große Eidechsen, andere überragten selbst Trolle. Die meisten liefen auf zwei oder vier Beinen, doch aus dem Loch kamen auch flatternde schwarze Biester mit Köpfen ähnlich zu Wardraks, die sich wie reptilienartige Fledermäuse an die Decke hängten. Eara sah auch schlängenähnliche rote Wesen mit vier Flügeln und ganz ohne Beine, die unruhig oberhalb der Sitzreihen ihre Kreise zogen. Eine ganze Armee kletterte aus der Tiefe hervor und verteilte sich zwischen den Sitzreihen. Und jede einzelne der Kreaturen verneigte sich kurz vor Tarok. Der Drache lag noch immer reglos zusammengerollt auf der flachen Bühne, doch es schien Eara, als würde langsam ein schwarzer Glanz in seine rissigen Schuppen zurückkehren.
Schließlich echote noch ein grunzendes Schnauben durch die Halle, und ein ausgewachsener Mhourl zwängte sich aus dem Loch. Eine riesige, muskulöse Kreatur mit blassgrünen Schuppen, schwefligem Atem, zwei mehr als mannsgroßen Hörnern und einer Reihe hoher Stacheln auf dem Rückenkamm, die sich vom breiten Nacken bis zum peitschenden Schwanz zogen. Aus Mund und Augen schien immer etwas wie eine blaue Flamme zu glühen.
Kaum jemand hatte je einen lebenden Mhourl gesehen. Eara gehörte zu den wenigen Unglücklichen, doch das war schon lange her.
„Es ist so weit!“, rief der Schwarze Herold mit tiefer Stimme. Mit seinen kalten Augen musterte er die drei Helden in Ketten. „Der Zugang nach Krahal ist geöffnet. Und das Herz der Ewigkeit ist auf dem Weg zu uns. Welche Schrecken wohl wird der Ewige Rat mit dieser Macht vollbringen können?“
Eara schluckte schwer. Das dritte Herz … Ken Dorr hatte behauptet, nicht mehr darüber zu wissen als sie alle. Offensichtlich hatte er auch dazu gelogen. Es war in Krahal? Angeblich ein magischer Ort, Hort und Zuflucht der Drachen, Herkunft der geschuppten Kreaturen und für Menschen unerreichbar. Bislang war Eara nicht sicher gewesen, ob er wirklich existierte. Und ob er tatsächlich in dieser Welt lag.
„Wie lange noch, Tarok?“, fragte der Herold zufrieden. „Wann kannst du die Macht deines Volkes in dich aufnehmen?“
Und da schlug Tarok ein Auge auf. Sein Körper war noch immer kalt und tot, kaum mehr als eine bröckelnde Statue, doch in diesem Auge brannte in tiefem Rot eine verschlingende Glut. Eine Stimme grub sich in Earas Gedanken, hellwach und rein wie weißes Feuer.
Bald! Sehr bald! Mein Wille tobt in dem Diener, der es bringt! Ich sehe, was er sieht, und ich spüre ihn kommen! Macht euch bereit!
„Gut!“, hauchte der Schwarze Herold. „Ich werde die Schwarze Kogge zurückholen, sobald es so weit ist. Der ganze Ewige Rat soll Zeuge unserer Macht sein. Doch für den Moment dürfen sie ihren Kampf vollenden. Der Tag unseres Sieges soll mit Blut geweiht sein!“
In dem leuchtenden Bild Yras sah Eara kurz ein kleines silbernes Flackern. Vor dem Eingang des Eisernen Turms stand eine Gestalt in einem Kreis aus verkohlter Erde und hob etwas hoch über den Kopf. Dann brach dunkles Feuer aus dem Boden, wälzte sich wie eine schwarze Schlange auf den Eisernen Turm zu und wand sich an ihm empor. Mit schmerzhaft klopfendem Herzen musste Eara mitansehen, wie kleine Gestalten brennend aus dem Eingang torkelten und liegen blieben. Das Metall des Turms glühte hell auf unter den Flammen und verbog sich langsam. Eara ertrug diesen Anblick nicht. Doch noch weniger hätte sie es ertragen, jetzt wegzuschauen. Also starrte sie auf das verzerrte, leuchtende Abbild des brennenden Turmes, bis das silberne Feuer unter ihren Tränen verschwamm. Noch immer hörte sie das gequälte Ächzen des Metalls. Und dazwischen das triumphierende Lachen des Schwarzen Herolds.


Später Nachmittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Großer Hof in der Feste von Yra, Hadria
Nur noch ein Pfeil! Endlich! Chada griff danach und suchte nach Sterbenden. Da plötzlich brachte grelles silbernes Licht die fallenden Sterne zum Erstrahlen. Es zuckte es angstvoll zusammen und sah sich um.
Schwarze und silberne Flammen wanden sich um die schwarze Säule und brachten sie zum Stöhnen wie einen Verwundeten. Chada hatte schon zu viele Verwundete gesehen. Es mochte sie nicht. Nicht das Blut. Ob der Turm auch bluten konnte? Es wollte es nicht wissen. Eilig drehte es sich um und rannte davon, bis es zwischen zwei Türmen verschwand und das unheimliche Feuer nicht mehr sehen konnte.
Es war nicht allein. Wenige Schritte vor sich sah Chada eine kleine Frau zwischen den gefallenen Sternen kauern. Nein, keine Frau, erkannte Chada, ein Kind, ein kleines Mädchen, wie es selbst nie eines gewesen war. Ihr Umhang war braun, nicht grau wie die anderen, und sie schien keinen leuchtenden Stock zu haben. Sie hatte glänzende blonde Haare, und ihre Augen – ihre Augen funkelten wie flüssiges Gold. Sie waren wunderschön.
Kentar stand über dem Mädchen. Ihr Gesicht konnte Chada nicht sehen, doch ihre Stimme ließ es frieren. „So weit abseits von allen Kämpfen. Ganz allein im Schatten. Hast du dich verlaufen, Kleines?“
Das Mädchen schüttelte mit ausdrucksloser Miene den Kopf. „Nein. Ich bin genau da, wo ich sein muss.“, sprach sie ernst.
Kentar kicherte. „Oh, das glaube ich auch! Ich denke, ich werde dich behalten. Keine Angst! Was du spüren wirst, ist sonst kaum jemandem vergönnt. Wir werden so viel Spaß miteinander haben!“ Langsam zog Kentar einen roten Stein an einer dünnen, silbernen Kette hervor.
Chada griff nach dem letzten Pfeil. Es würde das Leid des Mädchens beenden. Es legte den Pfeil an, spannte, zielte, stellte sich vor, wie der Pfeil sich ins Herz des Mädchens bohrte. Wie er fliegen würde, vorbei an Kentar. An der gemeinen, grausamen, lachenden Kentar. An Kentar, in deren dunklen Augen selbst die Sterne zu erlöschen schienen. An Kentar, die Thogger überzeugt hatte, den Riss im Himmel zu öffnen und den großen Baum zu verbrennen. Den wunderschönen Baum, der so voller Frieden gewesen war…
Chada ließ den Pfeil fliegen. Er traf genau ins Herz.
Kentar taumelte einen Schritt nach vorne und drehte sich mit letzter Kraft um. Ihre dunklen Augen blitzten hasserfüllt, dann brach sie zusammen.
Chada zitterte und ließ das Zupfding fallen. Warum hatte es das getan? Es hatte sich so richtig angefühlt!
Das Mädchen stand auf, riss im Vorbeigehen den Pfeil aus Kentars Rücken und hielt ihn Chada hin. „Hier. Du wirst ihn brauchen.“
Chada wollte widersprechen. Es wollte keine Pfeile mehr. Ohne Pfeile kein Blut. Doch das Mädchen sah es so ernst aus diesen wunderschönen goldenen Augen an, dass Chada den Pfeil schließlich doch nahm.
