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Geschichten aus Andor oder vom Rest der Welt

Die Feinde

Beitragvon Wachsamer Waldläufer » 18. Mai 2020, 19:26

Kapitel 6 - Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Verbindungen

Leander setzte sich. Suchend blickte er sich um, damit er auch wirklich ganz sicher war, dass ihn niemand beobachtete. Also, natürlich benutzte er nicht seine Augen. Welche Augen?
Leander dachte über seine Reise nach. Er verabscheute seine "Gefährten",und wenn sie noch so starke Krieger mit nochso noblen Zielen waren. Sicher, er brauchte diese Helden,um nach Krahd zu kommen, aber dort würde er sie hintergehen. Sobald Borghorn gefallen war, würde Leander die Helden zerschlagen. Einzig und allein das Wissen der Krahder interessierte ihn, doch für seinen Bruder würde er auch die Helden zerschlagen. Töten. Wie konnte sich Leander sicher sein, dass die Helden seine wahren Absichten nicht längst bemerkt hatten, ohne etwas zu sagen? Er konnte nicht in die Köpfe anderer Menschen sehen, selbst als Seher nicht. Eigentlich schade. Ohne seine Gabe konnte er nicht sehen; aber mit seiner Gabe auch nicht alles. Gabe… Jein. Es war ja eine Entscheidung gewesen. Sicher, es war eine schwere gewesen, nicht zuletzt wegen… Nein. Leander durfte nicht an ihn denken. Es war der bei weitem schrecklichste Verrat gewesen, den Leander je begangen hatte. Er hatte sich zwischen Uhain, seinem besten Freund und Seelenbruder, und Callem, seinem… eigentlich nur Bruder entscheiden müssen. Ob Leander die richtige Wahl getroffen hatte, indem er Uhain auslieferte?

Irada betrat mit gezücktem Schwert kampfbereit die Hütte. Jemand war hier gewesen. Kmein Bewahrer, sondern… "Hallo." Irada erschrak. Ein Jugendlicher, an die 14 Jahre, war neben ihr aufgetaucht. "Jupp. Ich war von den Büchern hier auch überrascht." Irada blickte ihn fassungslos an. "Wo sind deine Eltern?" "Weiß nich. Mir wurde gesagt, dass meine Eltern recht verzweifelte Tulgori waren, die mich einfach hier in Andor gelassen hatten." Irada sah den Jungen noch einmal an. Er trug ein grünes, grobes Leinenhemd und hatte eine dunkelbraune, bequeme Hose an. Darüber trug er eine leichte Lederrüstung, die das Symbol der Werftheimer Seekrieger zeigte. "Ehrenmitglied. Ich hab mal einem Nerax auf einem Handelsschiff über Bord geholfen. Angeblich mehr, als die meisten Seekrieger in ihrer Laufbahn geschafft haben. Deswegen war ich auch nicht in meiner Hütte hier… Ich wollte Silberhall mit eigenen Augen sehen." "Das ist dein Hütte?" "Jah. Wachsamer Waldläufer, steht doch draußen auf dem Schild…" "Wir dachten, das bedeutete Wachsamer Wald. Wie heißt du?" "Meine Eltern gaben mir wohl den Namen Aoto… ob ich auch wirklich so heiße, ist ein Rätsel. Darf ich mich jetzt Wächter des schwarzen Archivs nennen?" Irada schmunzelte. "Na gut. Dann bist du eben der Wächter des schwarzen Archivs." Der Junge grinste. Er lief zur Tür hinaus. "Ich lass dich mal mit den Schriften allein..."
Irada war frustriert. Sie hatte tatsächlich keine näheren Hinweise auf dieses Wesen gefunden, die bei der Bekämpfung helfen würden. Dieses Wesen war offenbar eines jener Trinität gewesen, die man der Einfachheit halber "Die Schwestern" nannte. Sie waren keinesfalls verwandt, doch begannen die Aufzeichnungen mit drei hadrischen Kindern. Ihre Namen waren nicht genannt, nur ihre Herkunft. Die nächste Erwähnung ihres Namens war in einer Rolle über göttliche Wesen, die Asedi genannt wurden, wo diese drei Entitäten der Gruppe der "Aschebringer" oder Kn'Dsai zugeordnet wurden. Offenbar waren sie fast unsterblich und böse, sie hatten den gesamten Norden terrorisiert. Schließlich wurden sie mit Orweyn in den Eisernen Turm gesperrt, hieß es hier. Mehr konnte Irada nicht finden, doch dann fand sie noch heraus, dass eine der Schwestern Zauberin, eine Schwertkämpferin und eine Bogenschützin gewesen war. Karge Ausbeute.
Der Junge kam nach einiger Zeit zurück, und wurde zu dem Verbleib der Helden ausgefragt. "Nun, Arbon und Jarid kannst du in der Rietburg finden. Wo Jarid ist, kann auch Trieest nicht weit sein, und Fenn sollte auch hier in Andor sein. Vielleicht ist er auch den Tross nachgezogen? Kheela ist wohl in ihrer Hütte." "Hütte?" "Ja, Flussabwärts. Ich bin manchmal zu Besuch, weißt du." "Flussabwärts?" "Immer dem Ufer lang, ein unübersehbares Gebilde aus Holz und Nägeln." "Danke, Waldläufer!" "Gerne doch."
So ging Irada den Fluss entlang.