„Es will kein Blut mehr. Es will nicht mehr töten.“, versuchte Chada zu sagen, doch es zitterte so sehr, dass nur einzelne Wortfetzen herauskamen.
Das Mädchen schien dennoch zu verstehen. Sie nahm Chadas Hände und sah es lange an. Ihre goldenen Augen glänzten wie die Sterne. Und dann ließ das Zittern nach, und eine Wärme stieg in Chada auf, und ein Frieden, wie es ihn nur unter dem großen Baum gespürt hatte. „Dann höre auf.“, sagte sie sanft.
„Es muss das hier tun!“, flüsterte Chada schon zum zweiten Mal an diesem Tag. „Mutter hat es befohlen, und Mutter hat immer recht! Die Welt ist ein Spiel, und nur der Sieg ist wichtig, nicht die Spielsteine.“
Da lachte das Mädchen plötzlich, und ihr Lachen war klar und funkelnd. „Wir spielen doch nicht für den Sieg! Wir spielen, um uns daran zu erfreuen. Wir spielen um des Spielens willen.“ Ihr Lächeln erstarb und wich wieder einem ausdruckslosen Ernst. „Du musst nichts tun, was du nicht tun willst. Du kannst dich entscheiden. Die Welt ist ein Spiel. Also spiele es. Hole tief Luft, und mache einen Zug, den niemand vorhersehen kann. Mache
deinen Zug.“
Chada schluchzte leise. „Es weiß nicht, welches sein Zug ist.“
„Niemand weiß das. Nur du kannst es herausfinden. Wer bist du?“ Es lag keinerlei Neugierde in dieser Frage, dafür ein tiefer Nachdruck. Als ginge es nicht um die Antwort, die sie bekam, sondern vielmehr um die, die Chada sich selbst gab.
„Es … weiß es nicht. Es ist kein Mensch. Menschen werden geboren, aber es … es wurde geschaffen.“
„Und doch bist du menschlicher als alle anderen, die diese Feste angriffen.“ Sie schüttelte langsam den Kopf, ihre goldenen Augen sahen Chada fest an, und plötzlich hörte es eine Stimme in seinem Kopf. Auch Mutter hatte so mit ihnen gesprochen. Doch wo Mutters Stimme kalt und beißend gewesen war, war die des Kindes voller Wärme.

Wer bist du?
„Es ist Chada.“, sagte Chada schließlich, weil ihm keine andere Antwort mehr einfiel.
Nein. Du bist nicht Chada. Chada ist eine andere. Hör auf, eine andere zu sein. Sei du selbst.
Damit ließ sie Chadas Hände los und verschwand zwischen den fallenden Sternen. Plötzlich fror Chada wieder, doch wo die Finger des Mädchens gelegen hatten, spürte es eine glatte, warme Oberfläche. Langsam sah es auf seine Hand. Darin lag ein goldener Baum.


Später Nachmittag, 31. Wintertag 77 A.Z.
Halle des Hohen Rates, Krahalzar

Blaues Licht flutete die Halle und formte sich zu den Umrissen von Piraten und falschen Helden. Eara bemerkte, dass die grünhäutige Frau sich hasserfüllt umdrehte, bis ihr Blick auf der falschen Chada ruhte, die mit verlorenem Blick und Tränen auf den Wangen am Rand stand und auf etwas in ihrer Hand blickte. War das ein Baum aus Bernstein?
An Callems Gürtel erkannte Eara die vertraute Scheide von Varlion, dem Flammenschwert. Eara hatte diese mächtige Waffe schon selbst getragen. Jetzt hatte der Ewige Rat also alle drei Magischen Waffen in seinem Besitz. Die vier Mächtigen Schilde. Und bald auch die drei Herzen der Mutter. Wer würde ihn dann noch aufhalten?
„Willkommen zurück!“, rief der Schwarze Herold. Er schwebte mit erhobenen Armen in der Mitte der Halle neben den letzten schwarzen Flammen, die Eara hinterlassen hatte. Das silberne Feuer spiegelte sich unheilvoll in seiner gezackten Maske.
„Ich habt gute Arbeit geleistet! Ihr alle, die noch hier seid. Heute ist der Tag unseres Triumphes. Der Tag, auf den wir so lange hingearbeitet haben. Der Tag, an dem die Helden von Andor in Ketten vor uns liegen, und an dem unsere Ewigkeit beginnt!“
Er drehte sich langsam um die eigene Achse, bis er zu Tarok hinübersah, der neben dem achteckigen Loch lag. Es schien Eara, als wäre ihr alter Feind in der kurzen Zeit seit dem Aufbrechen des Zugangs angewachsen. Seine Schuppen schillerten dunkel und seine gemeinen Augen glühten hell. Sein massiger Körper war noch immer starr wie eine Statue, doch jetzt hob er mit einem trockenen Rascheln seinen schlangenhaften Hals. Seine geschlitzten Pupillen waren fest auf das Loch im Boden gerichtet, das angeblich nach Krahal führte. Die unzähligen Kreaturen in der großen Halle wurden unheimlich still. Sie alle richteten sich ebenfalls zum Loch hin aus und starrten mit fiebrig glänzenden Augen hinein. Eine ehrfürchtige Stille legte sich über die halbkreisförmige Halle. Nur der noch immer lichterloh brennende Eiserne Turm jenseits der Verbindung aus Magie und Quecksilber stöhnte leise unter der Belastung der schwarzen Flammen.
Und dann trat langsam eine Gestalt aus dem Loch. Es war ein hochgewachsener Skral, ohne Rüstung oder Waffen. In den Händen hielt er voller Vorsicht etwas, von dem Eara nicht viel mehr erkannte als eine rot glühende, unregelmäßig geformte Kugel. Schwarze Adern zogen sich hindurch, und im Inneren meinte sie etwas wie kochendes Blut brodeln zu sehen.
„Das Herz der Ewigkeit! Der Baum des Blutes!“, rief der Schwarze Herold. Seine tiefe Stimme scholl laut durch die halbkreisförmigen Sitzreihen und flüsterte von allen Wänden wieder. „Das Lebenselixier der Drachen. Auch es gehört nun uns. Nimm es, Tarok! Verschlinge es! Und zeige dem Ewigen Rat, wozu wir beide gemeinsam fähig sind. Lass die Welt erzittern!“
Der Skral hob die rote Kugel über seinen Hals und schritt langsam auf seinen Meister zu. Tarok senkte den Kopf und schnaubte leise. Je näher das Herz ihm kam, desto mehr Wärme strahlte sein Körper ab, bis Eara das Blut an ihrer Seite trocknen spürte. Alle schienen wie erstarrt zu warten, was geschehen würde.
Oder … fast alle.
„Mit Verlaub!“, rief plötzlich eine hohe, kalte Stimme. Der Skral hielt verwirrt inne, als Tarok den Kopf wandte und zu Ken Dorr hinübersah. Der Dieb saß seelenruhig lächelnd neben den Helden und machte keine Anstalten, die plötzliche Unterbrechung zu erklären, bis alle Blicke auf ihm ruhten. Dann hob er den Kopf, bis seine kalten, grauen Augen den Schwarzen Herold gefunden hatten. Leise und doch weithin hörbar sagte er schlicht: „Ihr solltet Tarok das Herz nicht überlassen. Ihm ist nicht zu trauen.“
Eine Welle sengenden Zorns schlug durch die Halle. Eara zischte und versuchte, ihren Geist zu verschließen, doch Taroks Gefühle strömten unaufhaltsam weiter auf sie ein. Die Kreaturen keiften blutdürstig.