Nareb und Askalda gingen in Richtung Ställe. Narebs Pferd war das einzige, dass an diesem Mittag hier war. (In Krisenzeiten hat die Taverne durchaus schon in der Früh geöffnet, vor allem kann man das doch mit den frühmorgendlichen Besuchern hier beweisen, und eine Krise haben wir auch) Der Mann, der die beiden angesprochen hatte, Uhain, saß auf einer der Trennwände. Er sah ein bisschen gelangweilt aus, vielleicht auch betrübt oder gar traurig, seine Gefühle waren verschwommen, als würde man sie durch einen dichten Nebelvorhang nur erahnen können. "Ihr seid hier." "Jah… wir wollten uns so eine interessante Spur nicht entgehen lassen.", antwortete Askalda. "Na dann." "Dann was?" "Dann sage ich euch, was ich zu sagen habe. Ich... bin ein... Magier? und..." "Magier? Dunkler Magier oder mehr Wassermagier?" "Nebelmagier, am ehesten. Jedenfalls... kenne ich, denke ich, diese Wesen." "Wesen?" "Die sich hier in Andor herumtreiben!" "Meinst du..." "Jah, das, dass euch da angegriffen hat."
"Woher weißt du von dem?" "Naja... Ich spürte es." Askalda und Nareb sahen sich mit vielsagenden Blicken an. "He, wollt ihr jetzt meine Hilfe oder nicht?" Einigkeit für eine Zustimmung. Warum auch nicht.

Vor vielen Jahren gab es in einem geheimen Tal ein geheimes Dorf in dem ein geheimnisvolles Volk lebte. Die Spitzen der umliegenden Berge waren weiß angemalt, mit Strichen von eisiger Farbe. Das Tal war von grünem Gras und vereinzelten Bäumen bedeckt. Zwischen den immergrünen Bäumen und Gräsern standen kleine Hütten, ganz anders als jene, die man hier finden kann. Warum auch immer sie anders waren, das kann ich nicht genau beschreiben, immerhin kenne ich diesen Ort nur aus Mythen. In diesem Dorf lebten die Götter, welche ihr auch immer meint, Mutter Natur, Die Drei Mächte, Siantari, der Urtroll oder wer sonst noch. Doch nicht nur die Götter des Gedeihens und der See waren in diesen Bergen, es lebten dort auch "Die Anderen" Die Anderen Götter waren zerstörerisch, jähzornig, wenn nicht sogar boshaft. Sie dachten, das sie die besseren, klügeren, stärkeren wären, und demütigten oder ärgerten die anderen auf eine furchtbar herablassende Art. Ja, das klingt gar nicht so schlimm, aber hört zu! Diese Anderen hatten einen Anführer, ein böses, grauenhaftes, wenn nicht sogar ekelerregendes Wesen, eine Mischung aus Drache und Mensch, ein Unwesen, der Herr der Kn' Dsai. Kn' Dsai, die Feurigen, manchmal übersetzt mit Feuermacher, waren jene, die die Treusten der Anderen Götter waren. Die Treusten zu Kn'dsani, dem Drachengott. Die restlichen Wesen waren drei Völker: Die Edarth, welche dem Leben, der Erde und der Natur treu waren, die Nocturi, welche das Licht, die Finsternis und das Zwielicht verehrten, und zulezt die Margeij, welche nur drei Wesen großer Macht über den Sturm und das Meer waren." "Uhain?" "Ja?" "Diese Geschichte...", Askalda hielt inne, "kenne ich vermutlich." "Na dann... Unumstritten war eine, die Herrin der Edarth. Sie, Ent, Mutter Natur, oder bei uns besser als Westra bekannt, konfrontierte
Kn'dsani als erste: "Woher nimmst du dir das Recht, zu herrschen? Wie kommst du zu der Ehre, die du innehältst? Was berechtigt dich dazu, uns zu demütigen und versklaven?
", Uhain stoppte. Stattdessen sprach die Seekriegerin weiter:

"Ich bin der Herr des Feuers, der Glut, was denkst du, wer du bist, so mit mir zu reden?" "Mein Name ist Ent, ich bin die Herrin der Pflanzen, Natur, was denkst du, wer du bist, dich über mich zu stellen?"
Die Kn' Dsai wurden aus jenem Tal verbannt, doch weilen dort im Verborgenen immer noch die Rachsüchtigsten, jene, die über ihren Verlust nicht hinwegkamen.


"Und wie hilft uns das jetzt?" "Eine gute Frage," gab Uhain zurück, "die sich leicht beantworten lässt. Wenn man dieser Geschichte glaubt, gibt es auf dieser Welt Wesen, die der Schöpfung nach dem Leben trachten, und jene Wesen senden ihre tödlichsten Krieger aus. Nur wenige kämpften gegen diese Kräfte, und die Nocturi sind übergelaufen. Der Schwarze Herold, jener ungreifbare, tödliche Feind Andors ist ein Nocturi, oder aber eher ein Diener der Nocturi. Ihr Herold." Askalda wandte sich jetzt auch Nareb zu. "Es ist gut, den Feind zu kennen, weißt du?" "Jaja. Also gehen wir zur Burg?" "Hatte ich vor. Uhain, willst du uns begleiten?" "Ja. Ich muss sowieso nach Norden."

Eiskalt wirbelte der Schnee um Leander. Er war zu lange vom Lager weggeblieben, langsam wurde der Sturm immer heftiger. Leander gefielen die Berge überhaupt nicht, er hasste den Schnee und die Eiseskälte, und er hasste es, keine Luft zu bekommen, weil hier oben so wenig war. Im Vergleich zu den Helden war er im Vorteil; er hatte während eines Schneesturms keine schlechtere Sicht. Trotzdem beunruhigte ihn all dieser Nebel. Als wäre er immer noch unter Kontrolle von zaubern, verfolgte ihn der Nebel schon seit einigen Tagen. Kalt, nass, glitschig, Leander kam kaum voran. Er musste produktiv sein, sonst fälle er vielleicht auf... Nein, die Helden würden es nicht bemerken. Warum auch immer diese düsteren Zweifel in Leanders Kopf herumlungerten, es war unglaublich nervenaufreibend. Plötzlich, und Leander erschrak fürchterlich, ja, unglaublich, spürte Leander etwas. Nicht sehen, nein, dazu war es zu weit weg. Aber diese Magie war ihm zu vertraut als dass er deren Auftreten nicht bemerken würde. Ein Falke. Verzaubert, ein Nebelfalke. Leanders Gedanken spielten verrückt. Ja, ein regelrechter Wahn ergriff ihn, und eine Zeit lang setzte alles aus. Eine Zeit später war es vorbei. Vor ihm lag ein Brief im Schnee. Und das Siegel...

Uhain stapfte durch den Schnee. Nichts und niemand (vor allem keine zehn Pferde) hätten ihn auf diesen Wagen gebracht. Der Nebel folgte ihm, jetzt nur als Wolken, aber er war da. Das zeigte ihm der Nebel, immer wieder und wieder. Als ob er Uhain daran erinnern müsste, wer er war und wo er stand. Nein, Uhain unterwarf sich nicht. Ganz sicher nicht. Er musste nach Norden, und irgendwie Kontakt mit Kenvilar aufnehmen. Die Helden dachten, sie hätten die Mächte des Meeres besiegt, doch da lagen sie falsch. Kenvilar hatte überlebt. Also, Kaeara, so hatte Uhain ihren Namen in Erinnerung. Oder der Nebel? Oder jemand anderes? Uhain war so verwirrt. Deswegen brauchte er Kenvilar. Böse soll sie sein, mächtig, hinterhältig, wie ihr Titel schon sagt, "die Tückische" Askalda und Nareb unterhielten sich gedämpft, so, dass sie glaubten, Uhain könne nicht zuhören. Tja, Uhain wollte nicht zuhören, und ob ihm die beiden vertrauten, war ganz ihre Sache. Er hatte doch eh nicht vor, hier zu bleiben, er musste nach Norden. Am besten nach Hadria. Eine Karte soll es geben, in Werftheim, mit derer Hilfe man leicht nach Hadria findet. Doch es gab etwas sehr viel interessanteres in Werftheim. Uhain spürte es, durch den Nebel, durch die Magie, die in ihm lag, doch er spürte sie. Zwei Gegenstände von großem Wert. Die Rietburg wirkte aus der Nähe viel größer. Zerstörte Türme waren da, das Torhaus war eingefallen, eine Mauer war durchbrochen, und der Thronsaal war vom Antlitz der Erde getilgt worden. mehr sah man nicht, aber die Verwüstungen mussten schreklich sein. So viel Leid... Tod... Schmerz, Trauer... Nein. Uhain musste sich zusammenreißen. Er konnte sich nicht erlauben, sentimental zu werden, immerhin drohte Andor immer noch eine Gefahr, obgleich von viel weniger einschätzbarem Maße, als es die Attacke der Krahder gewesen war. Keiner der drei wusste, wie gefährlich es tatsächlich werden würde... Uhain bewunderte die Sonne, das wenige, dass er davon sah, und das Licht des Himmelskörpers erschien ihm wie ein Anstoß, eine Ermahnung, weiterzumachen, nicht aufzugeben, keine Pause zu machen, die Sonne war einfach unglaublich und wunderschön. Natürlich. Ja, der Nebel. Er wehrte sich wie nie zuvor, schrecklich, bösartig, verärgert, entrüstet, ja, entrüstet passt wohl am Besten. Die Sonne entrüstete den Nebel wortwörtlich - Sie hielt ihn davon ab, hier zu sein, sich auszubreiten, umherzutasten, zu fühlen, zu forschen, der Nebel war eingeengt, er fühlte sich wie in einem Käfig, einem Käfig aus Licht, Sonne und Hoffnung, die die Düsterheit, Verborgenheit und Verschlagenheit des Nebels unterdrückte und fesselte. Kein Wesen forderte mehr Energie von Nebel als Sonne. Uhain zuckte zusammen. Das war der Nebel gewesen. Er sollte nicht so angestrengt an ihn denken, das würde dem Nebel nur eine Pforte zur Kontrolle geben. Nein, niemals.