„Ausgerechnet du sagst das, Ken Dorr?“, fragte der Herold höhnisch. „Wie kommst du zu diesem … Ratschlag?“
„Tarok braucht den Ewigen Rat nicht. Wenn er das Herz der Ewigkeit erst besitzt, weshalb sollte er uns noch helfen? Ihr bietet ihm nichts als eine Macht, die er sich auch selbst einverleiben könnte, und ihr könntet ihn nicht mehr töten, ohne auch das Herz zu vernichten. Denkt Ihr, Tarok wird sich mit einem Herzen zufrieden geben, wenn er auch zwei haben kann?“
Der Drache schnaubte leise, seine geschlitzten Augen waren hasserfüllt auf Ken Dorr gerichtet.
„Genug!“, rief der Schwarze Herold ungehalten. „Ich kenne Tarok lange genug! Er will Rache an den Helden, so wie wir. Er will die Schildzwerge bluten sehen, und das wird er. Vor allem anderen jedoch will er sein Volk retten und bewahren, bis in alle Ewigkeit – und ich erfülle ihm diesen Wunsch. Er würde das Schicksal der Drachen nicht aufs Spiel setzen, nur in der vagen Hoffnung, vielleicht ein weiteres Herz zu erringen.“
Ken Dorr seufzte getragen und lehnte sich zurück. „Und was, wenn ich Euch sage, dass er es bereits versucht hat? Seine Kreaturen lauerten uns am Sternentor auf. Sie versuchten, das Herz der Geburt zu stehlen. Fragt Drukil, wenn Ihr mir nicht glaubt.“
Stille senkte sich über die Halle. Und dann…
DU WAGST ES?!
Taroks Zorn brach in einer Gewalt auf Eara ein, die sie aufstöhnen ließ. Sie erzitterte, und die Ketten gruben sich tiefer in ihre zerfressene Schulter. Auch die Piraten und falschen Helden verzogen ihre Gesichter, und Varkur kreischte gequält. Am schlimmsten jedoch traf es Ken Dorr. Der Dieb krümmte sich zusammen und krallte eine Hand in seine Stirn. Seine grauen Augen zuckten wild hin und her.
Du hast mich ANGEFLEHT, den Helden das Herz zu stehlen, weil du es nicht konntest! DU hast mir gesagt, wann meine Kreaturen wo zu warten hatten! DU hast mir gesagt, dass der Hautwandler das Herz an seinem Gürtel trug!
Langsam sah Ken Dorr auf. Seine Gesicht war schmerzverzerrt, doch auf seinen Lippen lag ein höhnisches Lächeln. „Und jetzt hast du dich verraten, Tarok.“, keuchte er. „Drukil hatte das Herz. Unser Drukil! Ich hatte es den Helden längst abgenommen! Weshalb hätte ich dich um Hilfe bitten sollen? Du hättest die tote Frucht nicht den Helden gestohlen – sondern uns!“
Tarok brüllte grollend und starrte mit geöffnetem Maul auf den sich windenden Ken Dorr hinab. In seinem Rachen wuchs ein rotes Glühen.
Plötzlich wurde der Drache von blauem Licht eingehüllt. „Tarok!“, rief der Schwarze Herold wütend. Seine Faust war erhoben „Erkläre dich!“
Das rote Glühen ging zurück. Eara war sich sicher, das Ken Dorr eben knapp seinem Tod entronnen war. Tarok wandte den Kopf, seine Gedankenstimme tobte.
Der Dieb hat das geplant! Er hat mich belogen! Ich wusste nichts von dem falschen Helden in ihren Reihen! Ich tat es zum Wohle des Rates!
Der Herold schüttelte leicht seine Maske. „Weshalb war ich dann nicht eingeweiht?“ Seine tiefe Stimme war gefährlich leise.
Ich brauche nicht zu jedem Schritt deine Zustimmung!
Während Taroks lautlose Stimme in ihren Kopf fuhr, bemerkte Eara noch etwas anderes: Der Skral, der das Herz der Ewigkeit trug, hatte sich wieder in Bewegung gesetzt. Unauffällig setzte er einen langsamen Schritt nach dem nächsten und brachte seinem Meister Tarok das Herz, das ihn dem Schwarzen Herold ebenbürtig machen würde. Eara senkte schnell wieder den Blick und schwieg. Nichts konnte schlimmer sein als der Schwarze Herold.
Erst, als der Skral keine zehn Schritte mehr von Tarok entfernt war, erscholl ein Warnschrei. Einer der Piraten der Schwarzen Kogge, ein Mann mit Pferdeschwanz und silbernem Horn am Gürtel, zeigte auf den Skral. Was genau er gerufen hatte, ging im darauffolgenden Chaos unter.
Plötzlich sprangen die Kreaturen überall in der Halle auf. Die fliegenden Bestien stoben von der Decke und fuhren auf den Ewigen Rat nieder. Der Mhourl brüllte und stürzte sich auf Varkurs brodelnde Dunkelheit. Taroks Gedanken schlugen durch die Halle und betäubten alles, was keine Kreatur war. Und der Skral mit dem Herzen in der Hand legte die letzten Schritte zurück. Das fahle blaue Licht, das Taroks Körper umgab, schwoll an, da hatte der Skral seinen Meister auch schon erreicht und ihm die rot leuchtende Kugel gegen die Schnauze gepresst. Sie leuchtete gleißend auf und überstrahlte das blaue Licht.
Der Druck von Taroks Gedanken erstarb. Vor Earas Augen begann der graue Körper des Drachen sich zu feinem dunklen Staub aufzulösen, doch etwas stimmte nicht. Sein Schwanz, einer seiner Flügel und die hintere Hälfte seines Rumpfes waren längst zerfallen, während Kopf, Hals und Vorderpranken noch immer vollständig waren. Nein, nicht nur vollständig, erkannte Eara: Jedes Anzeichen von Schwäche war verschwunden. Die schwarzen Schuppen glänzten frisch und schimmerten in einem prächtigen Rot, und seine Augen strahlten hell. Langsam bildete sich über seinen glutheißen Körper eine unscharfe, wandernde Linie aus blauem und rotem Licht, das miteinander zu kämpfen schien. Wo das rote Licht zurückging, zerfiel Taroks Körper, doch wo es dazugewann, schien dieser Prozess plötzlich rückwärts zu laufen. Staub rieselte vom Boden hoch, formte sich langsam zu einem Schuppenkleid und gewann dann an Glanz dazu.
Mit angehaltenem Atem beobachtete Eara, wie das rote Licht Stück für Stück anwuchs, bis es fast Taroks gesamten Körper einhüllte. Der Schwarze Herold heulte auf, im nächsten Moment wuchsen auch um seine dunkle Gestalt rot glühende Linien wie blutige Ranken empor. Sein Schrei verzerrte sich, wurde abgehackt und brach schließlich ganz ab – und dann konnte Eara ihn erneut hören, doch seine tiefe Stimme klang seltsam, wie ein fehlerhaftes Echo. Sein Schrei fließt rückwärts, erkannte Eara schaudernd. Sie war erleichtert, dass Tarok diesen Kampf zu gewinnen schien, doch zugleich verspürte sie Furcht über das, was der letzte Drache nun vermochte.
Da erscholl ein zweiter Schrei. Das klare, gedehnte Kreischen eines Vogels, das sich seit Bragors Tod unauslöschlich in ihr Gedächtnis gebrannt hatte. Roooaaaa! Fliegende Kreaturen folgten mit flatternden Flügelschlägen Callems großem Raubvogel, der mit ausgebreiteten Schwingen zu Tarok segelte und dem überraschten Skral in einer einzigen, blitzschnellen Bewegung das Herz der Ewigkeit aus den Händen riss. Sobald es nicht mehr an Taroks Schuppen anlag, erloschen auch die Linien aus rotem Licht. Der lange, zornige Schrei des Schwarzen Herolds rauschte innerhalb eines Herzschlages an Eara vorbei, als die Zeit wieder in ihren Lauf zurückfand. Dann wurde Tarok erneut vom fahlen blauen Licht des Todes eingehüllt, und diesmal gab es nichts, was sich in den Weg stellte. Nur ein letztes Aufbäumen verließ das anschwellende Licht, eine komplexe Mischung aus Gedanken und Gefühlen, die tief miteinander verwoben waren. Eara sah gebleichte Knochen zwischen hohen Türmen, erloschene Körper mit Schuppen aus Stein, dunkle Eier mit zerbrochenen Schalen und einen geborstenen Baum in einem See aus Blut. Sie spürte Zorn, Verzweiflung, Schmerz und eine unendliche Einsamkeit, die kein Schuppenloser je ermessen konnte.