Askalda sah das Tor an. Verkohlt hingen Überreste in den Angeln, doch dahinter hatten die Rietländer schon eine beinahe genauso massive Pforte gebaut. Nareb hatte ihr erzählt, dass hier einst das Torhaus emporragte, mit seinem Strohbedeckten Dach. Askalda sah die Verwüstung, und sie war entsetzt. Wie konnte man so etwas nur tun? Wie kalt musste man im Herzen sein? Wie sehr musste einen der Hass treiben? Immerhin war es ja keine Verzweiflungstat gewesen, die Rietburg war dochs chon längst gefallen, noch bevor die Krahder alles demoliert hatten! Tapfere Andori hielten die Stellung, frierten, hungerten, arbeiteten, verzweifelten, doch sie gaben nicht auf. Alle wussten, dass der Frühling kommen würde, und der Sommer, und alle Wunden würden heilen. Doch die Andori wussten nicht von der Gefahr, die ihnen drohte, und Nareb wusste auch nichts. Uhain wusste mehr, als er zugab, und Askalda selbst wusste von dem hadrischen Mythos, der nur wenigen Ausgewählten der Zauberer des Turms bekannt war, sowie Askaldas Familie. Denn jene waren wohl stärker mit den Zaubererorden verbunden, als ihr es glauben würdet.
Ein grauer Schemen trat aus dem Schatten, mit gezückter Armbrust. Ja, im Wachsamen Wald kannte man sie als Arcuballista, aber der Rest der Welt nannte es Armbrust. "Arbon?", fragte Nareb zögerlich. Die Gestalt trat ins Sonnenlicht, und sah die drei an. "Warum seid ihr hier?", fragte er krächzend. Erst jetzt fiel Askalda auf, wie dünn der ehemalige Bewahrer war, und wie krank er klang. Keine Hexe, die ihn heilen konnte, niemand, der ihm essen bringen könnte, solange jemand anderer weniger hatte. "Ich bringe Fische... Und wir muss was besprechen." "Kommt mit." Arbon trat durch das Tor ins Innere der Burg. In der Schmiede brannte ein Feuer, und Gespräche waren daraus zu hören. Askalda sprang vom Wagen ab und folgte Arbon, während Nareb zu den Verliesen fuhr, die in Vorratskammern umfunktioniert worden waren. Arbon ging an der Schmiede vorbei, in Richtung abgebrannter Thronsaal, und öffnete eine Falltüre im Boden. Unten saßen Jarid und Trieest, beide sahen zu Arbon auf. Sie waren genauso ausgehungert und erkältet wie Arbon, und Askalda war schockiert. Die Helden von Andor hatten für sie immer etwas Erhabenes, Stolzes gehabt, doch die drei hier versammelt zu sehen, ausgemergelt, geschwächt, hungernd, fröstelnd, all das machte Askalda in dem Moment klar das nicht das Erhabene, das Stolze, oder sonst irgendetwas diese drei Menschen von ihr unterschied. Sie alle litten, und sie freuten, und auch jetzt hatten sie dieselben Sorgen wie alle anderen. Askalda dachte sich, das Nareb mit seinen Gedanken, ob nicht auch er ein Held von Andor sei, gar nicht so falsch lag, denn inwiefern war er anders? Er hatte gegen Gors gekämpft, und er verteidigte Andor wohl hegen eine viel größere Gefahr, gegen die nicht mal die drei Helden hier ankamen. Der Hunger, den Nareb mit ein paar Fischen stillen konnte, ja. "Was ist?", fragte Jarid, deren Haar strähnig in ihr Gesicht fiel, und welche bei Weitem am Schlimmsten aussah. "Ihr braucht Hilfe.", sagte Uhain, und seine Stimme klang warm, einhüllend und Schützend wie der Nebel, und Askalda war klar, dass er eins mit dem Nebel war. In dem Raum war kein sichtbarer Nebel aufgezogen, doch jeder spürte die Präsenz, das Wasser in der Luft, man roch es, hörte die kaum wahrnehmbare Dämpfung, und schmeckte den Tau auf den Lippen. Und Uhain strahlte, nicht hell, er leuchtete nicht, sondern er versprühte das Gefühl des Nebels und saugte die Qualen und Schmerzen, die im Raum lagen, in sich auf. Askalda sah sich um, und sie bemerkte, das Jarid, an Trieest gelehnt, eingeschlafen war, ebenso wie der Feuerkrieger, und Arbon, den Ubain auf ein Strohlager legte. "Was hast du getan?" "Ich helfe, wo ich kann. Und sie brauchen Ruhe. Ein paar Tage hätten sie es noch so ausgehalten, doch keine Chance danach. Leider kann ich nichts gegen den Hunger oder die Krankheit machen." "Vielleicht finden wir jemanden. Bleib du hier, ich schau in die Schmiede." Askalda kletterte die hölzerne Leiter wieder empor, und stapfte durch den Schnee in Richtung Schmiede. Drinnen saßen etliche Menschen, dicht gedrängt um einen großen Suppentopf. Askalda räusperte sich, ziemlich laut. Alle Gespräche verstummten. "Hallo. Ich bin, wie manche vielleicht bemerkt haben, eine Seekriegerin aus dem Norden. Euren... Helden geht es nicht gut. Kennt sich jemand mit Heilen aus? Oder weiß jemand, wo ich Heilkraut finden kann?" Ein Mann stand auf. "Ich weiß was. Komm mit." "Aber Ered..." "Giselda, ich komme wieder. Anid kann dir helfen." Ered ging vor Askalda in Richtung Verlies, wo gerade Nareb herausstapfte. Er sah Askalda fragend an. Sie nickte in Richtung Schmiede, und Nareb ging, mit einigen Fischen beladen, dorthin. Askalda folgte Ered in das Vetlies, in dem Regale standen, die aus zertrümmerten Holzbrettern zusammengebaut worden waren,und auf denen wenige Dinge standen. Weiter hinten waren eingelegte Fische und Brot oder Wild zu finden, doch Ered hielt vor einem kleinem Säckchen, in dem Adkalda Kräuter rieseln hörte. "Rekas Kräutertee. Ich hoffe, er hilft."