Und dann erlosch all das. Wo Tarok gelegen hatte, rieselte nur noch grauer Staub zu Boden. Die Kreaturen wimmerten jämmerlich, einige kauerten sich zusammen und taten nichts mehr, andere hieben in Raserei auf einander ein oder suchten kreischend das Weite. Der Mhourl stieß ein infernalisches Brüllen aus und hetzte mit weiten Sätzen aus der Halle.
Callems Vogel ließ das geraubte Herz vor dem Schwarzen Herold fallen und flatterte dann wieder zur Schulter seines Herrn. Der Fall des Herzens verlangsamte sich, bis es vor der Maske des Herolds schwebte. Eara sah Varkurs Dunkelheit gierig zucken, da hatte der Geist auch schon den Arm ausgestreckt und es umfasst. Der Schwarze Herold hob beide Hände, und sie glühten blau und rot. Die niedergestreckten Piraten erschienen wieder lebendig aus blauem Licht. Die letzten kämpfenden Kreaturen erstarrten mitten in ihren Bewegungen und wurden mühelos getötet.
„So sehr also kann man sich täuschen.“, raunte der Herold schließlich. „Tarok, mein alter Meister… Ich glaubte wirklich, ich könnte ihm vertrauen.“
Etwas wie Wehmut lag in seiner Stimme, doch als er sie erneut erhob, war das Gefühl verschwunden. „Ken Dorr, ich danke dir für deine ehrliche Warnung. Und Callem, dir für deinen Vogel. Ihr alle, die jetzt noch hier seid, habt euch meinen Dank verdient. Varkur, du wirst die Schwester bekommen, die ich dir versprochen habe. Und auch dir, Callem, werde ich deinen Wunsch erfüllen. Und Ken Dorr: Wenn es irgendetwas gibt, was ich für dich tun kann…“
„Ihr seid zu gütig, Herr!“, erwiderte der Dieb. Er legte den Schlüssel beiseite und verneigte sich steif. „Mein einziger Wunsch ist, dass Ihr Euren Versprechungen nachkommt. Setzt mich auf den Thron Andors – und stellt sicher, dass ich für immer dort bleiben kann. Keine Risiken mehr. Kein Vertrauen. Alle Herzen müssen Euch gehören, und niemandem sonst.“
Er richtete sich wieder auf, seine grauen Augen glänzten leicht und auf seinen Lippen lag ein feines Lächeln. Kenvilars Edelstein funkelte auf seiner kahlen Stirn. „Und in diesem Sinne freut es mich, Euch mitteilen zu können, dass auch das dritte Herz gefunden wurde.“
Eara schloss die Augen. Eine Welle der Müdigkeit durchfuhr sie. Sie wusste nicht, zu welchem Anteil sie aus dem Blutverlust an ihrer Schulter resultierte, und zu welchem aus der Hoffnungslosigkeit, die sich nun endlich vollumfänglich einstellte. Hoffnung! So lange hatte sie sich dieses Gefühl verboten. Und jetzt, wo sie sie endlich wieder spüren konnte, verlor sie sie erneut.
Als sie die Augen wieder aufschlug, war Ken Dorr aus ihrer Reihe geklettert und schritt gemächlich den Mittelgang zum Herold hoch. Varkurs Dunkle Magie teilte sich langsam und offenbarte einen Blick auf die unscheinbare tote Frucht, die offen vor dem Eingang zur Halle lag.
„Aber nicht doch!“, rief Ken Dorr, als der Schwarze Herold Anstalten machte, sich umzudrehen. „Das ist nur die Kopie, die die Helden verwirren sollte. Das echte Herz habe ich hier.“
Er griff unter seinen Umhang und zog eine runde Frucht mit verschrumpelter schwarzer Schale hervor. Gebrochenes grünes Licht glomm aus feinen Rissen. Die Ähnlichkeit zur Kopie war verblüffend, nur die genaue Form der Risse unterschied sich unwesentlich, und das Licht der Frucht in Ken Dorrs Hand schien ein klein wenig heller zu sein.
Waaaas?!“, kreischte Varkurs unmenschliche Stimme. Die Dunkelheit zuckte unruhig, gelähmt vor Zorn.
Der Schwarze Herold hingegen beachtete den Dunklen Magier nicht. Stolz schwebte er zwischen den schwarz-silbernen Flammen und sah Ken Dorr entgegen, der sich dem Herold gemessenen Schrittes näherte, die Hand mit dem Herzen ausgestreckt. „Endlich!“, rief der Dieb lächelnd. „Nach all den Plänen! All den Enttäuschungen! All den Lügen! All den Vorbereitungen! All den verborgenen Spielzügen!“
Mit jedem Wort näherte er sich dem erwartungsvollen Herold. Alle Augen ruhten auf dem Herzen, das er dem Schwarzen Herold entgegenhielt. Alle Aufmerksamkeit war darauf gerichtet. Die Varkurs voller Zorn. Die des Herolds voller Gier. Die der Piraten voll angespannter Erwartung. Die ihrer Freunde voller Furcht. Nur Eara zweifelte. Der Zweifel war das Einzige, was ihr noch vom Weg des Eises geblieben war. Zweifel an sich selbst. Zweifel an ihren Zielen und Methoden. Und Zweifel an Ken Dorr.
Es gab zu viele Ungereimtheiten. Der Plan, den Ken Dorr dem Herold verschwiegen hatte. Das falsche Herz. Taroks Behauptungen. Nur sie zweifelte noch. Nur sie schenkte der unauffälligen Bewegung, mit der Ken Dorr seine Hand erneut unter den Umhang schob, irgendeine Beachtung.
„Endlich ist es so weit.“, flüsterte Ken Dorr triumphierend, und sein Flüstern wanderte entlang des gewölbten Steins durch die ganze Halle. „Alle drei Herzen der Mutter, vereint in einer Hand!“
Callem keuchte erschrocken, die gelben Augen seines Helmes leuchteten kurz auf. Doch der Schwarze Herold achtete nicht mehr darauf. Gierig streckte er die Hand nach der Frucht aus, die Ken Dorr ihm entgegen hielt. Und dann, als seine schattenhaften Finger sie fast berührten, ergänzte Ken Dorr grinsend: „Meiner!“
Und mit einer einzigen Handbewegung ließ er etwas zu Boden gleiten. Die weißen Augen des Herolds blitzten fassungslos auf, und er versuchte noch, die Hand auszustrecken. Nur undeutlich erkannte Eara einen Reif aus schlichtem Gold, wie Rietgras im Wind, für immer erstarrt. Die Rietgraskrone, die zerstört worden war. Die Rietgraskrone, die doch nicht zerstört worden war. Einer ihrer Zacken war verbogen, und Eara erinnerte sich. Sie erinnerte sich an Drukil, der über dem Mädchen mit den bunten Augen stand und eine Krone mit verbogenem Zacken in der Hand hielt. Sie erinnerte sich an Leanders Warnung: Lasst ihn nicht an eure Sachen! Sie erinnerte sich an Kenvilars beißende Stimme: Er spielt ein dreifaches Spiel und benutzt euch und den Ewigen Rat, um seine Ziele zu erreichen. Sie erinnerte sich an die Berichte ihrer Freunde: Dass es Ken Dorr gewesen war, der zuerst vorgeschlagen hatte, nach einer Schwäche des Schwarzen Herolds zu suchen. Sie erinnerte sich an die Worte, die Ken Dorr eben erst gesprochen hatte: Das ist nur die Kopie, die die Helden verwirren sollte.
Fast lautlos verschwand die Rietgraskrone im schwarz-silbernen Feuer. Für einen Moment schienen die reglosen Halme aus Gold ihrer Erstarrung zu entkommen und im Wind der Veränderung zu tanzen, dann war es vorbei. Die Krone war zerschmolzen, noch bevor sie auf dem Boden aufkam.
Der Schwarze Herold schrie auf. Seine dunkle Gestalt verlor mehr und mehr an Kontur, bis nur noch ein diffuser Schatten über dem silbernen Feuer schwebte, und sein Schrei schien aus immer weiterer Ferne zu kommen. Sein Schatten verblasste, und sein Echo verklang. Haare, Knochen, Blut und was er sonst noch bei sich getragen hatte, um den Ewigen Rat und die Armeen von Kreaturen beschwören zu können, stürzten in die dunklen Flammen. Seine gezackte Maske fiel herab und zerschellte klirrend auf dem steinernen Boden, als bestünde sie aus nicht mehr als schwarzem Glas.
In der Luft, wo zuvor seine Hände gewesen waren, schwebten noch zwei leuchtende Kugeln, eine rot und eine blau. Und Ken Dorr hielt seine Hand mit der toten Frucht dazwischen, bis die drei Herzen sich berührten. Blaues, rotes und grünes Licht schwoll an, umspielte sich und vereinigte sich zu einem einzigen, reinen, weißen Licht von überirdischer Schönheit. Ken Dorr schrie auf und krümmte sich zusammen, während die Kugel aus Licht immer weiter anschwoll und seinen Körper vollständig verschluckte. Die Piraten der Schwarzen Kogge wichen vorsichtig zurück, und Varkurs Dunkle Magie zuckte unbehaglich. Eara musste die Augen zusammenkneifen, und selbst durch ihre geschlossenen Lider schmerzte das Licht. Ken Dorrs Schmerzensschrei hallte laut durch die Halle, und nur langsam erkannte Eara, dass es kein Schrei mehr war, sondern ein Lachen. Ein kaltes, triumphierendes, markerschütterndes Lachen. Das Licht ging zurück.
Ken Dorr kauerte zusammengekrümmt zwischen den letzten schwarzen Flammen, die Augen geschlossen, und lachte aus vollem Hals. Die drei Herzen waren verschwunden. „Endlich! Es Ist Vollbracht!“, rief er. Seine Stimme hatte sich verändert. Es war seine Stimme, hoch und kalt, doch plötzlich schien sie wie aus weiter Ferne zu hallen und zugleich direkt neben ihrem Ohr gesprochen zu werden. Jedes Wort war wie ein Donnerschlag und ließ seinen Mund in reinem, weißen Licht erstrahlen wie von den zugehörigen Blitzen. „Der Moment, Auf Den Ich So Lange Hingearbeitet Habe! Du Hast Einen Fehler Begangen, Schwarzer Herold! Du Hast Es Uns Gesagt, Wieder Und Wieder: Weder Sterblicher Noch Gott Kann Die Volle Macht Eines Einzelnen Herzens Nutzen. Du Hast Wirklich Geglaubt, Uns Damit Die Gier Nach Macht Zu Nehmen? Du Hast Mir Nur Verraten, Was Mein Ziel Sein Musste: Wenn Ein Einzelnes Herz Nicht Genügt, Dann Eben Alle!“
Eara schluckte schwer und holte tief Luft. Ihr Atem war nur noch schwach. Summarische Trinität.
Langsam stand Ken Dorr auf, weißes Licht umspielte seinen Körper. Dann schlug er die Augen auf. Noch immer waren sie kalt und grau, doch sein Pupillen waren nicht länger schwarz, sondern glühten weiß. Selbst auf die Entfernung konnte Eara in ihnen bunt schillernde Farben ausmachen, sich rasend schnell wechselnde Muster und Bilder. Ken Dorr keuchte. Ein ehrfürchtiger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Ich … Ich Sehe Sie! Ich Sehe Das Flimmern Jedes Einzelnen Staubkorns In Dieser Halle. Ich Sehe Die Sterne Jenseits Der Wände Aus Stein. Ich Sehe Die Angst, Die Sich Durch Eure Köpfe Zwängt. Ich Sehe Die Ströme Der Magie, Wie Ein Teppich Aus Farben. Ich Sehe Die Größten Und Kleinsten Dinge Dieser Welt. Ihre Schrecken Und Ihre Wunder.“ Tränen rannen über seine Wangen. „Ich Sehe … Die Ordnung Der Dinge. Die Spielregeln Der Welt! Sie Sind Wunderschön!“ Er grinste wie wahnsinnig. „Und Ich Kann Sie Ändern.“
Ken Dorr wandte den Kopf. Sein kalter Blick fiel auf die Piraten, die ihn fassungslos anstarrten. Callem hatte die Fäuste geballt und atmete schwer. Varatans Helm verbarg den Großteil seines Gesichts, doch sein Zorn war unübersehbar.
„Ohh, Diese Macht!“, lachte Ken Dorr. „Wie Lange Habe Ich Mich Danach Verzehrt! Und Jetzt Gehört Sie Mir! Mein Wille Wird Wirklichkeit! Ich Brauche Keine Teile Von Toten, Nur Meine Fantasie! Ich Gebiete Über Das Ende!“
Er streckte eine Hand aus, und der große Raubvogel auf Callems Schulter kreischte auf, als blaues Licht um seine rötlichen Federn strich. Im nächsten Moment war nur noch trockener schwarzer Staub von ihm geblieben.
„Ich Gebiete Über Den Anbeginn!“
Noch bevor der Staub den Boden erreichte, glühte er plötzlich grün auf, und die Gestalt eines Vogels formte sich daraus. Doch es war nicht derselbe Vogel wie zuvor. Zwei Köpfe sprossen aus der gefiederten Brust, die jämmerlich krächzten, und aus seinem Rücken wuchsen vier Schwingen, mit denen er hilflos flatterte, ehe er unsanft zu Boden fiel. Callem stieß zitternd Luft aus und hob seinen Vogel behutsam auf.
„Ich Gebiete Über Die Ewigkeit!“
Plötzlich begann das Tier in Callems Armen rot zu glühen. Vor Earas Augen schrumpfte er zusammen, die scharfen Federn zogen sich zurück, seine beiden Köpfe zuckten verwirrt … und dann lag nur noch ein glattes rotes Ei mit gesprenkelter Schale in Callems Handfläche.
„Ich Gebiete Über Die Macht Der Mutter! Über Alle Drei Herzen! Ich Habe Die Macht Der Herzen Vereint! Ich, Der Ich Erst Die Vereinte Macht Beherrschen Konnte! Themauras Hatte Recht! Ich Hatte Recht!“
Ken Dorr schloss kurz die Augen und holte tief Luft. Ein seliges Lächeln umspielte seine Lippen, und dann sprach er: „Ich Bin Der Auserwählte! Der Höchste Prophet! Der Friedensbringer! Ich Werde Den Ewigen Zwist Beenden! Ich Werde Die Welt Nach Meinen Vorstellungen Neu Ordnen! Beugt Eure Knie, Denn Euer Neuer Herrscher, Euer Regent, Ist Erschienen! Mir Gehorcht Die Ordnung Der Welt!“
Während Ken Dorr sprach, bemerkte Eara, dass sein Körper sich langsam veränderte. Die Falten in seinem Gesicht glätteten sich. Dichtes Haar spross auf seiner kahlen Stirn. Der grüne Edelstein, den Kenvilar ihm eingepflanzt hatte, löste sich einfach auf. Und sie spürte, dass sie zitterte. Chada und Thorn schien es nicht viel besser zu gehen. Selbst, als es schien, als hätte der Schwarze Herold gewonnen, selbst als die Gefühle aus Krahal plötzlich auf sie eingeströmt waren, hatte Eara sich nicht so verloren gefühlt wie jetzt. Ihr Traum von den vereinten Herzen und dem Frieden der Welt war zum Alptraum geworden. Aus dem Friedensbringer ein Tyrann.