Leander benutzte sein Auge, um zu Sehen. Das klingt doof, doch er macht das nur selten, und gemeint ist natürlich das dritte Auge. Der Inhalt des Briefes überraschte ihn, denn er hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit Verzweiflung. Womöglich war es besser, dass Uhain sein Gedächtnis verloren hatte, für ihn und für Leander. Als des Sehers Finger nochmal über das Papier strichen, bemerkte er jedoch, dass die Senkungen und Erhebungen der Tibte nicht mit dem gelesenen übereinstimmten. Was...

Du warst es. Leugne es nicht, Sehender, du hast meinen Asedi an deinen Bruder ausgeliefert obwohl du wusstest, es zu verhindern. Deine Schuld ist Groß, und ich werde dich leiden lassen, wenn du Uhain noch etwas antust. Du weißt, das du etwas gutzumachen hast. Dein Bruder hat dir nie geholfen oder dich unterstützt, und alles, was er dir gebracht hat, ist leid. Er hat dir einen Freund und dein Augenlicht genommen, und du dankst Uhain für alles, indem du diesem wildfremden, den du deinen Bruder nennst, einen schlechten Wunsch erfüllst? Dein Bruder ist tot. Er ist ertrunken, nachdem er sich einen Tag zuvor aus dem Meer gerettet hat. Wie? Er war angesoffen, sturzbetrunken, und kentert mit einem Ruderboot auf offener See. Dein Vorhaben ist grässlich, in Anbetracht der Tatsache, dass die Helden nur die Feinde deines Bruders sind. Überdenke alles. Der Nebel ist immer da.
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Die Feinde

Beitragvon Wachsamer Waldläufer » 18. Mai 2020, 19:27

Kapitel 7 - Verlust und Reue

Iradas Stiefel waren vollkommen durchnässt. Nein, wirklich. Warum gab es im Wachsamen Wald auch keine gebrauchbaren Schneestiefel! So würde sie noch echt krank werden. Doch sie musste noch vor dem nächsten Schnee zu Kheela finden. Sonst hätte sie keine Chance mehr. Endlich! In der Ferne sah die Bewahrerin eine kleine Hütte stehen. Eine Gestalt stand daneben, wie aus Eis, und blickte Irada an. Vara... Sie sah noch melancholischer aus, als die Bewahrerin sie zuletzt gesehen hatte. In der Hütte brannte Licht. Irada klopfte, laut und deutlich, dreimal hintereinander. „Herein“ krächzte jemand von drinnen. Irada trat ein, und sah... Kheela. Bloß... Nicht... Ähhh...
Ihre Augen waren eingesunken, ihre Haare strähnig und grau, sie hatte zerschlissenes Gewand an und sah aus, als ob sie Wochen nichts gegessen hätte. "Du bist nicht Aoto.", keuchte die Hüterin. "Nein." "Was willst du?", sprach sie, leicht aggressiv. "Wir brauchen deine Hilfe." Kheela lachte. "Ich hätte auch Hilfe gebraucht. Wer hat mir geholfen? Niemand." "Was ist passiert?" Kheela fiel der Teller aus der Hand und sie verkrampfte sich. In einem kontrolliert bösartigen Tonfall redete sie weiter: "Was ist passiert, fragst du? Ehrlich? " "Ja?" "VERSCHWINDE!", brüllte die Hüterin. "UND NIMM DEN VERDAMMTEN WASSERGEIST GLEICH MIT!" Irada versuchte, etwas zu sagen, doch sie schlug fehl. Sie sah Vara bemitleidend an. Dann wandte sie sich ins Waldesinnere. Der Wassergeist folgte. Irada sah ihn zweifelnd an. Trotzdem ging die Bewahrerin weiter, in der Hoffnung, vor Sonnenuntergang zur Hütte an der Stegbrücke zu finden. Dort sollte gerade Sedwyn Wache halten. Irada war glücklich, ihn bald wieder zu sehen. Vielleicht hätte sie doch nicht einfach so abhauen sollen? Er hat sich garantiert Sorgen gemacht.