Da geschah etwas, was Eara niemals erwartet hätte: Kapitän Callem, der noch immer das rote Ei umklammert hielt, ließ sich langsam auf ein Knie niedersinken. „Ich bin dem Seekönig Varatan gefolgt. Den Mächten des Meeres. Dem Schwarzen Herold. Ich kann auch Euch folgen, Ken Dorr.“, sagte er leise. In seiner Stimme lag mühsam unterdrückter Zorn, und darunter eine leise Verzweiflung. „Holt nur meinen Bruder zurück! Holt Leander zurück, und ich tue, was immer Ihr wollt!“
Ken Dorr lachte. Es war ein kaltes Lachen, ohne jedes Mitgefühl. „Ken Dorr Ist Nicht Mehr! Er War Ein Schurke! Ein Dieb, Der Sich Im Schatten Hielt! Das Alles Ist Vergangenheit! Ken Dorr Ging Qualvoll Zugrunde, Und Ich Trat Ins Licht Wie Ein Takuri Aus Der Asche! Vergesst Mein Früheres Ich! Von Heute An Bin Ich Der Höchste Prophet! Und Ich Brauche Keine Lakaien! Du Missverstehst Das Wahre Ausmaß Meiner Macht, Callem! Ich Kann Tun, Wonach Immer Es Mir Verlangt! Deine Treue Bedeutet Mir Nichts!“
Ken Dorr legte den Kopf zurück, grelles weißes Licht strahlte aus seinen Augen. „Ich Werde Der Welt Ein Neues Gesicht Geben! Ich Werde Den Kranken Wald Roden Und Ein Goldenes Feld Pflanzen, In Dem Die Menschen Wachsen Wie Die Ähren Im Wind! Alle Gleich Unter Dem Schutz Meiner Sense.“
Er hob die Arme hoch über den Kopf und legte die Fingerspitzen aneinander. Ein fahles, blaues Licht erschien zwischen seinen Händen und gewann schnell an Intensität, bis Eara nichts anderes mehr sah. „Seht Und Bestaunt Das Erste Wunder Des Höchsten Propheten!“, scholl Ken Dorrs hallende Stimme durch das Licht. „Ich Bringe Den Frieden! Ich Beende Den Ewigen Krieg Zwischen Mensch Und Kreatur! Von Heute An Soll Es Keine Kreaturen Mehr Geben! Sie Alle Seien Hiermit Für Immer Ausgelöscht!“
Eara keuchte auf. Etwas durchlief sie und passierte sie ungehindert, und langsam verblasste das Licht. Die Leichen von Taroks Kreaturen, die sich noch in der Halle aufgehalten hatten, waren verschwunden. Nur noch dunkler Staub rieselte langsam zu Boden. Eara hob den Blick, bis sie das verzerrte Bild Yras sehen konnte. Im flackernden Licht der dunklen Flammen, die den Eisernen Turm umgaben, sah sie, dass die letzten Kämpfe mit einem Schlag zum Erliegen gekommen waren. Die Kreaturen, die die Zauberer verfolgt hatten, waren nicht mehr.
Schwindel ergriff Eara. Ken Dorrs Worte kamen ihr in den Sinn, denen sie damals kaum Beachtung geschenkt hatte. Ich wünschte, sie wären ausgerottet! Gors, Skrale, Trolle, Nerax … wenn es nach mir ginge, könnten sie alle verrecken! Endlich Frieden für die Menschheit! Tausende von Leben, ausgelöscht binnen eines Augenblicks. Dutzende Spezies für immer vom Antlitz der Welt gefegt. Ein Völkermord unbeschreiblichen Ausmaßes, raunte Leanders Stimme. Eara war entsetzt. Und doch – zugleich flüsterte noch eine andere Stimme in ihr. Alle Kreaturen waren fort. Gestorben rasch und ohne Schmerzen, vermutlich ohne auch nur zu begreifen, was vor sich ging. War die Welt ohne sie nicht besser dran?
„Du … du bist wahnsinnig!“, schrie Thorn außer sich. „Du willst den Frieden bringen? Indem du alle umbringst, die ihm im Weg stehen? Ich verdamme dich, Ken Dorr!“
Ken Dorr senkte den Kopf. Er betrachtete den Krieger, doch der Blick seiner weiß glühenden Pupillen schien einfach durch ihn hindurchzugehen. „Heute Ist Der Anbeginn Eines Neuen Zeitalters. Heute Endet Der Krieg Und Beginnt Der Frieden. Eine Neue Welt Wird Entstehen. Eine Welt Ohne Jeden Krieg. Ohne Streit. Ohne Verbrechen.“ Er drehte leicht den Kopf, bis sein Blick auf dem noch immer knienden Callem lag. „In Meiner Neuen Welt Gibt Es Keinen Platz Für Schurken.“ Er drehte den Kopf wieder zurück. Sein übliches schwer zu durchschauendes Lächeln lag auf seinen Lippen, und es jagte Eara einen Schauer über den Rücken. „Und Keinen Platz Für Helden.“
Er hob langsam die Arme, und wieder leuchtete ein blaues Licht zwischen seinen Händen. Eara wusste, dass es diesmal nicht einfach durch sie hindurchziehen würde.
„Ihr Alle Habt Auf Die Ein Oder Andere Weise Dazu Beigetragen, Eine Bessere Welt Zu Erschaffen. Vielleicht Verschafft Euch Das Etwas Trost.“
Sie wandte den Blick ab und betrachtete ein letztes Mal das Abbild Yras und die Überreste ihrer alten Heimat. Der Eiserne Turm wankte langsam unter der Belastung des schwarzen Feuers. Seine Spitze beugte sich ächzend und warf einen dunklen Schatten über die dunklen Türme, die engen Wege und den vom Blut rot gefärbten Schnee. Das Bild des stürzenden Turms inmitten der silbernen Flammen brannte sich in Earas Gedächtnis.
Bitte, Prohpeht!“, kreischte da eine schrille, unmenschliche Stimme. „Lasst mich leben! Ich werde kein Schurke mehr sein. Ich werde … einen Ausgleich schaffen. Befreit mich von der Dunkelheit, und ich werde ein gehorsamer Teil der neuen Welt!
Das blaue Licht ging zurück. „Auch Du Wirst Sterben, Varkur!“, versprach Ken Dorr kalt. „Doch Da Du Mir Gegen Die Mächte Des Meeres So Gute Dienste Geleistet Hast, Will Ich Deinen Letzten Wunsch Erfüllen. Bevor Ich Dich Töte, Werde Ich Dich Erlösen. Möge Die Dunkelheit Dich Verlassen!“
Die Dunkle Magie, die zwischen den Sitzreihen lag, zuckte plötzlich und zischte beißend. Weißes Licht umhüllte die Schatten. Ein gequältes, langgezogenes Kreischen drang aus dem Inneren. Fäden aus Schatten stoben in alle Richtungen und klammerten sich wie schwarze Tentakel an alles, was sie greifen konnten. Eara sah je einen Strang aus Dunkelheit, der die Magischen Waffen berührte und ihre gesamte Dunkle Magie aus ihnen hervorzerrte wie zuvor aus Eara selbst. Die gelben Augen von Varatans Helm der Macht verloren jeden Glanz. Der einhändige Pirat, der den Hammer der Stärke hielt, sackte auf die Knie. Das rötliche Licht aus Varlions Scheide erlosch.
Der Königswolf winselte leise.
Und dann erhob sich die Dunkelheit langsam, sie stieg auf wie schwarzer Rauch und verteilte sich über die ganze Halle. Das ohrenbetäubende Kreischen wurde immer schriller, und zugleich hörte Eara einen zweiten Schrei, den Schrei eines Menschen, dem alles genommen wurde, was die Ruine, in der er hauste, noch zusammenhielt. Das Bild des brennenden Turms flackerte und erlosch, der Spiegel aus Quecksilber an der Wand brach in sich zusammen und floss zu einer silbernen Pfütze zusammen. Einzig Ken Dorrs strahlende Gestalt und das silbern flackernde Feuer spendeten noch etwas Licht. Zwischen den Schwaden der Dunklen Magie sah Eara die Leiche eines nackten Mannes mit schwarzem Spitzbart und echsenartigem Gesicht. Jedes Zeichen, das Varkur jemals Dunkle Magie angewandt hatte, war verschwunden. Nur noch ein Mensch war geblieben. Auf seinen erstarrten Lippen lag ein friedliches Lächeln.
Doch die Dunkle Magie war nicht fort. Sie lag noch immer über der Halle und kreischte entsetzlich. Es lag kein Schmerz mehr in diesem Laut, kein Gefühl, nur ein schriller Klang, der sich mehr und mehr verzerrte, bis zuletzt nichts mehr blieb, was einem Klang ähnelte. Eara krümmte sich. Sie hörte es noch immer, doch nicht mehr wie ein Geräusch, eher wie gezackte Scherben in ihren Gehörgängen. Eine Stille, die in den Ohren schmerzte, und die sich tief in ihren Kopf fraß. Und dort verwandelte sich diese Stille in etwas anderes. Wie ein abgehacktes Zischen grub sie sich durch Earas Geist. Sie meinte, etwas wie Lachen zu erkennen, doch es war höchstens die unvollkommene Nachahmung eines Lachens, ein Gelächter ohne jedes Gefühl. Dann plötzlich war es kein Lachen mehr, sondern eine Stimme. Eine Stimme ohne Bewusstsein. Eine Stimme, die nicht in Worten sprach, und die Eara trotzdem als solche verstand, weil es kein Denken ohne Worte gab, weil ihr Verstand nicht anders konnte, als die Welt in Begriffe zu pressen.
Du wirst die Welt nicht neu ordnen. Du wirst jede Ordnung zerschlagen.
„Was Geschieht Hier? Wie Ist Das Möglich?“, rief Ken Dorrs Stimme schwach gegen die bodenlose Stille.
Es ist möglich, weil es geschieht. Weil die Welt geordnet ist und alles kommt, wie es kommen muss. Weil die Kette von Ursache und Wirkung die Welt versklavt.
Die Dunkelheit über der Halle verdichtete sich. Sie auch nur anzusehen schmerzte in den Augen. Diese Dunkelheit war mehr als nur die Abwesenheit von Licht. Sie war ein buntes Schillern von ungezählten Farben, jede einzelne pure Unmöglichkeit. Sie war geformt aus allen Gestalten, die sich selbst widersprachen. Sie war die Umkehrung jeder Ordnung. Sie war nicht wirklich dunkel, nur so fremd, dass Earas Augen sie nicht aufnehmen und ihr Verstand sie nicht begreifen konnte. Also sah sie Nichts, und in ihrer Wahrnehmung blieb nur eine leere Dunkelheit, die zuckend über die Sitzreihen kroch und sich langsam und unaufhaltsam Ken Dorrs strahlender Gestalt näherte. Ein beißendes Zischen ertönte, wohin immer die Schwärze sich ausbreitete, als würde sie mit etwas kämpfen. Die Luft schien zu flimmern und sich zu verzerren. Von allen Seiten drängte etwas auf die Finsternis ein und löste sie auf, doch nur langsam. Zu langsam.
Weil es in der Ordnung keine Freiheit gibt, sondern nur im CHAOS.
Eara atmete zitternd ein, und die Luft schmeckte nach beißendem Gift. War es das? Chaos? Das personifizierte Urübel? Nein, sie wusste, dass das nicht stimmte. Was sie vor sich hatte, war keine Person. Es war kein Bewusstsein. Es hatte keine Gedanken oder Gefühle. Die Stimme, die sie hörte, war nur ihre unzureichende Wahrnehmung. Es war gar nicht, und doch war es hier. Es trotzte jeder Beschreibung.
Plötzlich fluteten Erinnerungen auf sie ein, Erinnerungen an den Text des Themauras, den sie in Yras Bibliothek gefunden hatte. An Koraphs alte Geschichte, die der Seher Orweyn selbst in die Welt gesetzt hatte. An Kenvilars beißende Stimme im Schatten der Himmelssäule. An die Erzählungen ihrer Freunde von den Drohungen der Drei Schwestern.
Dunkle Magie führt immer zu Qual und Tod.
Doch es gab etwas, das die welt nicht wollte. Es war das KAOS, das vorher ueberall gewesen war und ietzt von der ordnung der zeyt verdraengt wurde.
Zu oft hatte er Dunkle Magie angewandt, zu mächtig war sie geworden. Die Dunkle Magie in ihm begann sich zu regen und wandte sich gegen den Magier. Sie wuchs und meuchelte ihn. Dann verließ sie ihn, einer schwarzen Wolke gleich, um Tod und Verderben zu säen.
Zur strafe sperrte MUTTER NATUR das KAOS ins zentrum ihrer neu geschaffenen welt und schuff drey waechter des KAOS.
Wie besiegt ihr einen Feind, der jede Regel des Spiels begreift, und der die Position aller Steine kennt? Der weiß, dass die Steine den Regeln folgen müssen und nur entlang bestimmter Wege gezogen werden dürfen? Der weiß, welche Steine er setzen muss, um dem Spiel sein Ende aufzuzwingen?
denn wenn die macht eynes hertzens vernichtet ist, wird die welt aufhoeren zu seyn.
Den Friedensbringer wirst du verdammen, und ihn doch herbeisehnen, wenn es zu spät ist. Dein Geist wird in Fragmente gesprengt und dein Körper von der Finsternis verschlungen werden.
Eynes tages wird das ende der welt bevorstehen, und eyner wird kommen, der die macht der hertzen vereynt und als hoechster prophet der MUTTER nur die vereynte macht beherrschen kann.
Dein Plan wird sich erfüllen und du wirst qualvoll daran zugrunde gehen, und all deine Macht wird dir nicht helfen können. Jede deiner Lügen wird einem Feind helfen, dessen Geschick und Macht du nicht gewachsen bist.
Er endlich wird der welt frieden bringen und den zwist beenden.

Mühsam wandte Eara ihren Blick von der schillernden Dunkelheit und betrachtete mit wachsendem Grauen, wie Ken Dorr ungläubig zurückwich, erst langsam, dann immer schneller. „Das Ist Unmöglich!“, rief er. Die Schatten folgten ihm, doch ihre Bewegungen widersetzten sich allen Regeln. In immer gleicher Geschwindigkeit verringerte sich ihr Abstand, egal wie schnell der Dieb floh. Noch immer schrumpfte die Finsternis in sich zusammen, wurde nach und nach aufgelöst von der Ordnung, gegen die sie sich stellte. Doch Eara erkannte sofort, dass sie Ken Dorr erreicht hätte, bevor sie verschwunden war.
Es ist möglich. Und es ist gewiss. Alle Ordnung ist Zwang. Alles kommt, wie es kommen muss. Alles folgt dem lange bereiteten Plan. Was sandte Visionen an blinde Seher und durch den Schwarzen Stein? Was rettete den selbsternannten Propheten aus der Höhle des Giganten? Was schenkte dir eine neue Hand und ein zweites Leben, um das CHAOS, das in dir schlummerte, mit dem des schwachen Magiers zu vereinen?