Nareb trat in das Haus. Die Fische, die auf seiner Schulter lagen, klatschten umher, und der Fischer nahm sie in die Hände. Schnell waren sie in Papier eingewickelt und in ein Regal geräumt. Das Regal war offenbar einmal Platz für Schmiedeutensilien gewesen, aber jetzt lagen dort Decken, Brote, Fische und Schüsseln. In der Schmiede saßen dicht gedrängt etliche Andori, nicht nur Einwohner der Rietburg, sondern auch Überlebende der umliegenden Dörfer, vor allem Kinder und Frauen. Mindestens zwei Frauen waren schwanger, eine sicher im siebenten Monat, die andere vermutlich im 4. In der Mitte brannte ein Feuer, dort, wo zuvor die Schmiedeesse gewesen war. Darauf stand ein großer Topf, in dem Geflügelsuppe kochte, und allerlei Gemüse oder Apfelnüsse. Nareb setzte sich ganz nach vorne, neben einen dicklichen, älteren Mann und ein kleines Mädchen. Das Mädchen sah ihn aufmerksam an, wandte sich ab und spielte mit einem Kind in ihrem Alter, und der Mann sprach ihn an. „Bis‘ n‘ Fischa?“ „Ja.“ „Hassn‘ Hunna?“ „Schon.“ „Minna! Hoi n‘ Schüssl!“
Eine junge Frau nahm eine Schüssel, füllte sie mit Suppe, und gab sie Nareb. Er bedankte sich mit einem Kopfnicken, und sie lächelte zurück. Ihr Gesicht war schön, und doch sah man ihr den Hunger an. Ihre Haare waren schlampig zusammengesteckt, und ihr Kleid starrte vor Dreck. Nareb wandte sich seiner Schüssel zu, und löffelte gedankenverloren in sich hinein. Ein paar Männer und Frauen unterhielten sich über die weiteren Pläne, wie sie zu Nahrung kommen konnten, und ob das Wasser des Brunnens ausreichen würde. Gerade trat Asklada in die Hütte, mit Uhain und Ered im Schlepptau. Sie setzte sich neben Nareb, und Uhain tat es ihr gleich. „Sie werden es schaffen.“ „Hab ich nicht bezweifelt.“ „Gut.“ Schweigen. „Ich werde zu meinem Haus zurückgehen.“ Uhain nickte, Askalda starrte ins Feuer. Sie seufzte, und fing an zu sprechen: „Ich denke, wir brauchen dich.
Hast du schon die Gestalt vergessen?“ Wieder Schweigen. „Du hast recht. Die Helden sind zu schwach, um zu helfen, und ihr beiden werdet es alleine wohl kaum schaffen. Laut Irada gibt es sogar mehrere, und wer weiß, ob die anderen auch einfach nur Schwertkämpfer sind.“ Leicht missbilligend sah Askalda ihn an, vor allem nach den Worten „ihr beiden werdet das wohl kaum schaffen“. Sollte sie ruhig missbilligend schauen. Schließlich stand sie auf und ging durch die Tür hinaus.
Uhain sah der Seekriegerin nach. Der Fischer und sie waren vollkommen ahnungslos, welche Gefahr die Schwestern darstellen könnten. Vermutlich hätten selbst die Helden, erfahrene Kämpfer und Strategen, ein Problem mit den Geistern. Einen jahrhundertalten Drachen zu besiegen war die eine Sache – drei jahrhundertalte, göttliche Wesen, die nicht den Fehler begehen würden, sich im offenen Kampf einer Gruppe von legendären Helden zu stellen. Welch Glück, dass Uhain kein Held war. Er wusste nicht viel über die Schwestern, nur das sie gefährlicher sein könnten als der Drache, vor allem jetzt, wenn sie einen Ort angreifen würden, der nicht die Rietburg ist. Und das schlimmste war: Uhain wusste, dass, wenn die Schwestern hier waren, auch die anderen Kn’dsai hier. Nicht Kn’dsani, sondern die Kn’dsai, Aschebringer. Es war keineswegs unwahrscheinlich, dass sie, nachdem sie in den Nordlanden vor so langer Zeit versagt hatten, nun Andor angreifen würden. Sie erwarteten vermutlich keinen Widerstand außer den Helden, die sie ja mit Krankheit geschlagen hatten. Uhain wusste mehr als die anderen, und bemerkte mehr als sie. Was wie eine normale Krankheit aussah, war wohl ein recht simpler Zauber. Magiekrankheit. Wenn man den Fluss der Magie durch ein Lebewesen störte, konnten zwei Sachen passieren: Entweder verwandelte sich dieses Wesen in eine Schattenbestie, oder, wenn das Lebewesen natürliche Immunität oder starke Willenskraft hatte, kam es zu Magiekrankheit, die einfach wie eine recht schwere Grippe aussah, die mit normalen Mitteln nicht zu heilen war. Uhain erhob sich. Er hatte bemerkt, dass während seinen Gedanken an die Schwestern mehr Nebelschwaden an seinem Mantel aufgetaucht waren. Er öffnete die Tür und trat hinaus. „Das geht nicht, Nareb.“ „Einen Versuch ist es wert.“ „Wir wissen nicht mal, wie es aussieht!“ „Was?“, warf Uhain ein. „Er ist wahnsinnig. Er will Heilkraut suchen gehen!“ „Wahnsinnig? Du bist verrückt! Du hast doch bereits aufgegeben!“ Die beiden schrien sich die Seele aus dem Leib. „HEY!“, donnerte Uhains Stimme, tief und doch laut. Als würde Echo die Klänge reflektieren, klang seine Stimme übermächtig und wichtig. Beide sahen ihn an. „Erstens. Keiner verlässt die Burg, um Heilkräuter zu suchen, Runensteine noch sonst etwas. Wir warten mit ausnahmslos jeder Handlung, bis Irada zurück ist. Und zweitens, was ist in euch gefahren? Denkt ihr wirklich, dass ihr so den Helden oder sonst irgendjemanden, sei es euch selbst, helfen könnt? Reißt euch zusammen. Und wenn ihr genug habt, geht. Niemand kann euch das nachttragen. Immerhin kann niemand das hier einschätzen und keiner von uns hat sich dazu angemeldet. Aber hört mit der Zwietracht auf.“

Leander kehrte zum Lager der Helden zurück. Seine Stimmung war miserabel. Er hatte keine Ahnung, was er nun tun sollte. Das Einzige, was er noch garantiert wusste, war, dass der Nebel nicht log. Leanders Bruder musste garantiert tot sein. Warum war Leander noch einmal hier? Er hatte selbst keine Ahnung. Drukil war keineswegs so wild, wie Callem oder er selbst angenommen hatten. Natürlich, der Bär war wild, aber Drukil hatte ihn weitestgehend unter Kontrolle. Leander war unentschlossen. Sollte er seine Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich lassen? Sollte er Callems Vermächtnis trotz seines Todes ausführen? Würde er das Andenken seines Bruders entehren, wenn er es nicht tat? Hatte Callem verdient, auf solche Art zu sterben? Vermutlich hatte das nicht mal er. Leander hörte ein Schnarchen. Thorn. Der schnarchte so laut wie ein Elchbulle grölte. Leander konnte auch hören, wenn auch durch das Schneegestöber und die Bewegungen des Urtrolles gedämpft, wie Chada ihm über den Kopf strich. Leise setzte er sich auf einen der Baumstämme um das Lagerfeuer. „Wie werden wir weiters vorgehen?“, flüsterte er.

Irada erreichte den südlichen Wachposten. Tatsächlich, dort brannte Licht. Der Wassergeist war ihr nicht von der Seite gewichen. Wie ein düsterer Schutzengel verfolgte sie die bleiche Gestalt. Die Steine des Weges reflektierten das wenige Mondlicht, dass in dieser Nacht auf den Wald fiel. Die Wellen des Flusses waren ein magischer Anblick, wie sie im Licht glänzten und auch gleichzeitig schwarz wie Tinte waren. Irada klopfte. Die Maserung des Holzes war überaus geradlinig, und der Klang des Klopfens laut und hell. Ein Vogel flatterte von einem benachbarten Ast auf. Jemand öffnete. Jedoch nicht Sedwyn. Eine bleiche Gestalt mit grauem Mantel, Bogen in der Hand. Der Pfeil schien vollständig aus Metall zu bestehen. Die schwarzen Höhlen, die die Schwester anstatt Augen hatte, durchbohrten die Bewahrerin. Mit einem Satz sprang sie zurück und zog die Windklinge aus der Scheide, in einer flüssigen Bewegung. Man konnte ihr die Konzentration und den Kampfeswillen ansehen. Der Wassergeist schwebte auf die Schwester zu. Kein Laut erklang, als das Wasser langsam mit dem ascheartigen Gewand der Schwester verschmolz. Nach und nach löste sich die Schützin in Partikel aus Asche auf, welche sich in dem zuvor reinem Wasser Varas verteilten. Der Geist hustete. Schwankend taumelte das zuvor anmutige Wesen auf den Fluss zu. Dann war Vara weg – und mit ihr die Schwester. Irada stürmte in die Hütte. Dort sah sie Sedwyn, schlafend auf der Bank. Die Bewahrerin konnte nur lächeln.
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Beitragvon Wachsamer Waldläufer » 18. Mai 2020, 19:27

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