Eara keuchte. Nur sie selbst hörte diese Worte! Den anderen mochte es ähnlich ergehen, sowohl ihre Freunde als auch die falschen Helden und Piraten der Schwarzen Kogge krümmten sich mit schmerzverzerrten Gesichtern, ganz wie Eara selbst, und schienen unfähig, auch nur einen Muskel zu rühren. Doch diese Worte waren direkt an sie gerichtet. Sie alle hörten etwas anderes. Sie alle hörten genau das, was sie hören mussten. Und das hieß – es gab auch etwas, was sie nicht hören durfte. Plötzlich durchbrach ein dünner Schein von Hoffnung ihre Verzweiflung. Es musste einen Weg geben, das alles noch aufzuhalten. Oder zumindest war es das, woran sie glauben musste. Eara wünschte sich die nüchterne Ruhe aus dem Weg des Eises zurück. Sie brauchte ihren klaren Verstand, jetzt mehr denn je!
„Nein! Ich Bin Mächtiger Als Jeder Gott! Mir Gehorcht Die Ordnung Der Welt!“
Ein Kranz aus weißem Licht umwob die Dunkelheit, die Ken Dorr inzwischen fast umschlossen hatte. Erst wurde es fahl und blau, dann grün, dann rot – alles ohne jeden Effekt.
Was nützt die Vernichtung gegen eine Existenz außerhalb der Zeit? Was nützt der Anbeginn gegen das sich stets Wandelnde? Was nützt die Ewigkeit gegen eine Dunkelheit, die älter ist als das Licht? Was nützt alle Macht über die Ordnung der Welt gegen die Umkehrung jeder Ordnung?
Hätte sie noch ihre vollständige kalte, berechnende Ruhe gehabt, vielleicht hätte Eara früher daran gedacht. Vielleicht hätte sie noch alles zum Guten wenden können. Vielleicht hätte sie dann aber auch nur andere Worte gehört, und das Ergebnis hätte sich nicht geändert. In jedem Fall verstrichen kostbare Herzschläge, bis Eara aus Zufall den Kopf senkte und ihr Blick an einer kleinen, silbernen Truhe zu ihren Füßen hängen blieb. Eine Truhe aus Arkanum, gefüllt mit der Essenz aller drei Mächte. Sie mag euch einst gegen den Dunklen Magier helfen. Doch öffnet sie nur, wenn die Lage aussichtslos scheint.
Eara rutschte auf ihrem Sitz umher und versuchte, sie mit dem Fuß anzustoßen, doch sie war zu weit weg. Die Ketten zogen sich enger um sie und gruben sich in ihre zerstörte Schulter. Eara hatte rufen wollen, doch jetzt konnte sie nur noch schreien. Für einen kurzen, entscheidenden Moment, raubten ihre Gefühle ihr die Kontrolle. Und dann war Ken Dorr endgültig von Dunkelheit eingeschlossen. Schwärze legte sich über ihn, überzog seine Haut und schob sich an ihm hoch. „Nein! Meine Neue Welt…“, brüllte Ken Dorr, dann bedeckte die Finsternis ihn vollständig. Dichte Schwärze raubte seiner Gestalt jedes Licht und jede Form. Nur seine kalten grauen Augen waren noch frei, und das weiße Licht aus den Pupillen glühte noch für einen Moment durch die Halle. Eara sah pures Grauen in diesem Blick.
„Die Truhe! Kenvilars Truhe!“, schrie Eara. Doch noch bevor sie das letzte Wort geschrien hatte, erlosch auch dieses letzte Licht. Nur noch eine Gestalt aus sich langsam zersetzenden Schatten stand an der Stelle, die eben noch Ken Dorr eingenommen hatte. Langsam streckte sie die Hände aus, und davor erschienen in der Luft drei leuchtende Kugeln, eine blau, eine grün und eine rot. Hilflos musste Eara mitansehen, wie die Gestalt jede der drei Kugeln antippte und ihr Licht erlosch.
Endlich! Das Ende der Ordnung! Der ewige Zwist ist beendet! Und die Freiheit kann beginnen!
Mit diesen Worten löste die Gestalt sich endgültig in Nichts auf. Wo sie gestanden hatte klaffte etwas wie eine unnatürliche, ausgefranste Leere. Die grässliche Stille verschwand. Die tiefe Schwärze wich einem gewöhnlichen Zwielicht. Von Ken Dorr, dem Dieb, dem Höchsten Propheten, dem Friedensbringer, war nichts geblieben als Leere und drei erloschene Herzen.
Eara schloss die Augen. Es war vorbei. Sie hatten verloren. Sie nahm fast nichts mehr wahr bis auf das Blut, das zusammen mit ihrem Leben warm aus ihrer Schulter rann.
Wie aus weiter Ferne spürte sie ein mächtiges Beben, das die Halle erschütterte, und mit ihr die ganze Welt.


Und an der tiefsten Stelle von Hadrias Unterwelt zerbarst der von Rissen durchzogene Boden. Eine farblose Schwärze erhob sich, die nicht dunkel war, sondern bunt schillerte in allen Farben von jenseits der Welt. Sie wirbelte auf, stieg empor und bildete Muster und Formen, die zu denken unmöglich war und die sogleich wieder zerstoben. Eine ohrenbetäubende Stille begleitete sie, die keine Stille war, sondern eine unmögliche Kakophonie aller Töne, die es nicht geben konnte. CHAOS wirbelte umher, breitete sich aus, zersetzte die Umgebung und verleibte sie sich ein, bis es war, als hätte sie niemals existiert. Rasend schnell breitete CHAOS sich aus, jagte wie Rauch durch die engen Gänge der Unterwelt. Dann quoll es durch Horun, den letzten verbliebenen Eingang zur hadrischen Unterwelt, und im nächsten Moment gab es keine Unterwelt mehr. CHAOS breitete sich über das verschneite Land aus und verschlang es. Nichts blieb zurück als wahre Freiheit.
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Zwischenspiel XX - Qurun

Beitragvon TroII » 28. November 2021, 19:32

Zwischenspiel XX – Qurun

Abenddämmerung, 31. Wintertag 77 A.Z.
Eisgebirge, Hadria

Laut brandeten die Wellen des Hadrischen Meeres gegen die einsame Küste. Der Wind heulte zwischen den verschneiten Gipfeln und trug vereinzelte Schneeflocken und den Geruch von Winter mit sich. Auf einem niedrigen Gipfel stand ein Mädchen in brauner Robe und sah über das Land. Ihr blondes Haar flatterte im Wind, und ihre goldenen Augen blickten nach Süden. Eine Dunkelheit voller Farben breitete sich aus, legte sich über den Schnee und riss ihn aus dem Geflecht der Wirklichkeit, streckte sich zum Himmel hinauf und löste alle Richtungen auf.
Das Mädchen warf einen schnellen Blick nach Westen, zu den dunklen Mauern Yras. Hoch oben wankte der Eiserne Turm, silbernes Feuer umhüllte ihn und rang mit dem Metall.
Wenn Feuer und Turm miteinander ringen,
das Ende aller naht, denn Qurun wird sie bezwingen.
“, flüsterte das Mädchen. In ihrem Gesicht lag ein trauriger Ernst. Langsam drehte sie sich um und sah auf die Wellen hinaus, die rhythmisch an den vereisten Fels klatschten. Reglos stand sie im eisigen Wind. Eine einzelne Schneeflocke trudelte an ihr vorbei. Blitzschnell fing das Mädchen sie auf und betrachtete sie, während sie schmolz. Es war nur ein einziger Schneekristall, dessen sechs Zacken weiß glitzerten und langsam zerflossen. Ein Schatten legte sich über sie, als selbst das letzte Tageslicht verschluckt wurde. Eine grausame Stille verschlang die Geräusche von Wind und Wellen. Doch das Mädchen blickte nicht zurück. Stumm bewegten sich ihre Lippen: „Wie ein Stern, der vom Himmel gefallen ist.“ Und für einen kurzen Augenblick, bevor die schillernde Dunkelheit sie verschlang, lächelte sie. Es war ein Lächeln, rein und frei von allen Sorgen.
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